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Verwundbarkeit als Waffe. Die Bedeutung von "human shielding" als Körpertechnik im Gazakonflikt 2014

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 24 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Das Konzept der „human weapon“
2.2 „Human shields“
2.3 Foucaults Konzept der Biopolitik

3. „Operation Protective Edge“ in Gaza 2014
3.1 Konfliktkontext
3.2 Konfliktverlauf
3.3 Einsatz von „human shields” im Konflikt

4. Machtpolitische Dimensionen im Kontext von „human shields“
4.1 Normative Ordnungen
4.2 Narrative
4.3 Repräsentationen
4.4 Zusammenfassende Deutung

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit über 2000 toten palästinensischen Zivilisten stellt die 50-tägige Militäroperation „Protective Edge“, die der Staat Israel gegen die Terrororganisation Hamas im palästinensischen Autonomiegebiet des Gazastreifens im Jahr 2014 durchführte, eine weitere blutige Zäsur des andauernden israelisch-palästinensi- schen Konflikts dar (ICT 2014). International kontrovers diskutiert wurde dabei der Einsatz von „human shields“ durch die Konfliktparteien und die daraus folgenden hohen Opferzahlen von Zivilisten (Gustafson 2016). Die Debatte darüber erklärt sich vor allem aus der Technik des „human shieldings“ selbst: sie funktioniert allein durch die Anwesenheit eines unbewaffneten menschlichen Körpers, der in einem Kampfgeschehen als schützender „Schild“ fungiert. Gerade durch die fehlende Bewaffnung und der eventuell unfreiwilligen Anwesenheit, aber gleichzeitigen Einbindung ins Kampfgeschehen sind Status, Rechtmäßigkeit und ein daraus ableitbarer Umgang mit einem „human shield“ höchst unklar, was die Körpertechnik zu einem hochpolitischen Phänomen macht (Gordon und Perugini 2016: 169).

Eine analytische Perspektive auf den menschlichen Körper als von politischen Machtprozessen vereinnahmtes, überwachtes und reguliertes Subjekt wird durch die körperethnologische Kategorie der „body politics“ möglich gemacht, die von Scheper-Hughes und Lock mit Rückbezug auf Foucaults Ansatz der Biopolitik konzipiert wurde (Scheper-Hughes und Lock 1987: 8). Ausgehend von einer solchen Perspek- tive soll in dieser Arbeit analysiert werden, auf welche Weise die Körpertechnik des „human shieldings“ im Sinne einer „human weapon“ (Bargu 2014: 14 ff.) von Machtinstanzen genutzt wird und in ihre jeweilige Interessenlogik eingebunden ist. Eine solche Analyse soll zeigen, in welchen jeweils kulturell unterschied- lichen Dimensionen der machtpolitische Zugriff auf den Körper, in diesem Fall im Kontext einer Körper- technik, erfolgen kann und in welche komplexen Interessensgeflechte dieser damit eingebunden ist. Das Fallbeispiel des Gazakonflikts 2014 ist im ethnologischen Sinne besonders aufschlussreich, da hier zwei Konfliktakteure aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten aufeinandertreffen.

Als Grundlage dieser Untersuchung werde ich im zweiten Kapitel einen theoretischen Überblick über das Konzept der „human weaponization“ und das damit verbundene „human shielding“ im Kontext des ethnologischen Verständnisses von „body politics“ und hier insbesondere Foucaults nsätze von Macht und Biopolitik geben. Im dritten Kapitel beschreibe ich knapp das zugrundeliegende Fallbeispiel des Gazakonflikts 2014 mit seinem Konfliktkontext, dem Konfliktverlauf, sowie den spezifischen Einsatz von „human shields“ durch die beiden Konfliktakteure. Das vierte Kapitel nutze ich schließlich für die ausführliche Analyse der Einbindung bzw. Nutzung von „human shields“ im Kontext der verschiedenen machtpolitischen Interessen innerhalb des Konflikts, wobei ich mich in akteursvergleichender Form auf normative Ordnungen, Narrative und Repräsentationen als relevante Dimensionen konzentriere, um im fünften Kapitel schließlich meine Analyseergebnisse zusammenzufassen.

