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Stärken und Defizite von Evaluationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Konfliktgebieten. Am Beispiel Afghanistan

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 22 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ) Einleitung

2. ) Evaluationen im Kontextvon Konfliktgebieten
2.1) Evaluation in der Entwicklungszusammenarbeit
2.2) Evaluationspraxis in Konfliktgebieten
2.3) Empfehlungen an Evaluationen im Konfliktkontext

3. ) Fallbeispiel: Die deutsche Intervention in Afghanistan
3.1) Überblick über den Konflikt in Afghanistan
3.2) Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan

4. ) Analyse der Evaluationspraxis der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan
4.1) Überblick über die Evaluationspraxis
4.2) Die Evaluationen des DEval-Reviews
4.3) Die Evaluation des SFP 700

5. ) Schlussbemerkung

6. ) Abkürzungsverzeichnis

7. ) Literatur- und Abbildungsverzeichnis

1) Einleitung

Mit Beginn der 1990er Jahre legte sich einer der Hauptschwerpunkte der internationalen Entwicklungs­zusammenarbeit (EZ) auf friedenssichernde und staatsaufbauende Maßnahmen (Peace- und Statebuilding) innerhalb fragiler Staaten, ging dabei nicht selten mit militärischen Interventionen einher und agierte in hoch politisierten Kontexten (Zupan 2005: 50). Daher war auch der auf diesen Missionen lastende politische Druck und das öffentliche Interesse an der Frage, inwieweit diese Arbeit sinnvoll und effektiv war, oft um ein Vielfaches höher als in anderen EZ-Gebieten (Spurk 2008: 11). Hier kam allerdings das Problem auf, dass die Evaluation, also das Werkzeug, das eben den Erfolg bzw. die Wirkung der EZ messen soll, in seiner seither angewendeten Form nur bedingt für Konfliktkontexte geeignet war - bis heute wird häufig die Kritik geäußert, dass kaum wissenschaftliche Bestätigungen für die Wirksamkeit bisher geleisteter Peacebuilding- projekte existieren (Church 2008: 3) und bis heute besteht eine recht ergebnisreiche Debatte innerhalb der Wissenschaft und der EZ-Community, wie eine aussagekräftige Evaluation im Kontext von Konflikten aussehen kann (Bush et al. 2013: 3).

Die vorliegende Hausarbeit hat das Ziel, die in dieser Debatte bisher erreichten Ergebnisse in Form von Empfehlungen an Evaluationen im Konfliktkontext zusammenzufassen und auf die deutsche Evaluati­onspraxis innerhalb der EZ am Fallbeispiel Afghanistan anzuwenden - es soll also untersucht werden, inwieweit die bisher dort durchgeführten Evaluationen den wissenschaftlichen Anforderungen genügen, um nutzbare Ergebnisse zu erzielen. Eine derartige Untersuchung ist in diesem Fall besonders relevant, da gerade die Sinnhaftigkeit der deutschen Mission in Afghanistan sowohl in militärischer als auch entwick­lungspolitischer Hinsicht in der öffentlichen Diskussion aufgrund vermeintlich fehlender Erfolge immer wieder stark angezweifelt wurde (Tettweiler 2011: 12). Daher stellt sich hier die Frage, welche Rolle die bisherigen Evaluationen in dieser Diskussion spielen und welchen Beitrag sie in Zukunft leisten können.

Um das Thema zu bearbeiten, soll im zweiten Kapitel der Arbeit der Begriff der Evaluation im Allgemeinen vorgestellt und gezeigt werden, welche Rolle er im EZ-Kontext und dort wiederum innerhalb fragiler Staaten spielt. Auf Grundlage dessen werden vier der am häufigsten in der aktuellen, relevanten Literatur genannten Charakteristika von bzw. Empfehlungen an Evaluationen im Konfliktkontext erarbeitet. Im dritten Kapitel wird ein grober Überblick über das Fallbeispiel in Form einer Konfliktanalyse und einer Darstellung der bisherigen EZ-Maßnahmen[1] in Afghanistan gegeben, um schließlich im vierten Kapitel die bis 2014 durchgeführten, Afghanistan betreffenden Evaluationen anhand der vier Empfehlungen zu analysieren und zu untersuchen, welche Stärken und welche Defizite die deutsche Evaluationspraxis in diesem Feld noch aufweist. Darauf folgt eine die Ergebnisse zusammenfassende Schlussbemerkung.

