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Kinderarmut in Deutschland. Die Bedeutung der Resilienzförderung für die kindliche Entwicklung

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kinderarmut in Deutschland
2.1 Einleitung
2.2 Definitionen von Armut
2.3 Armut im familienbezogenen Kontext
2.3.1 Familiäre Armut
2.3.2 Risikogruppen und Ursachenkomplexe von familiärer Armut
2.3.2.1 Risikogruppen
2.3.2.2 Ursachenkomplexe
2.3.3 Zusammenhang relativer Armut und familiärer Belastung
2.4 Armut im kindbezogenen Kontext
2.4.1 Das kindbezogene Armutskonzept der AWO-ISS-Studien
2.4.2 Lebenslagendimensionen und Lebenslagentypen
2.4.2.1 Definitionen
2.4.2.2 Verteilung der Lebenslagendimensionen
2.4.2.3 Dynamik der Lebenslagentypen

3. Resilienzförderung
3.1 Einleitung
3.2 Was ist Resilienz?
3.2.1 Definition
3.2.2 Charakteristik von Resilienz
3.3 Risiko- und Schutzfaktoren
3.3.1 Risikofaktoren
3.3.2 Schutzfaktoren
3.3.3 Wirkungsprozesse und Mechanismen von Risiko- und Schutzbedingungen.
3.4 Personale und soziale Ressourcen des Kindes
3.4.1 Personale Ressourcen
3.4.2 Soziale Ressourcen
3.5 Resilienzförderung
3.5.1 Resilienzförderung auf individueller Ebene
3.5.2 Resilienzförderung auf der Beziehungsebene

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einigen Jahren ist in Deutschland die Zunahme der Familien- und damit auch Kinderarmut zu verzeichnen. Kinder sind einem immer höheren Armutsrisiko ausgesetzt und stellen die am Höchsten von Armut betroffene Altersgruppe dar1. Die Brisanz dieser Tatsache ist in den letzten Jahren verstärkt in das Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt und zu einem prominenten Thema der sozialwissenschaftlichen Forschung avanciert. Mit der Problematik beschäftigt sich heute die Politik wohl gleichermaßen wie die sozial-/pädagogische Praxis2. In den letzten Jahren hat sich die Forschungstätigkeit, zur Problematik der in Armut lebenden Kinder, zunehmend ausdifferenziert und spezialisiert3. Die Resilienzförderung, als mehrdimensionale Methode zur Bewältigung von Armutsfolgen, ist eine der daraus hervorgegangenen Forschungsansätze4.

Ich habe mich aus zwei Gründen für die Thematik der Kinderarmut und Stärkung sozial benachteiligter Kinder entschieden.

Armut bedeutet nicht zwangsläufig ein Entwicklungsrisiko für Kinder, ist aber definitiv ein wesentlicher Risikofaktor. Umso wichtiger ist es auch in der pädagogischen Praxis Handlungskonzepte und Präventionsmaßnahmen einzusetzen um Kinder in ihrer Widerstandsfähigkeit zu stärken. Dabei möchte ich einerseits die Resilienzförderung des Kindes selbst betrachten, zugleich aber auch wie Schutzfaktoren in seinem unmittelbaren Umfeld mobilisiert werden können.

Des Weiteren ist es mir noch ein persönliches Anliegen mich mit dieser Thematik zu befassen, da ich mich auf diesem Weg mit meiner eigenen biografischen Vergangenheit auseinandersetzen möchte. Als Tochter einer Alleinerziehenden Mutter, die aufgrund von Scheidung, Verschuldung und Einwanderung einen Teil ihrer Kindheit in relativer Armut aufgewachsen ist. Ich kann deshalb aus eigener Erfahrung sagen, wie vielfältig sich der Risikofaktor Armut auf alle Lebensbereiche auswirken kann und welche Benachteiligungen dadurch entstehen können. Es ist mir wichtig diese Erfahrungen zu verarbeiten, sie kritisch zu reflektieren und einen adäquaten professionellen Leitsatz zu erarbeiten.

