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Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Prävention in der Schule

Bachelorarbeit 2016 57 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übergewicht und Adipositas im Kindes und Jugendalter
2.1 Definition und Klassifikation von Adipositas
2.2 Abdominale und periphere Adipositas
2.3 Diagnose von Adipositas im Kindes- und Jugendalter

3 Epidemiologien von Übergewicht und Adipositas
3.1 Prävalenz der Adipositas
3.2 Prävalenz im Kindes- und Jugendalter
3.3 Kulturelle und soziale Besonderheiten in Deutschland

4 Ätiologie
4.1 Genetik
4.2 Ernährung
4.3 Körperliche Aktivität

5 Komorbidität von Adipositas
5.1 Gesundheitliche Folgen
5.2 Psychosoziale Folgen
5.3 Ökonomische Folgen

6 Zwischenfazit

7 Prävention

8 Projektanalyse nach Qualitätskriterien der BZgA
8.1 Modellprojekt Hannover „Gesund essen - täglich bewegen“
8.2 Qualitätskriterien der BZgA für präventive Maßnahmen
8.2.1 Konzeptqualität
8.2.2 Prozessqualität
8.2.3 Strukturqualität
8.2.4 Ergebnisqualität
8.3 Bewertung des Projektes Region Hannover

9 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1: Formel zur Berechnung des BMI (Hauner et al., 2013, S. 1)

Abbildung 3.1 Verteilungskurven des BMI in einer „westlichen Bevölkerung“ (nach Müller, et. al, 2003)

Abbildung 3.2: Ausprägung übergewichtiger und adipöser Kinder in Deutschland (nach Puhl, 2009)

Abbildung 3.3: Prävalenz von Adipositas nach Migrantenstatus und Sozialstatus (vgl. Kurth et al., 2007, S. 740)

Abbildung 6.1: Einflussfaktoren auf das Essverhalten (Warschburger, 1999, S. 30)

Abbildung 7.1 Präventionsstrategien (vgl. Plachta - Danielzik & Müller, 2013, S 123)

Abbildung 8.1: Zwiebelmodell für die verschiedenen Präventionsebenen für die Adipositasprävention im Kindes und Jugendalter (vgl. Wabitsch, 2004, S. 254)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2.1: Klassifikation des Körpergewichts anhand des BMI (Mod. nach WHO 2000) (vgl. Hauner et al., 2013, S. 3)

Tabelle 2.2: Taillenumfang sowie kardiovaskuläres und metabolisches Risiko. (vgl Hauner et al., 2013, S. 4; Mod. nach WHO 2000)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

“ Childhood obesity is one of the most serious public health challenges of the 21st century ” (WHO, 2000)

Adipositas spielt in der Gesundheitsforschung seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle. Faktoren, die zur Entstehung beitragen und etwaige Präventionsmöglichkeiten stehen mehr denn je im öffentlichen Fokus. Die führenden Industrienationen deklarieren Adipositas als die gesundheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts (ebd.). Zur Jahrtausendwende löste Adipositas den Welthunger als größtes ernährungspolitisches Problem ab (vgl. Schmidt-Semisch & Schorb, 2008, S. 7). Weltweit kam es zwischen den Jahren 1980 und 2008 zu einer Verdopplung der an Adipositas leidenden Personen (vgl. WHO, 2014a, S. 79).

Auch in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten ein enormer Anstieg an übergewichtigen und adipösen Menschen zu verzeichnen. Sowohl im Erwachsenen- , als auch im Kindes- und Jugendalter (vgl. Wirth et al., 2013, S. 44). Fakt ist, dass sich Adipositas im Erwachsenenalter in vielen Fällen auf eine von Adipositas gepräg- te Kindheit und Adoleszenz zurückführen lässt (vgl. Lobstein et al., 2004, S. 4). Adi- positas ist ein ungewollter, gesundheitsgefährdender und oft lebenslanger Begleiter. Im Fokus dieser Arbeit stehen deshalb die jüngsten Betroffenen, die Kinder und die Jugendlichen.