Zur Bearbeitung des Themas wurde vor allem auf Literatur der Politikwissenschaft und Evaluations­forschung, sowie öffentlich zugängliche Dokumente und Berichte der angesprochenen EZ-Akteure (u.a. OECD/DAC, BMZ) zurückgegriffen.

2) Evaluationen im Kontext von Konfliktgebieten

2.1) Evaluation in der Entwicklungszusammenarbeit

Evaluation als vergleichsweise junges, ursprünglich sozialwissenschaftliches Analysewerkzeug wurde erstmals in den 1930er Jahren in den USA eingesetzt, hat sich jedoch erst in den vergangenen zwanzig Jahren in den verschiedensten Bereichen der Politik und Wirtschaft sehr breit etabliert (Stockmann und Meyer 2014: 16, 30). In diesem Zusammenhang herrscht eine sehr unübersichtliche und unterschiedliche Nutzung des Begriffs, der auch innerhalb des wissenschaftlichen Spektrums immer wieder stark debattiert wird (ebd.: 72). Da an dieser Stelle diese Debatte nicht dargestellt werden kann, soll als Begriffserklärung die offizielle Definition der Deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval)[2] genutzt werden:

„Evaluation ist die systematische Untersuchung des Nutzens oder Wertes eines Gegenstandes. Solche Evaluationsgegenstände können z.B. Programme, Projekte, Produkte, Maßnahmen, Leistungen, Organisationen, Politik, Technologien oder Forschung sein. Die erzielten Ergebnisse, Schlussfolgerungen oder Empfehlungen müssen nachvollziehbar auf empirisch gewonnenen qualitativen bzw. quantitativen Daten beruhen". (DeGEval 2008: 15)

Ähnlich dessen definiert die OECD Evaluationen, zugeschnitten auf die EZ, als „systematic and objective assessment of a programme or policy, its design, implementation and results" (OECD 2002). In der EZ stehen nach Vorgaben des Development Assistance Committee (DAC)[3] dabei fünf Untersuchungskriterien im Vordergrund: Relevanz, Effektivität, Effizienz, Wirkung und Nachhaltigkeit (BMZ 2006: 2).

Ziele einer Evaluation sind daher vor allem, aus deren Ergebnissen a) eine Erkenntnis zu ziehen, d.h. herauszufinden, inwieweit das Programm/Policy die oben genannten Kriterien erfüllt, um daraus Steuerungsentscheidungen für diese abzuleiten; b) einen Lerneffekt zu erzielen, d.h. aus den gewonnen Erkenntnissen Schlüsse für zukünftige Programme/Policies zu ziehen bzw. diese zu verbessern; c) die eigene Arbeit kontrollieren zu können, d.h. zu untersuchen, ob alle Mitarbeiter ihren Aufgaben nachkommen und ob das Programm gemäß seines Konzepts umgesetzt wird; d) eine Legitimität nach außen zu erreichen, d.h. vor allem der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit nachzuweisen, wie effizient die Geldmittel verwendet wurden und wie wirkungsvoll die Ergebnisse im Endeffekt waren (Stockmann 2004: 3/4).

Die Zugänge und Methoden von Evaluationen sind schon in der Theorie äußerst vielfältig, werden in der Praxis der EZ jedoch häufig noch viel unübersichtlicher angewandt. Unterscheidbar sind hier hauptsäch - lich drei Dimensionen: der Zeitpunkt der Evaluation in Bezug zum Programmverlauf (z.B. ex ante - davor; mid-term - währenddessen; ex-post - danach); die Verortung der Evaluation zwischen Selbst- und Fremdevaluation (Evaluatoren stammen aus der eigenen oder einer fremden Institution); und der methodi­sche Ansatz zwischen qualitativen und quantitativen Instrumenten (die Spannweite reicht von experimentellen Designs bis zu partizipativen Ansätzen) (ebd.: 5, 8, 13, 15).

