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Entwicklung der deutsch-tschechischen interkulturellen Wahrnehmungsbilder nach der Wende 1990

Eine kritische Diskursanalyse anhand von deutschen und tschechischen Zeitungsberichten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 24 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Zum Begriff „Diskurs“
2.2 Diskursbereiche und ihre Forschung
2.3 Die Kritische Diskursanalyse
2.4 Korpuslinguistik

3. Kulturgeschichtliche Gemeinsamkeiten und Differenzen

4. Entwicklung des gegenseitigen Wahrnehmungsbildes nach der Wende bis 2012
4.1 Spezifikation des methodischen Vorgehens und der Materialbasis (Korpusbasierte Analyse)
4.2 Statistische Untersuchung und Auswertung von thematischen Korpora (FAZ und Lidové noviny 1995-2012)
4.3 Qualitative Diskursanalyse anhand ausgewählter Texte (FAZ, SZ, Lidové noviny, MF Dnes in den Jahren 1993-2012)

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das wechselseitige Verhältnis beider Länder – der heutigen Tschechischen Republik und des nach der Wende wiedervereinigten Deutschlands – ist durch die verflochtene Geschichte vielseitig beeinflusst. Auf dieser Grundlage entstanden nicht nur greifbare kulturelle Gemeinsamkeiten, sondern auch viele Wahrnehmungsstereotypen, welche dann durch die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges vielfach verstärkt aufgetreten sind. Die Nachkriegsgeschichte unter dem Eisernen Vorhang konnte durch die mangelnde Kommunikationsmöglichkeit und ein teilweise bis vollkommen verzerrtes gegenseitiges Realitätsbild keine Korrektur der Wahrnehmung bringen.

Im ersten Teil der Seminararbeit werden theoretische Grundlagen und der methodologische Ansatz – v. a. die kritische Diskursanalyse – erörtert.

Der zweite Teil fasst dann einen Rückblick auf die interkulturelle Beeinflussung im geschichtlichen Rahmen zusammen und beinhaltet auch einen Versuch das gegenseitige Bild in der Zeit des Kalten Krieges anhand der damals erschienenen literarischen Werke kurz zu erfassen.

Im dritten Hauptteil wird die neueste Entwicklung – im Zeitrahmen von 1990 bis 2012 – untersucht. Es wird die Hypothese untersucht, ob die Grenzöffnung und der vermehrte gegenseitige Kontakt zum Abbau der Stereotypen und Normalisierung der jeweiligen Wahrnehmung im Sinne der Kommunikation mit einem objektiv wahrgenommenen Partner beigetragen haben.

Als Methode wird die kritische Diskursanalyse angewendet, als Datenkorpora wurden Zeitungsartikel führender tschechischer und deutscher Tageszeitungen aus den Jahren 1990 bis 2012, recherchiert nach einheitlichen thematischen Kriterien, ausgewählt. Durch die kritische Diskursanalyse werden interdiskursive Beziehungen und Zusammenhänge untersucht. Dabei kommt ebenfalls die historische Diskursanalyse als eine die wahrgenommene und etablierte Wirklichkeit entziffernde Methode zur Anwendung.

Als Textkorpora wurden – wie oben bereits erwähnt – Artikel aus führenden Tageszeitungen der beiden Länder angewendet und zwar einerseits als eine Übersicht, um eine eventuelle Entwicklung an den sich mit der Zeit ändernden Themen zu demonstrieren und andererseits dann als konkrete Beispiele der gegenseitigen Wahrnehmung. Es ist unabdingbar anzumerken, dass es sich überwiegend um veröffentlichte offizielle Stellungsnahmen handelt und nicht immer um den Meinungstenor, der in den breiten Schichten der Gesellschaft unterschwellig vorkommt. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass auch der von mir untersuchte „Medientenor“ eine plausible Aussagekraft in sich trägt, weil auch die offizielle Meinung quasi eine Abbildung der Wähler- (sprich Leser-) Stellungnahme und ein Repertoire der kollektiven kulturellen Stereotypen („Topoi“) spiegelt (vgl. Jäger 2010: 20).

