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Die Hugenotten in Magdeburg. Ursachen für die Vertreibung aus Frankreich und Neuansiedlung in Preußen

Facharbeit (Schule) 2014 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort 3

2. Entstehung des Wortes „Hugenotten“
2.1 Wie entwickelten sich die Hugenotten in Frankreich
2.2 Situation der Hugenotten in Frankreich (16. Jahrhundert)
2.3 Gründe und Ursachen der Vertreibung aus Frankreich

3. Gesellschaftliche Situation in Preußen
3.1 Gründe der Aufnahme der Hugenotten in Preußen

4. Warum Magdeburg?
4.1 Einfluss und Wirken in Magdeburg
4.2 Leben der Hugenotten in Magdeburg
4.3 Spuren der Hugenotten in Magdeburg bis heute
4.4 Hugenottische Persönlichkeiten in Magdeburg

5. Schlusserklärung

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Das Thema der vorliegenden Facharbeit sind die Ursachen der Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich und die daraus folgende Neuansiedelung in Preußen. Auch möchte ich in dieser Arbeit einen kleinen Einblick in die Geschichte der Hugenotten geben. Dabei stehen besonders die Vertreibung aus Frankreich sowie die Ansiedlung in Preußen, exemplarisch in Magdeburg, im Mittelpunkt.

Die Facharbeit ist in drei wesentliche Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt wird sich mit der vorbereitenden Thematik beschäftigen, was unter dem Begriff „Hugenotten“ zu verstehen ist, mit der Herkunft, Entstehung und Lebensweise dieser Gruppe von Menschen sowie mit den Ursachen ihrer Vertreibung aus Frankreich. Hierbei werde ich auf die konkrete Situation der Lebensbedingungen in Frankreich eingehen, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, sich in das Thema auch ohne umfassende Vorkenntnisse hineinzufinden.

Der zweite Abschnitt wird sich auf die neue Situation der Hugenotten in Preußen beziehen. Dabei werde ich darlegen, wie die Grundvoraussetzungen in Preußen waren und wie sich das Leben der Hugenotten veränderte, weshalb sie ausgerechnet nach Preußen kamen und welchen Einfluss sie auf das Land hatten und was man sich von der Ansiedelung versprach. Dafür möchte ich im letzten Abschnitt der Arbeit beispielhaft Magdeburg anführen – als eine der bedeutendsten preußischen Städte und natürlich im Rahmen der regionalen Bedeutung als heutige Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt – und die vorhandenen Spuren der Hugenotten bis heute in der Stadt aufzeigen.

Dabei möchte ich vor allem auch auf die Bauwerke der Stadt Magdeburg aufmerksam machen, die auf Hugenotten zurückgehen und noch heute sichtbar für jeden sind. Außerdem werde ich Veränderungen aufzeigen, die ohne die Ansiedlung der Hugenotten in Magdeburg nicht so stattgefunden hätten und auf Persönlichkeiten hinweisen, die dadurch die Stadt bereichern konnten.

Für diese Facharbeit standen mir zahlreiche literarische Nachschlagewerke aus dem Landes- und Stadtarchiv Magdeburg zur Verfügung, die sich mit diesem Thema allgemein, aber auch im Besonderen beschäftigen, welche mir einen detaillierten Einblick über die Ansiedelung der Hugenotten in Magdeburg und ihren Werdegang innerhalb der Stadtgeschichte gaben. Mit diesen umfangreichen Informationsquellen ausgestattet, bietet diese Arbeit einen allgemeinen, umfassenden Blick auf die Hugenotten als Ganzes, als auch auf die damit verbundene Geschichte Magdeburgs.

2. Entstehung des Wortes „Hugenotten“

Als erstes möchte ich erklären, woher die Bezeichnung „Hugenotten“ überhaupt stammt und was man allgemein unter „Hugenotten“ versteht. Die Herkunft des Wortes „Hugenotten“ (frz. Huguenots) ist bis heute noch nicht ganz geklärt und noch immer umstritten. Es gibt laut Meinungen verschiedener angesehener Historiker zwei Thesen zur Entstehung des Begriffs.

