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Ethnologische Theorienbildungen der Postmoderne. Michel Foucaults Biografie und sein Einfluss

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 21 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Michel Foucault (1926-1984)
2.1 Leben
2.2 Werk

3. Die Postmoderne in der Ethnologie

4. Foucaults Einfluss auf die ethnologische Postmoderne
4.1 Überblick
4.2 Regionale Rezeption
4.3 Thematische Schwerpunkte
4.3.1 Diskurs und Sprache
4.3.2 Macht und Wissen
4.3.3 Subjekt und Subjektivierung
4.4 Foucaults ethnologischer Blick

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Foucault's pervasiveness is largely unparalleled in anthropology, almost to the point that, like oxygen, one takes his ethereal yet nourishing presence in everyday disciplinary life almost for granted.” (Boyer 2003: 265)

Dass Michel Foucault wie Sauerstoff in der Luft geradezu dauerpräsent und fast unbestritten relevant für die Ethnologie bleibt, wie Dominic Boyer hier ironisch bemerkt, liegt wohl vor allem an der Vielfäl- tigkeit und regelrecht universellen Anwendbarkeit seiner zahlreichen Ansätze. Von Foucault geprägte Begriffe und Konzepte wie Biopolitik, Disziplin, Diskurs, Macht und Governementalität finden sich in derart vielen ethnologischen Veröffentlichungen, dass Barbara Birkhan von einem unverkennbaren „Foucault-Hype“ spricht (Birkhan 2012: 31; 38). Trotzdem, so merkt sie an, werden Foucaults Ansätze bei einem Großteil der Bezugnahmen nur unzureichend in den wissenschaftshistorischen Kontext ge- setzt, in dem sie stehen. Weder wird deren Einbindung in Foucaults Gesamtwerk, noch in die dazuge- hörigen Strömungen der Postmoderne bzw. des Poststrukturalismus tiefergehend reflektiert. Eher greifen sich Autoren einzelne seiner Konzepte recht wahllos heraus und nutzen diese nur oberflächlich (ibid.: 36 ff.). Zusätzlich bleibt Foucault für ethnologische Autoren vor allem der außerhalb der eigenen Disziplin stehende Philosoph, an dessen Werk sich inspiriert wird, dessen Eigenzuschreibung als Eth- nologe der eigenen Gesellschaft jedoch weitestgehend vernachlässigt wird (ibid.: 7).

Ausgehend von dieser Kritik lohnt es sich, die eigentlichen Grundlagen der immer noch so re- levanten Beziehung zwischen Foucault und Ethnologie neu in den Blick zu nehmen. Daher möchte ich in dieser Hausarbeit untersuchen, inwieweit Foucaults Werk tatsächlich grundsätzliche theoretische Denkansätze in der Ethnologie beeinflusst hat. Da bei einer solchen Untersuchung natürlich der histo- rische Kontext Foucaults berücksichtigt werden muss, beziehe ich mich hier vor allem auf die Strömun- gen der Postmoderne und darin des Poststrukturalismus, in die Foucault grob eingeordnet wird.

In diesem Sinne möchte ich im zweiten Kapitel erst einmal einen einführenden Überblick über Foucaults Leben und Werk geben, um anschließend im dritten Kapitel die theoretische Strömung der Postmoderne mit besonderem Blick auf den Poststrukturalismus näher zu skizzieren. Nachdem damit der grundlegende Kontext abgesteckt ist, in dem sich die Analyse bewegen soll, möchte ich das vierte Kapitel nutzen, um die oben genannte Frage zu bearbeiten. In einem ersten Teil werde ich dazu Foucaults Rezeption in der Ethnologie als Überblick vorstellen und anschließend auf deren Unter- schiede in den verschiedenen regionalen Schulen der Ethnologie hinweisen. In einem zweiten Teil werde ich analysieren, in welcher Weise die Konzepte des Diskurses, der Macht und des Subjekts als drei der wichtigsten Ansätze Foucaults die ethnologische Denktradition der Postmoderne beeinflusst haben, um danach noch knapp Foucaults eigene ethnologische Perspektive in den Blick zu nehmen. Abschließend möchte ich die Ergebnisse der Untersuchung in einem Fazit zusammenfassend darstel- len.

