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Weltgesellschaft bei Niklas Luhmann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 16 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

2. Weltgesellschaft bei Niklas Luhmann
2.1. Begriff der Gesellschaft
2.2. Der Weltbegriff in seiner historischen Entwicklung
2.3. Zeitliche Entgrenzung und wahrgenommene Gleichzeitigkeit
2.4. Räumliche Entgrenzung und Bagatellisierung des Örtlichen
2.5. Prämissen der Erkenntnis von Welt

3. Diskussion

5. Fazit

Literatur

Einleitung

Asien arbeitet für die Welt,

Afrika hungert und leidet für die Sünden der Welt,

Europa denkt für die Moral der Welt,

Nordamerika kämpft und konsumiert für die Welt.

Diese humorvoll intendierte Aussage, die vor einiger Zeit so oder ähnlich einmal zu lesen war, illustriert anschaulich die Wahrnehmung eines globalen funktionalen Zusammenhanges, die - wenngleich in der Zuweisung von Funktionen zu Kontinenten provokativ übertrieben – empirisch in abgewandelter Form zunächst nicht völlig unberechtigt scheint.

Die Frage nach einer funktionalen Ausdifferenzierung in globalem und empirisch nahevollziehbarem Ausmaß bleibt in dieser Arbeit unbeantwortet. Global nachweisbare Funktions- und Vernetzungszusammenhänge können mehr oder minder umkommentiert angenommen werden, sind aber letztendlich für die systemtheoretische Betrachtung irrelevant. Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit der Begriff einer Weltgesellschaft genutzt werden kann und inwiefern es sinnvoll ist, von einer Weltgesellschaft zu sprechen. Als Referenz dient hierbei die systemtheoretische Betrachtung von Niklas Luhmann.

Um zu erklären, was Luhmann mit dem Begriff der Weltgesellschaft meint, ist es sinnvoll, wenn nicht unerlässlich, die wesentlichen Grundbegriffe einzuführen, mit denen Luhmann in seiner allgemeinen Theorie der sozialen Systeme operiert. Doch wird dies nicht systematisch in Form einer vorgezogenen definitorischen Erklärung geschehen, sondern nach Bedarf anhand von kurzen Einschüben und Fußnoten.

Diese Arbeit widmet sich einem Komplex von Fragen gleicher Zielrichtung, nämlich inwiefern Luhmanns Konzeption von Weltgesellschaft ein begrifflich konsistentes Instrumentarium zur Wirklichkeitsbeschreibung liefert und wie weit dessen Anspruch auf universelle Plausibilität reichen kann. Wo endet die Erklärungskraft dieser Theorie? Handelt es sich vielleicht sogar um ein reines Ansichtsmodell ohne weiterführende Funktion und praktische Implikation? Dass es sich hier immerzu um theoretische Anwendungen, sowie Funktion und Nutzen für weitere Theorie handelt, (und nicht um unmittelbar praktische Anwendung) steht außer Frage. Die Zusammenhang beziehungsweise mögliche Wechselwirkungen von Theorie und praktischer Sozialforschung werden hier nicht thematisiert. Auch der übliche Vorwurf mangelnder praktischer Anwendbarkeit von Luhmanns Theorie soll nicht wiederholt werden.

Wichtig ist zu zeigen, ob und wie Luhmann mit seiner Sicht zum Verständnis sozialer Zusammenhänge und Handlungen auch auf globaler Ebene beitragen kann.

Dazu wird im Kapitel 2 die Konzeption Luhmanns von der Weltgesellschaft ausgeleuchtet, zusammen mit Ergänzungen und Anmerkungen zum Verständnis der allgemeinen Systemtheorie.

Kapitel 3 liefert – der gebotenen Knappheit verschuldet – umriss- und skizzenhaft mögliche konträre oder gar diametrale Konzepte zur Widerlegung, ebenso wie zur Affirmation von Luhmanns Theorie. Hierzu werden Anthony Giddens sowie Kurt Tudyka zu Rate gezogen.

Das Fazit in Kapitel 4 zieht die Positionen aus Kapitel 2 und 3 zusammen und benennt mögliche Konklusionen.

2. Weltgesellschaft bei Niklas Luhmann

2.1. Begriff der Gesellschaft

Gesellschaft ist für Luhmann das Sozialsystem, das alle anderen sozialen Systeme beinhaltet (Luhmann, 1998, 145). Für jedes der Systeme trifft die Unterscheidung beziehungsweise die Unterscheidbarkeit zwischen System und Umwelt zu. All das, was nicht Teil eines Systems ist, ist für das jeweilige System Umwelt. Somit sind auch alle anderen sozialen Systeme aus Sicht eines bestimmten Systems Umwelt; umgekehrt gilt dies auch. Jedes System ist für ein anderes nur Teil der Umwelt und kann somit allenfalls als Irritation Einfluss nehmen, nicht aber direkt auf das System wirken. Alle sozialen Systeme im Sinne Luhmanns, wie Recht, Politik, Wissenschaft, ja sogar Liebe, ereignen sich innerhalb des umfassenden Systems der Gesellschaft, was zur Folge hat, dass Gesellschaft die (unspezifischen) Eigenschaften aller anderen Systeme aufweist und integriert. Die Eigenschaften von sozialen Systemen allgemein liegen darin, dass sie sich durch Kommunikation selbst reproduzieren. Sie sind insofern autopoietisch. Der Begriff der Autopoiesis, den Luhmann den biologischen Betrachtungen Maturanas und Varelas entleiht, bezeichnet die im System stattfindende Selbstreproduktion des Systems (Luhmann, 1984, 60ff). Die Komponenten, aus denen die Systeme bestehen, bringen durch Interaktion somit jeweils wieder dieselben Systeme hervor. Autopoiesis ist die systemische Selbstreproduktion. Umwelteinflüsse können den autopoietischen Prozess nicht bestimmen, sondern allenfalls irritieren.

