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Verwundbar im Alltag, grandios im Netz. Warum Narzissten das Web 2.0 fast noch mehr lieben als sich selbst

Bachelorarbeit 2016 71 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund und Hypothesenbildung
2.1 Narzissmus
2.2 Die Soziale Netzwerkseite Facebook
2.3 Selbstdarstellung
2.4 Soziale Vergleiche

3 Methoden
3.1 Beschreibung der Stichprobe
3.2 Vorgehensweise und Untersuchungszeitraum
3.3 Messinstrumente
3.4 Statistische Auswertung

4 Ergebnisse
4.1 Deskriptive Statistik
4.2 Präliminaranalyse
4.3 Überprüfung der Hypothesen

5 Diskussion
5.1 Erfassung der Selbstdarstellungs-Facetten und der Häufigkeit sozialer Vergleiche
5.2 Zu den Hypothesen
5.3 Grenzen dieser Arbeit
5.4 Ausblick
5.5 Schlussfolgerung

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang
Anhang A
Anhang B
Anhang C
Anhang D
Anhang E
Anhang F
Anhang G
Anhang H
Anhang I
Anhang J
Anhang K
Anhang L
Anhang M
Anhang N
Anhang O
Anhang P

Abstract

Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, mögliche Zusammenhänge des grandiosen und des vulnerablen Narzissmus mit Verhaltensweisen im Web 2.0 zu untersuchen. Es sollte dabei die Hypothese überprüft werden, dass sich Narzissten auf Facebook vor allem dann gezielt selbst darstellen, wenn auf ihre Selbstpräsentation voraussichtlich eine direkte Rückmeldung folgt oder sie dadurch eine Ablehnung durch ihr soziales Umfeld vermeiden können. Außerdem wurden Zusammenhänge zwischen dem Narzissmus und der Häufigkeit, Richtung und Wirkung von Vergleichen auf Facebook überprüft. Dazu füllten 176 Teilnehmer Online-Fragebogen aus, dessen einzelne Bestandteile zunächst psychometrisch überprüft wurden. Es ergaben sich positive Zusammenhänge zwischen dem vulnerablen Narzissmus und sämtlichen Maßen der Selbstdarstellung sowie der Häufigkeit sozialer Vergleiche auf Facebook; für den grandiosen Narzissmus ergaben sich inkonsistentere Ergebnisse.

1 Einleitung

Nachdem das Internet im Jahr 1990 für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, wuchs es bald zu einem der wichtigsten Mittel zur Kommunikation und Sozialisation heran, das vor allem von so genannten sozialen Netzwerkseiten oder Social Networking Sites (SNSs) mitgeprägt wurde. Die zahlreichen Mitglieder dieser Seiten können sich deren enormem Anreiz dabei offenbar kaum noch entziehen: So verzeichnet die meistgenutzte SNS Facebook inzwischen über 1,6 Milliarden Mitglieder weltweit (Facebook, 2016).

Bei der Frage nach möglichen Anreizen sowie zu der extensiven Nutzung von SNSs scheinen verschiedene Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle zu spielen; darunter auch die Ausprägung des Narzissmus: So stellt die jüngere – d.h. nach 1982 geborene, Facebook besonders intensiv nutzende – Generation offenbar die narzisstischste Generation der jüngsten Geschichte dar (Twenge & Campbell, 2009), sodass sich die Frage auftut, ob es systematische Zusammenhänge zwischen dem stetigen Anstieg des Narzissmus und der Zunahme des weltweiten Facebook-Konsums geben könnte und ob Personen mit einer hohen Ausprägung des Narzissmus eventuell mehr als andere Personen von den Möglichkeiten des Web 2.0 profitieren können.

2 Theoretischer Hintergrund und Hypothesenbildung

2.1 Narzissmus

In seinem Agentischen Modell des Narzissmus sowie dessen Erweiterung (vgl. Anhang A) postuliert Campbell (Campbell, Brunell & Finkel, 2006; Campbell & Foster, 2007) drei Inhalte des Narzissmus, die wie ein System operieren und positive Gefühle im Sinne eines realitätsfernen, überhöhten Selbstwerts erzeugen. Letzterer wird dabei laut Campbell durch drei Inhalte dieses Systems aufrechterhalten: Erstens zeichnen sich Narzissten durch ein positives Selbst aus, das sich vor allem auf agentische Eigenschaften wie Status, Erfolg, Macht und Intelligenz sowie auf die physische Attraktivität bezieht und mit einer hohen Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Annäherungsorientierung einhergeht (Campbell, Rudich & Sedikides, 2002; Foster & Trimm, 2008; Foster & Brennan, 2011; Paulhus, 2001; Rohmann, Neumann, Herner & Bierhoff, 2012; Wink, 1991).

Zweitens fehlt ihnen jegliches Interesse an warmen, liebevollen Beziehungen, da sie in anderen lediglich eine Quelle von Spaß, Abenteuer und Bewunderung für sich selbst sehen und dementsprechend nicht dazu in der Lage sind, über lange Zeit von Gleichberechtigung und Rücksichtnahme geprägte Beziehungen aufrecht zu erhalten (Campbell, 1999; Campbell & Foster, 2002; Campbell, Foster & Finkel, 2002; Rohmann et al., 2012). Drittens bedienen sich Narzissten vermehrt so genannter selbstregulatorischer Strategien (Morf & Rhodewalt, 2001) wie – auf intrapsychischer Ebene – selbstwertdienlicher Verzerrungen oder – auf interpersoneller Ebene – einer bewussten Verbindung ihrer selbst mit beliebten Persönlichkeiten, um sich in deren Ruhm sonnen zu können (Campbell, 1999; Cialdini, Borden, Thorne, Walker, Freeman & Sloan, 1976; Campbell, Reeder, Sedikides & Elliot, 2000; Sedikides, Campbell, Reeder, Elliot & Gregg, 2002). Diese verhelfen ihnen im Zusammenspiel mit den für Narzissten typischen interpersonellen Stilen oder Fähigkeiten (vgl. Anhang A), welche den Narzissten das Hinterlassen eines positiven Eindrucks auf ihre Umwelt erleichtern, zu einer stetigen Erhöhung ihres Selbstwerts (Campbell & Foster, 2007; Miller, Price, Gentile, Lynam & Campbell, 2012; Paulhus, 1998).