2. „Human shielding“ als Körpertechnik

2.1 Das Konzept der „human weapon“

Durch welche Mechanismen wird der menschliche Körper zum Subjekt politischer Prozesse? Diese Frage stellen Scheper-Hughes und Lock mit ihrem vorgeschlagenen analytischen Werkzeug „body politics“, dem dritten der „three bodies“, mit denen sie versuchen, die verschiedenen Zugänge zum menschlichen Körper innerhalb der Medizinethnologie, aber auch in Hinblick auf die philosophischen und anthropologischen Ansätze der letzten Jahrzehnte zu kategorisieren und dadurch als Analysewerkzeug nutzbar zu machen (Scheper-Hughes und Lock 1987: 7 f.). In den „body politics“ drückt sich ihrem nsatz nach der Zugriff der Gesellschaft oder des Staates sowohl auf den individuellen als auch sozialen Körper des Menschen aus, die wiederum die beiden ersten Analysekategorien ausmachen. Der Körper als Zugriffspunkt politischer, das heißt gesellschaftlich bzw. staatlich bestimmter Prozesse wird hier, in Anlehnung an Foucaults Konzept der Biopolitik, bestimmten Mechanismen der Regulierung, Überwachung, Kontrolle und Disziplin unterwor- fen, die sich kulturell äußerst verschieden ausdrücken können (ibid.: 23 ff.).

Beim Phänomen der „human weapon“ offenbaren sich diese Mechanismen auf besondere Weise, da der Körper hier direkt als Instrument genutzt wird, um diese umzusetzen oder auch sie zu bekämpfen, wie die Ethnologin und Politikwissenschaftlerin Banu Bargu in ihrer Definition ausdrückt:

„By the weaponization of life, I refer to a tactic of resorting to corporeal and existential practices [͙΁, in order to make a political statement or advance polititcal goals. I coin the term human weapons to designate the actors who forge their lives into weapons of political struggle by a resort to self-destructive techniques.” (Bargu 2014: 14)

In ihrer vielbeachteten politischen Ethnographie zu Hungerstreikenden in türkischen Gefängnissen (Bargu 2014) weist sie auf das Paradox hin, dass die Existenz des zur Waffe gewordenen Körpers zwar als Vermitt- ler des politischen Ziels dient, aber oft erst durch seine Zerstörung bzw. Tötung, also der einzutretenden Nicht-Existenz des Körpers seine volle politische Artikulation oder Wirkung entfaltet (ibid.: 16). Um diesen absoluten Einsatz der Existenz, mit Giorgio gamben gesprochen die Hingabe des „nackten Lebens“ (Agamben 2011) zu verstehen, folgt sie Foucaults Konzept der Biopolitik und richtet ihre Analyse damit auf die „nature of power relations in which life becomes an object, a target, an objective in response to which death, and especially self-inflicted death, becomes constituted into a distinct site and form of resistance“ (Bargu 2014: 25). Nach Bargu ist daher der Widerstand, der sich im gieren als „human weapon“ zeigt, die totale Form der Ablehnung gegenüber der Dominierung der Macht über Leben und Tod durch den moder- nen Staat (Bargu 2014: 27).

2.2 „Human shields“

Im Vergleich zu Selbstmordattacken, Selbstverbrennungen oder Hungerstreiks, die Bargu als Arten der „human weapon“ nennt (ibid.: 15), konstituiert sich die Wirkung des „human shields“ allein aus der bloßen, Anwesenheit des menschlichen Körpers eines Zivilisten. Diese Anwesenheit hat in erster Linie eine Schutzfunktion, wie der Politikwissenschaftler Neve Gordon und der Ethnologe Nicola Perugini in ihrer Definition bemerken, in der human shielding als Situationen beschrieben werden, in denen „civilian bodies acquire a protective function in the midst of fighting; willingly or unwillingly these bodies are transformed into a technology of warfare - in the Foucauldian (1988) sense whereby technology can be a form of human action - and, like inanimate shields, they embody a dialectic between offense and defense.“ (Gordon und Perugini 2016: 169)

Doch diese Schutzfunktion kann laut Bargu nur in kontextueller Verbindung mit drei verschiedenen Mitteln erzielt werden, auf die die nicht-kämpfende Anwesenheit eines Körpers symbolisch verweist und sie gleichzeitig in Anspruch nimmt: Moral, d.h. der ppell, einen unbewaffneten, „unschuldigen“ Menschen nicht anzugreifen; Internationales Humanitäres Recht, das zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheidet und letztere auf besondere Weise schützt; und Humanität als Wert an sich, mit der immanenten Forderung, die Gewalt bzw. den Krieg zu beenden (Bargu 2015: 4 ff.)1.