Die erste These geht auf eine lokale Sage aus Tours (Westfrankreich) zurück, in der berichtet wird, dass sich das Wort auf den Phantomkönig Hugo bezieht, der nachts immer durch die Straßen schlich wie ein Gespenst. Da die „Hugenotten“ sich in Frankreich nach dem Verbot immer nachts, heimlich zu ihren Versammlungen trafen, wird angenommen, dass sich das Wort „Huguenot“ ableitete von „Hugues“ (frz. für „Hugo“), im übertragenen Sinne also „lichtscheues Gesindel“. Die Sage des Gespenstes König Hugo soll auf den Begründer „des Französischen Königshauses der Kapetinger zurückgehen, König Hugo Capet“[1].

Die Zweite bekannte These zur Entstehung des Wortes „Hugenotten“ soll aus dem Wort „Eidgenossen“ stammen. Allerdings kann der sprachliche Übergang von „Eidgenosse“ zu „Huguenot“ nicht mehr belegt werden. Man nimmt an, dass sich dieses auf die reformierten Landsleute aus Genf bezieht, die aus der Schweiz nach Frankreich flüchteten[2].

Unter der Bezeichnung „Hugenotten“ versteht man zum einen die durch Johann Calvin (Jean Cauvin) geprägten und reformierten Protestanten 1545-1786.Wobei der Begriff „Hugenotten“ lange Zeit in Frankreich nur eine Fremdbezeichnung war und sie sich selbst als „réformés“ (Reformierte) bezeichneten. Nur selten nannten sie sich selbst auch Calvinisten (wie die Schweizer Reformierten). Offiziell wurden sie in Frankreich als „religion prétendue réformée“, d.h. „angeblich reformierte Religion“ benannt[3].

Den Begriff „Protestanten“ erhielten und übernahmen sie erst nach der Französischen Revolution von 1789. Später ging die Bezeichnung auch auf alle anderen protestantischen, europäischen Glaubensflüchtlinge über. Darunter versteht man also auch geflüchtete Protestanten aus Piemont (Waldenser) und die aus den Spanischen-Niederlanden geflüchteten Wallonen sowie die späteren Nachfahren der Wallonen, Waldenser und Franzosen, die sogenannten „Pfälzer“ Flüchtlinge. Anfang des 18. Jahrhunderts kamen dann noch die ausgewiesenen Reformierten aus dem südfranzösischen Fürstentum Orange (Orangeois) dazu.

„Die früheste nachgewiesene Verwendung des Begriffs „Hugenotten“ lässt sich auf eine Handschrift aus der Stadt Périgueux (Departement Dordogne) im Jahre 1551 zurückführen, in der zum ersten Mal schriftlich die Bezeichnung „böse Hugenottenrasse“ auftaucht[4]. Zwar wurde dieser Begriff im Jahre 1561 vom Staat verboten, jedoch ohne Erfolg. In den Jahren 1560 bis 1629 entstand eine weitere Bezeichnung in Frankreich für die reformierten Adligen bzw. für die städtische Oberschicht, die mehr politischen Einfluss im Staat wollte und so eine Bewegung für mehr Mitsprache bildete. Die Anhänger dieser reformierten Oberschicht wurden „Huguenots d ' état“ (Hugenottischer Stand) genannt.