Im ersten Teil meiner Hausarbeit, werde ich einen allgemeinen Überblick über die Thematik der Kinderarmut geben, sie im familiären und kindbezogenen Kontext beleuchten und anhand einiger Ergebnisse der AWO-ISS-Studie den Zusammenhang zwischen materieller Armut und kindlicher Lebenslage verdeutlichen. Anschließend werden die Darstellungen aus dem ersten Teil meiner Arbeit mit der Bedeutung der Resilienzförderung für sozial benachteiligte Kinder in Beziehung gesetzt. Dazu werde ich einen allgemeinen Überblick über die Begrifflichkeiten zum Resilienzkonzept geben und Ansatzpunkte für die pädagogische Resilienzförderung erarbeiten. Denn Schluss bildet ein abschließendes Fazit. Ausführungen zur Gender- und Migrationsthematik, als seminarübergreifende Verknüpfung, sind unter verschiedenen Punkten mit eingearbeitet.

2. Kinderarmut in Deutschland

2.1 Einleitung

In der Bundesrepublik Deutschland war Kinderarmut lange kein Thema, die „neue soziologische Kindheitsforschung“ interessierte sich nicht für die Arbeitsproblematik, während der sozialwissenschaftliche Armutsforschung der spezifische Blick auf die Kinder fehlte. Die Berichterstattung über Armut nahm erst Anfang der 1990er Jahre an Fahrt auf, in erster Linie von Wohlfahrtsverbänden und Kommunen. In der Sozialberichterstattung wurden Kinder dabei aber nicht als eigene Bevölkerungsgruppe behandelt, sondern nur im Kontext von Familie. Erst seit Ende der 1990er nahmen die Zahl der Forschungen über Kinderarmut, als eigenständiges soziales Problem, exponentiell zu. Es erfolgten Differenzierung und Spezialisierung der Forschungstätigkeit. Inzwischen werden der Besonderheit von Kinderarmut sowohl in der Armuts- und Reichtumsberichterstattung des Bundes als auch in der Sozialberichterstattung eigene Aufmerksamkeit zuteil5.

2.2 Definitionen von Armut

Armut ist ein höchst komplexes Konstrukt, das auf ganz unterschiedliche Art und Weise in Erscheinung tritt. Zu unterscheiden sind an dieser Stelle auch der Verlauf und die Chronozität von Armut. Sie kann sich über Generationen ziehen oder erst durch eine Verkettung von Ereignissen oder einen Schicksalsschlag in Erscheinung treten. Ihr Verlauf kann von Dauer sein oder vorübergehend.

Armut kann auf viele verschiedene Arten bestimmt und definiert werden.

Dabei gibt es eine lange Liste wie Armutsgrenzen definiert werden und verschiedene Konzepte, die der Bestimmung und Messung von Armut dienen.

Besonders zu unterscheiden sind dabei die absolute und relative Armut. Absolute Armut orientiert sich am physischen Existenzminimum, welches für einen Menschen zum Überleben notwendig ist. Dies hat für die vorliegende Arbeit allerdings keine besondere Relevanz, da diese Form der Armut in Deutschland kaum vorkommt. Die relative Armut orientiert sich dagegen an den jeweiligen Mindeststandards einer Gesellschaft mit Bezug auf deren Versorgungsniveau5.

2.3 Armut im familienbezogenen Kontext

Arme Kinder sind Kinder armer Eltern, aus diesem Grund ist es wichtig die Thematik auch im familienbezogenen Kontext mit einzubeziehen.

2.3.1 Familiäre Armut

Ein Kind gilt als arm, wenn es in einer Familie lebt, die entweder Sozialhilfe bezieht bzw. Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder weniger als die Hälfte des bedarfsgewichteten Durchschnittsnettoeinkommens aller Haushalte in Deutschland zur Verfügung hat. Hierbei wird die 50-Prozent-EU-Armutsgrenze als Bezugsgröße verwendet6. Die Bemessung nach dieser Definition bildet allerdings einen beachtlichen Teil der Kinder, die in relativer Armut leben nicht ab. Viele Familien beantragen aus verschiedenen Gründen, wie Scham oder Unkenntnis, keine Hilfe oder liegen mit ihrem Einkommen knapp über der Leistungsbemessungsgrenze. Es ist davon auszugehen, dass etwa jedes 7. Kind in Deutschland von relativer Armut betroffen ist7.

