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Suche nach neuen Identitäten? Antonín Dvořák in Amerika

Bachelorarbeit 2016 35 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographischer Überblick bis zur Reise nach Amerika

3. Entscheidung für Amerika
3. 1 Sinfonie Nr. 9 Aus der neuen Welt - neue musikalische Gestaltungsweisen durch amerikanische Einflüsse?
3. 1. 1 Verarbeitung der neuen Erlebniswelt - 1. Satz Adagio, Allegro molto
3. 1. 2 Die Poesie des Fremden und Vertrauten - 2. Satz Largo
3. 1. 3 Verschiedene Formen des Tanzes - 3. Satz Scherzo
3. 1. 4 Zerrissenheit durch Sehnsucht und Vorfreude - 4. Satz Allegro con fuoco
3. 2 Zusammenfassung

4. F-Dur Streichquartett - rein amerikanisch?

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir, vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!1 Antonín Dvoŕák, 1892

Antonín Dvoŕák ist einer der berühmtesten Komponisten der Romantik, der im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten schon zu Lebzeiten viel Ruhm und Anerkennung erhielt. Er vergaß nie seine Zugehörigkeit zur böhmischen Heimat „[...] und in der [dort herrschenden] musischen Atmosphäre [...] liegen die Quellen seiner menschlichen und künstlerischen Entfaltung.“[1] [2] Besondere Merkmale seiner Werke sind die Vertonung von Eindrücken aus der Umwelt und die Verwendung folkloristischer Elemente der slawischen Musik. Dvoŕák besaß die Fähigkeit, Klänge aus der Natur herauszuhören, in seine Werke zu integrieren und somit einzigartige Kompositionen zu erschaffen. Der zeitgenössische tschechische Dirigent Václav Talich beschreibt präzise diese Fähigkeit Dvoŕáks: „Antonín Dvoŕák verstand es, der Natur zu lauschen. Die realen Werte der Gegenstände wandelten sich ihm in geistige Werte der Musik. [.] Die naturalistischen Rhythmen der Dorfmusik werden zu rhythmischer Poesie um­geschmolzen.“[3] Die Synthese von Umwelteinflüssen und heimatlicher Verbundenheit lässt sich vor allem in der amerikanischen Periode des Tondichters veranschaulichen, weswegen sich eine gründliche Auseinandersetzung mit dem langjährigen Auslands­aufenthalt und den dort entstandenen Werken lohnt. Darüber hinaus hebt sich die Persönlichkeit und ideell-geistige Einstellung eines Menschen besonders in un­gewohnter Umgebung ab.[4]

Die Sinfonie e-Moll Aus der neuen Welt, die erste in Amerika entstandene Ton­schöpfung, nimmt eine besondere Stellung im Œuvre des Komponisten ein, da sie als sein größter Erfolg gilt. Es wird untersucht, inwieweit die örtliche Veränderung und der damit einhergehende Eindruck amerikanischer Folklore Einfluss auf die einzelnen Sätze genommen hat. In erster Linie ist der Name der Sinfonie Programm; warum sollte der Titel Aus der neuen Welt auch nicht auf eine rein “Amerikanische Sinfonie“ hindeuten?

Hat Dvorák seine Aufgabe erfüllt und den Vereinigten Staaten durch seine Werke den Grundstein einer unabhängigen Nationalmusik gelegt?

Das F-Dur Streichquartett, auch “Amerikanisches Streichquartett“ genannt, dient für die Beantwortung der Fragen als Vergleich, um zu veranschaulichen, dass trotz lokaler Ferne Dvoráks tschechischer Kompositionsstil bei genauerer Betrachtung seinen Niederschlag findet.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob sich Dvorák einen neuen Kompositionsstil aneignen wollte, um die vor ihm liegende Aufgabe, eine nationale Musik für Amerika zu schaffen, zu meistern. War er wirklich auf der Suche nach neuen Identitäten und stellte seine sonst immer in Werken vertonte Heimatliebe in den Hintergrund? Konnte er den Amerikanern eine nationale Musik bieten?