Als Textkorpora wurden Artikel folgender Tageszeitungen aus beiden Ländern benutzt:

Frankfurter Allgemeine Zeitung 1995–2012 (Online-Archiv)

Süddeutsche Zeitung 1992–2012 (Online-Archiv

Lidové noviny 1995–2012 (Online-Archiv)

1992–1994 (Staatsbibliothek Pilsen)

Mladá fronta DNES 1997–2012 (Online-Archiv)

Die Artikel der beiden Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Mladá fronta DNES wurden als Grundlage für einen thematischen Überblick genommen, Artikel der Süddeutschen Zeitung und Lidové noviny dann stichpunktweise für die selben Jahre (von 1993 bis 2012) untersucht.

Es wurden folgende Themenbereiche untersucht – Artikel aus deutschen Zeitungen, die alle mit der Tschechischen Republik zusammenhängen Begriffe enthalten – wie z. B. Tschechische Republik, Tschechien, Tschechei, Tscheche usw. und dann in Kombinationen mit den im Verlauf der Zeit am häufigsten vorkommenden anderen Themen – wie z. B. gleich nach der Wende die Beneš-Dekrete beziehungsweise – später dann – die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen. Es wird die Häufigkeit der Themen untersucht und dadurch der eventuelle Wandel in der Kollektivwahr­nehmung nachgewiesen.

Umgekehrt werden dann einer solchen Datenüberprüfung Artikel aus den oben genannten tschechischen Zeitungen unterzogen, die als Thema Deutschland, Deutsch usw. in Verbindung mit verschiedenen Themen aufweisen.

Die genaue Aufteilung und die untersuchten Themenbezeichnungen befinden sich im vierten Teil „Entwicklung des gegenseitigen Wahrnehmungsbildes nach der Wende bis 2012“. Somit wurde die Beschränkung des Textkorpus bestimmt und die Verortung des Diskursstrangs definiert.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Zum Begriff „Diskurs“

Ursprünglich findet man den Begriff „Diskurs“ im Sinne von Vortrag oder Dialog. Seit den 60. Jahren des letzten Jahrhunderts erscheint er als konstituierendes Element von unterschiedlichen Diskurstheorien, auf die im nächsten Teil näher eingegangen wird.

Der Begriff „Diskurs“ erscheint in seiner „neuen“ Bedeutung beim Sozialphilosophen Jürgen Habermas und zwar in seiner Arbeit „Diskursethik“, in der Habermas die Theorie des kommunikativen Handelns postuliert. Er geht davon aus, dass jeder bei seinen Äußerungen sich nach vier Prinzipien („Geltungsansprüchen“) richtet: es wird Wahrheit gesagt, der Sprecher ist aufrichtig und hält sich an allgemeingültige Normen und er drückt sich verständlich aus. Dieser Grundsatz stellt ein normatives Idealmodell dar, auf dem dann die Diskursforschung aufbaut und mit dessen Hilfe eventuelle Abweichungen gemessen werden (vgl. Wodak, 2009).

Der Begriff „Diskurs“ wurde aber vor allem durch die Theorien des Strukturalismus und Poststrukturalismus beeinflusst. Diese wiederum bauten auf der Sprachtheorie von Ferdinand de Saussure und dem von ihm entworfenen Begriff der Sprache – la langue. Die „langue“ kann man als ein System von Zeichen bezeichnen, das sich aus dem konkreten Sprachgebrauch der Menschen ergibt (vgl. Keller 2011: 15). So trägt es auch einen soziologischen Wert im Sinne vom Kollektivbewusstsein nach Durkheim, spiegelt demzufolge bestimmte Regelmäßigkeiten und Beziehungen und in diesem Sinne lässt sich die geschriebene oder gesprochene Sprache nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ untersuchen.