2. Michel Foucault (1926-1984)

2.1 Leben

Der 1926 im französischen Poitiers geborene Michel Foucault gilt disziplinübergreifend als einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhundert (Bermes 2017: 163). Nachdem er 1951 sein Studium der Philosophie und Psychologie an der Pariser Eliteuniversität École normale supérieure abgeschlossen hat und sich hier insbesondere von Nietzsche, Freud und Heidegger inspiriert sieht, reist er einige Jahre durch Europa, um in französischen Kulturinstitutionen zu arbeiten (Lavagno 2011: 47). 1961 veröffentlicht er seine Dissertation, „Wahnsinn und Gesellschaft“, was ihm im folgenden Jahr eine Professur in Philosophie und Psychologie in Clermont-Ferrand einbringt (Junge 2009: 306). Sein ebenfalls 1962 veröffentlichtes Buch „Die Ordnung der Dinge“, in dem er sich von einer humanistischen Sichtweise abund einer strukturalistischen Sichtweise zuwendet, macht ihn in akademischen Kreisen schlagartig bekannt und als Interviewpartner in Feuilletons begehrt (Lavagno 2011: 47).

Schließlich wird er 1970 als Professor ans Pariser Collège de France berufen, wo er in den Folge- jahren vor allem sein Konzept der Macht entwickelt, was sich in seinem Werk über französische Ge- fängniskultur, „Überwachen und Strafen“ (Foucault 1976), und seinen Vorlesungen über Biopolitik und -macht widerspiegelt (Kneer 2012: 267). Neben seiner akademischen Arbeit engagiert sich Foucault gesellschaftspolitisch als Aktivist, indem er sich für Verbesserungen von Haftbedingungen in französischen Gefängnissen und gegen Rassismus einsetzt. In seinem Spätwerk beschäftigt er sich zunehmend mit Formen des Regierens und der Entwicklung einer an die Antike angelehnte Ethik. 1984 stirbt er an einer AIDS-Erkrankung in Paris (Lavagno 2011: 47).

2.2 Werk

Foucaults Werk auf einen allgemeinen Nenner oder ein Grundmotiv zu bringen, ist ein nahezu unmög- liches Unterfangen, gerade weil es sich durch seine enorme Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit aus- zeichnet (Kneer 2012: 266). Grundsätzlich muss berücksichtigt werden, dass Foucault als Philosoph mit historischer Ausrichtung und mit thematischen Bezügen gearbeitet hat, die tief in die Soziologie, Poli- tikwissenschaft und Ethnologie reichen. Dementsprechend bieten seine Ansätze einen weiten Inter- pretationsspielraum, was sich auch in der Rezeption seines Werkes in ganz unterschiedlichen Diszipli- nen widerspiegelt (Moebius 2013: 439). Allgemein wird Foucault der Strömung der Postmoderne zu- gerechnet, wobei er hier in seinen ersten Veröffentlichungen eher als Strukturalist, später jedoch eher als Poststrukturalist im Sinne einer radikalen Modifizierung strukturalistischer Ansätze gesehen wird, wenn er versucht, Lévi-Strauss‘ nsatz der binären Struktur zu dekonstruieren und innerhalb eines historischen Kontexts zu analysieren (Junge 2009: 316). Foucault selbst verwehrte sich jedoch einer solchen Zuschreibung immer wieder. Vielmehr sah er sich als subversiven Philosophen, der versuchte, mit unkonventionellen Denkansätzen, die sich frei von Einordnungen und logischen Kontinuitäten be- wegen sollten, zu experimentieren (Kneer 2012: 266). Diesem Vorsatz entspricht auch sein Vorgehen, sein eigenes theoretisches Werk immer wieder umzuarbeiten, zu ergänzen und zu modifizieren, sodass Kritiker ihm nicht selten eine Verstrickung in Widersprüchlichkeiten vorwarfen (Keller 2011: 143).

Rezipienten seines Werkes haben immer wieder versucht, ein verbindendes Grundmotiv sei- ner thematischen Ausrichtung herauszudeuten. Oft wurde in diesem Zusammenhang das Konzept der Macht genannt, um das Foucaults Werk immer wieder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kreist. Tatsächlich ging Foucault selbst eher von der Betrachtung des Subjekts als fundamentales Thema sei- ner Arbeit aus (Kneer 2012: 266), wobei er gleichfalls betonte, dass er sein Werk gern eher als „Werk- zeugkiste“ betrachtet sähe, aus dem man sich nach freiem Belieben bedienen könne (Keller 2011: 129).