Praktisch haben alle staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen der EZ eigene Evaluierungs­einheiten oder -beauftragte, die die oben genannten Dimensionen jeweils eigenständig anwenden und gewichten (Zintl 2009: 245/246). Natürlich wird sich dabei, und das in den letzten Jahren immer verstärkter, an den offiziellen Evaluationsrichtlinien des DAC (OECD 2010) orientiert, auch findet seit den 2000er Jahren eine immer stärkere Harmonisierung der Methodenansätze innerhalb und zwischen den Organisationen statt (Zintl 2009: 253). Doch wissenschaftliche Analysen und Untersuchungen der Evaluationen von Seiten der Evaluationsgesellschaften zeigen immer wieder, dass die Evaluationspraxis in Deutschland noch starke Defizite aufweist (Stockmann 2002: 139; Borrmann/Stockmann 2009: 17). Kritisiert wird hier neben „enormer institutioneller, konzeptioneller, terminologischer und methodischer Heterogenität" (Borrmann/Stockmann 2009:17) insbesondere eine mangelhafte Datenerhebung und qualitativ minderwer­tige Anwendung wissenschaftlicher Methoden (Faust 2010: 1; Zintl 2009: 253).

2.2) Evaluationspraxis in Konfliktgebieten

Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem häufigerem Auftreten asymmetrischer, innerstaatlicher Kriege und Konflikte seit Anfang der 1990er Jahre rückte das Arbeitsfeld der fragilen Staaten und damit auch die Agenda des Peace- und Statebuildings immer stärker in den Fokus der internationalen EZ (Zupan 2005: 50; Grävingholt et al. 2012: 8). Im Zuge dessen kam in der Evaluationsforschung die Frage auf, inwieweit die gängigen Evaluationsmethoden noch auf Projekte im Kontext von Konflikten anwendbar seien und inwieweit sie an diese speziellen Gegebenheiten angepasst werden müssten (Scharbatke-Church 2011: 468; Bush und Duggan 2013: 5, 10). Bevor auf diese Debatte eingegangen werden kann, sollen in knapper Form der Begriff „fragiler Staat", sowie die Konzepte Peace- und Statebuilding näher erläutert werden.

Eine eindeutige Definition des Begriffs „fragiler Staat" existiert weder auf wissenschaftlicher noch politischer Ebene (Grävingholt et al. 2012: 5) - eine Zuordnung findet daher über verschiedene Indizes (z.B. Human Development Index, Corruption Perception Index) oder über Zuschreibung qualitativer Merkmale statt (Browne 2007: 3 f.). So weist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fragilen Staaten „substanzielle Defizite" in den Bereichen „Gewaltmonopol/funktionie­rende Herrschaft, Legitimität und Erbringung staatlicher Grundleistungen" (BMZ 2013: 31) zu. Die OECD fügt hinzu, dass fragile Staaten die Millennium Development Goals (MDG)[4] nicht erreichen und führt in ihrem Report aus dem Jahr 2014 daraufhin 51 Länder auf (OECD 2014: 2, 13)[5]. Der Großteil dieser Länder befindet sich in einem Konflikt- oder Post-Konfliktstatus und kann der eigenen Bevölkerung die grundlegenden Menschenrechte nicht gewährleisten, was wiederum physische und/oder strukturelle Gewalt in verschiedenen Bereichen zur Folge hat (WincklerAndersen und Kennedy-Chouane 2014: 3).

Peacebuilding als Agenda für Interventionen in konfliktbelasteten Staaten wurde innerhalb der OECD ab den 1990er Jahren stark propagiert und hat das eher kurzfristige Ziel „to prevent an outbreak or a return to violence and supporting peace processes in society" (Grävingholt et al. 2012: 8). Statebuilding wiederum entstand wenige Jahre später und setzt quasi als folgende Stufe des Peacebuildings an, da hier das Ziel ist, durch längerfristiges Engagement funktionierende und effektive Staatsstrukturen zu schaffen und damit den Fragilitätszustand Stück für Stück zu beenden (Grävingholt et al. 2012: 8). Die beiden Konzepte werden meist im Zusammenhang genannt und wurden durch diverse Verträge, Policy Dokumente und Institutionen von Seiten der OECD[6] zu einem der Hauptschwerpunkte des internationalen Engage­ments[7] in fragilen Staaten gemacht (Church 2008: 3; BMZ 2013: 5).

