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Türkisch-muslimische Migrantinnen in der alltags- und lebensweltorientierten Ergotherapie innerhalb der Psychiatrie

Mögliche Auswirkungen von Kontextfaktoren auf die Betätigungsidentität

Bachelorarbeit 2013 62 Seiten

Physiotherapie, Ergotherapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Türkisch-muslimische Migrantinnen in Deutschland
2.1. Der Migrationsprozess
2.2. Migration in Deutschland
2.3. Soziale Situation türkisch-muslimischer Migrantinnen
2.4. Zwischenfazit

3. Psychische Gesundheit türkisch-muslimischer Migrantinnen
3.1. Psychosoziale Belastungsfaktoren
3.2. Gesundheits- und Krankheitskonzept
3.3. Psychiatrische Gesundheitsversorgung
3.3.1. Stationäre und teilstationäre Psychiatrie
3.3.2. Psychiatrische Institutsambulanzen
3.4. Zwischenfazit

4. Türkisch-muslimische Migrantinnen in der alltags-und lebensweltorientierten Ergotherapie in der Psychiatrie
4.1. Auseinandersetzung Alltags- und Lebensweltorientierung
4.2. Alltags- und lebensweltorientierte Ergotherapie
4.3. Potentielle Besonderheiten in der alltags- und lebensweltorientieren Ergotherapie mit türkisch-muslimischen Klientinnen
4.4. Zwischenfazit

5. Betätigungsidentität und Kontextfaktoren türkisch-muslimischer Migrantinnen
5.1. Begriffsbestimmung Betätigungsidentität
5.2. Kontextfaktoren und ihr möglicher Einfluss auf die Betätigungsidentität
5.2.1. Kultureller Kontext
5.2.2. Sozialer Kontext
5.2.3. Persönlicher Kontext
5.2.4. Physikalischer Kontext
5.2.5. Zeitlicher Kontext
5.2.6. Virtueller Kontext
5.3. Potentielle Betätigungsidentität der türkisch-muslimischen Migrantinnen

6. Empfehlungen für die Behandlung türkisch-muslimischer Klientinnen in der alltags- und lebensweltorientierten Ergotherapie in der Psychiatrie

7. Fazit und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

Anhang A

Abstrakt

Türkisch-muslimische Migrantinnen in der alltags- und lebensweltorientierten Ergotherapie innerhalb der Psychiatrie: Möglicher Einfluss von Kontextfaktoren auf die Betätigungsidentität

In Folge der Arbeitsmigration leben viele Menschen mit türkischer Herkunft und mit muslimischem Glauben in Deutschland. Türkisch-muslimische Mig- rant/inn/en sind Problemen ausgesetzt, die zu einer psychischen Erkrankung füh- ren können. Insbesondere die Frauen sind von komplexen psychosozialen Be- lastungen betroffen. Die Migrations- und frauenspezifische psychische Gesund- heit ist eine Thematik, mit der sich auch Ergotherapeut/inn/en beschäftigen müs- sen, wegen des Anspruches einer adäquaten Behandlung der Betroffenen gerecht zu werden. Um eine alltags- und lebensweltorientierte ergotherapeutische Be- handlung zu ermöglichen, welche gleichsam einer modernen psychiatrischen Perspektive entspricht, ist es notwendig, Informationen darüber zu erhalten, wie sich die Frauen in ihrem Kontext betätigen und welche Betätigungswünsche da- raus resultieren. Die vorliegende Bachelor-Arbeit geht dabei der Fragestellung nach, inwiefern die Kontextfaktoren türkisch-muslimischer Migrantinnen deren Betätigungsidentität beeinflussen. Methodisch bedient sich die Arbeit einer Li- teratur- und Datenbankrecherche. Zunächst wird als Grundlage der Zusammen- hang zwischen Migration, weiblichem Geschlecht und psychischer Gesundheit türkisch-muslimischer Migrant/inn/en thematisiert. Im Anschluss hieran erfolgt eine intensivere Auseinandersetzung mit der alltags- und lebensweltorientierten Ergotherapie in der Psychiatrie. Der Fokus liegt hierbei auf der Betrachtung der Verbindung zwischen Betätigung, Identität und Kontext der türkisch-muslimi- schen Frauen. Es kann geschlussfolgert werden, dass insbesondere interne kul- turelle und persönliche, als auch externe soziale und physikalische Kontextfak- toren beeinflussen, in welche Betätigungen die Frauen in ihrem Alltag eingebun- den sind und wie sich daraus ihre Betätigungsidentität entwickelt.

Schlüsselwörter: Alltag, Betätigung, Betätigungsidentität, Egotherapie, Le- benswelt, Migration, türkisch-muslimische Migrantinnen, psychische Er- krankung

Datum: 12.03.2013

HAWK University of Applied Science and Art Hildesheim/Holzminden/Göttingen Faculty of Social Work and Health BSc Degree Course Occupational Therapy, Speech and Language Therapy & Physiotherapy

Abstract

Turkish Muslim immigrant women in everyday life and life-world orientated occupational therapy in psychiatry: Possible influence of contextual factors on the occupational identity

As a result of labor migration, many people with Turkish origin and Muslim faith live in Germany. Turkish Muslim immigrants are subjected to stresses that could lead to mental illness. Particularly the women are affected by complex psychosocial problems. Migration- and women-specific mental health is an issue which is also important for occupational therapists to be able to deal with, so that they can treat the Turkish Muslim women adequately. Occupational therapy, which is oriented to everyday life and life-world, corresponds to modern psychiatric thinking. If occupational therapists want to offer this approach to the Turkish Muslim immigrant women, they have to find out how the women occupy in their individual context and which occupational desires result from that. The bachelor thesis follows the question of how the occupational identity of Turkish Muslim immigrant women is influenced by contextual factors. Methodically the bachelor thesis is based on literature and database research. First of all, the connection between migration, female gender and mental health of the Turkish Muslim women is discussed. Then a research about everyday life and life-world oriented occupational therapy in psychiatry follows, with the focus on the link between occupation, identity and context of Turkish Muslim women. It can be concluded that the women´s engagement in everyday occupations and their per- ception as an occupational being is especially influenced by internal cultural and personal, as well as external social and physical context factors.