Die Folgen von Adipositas sind multipel und gehen weit über physische und psychi- sche Auswirkungen der Betroffenen hinaus. Zukünftige ökonomische Folgen, als auch die Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme, sind kaum einzuschätzen (vgl. Wirth et al., 2013, S. 44). Um zukünftige Entwicklungen abwägen zu können und ge- sundheitspolitische Maßnahmen, in Form von Präventions- und Interventionsstrate- gien zu entwickeln, sind detaillierte Untersuchungen und Studien notwendig. Im Jahr 2003 wurde die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutsch- land“ (KiGGS) ins Leben gerufen. Die von 2003 bis 2006 andauernde Langzeitstudie wurde vom Robert - Koch - Institut (RKI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums für Forschung durchgeführt. Ziel der Stu- die, deren Ergebnisse als Fundament dieser Arbeit dienen, war es einen detaillierten und repräsentativen Überblick über den Gesundheitszustand der deutschen Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen.

Zu Beginn der Arbeit erfolgt in Kapitel 2 ein theoretischer Einstieg, der die Definition und Klassifikation von Übergewicht und Adipositas umfasst. Des Weiteren erfolgt in dem Kapitel 3 eine differenzierte Darstellung der Ausprägung des Krankheitsbildes, dessen Entwicklung im Verlauf der letzten Jahrzehnte und den aktuellen Entwicklun- gen und Besonderheiten in Deutschland. Darauf aufbauend werden in Kapitel 4 ver- schiedene Faktoren, die zur Erkrankung führen, vorgestellt. Eine Darstellung der ver- schiedenen Folgen von Adipositas und ein Zwischenfazit werden in Kapitel 5 genau- er erläutert. In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der vorherigen Kapitel in einem Zwi- schenfazit zusammengefasst und beantworten folgende Forschungsfragen.

1) Wie ist die Pr ä valenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutsch- land und welche Gruppen sind von Adipositas betroffen?
2) Inwiefern beeinflussen, die Risikofaktoren Ern ä hrung und k ö rperliche Aktivi- t ä t das Entstehen von Ü bergewicht und Adipositas in den betroffenen Grup- pen?
3) Was sind die Folgen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter?

Nach der Beantwortung dieser Fragen befasst sich Kapitel 7 mit der Prävention von Adipositas in Schulen. Genauer wird hierbei in Kapitel 8 das Adipositaspräventionsprogramm „Besser essen. Mehr bewegen. KINDERLEICHT - Regionen“ betrachtet. Das Projekt besteht aus 24 Modellregionen. Inhaltlich wird sich diese Arbeit auf das Projekt in der Region Hannover fokussieren, da sich dieses ausschließlich mit der Adipositasprävention in Grundschulen auseinandersetzt. Mit Hilfe der Qualitätskriterien für präventive Adipositasmaßnahmen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erfolgt eine Analyse des Projektes Region Hannover. Es sollte folgende Fragestellung beantwortet werden:

Inwiefern erf ü llt das Projekt Region Hannover die Qualit ä tskriterien der BZgA und leistet, unter Bezugnahme der bisherigen Ergebnisse, einen nachhaltigen Beitrag zur Pr ä vention von Adipositas im Kindes- und Jugendalter?

Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit, welches die wichtigsten Ergebnisse der Kapitel zusammenfasst und einen Ausblick über weitere interessante Forschungsfra- gen gibt.

2 Übergewicht und Adipositas im Kindes und Ju- gendalter

Das folgende Kapitel definiert Adipositas und stellt somit das Grundgerüst für den weiteren Verlauf der Arbeit. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Unterscheidung der Begriffe „Übergewicht“ und „Adipositas“, da diese im Volksmund, trotz ihrer pathologisch unterschiedlichen Bedeutung, häufig synonym verwendet werden (vgl. Warschburger et al., 1999, S. 15).

2.1 Definition und Klassifikation von Adipositas

Adipositas ist auch bekannt unter „Fettsucht, Fettleibigkeit, massives Übergewicht oder Obesitas“ (vgl. Salzmann, 2001, S. 17) und wird im Allgemeinen als „eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfettes“ definiert (vgl. Munsch & Hilbert, 2015, S. 4). Durch den übermäßigen Fettgewebeanteil entstehen pathologische Risiken für die Betroffenen (vgl. Warschburger et al., 1999, S. 17). Die Relation von Körpergewicht und Körpergröße, sowie die Fettverteilung und der Anteil des Körperfettes sind für die medizinische Beurteilung von Bedeutung.

