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Arabischer Antisemitismus und NGOs im Nahostkonflikt

Wie reagieren NGOs mit israelisch-palästinensischen Projekten auf arabischen Antisemitismus?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund des arabischen Antisemitismus
2.1 Arabischer Antisemitismus – eine Begriffsannäherung
2.2 Arabischer Antisemitismus – ein historischer Überblick
2.3 Arabischer Antisemitismus – seine Säulen
2.3.1 Einflüsse des Islams bzw. Islamismus’ auf arabischen Antisemitismus
2.3.2 Einflüsse von Verschwörungstheorien auf arabischen Antisemitismus

3. Analyse ausgewählter NGOs
3.1 Peres Center for Peace
3.1.1 Kurzvorstellung der NGO
3.1.2 Reaktion auf den arabischen Antisemitismus
3.2 Hope Flowers Foundation
3.2.1. Kurzvorstellung der NGO
3.2.2. Reaktion auf den arabischen Antisemitismus

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

“After decades of bemoaning Arab rejectionism, Israel now finds itself branded the rejectionist party itself – by the Arabs.” (Danin 2016: 35)

“Israel ist nicht der Schlüssel zur Erklärung aller Nahostprobleme, es ist nur der Prügelknabe oder gar der Sündenbock für alle arabischen Versäumnisse.“ (Tibi 2007: 188)

Die Zitate verdeutlichen die angespannte Situation im Nahen Osten, der nach wie vor als eine der problematischsten Krisenregionen weltweit gilt. Seit Jahrzehnten unterliegen der Staat Israel, die Palästinensergebiete und die Anrainerstaaten Auseinandersetzungen, die nicht selten im Einsatz von Waffengewalt und Militär gipfeln.

Doch welche Partei ist im Recht und warum bricht immer wieder eine der beiden Seiten Friedensverhandlungen ab?

„Mit dem im September 1993 eingeleiteten Oslo-Friedensprozess ist ein Hoffnungsschimmer für die Beendigung des palästinensisch-israelischen Konfliktes entstanden. Seit der zweiten Intifada ab September 2000 spricht man vom ‚fernen Frieden’ im Nahen Osten und vom internationalen Terrorismus.“ (ebd.: 201)

Die Ursachen sind vielfältig und Schuldfragen nicht zu beantworten, im Gegenteil erscheint die Problematik schwerwiegender und Lösungsansätze unterschiedlicher, je tiefer man in die Forschungsliteratur eindringt und sich mit dem Konflikt beschäftigt.

Selbst zur grundsätzlichen Lösbarkeit der Auseinandersetzung gibt es gespaltene Meinungen, unstrittig ist jedoch, dass arabischer Antisemitismus ein Faktor ist, der zum Streit der ansässigen Völker und Stocken der Friedensprozesse über Jahrzehnte hinweg beitrug und noch immer stark beeinflusst (vgl. Danin 2016: 35).

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit jener Problematik des arabischen Antisemitismus auseinander. Dabei ist es selbstverständlich, dass die Hauptursachen des Konflikts keinesfalls nur auf einer Seite zu suchen sind, obwohl die Schwerpunktwahl dies auf den ersten Blick nahelegen könnte. Zu verschieden und komplex sind die Gruppen und Interessen, die in der Region aufeinandertreffen, um vorschnell Schlüsse zu ziehen. Diese Arbeit soll keine einseitige Schuldzuweisung sein, sondern lediglich einen Bereich im Nahostkonflikt näher beleuchten und für das Problem des arabischen Antisemitismus sensibilisieren.

Seitdem Alexander Wendt mit dem „Sozialkonstruktivistischen Ansatz“ die Tür weit aufstieß, um Einblicke in die tiefer liegenden Strukturen der Internationalen Beziehungen miteinzubeziehen, indem er die Bedeutung von Interessen und Identitäten einzelner Akteure für die Internationalen Beziehungen darlegt (vgl. Wendt 1995: 71 f.), bietet es sich an auch in diesem Konflikt an eine der Wurzeln der Auseinandersetzung im Nahen Osten vorzudringen und arabischen Antisemitismus zu untersuchen.

Die Herausforderung das Themengebiet einzugrenzen und zu strukturieren ist unübersehbar, sodass es Indikatoren zur Einschätzung der Bedeutung von arabischem Antisemitismus in der Auseinandersetzung bedarf.