Keywords: everyday life, life-world, mental disorder, migration, occupa- tion, occupational identity occupational therapy, Turkish Muslim immi- grant women Datum: 12.03.2013

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die heutige Gesellschaft ist globalisiert und pluralistisch, sie ist geprägt von den verschiedensten kulturellen Einflüssen: Derzeit leben in Deutschland etwa 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund1 (Sieben, Straub, 2011, S. 44). Diese Vielfalt bietet Chancen und bereichert, aber bedeutet auch, dass sich die Gesellschaft auf die Herausforderungen, die damit ver- bunden sind, einlassen und sich damit auseinandersetzen muss. Interkultu- relle Aspekte und kultursensibles Handeln müssen demzufolge auch verstärkt in den Bereich der Gesundheitsversorgung integriert werden (Bermejo et. al., 2011, S. 209). Die Ergotherapie ist ein Teil dieser ganzheitlichen Gesund- heitsversorgung und beschäftigt sich aufgrund der gesellschaftlichen Ent- wicklungen zunehmend mit „migrationsspezifischen“ und kulturellen The- men. Allgemein wurde inzwischen eine nicht unbeachtliche Menge an Lite- ratur zum Thema Migration und Interkulturelle bzw. transkulturelle Kompe- tenzen veröffentlicht. In den Fokus des Interesses rückt zunehmend der Be- reich der psychischen Gesundheit von Migrant/inn/en, denn jene sind enor- men Belastungen ausgesetzt, die psychische Gesundheitsrisiken darstellen. Zu diesen gehören u.a. eine fragliche Zukunftsorientierung und Identitätskri- sen (ebd., S. 209 ff.). Auch für Ergotherapeut/inn/en, die im Arbeitsfeld der Psychiatrie tätig sind, ist es von Bedeutung inter- bzw. transkulturelle Kom- petenzen zu erwerben, um eine klientenzentrierte Arbeit zu ermöglichen und zu einer gleichberechtigten gesundheitlichen Versorgung und Partizipation von Migrant/inn/en in Deutschland beizutragen. Ein wesentlicher Bestandteil des ergotherapeutischen Selbstverständnisses ist hierbei die Bet ä tigung, Er- gotherapeut/inn/en betrachten sie „gleichzeitig als ein therapeutisches Me- dium und (Betätigungsfunktion) als das Ziel ihrer Interventionen“ (Miesen et. al., 2004, S. 158). Die Betätigungen, die ein Mensch ausführt, finden in ih- rem/seinem individuellen Lebenskontext statt und stehen in Beziehung zu der Identität der jeweiligen Person (Huot, Laliberte Rudman, 2010, S. 68). Da Klient/inn/en mit Migrationshintergrund möglicherweise einen anderen Kon- text aufweisen, als Klient/inn/en ohne Migrationshintergrund, soll sich in die- ser Arbeit der Frage gewidmet werden, ob und inwiefern sich die individuelle Lebenswelt mit ihren Kontextfaktoren (kulturell, persönlich, sozial, physika- lisch, zeitlich, virtuell) auf die Bet ä tigungsidentit ä t auswirkt. Nur mit dem

Wissen um diese Faktoren ist es möglich, eine klientenzentrierte und betätigungsorientierte Ergotherapie anzubieten und demzufolge dem ergotherapeutischen Selbstverständnis gerecht zu werden.

Es wird sich in der vorliegenden Arbeit auf türkischstämmige Migrantin- nen mit muslimischem Glauben bezogen, da dieser Kulturkreis den größten Migrationsanteil in der deutschen Bevölkerung ausmacht (Razum et al., 2008, S. 13). Darüber hinaus wurde sich für eine frauenspezifische Betrachtung des Themas entschieden, da Migrantinnen „hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes sowie der Gesundheitsversorgung eine doppelt benachteiligte Bevölkerungsgruppe“ darstellen (Eichler, 2008, S. 62).

Zur Einführung in die Thematik wird im zweiten Kapitel dieser Arbeit zu- nächst ein Überblick betreffend der Migration im Allgemeinen, außerdem der sozialen Situation der türkisch-muslimischen Migrantinnen im Besonderen, geschaffen. Im dritten Kapitel folgt eine Auseinandersetzung mit der psychi- schen Gesundheit von türkisch-muslimischen Migrantinnen. Hierzu werden psychosoziale Belastungsfaktoren aufgezeigt, die die psychische Gesundheit jener Frauen beeinflussen. Zusätzlich behandelt dieses Kapitel das Gesund- heits- und Krankheitskonzept türkisch-muslimischer Migrantinnen, sowie die Gestaltung der psychiatrischen Gesundheitsversorgung dieser Klientel in Deutschland. Das Folgekapitel 4 beschäftigt sich mit der am Alltag und an der Lebenswelt orientierten Ergotherapie, die eine bedeutende Rolle in der psychiatrischen Versorgung einnimmt. Dieses Kapitel soll zu der Frage hin- führen, inwiefern die Frauen durch ihren individuellen Kontext (kulturell, persönlich, physikalisch sozial, zeitlich, virtuell) in ihren Betätigungen beein- flusst sind und wie sich daraus ihr Selbstbild gestaltet. Den thematischen Schwerpunkt dieser Arbeit stellt schließlich das Kapitel 5 dar, in dem nun die Kontextfaktoren der türkisch-muslimischen Migrantinnen im Speziellen be- leuchtet und Rückschlüsse auf die Betätigungsidentität gezogen werden. Ab- schließend werden lose Empfehlungen für die alltags- und lebensweltorien- tierte ergotherapeutische Behandlung psychisch erkrankter türkisch-muslimi- scher Migrantinnen gegeben.

2 Türkisch-muslimische Migrantinnen in Deutschland

Der Migrationsanteil von Frauen steigt seit geraumer Zeit an, sodass sich eine „Feminisierung der Migration abzeichnet“ (Borde, David, 2007, S. 426). Diese Entwicklung erfordert Wissen über mögliche frauen- und migrations- spezifische Einflussfaktoren auf die Gesundheit, die Gesundheitsversorgung und infolgedessen auch auf die ergotherapeutische Behandlung. Es soll nun erläutert werden, was Migration in ihrem Prozess auf psychischer Ebene für einen Menschen bedeutet. Im weiteren Verlauf wird außerdem die Migration in Deutschland dargestellt, um dem Leser eine Übersicht zu verschaffen. Ab- schließend erfolgt eine Betrachtung der sozialen Situation der Migrantinnen, wobei der Schwerpunkt auf die türkisch-muslimischen Frauen gelegt wurde. Dieses Kapitel lässt erste Rückschlüsse auf die Lebenswelt der türkisch-mus- limischen Migrantinnen zu, die mit ihren spezifischen Kontextfaktoren im Kapitel 5 vertieft dargestellt wird.