Die heutige Verwendung und Bedeutung des Begriffs „Diskurs“ wurde am stärksten durch den Philosophen Michel Foucault beeinflusst. Gleichzeitig aber hat Michel Foucault auch den Diskurs verschiedenartig erklärt: im weitesten Sinne ist es für ihn ein „allgemeines Gebiet aller Aussagen“ (Foucault 1981: 116), d.h. also in anderen Worten, dass alles, was gesagt oder geschrieben wird und irgendeine Bedeutung trägt, unter Umständen für einen Diskurs benutzt werden kann. An dieser Stelle sollte allerdings erwähnt werden, dass Foucault selber kein Verfahren zur Diskursanalyse bereitgestellt hat und den so verstandenen Begriff hat er auch nur im theoretischen Bereich angewendet. Er hat aber auch andere, enger gefasste Definitionen entwickelt, die sich dann nicht mehr auf den Begriff „Diskurs“ selbst beziehen, sondern auch mehrere Diskurse berücksichtigen, so wie „eine bestimmte Gruppe von Aussagen“ oder dann sogar „eine regulierte Praxis, die eine bestimmte Zahl von Aussagen betrifft“. Die erste dieser zwei Definitionen kann für einen bestimmten Diskurs angewendet werden, wie zum Beispiel eben die gegenseitigen deutsch/tschechischen Wahrnehmungsbilder. Die zweite der beiden Definitionen wäre nach Mills eher für Theoretiker geeignet, da – ihrer Meinung nach – er sich hier „vielmehr für die Regeln und Strukturen, die Äußerungen und Texte produzieren“ als „für Äußerungen und Texte“ interessiert (Mills 2007: 7).

Diesen Ansatz Michel Foucaults entwickelte auf dem Gebiet der Kultur- und Sozialwissenschaften der Literaturwissenschaftler Jürgen Link an der Universität Dortmund weiter und beschäftigte sich dabei vor allem mit solchen – heutzutage genauso wie zur Zeit seiner Veröffentlichungen höchst aktuellen Themen – wie der Kollektivsymbolik oder der Normalität und in diesem Zusammenhang dem normalisierenden Diskurseinfluss auf die globalisierte Gesellschaft. Er definierte den Diskurs folgendermaßen:

„eine institutionell verfestigte redeweise, insofern eine solche redeweise schon handeln bestimmt und verfestigt und also auch schon macht ausübt und verfestigt“ (Link 1986: 71)

Die Machtausübung und die Entstehung der Normalität spielen in vielen medienkritischen Artikeln von Jürgen Link eine große Rolle. Obwohl das sehr interessante Thema von Entstehung der Normalität (d.h. ob etwas oder jemand als „normal“ oder „nicht normal“ gilt, nicht im Fokus dieser Arbeit steht, soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass der Diskurs der Normalität, die bisher noch nicht zufriedenstellend definiert wurde, zu einem der häufigsten in der modernen Gesellschaft gehört.

Bereits aus diesem kurzen Überblick wird ersichtlich, wie beträchtlich die Bedeutungsspanne des Begriffes „Diskurs“ ist. Ebenso heterogen sind ebenfalls die vielen Forschungsansätze, die sich von diesen versuchten Begriffsabgrenzungen ableiten.

2.2 Diskursbereiche und ihre Forschung

Allgemein aufgeführt kann eine Diskursanalyse jeglichen Teil unserer Kommunikation betreffen, der – auch nach der o. a. Definition – zu einer Handlung bewegt.

Hinsichtlich der Systematik werden die Ansätze nach wissenschaftlichen Disziplinen, bzw. ihrer Perspektive unterteilt. Von diesem Standpunkt gesehen, gibt es eine Diskursanalyse z. B. aus der psychologischer Perspektive, die verschiedene Bereiche der Kommunikation aus psychologischer Sicht erforschen kann, genauso aber können die selben Sprechakte aus der soziologischen oder linguistischen Sicht einer Diskursanalyse unterzogen werden.