2.1 Wie entwickelten sich die Hugenotten in Frankreich

In diesem Abschnitt stellt sich die Frage: Wie waren die Anfänge der Reformation in Frankreich? Fakt ist, dass in Frankreich anfangs ein geeigneter Anführer der Reformation fehlte und dass das Herrscherhaus nur in sehr geringen Anteilen für die Reformationsbewegung gewonnen werden konnte. Wenn man jedoch nach einem Namen in der französischen Reformation sucht, dann muss man den Theologen und Universalgelehrten Jacques Lefèvre aus Etaples nennen. Er beschäftigte sich mit den Originaltexten der Bibel und veröffentlichte 1512 in den sogenannten „Paulus-Kommentaren“ eine erste Denkschrift zur Bibel, woraufhin die erste Übersetzung der Bibel von Latein in die französische Sprache erfolgte – im Jahre 1530 war sie komplett (1523 Neues Testament, 1528 Altes Testament). Dieses gilt als erster geschichtlicher Schritt der Reformation in Frankreich, obwohl bereits 1519 Martin Luthers Schriften in Frankreich Verbreitung fanden und auch in Universitäten übersetzt wurden[5].

Unterstützung erhielt die langsam aufkommende Bewegung auch durch den Bischof von Meaux, Guillaume Briçonnet, der als erster kirchlicher Würdenträger eine Neuausrichtung mit 32 neuen Predigerstationen einrichtete. Dabei setzte er auch auf Lefèvre und auf Guillaume Farel, der als ein Reformator der französischsprachigen Schweiz sowie Vorgänger und Mitarbeiter Johannes Calvins bekannt wurde. Bereits 1521/23, nach der Übersetzung des Neuen Testaments, bildete sich eine kleine Reformgruppe in Frankreich. Es ist also festzuhalten, dass die Reformation in Frankreich ihren Ursprung in Meaux hat. Somit begann ein langer und schwieriger Prozess bis zur endgültigen Entstehung einer reformierten Kirche in Frankreich. Kurz nach 1523 musste sich die kleine Reformationsgruppe auf Druck der katholischen Bischöfe Frankreichs sowie der Pariser Universität auflösen bzw. Zuflucht zu so bekannten Größen wie Margarete von Navarra suchen. Hintergrund war die Verurteilung der Lutherischen Schriften und ab 1528 die massive Front gegen die sogenannten luthériens bzw.

die évangéliques [6] .

Wer ab 1528 noch das evangelische Bekenntnis vertrat bzw. unterstützte oder dem nachgewiesen werden konnte, eine französische Bibel zu besitzen, der musste mit Verfolgung sowie dem Tode als Ketzer auf dem Scheiterhaufen rechnen, Zahlreiche Evangelisten mussten sterben – oft auch im direkten Beisein des Königs Heinrich II. selbst in Paris.

In den nächsten Jahrzehnten wurde die Verfolgung immer weiter radikalisiert. So wurde 1547 ein Sondergerichtshof befohlen, der als „Chambre ardente“ (Scheiterhaufenkammer) in die Geschichte einging. Dabei soll erwähnt werden, dass selbst Mitglieder dieser Kammer nicht verschont wurden und zum Tode im Feuer verurteilt wurden.

Mit den Edikten von Châteaubriant (1551) und Compiègne (1557) wurden die Strafen weiter verschärft und den Angeklagten so gut wie alle Rechte abgesprochen. Bereits zu diesem Zeitpunkt flüchteten viele Hunderte Anhängern der Reformation in Frankreich in die benachbarte Schweiz, vor allem in die wegen der Sprachgleichheit angrenzende Westschweiz bzw. in die Welschschweiz [7] .

Dies führte zu einem enormen Beistand aus der bereits gut reformierten Schweiz, aus dieser dann Farel und vor allem Calvin mit zahlreichen Briefen und Werken die Reformation in Frankreich versuchten nach Kräften zu fördern.