2. Biographischer Überblick bis zur Reise nach Amerika

Antonín Dvorák wurde am 8. September 1841 in Nelahozeves an der Moldau geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, da 1842 das Gasthaus des Vaters, František Dvorák, niederbrannte und somit die nötigen Einkünfte zeitweilig fehlten. Doch anstatt zu verzweifeln, ließ sich die Familie nicht erschüttern und arbeitete hart am Wiederaufbau der Gastwirtschaft. Dvorák wuchs bei Eltern auf, die ihren Kindern die Werte Fleiß, Verantwortung und Ehrgeiz vorlebten, sodass auch er sich einen zielstrebigen Charakter aneignete.[5] František Dvorák unterhielt seine Gäste mit dem Spielen seiner Zither, weswegen er von klein auf mit der Musik vertraut war und selbst musizierte.

Nach einer musikalischen Ausbildung wurde er Solobratscher im Prager Theater­orchester. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, gab Dvorák zusätzlich Klavierunterricht.[6] Sparsamkeit war ein wesentlicher Charakterzug des Komponisten, der auch großen Einfluss auf die Entscheidung für seine Reise nach Amerika haben sollte. Nebenbei schrieb er bereits erste Werke, in denen er sich an Mozart und Beethoven orientierte und „[...] gleichsam stufenweise [...] dem aktuellen kompositor­ischen Stand seiner Zeit annäherte, [es zeigte sich] diejenige Art von Arbeitseifer, Zielstrebigkeit, Selbstbewußtsein und Ehrgeiz, die Dvoráks Künstlertum zeitlebens prägte.“[7] Der nationale Durchbruch erfolgte 1873, als sein Hymnus aus dem Gedicht Die Erben des Weißen Berges unter großem Applaus aufgeführt wurde. Dieser Erfolg ermöglichte es dem nun anerkannten Komponisten, seine frühere Klavierschülerin Anna Cermaková zu heiraten. Kurze Zeit später wurde das erste Kind geboren „[...] und damit nahm jener Komplex 'Kinder und Familie' seinen Anfang, der in der Folgezeit ebenso wie das Komponieren selbst [...], wie die Liebe zur Natur und wie die Religiosität das Persönlichkeitsbild Dvoráks prägte.“[8]

In der darauffolgenden Zeit löste er sich von den kompositorischen Merkmalen deutscher Musik und formte seine eigene musikalische Sprache, die anfangs von slawischer Folklore geprägt war. Der Dirigent Talich schrieb in einem Brief: „Ja, Dvorák ist aus der Natur hervorgegangen, aus der böhmischen Natur, aus dem tschechischen Dorfleben. Er beherrscht vollkommen die handwerkliche Technik seiner Zeit, er überbietet sie sogar [...], aber er erfüllt sie mit dem Geiste seines Vaterlandes.“[9] Im Jahre 1880 wurde die Taaffe-Stremayersche Sprachverordnung erlassen, die einen Sprachenstreit und böhmischen Nationalkonflikt zur Folge hatte. In Österreich wurden einige Werke Dvoráks, z. B. die sechste Sinfonie, ihrer Herkunft wegen nicht aufgeführt. Umso wichtiger waren seine häufigen Reisen nach England, einer Musikwelt, die politische Streitigkeiten anderer Nationen abwies. Dort wurde er sehr geschätzt und erhielt viele Ehrungen und Auszeichnungen. Trotz nationaler Konflikte wurden Dvoráks Werke vor allem in den musikalischen Zentren Europas weiterhin aufgeführt.[10] Die Wellen des Ruhmes schwappten über den Atlantik in das weit entfernte New York, wo sein Ruf als nationaler Komponist auf starkes Interesse stoßen sollte.