Das Agentische Modell spiegelt jedoch nur eine Facette der narzisstischen Persönlichkeit wider: Basierend auf den Ansätzen von Kohut (1971, 1977) und Kernberg (1975, 1986) identifizierte Wink (1991) zwei Dimensionen der narzisstischen Persönlichkeit. Offener Narzissmus (Grandiosität-Exhibitionismus) ist, in Übereinstimmung mit Campbells Modell, verbunden mit hohem Selbstbewusstsein, einer exhibitionistischen Tendenz, Extraversion, Dominanz, Arroganz, hoher Annäherungsorientierung, Impulsivität, dem gnadenlosen Bestehen auf der Erfüllung eigener Bedürfnisse sowie einer independenten – d.h. unabhängigen, egozentrischen und an Autonomie orientierten – Selbstinterpretation. Im Gegensatz dazu kennzeichnen den verdeckten, nach Kohut (1977) auch pathologischen Narzissmus (Vulnerabilität-Sensitivität) ein instabiles, zwischen Gefühlen der eigenen Großartigkeit und Unsicherheit oszillierendes Selbstbild, Introversion, Vermeidungsorientierung, Ängstlichkeit, Misstrauen, eine Neigung zu Verletzlichkeit und Depressivität sowie eine interdependente – d.h. auf Harmonie, interpersonellen Anschluss und Norm-Konformität fokussierte – Selbstinterpretation (Wink, 1991; Smolewska & Dion, 2005; Rohmann et al., 2012; Neumann, 2010; Foster & Trimm, 2008).

Trotz dieser Unterschiede korrelierten vulnerabler und grandioser Narzissmus in bisherigen Studien regelmäßig signifikant positiv miteinander (z.B. Neumann & Bierhoff, 2004; Rohmann et al., 2012; Brailovskaia & Bierhoff, 2012, 2016). Sie weisen also offenbar einen gemeinsamen Kern auf, der sich vor allem durch hohes Anspruchsdenken und eine Abhängigkeit von der Bewunderung anderer Personen auszeichnet (Wink, 1991; Rohmann et al., 2012). In diesem gemeinsamen Kern dürfte es auch begründet liegen, dass vulnerable und grandiose Narzissten zuweilen Ähnlichkeiten in ihrem Verhalten an den Tag legen – so auch in der Art und Weise, auf welche sie sich die Möglichkeiten des Internets und seiner Sozialen Netzwerkseiten zunutze machen (Brailovskaia & Bierhoff, 2012, 2016).

2.2 Die Soziale Netzwerkseite Facebook

Zu den sozialen Netzwerkseiten oder Social Networking Sites (SNSs) gehören Plattformen wie MySpace, Twitter, Facebook, StudiVZ und Spickmich. Auf Facebook, der aktuell beliebtesten SNS (Facebook, 2016), formieren den Kern des Erlebens vor allem (1.) das Posten selbstrelevanter Informationen sowie (2.) die Verbindung zu anderen Mitgliedern (Buffardi & Campbell, 2008; Tufekci, 2008).

Diesbezüglich wird erstens jeder Nutzer bereits bei der ersten, kostenlosen Anmeldung dazu aufgefordert, diverse Informationen über sich preiszugeben, indem er ein öffentliches Profil von sich selbst erstellt (vgl. Anhang B). Letzteres ist aufgeteilt in fünf Rubriken: 1. Info (bis 2012 Über Mich; Schwindt, 2012) mit Informationen über Wohn- und Geburtsort, Alter, Beziehungsstatus, Familienmitglieder, berufliche Tätigkeit, Schulabschluss und Ausbildung des Profilbesitzers; 2. Interessen mit den von ihm praktizierten Aktivitäten, seinen musikalischen bzw. literaterarischen Vorlieben sowie Veranstaltungen und Gruppen, denen er angehört; 3. Fotos mit Bildern, die der Nutzer entweder selbst hochgeladen hat oder auf denen er von anderen Nutzern verlinkt wurde; 4. Chronik (bis 2012 Pinnwand; Schwindt, 2012) mit Angaben zu aktuellen Stimmungen oder Ereignissen im Leben des Profilbesitzers, auf der sowohl dieser selbst als auch andere Nutzer Kommentare (so genannte Posts) hinterlassen können; und schließlich 5. Freunde mit einer von anderen Mitgliedern einsehbaren Liste aller Facebook-Kontakte des Nutzers. Zweitens kann man auf Facebook mittels privater Nachrichten, Chronik-, Foto- und Gruppen-Kommentaren sowie dem so genannten Gefällt mir - Button und der Funktion Anstupsen mit anderen Mitgliedern interagieren (Ellison, Steinfeld & Lampe, 2007).

Zusätzlich bietet Facebook seit 2012 die Möglichkeit des kostenlosen Gebrauchs von Apps (Kurzform von Application, auf deutsch Anwendung; Klaß, 2012). Diese umfassen sowohl praktische Hilfsmittel wie einen Veranstaltungs- und Geburtstagskalender als auch Programme zu Unterhaltungszwecken, von denen wiederum vor allem Sport- und Freizeitanwendungen, Quiz- Apps und Social Games besonders beliebt sind. Mithilfe der Sport-Anwendungen (z.B. Runtastic; RunTastic GmBh, 2013) können die Nutzer ihre sportlichen Leistungen etwa in Form von zurückgelegten Wegstrecken veröffentlichen; in Quiz-Anwendungen (z.B. FaceDouble; AboutUs, 2014) werden die geposteten Inhalte der Nutzer ausgewertet, um so scherzhaft etwa ihre Ähnlichkeit zu berühmten Stars zu ermitteln; dagegen müssen im Rahmen der Social Games entweder direkte Wettbewerbe gegen andere Spieler angetreten (z.B. Quiz-Duell; FEO Media AG, 2013), kleine Aufgaben und Levels bewältigt werden (z.B. Candy Crush Saga; King, 2012). Die Spieler können hier entweder durch die kontinuierliche Investition von Zeit oder durch das Zahlen kleiner Geldbeträge leichte Erfolge erzielen (MacMillan, Burrows & Ante, 2010), ihre Ergebnisse in regelmäßigen Abständen auf ihrem Profil veröffentlichen und die eigene Leistung mithilfe von Rangordnungs-Tabellen mit der befreundeter Spieler vergleichen.