2.1 Der Migrationsprozess

Das menschliche Bestreben nach Verbesserung der Lebenssituation exis- tiert schon seit jeher (Eckhard et. al., 1995, S. 31). Bei prekären Lebensbe- dingungen liegt es daher nahe den Lebensmittelpunkt räumlich zu verlegen, in der Hoffnung, dass an einem anderen Ort ein Leben unter besseren Bedin- gungen möglich wird. Findet die Wanderung2 über Ländergrenzen hinweg statt, spricht man von einer „internationalen Migration“ (Razum et. al., 2008, S. 9), findet sie innerhalb eines Landes statt, ist von einer „Binnenmigration“ die Rede (Sieben, Straub, 2011, S. 44). Die Migration verläuft in einem Pro- zess, dem zumeist, wenn nicht akut, beispielsweise durch Kriege oder Natur- katastrophen erzwungen, intensive Entscheidungsprozesse vorausgehen. Die Gründe in ein anderes Land zu immigrieren sind vielfältig, neben den eben genannten Faktoren können u.a. auch Arbeitslosigkeit oder Familienzusam- menführung Migrationsmotive darstellen (Kizilhan, 2011, S. 55).

Der Migrationsprozess wurde von Sluzki (2010, S. 109 ff.) in verschiedene psychologische Phasen eingeteilt3:

1.) Vorbereitungsphase

Die Vorbereitungsphase ist verbunden mit einem Interesse und einer Neugier gegenüber der zukünftigen Heimat. Es überwiegt die Vorfreude und Hoffnung auf ein Leben unter besseren Bedingungen. Neben diesem positiven Hoffnungsgefühl gibt es jedoch auch ein „Grundgefühl … [der] unvermeindliche[n] Angst vor dem Unbekannten.“ (Machleidt, Heinz, 2011, S. 37) In diesem Stadium wechselt die Stimmung zwischen freudiger Euphorie und Überforderungsgefühlen (Sluzki, 2010, S. 111).

2.) Migrationsakt

Der Migrationsakt variiert in seiner Art und in der Abfolge. Er geht einher mit Gefühlen des Schmerzes durch die Trennung von Freunden, Familienangehörigen und der Heimat (ebd., S. 113).

3.) Phase der Überkompensierung

Die Ankunft in dem Aufnahmeland ist geprägt von übermäßiger Freude und wird daher auch als „Honeymoon“ bezeichnet. Die „Neuankömmlinge“ sind „hungrig“ auf das Unbekannte und voller interessiertem Erkundungsund Tatendrang (Machleidt, Heinz, 2011, S. 37).

4.) Phase der Dekompensation

Die Dekompensation, auch als Phase der „kritischen Anpassung“, „Phase der kritischen Integration“ oder „kulturelle Adoleszenz“ bezeichnet (Mach- leidt, Heinz, 2011, S. 36 f.; Kizilhan, 2011, S. 57), ist geprägt durch innere Konflikte und der Neugewinnung einer Realität und kulturellen Identität. In dieser bewegten Phase sind die Migrant/inn/en einem hohen Risiko ausge- setzt, psychisch zu erkranken, da eine erhöhte Vulnerabilität besteht (Mach- leidt u. Heinz, 2011, S. 37 f.). Insbesondere wenn die Ankömmlinge bereits bei der Ankunft im neuen Land diskriminiert werden, gestaltet sich die In- tegration problematisch (ebd.).

5.) Phase der generationsübergreifenden Anpassungsprozesse

Nachfolgende Generationen der Einwanderer/innen, die im Aufnahmeland aufwachsen, stellen bestehende Traditionen, Werte, Normen und Haltungen ihrer Familien in Frage und beginnen diese unter Umständen zu modifizieren (ebd., S. 39). Aufgrund dessen können generationsübergreifende Konflikte auftreten, denen sich die Familien stellen müssen (ebd.).

In jeder dieser Phasen des Migrationsprozesses sind Konflikte möglich, die von den Betroffenen auch als normal gewertet werden können. Es ist aber ebenso möglich, dass diese psychischen Belastungen des Migrationsprozes- ses „krank machend“ wirken. Hierbei kommt es auf die individuellen Bewäl- tigungsmechanismen und Ressourcen der einzelnen Person an (Schouler-O- cak, 2003, S. 154). Der Prozess verläuft sowohl auf individueller Ebene, ist aber ebenso von vorhandenen Integrationsmechanismen des Aufnahmelandes abhängig. Diese können erleichternd und fördernd wirken, können den Mig- rationsprozess jedoch auch hemmen und erschweren (Kizilhan, 2011, S. 57).

2.2 Migration in Deutschland

Menschen unterschiedlichster Herkunft sind fester Bestandteil der deut- schen Bevölkerung. Das zeigt sich auch in statistischen Erhebungen: Ihnen zufolge hat in etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Deutschlands einen Migrationshintergrund, das sind ca. 15,34 Millionen Einwohner/inn/en (Sie- ben, Straub, 2011, S. 44). Davon haben 10,6 Millionen Menschen eigene Mig- rationserfahrungen gemacht, die übrigen Personen sind die Kinder und Enkel der nach Deutschland Immigrierten. Die größte Bevölkerungsgruppe unter den Einwanderer/inne/n bilden mit 15,8% Personen mit türkischer Herkunft (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, 2012, S. 29 f.). Diese gehören größtenteils der muslimischen Religion an (Keskin, 2009, S. 56). Insgesamt folgen 99% der Türken dem muslimischem Glauben (Alban et. al., 2000, S. 251).

Der hohe Anteil der Migrant/inn/en mit türkischen Wurzeln steht in Zu- sammenhang mit der initiierten „Gastarbeiteranwerbung“ von westdeutschen Unternehmen seit den 1950er Jahren bis zu dem Anwerbestopp 1973; die Ar- beitsmigrant/inn/en immigrierten größtenteils aus der Türkei (Lay, Rössler, 2011, S. 101 ; Okken et. al., 2008, S. 396). Hintergrund der Anwerbepolitik war es, einem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken (Ha, 2003, S. 68). Ein bilaterales Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei vom 31. Oktober 1961 zur Rekrutierung der „Gastarbeiter/innen“ führte dazu, dass Mitarbeiter/innen deutscher Unternehmen in die Türkei reisten um dort ge- zielt geeignete Arbeitskräfte anzuwerben (Han, 2003, S. 269). Deutschlands Migrationspolitik stellte zu dieser Zeit vornehmlich ökonomische Gesichts- punkte in den Vordergrund ihres Interesses. So konnte durch die Anwerbung der Arbeiter/innen aus dem Ausland profitiert werden, ohne dass zuvor staat- liche Qualifikations- oder Ausbildungsinvestitionen getätigt werden mussten (Ha, 2003, S. 68).