3. Entscheidung für Amerika

Dvorák war bereits seit einigen Jahren auf dem Höhepunkt seines Erfolges angelangt und seine Werke auf der ganzen Welt bekannt. Im Lauf des 19. Jahrhunderts gab es immer neuere und bessere Reisemöglichkeiten, von denen natürlich auch ein wissbegieriger Dvorák Gebrauch machte. Nicht zuletzt durch sein erfolgreiches Wirken in England hatte die Präsidentin des New Yorker National Conservatory of Music, Jeanette Thurber, ein Augenmerk auf den tschechischen Komponisten gerichtet.

Im Jahre 1885 gründete sie das Nationalkonservatorium für Musik und war schon seit längerem auf der Suche nach einem passenden Direktor, um für öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung zu werben.[11] Sie hatte sich in den Kopf gesetzt „[...] die amerikanische Musik von der Abhängigkeit europäischer Vorbilder zu befreien und eine eigenständige amerikanische Kunstmusik zu schaffen“.[12] Paradoxerweise suchte sich Thurber für ihre Vorstellung eines von der europäischen Musik unabhängigen Amerika ausgerechnet einen Tschechen aus. Andererseits wusste die ehrgeizige Thurber um Dvoráks Talent, folkloristische Musik zu studieren und daraus eine folkloristisch inspirierte Tonkunst zu komponieren, sodass sie ihn erst recht für ihre Vorstellung einer eigenen amerikanischen Kunstmusik auswählte. Das großzügige Angebot erreichte Dvorák im Juni 1891 per Telegramm. Obwohl der Komponist schon seit längerem für seine Werke entsprechend honoriert wurde, muss ihn dieser Vertrag doch in Glückseligkeit versetzt haben. Thurber bot 15 000 Dollar im Jahr, was ungefähr 30 000 Gulden entsprach, während ihm das Prager Konservatorium lediglich 1200 Gulden jährlich bezahlte. Der Vertrag verpflichtete ihn für zwei Jahre als Direktor am Konservatorium, davon waren acht Monate für Ferien gedacht und es sollten zehn Konzerte mit eigenen Kompositionen stattfinden.[13]

Auf dem ersten Blick erschien dies als ein - für damalige Verhältnisse - außergewöhnliches Angebot, das man trotz Berühmtheit und finanzieller Zufriedenheit nicht ausschlagen sollte. Der heimatverbundene Dvorák dachte jedoch anders darüber. An seinen Freund Alois Göbl schrieb Dvorák am 20. Juni 1891: „Ich soll auf 2 Jahre nach Amerika fahren! Es wird mir die Stelle des Direktors am Konservatorium [...] angeboten [...]. Soll ich annehmen? Oder nicht?“.[14] Hier deutet sich schon an, dass es für den über fünfzigjährigen Dvoŕák, der tief mit seinem geliebten Böhmen verwurzelt war, ein großer Schritt gewesen sein muss, über den weiten Atlantik zu reisen und für zwei Jahre auf einem fremden Kontinent zu leben. Obwohl er die vielen Reisen in europäische Städte, in denen er seine Werke dirigierte, schon längst gewohnt war, würde dieses Angebot sein ganzes Leben ändern.[15]

Um den Vertrag an seine Wünsche anzupassen, traf sich Dvoŕák mit Václav Kopta, seinem ehemaligen Kollegen aus Orchesterzeiten, und dessen Frau. Die Frau von Kopta war Amerikanerin und formulierte die Bedingungen des Vertrages nicht nur einmal um. Ganze dreimal ließ der gefragte Komponist die Vereinbarung zwischen ihm und Thurber überarbeiten.[16] Immer wieder plagten ihn Zweifel und Unsicherheiten, so schreibt er Anfang August wieder an Göbl: „Gestern erhielt ich eine Abschrift des Vertrages. Es ist sehr lang her, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihn annehme.“[17] An einen weiteren Freund schrieb er im Oktober 1891: „Gestern sandte ich den bereits zum dritten Male umgearbeiteten Vertrag nach London [Thurber verweilte zu diesem Zeitpunkt geschäftlich dort] und wenn alle meine Änderungen angenommen werden - dann unterschreibe ich.“[18] Erst als eingeweihte Freunde ihn bestärkten, der Einladung in die neue Welt zu folgen, er zudem Nachrichten von Thurber über die Vorfreude der New Yorker erhielt und auch das Prager Konservatorium den Weg frei machte, indem es Dvoŕák für zwei Jahre beurlaubte, überwand er sich zur Unterzeichnung des Vertrages.[19]