Dank dieser zahlreichen Funktionen gelten SNSs als einer der Hauptgründe für die hohe Attraktivität des „Mitmach-Web“ (Mara, 2009, S. 5) insbesondere für jüngere Generationen von Nutzern (McAndrew & Jeong, 2012). Facebook erfreut sich dabei im Vergleich zu vielen anderen SNSs einer besonders hohen Beliebtheit: Nachdem die Plattform im Jahr 2004 durch Mark Zuckerberg wurde, stiegen die Zahlen aktiver Nutzer bald rapide an, sodass Facebook heute weltweit gut 1,66 Milliarden Menschen jeden Alters, jeder Nationalität und beinahe jeder sozialen Schicht (Ahmad, 2011) nutzen, von denen sich die meisten mindestens einmal täglich einloggen (Facebook, 2016; für eine deskriptive Analyse der Facebook-Nutzer siehe auch Wilson, Gosling & Graham, 2012).

In den letzten Jahren widmete sich die Forschung daher zunehmend der Frage nach den psychologischen Mechanismen, welche der starken, aber interindivduell in ihrem Ausmaß variierenden (Park, Kee & Balenzuela, 2009; McAndrew & Jeong, 2012) Anziehungskraft von SNSs auf ihre zahlreichen Nutzer unterliegen (z.B. Ellison, Steinfield & Lampe, 2006; Nadkarni & Hofman, 2012; McAndrew & Jeong, 2012; Gangadharbatla, 2008).

Die Befunde der zahlreichen Studien zu diesem Thema, wonach Facebook seinen Nutzern etwa zu einer Erhöhung ihres Selbstwerts oder zur Bekämpfung von Langeweile und Einsamkeit dient (z.B. Peters & Park, 2006; Gosling, 2009; Valkenburg, Peter & Schouten, 2006; Ellison, Steinfeld & Lampe, 2007; Lou, 2009; Yu, Tian, Vogel & Kwok, 2010), fassten Nadkarni und Hoffman (2012) in ihrem Zweifaktorenmodell der Facebook-Nutzung zusammen. Gemäß diesem Modell dient Facebook vor allem der Befriedigung zweier grundlegender Bedürfnisse: Sie nennen erstens das Need to belong, also das Bedürfnis, dazuzugehören und mit anderen zu interagieren (Baumeister & Leary, 1995), und zweitens das Need for self - presentation, oder das Bedürfnis, sich selbst darzustellen. Als mögliches drittes Motiv wird zudem das Need for comparison diskutiert, also das Bedürfnis, sich sozial zu vergleichen (Ozimek & Bierhoff, 2016). Dieses Modell liefert auch einen Ansatz zur Erklärung von Studien, welche zeigten, dass Narzissten SNSs häufiger gebrauchen, mehr Zeit dort verbringen und ihnen eine höhere subjektive Wichtigkeit zuschreiben als Nicht- Narzissten (Walters & Horton, 2015; Buffardi & Campbell, 2008; Błachnio, Przepiorka & Rudnicka, 2016). So können Narzissten – getreu dem Motto „‚getting ahead‘ ist more important (…) than (…) getting along with others“ (Morf & Rhodewalt, 2001, S. 14; vgl. auch Campbell & Foster, 2007; Sedikides et al., 2002, 2004) – vor allem von den Möglichkeiten von Facebook profitieren, dort ihre Bedürfnisse nach Selbstdarstellung und sozialen Vergleichen zu befriedigen.

2.3 Selbstdarstellung

Selbstdarstellung oder Impression-Management (IM) lässt sich definieren als der Versuch, den bei anderen Menschen hinterlassenen Eindruck von sich selbst zu steuern (vgl. Mummendey & Bolten, 1993, S. 3; Snyder, 1979). Es wird davon ausgegangen, dass die Fähigkeit zum erfolgreichen IM in der Offline-Welt interindividuell stark variieren kann (Goffman, 1978; Snyder, 1979; Schlenker, 1980). SNSs dagegen bieten ihren Nutzern ein bislang einzigartiges Setting zur gezielten Selbstdarstellung (Krämer & Winter, 2008): Dort können die Nutzer sich ganz nach Belieben eine neue Identität erschaffen (Leung, 2003). Da eine Präsentation des Ideal- anstelle des Aktual-Selbst angesichts der häufig bereits vor der Online-Interaktion bestehenden Bekanntheit mit Facebook-Freunden (Lampe, Ellison & Steinfield, 2006; Ross, Orr, Sisic, Arseneault, Simmering & Orr, 2009) jedoch leicht durchschaut werden kann (Leung, 2003), scheinen die meisten eher davon abzusehen, sich selbst in einem besonders guten Licht darzustellen (Back, Küfner, Dufner, Gerlach, Rauthmann & Denissen, 2013; Waggoner, Smith & Collins, 2009).

Dies gilt allerdings offenbar nicht für Narzissten: Sie nutzen die Möglichkeiten von Facebook zur gezielten Selbstdarstellung ungeachtet der offenbar realistischen Gefahr, dass andere ihre selbsterhöhenden Aktivitäten bemerken (Buffardi & Campbell, 2008; Carpenter, 2012), in besonderem Maße aus, um ihren hohen Drang nach Aufmerksamkeit und Bewunderung zu befriedigen: So konnte gezeigt werden, dass grandiose Narzissten mehr Inhalte auf SNSs generierten und ihre Errungenschaften im Vergleich zu Nicht-Narzissten vermehrt präsentierten (Poon & Leung, 2011; Marshall, Lefringhausen & Ferenczi, 2015). Im kulturübergreifenden Vergleich korrelierten die Ausprägungen sowohl des grandiosen als auch (wenngleich in insgesamt schwächerem Ausmaß) vulnerablen Narzissmus deutscher und russischer Facebook-Nutzer positiv mit zahlreichen quantitativen Maßen der Selbstpräsentation wie der Foto- und Gruppen-Anzahl und App-Nutzungshäufigkeit, sowie mit vermehrter sozialer Interaktion (Brailovskaia & Bierhoff, 2016).