Die türkischen, „Gastarbeiter/innen“ versprachen sich ihrerseits von dem Aufenthalt in Deutschland eine Verbesserung der finanziellen Situation (Kizilhan, 2011, S. 56). An dieser Stelle sei erwähnt, dass auch weibliche türkische Arbeitsmigrantinnen nach Deutschland kamen, ihre Zahl ist mit 20% jedoch deutlich geringer als die Anzahl der männlichen „Gastarbeiter“, die nach Deutschland immigrierten (Eryilmaz et. al., 2000, S. 8).

Generell lehnte Deutschland den Status als Einwanderungsland ab und be- trachtete die Arbeitsmigrant/inn/en lediglich als „Gäste auf Zeit“. Ursprüng- lich strebten diese „Gäste“ auch eine spätere Rückkehr in die Heimat an, was letztlich jedoch häufig nicht umgesetzt wurde (Okken et. al., 2008, S. 397). Die Männer, die in Deutschland blieben, holten ihre Frauen und Kinder nach (ebd.). Diese Tatsache stellte die deutsche Regierung, die sich bis dato vehe- ment dagegen gewehrt hatte ein Einwanderungsland zu sein, vor unerwartete Herausforderungen. Mit dem Anwerbestopp Ende der Siebzigerjahre wurde statt einem Anstieg der Immigrant/inn/en entgegenzuwirken, das Gegenteil erreicht; nämlich ein Nachzug der Familien (Sturm, Rose Moro, 2010, S. 259). Eine Folge dieser Entwicklung bestand darin, dass es an bezahlbarem Wohnraum fehlte; darüber hinaus war weder das Schul-, noch das Gesund- heitssystem entsprechend gerüstet (ebd.). Diese Umstände „führte[n] in we- nigen Jahren zu sozialen Folgen wie Ausgrenzung, Verarmung und Gettoisie- rung“ (ebd., S. 259 f.).

Es kann vor diesem Hintergrund abgeleitet werden, dass der hohe Anteil von Menschen mit türkischer Herkunft in Deutschland in Zusammenhang steht mit der „Gastarbeiter/innen-Anwerbung“ und die durch den Anwerbe- stopp bedingte „Familienzusammenführung“. Auch heute immigrieren noch insbesondere viele Frauen aus der Türkei aus Heiratsgründen nach Deutsch- land und bilden so eine erneute „erste Generation“. Der „Familiennachzug“ der Frauen macht in Deutschland 9, 9 % der Gesamtzuwanderung aus (Wim- mer-Puchinger et. al., 2006, S. 884).

Neben den eben genannten Faktoren ist die hohe Anzahl der türkischen Migrant/inn/en in Deutschland auch auf den Kinderreichtum der türkischen Migrantenfamilien zurückzuführen, rund die Hälfte der türkischen Einwoh- ner ist bereits in Deutschland geboren und nicht selbst zugewandert (Kröh- nert, 2010, S. 49).

2.3 Soziale Situation t ü rkisch-muslimischer Migrantinnen

Generell gibt es wenige Informationen über die Lebenssituation „be- stimmte[r] Personengruppen bestimmter Nationalitäten“ (Okken et al., 2008, S. 399). Deutlich wird jedoch, dass sich die Bevölkerung mit Migrationshin- tergrund sich sozioökonomisch stark von den Bürger/inne/n ohne Migrations- hintergrund unterscheidet. Sie sind insgesamt von einem höheren Armutsri- siko bedroht (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, 2012, S. 38). Viele der türkischen Immigrant/inn/en, die da- mals nach Deutschland kamen, um ein besseres Leben zu führen, erreichten häufig nicht den erhofften sozialen Status (Machleidt, Heinz, 2011, S. 38). Eichler hebt die besonders ungünstige Situation der weiblichen Migrantinnen hervor: Ihr zufolge „wird davon ausgegangen, dass Frauen in der als ‚arm‘ zu bezeichnenden Bevölkerungsgruppe überrepräsentiert sind.“ (Eichler, 2008, S. 62) Diese Annahme wird von Keskin untermauert, denn „im Jahr 2003 [lebten] zirka 24 Prozent der Frauen mit Migrationshintergrund unterhalb der Armutsgrenze“ (Keskin, 2009, S. 139). Die soziale Situation von türkisch- muslimischen Migrantinnen wird aber nicht nur von sozioökonomischen Fak- toren beeinflusst, sondern auch von bildungsspezifischen Chancen und Vo- raussetzungen. Der Bildungsstatus türkischen Migrant/inn/en der ersten Ge- neration, ist eher gering. Türkische Einwohner/innen in Deutschland haben besonders häufig keinen Schulabschluss, außerdem sind „ohne Berufsab- schluss mehr als 80% der über 45-jährigen in Deutschland lebenden Türken“ (Okken et al., 2008, S. 401). Lay und Rössler (2011, S. 101 f.) betonen auch im Bereich Bildung- und Erwerbsbeteiligung die besonders benachteiligte Position der Frauen mit Migrationshintergrund. Die türkischen Frauen in Deutschland seien „doppelt so oft von Arbeitslosigkeit betroffen wie die Männer“ (Keskin, 2009, S. 137).

Tendenziell ist in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt jedoch eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Demnach hat sich die Zahl der Mig- rant/inn/en ohne Schulabschluss verringert und die Zahl der Migrant/inn/en mit höheren Bildungsabschlüssen ist gestiegen. Trotz dieser Tendenz besteht nach wie vor Handlungsbedarf, denn die Arbeitslosenquote bei den Mig- rant/inn/en liegt deutlich über der der Gesamtbevölkerung (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, 2012, S. 11).

Die Wohnverhältnisse von Migrant/inn/en sind oft prekär. Sie leben häufig in Mietwohnungen in Großstädten (David, Borde, 2001, S. 37). Generell ha- ben Migrant/inn/en insgesamt geringere Chancen auf dem Wohnungsmarkt als Personen ohne Migrationshintergrund (Okken et. al., 2008, S. 402).

Die sozialen Verhältnisse und Lebensbedingungen der türkisch-muslimi- schen Migrantinnen werden in Kapitel 5 im Rahmen der Betrachtung der Kontextfaktoren noch einmal aufgegriffen und genauer beleuchtet.