In bisher unveröffentlichten Dokumenten von Otakar Dvoŕák, dem Sohn des Komponisten, beschreibt dieser die angespannten Monate am Ende des Jahres 1891 und offenbart, dass eigentlich die Mutter den Vater zur Annahme drängte, um eventuellen finanziellen Nöten in Zukunft vorzubeugen. Alle Kinder durften abstimmen, manche waren für und andere gegen die Reise, sodass Dvoŕák - um seine Frau zu beruhigen - ins Arbeitszimmer ging und unterschrieb, jedoch den Gegen-Stimmen versicherte, dass noch nichts feststünde. Laut Otakar war die langwierige Entscheidung erst gefallen, als die Mutter den Vertrag an sich nahm und selbst zur Post brachte.[20] Wer weiß, ob es sonst eine Überfahrt in die Vereinigten Staaten und nicht zuletzt die Sinfonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt gegeben hätte?

Mitte September 1892 begann das große Abenteuer Dvoŕáks, bei dem seine Frau, die älteste Tochter Ottilie und Sohn Antonín ihn begleiteten. Mit Josef Kovarík, einem Amerikaner und Absolventen des Prager Konservatoriums, hatte der Komponist einen treuen Begleiter und eine ihn stützende Kraft für sich gewonnen. Dieser beherrschte das Amerikanische Englisch und stand Dvoŕák mit Rat und Tat zur Seite.[21] Bei der Ankunft am 26. September 1891 in New York war sich der Prager Komponist auch seiner Pflicht bewusst, eine neue nationale Musik zu schaffen, und war gewillt, sie zu erfüllen.[22]

3. 1 Sinfonie Nr. 9 Aus der neuen Welt - neue musikalische Gestaltungsweisen durch amerikanische Einflüsse?

Nach ihrer Ankunft in New York fand die Familie Dvoŕák eine Wohnung und der Komponist, von dem das Land etwas Großes erwartete, gewöhnte sich an das Leben in der neuen Welt. Nach Begrüßungsfeiern und diversen Konzertabenden begann der frisch gebackene Direktor des Konservatoriums zu unterrichten. Er hatte Freude an der pädagogischen Arbeit mit seinen Schülern, aber vor allem mit Studenten, die einen afrikanischen Migrationshintergrund hatten. Dvoŕák besaß seit frühester Jugend ein Gerechtigkeitsgefühl und verspürte eine Begeisterung mit der Arbeit dunkelhäutiger Musiktalente.[23]

So gewaltig das Heimweh und die Sehnsucht nach den in Tschechien verbliebenen Kindern gewesen sein mag, so gewaltig war auch „[...] der Ansturm neuer Eindrücke, der seine Seele gleich beim Betreten des amerikanischen Bodens überflutete, und sein Widerhall gab sich auch gleich in dem ersten Werke kund, das der Meister in Amerika schuf.“[24] Er arbeitete von Januar bis Mai 1893 in New York an seiner Sinfonie Aus der neuen Welt und komponierte „[...] ein grandioses musikalisches Spiegelbild der Empfindungen und Stimmungen, die durch die in Amerika empfangenen mannig­faltigen neuen Eindrücke ausgelöst wurden.“[25] Kein Wunder also, dass Dvoŕák diese neue Erlebniswelt voll und ganz einatmete, war er doch ein Naturliebhaber und außerordentlich sensibel gegenüber neuer Eindrücke. Nicht nur die unberührten