Obwohl die Befundlage insgesamt nahelegt, dass die starke Facebook-Nutzung durch Narzissten mitunter auf die multiplen Möglichkeiten zur gezielten Selbstpräsentation auf SNS zurückzuführen ist, ist jedoch weiterhin die Frage zu klären, welche der zahlreichen Bereiche, in denen auf Facebook potenziell IM betrieben werden kann, in besonderem Maße von narzisstischen SNS-Nutzern genutzt werden. Inkosistenzen ergaben sich dabei vor allem in solchen Studien, in welchen zur Erfassung der Selbstdarstellung auch die Steckbrief- Informationen von SNS-Nutzern herangezogen wurden (Mehdizadeh, 2010; Buffardi & Campbell, 2008; Brailovskaia & Bierhoff, 2012): Weder fanden Brailovskaia und Bierhoff (2012) signifikant mehr Wörter in den StudiVZ-Profilen von Narzissten, noch beinhaltete die Über mich -Sektion in den Facebook-Profilen von Narzissten laut dem Urteil von Mehdizadeh (2010) mehr selbstdarstellerische Elemente als die von Nicht-Narzissten. Ein ähnliches Muster ergab sich auch für die Foto-Aktivität: Während Mehdizadeh (2010) eine signifikant positive Korrelation zwischen der – etwa mittels einer Bearbeitung von dem Hochladen erzielten – Selbsterhöhung durch die Bilder von Facebook-Nutzern und ihrer Ausprägung des Narzissmus fand, kamen in Buffardi und Campbells (2008) Untersuchung je fünf unabhängige Beurteiler zu dem Schluss, dass das Ausmaß an Narzissmus von Facebook- Nutzern sich lediglich in deren Profilbildern, nicht aber in all ihren Fotos widerspiegelt, und Brailosvkaia und Bierhoff (2012) fanden – mit Ausnahme des für die Aufnahmen ausgewählten Ortes – überhaupt keine signifikanten Zusammenhänge zwischen dem Narzissmus und den Qualitäten der hochgeladenen Fotos.

Als Erklärung führten Brailovskaia und Bierhoff (2012) ein potenziell starkes Bedürfnis von StudiVZ-Nutzern nach Privatsphäre an. Dies erscheint jedoch keine plausible Erklärung für die Befunde darzustellen: So nahmen Narzissten in bisherigen Untersuchungen häufiger fremde Nutzer als Freunde an, luden besonders häufig Fotos von sich selbst hoch und gaben vermehrt Neuigkeiten aus ihrem Alltag preis (Poon & Leung, 2011; Carpenter, 2012; Blachnio et al., 2016; Brailovskaia & Bierhoff, 2012, 2016), was – vor allem angesichts der Tatsache, dass dabei auf Facebook auch häufig der aktuelle Standort veröffentlicht wird – ganz offensichtlich keine geringere Bedrohung der eigenen Privatsphäre darstellt als eine gezielte Selbstdarstellung im eigenen Profil. Mehzidazeh (2010) hingegen räumte ein, dass Narzissten möglicherweise eine „preference of ‚show‘ versus ‚tell‘“ (S. 4) aufweisen. In der Offline-Welt zeigen grandiose Narzissten jedoch ein durchweg prahlerisches Verhalten (Campbell & Foster, 2007; Campbell et al., 2000; Gabriel, Critelli & Ee, 1994), und auch online berichten sie offenbar vermehrt von ihren eigenen Fähigkeiten und Errungenschaften, indem sie etwa häufiger Status-Updates schreiben und kommentieren als andere Nutzer (Brailovskaia & Bierhoff, 2012, 2016; Blachnio et al., 2016; Poon & Leung, 2011), sodass auch Mehdizadehs Erklärung nicht hinreichend erscheint. Zwei alternative Kriterien zur Unterscheidung der Formen des IM, in denen sich Narzissten ganz besonders engagieren, von solchen, in denen sie dies nicht tun, sollen daher an dieser Stelle vorgestellt werden:

2.3.1 Feedback-gebundenes versus nicht Feedback-gebundenes IM

Aus der fest in ihrem Charakter verankerten Sucht grandioser und vulnerabler Narzissten nach Bewunderung und Anerkennung (Rohmann et al., 2012; Wink, 1991; Campbell & Foster, 2007) sowie aus einer gesonderten Betrachtung der beiden Narzissmus-Facetten (z.B. mit Blick auf die Selbstregulationsstrategien grandioser Narzissten oder die starke Abhängigkeit des Selbstwerts vulnerabler Narzissten von einer Bestärkung durch ihre soziale Umwelt; Morf & Rhodewalt, 2011; Dickinson & Pincus, 2003) ergibt sich die Vermutung, dass sowohl offene als auch verdeckte Narzissten sich selektiv dort in einem positiven Licht darstellen, wo sofort eine positive Rückmeldung durch andere zu erwarten ist. Dies trifft in Übereinstimmung mit den Befunden von Mehdizadeh (2010), Buffardi und Campbell (2012) sowie von Brailovskaia und Bierhoff (2012, 2016) insbesondere auf Profilbilder und Foto- Verlinkungen, auf Privatnachrichten, Posts und Chronik-Einträge (sowohl selbst geschriebene als auch solche, die automatisch durch Apps generiert werden) zu, die direkt kommentiert oder mit einer Like- Markierung durch befreundete Nutzer bedacht werden können. Diese nachfolgend als „Feedback-gebundenes IM“ bezeichneten Facette der Eindruckssteuerung ist abzugrenzen vom „Allgemeinen“ oder „Profil-IM“ in Form einer Aktualisierung von Steckbrief-Informationen, welche keine direkte Rückmeldung ermöglicht. Anhand einer solchen Einteilung werden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 1 a) Die Ausprägung des grandiosen Narzissmus von Facebook-Nutzern korreliert positiv mit den Maßen des Feedback-gebundenen IM auf Facebook.