2.4 Zwischenfazit

Es kann festgehalten werden, dass in Deutschland der Großteil der Migrant/inn/en aus der Türkei eingewandert ist und dass diese mehrheitlich dem muslimischen Glauben angehören. Die türkischen Frauen kamen hauptsächlich nach Deutschland, um ihren Männern oder ihren Vätern zwecks Familienzusammenführung zu folgen. Migration bedeutet neben dem Ortswechsel auch, Veränderungen und Umstellungen bezüglich der Gewohnheiten, Kultur und des sozialen Status hinnehmen zu müssen. Diese Anpassungsphase ist besonders kritisch zu betrachten. Die problematische soziale Situation, insbesondere der benachteiligten Frauen, wirkt sich zusätzlich erschwerend aus. Infolgedessen ist anzunehmen, dass die psychische Gesundheit der türkisch-muslimischen Migrantinnen in besonderem Maße gefährdet ist. Dieser These soll nun im folgenden Kapitel nachgegangen werden.

3 Psychische Gesundheit türkisch-muslimischer Migrantinnen

Die derzeitige Datenlage bezüglich psychischer Gesundheit von Mig- rant/inn/en, insbesondere von einer spezifischen Gruppe, wie die der türkisch- muslimischen Migrantinnen, ist nicht eindeutig. Studien weisen häufig wi- dersprüchliche Ergebnisse auf (Igel et. al., 2010, S. 183; Okken et. al., S. 403). Allgemeiner Konsens besteht jedoch darüber, dass es einen Zusammenhang zwischen den spezifischen psychischen Belastungen der Migration, der zu- meist schlechten sozialen Lage und Gesundheit gibt (Igel et al., 2010, S. 183; Eichler, 2008, S. 18 f.; Glaesmer et. al., 2009, S. 16; Okken et. al., 2008, S. 403 f.; Schenk, 2007, S. 87; Wimmer-Puchinger et. al., 2006, S. 885 ff.). Es kann außerdem angenommen werden, „dass Migrantinnen in stärkerem Aus- maß von Multimorbidität, psychosomatischen und Schmerzsymptomen be- troffen sind.“ (Wimmer-Puchinger et. al., 2006, S. 885) Diese Aussage wird durch Behrens (2011, S. 34) bekräftigt: Ihr zufolge haben weibliche Mig- rant/inn/en ein erhöhtes Risiko psychisch zu erkranken.

Welche Belastungsfaktoren die psychosoziale Gesundheit der Migrantin- nen insbesondere gefährden können, wird im Anschluss naher betrachtet.

3.1 Psychosoziale Belastungsfaktoren

Grundsätzlich kann die Migration als ein enorm komplexes Lebensereig- nis betrachtet werden, durch das die betroffenen Menschen einer extremen Dauerbelastung ausgesetzt sind, und welches einen enormen Wandel mit sich bringt. Wimmer-Puchinger et. al. (2006, S. 885) unterstreichen den gender- spezifischen Aspekt der Migration: ihnen zufolge erleben die Frauen das Auf- geben ihres gewohnten Umfeldes und die Umstellung auf einen neuen sozio- kulturellen Kontext in besonderem Ausmaß. Es wird ein erhöhter Anpassungsdruck auf die betroffene Person ausgeübt, welcher in der Folge zu psy- chischen Erkrankungen führen kann (Kizilhan, 2011, S. 59, Demiralay, Haa- sen, 2011, S. 64). Wie in Kapitel 2.2 bereits angeschnitten, ist die „Phase der Dekompensierung“ bzw. die „Phase der kritischen Anpassung“ von besonde- rem Belang, denn:

Diese Phase ist mit einer erhöhten Vulnerabilität für psychische Fehl- verarbeitungen und Traumatisierungen sowie für die Aktualisierung latenter neurotischer oder psychotischer Persönlichkeitsanteile ver- bunden. Wenn die Resilienz als flexible Widerstandskraft gegen das Entstehen von Stresssymptomen überfordert wird, führt diese Spur des Affektiven häufig ins Somatische, Depressive, Süchtige etc. (Machleidt, Heinz, 2011, S. 38).

Frauen reagieren auf solche kritischen Lebensereignisse extremer und zeigen eine insgesamt „stärkere Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes als auch eine längere Erholungsdauer“ (Kizilhan, 2011, S. 59).

Die Anpassung in einem neuen Land ist immer auch abhängig von der Haltung der „Einheimischen“ gegenüber den „Fremden“. Die Akzeptanz von Migrant/inn/en erfolgt oft langsamer, wenn sie sich optisch von den Men- schen des Aufnahmelandes unterscheiden, beispielsweise fallen manche mus- limischen Migrantinnen in Deutschland durch ihre Kopfbedeckung auf (Machleidt, Heinz, 2011, S. 37). Generell sind die Migrantinnen stärker von Diskriminierungen betroffen als die Männer. Zum einen wegen ihrer Natio- nalität, als Angehörige einer Minorität und zum anderen wegen ihres Ge- schlechts (Eichler, 2008; S. 62; Wimmer-Puchinger et. al., 2006, S. 885). Fer- ner sind Migrantinnen „als ungelernte Arbeiterinnen [häufig] auf weitgehend unattraktive, unsichere und ungesunde Arbeitsplätze angewiesen“ (Wimmer- Puchinger, 2006, S. 885).

Zu den Stressauslösern bei türkisch-muslimischen Migrantinnen zählen zusammenfassend die Trennung von Familienangehörigen und Freunden, die im Heimatland bleiben, außerdem der Verlust des muttersprachlichen Umfel- des und des sozialen Netzwerkes, als auch die Notwendigkeit zum Erlernen einer neuen Sprache. Weiterhin sind die Auseinandersetzung mit neuen, po- tentiell gegensätzlichen Werten, Sitten und Gebräuchen, die Befürchtungen um den sozialen Status (Wohnverhältnisse, finanzielle Lage etc.), Ausgren- zungen, Rassismus und Diskriminierung sowie generationsübergreifende Rollenkonflikte innerhalb der Familie Stressoren (Demiralay, Haasen, 2011, S. 64). In jedem Fall ist zu berücksichtigen, dass die Probleme i.d.R. generationsbedingt unterschiedlich sind und dass Migrantinnen, die in Deutschland aufgewachsen sind, möglicherweise andere Schwierigkeiten haben, als Migrantinnen der ersten Generation. Daher ist es wichtig, gesundheitliche Belastungen der eingewanderten Frauen differenziert zu betrachten.