Da internationale Organisationen im Bereich Peace- und Statebuilding zu Beginn der 1990er Jahre kaum Erfahrungen vorweisen konnten, waren sie praktisch gezwungen, die passenden Methoden zu deren Umsetzung auszuprobieren, und danach zu entscheiden, „'what works' and 'what doesn't'" (Winckler Anderson und Kennedy-Chouane 2014: 2). Gerade im Bereich der Entwicklungshilfe wurde schnell deutlich, dass einige Ansätze Konflikte eher verstärkten als zum Frieden beizutragen: „There was growing evidence of the complex interplay between failed development strategies, the impact of globalization, the expansion of global criminal networks, and civil wars" (Tschirgi 2003: 7). Um dem entgegenzuwirken, entstanden erste Evaluationswerkzeuge, die direkt auf den Konfliktkontext zugeschnitten waren, beispielsweise das Do-no­harm-Framework von Mary B. Anderson[8], durch das analysiert werden kann, inwieweit ein Entwicklungs­programm konfliktverstärkende oder konfliktlösende Kapazitäten besitzt (Anderson 1996; Zupan 2005: 51). Auch wurde der Ansatz immer populärer, die bisherige Evaluationspraxis in der EZ auf die Gegebenheiten der Kontexte fragiler Staaten und gewaltsamer Konflikte zu transformieren (Winckler Anderson und Kennedy-Chouane 2014: 2), da diese insbesondere durch die folgenden Merkmale die Planung und Umsetzung der Evaluationen beeinflussen: Eine für alle Beteilgten gefährliche, teils lebensbedrohliche Umgebung; eine komplexe, hoch politisierte Situation zwischen verschiedenen (Konflikt-)Parteien; schwache oder nicht-existente staatliche Institutionen; Entwicklungshilfe, die meist ein Teil einer größeren politischen Agenda (z.B. war on terror) ist (ebd.: 4). Im Zuge dessen entstanden in den vergangenen Jahren verstärkt Versuche im wissenschaftlichen wie praktisch entwicklungspolitischen Bereich, die Evaluations- praxis im Kontext von Konflikten auszubauen, deren Defizite durch zahlreiche vergleichende Analysen aufzu­zeigen und durch verschiedene Leitfäden zu verbessern (ebd.: 7; Scharbatke-Church 2011: 461 f.; OECD 2012; DFID 2014). Trotzdem kritisieren einige Autoren, dass die aktuellen Evaluationen immer noch bedeutende Schwächen aufweisen - dass sie insbesondere starke qualitative Mängel in Methodik und praktischer Datenerhebung zeigen, sowie kaum präzise und nutzbare Ergebnisse für einen systematischen Lerneffekt liefern können (Church 2008: 4; OECD 2012: 7; Kennedy-Chouane 2013: 110). Im folgenden soll daher ein Überblick über die daraus abgeleiteten wichtigsten Empfehlungen dieser Autoren an Evaluationen im Konfliktkontext gegeben werden, um sie später auf das Fallbeispiel anzuwenden.

2.3) Empfehlungen an Evaluationen im Konfliktkontext

Im Jahr 2012 veröffentlichte das DAC das Richtliniendokument Evaluating Peacebuilding Activities in Settings of Conflict and Fragility (OECD 2012). Die darin genannten Empfehlungen an Evaluationen wurden schon zuvor, aber auch danach im wissenschaftlichen Bereich teilweise ähnlich aufgestellt bzw. befürwortet. Die wichtigsten und von den meisten Autoren geteilten Punkte lauten wie folgt:

(1) Als Basis einer Evaluation sollte eine umfassende Konfliktanalyse durchgeführt werden. Diese dient zur Analyse, ob das zu evaluierende Programm konfliktsensibel gearbeitet und inwieweit es den Konflikt gemäß seinem Ziel bearbeitet hat (woraus sich wiederum Evaluationsfragen ableiten lassen). Weiterhin dient sie zur Einschätzung der eigenen Konfliktsensibilität (u.a. Spurk 2008: 14; Scharbatke- Church 2011: 469; OECD 2012: 34 f.; Broegaard et al. 2014: 21 f.; DFID 2014: 11).
(2) Während der Evaluation sollte unter allen Umständen konfliktsensibel gearbeitet werden. Dies bedeutet ,,a) [to] understand the context in which it is operating, b) [to] understand the interaction between the intervention and that context, and c) [to] act upon that understanding in order to avoid negative impacts and maximise positive impacts on the conflict" (OECD 2012: 35). Die Mehrzahl der Autoren betrachtet die Konfliktsensibilität als größte ethische Pflicht und Verantwortung der Evaluatoren (u.a. Scharbatke-Church 2011: 467; Bush et al. 2013: 3; Broegaard 2014: 24 f.; DFID 2014: 16).
(3) Die Evaluation sollte theoriebasiert stattfinden und hier vor allem analysieren, welche Theory of Change (ToC)[9] dem Programm zugrunde liegt, um herauszufinden, ob diese a) auf die Konfliktanalyse aufbaut; b) konfliktsensitiv konzipiert ist; c) die Annahme wissenschaftlich geprüft, die Handlungen korrekt ausgeführt und das Ziel der Agenda entsprechend angepasst ist (u.a. Chigas und Woodrow 2008: 20 f.; Church 2008: 3; OECD 2012: 9, 58 f.; Broegaard 2014: 19 f.; DFID 2014: 13).
(4) Die Methoden sollten flexibel und robust auf ständig wechselnde und komplexe Situationen eingestellt sein; eine Balance zwischen kontextsensibler, aber gleichzeitig mit anderen Evaluationen vergleichbarer Konzeption finden; sowie in Form eines Mixed-Methods-Ansatzes möglichst quantitative und qualitative Instrumente einbinden, um die jeweiligen Schwächen auszugleichen (Grävingholt et al. 2012:16; OECD 2012: 49 f.; Bush und Duggan 2013: 21; Esser und Vanderkamp 2013: 45; DFID 2014: 21).

3.) Fallbeispiel: Die deutsche Intervention in Afghanistan

3.1) Überblick über den Konflikt in Afghanistan

Im folgenden sollen grob die Hauptdimensionen des aktuellen Konflikts seit 2001 und des fragilen Zustands In Afghanistan vorgestellt werden. Grundsätzlich ist zu sagen, dass es sich um einen höchst komplexen Konflikt mit einer großen Anzahl an miteinander verwobenen Akteuren und weit über politische Dimensio­nen reichende Konfliktfaktoren handelt, und dass die wissenschaftlichen Literatur beim Versuch, diesen Konflikt zu erklären, immer noch eine Reihe von Leerstellen aufweist (Giustozzi 2012: 3).

Die Ursprünge des heutigen Konflikts können in erster Linie historisch analysiert werden: Eine Vorstufe des anti-staatlichen Widerstands formte sich bereits im 19. Jahrhundert im Rahmen der gewaltsame kolonialistische Herrschaft der Briten, sowie zusätzlicher Kolonialinteressen Russlands (Giustozzi 2012: 8). Der eigentliche Konfliktzustand und die Entwicklung des Staatszerfalls bis heute setzte 1978 mit dem Putsch der kommunistischen Demokratischen Volkspartei und der 1979 folgenden zehn Jahre andauernden sowjetischen Invasion sowie deren Bekämpfung durch eine Vielzahl unterschiedlicher Mudschaheddin-Gruppierungen ein. Nach deren Abzug im Jahr 1989 und dem folgenden Zerfall der Sowjetunion entwickelte sich ein Bürgerkrieg zwischen den stark gespaltenen Oppositionsgruppen und aufsteigenden Warlords, in dem sich die Taliban unter dem Einfluss von al-Qaida schnell etablieren, 1996 Kabul besetzen und eine De-Facto-Regierung errichten konnten (Schetter 2012). Vier Wochen nach den Anschlägen von 9/11 intervenierte schließlich die International Security Assistance Force (ISAF), zusammen­gesetzt aus 34 Staaten unter US-amerikanischer und britischer Führung, um das Taliban-Regime zu stürzen und eine Übergangsregierung zu schaffen. Seitdem herrscht der andauernde Konflikt zwischen der von westlichen Kräften eingesetzten und unterstützten Regierung und der zeitweise zurückgedrängten, doch beständig aktiven Taliban und anderen islamistischen Gruppierungen (Shahzad 2010: 192).