Landschaften verzauberten den Komponisten regelrecht, sondern auch das lyrische Werk des amerikanischen Schriftstellers Henry Longfellow. Dessen Gedicht Hiawatha, das bereits 1872 in Böhmen und deswegen auch Dvoŕák bekannt war, handelt von Indianerlegenden. Der weise und legendäre Hiawatha erlöst seinen Stamm vor bösen Zaubern, lehrt seinem Volk das Handwerk und schafft Frieden mit den weißen Eindringlingen.[26] Als Dvoŕák dieses Gedicht im heimischen Böhmen gelesen hat, konnte er sich die Magie, die sich in Amerika über die weite Prärie zog, schon vorstellen und im Kopf erste tonliche Ideen erschaffen.[27] Zwanzig Jahre später hat er diesen weitläufigen Kontinent betreten und konnte sich vollkommen dem Zauber des Gedichts hingeben.

Es ist eindrucksvoll, dass die Reise in die neue Welt einen Einfluss auf seine Kompositionen gehabt haben muss, so schreibt er doch persönlich an seinen Freund Emil Kozánek: „Sie [die Sinfonie] macht mir große Freude und wird sich von meinen früheren grundlegend unterscheiden. Nun, wer eine 'Spürnase' hat, muß den Einfluß Amerikas erkennen.“[28] Diese Aussage des Komponisten lässt feststellen, dass seine neueste und letzte Sinfonie eine besondere Stellung für ihn einnimmt. Bis heute lockt er die “Spürnase“ in den Musikwissenschaftlern heraus und entfacht geradezu eine Diskussion über seine einmalige Schöpfung.

Die Amerikaner feierten am 16. Dezember 1893 in der New Yorker Carnegie Music Hall die Uraufführung der Sinfonie Nr. 9, dirigiert vom bekannten Wagner-Schüler Anton Seidl.[29] Der sonst zurückhaltende Dvoŕák muss von dem Erfolg überwältigt gewesen sein, denn ein paar Tage nach der Premiere steht in einem Brief an seinen Verleger Fritz Simrock geschrieben: „Der Erfolg der Symphonie [...] war ein großartiger [...] die Leute applaudierten so viel, daß ich aus der Loge wie ein König !? alla Mascagni in Wien (lachen Sie nicht!) mich bedanken mußte. Sie wissen, daß ich mich solchen Ovationen gern entziehen kann, aber ich mußte es tun und mich zeigen!“[30] Damals wie heute wird diskutiert, ob Dvoŕák seine musikalischen Gestaltungsweisen in der Amerikanischen Sinfonie durch das Übermaß von Eindrücken grundlegend ver­ändert hat oder ob er der tschechischen kompositorischen Tradition, dieses Mal mit einem Hauch amerikanischer Färbung, treu geblieben ist.

In jeder Hinsicht verarbeitete Dvorák seine in New York empfundenen Gefühle und „[lässt die Nachwelt wissen], daß diese Kompositionen nie „so“ geschrieben worden wären, wenn [er] Amerika nicht gesehen hätte!“31 Die Sinfonie besitzt einen ganz eigenen Charakter, der durch Volkslieder von Indianern und People of color32 gekennzeichnet ist. Diese Gesänge werden von einer besonderen Melodik, Harmonie und Rhythmik beherrscht, die sich Dvorák zu eigen machte, um eine nationale Musik für die Vereinigten Staaten zu erschaffen. Als Quelle ließ er sich von der afroamerikanischen Musik und Erzählungen indianischer Legenden inspirieren.33 Fest steht, dass er auf der Suche nach charakteristischen Merkmalen dieser ihm unbekannten Musik war:

„In search of possible basic material for a characteristic style, Dvorák asked Henry Thacker Burleigh, a black student at the National Conservatory, to sing him spirituals and plantation songs from the south and he asked the music critic Henry Krehbiel for transcriptions of Amerindian melodies [••I“[34]

Der Musikwissenschaftler John Clapham vermutet, dass Dvorák bewusst das Englischhorn für das Hauptmotiv im zweiten Satz einsetzte, weil es Burleighs Stimme ähnelte.[35]

Der Komponist verwendete in der Melodik die pentatonische (fünfstufige) Tonleiter, bei der in der Moll-Tonart oft die sechste Stufe ausgelassen und vorwiegend die kleine siebte Stufe verwendet wird. Des Weiteren lässt er einen bestimmten Ton auf die Tonika oder Dominante zurückkehren, um den Effekt eines schwermütigen Gefühlsausdrucks im Thema zu verstärken.[36] Ein bekanntes Merkmal der für Dvorák neuen Musik „[...] ist der Orgelpunkt auf der Tonika, der Dominante oder auf ihrer Verbindung [...]“[37] in der Harmonie der Themen. Der Rhythmus ist geprägt von häufigen Punktierungen und Synkopen, die sich in den Hauptmotiven abwechseln.

Der Dvorák-Forscher Otakar Šourek ist der Meinung, dass die Motive, obwohl sie eine neue Form in der Amerikaperiode entwickelten, trotzdem “Dvorákisch“ sind, weil starke Punktierungen und Synkopen auch in der Musik von anderen Völkern existieren. Dvorák nutzte also die Gesänge lediglich als Quelle der Inspiration.[38] Šourek stützt seine These auf die Beibehaltung des Aufbaus der klassischen Sinfonie in dem amerikanischen Werk. Die kurzen „[...] viertaktigen oder höchstens achttaktigen Themen werden namentlich in den ersten drei Sätzen genau nach dem Schema der klassischen Symphonie aneinandergereiht [,..].[39] Insbesondere „[...] die konsequente Wiederholung und Zusammenfassung der Hauptthemen der einzelnen Sätze auf den Höhepunkten [...]“[40] bestätigen Šourek in seiner Annahme, dass der Komponist das Grundgerüst einer klassischen Sinfonie beibehielt, neue Motive erschuf und der inhaltliche Charakter einer Mischung aus neuer Erlebniswelt und Heimweh entsprang. Die Feststellung des Forschers ist begründet, da Dvorák es sich schon immer zu seiner Aufgabe machte, der Umwelt zu lauschen und die Charakteristika heimischer Folklore zu verwenden, beispielsweise verschiedenartige melodisch-rhythmische Muster in den Slawischen Tänzen [41]

Der deutsche Musikwissenschaftler Klaus Döge sieht in der 9. Sinfonie die Zufriedenstellung eines Landes, das sich eine national-amerikanische Kunstmusik gewünscht hat. Dvorák hatte keine andere Wahl, als die vorhandenen folkloristischen Elemente in seinen Themen zu verarbeiten, denn das erste in der neuen Welt komponierte Opus musste - wie es heutzutage so schön heißt - ein Hit werden.[42] Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass alle Themen, die auch nur ansatzweise Charakteristika der amerikanischen Volksmusik unterschiedlichster Herkunft be­inhalten, auch als solche verstanden wurden und werden.[43]