Die Definition von Übergewicht orientiert sich ebenfalls an Körpergröße und - gewicht. Betroffene leiden unter Übergewicht, sobald das Körpergewicht in einem überproportional großen Verhältnis zur Körpergröße steht. Die Ausprägung des Fettanteils ist, im Vergleich zur Adipositas, nicht entscheidend für die medizinische Feststellung (vgl. Petermann & Wojtalla, 1999, S. 15).

Die Diagnose und Klassifikation von Übergewicht und Adipositas wird in der Regel mit Hilfe des Body Mass Index (BMI) festgestellt. Diese international anerkannte Me- thode wird sowohl von der World Health Organization (WHO), als auch der Arbeits- gemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) empfohlen und arbeitet mit den Körperwerten des Einzelnen, was die Diagnose kostengünstig, schnell und unkompliziert macht. Das Körpergewicht in Kilogramm [kg] und die quadrierte Kör- pergröße [m²] werden in Relation gesetzt. Der sich daraus ergebende Quotient er- möglicht eine schnelle Einordnung der Ergebnisse. Die Erfassung der Ergebnisse erfolgt alters- und geschlechtsunabhängig. Abbildung 2.1 stellt die Formel zur Be- rechnung des BMIs dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Formel zur Berechnung des BMI (Hauner et al., 2013, S. 1).

Diese, von der WHO im Jahr 2000 vorgeschlagene Berechnung, findet weltweite Verwendung (vgl. Hauner et al., 2013, S.2). Personen mit einem BMI in dem Bereich von 18,5 [kg/m²] bis 24,9 [kg/m²] werden der Kategorie Normalgewicht zugeordnet. Ab einem Wert von 25 [kg/m²] liegt Übergewicht vor. Ab einem BMI von 30 [kg/m²] spricht man von Adipositas, die in drei Schweregrade unterteilt ist. Tabelle 2.1 stellt die Klassifikation der einzelnen BMI - Werte dar. Mit steigenden BMI - Wert erhöhen sich die Mortalitäts- und Morbiditätsrisiken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.1: Klassifikation des Körpergewichts anhand des BMI (Mod. nach WHO 2000) (vgl. Hauner et al., 2013, S. 3).

Nach Hauer et al. (vgl. 2013, S. 2) stellt der BMI „lediglich ein indirektes anthropo- metrisches Maß der Körperfettmasse dar“. Es erfolgt keine Unterscheidung zwischen fettfreier Körpermasse und Körperfett bei der Berechnung. Die fehlende Differenzie- rung hat zur Folge, dass die Ermittlungen von BMI - Werten zu Fehlschlüssen verlei- ten können. Besonders in bestimmten (Wurf-)disziplinen der Leichtathletik oder im Bodybuilding weisen die Athleten einen überdurchschnittlichen Anteil an Muskelmasse auf und haben dementsprechend ein hohes Körpergewicht. Aufgrund dessen kann es passieren, dass die Athleten wegen der erhöhten Muskelmasse und dem daraus resultierenden erhöhtem Gesamtkörpergewicht als übergewichtig bzw. adipös, eingestuft werden (siehe Tabelle 2.1). In der Regel haben die Athleten jedoch einen sehr geringen Körperfettanteil.

Zu beachten ist, dass bei der Berechnung des BMI keine Differenzierung in unterschiedliche Gewebsarten stattfindet (vgl. Munsch & Hilbert, 2015, S. 4). Nichtsdestotrotz ist der BMI ein geeignetes Parameter Maß für die Messung und Einordnung, da sich der Anteil von Leistungssportlern und Bodybuildern, im Vergleich zur normalen Bevölkerung als sehr gering einstufen lässt (vgl. Hauner et al, 2013, S. 11). Ein weiterer Vorteil, welcher den BMI zum weltweit anerkannten Parameter macht, sind die geringen Kosten, die mit der Messung verbunden sind.