Zur sozialkonstruktivistischen Arbeitsweise gehört es, besonders nicht-staatliche Akteure zu analysieren, weshalb in dieser Arbeit also die Bedeutung von arabischem Antisemitismus für israelisch-palästinensische Nicht-Regierungsorganisationen[1], die mit Projekten im Nahostkonflikt den Frieden und die Verständigung zwischen den beiden Gruppen der Israelis und Palästinenser zu fördern versuchen, betrachtet wird. Der Einfluss von NGOs ist größer denn je und spielt in der Analyse der Internationalen Beziehungen nicht nur im Sozialkonstruktivismus eine Rolle. Im Gegenteil „besteht weitgehender Konsens, dass transnationale Akteure [NGOs, INGOs und andere zivilgesellschaftliche Organisationen] heute weltpolitisch bedeutsame Entscheidungen und Ergebnisse beeinflussen“ (Rittberger et al. 2010: 238 f.). Das ist auch im Nahen Osten nicht anders.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, in einem theoretischen Teil arabischen Antisemitismus in seinen Grundzügen zu charakterisieren, und auszumachen, auf welchen Säulen er fußt. Dazu gehört ein grober historischer Abriss[2], um die Entwicklung des arabischen Antisemitismus zu verdeutlichen und aufzuzeigen, welchen Einfluss dieser auf den Nahostkonflikt hat. Der Rahmen dieser Ausarbeitung lässt dabei eine allzu detaillierte Erforschung nicht zu, was aber für den nachfolgenden Teil weder nötig noch nützlich ist. Es geht darum einen überblicksartigen Eindruck zu erhalten und Kennzeichen von Antisemitismus unter Arabern herauszuarbeiten, welche die Grundlage für den zweiten Teil der Arbeit bilden. Anschließend werden an in diesem zwei israelisch-palästinensische NGOs untersucht, die friedensfördernde Projekte durchführen und versuchen die Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis zu verbessern. Dabei wird es interessant sein zu sehen, ob die NGOs arabischen Antisemitismus berücksichtigen und explizit darauf eingehen oder nicht. Das gilt besonders, wenn im theoretischen Teil tief verwurzeltes antisemitisches Denken bei der arabischen Bevölkerung ausgemacht werden kann, weil der Abbau von Antisemitismus für die Kooperation von Palästinensern und Israelis dann zu relevant ist, um dieses Problem seitens der NGOs unberücksichtigt zu lassen. Dazu werden in erster Linie die NGO-Internetauftritte und nach Möglichkeit auch Satzungen oder Ähnliches hinzugezogen. Gegebenenfalls erfolgt abschließend ein Abgleich der Ergebnisse mit aktueller wissenschaftlicher Fachliteratur zu diesen NGOs.

Aus diesen Gegebenheiten ergibt sich für die Hausarbeit die Fragestellung,inwieweit NGOs in Initiativen und Programmen arabischen Antisemitismus wahrnehmen und wie sie damit umgehen.

So vereint diese Hausarbeit aktuelle Forschungsbereiche mit bedeutsamen Akteuren und liefert so einen wichtigen Beitrag sowohl zur Erkenntnis der Vielfältigkeit von Analyseebenen der Internationalen Beziehungen als auch konkret zum Verständnis des Nahostkonflikts. Dabei geht es nicht nur um die Anwendung einer Theorie beispielsweise auf einen Staat, da durch die eigenständige Analyse vielmehr versucht wird der Tiefenstruktur der Internationalen Beziehungen gerecht zu werden. Bei aller wissenschaftlichen Arbeit bleibt jedoch:

“Empirical research and careful analysis alone will of course not be able to resolve the conflicts and to clear the charged atmosphere, but they will at least help to put the discussion on a sounder footing.” (Krämer 2006: 275)

2. Theoretischer Hintergrund des arabischen Antisemitismus

2.1 Arabischer Antisemitismus – eine Begriffsannäherung

Antisemitismus im allgemeinen Sinn ist der geläufige Ausdruck für Judenfeindschaft (vgl. Botsch 2014: 10). Dieser weit gefasste Begriff von Antisemitismus beinhaltet „sämtliche Formen von Hass, Vorurteilen und Ressentiments gegen Juden, egal in welchen historischen Kontexten sie auftreten. In diesem Sinne wird Antisemitismus auch in der öffentlichen Debatte wahrgenommen.“ (ebd.)