2.3.2 Risikogruppen und Ursachenkomplexe von familiärer Armut

Über einen allgemeinen Zusammenhang, in welcher Wechselwirkung Risikogruppen und Ursachen stehen, kann pauschal nicht geurteilt werden. Dafür ist das Konzept der Armutsgefährdung zu komplex. Ursachen familienbedingter Armut sind sowohl auf der individuellen, als auch auf der gesellschaftlichen Ebene verankert und können ineinander greifen und sich verstärken8.

2.3.2.1 Risikogruppen

Alleinerziehende, Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit mehr als drei Kindern zählen zu den überdurchschnittlich gefährdeten Bevölkerungsgruppen9. Wieso diese Bevölkerungsgruppen einem größeren Armutsrisiko unterliegen, hat vielerlei Gründe. Ursachen familiärer Armut können individuelle, als auch gesellschaftliche Ursachen haben und ineinander greifen10.

Alleinerziehende

Laut dem Vierten Armuts- und Reichtumsbericht weisen Haushalte von Alleinerziehenden mit rund 40 Prozent die höchste Armutsrisikoquote auf. Der überwiegende Teil der Alleinerziehenden ohne Partner ist nach wie vor weiblich. 11 Dabei geht die schwache Einkommensposition der Haushalte von Alleinerziehenden oft mit Erwerbslosigkeit oder einem sehr geringen Beschäftigungsumfang einher12, was zum Teil daran liegt, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger familienbedingt unterbrechen und/ oder reduzieren13. Bei der gesellschaftlichen Arbeits(ver)teilung wird Frauen immer noch die Vereinbarkeitsleistung von Beruf und Elternschaft abverlangt, ohne dabei die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen um beides zu verbinden14.

Ursachen für das geringe Haushaltseinkommen sind in erster Linie Beschäftigung in Teilzeitstellen, eine mangelnde Kinderbetreuungsstruktur, Ausfall des männlichen Haupternährers, Einkommensdiskriminierung und Wahl von Arbeitsfelder und Berufen mit geringen Einkommen15.

Familien mit Migrationshintergrund

Dipl. Geographin Gabriela Fuhr interpretiert anhand der Ergebnisse des Mikrozensus 2010, dass gerade bei Familien mit Migrationshintergrund häufiger „armutsverstärkende“ Merkmale auftreten wie bei Familien ohne Migrationshintergrund. Sie nennt hierbei beispielhaft Merkmale wie niedriger Bildungsabschluss, Bezug von Sozialleistungen und die Häufung kinderreicher Familien. Sie stellt aber auch heraus, dass Menschen mit Migrationshintergrund selbst bei gleicher Art des Lebensunterhalts, Bildungsstands und Lebensformtyps stärker armutsgefährdet sind als Menschen ohne Migrationshintergrund16. Die Armutsgefährdung bei gleichen Merkmalen wirft die Frage auf, welche weiteren Indikatoren verantwortlich sein könnten.

Ein besonderes Gefährdungspotential haben Familien, bei denen eine Risikogruppenüberschneidung vorliegt. Alleinerziehende oder kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund gehören zu den besonders armutsgefährdeten Risikogruppen17.

2.3.2.2 Ursachenkomplexe

Die nachfolgenden Ursachen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie können Risiko für, aber auch Folge von Armut sein. Die Faktoren stehen oft in Wechselwirkung oder bedingen sich teilweise gegenseitig.