2.2 Abdominale und periphere Adipositas

Besonders das Fettverteilungsmuster ist für die Beurteilung von Krankheitsrisiken wichtig. Da diese nicht vom BMI berücksichtigt wird, dient die Messung des Tail- lenumfangs als „ein einfaches Maß zur Erfassung des Fettverteilungsmusters“ (Hau- ner et al., 2013, S. 3). Mit Hilfe von einfachen Messmethoden wird hierbei die Relati- on von Taille zu Hüfte gemessen. Tabelle 2.2 veranschaulicht die Einordnung der verschieden Messergebnisse mit Bezug auf pathologische Risiken. Ergibt der Quoti- ent von Taillenumfang und Hüftumfang bei Frauen einen Wert von >85 und bei Män- nern von >100, wird von einer abdominalen Adipositas gesprochen. Ein erhöhtes Risiko besteht bei Werten von >102 für Männer und >88 für Frauen. Bei der abdo- minalen Adipositas handelt es sich um Fettansammlung am Körperstamm und Bauch der Betroffenen und wird auch als „ Apfeltyp“ bezeichnet. Ergänzend dazu gibt es noch den „Birnentyp“, welcher sich durch Fetteinlagerungen an der Hüfte und an den Oberschenkel auszeichnet. Männer sind häufig von der abdominalen Adipositas be- troffen, während vermehrt Frauen unter der peripheren Adipositas leiden (vgl. Pokan et al., 2009, S. 84). Das Gesundheitsrisiko bei der abdominalen Adipositas ist im Vergleich zur peripheren Adipositas deutlich erhöht. Im Falle einer abdominalen Adi- positas wird von der viszeralen Fettmasse gesprochen, die eine enge Korrelation zu kardiovaskulären Risikofaktoren und Komplikation aufweist (vgl. Despres et al., 2001, S. 716).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.2: Taillenumfang sowie kardiovaskuläres und metabolisches Risiko. (vgl. Hauner et al., 2013, S. 4; Mod. nach WHO 2000).

2.3 Diagnose von Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Wichtigster Index für die Diagnose von Übergewicht und Adipositas ist weiterhin der BMI, jedoch ist eine Berücksichtigung von alters- und geschlechtsspezifischen Besonderheiten notwendig (vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 368). Eine Einordnung der individuellen BMI - Werte der Kinder und Jugendlichen erfolgt durch eine alters- und geschlechtsspezifische Darstellung in Perzentilen.

In Deutschland wurden Im Jahr 2001 erstmals BMI - Referenzwerte unter Heranzie- hung von Daten zu Körpergröße und -gewicht von insgesamt 17.275 Mädchen und 17.147 Jungen im Alter 0 bis 18 Jahren aus 17 verschiedenen Studien, erstellt (Kromeyer - Hausschild et al., 2001). Die daraus entstandene Einordnung in Perzentilbereiche gestaltet nach der AGA wie folgt:

- Übergewicht: BMI-Perzentile > 90 - 97
- Adipositas: BMI-Perzentile > 97 - 99,5
- Extreme Adipositas: BMI-Perzentile > 99,5

3 Epidemiologien von Übergewicht und Adipositas

Führende nationale und internationale Gesundheitsorganisationen haben mittlerweile erkannt, dass Adipositas das zentrale gesundheitspolitische Problem des 21ten Jahrhunderts ist. Zahlreiche Untersuchungen und Studien wurden weltweit durchge- führt und stellen eine Fülle von Daten zur Verfügung. Diese sind notwendig und von hoher Bedeutung, um zukünftige Entwicklung und Probleme einschätzen zu können. Nach einer Darstellung der weltweiten Entwicklungen von Übergewicht und Adipositas, erfolgt eine inhaltliche Fokussierung auf Deutschland.

3.1 Prävalenz der Adipositas

Übergewicht und Adipositas sind insbesondere in der „westlichen Welt“ verbreitet. Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass gerade auch in Schwellenländern ein ra- santer Anstieg der Prävalenzzahlen zu verzeichnen ist und Übergewicht und Adiposi- tas nicht nur ein Problem der Industrienationen ist (vgl. Schorb, 2008, S. 62). In vie- len Schwellenländern gilt eine gewisse Körperfülle als ein wichtiger Wohlstandsindi- kator (vgl. Ege & von Kries, 2004, S. 45). Aus Umfangsgründen beschränkt sich die- se Arbeit jedoch auf die weltweite Entwicklung und insbesondere auf die aktuelle Si- tuation Deutschlands.