Hypothese 1 b) Die Korrelation zwischen dem grandiosen Narzissmus und dem Feedback-gebundenen IM fällt höher aus als diejenige dem grandiosen Narzissmus und dem Allgemeinen IM.

Hypothese 1 c) Die Ausprägung des vulnerablen Narzissmus von Facebook-Nutzern korreliert positiv mit den Maßen des Feedback-gebundenen IM auf Facebook.

Hypothese 1 d) Die Korrelation zwischen dem vulnerablen Narzissmus und dem Feedback-gebundenen IM fällt höher aus als diejenige dem vulnerablen Narzissmus und dem Allgemeinen IM.

Zudem stellt sich die Frage, welche der verschiedenen Triebkräfte, die grandiose und vulnerable Narzissten jeweils zu einem erhöhtem Engagement im Feedback-gebundenen IM bewegen, sich stärker auf ihr Verhalten auswirken. So scheint einerseits die Annahme gerechtfertigt, dass grandiose Narzissten auf SNSs ebenso wie in der Offline-Welt (z.B. Morf & Rhodewalt, 2001) deutlich mehr Gelegenheiten zum gezielten IM nutzen als die vergleichsweise wenig prahlerischen und eher introvertierten (Wink, 1991) vulnerablen Narzissten. Andererseits könnten vulnerable Narzissten die Online-Welt in Anlehnung an die „the poor get richer“-Hypothese (vgl. Ellison et al., 2007; Stern & Dillman, 2006) als derart willkommene Möglichkeit empfinden, ihre eigene Unsicherheit in sozialen Situationen (Wink, 1991; Rohmann et al, 2012) gekonnt zu überspielen, dass sie diese Möglichkeit in noch höherem Maße nutzen als offene Narzissten. Daraus ergibt sich die Frage:

Forschungsfrage 1: Welche der beiden Facetten des Narzissmus korreliert höher mit dem Feedback-gebundenen IM?

2.3.2 Defensives versus nicht-defensives IM

Außerdem sind einige Formen der Eindruckssteuerung offensichtlich mehr als andere darauf ausgerichtet, im Sinne eines erhöhten Prevention Focus, der (im Gegensatz zum Promotion Focus) ein auf Sicherheit und Vermeidung negativer Konsequenzen ausgerichtetes Handeln beschreibt (Higgins, 1999, 2001), einen schlechten Eindruck auf andere oder ablehnende Reaktionen des eigenen Umfelds um jeden Preis zu umgehen. Diesen nachfolgend als „Defensives Impression-Management“ bezeichneten Aktivitäten wie etwa einer kritischen Selektion oder heimlichen Verschönerung der eigenen Bilder, dem Blockieren anderer Nutzer und der peniblen Korrektur eigener Beiträge im Nachhinein dürften grandiose Narzissten aufgrund ihrer hohen Selbstsicherheit und niedrig ausgeprägten Vermeidungsorientierung (Foster & Brennan, 2011; Foster & Trimm, 2008; Smolewska & Dion, 2005) eher wenig abgewinnen. Es wäre dagegen denkbar, dass vulnerable Narzissten auf SNSs gewissermaßen zweigleisig fahren und bei ihrem Engagement im Feedback-gebundenen IM zugleich misstrauisch Ausschau nach Anzeichen auf die befürchtete Zurückweisung durch ihre Mitmenschen halten. Mit Blick auf ihre hohe Sensibilität für interpersonelle Ablehnung (Besser & Priel, 2010) und ihrer Tendenz zu Eigenschaften wie Neurotizismus, niedriger Extraversion und einem niedrigen Selbstwert (Wink, 1991; Rohmann, et al., 2012), mit denen auch ein erhöhter Prevention Focus assoziiert ist (Gorman, Meriac, Overstreet, Apodaca, McIntyre, Park & Godbey, 2012), ergeben sich daher die folgenden drei Annahmen:

Hypothese 2 a) Die Ausprägung des vulnerablen Narzissmus von Facebook-Nutzern korreliert positiv mit den Maßen des Defensiven IM auf Facebook.

Hypothese 2 b) Die Korrelation zwischen dem vulnerablen Narzissmus und Defensiven IM fällt höher aus als diejenige zwischen dem vulnerablen Narzissmus und dem Allgemeinen IM.

Hypothese 2 c) Die Korrelation zwischen dem vulnerablen Narzissmus und dem defensiven IM fällt höher aus als diejenige zwischen dem grandiosen Narzissmus und dem defensiven IM.

2.4 Soziale Vergleiche

Das Bedürfnis, sich sozial zu vergleichen, erwies sich in bisherigen Arbeiten ebenfalls als wichtiges Motiv für die Facebook-Nutzung (Nadkarni & Hofman, 2012; McAndrew & Jeong, 2012; Lee, 2014; Ozimek & Bierhoff, 2016). Im Offline-Alltag gelten soziale Vergleiche dabei mittlerweile als gut erforschtes Feld der Forschung: Bereits im Jahr 1954 legte Leon Festinger in seiner Theorie der sozialen Vergleiche dar, dass jedem Menschen ein inneres Bestreben innewohne, die eigenen Fähigkeiten und Meinungen zu bewerten. Da objektive Maße zur Bewertung des Selbst jedoch nicht immer verfügbar sind, vergleichen sich Personen, wie er weiter anführt, tagtäglich bewusst oder auch automatisch mit Menschen aus ihrem sozialen Umfeld (Festinger, 1954; Wheeler, 1966; Gilbert, Giesler & Morris, 1995); dabei üben soziale Informationen selbst dann einen Einfluss aus, wenn auch objektive Informationen zur Verfügung stehen (Klein, 1997).

