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Autonomie im Mittelalter? Dantes "Monarchia" und der "Defensor pacis" des Marsilius von Padua im Vergleich

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Recht
2.1 Dantes Rechtsbegriff
2.2 Marsilius‘ Rechtsbegriff

3. Herrschaft
3.1 Dantes Universalmonarchie
3.2 Marsilius‘ legislator humanus

4. Fazit

1. Einleitung

Wie kann es gerechtfertigt sein, dass eine Person oder eine Gruppe von Personen für die gesamte Gesellschaft bestimmt, was zu tun und was zu unterlassen ist? Worin liegt die Legitimität politischer Herrschaft begründet? Wieso ist politische Herrschaft überhaupt nötig? Denkt man heute in der westlichen Kultur über Legitimität von Herrschaft nach, führt spätestens das Erbe der Aufklärung zum Begriff der Autonomie. Das Wort Autonomie, zusammengesetzt aus den altgriechischen Worten αὐτός (selbst) und νόμος (Gesetz), bezeichnet die Eigengesetzlichtkeit oder Selbstbestimmung. Das bedeutet: Die Gesetze, denen man in einer Gesellschaft mit autonomen Grundsätzen unterliegt, hat man sich selbst gegeben. Wie das Wort Autonomie haben auch die politisch-philosophischen Überlegungen, die in dieser Arbeit behandelt werden sollen, griechische Wurzeln. Die beiden zu vergleichenden Werke, nämlich Dante Alighieris Monarchia aus dem Jahre 1317 und Marsilius von Paduas Defensor pacis aus dem Jahre 1324, entstehen in der Zeit, als die politische Philosophie des Aristoteles wiederentdeckt wurde, nachdem Wilhelm von Moerbeke dessen Politik 1265 ins Lateinische übersetzt hatte. Dante und Marsilius berufen sich auf Aristoteles und versuchen mithilfe seiner Theorien Lösungen für die politischen Streitfragen ihrer Erfahrungswelt zu finden.

Ebenjene Erfahrungswelt wird vom Machtringen zwischen Papst und Kaiser bestimmt, weshalb viele Gedanken der beiden Autoren um das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt kreisen. Diese Thematik wird, obwohl sie sehr interessant ist, in dieser Arbeit nicht behandelt, da es deren Rahmen sprengen würde. Vielmehr wird es um das Rechtsverständnis der Autoren und ihre Vorstellung von der besten Staatsform gehen. Die zentralen Fragen sind also: Was ist ein gutes Gesetz? Und wer soll über eine politische Gemeinschaft herrschen? Das Hauptaugenmerk bei der Beantwortung dieser Fragen liegt auf dem Aspekt, ob Gesetze und Herrschaft dadurch legitimiert werden, dass sie auf die Zustimmung der Beherrschten zurückgeführt werden oder ob diese ihre Legitimität aus einer anderen Quelle erhalten. Zudem soll untersucht werden, aus welchen Gründen die Autoren Herrschaft überhaupt für nötig halten.

Dante und Marsilius haben dabei ähnliche Zielsetzungen. Dante versucht „in Form der friedengewährenden Universalmonarchie“[1] eine Gesellschaftskonfiguration zu entwerfen, die der Menschheit „Raum zur tugendgemäßen Verwirklichung ihrer Möglichkeiten“[2] bietet. Auch Marsilius will der Menschheit ermöglichen „die Früchte des Friedens oder der Ruhe“[3] zu ernten. Dantes teleologischer Begriff von Frieden, als notwendige Bedingung für das Erreichen der zeitlichen und der ewigen Glückseligkeit,[4] ist dabei jedoch von dem des Marsilius zu unterscheiden, der eine „eher biologischsoziale Bedeutung“[5] hat und als gelingende Kooperation der funktionalen Einheiten der ständisch gegliederten Gesellschaft verstanden wird.[6]

2. Recht

Die Wahrung des Friedens ist nach der Meinung Dantes wie Marsilius‘ nur durch die Einhaltung von Gesetzen möglich.[7] Wieso diese Gesetze jeweils gültig und einzuhalten sind, begründen die Autoren jedoch mit verschiedenen argumentativen Strategien, die im Folgenden beleuchtet werden sollen.