Laut WHO sind in der Europäischen Region über 50% aller Menschen übergewichtig oder adipös und über 20% leiden an Adipositas (WHO, 2013). Wie Abbildung 3.1 veranschaulicht, besteht in der „westlichen Bevölkerung“ eine kontinuierliche Ge- wichtszunahme. Der BMI - Mittelwert aus dem Jahr 1960 stieg innerhalb von 40 Jah- ren von 21 [kg/m²] auf 26 [kg/m²]. Dies entspricht einer Gewichtszunahme von 14,45 [kg] (von 60,69 auf 75,14 kg) bei einer 1,70[m] großen Person. Während in den Jah- ren 1960 und 2000 noch eine klare Zentrierung zu erkennen war, werden 2040 weni- ger Menschen einen BMI vorweisen, der in unmittelbaren Nähe des Medians liegt. Außerdem steigt die Anzahl der Menschen mit einem hohen BMI: Es besteht eine ganz klare Tendenz, dass der BMI in Zukunft steigen wird und die Anzahl von über- gewichtigen und adipösen Menschen in der „westlichen Bevölkerung“ zunimmt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.1 Verteilungskurven des BMI in einer „westlichen Bevölkerung“ (nach Müller, et. al, 2003).

Bezüglich der Entwicklung in Deutschland kommen Wirth et al. (2013, S. 29) zu einem ähnlichen Schluss: „Demzufolge ist festzustellen, dass […] immer weniger Frauen und Männer normalgewichtig und immer mehr adipös“ sind. Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte veranlassten das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Untersuchung bzgl. des Essverhaltens der Deutschen durchzuführen. Die nationale Verzehrstudie II (NVS II) wurde im Jahr 2006 vom Max Rübner - Institut (MRI) durchgeführt und befragte deutschlandweit ca. 20.000 Personen im Alter von 14 bis 80 Jahren.

Neben wichtigen Erkenntnissen über das Essverhalten der Deutschen war ein Ergebnis, dass 66% der Männer und 50,6% der Frauen übergewichtig sind. Einen BMI von mindestens 30 [kg/m²] und somit Adipositas I wiesen 20,5% der männlichen Teilnehmer und bei 21,1% der weiblichen Teilnehmer vor (vgl. NVS II, 2008, S. 14). Die NVS II kommt zu dem Schluss, dass jeder fünfte Deutsche adipös ist.

3.2 Prävalenz im Kindes- und Jugendalter

Laut International Obesity TaskForce gibt es weltweit ca. 155 Millionen übergewichtige Kinder- und Jugendliche. 30 bis 45 Millionen dieser Kinder und Jugendliche sind adipös (vgl. Lobstein et al., 2004, S. 19). Laut WHO sind in der Europäischen Region 33% der elfjährigen Kinder übergewichtig oder adipös (WHO, 2014b).

Bisher gab es in Deutschland lediglich von den Bundesländern durchgeführte, jedoch inkomparable, Datensätze und Forschungsergebnisse. Nichtsdestotrotz verdeutlichen diese, „dass auch hier der Prozentsatz übergewichtiger und adipöser Kinder steigt“ (Kurth et al,. 2007, S. 736) .

Um diese Datenmängel zu beheben, wurde die KiGGS - Studie durchgeführt, welche alters- und geschlechtsspezifische Prävalenzzahlen zum Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jungendalter in Deutschland liefert.

8,7% der befragten Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig und 6,3% adipös. Die von der WHO im Jahr 2014 veröffentlichten Zahlen, dass jedes dritte Kind im Al- ter von elf Jahren übergewichtig ist, lassen sich für Deutschland nicht bestätigen. Des Weiteren gibt es keine bedeutsamen Unterschiede bzgl. Geschlecht oder Regi- on in Deutschland. Besonders signifikant ist jedoch die stetige Zunahme an überge- wichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen mit steigendem Lebensalter. Während im Alter von 3 bis 6 Jahren 9% übergewichtig und 2,9% adipös sind, stei- gen diese bei den 7 bis 10-jährigen auf 15% bzw. 6,4%. Die höchste Prävalenz fin- den sich bei Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren wieder. 8,5% der Jugendli- chen sind adipös. Eine deutliche Gewichtszunahme ist im Grundschulalter zu erken- nen (Kurth et al., 2007, S. 736ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.2: Ausprägung übergewichtiger und adipöser Kinder in Deutschland (nach Puhl, 2009)