3.2 Gesundheits- und Krankheitskonzept

Das Verständnis von Gesundheit und Krankheit variiert zwischen westli- chen, individualistisch-geprägten und östlichen, kollektiv-geprägten Gesell- schaften (Eichler, 2008, S. 20 ff.). Die unterschiedlichen Gesundheits- und Krankheitskonzepte sowie die Vorstellung davon, sind vom historischen und soziokulturellen Kontext der Beteiligten geprägt (ebd. S. 24). Grundsätzlich stellen die türkisch-muslimischen Migrantinnen eine heterogene Gruppe dar. Es ist anzunehmen, dass die Frauen der ersten Generation stärker traditionelle volkstümliche Vorstellungen aufweisen, als die Migrantinnen der nachfolgen- den Generationen. Die türkisch-muslimischen Frauen der ersten Generation kamen, wie auch die Männer, zumeist „aus ländlich-islamischen Gegenden in der Türkei“, in denen die Menschen häufig ein „spezifisches Krankheitsver- ständnis und eine entsprechende Krankheitsverarbeitung“ haben (Kizilhan, 2010, S.170). Dieses ist i.d.R. geprägt von der Annahme, dass übernatürliche Kräfte für Krankheiten verantwortlich sind. Der religiöse Aspekt nimmt hier- bei einen hohen Stellenwert ein. Dem muslimischen Glauben liegt die Idee zugrunde, dass der „göttliche Wille“ entscheidet, wer krank wird und dass diese Erkrankung hingenommen werden muss, „entweder [als] eine Prüfung oder aber [als] eine Strafe Allahs“ (Münch, Rohner, 2011, S. 437). Besonders bei psychischen Erkrankungen werden kulturelle Einflüsse deutlich (Behrens, 2011, S. 25). Auffassungen über Kausalitäten für psychische Erkrankungen, der Ausdruck von Symptomen, die Rolle als kranke Person, außerdem die Akzeptanz der psychischen Krankheit und der Behandlung können zwischen den Kulturen differenzieren (Bermejo et. al., 2010, S. 225). Beispielsweise können „Geister“ bzw. die „Besessenheit durch Geister“ Erklärungsmodelle für psychische Beschwerden sein (Münch, Rohner, 2011, S. 438). Wegen die- ser übernatürlichen Vorstellungen ist es möglich, dass bei der Krankheitsbe- handlung zusätzlich zur westlichen Medizin religiöse Heiler/innen („Hodca“) hinzugezogen werden (Assion, 2004, S. 497). Es wird im volkstümlichen Glauben angenommen, dass die „Hoca“ die magischen Ursachen für Krank- heiten erkennen können, wie z.B. „schwarze Magie“ (Heine, Assion, 2005, S. 32 f.).

Generell ist das Gesundheits- und Krankheitsverständnis personenabhän- gig und geprägt durch heterogene Überzeugungen, Traditionen und Erfahrun- gen. Therapeut/inn/en sollten jeder Klientin unabhängig von ihrer individuel- len Idee von Gesundheit und Krankheit mit Toleranz und Respekt begegnen um eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu können und eine adäquate Gesundheitsversorgung nicht durch mangelnde interkulturelle Kompetenzen zu gefährden.

3.3 Psychiatrische Gesundheitsversorgung

Menschen mit Migrationshintergrund nutzen nur selten das volle Angebot, welches ihnen zur Gesundheitsversorgung zur Verfügung steht. Barrieren für den gleichberechtigten Zugang zu dieser Versorgung können sprachlich, strukturell, institutionell, politisch, soziokulturell und migrationsspezifisch bedingt sein (Eichler, 2008, S. 21). Dazu zählen u.a. mangelnde Deutsch- kenntnisse, die zu Verständigungsproblemen führen können, wodurch eine gesundheitliche Versorgung erschwert wird (ebd., S. 21 f.). Es kann davon ausgegangen werden, dass von Sprach- und Verständigungsproblemen über- wiegend Personen der ersten Generation betroffen sind. Neben sprachlichen Defiziten, können auch kulturelle Unterschiede für Kommunikationsprob- leme zwischen den Dienstleister/innen und den erkrankten Menschen verant- wortlich sein (ebd., S. 23) (vgl. Kapitel 3.2 Gesundheits-und Krankheitsver- ständnis). Ein weiterer Einflussfaktor ist in den bestehenden Informationsde- fiziten auf Seiten der Migrant/inn/en, aber auch auf Seiten der Fachkräfte be- gründet: den Migrant/inn/en stehen zumeist wenige Informationen über die Gesundheitsdienste zur Verfügung und die Fachkräfte haben oftmals nur ge- ringes Wissen über die Gesundheitsbefinden der eingewanderten Kli- ent/inn/en. Sie verfügen über keine ausreichende interkulturelle Kompetenz (ebd., S. 22 f.). Ebenso wichtig sind die religiösen Vorschriften, als Kompo- nenten der Kultur, die bei Gesundheitsleistungen berücksichtigt werden müs- sen. Dem muslimischen Glauben liegen diverse Regelungen zugrunde, wie beispielsweise Fastenzeiten und Gebetszeiten (ebd., S. 23). Darüber hinaus ist das Geschlecht bedeutsam; so haben Frauen und Mädchen bedingt durch ihre allgemein benachteiligte Situation i.d.R. schlechtere Chancen einen Zu- gang zu Gesundheitsinformationen und Einrichtungen zu erhalten (ebd., S. 24) (vgl. Kapitel 2.3 Soziale Situation & Kapitel 3.1 Psychosoziale Belas- tungsfaktoren). Berücksichtigt werden sollte außerdem der Aspekt des Schamgefühls: Probleme werden in türkisch-muslimischen Familien meis- tens familienintern gelöst, insbesondere bei psychischen Erkrankungen kann es schwer fallen, sich an Außenstehende zu wenden, aufgrund von Stigmati- sierungsängsten (Pooremamali et. al., 2011, S. 113 f.). Auch die häufig schlechten Erfahrungen, die mit Behörden und Ämtern gemacht wurden, so- wie die Undurchschaubarkeit des komplexen deutschen Gesundheitssystems hindern möglicherweise daran, Angebote wahrzunehmen (Eichler, 2008, S. 24 f.). Der Zugang kann zusätzlich durch zumeist niedrige soziale Schichtzu- gehörigkeit der türkisch-muslimischen Migrantinnen erschwert werden (Eichler, 2008, S. 24.) (vgl. Kapitel 2.3 Soziale Lage). Bestätigt wird diese Barriere von Spallek und Zeeb (2010, S.59), denn „Migranten [seien] in ihrem neuen Heimatland überproportional oft sozial benachteiligt und [hätten] dann … geringe Ressourcen zur Gesunderhaltung und Gesundung“ (vgl. Kapitel

2.3 Sozialer Status).

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) erarbeitete vor diesem Hintergrund hilfreiche Leitlinien zur Versorgung von Migrant/inn/en mit psychischen Erkrankungen, die sogenannten Sonnenberger Leitlinien 5 (Assion, 2004, S. 491 f.). Diese stellen die Grundlage für eine professionelle und kultursensible psychiatrisch-psycho- therapeutische Behandlung von Migrant/inn/en dar (ebd.). Hierbei handelt es sich um eine idealtypische Darstellung eines Leitkonzeptes, welches die Arbeit insofern erleichtert, als dass es hilft, ein strukturelles Gerüst zu schaffen, an dem sich die Professionellen orientieren können.

