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Intoleranz und Identität im religiösen Fundamentalismus

Eine Untersuchung des Fundamentalismus in der heutigen Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 16 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff „Fundamentalismus“

3. Bereiche der Intoleranz im Fundamentalismus

4. Intoleranz und Identität
4.1 Der Begriff „Identität“
4.2 Gruppenidentität im Fundamentalismus
4.3 Die Social Identity Theory in Bezug zum Fundamentalismus

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[…] Und die Ungläubigen - zur Hölle sollen sie versammelt werden; Damit Allah die Bösen von den Guten trenne und die Bösen einen zum andern und sie alle zusammen zu einem Haufen tue [und] sie dann in die Hölle schleudre. Diese sind fürwahr Verlorene.“

Koran - Sure 8, 36-37

„Geht nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen! Denn welche Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen?“ Bibel - 2. Korinther 6, 14-15

Abgrenzung von den Ungläubigen, von der Welt, von Irrlehrern und insgesamt vom Bösen wird in religiösen Schriften vor allem monotheistischer Religionen in verschiedener Weise propagiert. Und doch oder vor allem deswegen sind es gerade die fundamentalistischen Gruppierungen im Islam, Christentum oder Judentum, die diese Abgrenzung praktisch umsetzen, sei es durch rein verachtende Polemik oder gar physische Gewalt gegen die „Mitglieder des Bösen“.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, auf was sich diese umfassende Intoleranz im Fundamentalismus gegenüber verschiedenen Gegnern oder „Feinden“ genau bezieht und wie sie sich erklären lassen kann. Denn der Deutungsvorschlag, dass Fundamentalisten ihre jeweilige heilige Schrift wortwörtlich nehmen und demnach schlicht das Wort Gottes befolgen, wenn sie die Feinde dieses Gottes verfolgen, greift an dieser Stelle zu kurz. Die starke Grenzziehung und das ausgeprägte dualistische Denken in den Kategorien Gut und Böse soll hier in Hinblick auf soziale Identität bzw. Gruppenidentitätsbildung erläutert werden. Der Blickwinkel dabei soll im engeren Sinne ethnologisch, im weiteren Sinne sozialwissenschaftlich sein, wobei hier Soziologie, Politikwissenschaft und Sozialpsychologie hinzuzählen, da sie die Thematik aus ähnlicher Perspektive betrachten.

Im zweiten Kapitel wird auf den Begriff des Fundamentalismus eingegangen, um vorerst eine Basis für die weitere Argumentation aufzustellen. Das dritte Kapitel widmet sich dann den verschiedenartigen Bereichen, die von fundamentalistischer Intoleranz betroffen sind. Im vierten Kapitel geht es schließlich um den Zusammenhang zwischen Identität in fundamentalistischen Gruppen und deren ausgeprägte Intoleranz aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Dazu wird anfangs der Begriff der Identität etwas näher beleuchtet und dann auf verschiedene Ansätze bezüglich fundamentalistischer Gruppenidentität eingegangen, wobei besonderes Augenmerk auf die Social Identity Theory gelegt werden soll, da sie das Phänomen der Abgrenzung und Intoleranz in ihrer Konzeption besonders deutlich macht.

2. Der Begriff „Fundamentalismus“

Um Intoleranz im Fundamentalismus zu diskutieren, muss vorerst klargestellt werden, was „Fundamentalismus“ überhaupt meint. Das erste Mal wurde das Konzept als Selbstzuschreibung unter konservativen protestantischen Christen in den USA genutzt, um in den 1910er und 1920er Jahren die eigene religiöse Ausrichtung auf das Fundament des Glaubens, nämlich die Bibel als heilige Schrift, zu verdeutlichen (Salamun 2005: 24). Schon hier spielen wesentliche Merkmale des heutigen Fundamentalismus-Verständnisses eine Rolle: die Betrachtung der Bibel als irrtumsloses, von Gott in den Menschen eingegebenes Wort und damit als die einzige Wahrheit; der Skeptizismus gegenüber der modernen Wissenschaft, sofern sie Aussagen der Bibel kritisiert oder widerlegt; der Missionseifer der fundamentalistischen Christen und die patriarchalische Ausrichtung ihrer Ideologie (Salamun 2005: 24-25; Prutsch 2007: 56). Im Laufe der Zeit wurde das Wort „Fundamentalismus“ jedoch in verschiedenen Kontexten im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs verwendet und dabei sowohl in dessen Anwendungsbereichen als auch in dessen Merkmalen teilweise unterschiedlich definiert (Riesebrodt 2000: 51).

Da es unmöglich ist, an dieser Stelle die gesamte Diskussion und Verwendungsgeschichte des Begriffs darzustellen, sollen in diesem Kapitel nun die Hauptmerkmale kurz erläutert werden, wie sie zur Zeit in der sozialwissenschaftlichen Literatur soweit relativ übereinstimmend verwendet werden.