Neueste Entwicklungen zeigen, dass es eine Veränderung der Prävalenzzahlen bei deutschen Kindern und Jugendlichen gibt. Die Anzahl der adipösen Einschulkinder stagniert und ist in manchen Fällen sogar leicht rückgängig, während die Anzahl an extrem Adipösen weiterhin starke Zuwächse verzeichnet (vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 372).

3.3 Kulturelle und soziale Besonderheiten in Deutschland

Neben der alters- und geschlechtsspezifischen Auswertung der Ergebnisse zur Ge- sundheit, bietet die KiGGS - Studie auch Informationen zum Zusammenhang zwi- schen Adipositas und den kulturellen und sozialen Hintergründen der Kinder und Ju- gendlichen. In der KiGGS - Studie wurden verschiedene ethnische Gruppen befragt, damit ein möglichst genaues Abbild der Realität projiziert werden kann. Unter den insgesamt 17.641 Befragten (8.985 Jungen, und 8.656 Mädchen) befinden sich 2.590 Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund.1 „Weitere 8,3% der Kinder und Jugendlichen haben einen einseitigen Migrationshintergrund.2 Den größten Anteil, in Relation zur Gesamtzahl der Befragten, machen dabei die tür- kischen Kinder mit 5,7% aus. Gefolgt von Mittel- und Südeuropa3 (4,8%) und der ehemaligen Sowjetunion (4,4%) (vgl. Wirz & Schenck, 2008, S. 119). Ca. 17% der Kinder und Jugendlichen haben einen beidseitigen Migrationshintergrund. Dies ent- spricht einem exakten Verhältnis der aktuellen Situation in Deutschland. (ebd.). Die Migranten bilden keine homogene Einheit, denn die Ergebnisse der KiGGS - Studie veranschaulichen, dass die verschiedenen ethnischen Gruppen unterschiedlich gut integriert sind (ebd., S. 20). Der Grad der Integration wird an folgenden Faktoren gemessen: „Grad der Deutschkenntnisse, Berufsstatus, der Eltern, schulischer Erfolg der Kinder, soziale Einbindung, Aufenthaltsstatus“(ebd. S. 23). Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen aus arabisch - islamischen Ländern4 weist einen niedrigen Grad der Integration vor. Dicht dahinter befinden sich Kinder und Jugendlichen mit türkischem und südeuropäischem Migrationshintergrund (ebd.). Ein beachtlicher An- teil (80%) der Kinder mit Migrationshintergrund wurde in Deutschland geboren. Es handelt sich somit um die zweite oder dritte Generation (Wirz & Schenck, S. 21). Da die Kinder oftmals Vermittler zwischen Eltern und der Umwelt, aber auch gleichzeitig Teil des westlichen Systems sind, werden sie von Wirz und Schenck als „Wanderer zwischen verschiedener Kulturen“ bezeichnet (2008. S. 7).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Sozialstatus. Eine Statuseinordnung (niedrig, mittel, hoch) der Kinder und Jugendlichen erfolgte anhand der Bewertung folgender Faktoren: Der beruflichen Qualifikation, der beruflichen Stellung und dem Haushaltsnettoeinkommen der Erziehungsberechtigten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.3: Prävalenz von Adipositas nach Migrantenstatus und Sozialstatus (vgl. Kurth et al., 2007, S. 740).

Auffällig ist hierbei, dass sich eine deutliche Korrelation zwischen dem Sozialstatus und dem Migrationshintergrund erkennen lässt. Während nur jedes fünfte deutsche Kind der Kategorie „niedriger Sozialstatus“ zugeordnet wird, sind es 70% der türki- schen Kinder, 48,2% Sowjetunion und 44.4 % arabisch - islamischer Länder.. Insge- samt haben 53,7% der Kinder mit beidseitigem Migrationshintergrund einen niedri- gen Sozialstatus. Kinder mit einseitigem Migrationshintergrund weisen einen ähnlichen Wert, wie Kinder ohne Migrationshintergrund auf (27%) (vgl. Wirz & Schenck, 2008, S. 597).