Eines der Hauptrisiken für Armut ist die (Langzeit-)Erwerbslosigkeit, geringe Arbeitszeiten mit schlechter Entlohnung, sowie Niedriglohn18. Arbeitslosigkeit kann dabei aus ganz verschiedenen Ursachen erfolgen. Dabei spielen z.B. geringe schulische Qualifikation, eine schlechte wirtschaftliche Lage, psychische, geistige oder körperliche Beeinträchtigungen eine Rolle. Eine weitere Ursache für Armut kann eine Verschuldung sein, die aber auch aus der Armutslage heraus entstehen kann. Ebenso führen Scheidungen oder Trennungen oft zu einer finanziellen Notsituation.

2.3.3 Zusammenhang relativer Armut und familiärer Belastung

Das kindliche Wohlergehen ist von einer Vielzahl von Kontextfaktoren abhängig19. Im kindlichen Verlauf sind eine Reihe von Entwicklungsaufgaben zu meistern, deren erfolgreiche Bewältigung die Basis für eine positive Entwicklung darstellt20. Eine gute Eltern-Kind-Beziehung hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern. Relative Armut bedeutet nicht zwangsläufig eine Beeinträchtigung für Kinder, wirkt sich aber auch auf das Bewältigungsverhalten der Eltern aus. Die finanzielle Belastung kann das familiäre Klima enorm belasten, da Eltern oft unter hohem sozialen, zeitlichen und emotionalem Stress stehen. Eine finanzielle Belastung und die damit verbundenen täglichen Herausforderungen, führt oft zur Überforderung armer Eltern und wirkt sich indirekt über das Verhalten auf die Kinder aus. Dieses angespannte Verhältnis kann das Eltern-Kind-Verhältnis stark belasten und zu Entwicklungsdefiziten führen. Die meisten Eltern versuchen ihre Kinder möglichst wenig unter der finanziell schwierigen Lage leiden zu lassen, dadurch können sich aber Benachteiligungen in anderen Lebensbereichen ergeben. So sparen Familien oft bei kulturellen und sozialen Bedürfnissen, was zu einer sozialen Isolation von Eltern und Kind führen kann21.

2.4 Armut im kindbezogenen Kontext

Um einen kindbezogenen Armutsbegriff zu definieren, müssen vier Grundbedingungen erfüllt sein. Die Definition muss vom Kind ausgehen und gleichzeitig den familiären Zusammenhang, sowie die Gesamtsituation des Haushaltes berücksichtigen. Dabei muss sie mehrdimensional und geeignet sein, um etwas über die Entwicklung und Teilhabechancen der betroffenen Kinder aussagen zu können. Kinderarmut liegt dann vor, wenn eine finanzielle Mangellage der Familie, nach definierten Armutsgrenzen vorliegt22. In den nachfolgenden Punkten möchte ich meine Argumentation, auf das in der AWO-ISS- Studie entwickelte kindbezogene Armutskonzept und die in der Studie herausgearbeiteten Ergebnisse stützen.

[...]


1 (vgl. Holz 26/2006, S.3)

2 (vgl. Zander 2010a, S.93)

3 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006 S.21)

4 (vgl. Zander 2010b, S.142-143)

5 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.18-23)

5 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.32-33)

6 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.37)

7 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.51)

8 (vgl. Benz 2008, S.388)

9 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.52)

10 (vgl. Benz 2008, S.388)

11 (Statistisches Bundesamt, Auswertung des Mikrozensus 2004) 12 (vgl. Vierter Armuts- und Reichtumsbericht 2013, S.100)

13 (vgl. Vierter Armuts- und Reichtumsbericht 2013, S.232)

14 (vgl. Fox 2002, S.30)

15 (vgl. Vierter Armuts- und Reichtumsbericht 2013, S.232)

16 (vgl. Fuhr 7/2012, S. 562)

17 (vgl. Fuhr 7/2012, S. 551-552)

18 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.52)

19 (vgl. Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 03/2013, S.80)

20 (vgl. Wustmann Seiler 2012, S.20)

21 (vgl. Reichwein 2010, S. 45-46)

22 (vgl. Holz, Richter, Wüstendörfer, Giering 2006, S.34)

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668476837
ISBN (Buch)
9783668476844
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370186
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
2,3
Schlagworte
kinderarmut deutschland bedeutung resilienzförderung entwicklung

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