2.2. Der Weltbegriff in seiner historischen Entwicklung

Der frühere Weltbegriff war gegenständlich konzipiert (Luhmann, 1998, 145) und bezog sich auf eine im hermeneutischen Sinn übersichtliche Welt. Diese war maßgeblich durch die Trennung von Innen und Außen bestimmt. Was sich innerhalb der Stadtgrenzen, der Region, der bekannten Gegend, oder später sogar auch innerhalb der denkbaren Grenzen der Welt (als Scheibe) ereignete, war - auf welche Weise auch immer - dinglich bestimmbar und benennbar. Während das Außen vage und unbestimmbar, unbedingt und zum Teil mythisch blieb: ein Bereich der Nicht-Berechenbarkeit, in den hinein man nur unter Aufbringung beachtlichen Mutes oder unter der Voraussetzung einer revolutionären Attitüde und Inkaufnahme eines oft hohen Risikos sozialer Exklusion[1] die bestimmbare Welt erweitern konnte. Was in der dinghaft konzipierten Welt unverständlich blieb, musste dennoch als Teil der Welt vorgesehen und gottgewollt sein.

Unabhängig von Größe und geografischem Ausmaß kennzeichnete sich die dinghaft bestimmte Welt dadurch, dass die Möglichkeiten der Kommunikation mit zunehmender räumlicher Entfernung abnahmen. Selbst wenn die Kommunikationssysteme (trotz etwaiger regionaler Unterschiede) potentiell anschlussfähig, das heißt Verständnisbarrieren überwindbar waren, so war doch der Kommunikationsprozess durch zeitliche Verzögerung derart träge, dass die Vorstellung von räumlich entgrenzter Kommunikation nicht nahe liegend und insofern die Möglichkeit von Weltgesellschaft im Sinne Luhmanns (als System regional unbegrenzter Kommunikation) nicht gegeben war. Die Verbreitung und teilweise Universalisierung anderer sozialer Phänomene wie zum Beispiel handwerklicher Techniken oder gar Religionen, die wenig auf die zeitliche Geschlossenheit ihrer Prozesse angewiesen sind, geschah schon wesentlich früher.

Die Herausbildung politischer Reiche, so konstatiert Luhmann (1998, 146), wurde in zunehmenden Maße bedingt durch die Schaffung räumlich übergreifender oder gar räumlich entbundener Kommunikations- und somit sozialer Kontrollmöglichkeiten.

Der dinghafte Weltbegriff änderte sich spätestens mit der Philosophie des transzendentalen Bewusstseins zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts[2]. Die Welt wurde mit der vollständigen Entdeckung des Erdballs nach und nach deutlicher als geschlossene Einheit begriffen, die das Kontingent aller Möglichkeiten umschließt. Es gab nunmehr mit den von Europa ausgehenden Entdeckungsfahrten und Kolonialisierungen des sechszehnten Jahrhunderts keine Dinge außer der Welt, da die Welt mit Ausnahme des Göttlichen alles beinhaltete. Das Mystische, so Luhmann wurde ersetzt durch die „Unterscheidung marked/unmarked im Alltagsgebrauch von Beobachtern“ (Luhmann, 1998, 148). Die Welt der modernen Gesellschaft ist nach Luhmanns Auffassung eine, in der „die Objekte erscheinen und [die] Subjekte agieren“ (ebd., 148).

2.3. Zeitliche Entgrenzung und wahrgenommene Gleichzeitigkeit

Mit der Einführung einer einheitlichen Weltzeit ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde dann die Umrechenbarkeit der Uhrzeit weltweit sichergestellt, sodass die Tageszeit an jedem Ort immer bestimmt werden kann. Im gleichen Atemzug begann mit der Industrialisierung in den Ländern Europas und Nordamerikas die gesellschaftliche Differenzierung in Funktionssysteme. Luhmann sieht mit diesem Prozess die Möglichkeit schwinden, Gesellschaften durch territoriale Grenzen oder durch die Unterscheidung von Mitgliedern und Nichtmitgliedern zu definieren. Er geht vielmehr davon aus, dass sich Funktionssysteme nicht konkret räumlich oder durch Zugehörigkeit bestimmter Personengruppen abgrenzen, sondern eben anhand des Kriteriums ‚funktional integrierbar’ oder ‚nicht integrierbar’.

[...]


[1] Galileo Gallilei riskierte trotz Androhuung von Exkommunikation und Verbannung die Behauptung, die Welt sei keine Scheibe.

[2] In Zuge dieser Entwicklung gewann der reflexive, Kultur als Kultur reflektierende Kulturbegriff an Bedeutung, der den am Ding selbst orientierten Weltbegriff unterminiert. Es setzte sich damit die Ansicht durch, dass Welt nicht objektiv beobachtbar ist und dass der Begriff „Welt“ nur subjektiv wahrgenommene Welt bedeutet und dass alles Nichtbeobachtbare – so vor allem der gesamte Bereich des Göttlichen – nicht zur Welt gehört. (vgl. Luhmann, 1998, 151f)

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638364300
ISBN (Buch)
9783638762052
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36930
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Soziologisches
Note
1,3
Schlagworte
Weltgesellschaft Niklas Luhmann Gesellschaftsdiagnosen Gegenwart

Autor

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