Nach Gordon und Perugini lassen sich diese Mittel auf das einfache Prinzip der Verwundbarkeit vereinen: „[͙΁ vulnerability itself becomes the means of protection. [͙΁ In this sense, the politics of human shielding is fundamentally a politics of vulnerability” (Gordon und Perugini 2016: 169). Daraus folgend begreifen sie „human shielding” in zwei Dimensionen: Einerseits dient es im Sinne Bargus als Technik der „Schwachen”, oft im Kontext von Widerstand oder humanitärem Aktionismus. Andererseits kann es ebenso als Technik der „Starken“ (bzw. der „souveränen Macht“ (Foucault 1977: 162)) dienen, durch die Zivilisten zu legitimen Zielen von Gewalt gemacht werden (Gordon und Perugini 2016: 172). Beide Dimen- sionen spiegeln sich in den Bedeutungsebenen des im Folgenden zu analysierenden Fallbeispiels.

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass der menschliche Körper, sobald er die Technik des „human shieldings“ freiwillig oder unfreiwillig anwendet und damit zu einer Form von Waffe wird, unweigerlich in den Kontext des Politischen eintritt. Als politischer Gegenstand befindet er sich in unmittelbar wirkenden Machtbeziehungen. Um die Wechselwirkungen zwischen Körpertechnik und politischer Macht zu analysieren, ist es wohl geradezu unumgänglich, Foucaults Konzeptionen als theoretischen Bezug hier noch einmal tiefgehender mit einzubeziehen.

2.3 Foucaults Konzept der Biopolitik

Wie in den oben genannten Ansätzen, die in der Ethnologie und an der Schnittstelle zwischen Ethnologie und Politikwissenschaft angesiedelt sind, deutlich wurde, sind Michel Foucaults Konzepte zu Macht und Biopolitik ein grundlegender Referenzpunkt bei der Analyse von Verbindungen zwischen Körper und Politik (Scheper-Hughes und Lock 1987: 8; Bargu 2014: 25; Gordon und Perugini 2016: 179). Obwohl Foucault streng genommen als Philosoph und Historiker einzuordnen ist (Lavagno 2011: 46 f.), ist seine Präsenz, wie Boyer ironisch bemerkt, „largely unparalleled in anthropology, almost to the point that, like oxygen, one takes his ethereal yet nourishing presence in everyday disciplinary life almost for granted” (Boyer 2003: 265). Doch Foucault gehört nicht nur zu den einflussreichsten postmodernen Denkern, durch deren Inspiration die Ethnologie selbst zu einer eigenen postmodernen Ausrichtung gefunden hat (Rabinow 1986: 234). Tatsächlich sah er sich selbst in bestimmten Phasen seines Schaffens als Ethnologie (Birkhan 2012: 47) - in dem Sinne, dass er versuchte, sich „außerhalb der Kultur, der wir angehören, zu stellen, um ihre formalen Bedingungen zu analysieren“ (Foucault 1967: 12). us einer derartigen, sein Werk durchzie- henden Perspektive erklärt sich, weshalb seine Ansätze für Ethnologen derart gewinnbringend sind. Sei- nem Erklärungspotential folgend möchte ich mich in der folgenden Analyse theoretisch vor allem auf Foucault beziehen, da seine Ansätze grundlegende Deutungsmöglichkeiten der Beziehung zwischen Kör- per und politischer Macht bereitstellen (Birkhan 2012: 34).

Mit Bezug auf diese Beziehung geht Foucault davon aus, dass sich vor allem in der westlichen Welt die souveräne Macht spätestens seit dem 18. Jahrhundert, unter anderem im Zuge der Industrialisierung, nicht mehr dadurch konstituiert, „sterben zu machen oder leben zu lassen“, sondern „leben zu machen oder in den Tod zu stoßen“ (Foucault 1977: 164). Die politischen Prozesse richten sich also vor allem da- rauf, das Leben der Bevölkerung zu sichern, zu erhalten und zu regulieren. Der Wert des individuellen Lebens steht über allem und wird dadurch zum Gegenstand ständiger Kontrolle. Der Tod wird im Gegenzug zum einzigen Moment, in dem sich das Individuum der Macht entziehen kann und dadurch auch wirksam rebellieren kann (ibid.: 168 ff.).