Diese aktuelle Konfliktphase wird durch folgende conflict driver genährt: Als Hauptgrund der Instabilität gilt die schwache Regierungsführung, die unter anderem den Effekt extrem schlechter Gesund­heitsversorgung und Bildungseinrichtungen mit sich bringt (Giustozzi 2012: 27). Zu nennen sind hier insbesondere eine hohe Korruptionsrate und die Besetzung von (Regierungs-)Beamtenposten aufgrund von Patronagenetzwerken und Klientelbeziehungen. Die vor allem in den südlichen Regionen eingesetzten, die Taliban bekämpfenden lokalen Führer (Strongman) verfügen meist über größere Privatarmeen, die zwar Teile der staatlichen Armee stellen, sich jedoch auch gegenseitig bekämpfen und versuchen, ihre lokale Kontrolle auszuweiten (Giustozzi 2012: 29). Zusätzlich existieren im ländlichen Raum eine unbestimmte Anzahl unabhängiger Stämme bzw. Communities, die sich zum „Hauptkonflikt" individuell neutral oder auch parteiisch (pro oder kontra Taliban) verhalten, teilweise über Milizen oder Bürgerwehren verfügen und sich nicht selten im Konflikt miteinander befinden (Giustozzi 2012: 35).

[...]


[1] EZ meint in dieser Hausarbeit aufgrund des begrenzten Rahmens, wenn nicht anders angegeben, ausschließlich die staatliche EZ. Die Arbeit deutscher Nichtregierungsorganisationen bleibt also unberücksichtigt.

[2] Im Zuge der Etablierung der Evaluationspraxis haben sich weltweit zahlreiche Evaluationsgesellschaften gegründet, die in einem erheblichen Maß zur professionellen und wissenschaftlichen Anwendung des Instruments beitragen, indem sie unter anderem evaluierende Institutionen beraten und Evaluationsrichtlinien herausgeben (Stockmann und Meyer 2014: 50). Die DeGEval ist eine der führenden Evaluationsgesellschaften in Deutschland.

[3] Das DAC ist der Ausschuss, der innerhalb der OECD für Entwicklungshilfe zuständig ist.

[4] Die Millennium Development Goals (MDG) wurden im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen als Agenda der internationalen Politik im 21. Jahrhundert, speziell für der Entwicklungszusammenarbeit, aufgestellt und beinhalten unter anderem die Bekämpfung der Armut und den Schutz der Menschenrechte (BMZ 2015a)

[5] Im wissenschaftlichen Diskurs werden derartige Listenaufstellungen nicht selten aufgrund ihrer Oberflächlichkeit und Eindimensionalität kritisiert und alternative, multidimensionale Ansätze erstellt (u.a. Grävingholt et al. 2012: 4 f.), die hierjedoch aufgrund des begrenzten Rahmens nicht vorgestellt werden können.

[6] Als einer der wichtigsten aktuellen Verträge ist hier der „New Deal for Engagement in Fragile States" aus dem Jahr 2011 zu nennen, der zwischen der g7+ Gruppe (zusammemgesetzt aus 19 fragilen Staaten) und internationalen Organisationen, moderiert von der OECD, auf dem Fourth High Level Forum of Aid Effectiveness in Busan geschlos­sen wurde. Er basiert auf fünf „Peacebuilding and Statebuilding Goals" (PSGs), durch deren Umsetzung sich den MDG angenähert werden soll (Grävingholt et al. 2012: 1; OECD 2011: 1).

[7] Ein solches Engagement findet sektorübergreifend statt, d.h. neben Entwicklungshilfe werden hier militärische Interventionen und politische Verhandlungen eingesetzt. Dies bedeutet beispielsweise für Deutschland eine engere Zusammenarbeit zwischen dem BMZ, dem Auswärtigen Amt (AA) und dem Bundesverteidigungsministerium.

[8] Die dabei entstandene Wendung „Do no harm" steht in der EZ nun verallgemeinert für das Prinzip des konfliktsen­siblen Handelns, also der Vermeidung von konfliktverstärkendem Verhalten während der EZ (BMZ 2013:19).

[9] ToC meint die einem Programm zugrunde liegende Annahme, welche Handlungen in Form von EZ durchgeführt werden müssen (Input), um zu welchen kurz-, mittel- und langfristigen Effekten und Wirkungen ( Output, Outcome, Impact) zu gelangen, um wiederum die übergeordneten strategischen Ziele zu erreichen (OECD 2012: 58 f.).

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668475984
ISBN (Buch)
9783668475991
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369959
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Evaluation Entwicklungszusammenarbeit EZ GIZ KfW Afghanistan Konflikt

Autor

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Titel: Stärken und Defizite von Evaluationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Konfliktgebieten. Am Beispiel Afghanistan