2.2 Situation der Hugenotten in Frankreich (16. Jahrhundert)

Nach dem Ableben von König Heinrich II. folgte in Frankreich eine schwächere Zeit des Königshauses, in dem die Erbansprüche nicht genau geklärt waren, sodass bis zur Volljährigkeit der rechtmäßigen Erben, Katharina von Medici als Regentin die Regierung übernahm. Sie bemühte sich um einen Ausgleich der Religionen in Frankreich. So kam es 1562 zum Edikt von Saint-Germain-en-Laye, in dem es den Hugenotten erstmals erlaubt wurde auch ganz offiziell und öffentlich Gottesdienste abzuhalten[8]. Es war das erste Edikt in ganz Europa, das eine zweite Konfession in einem Staat erlaubte. Dies führte in logischer Konsequenz zu einem enormen Zulauf für die Hugenotten. Vor allem im Norden Frankreichs (Nähe zur Schweiz, siehe 2.1) nahm ihre Anzahl nochmals zu. Dadurch sahen sich aber auch die Anhänger der katholischen Konfession wieder zum Handeln gezwungen. Um die Einheit von Religion und Staat wieder herzustellen, begann eine lange Zeit von politisch und religiösen motivierten Bürgerkriegen (frz. Guerres de Religion). In zahlreichen kleinen Kriegszügen rangen von nun an die Anhänger der Reformierten und Katholiken um die Macht und den Glauben in Frankreich. Insgesamt zählt man acht Abschnitte dieser „Religionskriege“, von1562 bis 1598 dauerte dieser Zustand an[9]. Dabei hatten beide Seiten zahlreiche Opfer zu beklagen, Siege und Niederlagen wechselten immer wieder die Seiten. Der zwischenzeitlich an die Macht gekommene König Heinrich III. war kinderlos geblieben und so bestieg Heinrich IV. den Thron. Einer der ersten Handlungen des neuen Königs war das Edikt von Mantes im Juli 1591, mit dem das Edikt von 1585 für nichtig erklärt wurde und das die Grundsätze von Poiters (siehe 2.1) wieder einsetzte. Es dauerte dann noch bis 1598 bis der 36-jährige Bürgerkrieg in Frankreich endgültig beendet war. Dies geschah durch das Edikt von Nantes[10], das auch unter dem Namen „Duldungsedikt von Nantes“ (Toleranzedikt) bekannt ist. Es stellte erstmals die Gleichberechtigung der Reformierten mit dem katholischen Glauben fest und sollte „vorübergehend“ den Frieden in Frankreich sichern, damit sich der Staat von den Jahrzehnten des Krieges erholen und festigen konnte. Das Edikt bestand aus vier Teilen, wobei nur der erste Teil eine gesetzgebende Wirkung hatte. Das königliche Patent (Brevet) garantierte den Hugenotten einen Betrag aus der Staatskasse von 45000 Talern. Es enthält 95 Artikel, darunter das Verbot über den vorangegangenen Bürgerkrieg zu reden, der katholische Gottesdienst wurde wieder eingeführt, geplündertes katholisches Eigentum musste wieder zurückgegeben werden. In weiteren 23 Paragraphen wurden den Reformierten acht Jahre lang 150 Zufluchts- und Sicherheitsplätze zugesichert, darunter bedeutende Städte wie Montpellier und Grenoble. Die Hugenotten durften sich nun überall ansiedeln und ihnen wurde gewährt, ihre Religion öffentlich auszuüben – auch wenn die Orte dafür begrenzt wurden auf die Orte, wo sie bereits 1596/97 begangen wurden[11].

2.3 Gründe und Ursachen der Vertreibung aus Frankreich

Zu Beginn der Unterdrückung der Hugenotten in Frankreich steht der Tod von König Heinrich IV. im Jahre 1610. Neuer König in Frankreich wurde zu diesem Zeitpunkt Ludwig XIII. Damit begann sich die Situation entscheidend zu verändern für die Hugenotten: 1620 begann Ludwig XIII. mit der gewaltsamen Rekatholisierung Frankreichs[12]. Dies führte zu einem erneuten Ausbruch eines Bürgerkrieges (1621-1629), in dem die Hugenotten nur noch vereinzelt Widerstand leisten konnten. Unter ihrem neuen Anführer Herzog Heinrich von Rohan gelang es ihnen nicht mehr, wie in den Jahren vor dem Edikt von Nantes, effektiven Widerstand zu leisten. In der Folge wurden die Rechte der Hugenotten erstmals seit dem Duldungsedikt wieder beschnitten, d.h. Versammlungen brauchten nun wieder die direkte königliche Bewilligung. Treibende Kraft der Katholiken war ab 1624 der Kardinal Richelieu, der jetzt neben König Ludwig XIII. der erste Verfechter eines einheitlichen Glaubens in Frankreich gilt. Die Hugenotten sollten nun endgültig vernichtet werden. Dafür wurde von der katholischen Kirche (Rom) eine gewaltige Summe an Geld zur Verfügung gestellt[13].