3. 1. 1 Verarbeitung der neuen Erlebniswelt - 1. Satz Adagio, Allegro molto

Dvorák komponierte in seinen vorhergehenden acht Sinfonien stets einen schnellen ersten Satz, dessen Hauptthema anfangs noch nicht auskomponiert ist, sondern erst abschnittsweise und langsam entsteht. Lediglich die Sinfonie e-Moll Aus der neuen Welt verfügt über einen unabhängigen langsamen Einleitungssatz, der mit der Form der klassischen Sinfonie zu Beethovens Zeiten übereinstimmt.[44] Es ist, als ob der Komponist sich an seine Gefühle und Gedanken erinnerte, die er im September 1892 bei seiner Ankunft in New York hatte. Das Schiff näherte sich dem Hafen einer neuen und für Dvofák unbekannten Welt, in der er zwei Jahre, weit weg von seiner Heimat und der dort zurückgebliebenen restlichen Kinder, leben sollte.[45] Der Einleitungssatz ist „[...] randvoll gefüllt mit dem brausenden Gewimmel und sich überstürzenden Lebenstempo, mit dem New York in seinen Straßen, [...] mitsamt dem riesigen Ameisenhaufen aller erdenklichen Menschenarten auf den Gast einstürmte.“[46] Schon die ersten Takte des Adagios zeugen von kompositorischen Besonderheiten, derer sich Dvofák vor dem Amerikaaufenthalt noch nicht bediente. Döge und Karin Stöckl stellen fest, dass „[...] für den ersten Takt [...] die Darstellung jener fremden folkloristischen satztechnischen Merkmale [kennzeichnend ist]: synkopierter Rhythmus, Pentatonik, erniedrigter Leitton, fremdartige Harmonik.“[47]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dvofák, Antonín: Symphony Nr. 9 e-moll op. 95, Studienpartitur, 2. Aufl., hrsg. von František Bartoš, Kassel u. a. (Bärenreiter) 2008 (12004), 1. Satz T. 1-5.

Dieses Anfangsthema des ersten Satzes, gespielt von den Celli, ist vom äolischen Modus geprägt. Der zweite Takt wiederholt das vorangegangene Motiv und für die bisherige Kompositionstechnik Dvofáks „[...] ist der tiefalterierte Sextvorhalt es-d auf Zählzeit drei und vier in der Viola [...]“[48] eine völlig neue musikalische Gestaltungsweise, wie sie bisher noch nie in seinen Werken vorkam. Dieser Vorhalt unterstreicht den Effekt eines Seufzers, der sich für Dvofák als eine Eigenschaft der amerikanischen Folklore herauskristallisierte.

[...]


[1] Šourek, Otakar: Antonín Dvoŕák. In Briefen und Erinnerungen, deutsche Übers. von Bedŕich Eben, Prag (Artia) 1954, S. 164-165.

[2] Vgl. Hetschko, Alfred: Antonín Dvoŕák (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 253), Leipzig (Reclam) 1965, S. 5.

[3] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 11.

[4] Vgl. Sychra, Antonín: Antonín Dvoŕák. Zur Ästhetik seines sinfonischen Schaffens, 1. Aufl., Leipzig (VEB Deutscher Verlag für Musik) 1973, S. 264.

[5] Vgl. Döge, Klaus: Dvorák. Leben, Werke, Dokumente (= Serie Musik Piper-Schott), Mainz (Schott) und München (Piper) 1991, S. 48.

[6] Vgl. Döge, Klaus: Art. „Dvorák, Antonín“, in: MGG2, Personenteil Bd. 5 (2001), Sp. 1738.

[7] Döge, Antonín Dvorák, MGG2 Bd. 5, Sp. 1739.

[8] Döge, Antonín Dvorák, MGG2 Bd. 5, Sp. 1739.

[9] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 12.

[10] Vgl. Döge, Antonín Dvorák, MGG2 Bd. 5, Sp. 1742-1743.

[11] Vgl. Hetschko, Antonin Dvorák, Bd. 253, S. 143.

[12] Döge, Antonín Dvorák, MGG2 Bd. 5, Sp. 1744.

[13] Vgl. Sirp, Hermann: Anton Dvorak, Potsdam (Athenaion) 1939, S. 105.

[14] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 154.

[15] Vgl. Ivanov, Miroslav: Dvoŕák in Amerika. Auf den Spuren eines großen Musikers, deutsche Übers. von Anna Zatloukalová, Berlin (Edition q) 1998, S. 80.

[16] Vgl. Ivanov, Dvoŕák in Amerika, S. 74-75.