Des Weiteren können die Diskursuntersuchungen nach ihren Themen bzw. dem Gegenstand der Analyse unterschieden werden: es gibt geschlechtsspezifische Diskursanalysen, Analyse der Diskurse über Ausländerpolitik, Homosexualität, Kultur usw.

Der dritte Zweig der Systematik führt dann in den methodologischen Bereich, in dem grundsätzlich zwei Vorgehensweisen unterschieden werden: es ist erstens die quantitative Untersuchungsmethode, die meistens mit repräsentativen Daten der Zufallsstichprobe arbeitet. Diese Daten werden mathematisch und statistisch auswertet und die messbaren Ergebnisse werden mit Variablen oder anderen Daten verglichen, bzw. es wird eine vorher postulierte Hypothese überprüft. Dabei ist wichtig, dass die Voraussetzungen für die Datenerhebung standardisiert werden, damit es zu keinen Abweichungen auf Grund von Ausgangsbedingungen kommt.

Im Gegensatz dazu arbeitet die qualitative Diskursanalyse (z. B. bei umfangreichen Textmengen, nichtstandardisierten Daten o. ä.), deren Ergebnisse dann interpretiert werden müssen, eher mit solchen Methoden wie Beobachtung oder flexible Befragung und zeichnet sich so durch eine gewisse Subjektivität aus.

Im Bereich der Diskursanalyse können der ersten methodologischen Vorgehens­weise z. B. die Korpuslinguistik oder die geschichtswissenschaftliche Diskursforschung zugeordnet werden während als qualitative Untersuchung die Kritische Diskursanalyse bezeichnet werden kann. (vgl. Keller 2011: 64)

2.3 Die Kritische Diskursanalyse

Wie einige andere diskursanalytische Forschungsansätze setzt sich auch die Kritische Diskursanalyse zum Ziel soziale Gegebenheiten durch wissenschaftliche Methoden zu untersuchen. Sie bedient sich dabei im Wesentlichen linguistischer Instrumente als Grundlage der Untersuchungen.

Die Kritische Diskursanalyse, die von Siegfried Jäger am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entwickelt wurde, orientiert sich vor allem nach den Ansätzen von Michel Foucault und den Literaturwissenschaftler Jürgen Link, die weiter entwickelt werden. Im Zentralbereich dieser Untersuchungen stehen des Öfteren Beziehungen zwischen einzelnen Diskurssträngen. Weil sie sich auch auf die Funktionsweisen gesellschaftlicher Kollektivsymboliken konzentrieren (vgl. Keller, 2011: 32), ist dieser Ansatz für die vorliegende Arbeit von größter Bedeutung.

2.4 Korpuslinguistik

Ebenfalls die bereits unter quantitativen Methoden erwähnte Korpuslinguistik kommt in dieser Arbeit zum Einsatz, weil erstens Archivbestände der Verlage umfangreiche Textkorpora mit Zeitungsartikeln aus dem untersuchten Zeitraum enthalten und zweitens die statistische Aufbereitung der Daten zur Bestätigung des Ergebnisses der qualitativen Inhaltsanalyse dienen kann.

Bei korpuslinguistischen Untersuchungen können solche Datenmengen entweder thematisch oder lexikalisch analysiert und geordnet werden. Um die dem Thema dieser Arbeit entsprechenden Ergebnisse zu bekommen und so eine Diskursgrundlage einer Analyse zu bilden, wurde der nach Thema dieser Arbeit zeitlich vordefinierte Gesamtbestand der Archive nach verschiedenen, für die Untersuchung der Hypothese der Entwicklung von gegenseitigen Wahrnehmungsbildern wichtigen Begriffen durchsucht. Dabei wurde die Quantifizierung und statistische Anwendung als Methode angewandt.

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Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668477247
ISBN (Buch)
9783668477254
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370346
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,2
Schlagworte
deutsch-tschechische Beziehungen Diskursanalyse Korpusforschung Medienforschung Wende 1990

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Titel: Entwicklung der deutsch-tschechischen interkulturellen Wahrnehmungsbilder nach der Wende 1990