Als Selbstbezeichnung wird Fundamentalismus zwar teilweise in christlichen Gruppen noch benutzt, aufgrund der durch mediale Verwendung entstandenen negativen Konnotation ist er nun wohl vor allem als Fremdzuschreibung in Gebrauch (Riesebrodt 2004: 12). Sein Anwendungsbereich bezieht sich hauptsächlich auf Religion, auch wenn einige wenige Autoren seine Merkmale zusätzlich auf andere Gebiete beziehen1. Im Bereich Religion bezeichnet Fundamentalismus eine Anschauung und Praxis des religiösen Glaubens, die auf den folgenden Merkmalen fußt:

1. Fundamentalisten erheben Anspruch auf die absolute Wahrheit ihres Glaubens, das heißt ihre Weltanschauung entspricht ihrer Auffassung nach der einzig wahren Erkenntnismöglichkeit über die menschliche Existenz. Diese geschlossene Weltanschauung beziehen sie aus einer oder mehreren metaphysischen Instanz(en) (Gott, Götter, Heilige, Propheten), die sich in Form ihrer jeweiligen heiligen Schrift ausgedrückt haben, die wiederum als unumstößliches, irrtumsloses „Fundament“ ihres Glaubens verehrt wird. Daraus hervor geht ein Ausschließlichkeitsanspruch: Es kann nur eine einzige mögliche Deutung der Welt geben, und über genau diese Deutung verfügt man selbst (Salamun 2005: 37-38; Prutsch 2007: 59; Baurmann 2010: 45-46).

Der Soziologe Manfred Prisching spricht beispielsweise u.a. von ökologischem, feministischem, kulturrelativistischem und hedonistischem Fundamentalismus (Prisching 2005: 281, 283, 285, 286). Die Politikwissenschaftlerin Joyce A. Green dagegen bezieht den Begriff auch auf Nationalismus, Ethnizität und Kultur (Green 2003: 5, 8).

2. Fundamentalisten zeichnen sich durch ein ambivalentes Verhältnis zur Moderne aus.

Einerseits sehen sie in Ideologien und Denkschulen der Aufklärung und Moderne, wie z. B. Vernunft, Rationalismus, Pluralismus, Historismus, Relativismus, ihre direkten Gegner (Prutsch 2007: 59). Auch anderen Ausprägungen der Moderne stehen sie ablehnend gegenüber, wenn sie „der Welt“ extremen moralischen Verfall diagnostizieren und sich dementsprechend gegen verschiedenste liberale Entwicklungen wenden. Andererseits nutzen sie nicht nur moderne Kommunikationsmittel, ihre Ideologie ist nach Einschätzung einiger Autoren in ihrer totalistischen und egalitären Form ebenfalls zutiefst modern. Daher werden sie gern als moderne Reaktion gegen die Moderne bezeichnet (Eisenstadt 2000: 12; Prutsch 2007: 65, 88; Riesebrodt 2004: 18).

3. Das Weltbild von Fundamentalisten drückt sich durch einen radikalen Dualismus und

Manichäismus aus, bei dem sie eine scharfe Grenze zwischen Gut und Böse, Göttlichem und Satanischem, Reinem und Unreinem ziehen. Das Böse und Unreine ist in diesem Sinne der Feind, der bekämpft oder von dem sich zumindest abgegrenzt werden muss (Baurmann 2010: 46; Prutsch 2007: 87; Salamun 2005: 42).

4. Fundamentalistische Gruppen sind durch patriarchalisch-autoritäre Strukturen

gekennzeichnet. Auch hier findet eine scharfe dualistische Trennung statt: Mann und Frau sind füreinander geschaffen und daher völlig unterschiedlich geartet, wodurch sie sich in ihren „Aufgaben“ ergänzen. Der männliche Part hat hier meist die Aufgabe der Familienleitung und Organisation, weswegen er die autoritäre Rolle einnimmt und die Frau ihm untergeordnet ist. Damit einher geht die elitäre Verteilung von religiösem Wissen, das in erster Linie Männern, insbesondere den Männern der Leitung oder Führung vorbehalten ist (Riesebrodt 2004: 21; Salamun 2005: 38-39; Baurmann 2010: 49).

5. Fundamentalismus äußert sich in der Idee, die Gesellschaft in utopischer Weise umzuformen, indem die Religion politisiert und dabei versucht wird, die soziale Ordnung in totalitärer jakobinischer Form und mit missionarischem Eifer völlig neu zu gestalten, und zwar auf Basis einer undifferenzierten „umfassenden Gemeinschaft“ (Prutsch 2007: 88) oder gar in Form einer perfekten, paradiesischen Gesellschaft (Prutsch 2007: 59). Letztendliches Ziel ist immer das paradiesische Heil, auf das, wenn nicht auf der Erde erreichbar, dann in himmlischer Form, als aktiver Gläubiger und Mobilisierer hingearbeitet wird (Salamun 2005: 42; Baurmann 2010: 45; Riesebrodt 2004: 18).

Natürlich treffen nicht alle genannten Merkmale zwangsweise auf alle fundamentalistischen Gruppierungen zu, jedoch sind sie als allgemein zutreffend von verschiedenen Autoren genannt worden.

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Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668495364
ISBN (Buch)
9783668495371
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369957
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Fundamentalismus Identität Christentum Moderne Religion Intoleranz

Autor

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Titel: Intoleranz und Identität im religiösen Fundamentalismus