[17] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 155.

[18] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 156.

[19] Vgl. Šourek, Otakar: Antonín Dvoŕák. Sein Leben und sein Werk, deutsche Übers. von Pavel Eisner, Prag (Artia) 1953, S. 52-53.

[20] Vgl. Ivanov, Dvoŕák in Amerika, S. 76.

[21] Vgl. Šourek, Leben und Werk, S. 53.

[22] Vgl. Döge, Antonín Dvoŕák, MGG2 Bd. 5, Sp. 1745.

[23] Vgl. Šourek, Leben und Werk, S. 54.

[24] Šourek, Leben und Werk, S. 55.

[25] Hetschko, Antonin Dvoŕák, Bd. 253, S. 148.

[26] Vgl. Ivanov, Dvoŕák in Amerika, S. 191.

[27] Vgl. Clapham, John: „The Evolution of Dvorak's Symphony 'From the New World'“, in: MQ Bd. 44 (1958), S. 167. (Clapham muss sich geirrt haben, dass Dvoŕák das Gedicht bereits dreißig Jahre zuvor gelesen hat, denn es ist erst 1872 in Tschechien erschienen)

[28] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 171.

[29] Vgl. Šourek, Leben und Werk, S. 58.

[30] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 188.

[31] Šourek, Briefe und Erinnerungen, S. 181.

[32] People of color (kurz: PoC) ist ein selbst ausgewählter Begriff von und für Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben. Dieser Ausdruck ist in vielen Ländern ein gängiger Begriff und wird im politischen und akademischen Umfeld verwendet. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich nur noch die Abkürzung verwenden. Nachzulesen auf der Internetseite der Organisation der braune mob e.V., die sich für eine diskriminierungsfreie deutsche Medienöffentlichkeit einsetzt: http://www.derbraunemob.de/faq/ (letzter Aufruf am 25. Juni 2016)

[33] Vgl. Šourek, Leben und Werk, S. 55 u. 95.

[34] Döge, Klaus: Art. „Dvorák, Antonín“, in: NgroveD2, Bd. 7 (2001), S. 783.

[35] Vgl. Clapham, Evolution 'From the New World', S. 170.

[36] Vgl. Šourek, Otakar: Antonín Dvorák, Bd. 1: Werkanalyse I (Orchesterwerke), deutsche Übers. von Pavel Eisner, Prag (Artia) 1954, S. 149-150.

[37] Šourek, Werkanalyse Orchesterwerke, S. 150.

[38] Vgl. Šourek, Werkanalyse Orchesterwerke, S. 149-150.

[39] Šourek, Werkanalyse Orchesterwerke, S. 151.

[40] Šourek, Werkanalyse Orchesterwerke, S. 151.

[41] Vgl. Döge, Leben, Werke, Dokumente, S. 269.

[42] Vgl. Stöckl, Karin; Dvorák, Antonín; Döge, Klaus: Antonín Dvorák Sinfonie Nr.9 e-Moll op. 95 'Aus der neuen Welt', Taschenpartitur mit Erl., 2. Aufl., München u. a. (Goldmann u. a.) 1986, S. 93.

[43] Vgl. Stöckl; Döge, Sinfonie Nr. 9, S. 87.

[44] Vgl. Stöckl; Döge, Sinfonie Nr. 9, S. 94.

[45] Vgl. Šourek, Werkanalyse Orchesterwerke, S. 154.

[46] Šourek, Leben und Werk, S. 94.

[47] Stöckl; Döge, Sinfonie Nr. 9, S. 96.

[48] Stöckl; Döge, Sinfonie Nr. 9, S. 96.

Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668479401
ISBN (Buch)
9783668479418
Dateigröße
5.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369885
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Antonín Dvořák Musik Klassische Musik Aus der neuen Welt Amerikanisches Streichquartett Sinfonie e-Moll Streichquartett F-Dur Kompositionsstil

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