Mag zwar seine Einordnung als postmoderner (Post-)Strukturalist seinem Werk nur unzu- reichend gerecht werden, so sind doch zumindest seine methodischen und theoretischen Grundan- nahmen von diesem Kontext geprägt (Junge 2009: 316). So wendet er sich strikt gegen positivistische, universalistische und auf Vernunft basierte Theoriekonzeptionen der Moderne. Eine Einheitlichkeit der Vernunft und in diesem Sinne die Möglichkeit einer allgemeinen und notwendigen Betrachtung eines Gegenstands, ebenso wie die Existenz zeitloser (ahistorischer) Wahrheiten sind seiner Ansicht nach unmöglich. Vielmehr ist seine Konzeption von Zeit und Geschichte geprägt von Willkür, Diskontinuität, Brüchen und Interferenzen. Soziale bzw. gesellschaftliche Phänomene entstehen und verschwinden in der Geschichte ohne Seinszweck oder bestimmendes Prinzip, und können wiederum in einer anderen Epoche ähnlich oder modifiziert erneut auftauchen (Kneer 2012: 265 f.; Moebius 2013: 428 ff.). Weder können derartige Phänomene als „natürlich“ oder „absolut“ betrachtet, noch einer allgemeinen Rati- onalität unterworfen werden. Laut Foucault ist vielmehr zu fragen, welche handlungsleitenden Ratio- nalitätsvorstellungen bzw. „Rationalitätsregime“, Ordnungen und Machtverhältnisse diese Phäno- mene konstituieren (Moebius 2013: 429).

Von diesem Ankerpunkt aus beschäftigt sich Foucaults Werk immer wieder mit den Verbin- dungen und Wechselwirkungen von Macht auf bestimmte Gegenstände (Birkhan 2012: 12 f.). Die Ver- bindung von Sprache, Wissen und Macht, die in seinem Diskursbegriff eingebunden ist, untersucht er in „Die Ordnung der Dinge“ (Foucault 1971) und „Die rchäologie des Wissens“ (Foucault 1973). Eine stärkere Konzentration und gleichzeitige Modifizierung des Machtbegriffs in Richtung einer modernen Disziplinar- und Biomacht findet sich in „Überwachen und Strafen“ (Foucault 1976) und „Sexualität und Wahrheit I. Der Wille zum Wissen“ (Foucault 1977). In seinem Spätwerk analysiert er schließlich Erscheinungen des Regierens als Form der Machtausübung, beispielsweise in „Geschichte der Gouver- nementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung“ (Foucault 2004). Inwieweit die hier eben vorge- stellten Grundannahmen, in Verbindung mit den in Kapitel 4 nochmals tiefergehend beschriebenen Konzepten des Diskurses, der Macht und des Subjekts, auf die ethnologische Postmoderne eingewirkt haben, soll nun nach einem knappen Überblick über eben diese Strömung analysiert werden.

3. Die Postmoderne in der Ethnologie

„Take Said’s critique, mix with Michel Foucault’s post-structuralism and add a dash of deconstructionism à la Derrida, and the result is the heady cocktail that would hit anthropology in the 1980s.” (Eriksen und Nielsen 2001: 113)

Tatsächlich waren die 1980er Jahre, vor allem für die amerikanische Anthropologie, Jahre des Um- bruchs und des Zweifels für das Fach der Ethnologie. Der Zweifel ging so weit, dass manche Autoren die Existenz der gesamten Disziplin in Frage stellten (ibid.: 139). Die Entwicklung dieser Krise und die Auswirkungen daraus bis heute werden gemeinhin als die Phase der Postmoderne beschrieben, wobei dieser Begriff nicht unumstritten ist. Das Spektrum der Stimmen reicht hier von der Behauptung, dass Postmoderne schlichtweg nicht existiert, bis hin zu der Annahme, die Ethnologie an sich sei spätestens seit Anfang der 1990er Jahre grundsätzlich postmodern (Nugent 2010: 562; Birkhan 2012: 26).

Vom eigentlichen Begriff ausgehend zeichnet sich die Strömung in der Ethnologie vor allem aus der Ablehnung und Kritik der sogenannten modernen Wissenschaftsauffassung aus. Wie bereits am Beispiel von Foucault beschrieben, betrifft dies insbesondere eine Abkehr von einer vernunftgeleiteten, rational-objektiven, universalistischen Wissenschaftshaltung, mit einer gleichzeitigen Zuwendung zu Relativismus, Dekonstruktion und Reflexion. Grundlage dieser paradigmatischen Neuorientierung legten diverse innerfachliche Kritikbewegungen seit den 1980er Jahren, so vor allem marxistische, feministische, kritische und poststrukturalistische Ansätze, die wiederum angetrieben und inspiriert wurden von gesellschaftspolitischen Ereignissen, wie dem Vietnamkrieg, und von geisteswissenschaftlichen Stimmen außerhalb der Ethnologie (Nugent 2010: 562 ff.).