3.3.1 Station ä re und teilstation ä re Psychiatrie

Grundsätzlich ist der Bedarf an stationärer psychiatrischer Behandlung bei Migrant/inn/en in Deutschland ebenso hoch wie bei Einwohner/innen ohne Migrationshintergrund (Grube, 2009, S. 67). Aus Studien geht jedoch hervor, dass Migrant/inn/en allgemein in psychiatrischen Krankenhäusern zur offe- nen stationären und teilstationären Behandlung unterrepräsentiert, in ge- schlossenen Abteilungen jedoch überrepräsentiert sind. Dies könnte eventuell daran liegen, dass an den Krankenhäusern, wo die Daten erhoben wurden, keine migrationsspezifischen Konzepte angeboten wurden. Infolgedessen kommt es häufig erst bei sehr schweren psychischen Problemen der Mig- rant/inn/en zur gesetzlichen Unterbringung in einer meist geschlossenen psy- chiatrischen Abteilung (Behrens, Calliens, 2011, S. 510; Koch et. al., 2011, S. 491).

Eine dieser Untersuchungen stellt die Datenerhebung der Arbeitsgruppe „Psychiatrie und Migration“ dar, an der 12 psychiatrische Einrichtungen mit einer zusammengefassten Bettenzahl von 2211 beteiligt waren. Im Auftrag der „Bundesdirektorenkonferenz psychiatrischer Kliniken (BDK)“ fand sie heraus, dass der Anteil der behandelten Klient/inn/en mit Migrationshinter- grund insgesamt 17,4% betrug (Koch et. al., 2011, S. 491 f.). Es handelte sich hierbei um eine Stichtagsuntersuchung zur Inanspruchnahme von stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen durch Menschen mit Migrationshintergrund. Behrens und Callies (2011, S. 510) zufolge wurde deutlich, dass die Klient/inn/en mit Migrationshintergrund inzwischen ent- sprechend ihrem Bevölkerungsanteil vertreten seien, aber dass sie seltener ta- gesklinisch behandelt würden, als zu erwarten gewesen wäre (Behrens, Cal- lies, 2011, S. 510). Weiterhin wurde herausgefunden, dass die türkischen Kli- ent/inn/en mit 33,3% auffällig zahlreich die Diagnose Schizophrenie aufwie- sen, auch der Bereich der affektiven Störungen erwies sich mit 18,4% als hoch (Koch et. al., 2011, S. 491 f.). Assion (2004, S. 493) macht diesbezüg- lich darauf aufmerksam, dass „Krankheitssymptome durch mangelndes Ver- ständnis fehlgedeutet werden und so zu falsch-positiven Befunden führen“ können. Hervorgehoben sei in diesem Zusammenhang die Klinik für Psychi- atrie und Psychotherapie Marburg-Süd, deren Anteil türkischer Klient/inn/en sich durch die Entwicklung spezieller Angebote, von 0,3% (1992) auf 12% (2002) erhöhte. Die türkischen Klient/inn/en wiesen zu Beginn vorwiegend die Diagnose Schizophrenie auf und wurden zumeist auf richterliche Anwei- sung untergebracht. Durch die geschaffenen Zugangswege nahm vor allem der Anteil der türkischen Klient/inn/en mit affektiven Störungen zu (Koch, 2005, S. 168 f.). Besonders die türkischen Migrant/inn/en der ersten Genera- tion konnten von diesem speziellen Angebot, welches u.a. den Einsatz von Dolmetscher/innen und türkischstämmigem Personal beinhaltete, profitieren. Hierbei überwog der Anteil der Frauen mit ca. 60 % der Aufnahmen (ebd., S. 172). Spallek und Zeeb (2010, S. 66) gemäß suchen Migrant/inn/en mit psy- chischen Erkrankungen im Allgemeinen am ehesten ein Krankenhaus auf. Das könnte möglicherweise damit zusammenhängen, dass inzwischen an mehreren Kliniken solche migrantenspezifischen Angebote erarbeitet wur- den. Das Fachpersonal an Krankenhäusern ist nun häufiger interkulturell ge- schult und kann demnach spezifischer auf die Bedürfnisse der Migrant/inn/en eingehen, als es eventuell den niedergelassenen Ärzt/inn/en möglich ist. Es gibt Dolmetscher/innen oder auch muttersprachliches Personal, wodurch der Zugang erleichtert wird, wie anhand des Beispiels der Klinik Marburg-Süd deutlich wird (Koch et. al., 2011, S. 490). Generell sind „bilinguale Versor- gungsangebote für psychisch Kranke ausländischer Herkunft anzubieten“ (Assion, 2004, S. 492), da es besonders den Migrant/inn/en der ersten Gene- ration häufig an ausreichenden Sprachkenntnissen fehlt (vgl. Kapitel 3.3. Psy- chiatrische Gesundheitsversorgung).

Da insbesondere nicht ausreichend versorgte Personen, wie etwa Migran- tinnen, mit dem Angebot der psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) er- reicht werden können, soll sich neben der (teil-) stationären Psychiatrie mit dieser Versorgungsform auseinandergesetzt werden (Koch et. al., 2011, S. 489).

3.3.2 Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA)

Psychiatrische Institutionsambulanzen (PIA) wurden seit den 1976er Jahren an die psychiatrischen Krankenhäuser angegliedert. Die ambulante psychiatrische Versorgung wird durch sie erweitert, es wird ein zusätzliches Angebot für schwer und chronisch psychisch erkrankte Menschen geschaffen. Mit den PIA werden unnötige Aufnahmen vermieden und kostenintensive stationäre Behandlungen werden verkürzt.