1629 fiel in diesem Kampf die Entscheidung: Mit der Eroberung der Hugenotten-Hochburg La Rochelle verloren die Hugenotten alle ihre Sicherheitsplätze und wurden als Machtfaktor aus dem politischen Leben Frankreichs verbannt.

Jedoch waren die Hugenotten noch nicht vernichtet: Immer noch waren gut 4% der gesamten Bevölkerung Anhänger des reformierten Glaubens. Vor allem in Nordfrankreich waren sie noch immer stark verbreitet, vereinzelt auch noch in der Normandie und Paris. Außerdem hielten sich vor allem in kleinen und mittleren Städten viele Hugenotten in ihren Ämtern. Dagegen wurde nun nach Beendigung des Bürgerkrieges entschieden vorgegangen: Königliche Beamten wurden mit der Beaufsichtigung der Hugenotten beauftragt. Der Kontakt zwischen den Kirchengemeinden (provinziell) wurde verboten sowie der Kontakt zum Ausland. Den Predigern der Hugenotten wurde es untersagt, außerhalb ihres Wohnortes zu predigen, sie durften auch das Land nicht verlassen. In den Schulen der Hugenotten musste nun die Hälfte der Lehrer und Schüler sowie der Rektor katholischen Glaubens sein[14]. So wurden die Hugenotten Schritt für Schritt systematisch aus ihren Ämtern verdrängt. Darum wandten sich die meisten der verdrängten dem Handel und dem Gewerbe zu (Handwerker, Kaufleute, Landwirte).

Die Ablehnung und die Schikanen gegenüber den Hugenotten wurden immer eindringlicher. Mittels Bespitzelungen, Intrigen und Denunzierungen wollte man nun die Glaubenseinheit Frankreichs herbeiführen. Der katholische Glaube wurde nicht zuletzt nach der Thronbesteigung Ludwig XIV. (1661) zum Dogma erklärt. Unter seiner Herrschaft fielen alle noch vorhanden Hemmungen zur „Bekehrung“ der Reformierten. Jetzt wurden die Hugenotten (inkl. Prediger) auch mit Geld bestochen, wenn sie denn ihrem Glauben abschwören und zum katholischen Glauben konvertierten[15]. Zwar hatten die Hugenotten während der Eroberungskriege Ludwigs vereinzelt kleine „Ruhephasen“, doch sobald die Kriege beendet waren, nahm der Druck auf die Reformierten sofort wieder zu. Unter dem Motto: „un roi, une foi, une loi“ (ein König, ein Glaube, ein Gesetz) war jetzt jedes Mittel recht, um die „Organisation“ der Hugenotten zu zerschlagen[16].