2.1 Dantes Rechtsbegriff

Dante zufolge müssen Gesetze auf das von Gott bestimmte doppelte Ziel des Menschen der zeitlichen und ewigen Glückseligkeit ausgerichtet sein, um tatsächlich geltendes Recht sein zu können.[8] Daraus folgert Dante, „daß [!] alles, was mit dem göttlichen Willen nicht im Einklan g steht, kein Recht sein kann“.[9] In Dantes Theoriegebäude ist Recht „theologisches Naturrecht [...] und folglich mit dem göttlichen Willen identifiziert“.[10] Die Rechtmäßigkeit eines Gesetzes folgt somit niemals aus einer menschlichen Entscheidung, sondern aus rein transzendenten Gründen. Nach Dantes Auffassung ist Gesetzgebung ein Akt der Erkenntnis des göttlichen Willens, der menschlicher Einflussnahme entzogen ist. Dante bedient sich folglich einer Legitimationsstragie, die völlig von Autonomieargumenten absieht, die Formulierung tatsächlich gültiger Gesetze aus dem menschlichen Kompetenzbereich fernhält und stattdessen im göttlichen belässt.

2.2 Marsilius‘ Rechtsbegriff

Marsilius unterscheidet im zehnten Kapitel der ersten Diktion des Defensor pacis einen epistemischen und einen formalen Aspekt von Gesetzen. Ein Gesetz lasse sich einerseits „an und für sich, soweit es bloß angibt, was gerecht oder ungerecht“[11] sei, betrachten. Andererseits lasse sich ein Gesetz von dem Gesichtspunkt her analysieren „soweit über seine Befolgung eine Vorschrift gegeben wird, die durch Strafe oder Belohnung in der gegenwärtigen Welt zwingend ist, oder soweit es als solche Vorschrift formuliert ist, und so betrachtet heißt und ist es ganz eigentlich Gesetz.“[12] Nach Marsilius‘ Ansicht ist somit „das ausschlaggebende Kriterium für die Legitimität eines Gesetzes nicht seine Richtigkeit“.[13] Das Gesetz muss also nicht mit dem göttlichen Recht übereinstimmen, sondern ist vielmehr deshalb zu befolgen, weil es eine in der materialen Welt verbindliche Vorschrift ist, „die unmittelbar aus der Entscheidung des menschlichen Geistes hervorgeht [...] und durch menschliche Autorität aufgestellt wird“.[14]

Marsilius deutet den Gesetzesbegriff anders als Dante, wodurch die Gesetzgebung aus der Transzendenz in die Sphäre menschlichen Handelns überführt wird. Marsilius vertritt jedoch keinen modernen Rechtspositivismus. Er unterscheidet weiterhin zwischen guten und schlechten Gesetzen je nachdem, ob ihr Inhalt dem Wissen „vom Gerechten und Nützlichen“[15] entspricht.

[...]


[1] Lüddecke, Dirk: Das politische Denken Dantes. Überlegungen zur Argumentation der Monarchia Dante Alighieris, Neuried 1999. S. 6.

[2] Ebd.

[3] Marsilius von Padua: Defensor pacis (im folgenden als ‚DP‘ abgekürzt). I,i, §4.

[4] Vgl. Lüddecke, Dirk: Das politische Denken Dantes. Überlegungen zur Argumentation der Monarchia Dante Alighieris, Neuried 1999. S. 151.

[5] Lüddecke, Dirk: Marsilius von Padua, der Verteidiger des Friedens (1324), in: Brocker, Manfred (Hrsg.): Geschichte des politischen Denkens, Frankfurt a.M. 2007, S.93-107. S. 97.

[6] DP. I,ii, §3.

[7] Vgl. Dante Alighieri: Monarchia (im folgenden als ‚Mon.‘ abgekürzt). I,xiv, §5; Vgl. DP I,iv, §4.

[8] Vgl. Mon. II,v, §2f.

[9] Mon. II,ii, §5.

[10] Lüddecke, Dirk: Das politische Denken Dantes. Überlegungen zur Argumentation der Monarchia Dante Alighieris, Neuried 1999. S. 93.

[11] DP. I,x, §4.

[12] Ebd.

[13] Syros, Vasileios: Die Rezeption der aristotelischen politischen Philosophie bei Marsilius von Padua. Eine Untersuchung zur ersten Diktion des Defensor pacis, Leiden 2007. S. 175.

[14] Lüddecke, Dirk: Marsilius von Padua, in: Maier, Hans/Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens, München 20016, S.107-118. S. 112.

[15] DP. I,x, §5.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668470668
ISBN (Buch)
9783668470675
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369350
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
Dante Marsilius Marsilius von Padua Legitimation Politische Ideengeschichte Geschichte Legitimität Autonomie Herrschaft

Autor

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