Ein Zweig der Forschung zum vergleichsbezogenen Verhalten widmete sich der Frage, wie die individuellen Motive für den jeweils angestellten Vergleich sich auf die Standardwahl auswirken (z.B. Latané, 1996; Taylor & Lobel, 1989; Wills, 1981). Dabei konnte in Übereinstimmung mit der so genannten Ähnlichkeitshypothese (Goethals & Darley, 1977) gezeigt werden, dass Vergleiche mit Personen, welche dem Selbst in den jeweils betrachteten Dimensionen möglichst ähnlich sind (lateraler Vergleich) primär aufgrund des Motivs nach Selbsterkenntnis durchgeführt werden (Wheeler, 1966). Standards, die dem Selbst überlegen sind (aufwärtsgerichteter Vergleich), werden dagegen primär aus dem Motiv der Selbstverbesserung heraus gewählt (Bandura, 1986). Unterlegene Standards (abwärtsgerichteter Vergleich) dienen schließlich der Selbsterhöhung im Falle eines bedrohten Selbstwerts (z,B. Hakmiller, 1966; Taylor & Lobel, 1989; Crocker, Thompson, McGraw & Ingerman, 1987; Wills, 1981; Wood, Taylor & Lichtman, 1985).

Zunächst wurde weithin angenommen, dass abwärtsgerichtete Vergleiche im Allgemeinen positive Emotionen hervorrufen und aufwärtsgerichtete Vergleiche aufgrund ihrer negativen Auswirkung auf den Selbstwert in negativem Affekt und Versuchen der Selbstwert-Erhaltung resultieren (Amoroso & Walters, 1969; Marsh & Parker, 1984; Morse & Gergen, 1970; Baumeister, 1998; Tesser, 1988). Jedoch konnte später gefunden werden, dass die Zusammenhänge weitaus komplexer sind (Collins, 1996; Buunk & Gibbons, 2006; Wood et al., 1985; Lockwood & Kunda, 1997; Taylor & Lobel, 1989) und von weiteren Faktoren wie etwa dem Selbstwert der sich vergleichenden Person abhängen (Buunk, Collins, Taylor, VanYperen & Dakof, 1990; Krizan & Bushman, 2010).

Interindividuelle Unterschiede konnten auch hinsichtlich der Sozialen Vergleichsorientierung (SVO) gefunden werden. Diese beschreibt das Ausmaß, in dem eine Person dazu tendiert, sich sozial zu vergleichen (Gibbons & Buunk, 1999), und hängt eng mit dem Narzissmus zusammen: In einer retrospektiven Befragung von College-Studenten fanden Krizan und Bushman (2011) eine positive Korrelation zwischen grandiosem Narzissmus und der Häufigkeit sozialer, insbesondere auf agentische Eigenschaften bezogener Vergleiche.

Obwohl der vulnerable Narzissmus in dieser Hinsicht weniger gut erforscht ist als der grandiose Narzissmus, gilt es als gesichert, dass auch er mit einer Reihe von Eigenschaften einhergeht, die ihrerseits positiv mit der SVO korrelieren (Wink, 1991; Rohmann et al., 2012; Gibbons & Buunk, 1999; Weary, Marsh & McCormick, 1994; Butzer & Kuiper, 2006).

Diese Befunde werfen die Frage auf, ob Narzissten ihr Alltagsverhalten auch auf die Online- Welt übertragen. Die aktuelle Forschungslage legt diesbezüglich die Schlussfolgerung nahe, dass die typischen Eigenschaften von Narzissten sich häufig auch in ihrer SNS-Aktivität manifestieren (Buffardi & Campbell, 2008). Zudem verglichen sich Personen mit einer höheren SVO auch häufiger auf Facebook als solche mit einer niedrigeren SVO (Lee, 2014). Obwohl nach Kenntnis der Autorin dieser Arbeit bislang Studien fehlen, welche einen Zusammenhang zwischen der Ausprägung des Narzissmus von SNS-Nutzern und ihrem Online-Vergleichsverhalten herstellen, erscheint daher die folgende Annahme plausibel:

Hypothese 3 a) Grandioser und vulnerabler Narzissmus korrelieren beide positiv mit der Häufigkeit sozialer Vergleiche auf Facebook.

Zudem lassen sich einige Hinweise darauf finden, in welche Richtung Narzissten sich dabei bevorzugt vergleichen und zu welcher affektiven Reaktion die Vergleiche bei ihnen führen: Tendenziell scheint eine erhöhte Häufigkeit sozialer Vergleiche auf Facebook mit dem Erleben negativer Emotionen infolge der Vergleiche einzugehen (Lee, 2014). Krizan und Bushmans (2011) Befunde legen doch nahe, dass es bei Narzissten einen umgekehrten Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen geben könnte: Eine hohe Ausprägung des grandiosen Narzissmus ging in ihrer Untersuchung mit einem erhöhten Anteil abwärtsgerichteter Vergleiche sowie – vermittelt über die Richtung des Vergleichs – mit dem vermehrten Erleben von Glück und Entspanntheit als Reaktion auf den Vergleichsprozess einher. Die Autoren folgerten in Übereinstimmung mit den Selbstregulationstheorien des Narzissmus (Morf & Rhodewalt, 2011; Campbell & Foster, 2007), dass abwärtsgerichtete Vergleiche Narzissten als wichtiges Werkzeug zur Erhaltung ihres überhöhten Selbstwerts dienen. Einschränkend fügten sie jedoch hinzu: „threatening comparisons lurk around every corner“ (S. 5) und betonten damit die Tatsache, dass Narzissten sich aufwärtsgerichteten Vergleichen im Alltag nicht immer entziehen können. Letztere führten bei ihnen in Übereinstimmung mit den Befunden von Bogart und Kollegen (Bogart, Benotsch & Pavlovic, 2004), wonach grandiose Narzissten im Vergleich zu Nicht-Narzissten generell zum Erleben intensiverer Emotionen als Reaktion auf soziale Vergleiche neigen, zu erhöhtem negativen, feindseligem Affekt.

Im Gegensatz zum realen Alltagsleben, welches Krizan und Bushman als Setting für ihre Untersuchung wählten, bietet die Online-Welt grandiosen Narzissten einen idealen Ort für soziale Vergleiche, weil sie hier (etwa durch die gezielte Betrachtung von Profilen schlechter gestellter Nutzer oder durch die Investition von genügend Zeit in das Spielen von Social Games, um in diesen auf den ersten Platz der Rangliste zu kommen) die in der realen Welt überall lauernden (Krizan & Bushman, 2011) aufwärtsgerichteten Vergleiche zu umgehen.