Insbesondere zu erwähnen ist hier die französische Philosophie, durch die einige der grundlegenden Denkansätze einer postmodernen Entwicklung vorgegeben wurden. Neben Michel Foucault, auf den im nächsten Kapitel näher eingegangen werden soll, lieferte vor allem Jacques Derrida mit seinem Konzept der Dekonstruktion eine enorme Inspiration (Linstead 1993: 11 ff.).

Dekonstruktion, oft als Methode der Textinterpretation missverstanden, meint für Derrida keine Methode im eigentlichen Sinne, sondern eine spezielle Auffassung über Text, und weiter gefasst über Wahrheit (Derrida 1991: 273). Ausgangspunkt für Derrida ist seine Kritik an De Saussures linguis- tischem Modell der binären Struktur eines Wortes durch ein eindeutiges Signifikant und Signifikat, also ein Bezeichnendes (die Schrift oder der Laut) und ein Bezeichnetes (der Gegenstand, auf das Schrift oder Laut verweist) (Moebius 2013: 426 f.). Nach Derridas Ansicht ist ein eindeutiger Verweis auf ein wahrheitsgemäßes, „metaphysisches“ Signifikat unmöglich, da einem Signifikanten je nach räumlichen und zeitlichen Kontext völlig unterschiedliche Signifikate zugeordnet werden können, wodurch ein Text eine unendliche Verweiskette produziert, die niemals einen endgültigen, universellen oder allge- meinen Sinn hervorbringen kann. Dementsprechend ist jede Methodik, einen Text eindeutig zu ver- stehen, unbrauchbar, denn der Leser entscheidet sich immer nur für eine aus einer unendlichen Anzahl von möglichen Interpretationen (Junge 2009: 314 ff.). Dekonstruktion besteht also vereinfacht gesagt in der Wahrnehmung eines Textes unter der Voraussetzung, dass die Interpretation dieser Wahrneh- mung nicht wiederholbar und damit einmalig ist und dadurch auch nur begrenzte Gültigkeit besitzen kann (ibid.: 316). Derrida geht es dabei nicht nur um Text als Produkt von Sprache, sondern im weiteren Sinne als das Wahrnehmbare an sich, das durch Bedeutungszuschreibung jeweils interpretiert wird. Damit wird jeder Ausdruck zu Sprache, jede Handlung wird zum Text (Clifford 1986: 117 f.).

Derridas Dekonstruktion und speziell der zuletzt genannte Aspekt wurde von James Clifford in seinem mit George E. Marcus herausgegebenen Sammelband „Writing Culture“ (Clifford und Marcus 1986), einem der einflussreichsten zu Postmoderne zählenden ethnologischen Werke, als Grundlage für die Überlegung genommen, dass ethnographisches Arbeiten immer bereits Interpretation eines kulturellen Texts ist (ibid.: 118 f.). Damit einher geht die Problematik, dass durch das Schreiben der Ethnographie und durch das Lesen dieser wiederum weitere Interpretationen entstehen, deren Aus- formungen jeweils spezifischen Zufällen unterliegt: „The writing and reading of ethnography are over- determined by forces ultimately beyond the control of either an author or an interpretive community. These contingencies—of language, rhetoric, power, and history—must now be openly confronted in the process of writing“ (Clifford 1986: 25). Letztendlich geht es also mit Rückgriff auf Derrida um die Erkenntnis der Unmöglichkeit, eine Wahrheit oder zumindest eine gültige Repräsentation einer Kultur durch einen ethnographischen Text zu erschaffen (Tyler 1986: 123 f.). Der Frage, was dann überhaupt noch ethnographisch gesagt werden kann, wenn Kulturinterpretation nicht nur abhängig von der sub- jektiven Auffassung des Ethnologen, sondern auch vom spezifischen Zeit und Ort ist, begegnet Clifford hier mit der Forderung, den Schreibprozess selbstreflexiv und kritisch offenzulegen (Clifford 1986: 25).