Die Abbildung 3.3 stellt das Verhältnis zwischen Migrationshintergrund/Sozialstatus und der Ausprägung von Adipositas dar. Kinder und Jugendliche mit niedrigem Sozi- alstatus oder Migrationshintergrund sind öfter von Adipositas betroffen (vgl. Kurth, 2007, S. 737). Wirz und Schenck kommen zu dem Schluss, dass insbesondere Jun- gen und Mädchen mit beidseitigem Migrationshintergrund sowohl von Übergewicht (19,5%), als auch von Adipositas (8,8%) betroffen sind. Im Zusammenhang dazu lie- gen die Werte für Kinder ohne Migrationshintergrund (Übergewicht: 14,1%; Adiposi- tas: 5,9%) und einseitigem Migrationshintergrund (Übergewicht:13,7%; Adipositas: 4,9%) sind deutlich geringer.

Migration und Sozialstatus verdeutlichen das soziale Ungleichgewicht in Deutschland und deren Korrelation zu Übergewicht und Adipositas. Dasselbe Szenario ist in allen westlichen Industriestaaten zu beobachten (vgl. Sörensen, 1995, S. 8). Nach Wirth et al. ist „Übergewicht [...] vorwiegend ein Problem der sozialen Unterschicht“ (2013, S.38). Besonders. Auf diesen Ergebnisse aufbauen, kommt es im folgenden Kapitel zu einer Betrachtung der Faktoren, die Adipositas und übergewichtig beeinflussen.

4 Ätiologie

„Die Ätiologie der Adipositas ist multifaktoriell“ (vgl. Hebebrand et al., 2005, S. 28).

Bevor die einzelnen Faktoren, die zur Entstehung von Adipositas beitragen, betrach- tet werden, ist es notwendig zu erwähnen, wie Adipositas entsteht. Eine positive Energiebilanz ist die Voraussetzung für eine Gewichtszunahme und liegt vor, sobald die Energieaufnahme größer als der Energieverbrauch ist (vgl. Warschburger et al., 1999, S.26f.). Die folgenden Faktoren bieten bei weitem keine Vollständigkeit hin- sichtlich aller relevanten Einflüsse, jedoch finden sie besonderen Anklang in der Fachliteratur (Wechsler, 2003; Pudel, 2003; Wirth, 2013). In den folgenden Abschnit- ten werden die Faktoren Genetik, Ernährung und körperliche Aktivität genauer be- trachtet. Besonderer Fokus liegt auf den Faktoren Ernährung und körperliche Aktivi- tät. Nach der allgemeinen Darstellung soll beantwortet werden, welche Rolle die bei- den Faktoren zur Entstehung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und/oder einem niedrigen Sozialstatus beitragen. Die Ergebnisse der KiGGS - Studie dienen als Grundlage.

4.1 Genetik

Evolutionär bedingt ist die Speicherung von Energie im Fettgewebe eine Bedingung für das Überleben der Menschheit (vgl. Wenzel, 2003, S. 47). Eine Fähigkeit, die in unserer westlichen Gesellschaft nicht mehr gefragt ist. In den meisten Teilen der Welt besteht ein ausreichendes bis übermäßiges Nahrungsangebot. Das Nahrungs- überangebot spiegelt sich in den Zahlen bzgl. der Lebensmittelverschwendung wie- der. Durchschnittlich schmeißt jeder Deutsche jährlich 82[kg] Essen weg (Welthun- gerhilfe, 2016, S. 2). Der einstige Vorteil der Energiespeicherung, ist für viele Men- schen mittlerweile ein Nachteil geworden (vgl. Reinehr et al., 2010, S.9). Genetische Faktoren beeinflussen das Erkranken an Adipositas in einem hohen Maß. „Insgesamt liegen Schätzungen des Varianzanteils genetischer Faktoren zwischen 30% und 70%“ (Lehrke & Laessle, 2009, S.19). Der hohe Stellenwert in der Forschung hin- sichtlich des genetischen Einflusses auf die Entstehung von Adipositas ist daher ge- rechtfertigt.