Macht ist für Foucault zwar kein exklusives Attribut bestimmter Institutionen, wie beispielsweise dem Staat. Im Gegenteil sind laut Foucault alle Individuen in einer Gesellschaft in Machtbeziehungen ein- gebunden - Macht ist hier also keine Eigenschaft an sich, sondern ein Begriff der Relation (Kneer 2012: 268). Doch dem Staat kommt aufgrund seiner legitimierten Herrschaft eine Art Überbaurolle über ver- schiedene die Bevölkerung regulierende Machtnetzwerke zu, durch die er seine eigene Machtstellung kon- stituiert (ibid.). In diesem Zusammenhang wendet der Staat Techniken an, die sich disziplinierend auf den individuellen Körper und regulierend auf die Gesamtheit der Körper der Bevölkerung auswirken (Foucault 1977: 170 f.). Die folgende Analyse wird zeigen, dass die Konstituierung der Macht aus Lebenserhaltung heraus durch die Technik des „human shieldings“ wirksam herausgefordert wird.

3. Operation „Protective Edge“ in Gaza 2014

3.1 Konfliktkontext

Der sogenannte „Nahost-Konflikt“, im Kern zwischen Israel und Palästina, gilt als einer der komplexesten und längsten international bedeutsamen Konflikte der letzten Jahrhunderte (Johannsen 2017: 1). Ursprünglich als Konflikt über Landbesiedlung wurde er im Laufe des 20. Jahrhunderts bis heute immer wieder neu aufgeladen mit religiösen, ethnischen, kulturellen und wirtschaftlichen Motiven, ohne dass die zahlreichen Versuche von Friedensschlichtungen Erfolg gebracht hätten (Allen 2008: 454 f.). Nach wie vor „dominieren im Konfliktverhalten der Parteien weithin die Regeln des Nullsummenspiels, wonach der Verlust der einen Seite den Gewinn der anderen darstellt“ (Johannsen 2017: 212).

Die 50-tägige Militäroperation „Protective Edge”, die von den Israel Defence Forces (IDF) im Juli 2014 gegen die Organisation Hamas im zum palästinensischen Autonomiegebiet zählenden Gazastreifen gestartet wurde, war die bisher letzte größere militärische Eskalation des Konflikts (ICT 2014; Bouris 2015: 111). Als unmittelbarer Konflikthintergrund lässt sich vor allem die Machtübernahme der Hamas im Gaza- streifen im Jahr 2007 und die darauffolgende Wirtschaftsblockade des Gebiets durch Israel ausmachen (Bouris 2015: 112 f.). Seit ihrer Gründung im Jahr 1987 agierte die Hamas innerhalb palästinensischer Ak- teure als radikal-islamistische Organisation in Opposition zur eher säkularen Palästinensischen Befreiungs- organisation (PLO) und später zur Fatah mit dem letztendlichen Ziel, das gesamte israelische Gebiet zu einem islamischen Staat zu machen. Mit diesem Ziel verübte sie immer wieder Gewaltakte, vor allem in Form zahlreicher Selbstmordattentate, und boykottierte diverse Friedensverhandlungen (Johannsen 2017: 141 ff.). Nach der innerpalästinensischen Wahl, in der die Hamas absolute Stimmenmehrheit errang, entwickelte sich im Gazastreifen eine Form von Bürgerkrieg mit dem politischen Gegner der Fatah, der schließlich zur Vertreibung letzterer aus dem Gazastreifen im Jahr 2007 führte (Baumgart-Ochse 2008: 33).

Seitdem galt für den ohnehin eher konservativ-nationalistisch eingestellten israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu das „West-Bank-First“-Prinzip. Während das palästinensische Gebiet der West Bank finanzielle und strukturelle Hilfe erhielt, verblieb der Gazastreifen in Isolation und wurde in Folge von Raketenbeschüssen von Seiten der Hamas in den Jahren 2008, 2012 und schließlich 2014 erneut zum Ziel israelischer Militäroperationen (Bouris 2015: 113).

3.2 Konfliktverlauf

Als direkter Konfliktauslöser der jüngsten Militäroperation wurde von Beobachtern vor allem die Entfüh- rung und Ermordung dreier jüdischer Teenager durch Mitglieder der Hamas im Juni 2014, sowie die da- rauffolgenden gewaltsamen Ausschreitungen während Hausdurchsuchungen und Festnahmen durch isra- elische Behörden im Westjordanland ausgemacht, die mit massivem Raketenbeschuss von Seiten palästi- nensischer Milizen auf israelisches Gebiet beantwortet wurden (Shamir 2015: 2). Als Reaktion darauf begannen die IDF schließlich, in einer ersten Phase als Luftangriff, in einer zweiten als Bodeninvasion, die Stellungen der Hamas anzugreifen (ICT 2014).