Für die Bundeszentrale für politische Bildung wird folgende Begriffsbestimmung der amerikanischen Historikerin Helen Fein als Arbeitsdefinition vorgeschlagen:

„Antisemitismus ist ein dauerhafter latenter Komplex feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als einem Kollektiv. Diese Überzeugungen äußern sich beim Einzelnen als Vorurteil, in der Kultur […], in Form von individuellen oder kollektiven Handlungen – soziale oder gesetzliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen Juden, und als kollektive oder staatliche Gewalt –, die darauf zielen, sich von Juden als Juden zu distanzieren, sie zu vertreiben oder zu vernichten.“ (Bergmann 2006)

Auch wenn sich eine einheitliche, allgemein anerkannte Definition von Antisemitismus in der Forschungsliteratur nicht finden lässt, zeigt sich anhand dieser beiden Definitionen bereits, dass Antisemitismus eine unbegründete, irrationale Haltung gegenüber Juden ist, die in Ablehnung, Diskriminierung, Gewalt und massenhafter Ermordung gipfelt. Antisemitismus hat bekanntermaßen eine Jahrhunderte alte Geschichte, die sich nicht bis ins letzte Detail zu den in die Antike reichenden Wurzeln zurückverfolgen lässt, aber vor allem in der neueren Geschichte unübersehbare Auswüchse annahm.

Antisemitismus ist zwar in der theoretischen Definition, nicht aber in seiner konkreten Äußerung von Antijudaismus oder Antizionismus unterscheidbar. Antijudaismus bezeichnet die negative Haltung bis hin zu in ihren Auswüchsen verschieden gearteter Feindschaft gegenüber der jüdischen Religion[3] und Antizionismus die Ablehnung der Idee eines unabhängigen Staates Israel im Gebiet Palästina. Oftmals erscheint im Kern hinter diesen beiden Phänomenen jedoch auch Antisemitismus zu stehen, sodass die Grenzen verschwimmen und beispielsweise antisemitische Äußerungen unter dem Deckmantel antizionistischer Aussagen getätigt werden[4], und nicht nur rein antiisraelisch sind. Ob es sich um sachliche Kritik an der Staatsgründung bzw. dem Vorgehen seitens israelischer Regierung im Bezug auf die Unabhängigkeit Israels oder um antisemitisches Gedankengut handelt, bleibt bei einer Prüfung der im Einzelfall getätigten Aussage festzustellen.

Wenn von Antisemitismus die Rede ist, ist es notwendig den Begriff weiter einzugrenzen. Im Bezug auf den Nahostkonflikt ist dafür weniger europäischer oder historischer Antisemitismus von Bedeutung, sondern hauptsächlich arabischer Antisemitismus. Anstelle von arabischem Antisemitismus, findet man auch die Bezeichnungen „muslimischer“, „islamischer“, „arabisch-islamischer“, „islamistischer“ oder seltener auch „khomeinistischer“ Antisemitismus in der Forschungsliteratur (Faber 2007: 173), die allesamt Ähnliches implizieren. In dieser Arbeit wird der Begriff des arabischen Antisemitismus verwendet, da die Vorkommnisse im Nahen Osten unter Arabern zwar Zusammenhänge mit dem Islam aufweisen (Näheres dazu s. 2.3.1), jedoch nicht allein darauf zurückzuführen sind.

Mit der erfolgten Annäherung auf der Bedeutungsebene von Antisemitismus und der sowohl regionalen als auch ideologischen Eingrenzung durch das Attribut „arabisch“, lässt sich nun im Folgenden weiterarbeiten.