Ein Beispiel für die genetische Bedingtheit ist, dass der BMI von Kindern in hohem Maß mit dem BMI der biologischen Eltern korreliert und nicht mit dem BMI der Adop- tiveltern (vgl. Laessle et al, S. 9; Wabitsch et al., 2013, S. 370). Vor allem im Bereich der medikamentösen Behandlung ist ein umfassendes Wissen diesbezüglich unab- dingbar und wichtig. Da die medikamentöse Behandlung in der Schule in der Regel von keiner Bedeutung ist, richtet sich die Aufmerksamkeit dieser Arbeit auf die bei- den nachfolgenden Faktoren Ernährung und körperliche Aktivität. Darüber hinaus „reicht eine Veranlagung alleine nicht aus, um übergewichtig zu werden“ (vgl. Reinehr et al., 2010, S.9).

4.2 Ernährung

Wie bereits in Kapitel 4.1 erwähnt, besteht in unserer Gesellschaft ein Überangebot an Nahrung, was viele Menschen vor immense Probleme, hinsichtlich der Auswahl der Menge und Qualität der Nahrung stellt (vgl. Munsch & Hilbert, 2015, S.15). Kin- der orientieren sich an den Gewohnheiten der Eltern, welche in der Regel auch für die Versorgung und Auswahl der Lebensmittel zuständig sind. Das Essverhalten der Kinder wird tagtäglich von den Eltern mitgeprägt. Damit ist ein gewisser Teil der täg- lichen Energieaufnahme vorbestimmt (vgl. Munsch & Hilbert, 2015, S.17).

Die Nahrungsaufnahme unterteilt sich in die quantitative und qualitative Nahrungsaufnahme. Die quantitative Nahrungsaufnahme beschreibt, „wie viel Energie - gemessen in Kalorien pro Tag - aufgenommen wird“ (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S.14). Lehrke & Laessle sprechen hier von der „systematische(n) Unterschätzung der Kalorienzufuhr“ (ebd.). Adipöse Kinder und Jugendliche schätzen die tatsächliche Energiezufuhr in der Regel viel zu niedrig ein (ebd.).

Im Gegensatz dazu beschreibt die qualitative Nahrungsaufnahme die Zusammenset- zung der Nahrung mit den einzelnen Makronährstoffen der Nahrung. Die Makronähr- stoffe sind Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß. Während Kohlenhydrate und Eiweiß je- weils eine Energiedichte von 4[kcal/kg] haben, ist die Energiedichte bei Fett mit 9[kcal/g] mehr als doppelt so hoch (ebd., S. 15). Eine Empfehlung zur qualitativen Nahrungszusammenstellung gibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ca. 30% der aufgenommenen Energie soll über Fette erfolgen, 15% über Eiweiß und 55% über Kohlenhydrate (vgl. DGE, 2015). Die tatsächliche Ernährung der Kinder und Jugendlichen weicht jedoch erheblich von diesen Empfehlungen ab. Sowohl qualitativ als auch quantitativ.

[...]


1 „Kinder und Jugendliche, die selbst aus einem anderen Land zugewandert sind und von denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist, oder von denen beide Eltern zugewandert und/odernichtdeutscher Staatsangehörigkeit sind“ (vgl. Wirz & Schenk, 2008, S. 15)

2 die Kinder „sind in Deutschland geboren und ein Elternteil ist aus einem andere Land zugewandert und /oder nichtdeutscher Staatangehörigkeit“ (ebd.).

3 „Bosnien, Bulgarien, Kroatien, Slowenien, Griechenland, Italien, Jugoslawien, Mazedonien, Spanien, Portugal, Zypern, Serbien, Kosovo und Rumänien (ebd., S. 21).

4 „ Unter »Arabisch-islamische Länder« wurden Libanon, Marokko, Algerien, Irak, Ägypten, Pakistan, Syrien, Jordanien, Senegal, Tunesien, Brunei, Indonesien, Iran, Kuweit, Bangladesh, Guinea und Gambia zusammengefasst“ (ebd.).

Details

Seiten
57
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668471337
ISBN (Buch)
9783668471344
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369461
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Sportinstitut
Note
1,7
Schlagworte
Adipositas Kindes- und Jugenalter

Autor

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Titel: Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Prävention in der Schule