Der grandiose Narzissmus dürfte also – vorausgesetzt, grandiose Narzissten verstehen es, sich die Vorteile der Online-Welt auf geschickte Weise zunutze zu machen – eine förderliche Voraussetzung für das Erleben positiver Emotionen infolge besonders häufig ausgeführter Vergleiche darstellen. Daraus ergeben sich die zwei Annahmen:

Hypothese 3 b) Grandioser Narzissmus korreliert positiv mit einem erhöhten Anteil abwärtsgerichteter (im Vergleich zu aufwärtsgerichteten oder lateralen) Vergleichen auf Facebook; sowie

Hypothese 3 c) Der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der sozialen Vergleiche auf Facebook und den affektiven Konsequenzen der sozialen Vergleiche wird durch die Ausprägung des grandiosen Narzissmus moderiert. Das bedeutet konkret: Dieser Zusammenhang gestaltet sich bei grandiosen Narzissten positiv und damit umgekehrt als bei nicht-narzisstischen Facebook-Nutzern, bei denen er negativ ausfällt.

Bezogen auf den vulnerablen Narzissmus hingegen ist die Lage weniger eindeutig: Es wird angenommen, dass dieser nicht mit einem vermehrten Gebrauch von Strategien wie selbstdienlichen sozialen Vergleichen zwecks Erhöhung des eigenen Selbstwerts assoziiert ist (z.B. Besser & Priel, 2010; Dickinson & Pincus, 2003). Dennoch wäre mit Blick auf die Befunde, wonach Menschen mit einem niedrigen Selbstwert besonders bestrebt zu dessen Erhöhung sind (Tice, 1993) und sich daher vermehrt gezielt abwärtsgerichtet vergleichen (Crocker et al., 1987; Wilson & Benner, 1971; Wood et al., 1985) denkbar, dass auch vulnerable Narzissten in Facebook eine Möglichkeit sehen, ihren niedrigen Selbstwert gezielt durch abwärtsgerichtete soziale Vergleiche zu erhöhen. Diese gegensätzlichen Annahmen sollen mithilfe zweier ungerichteter Fragen untersucht werden:

Forschungsfrage 2: Besteht ein korrelativer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des vulnerablen Narzissmus und einem erhöhten Anteil abwärtsgerichteter Vergleiche auf Facebook? Und

Forschungsfrage 3: Moderiert das Ausmaß des vulnerablen Narzissmus eines Facebook- Nutzers den Zusammenhang zwischen der Häufigkeit sozialer Vergleiche auf Facebook und der Positivität vs. Negativität der Emotionen infolge der Vergleiche?

3 Methoden

3.1 Beschreibung der Stichprobe

Von den insgesamt 1706 Personen, welche die Startseite des Online-Fragebogens besuchten, füllten 176 Personen den kompletten Fragebogen aus. Die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Studie waren Volljährigkeit, die Mitgliedschaft auf der Internetplattform Facebook sowie eine für die Beantwortung des Fragebogens hinreichende Kenntnis der deutschen Sprache. 175 der 176 Teilnehmer erfüllten diese Voraussetzungen; eine Person musste aufgrund mangelnder Volljährigkeit von der Untersuchung ausgeschlossen werden. Die Altersspanne der Teilnehmer lag nach Bereinigung der Stichprobe zwischen 18 und 62 Jahren (M = 29,58, SD = 10,51), wobei knapp ein Drittel (32,01 %) der Teilnehmer zwischen 20 und 23 Jahre alt waren. 33 (18,86 %) der Teilnehmer waren Männer, 142 (81,14 %) waren Frauen. Die meisten Teilnehmer waren entweder Studenten (44,57 %; davon 65,38 % Psychologiestudenten) oder Berufstätige im Angestelltenverhältnis (30,86 %). Gut die Hälfte (54,29 %) gab als höchsten Bildungsabschluss die Allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife an, und von den restlichen Teilnehmern verfügten die meisten über die Mittlere Reife oder über einen akademischen Abschluss (jeweils 20,57 % sowie 18,86 % der Gesamt-Stichprobe). 154 (93,2 %) der Teilnehmer waren deutscher Staatszugehörigkeit; die restlichen Teilnehmer stammten unter anderem aus der Türkei, Österreich und der Ukraine.

3.2 Vorgehensweise und Untersuchungszeitraum

Die Teilnehmer wurden über Aushänge in der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, in der Technischen Universität Dortmund, der Universität Witten-Herdecke und der Fernuniversität Hagen sowie über persönliche Ansprachen und Aufrufe zur Teilnahme auf der Plattformen Facebook angeworben. Sie erhielten einen Online-Link zu der (inklusive schriftlicher Probandenaufklörung) etwa 45 Minuten dauernden, anonymen Online-Umfrage, die sie selbstständig an ihrem Computer durchführten. Studenten der Ruhr-Universität Bochum sowie der umliegenden Universitäten in Dortmund, Witten-Herdecke und Hagen erhielten für die Teilnahme eine Versuchspersonenstunde; die restlichen Teilnahmen erfolgten entweder ohne Vergütung oder gegen Präsente von sehr geringem Wert (z.B. Süßigkeiten). Die Umfrage startete am 10. Mai 2016 und wurde am 20. Juni 2016 geschlossen.

3.3 Messinstrumente

Mithilfe des Programms unipark wurde ein Online-Fragebogen aus mehreren Komponenten erstellt, die über die Teilnehmer hinweg in randomisierter Reihenfolge präsentiert wurden (für einen beispielhaften Eindruck, vgl. Anhänge C und D).

Demographische Merkmale und SNS-Nutzung. Zur Erfassung der demografischen Daten wurde ein Fragenpool in den Online-Fragebogen integriert, bei dem jeweils Alter, Geschlecht, Nationalität, Berufsfeld und Bildungsgrad (inklusive ggf. Studienfach) erfasst wurden. Zudem wurden die Teilnehmer in diesem ersten Teils des Fragebogens dazu aufgefordert, anzugeben, ob sie einen Facebook- sowie Instagram-Account besitzen und wie lange sie diese beiden Plattformen jeweils nutzen (auf einer 9-stufigen Skala mit Antwortoptionen von „weniger als eine Stunde pro Woche“ bis „mehr als 25 Stunden pro Woche“).