2.2 Arabischer Antisemitismus – ein historischer Überblick

Es herrscht allgemein Uneinigkeit darüber, wo man bei der Entstehung von arabischem Antisemitismus ansetzen muss, abhängig vom Forschungsschwerpunkt. So versucht Flores zu beweisen, dass sich „die arabische Feindschaft gegen Israel […] ohne Zwang aus der Natur und aus dem Verlauf des Palästinakonflikts selbst erklären“ lässt (Flores 2002: 50). Flores geht dabei auf den Islam ein und bis zur Zeit des Propheten Muhammad (od. Mohammed) zurück (vgl. ebd.: 52). Allerdings ist es für die Ursachenforschung für Antisemitismus in der arabischen Welt von Nöten noch weiter in der Vergangenheit zu suchen als Flores es tut. Auch Tibi stellt die These auf, dass „weder Judenhass noch Antisemitismus irgendwelche Wurzeln in der islamischen Geschichte haben“ (Tibi 2007: 185). Doch in der Region Palästinas ansässige Menschen gibt es weitaus länger als den Islam, als jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Kontakte zwischen Juden, damals noch Hebräer genannt, und semitischen Einwohnern Palästinas[5] reichen weit mehr als ein Jahrtausend vor Christus zurück (vgl. Kolloqium 1969: 21). Diese Annahme deckt sich mit den Berichten des jüdischen Tanachs, des Korans und der Bibel.[6] Nichtsdestotrotz wäre eine genauere Auseinandersetzung sehr bedeutsam für das Verständnis der verschiedenen Kulturen und der Tiefe im Nahostkonflikt, da für Juden und Palästinenser ihre religiöse Herkunft von ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht trennbar ist. Semiten sehen sich als Nachkommen Abrahams und als diese gibt es seit jeher viele Konflikte[7], welche zwar nicht als Antisemitismus eingestuft werden können, Spannungen und gegenseitige Missgunst aber sehr wohl erklären und möglicherweise auch eine Wurzel Antisemitismus’ darstellen können.

Da die Juden seit dem ersten Jahrhundert nach Christus bis 1948 kein Heimatland bewohnten, waren sie unter anderen Völkern lediglich als Minderheit vertreten. Unter muslimischer Herrschaft im arabischen Raum erging es ihnen im Großen und Ganzen erheblich besser als im christlichen Europa. Laqueur schreibt dazu, dass „in bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten […] Juden sowohl materiell als kulturell“ prosperierten (Laqueur 2008: 213). Allerdings erfuhren Juden dabei keine „rechtliche Gleichberechtigung“ und „waren nicht mehr als Bürger zweiter Klasse“ (Carmon 2007: 210). Den Begriff „Bürger zweiter Klasse“ verwendet auch Laqueur (vgl. 2008: 214). Carmon schreibt weiter:

[...]


[1] In dieser Arbeit wird die für Nicht-Regierungsorganisationen (non-governmental organizations) übliche Abkürzung „NGO“ verwendet.

[2] Der historische Überblick konzentriert sich auf den arabischen Antisemitismus und soll dessen Entstehung und Entwicklung beleuchten, nicht jedoch die des Nahostkonflikts.

[3] Auf eine nähere Definition und Analyse von Antijudaismus wird im weiteren Verlauf verzichtet, da das für das Anliegen dieser Arbeit nicht zielführend ist.

[4] Im „Dossier Antisemitismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung argumentiert Pfahl-Traughber sogar, dass Antizionismus eine generelle Form Antisemitismus’ ist, da er einem Staat Israel jegliches Existenzrecht abspricht. (vgl. Pfahl-Traughber 20026: 20) Für ihn ist Antizionismus eine „spezifische Form der Judenfeindschaft“ (vgl. ebd.).

[5] in historischen Quellen noch als Land Kanaan bezeichnet, das gelobte Land der Juden.

[6] Leider kann an dieser Stelle der Nachweis anhand der glaubensbegründenden Schriften nicht erbracht werden, da es sich dabei eher um ein theologisches Problem handelt, welches den Rahmen dieser Arbeit sprengt.

[7] Beispielsweise findet man in Gen 21,9.10.14, dass Ismael, ein Sohn Abrahams mit seiner Mutter weggeschickt wird, da er auf der Entwöhnungsfeier Isaaks „spottet“. Ismael, der später mit Abraham die Kaaba im heutigen Heiligtum in Mekka baut (Sure 2:127), ist für den Islam so wichtig wie Isaak, der zweite Sohn Abrahams, für Juden und schon in frühester Jugend überliefert der Tanach diesen Konflikt.Ein weiteres Beispiel ist eine Ankündigung göttlichen Gerichts über Edom, ein Brudervolk Israels (Nachkommen Esaus, des Bruders Jakobs, der einer der drei Patriarchen im Judentum war), wegen Übergriffen auf Israel (vgl. Am 1,11). (Die zitierten Bibelbücher finden sich im Tanach.)So würden sich zahlreiche weitere Beispiele finden lassen, die belegen, wie tief verwurzelt der Konflikt ist.

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