Sie wurden beleidigt, bedroht, und schikaniert, denunziert, ausgegrenzt und ruiniert, angeprangert, verfolgt und bestraft. Jeder, der seinem Glauben nicht abschwören wollte oder gegen die sehr harten Bestimmungen verstieß, wurde sofort verhaftet und zu Gefängnis oder lebenslanger Arbeit auf einer Galeere gezwungen, wenn nicht sogar zum Tode verurteilt[17]. Es wurden 200 Verordnungen erlassen, die z.B. den Hugenotten untersagten, laut zu singen (auch in ihren eigenen Häusern), Aufenthaltsbeschränkungen wurden festgelegt, Ungültigkeitserklärungen von Meisterbriefen, Bußgeld bei Verspottung von Katholiken. Es gab keine Kredite mehr für Hugenotten, schon laufende mussten sofort zurückgezahlt werden, sonst drohte die Beschlagnahmung des Eigentums und sogar die Zerstörung von Kirchen bzw. Kirchenräumen wurde befohlen[18]. Es wurden Berufsverbote verhängt für z.B. Hebammen, Apotheker, Ärzte, Drucker, Rechtsanwälte und Buchhändler[19]. Alle diese Maßnahmen führten nicht zur „Ausrottung“ des Protestantismus in Frankreich, sorgten aber dafür, dass es Ende 1679 keine Hugenotten mehr in öffentlichen Ämtern gab und machten ihnen das Leben in Frankreich so gut wie unmöglich. In den Jahren 1679 bis 1685 wurden weitere Verordnungen, Edikte, Gesetzte und Deklarationen verabschiedet, um den endgültigen „Erstickungstod“ der Hugenotten in Frankreich herbeizuführen[20]. So waren ab 1683 auch sogenannte Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten verboten. Die Flucht ins Ausland wurde nun für alle Hugenotten verboten (vorher nur Prediger) und es kamen die sogenannten „Dragonaden“ („gestiefelte Missionare“) als Mittel der Zwangsbekehrung zum Einsatz. Diese zogen von Ort zu Ort und quartierten sich bei den Hugenotten ein. Diese mussten diese „Missionare“ dulden und bewirten, auf ihre eigenen Kosten[21]. Dabei wurde auf nichts Rücksicht genommen: Das Haus wurde verwüstet, das Inventar verkauft, Mord und jegliche andere Gewaltanwendungen waren an der Tagesordnung. Die Dragonaden verließen das Haus erst wieder, wenn die „Gastgeber“ zum katholischen Glauben konvertierten. Sie zogen bis ca. 1685 durch das ganze Land und nahmen weder auf Adlige noch auf Bürger Rücksicht. In Paris wurde man direkt in die Bastille gebracht. So kam es zu Massenabschwörungen in ganz Frankreich[22].

Um auch gesetzlich einen Schlussstrich unter die Hugenotten zu ziehen, erklärte Ludwig XIV. das Edikt von Nantes (1598) mit dem Widerrufsedikt von Fontainebleau (1685) für nicht mehr existent. Mit diesem Widerrufsedikt wurde der reformierte Glaube nun voll und ganz als strafbar und verboten erklärt. Damit gab es offiziell keinen Protestantismus mehr in Frankreich. Prediger wurden durch dieses Edikt zum Auswandern innerhalb von 4 Wochen gezwungen, während den noch immer gläubigen Hugenotten die Ausreise bzw. Auswanderung weiter untersagt blieb. Was sollten die noch immer an ihrem Glauben festhaltenden Hugenotten nun tun? Die Lebenssituation war unerträglich für sie geworden, dennoch hielten viele an ihren Glauben fest und so hatten die verbleibenden nur noch drei Möglichkeiten offen:

1. Illegale und risikoreiche Flucht aus Frankreich
2. Widerstand, verbunden mit Märtyrertum
3. Scheinbare und oberflächliche Konversion und Anpassung an die neuen Verhältnisse[23]

[...]


[1] Gresch, Eberhard : Die Hugenotten – Geschichte, Glaube und Wirkung Evangelische Verlagsanstalt – Leipzig 2005.

[2] Gresch

[3] Gresch

[4] Gresch

[5] Gresch

[6] Gresch

[7] Gresch

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[18] Gresch

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[21] Gresch

[22] Gresch

[23] Gresch

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668475175
ISBN (Buch)
9783668475182
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369841
Note
2,4
Schlagworte
Hugenotten Frankreich Magdeburg Ursachen Vertreibung Ansiedlung Preußen

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Titel: Die Hugenotten in Magdeburg. Ursachen für die Vertreibung aus Frankreich und Neuansiedlung in Preußen