Im Zuge dieser Ansätze stellte sich ebenso die Frage, von welchen konkreten Einflüssen das ethnographische Arbeiten tatsächlich betroffen ist und welche Auswirkungen diese auf die jeweilige Repräsentation einer Kultur haben können. Aus diesem Problem entwickelten sich wiederum ganz un- terschiedliche Perspektiven, die auf diverse politische Dimensionen von Macht und Ungleichheit auf- merksam machten (Nugent 2010: 562 f.). So fragten feministische Autoren beispielsweise, inwieweit beim ethnographischen Schreiben den Informationen männlicher Kulturmitglieder Vorzug gegenüber denen weiblicher Kulturmitglieder gegeben wird (Coombe 1991: 192). Die Strömung der Entwicklungs- ethnologie fragte andererseits, auf welche Weise Ethnologen die ungleichen Machtverhältnisse in ne- okolonialen Prozessen problematisieren können und forderte in diesem Zusammenhang, westliche In- terventionen und „Entwicklungshilfe“ kritisch zu evaluieren (ibid.: 196). Postkolonial inspirierte n- sätze stellten wiederum in Frage, ob westliche Ethnologen aufgrund ihres Machtgefälles und ihrer westlich geprägten Wissensproduktion überhaupt über nicht-westliche Kulturen schreiben sollten (ibid.: 192). Gemeinsam ist diesen Antworten der Postmoderne, dass sie auf der Reflexion von mögli- chen Machtbeziehungen basieren. Die Grundlagen dafür sind wiederum bei Foucault zu finden, dessen Einflüsse für die hier vorgestellte postmoderne Entwicklung im Folgenden analysiert werden soll.

4. Foucaults Einfluss auf die ethnologische Postmoderne

4.1 Überblick

Um sich der Rolle Foucaults zur Ethnologie zu nähern, ist es erst einmal notwendig, seinen Kontext als Philosoph zu beachten. Die Beziehung zwischen Ethnologie und Philosophie kann grundsätzlich als einerseits immer wieder sehr fruchtbar, andererseits auch als äußerst komplex und zuweilen schwierig bezeichnet werden - schwierig vor allem im Zusammenhang mit den Differenzen innerhalb der Ethnologie selbst, sich methodisch eher naturwissenschaftlich oder eher geisteswissenschaftlich auszurichten (Abélès 2009: 60). Die Ablehnung der Philosophie zeigt sich in der Fachgeschichte, wenn Radcliffe-Brown beispielsweise von der Ethnologie als „natural science of human society“ (RadcliffeBrown 1940: 2) spricht und Evans-Pritchard konstatiert:

„We have not found that the theories of political philosophers have helped us to understand the societies we have studied and we consider them to be of little scientific value, because their conclusions are rarely formulated in terms of behaviour observed or are not likely to be verified according to these criteria.” (Evans-Pritchard und Fortes 1964: 3 f.)

Trotzdem ist die tiefe Verbindung der beiden Disziplinen in ihren Grundsätzen nicht zu negieren, gerade weil die Ethnologie, genauso wie die philosophische Anthropologie, auf Basis der von Kant aufgestellten Frage: „Was ist der Mensch?“ agiert, und weil die Reflexion des Eigenen durch die Erforschung des Anderen im Fundament ein zutiefst erkenntnistheoretisches und daher philosophisches Unterfangen genannt werden kann (Haeffner 2005: 43).

Es ist also nur folgerichtig, dass sich die postmoderne Ethnologie in ihrer Hinwendung zu phi- losophischen Ansätzen und der gleichzeitigen Vergewisserung ihres eigenen philosophischen Funda- ments im gleichen Atemzug von Positionen abgrenzte, die das Fach eher in einem naturwissenschaft- lichen Kontext mit rationalen und objektiven Prinzipien verstanden. Letzteres Lager formulierte zwar auch hier reichlich Kritik an der neueren philosophischen Ausrichtung - zu den wohl einflussreichsten Kritikern gehörte neben Melford Spiro (vgl. Spiro 1996) auch Marshall Sahlins, der in der „current Foucauldian-Gramscian-Nietzschean obsession with power“ ein neues „intellectual black hole into which all kinds of cultural contents get sucked“ (Sahlins 1993: 20) sah, was er in seinem satirisch-kriti- schen Werk mit dem aufschlussreichen Titel „Waiting for Foucault, Still“ (Sahlins 1993) bemerkte.

Doch der Einfluss Nietzsches, Freuds, Diltheys, Ricoeurs, Heideggers, Derridas und insbeson- dere Foucaults, um nur einige zu nennen, bündelte sich in der Entwicklung der Postmoderne derart stark (Clifford 1986: 10), dass seitdem der Aufbau von Forschungskonzepten auf philosophische Grund- überlegungen (der Postmoderne) zur anerkannten und nicht selten angewandten Vorgehensweise ge- worden ist (Birkhan 2012: 36). Besonders deutlich ist dies am Werk Foucaults zu beobachten.

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Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668479289
ISBN (Buch)
9783668479296
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369955
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Ethnologie Postmoderne Macht Wissen Sprache Ethnographie Michel Foucault

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