Laut Koch et. al. (2011, S. 489) erfolgt „die ambulante Versorgung psy- chisch kranker Patienten mit Migrationshintergrund … im Wesentlichen durch niedergelassene Psychiater und Hausärzte“. Nach Wimmer-Puchinger et. al. (2006, S. 888) zeigt sich ein anderes Bild - ihnen zufolge gehen Frauen mit Migrationshintergrund eher in Ambulanzen als zu niedergelassenen Fach- ärzt/inn/en. Diese Feststellung bezieht sich jedoch nicht speziell auf den psy- chiatrischen Bereich. Die voneinander abweichenden Ergebnisse sind ver- mutlich bedingt durch unterschiedliche Ausgangssituationen der Untersu- chungen. Keine der Analysen bezog sich speziell auf türkisch-muslimische Frauen in der psychiatrischen ambulanten Versorgung.

Die Ergebnisse der Studie von Schouler-Ocak et. al. (2010) zur Inan- spruchnahme von PIA durch Klient/inn/en mit, u.a. türkischem Migrations- hintergrund sind interessant, weil sie die Herkunft der Migrant/inn/en mit ein- beziehen. Sie schlussfolgern anhand der Ergebnisse, dass diese in den PIA stark repräsentiert sind und möglicherweise besonders von dem Angebot pro- fitieren. Die größte Gruppe mit 8,3% stellten die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund dar (ebd. S. 384). Koch et. al. (2011, S. 490) vermuten, dass die Ergebnisse dadurch begründet sein könnten, dass in den PIA relativ häufig Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund angestellt seien und not- wendige Dolmetscher/innenkosten übernommen würden. Inzwischen wurden in einigen PIA schon spezielle Angebote für Migrant/inn/en entwickelt, u.a. die sogenannte „Migrantensprechstunde der Psychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover“, oder die „Sprechstunde für türkische Patienten in Marburg“ (ebd.).

3.4 Zwischenfazit

Allgemein betrachtet, können die teilweise erheblichen Belastungen durch das „kritische Lebensereignis“ Migration in Kombination mit den zumeist problematischen sozioökonomischen Rahmenbedingungen zu einer psychi- schen Erkrankung führen. Besonders Frauen sind aufgrund von zusätzlichen Belastungen durch eine doppelte Diskriminierung gefährdet psychisch zu er- kranken. Einschränkend sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Hintergründe und Ursachen, die eine psychische Erkrankung bei türkisch-muslimischen Frauen hervorrufen, ebenso verschieden sein können, wie der Mensch, der dahinter steht. Aus diesem Grund kann nicht von einem direkten Kausalitäts- verhältnis im Sinne einer „Wenn-dann-Beziehung“ zwischen Migration, Ge- schlecht und psychischer Erkrankung ausgegangen werden. Dennoch besteht, wie zuvor dargelegt, für die türkisch-muslimischen Frauen und Mädchen ein vergleichbar hohes Risiko psychisch zu erkranken. Sinnvoll erscheint, von einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge auszugehen, dessen Faktoren in enger Wechselbeziehung miteinander stehen. So sind die psychischen Erkran- kungen eher ein Resultat eines dynamischen Prozesses, der von externen als auch persönlichen Zusammenhängen beeinflusst wird. Um die psychisch er- krankten türkisch-muslimischen Migrantinnen vor diesem Hintergrund ge- sundheitlich bestmöglich versorgen zu können, ist eine interkulturelle Öff- nung des Gesundheitssystems notwendig. Eine tendenziell positive Entwick- lung ist diesbezüglich bereits zu erkennen: An mehreren Kliniken wurden in- zwischen spezielle Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund ent- wickelt, sodass Barrieren minimiert und der Zugang für Migrant/inn/en, ins- besondere für die schwer erreichbaren Frauen und Mädchen, erleichtert wer- den konnten.

4 Türkisch-muslimische Migrantinnen in der alltags- und lebenswelt- orientierten Ergotherapie in der Psychiatrie

Die Ergotherapie ist ein fester Bestandteil der psychiatrischen Gesund- heitsversorgung und unabdingbar für die Wiedereingliederung psychisch er- krankter Menschen. Witchi (2004, S. 361) behauptet sogar, dass die Ergothe- rapie vor diesem Hintergrund zukünftig eine „Schlüsselrolle“ einnehmen wird. Ergotherapeut/inn/en arbeiten dabei stets eng mit anderen Professionen zusammen. Um eine optimale Behandlung zu gewährleisten, müssen alle be- teiligten Personen, Fachkräfte als auch die Klient/inn/en selbst, gemeinsam ein Rehabilitationsziel entwickeln. Dieses Ziel bezieht sich auf die verschie- denen Lebensbereiche Freizeit, Arbeit und Wohnen (ebd.). Übergeordnetes Ziel ist es, dass der erkrankte Mensch erfolgreich in das alltägliche Leben eingegliedert werden kann (ebd.). Die Ergotherapie kann ihren Beitrag leis- ten, wenn eine eingeschränkte Handlungskompetenz in den Bereichen Selbst- versorgung, Produktivität und/oder Freizeit besteht. Anhand von speziellen Befunderhebungsinstrumenten sowie durch konkrete Situationen und Aktivi- täten, können bezogen auf die Selbstständigkeit im Alltag, gezielt Möglich- keiten und Schwierigkeiten erfasst werden. Ergotherapeut/inn/en unterstützen und fördern die Handlungskompetenz, sie begleiten die erkrankten Menschen bei der Umsetzung der vereinbarten Ziele (ebd., S. 362).

[...]


1 „Personen mit Migrationshintergrund sind nach der Definition des statistischen Bundesamts alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“ (BMI, 2011, S. 201)

2 „migrare“= wandern, wegziehen (Sieben, Straub, 2011, S.44)

3 Bildliche Darstellung des Migrationsprozesses: Siehe Anhang 1, S. A

4 Personen ohne Aufenthaltsrecht sind hierbei nicht berücksichtigt, diese machen etwa eine halbe bis eine Millionen Menschen aus (Sieben u. Straub, 2011, S. 44).

5 Siehe Anhang 2, S. B

Details

Seiten
62
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668476004
ISBN (Buch)
9783668476011
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370226
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
Migration psychische Erkrankung Betätigungsidentität Lebensweltorientierung Ergotherapie Migrantinnen

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Titel: Türkisch-muslimische Migrantinnen in der alltags- und lebensweltorientierten Ergotherapie innerhalb der Psychiatrie