Grandioser Narzissmus. Als Maß für den grandiosen Narzissmus wurde das NPI-15 (Schütz, Marcus & Sellin, 2004) verwendet. Es handelt sich dabei um eine Kurzform des Narcissistic Personality Inventory (NPI; Raskin & Hall, 1979) mit 15 Items im Forced-Choice-Format (z.B. „Ich habe eine natürliche Begabung, auf Menschen Einfluss zu nehmen“ als narzisstische Alternative versus „Ich kann nicht besonders gut Einfluss auf jemanden ausüben“ als nichtnarzisstische Alternative). Die interne Konsistenz der Skala ist zufriedenstellend (Cronbach’s α = 0,78 in der vorliegenden Untersuchung), und ihre Ergebnisse korrelierten bislang hoch mit denen des NPI-40 (r = 0,67) und mit Maßen anderer Konstrukte, die mit Narzissmus in Verbindung stehen (Schütz, Marcus & Sellin, 2004).

Vulnerabler Narzissmus. Um den vulnerablen Narzissmus zu erfassen, wurde eine adaptierte Version des Narzissmusinventars (NI; Deneke & Hilgenstock, 1989) verwendet, nämlich das Narcissistic Inventory Revised (NI-R; Neumann & Bierhoff, 2004). Es beinhaltet 42 Items (z.B. „Ich glaube, andere beneiden mich um mein gutes Aussehen“), welche mit je einer 5- stufigen Antwortskala von „diese Aussage stimmt überhaupt nicht“ bis „diese Aussage stimmt völlig“ die beiden Skalen „Klassisch-Narzisstisches Selbst“ und „Idealselbst“ des ursprünglich aus vier Skalen bestehenden NI erfassen. Die interne Konsistenz erwies sich in einer ersten Untersuchung der Skala (Neumann & Bierhoff, 2004) als sehr hoch (Cronbach's α = 0,93) und war auch in dieser Arbeit befriedigend (Cronbach's α = 0,89).

Impression-Management. Zur Erfassung der Selbstdarstellung auf Facebook wurde eine zum Zwecke dieser Untersuchung eigens erstellte Impression-Management(IM)-Skala verwendet. Bei der Entwicklung der Skala wurden zunächst logische, an der Augenscheinvalidität orientierte Überlegungen angestellt, die zu einer Zusammenstellung von Items mit einer augenscheinlich hohen Relevanz für die Selbstdarstellung führten. Dabei basierten einige der Items auf Maßen, die sich bereits in vorherigen Untersuchungen zur Online-Selbstdarstellung bewährt haben, und zwar insbesondere auf der von McAndrew und Jeong (2012; deutsche Übersetzung von Ozimek & Bierhoff, 2016) entwickelten Facebook - Acitivity -Skala. Die Items der deutschen Version der Skala ließen sich anhand ihrer Ladungen jeweils zu einem der Faktoren Impressing, Watching und Acting zuordnen, und die Subskala Impressing stellt mit einer internen Konsistenz von Cronbach's α = 0,79 (Ozimek & Bierhoff, 2016) bzw. 0,79 (vorliegende Untersuchung) offenbar ein zuverlässiges Maß für auf Facebook betriebene Selbsterhöhung dar. Die 6 Items dieser Skala (3 Items zur Foto-Aktivität, 2 Items zu Privatnachrichten und ein Item zum Posting -Verhalten) erfassen jedoch nur einen Teilbereich dessen, was andere Autoren (z.B. Brailovskaia & Bierhoff, 2012, 2016; Mehdizadeh, 2010; Buffardi & Campbell, 2010; McAndrew & Jeong, 2012; Carpenter, 2012) glaubhaft zu Aktivitäten der Selbstdarstellung erklärten. Es wurden daher 40 weitere Items aus den folgenden sieben Bereichen zur Impressing- Skala hinzugefügt: (1.) Profil-IM, basierend auf Buffardi und Campbells (2008) Kriterien zur Codierung von Facebook-Profilen (5 Items); (2.) App-Nutzung, inklusive der Präsentation eigener Ergebnisse in Social Games (4 Items); (3.) Anzahl der und Einstellungen zu Freundschaften auf Facebook (8 Items); (4.) Fotos, in Anlehnung an McAndrew und Jeongs Acting -Skala sowie an Mehdizadehs (2010) Beurteilungskriterien für den selbstdarstellerischen Gehalt von Facebook-Fotos (11 Items); (5.) Post, wozu jegliche Art der Generierung öffentlich einsehbarer schriftlicher gezählt wurde (9 Items); (6.) Korrektur-Verhalten beim Schreiben von Privatnachrichten (1 Item); und schließlich (7.) Aktivität in Gruppen und Veranstaltungen (2 Items). Je nachdem, ob eine Einstellung oder die Häufigkeit einer Aktivität erfragt wurde, waren diese Items jeweils anhand einer 5-Punkt-Likert-Skala von 1 = „stimme überhaupt nicht zu“ bzw. „nie“ bis 5 = „stimme voll und ganz zu“ bzw. „sehr häufig“ zu beantworten. Von dieser Regel wich nur die Frage nach „Wie viele Freunde haben Sie auf Facebook?“ ab, welche als Antwort eine absolute Zahl bedingte; diese wurde – basierend auf der je nach Quelle zwischen 130 (Wilson et al., 2010) bis etwa 280 (Brailovskaia & Bierhoff, 2016) variierenden durchschnittlichen Anzahl der Freunde pro Nutzer – wie folgt transformiert: 1 = „< 50 Freunde“; 2 = „51-120 Freunde“; 3 = „121-290 Freunde“; 4 = „291-500 Freunde“; 5 = „> 500 Freunde“.

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Details

Seiten
71
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668492073
ISBN (Buch)
9783960950929
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369634
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Arbeitseinheit Sozialpsychologie
Note
1,1
Schlagworte
Narzissmus Facebook Selbstdarstellung soziale Vergleiche Web 2.0 Soziale Netzwerke grandioser Narzissmus vulnerabler Narzissmus Selbstwert

Autor

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Titel: Verwundbar im Alltag, grandios im Netz. Warum Narzissten das Web 2.0 fast noch mehr lieben als sich selbst