Grundsätzliches Ziel dabei war vor allem, den Schutz der israelischen Bevölkerung wiederherzustellen, die immer wieder dem Raketenbeschuss der Hamas ausgesetzt waren, sowie das weitläufige Tunnelnetzwerk der Hamas zu zerstören, das zu Bodenangriffen auf israelischem Gebiet diente. Ziel der Hamas wiederum war eine Aufhebung der 2007 verhängten Wirtschaftsblockade. Weiterhin forderte die Hamas unter anderem die Freilassung von politischen Gefangenen, den Abzug israelischer Panzer aus der Grenzregion, sowie eine Ausweitung der genehmigten Fischerzone und eine Unterstützung im wirtschaftlichen Aufbau des Gazastreifens (ICT 2014; Bouris 2015: 113).

Insgesamt wurde der Konflikt, ähnlich wie die vorangegangenen Militäroperationen, international äußerst kontrovers bezüglich der Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit von diversen Kampfhandlungen und Verhaltensweisen beider Akteure debattiert (Amnesty International 2015; Joronen 2015). Hierbei wurde Israel vor allem aufgrund der hohen Opferzahlen von palästinensischen Zivilisten (insgesamt 67 Prozent aller dokumentierten Toten des Konflikts) kritisiert (Bouris 2015: 111; Hajjar 2016), wohingegen der Hamas der ständige Bruch des internationalen Kriegsrechts vorgeworfen wurde, da diese unter ande- rem kaum Waffenstillstandsabkommen eingehalten hatten (ICT 2014; Gustafson 2016). Viele Kommenta- toren sahen die Schwierigkeiten in der Bewertung des Konflikts vor allem in seiner asymmetrischen Form, da hier staatliche Streitkräfte gegen eine von westlichen Staaten als Terrorgruppe eingestufte politische Organisation, aufgespalten in eine Vielzahl kleinerer Milizen, kämpfte. Dazu fanden die Kampfhandlungen in einem äußerst begrenzten, städtischen und bevölkerungsreichen Gebiet statt (White 2014; Shamir 2015: 6 f.; Gustafson 2016).

3.2 Einsatz von „human shields“ im Konflikt

Bei der Frage, ob oder inwieweit „human shields“ in der Operation „Protective Edge“ von entweder der einen oder der anderen Konfliktpartei eingesetzt wurden, ist während des Konflikts in den internationalen Medien, Organisationen und Institutionen ein regelrechter Streit entbrannt (Gustafson 2016). Trotzdem lassen sich, mit dem Hinweis auf eine teils widersprüchliche Quellenlage, einige Feststellungen treffen:

Grundsätzlich existieren gesicherte Informationen darüber, dass palästinensische Zivilisten sowohl auf Seiten der Hamas, als auch auf Seiten der IDF als „human shields“ agiert haben. Die Form des Agierens unterscheidet sich jedoch grundlegend je nach Akteur (Ezra 2015: 32; Gustafson 2016).

Für die Hamas fungierten Zivilisten wohl größtenteils freiwillig als „human shields“, unterstützend motiviert durch Propaganda der Hamasführung (Marcus und Zilberdik 2014; Ezra 2015: 34).

[...]


1 Mit ihrem letzten Punkt zielt Bargu vor allem auf freiwillige „human shields“, die häufig nicht direkt im Rahmen eines Konfliktak- teurs agieren, sondern sich als neutrale Aktionisten den Kampfhandlungen in den Weg stellen (Bargu 2014: 4). Ein häufig disku- tiertes Beispiel wäre hier das „Human Shield Movement“ im Kontext des Irakkriegs 2003, bei dem unter der Leitung von Ken O’Keefe während der ersten Kriegsmonate bis zu 500 vor allem westliche ktivisten in den Irak reisten und dort als Zivilisten zentrale Orte der Zivilbevölkerung, wie z.B. Schulen und Krankenhäuser, als „human shields“ zu besetzen (Simanowitz 2003).

Details

Seiten
24
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668486652
ISBN (Buch)
9783668486669
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369958
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Human Shields Konflikt Krieg Gaza Hamas IDF Körper Repräsentation

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Titel: Verwundbarkeit als Waffe. Die Bedeutung von "human shielding" als Körpertechnik im Gazakonflikt 2014