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Schweigen oder Protestieren? Reaktionen der katholischen Kirche auf die Judenverfolgung in Deutschland in den Jahren 1933-1938

Seminararbeit 1998 25 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die katholische Kirche im Jahr der Machtergreifung
2.1 Kirchliche Stellungnahme zum Nationalsozialismus und Reaktion auf die Machtergreifung
2.2 Die Kapitulation des Katholizismus
2.2.1 Die Zentrumspartei
2.2.2 Die deutschen Bischöfe
2.3 Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933

3. Die katholische Kirche und die Judenverfolgung
3.1 Die Voraussetzungen – der Antijudaismus der katholischen Kirche
3.2 Die katholische Kirche zwischen Selbstbehauptung und Widerstand
3.3 Die Rolle des Heiligen Stuhles – Papst Pius XI. und Kardinal Pacelli

4. Positionen und Urteile zum Verhalten der katholischen Kirche in den Jahren 1933-1938
4.1 Stellungnahme der katholischen Kirche
4.2 Gegenüberstellung der Forschungsergebnisse Zeittafel

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Diskussionen über die Zeit des Nationalsozialismus` und des "Dritten Reiches" haben ihre Aktualität auch nach fast einem halben Jahrhundert noch nicht verloren. Der Abstand von 50 Jahren hat uns vielmehr durch die Gedenktage zu Machtergreifung, Judenpogrom und Kriegsausbruch noch stärker als zuvor mit dieser Epoche unserer Vergangenheit konfrontiert. Dabei stellt sich auch immer wieder die Frage, wie die katholische Kirche als „Hüter des menschlichen Gewissens“[1] auf die Judenverfolgung reagiert hat. Haben die deutschen Bischöfe und der Heilige Stuhl gegen Unrecht und Gewalt von Anfang an protestiert, oder haben sie geschwiegen? Wurde den lebensbedrohten und ungerecht verfolgten Menschen tatkräftige Hilfe erwiesen?

In keiner anderen Phase war die Kirche so sehr mit einem System konfrontiert, das alle christlich-moralischen Normen mißachtete. Die Unvereinbarkeit der christlichen Moral und der nationalsozialistischen ‚Ethik‘ war von Beginn an erkennbar. Dieser Widerspruch läßt sich besonders an einem Ausspruch Hitlers von 1937 verdeutlichen: "Über den deutschen Menschen im Jenseits mögen die Kirchen verfügen, über den deutschen Menschen im Diesseits verfügt die deutsche Nation durch ihre Führer.“[2] Für die katholische Kirche, die die Nächstenliebe als eines der höchsten Gebote verkündet, stellte die Bekämpfung der menschenverachtenden Verbrechen somit eine große Herausforderung dar. Zu guter Letzt stand auch die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft und die Wahrung der Institutionen für die Kirche auf dem Spiel. Dennoch ist sie zu fragen, ob sie die Angriffe des nationalsozialistischen Staates auf das Leben eines Einzelnen oder einer ganzen Gesellschaft rechtzeitig erkannt und mit äußerstem Einsatz abgewehrt hat.[3] Die Antworten auf diese Frage lauten verschieden, sind häufig sogar widersprüchlich. Diese kontroversen Meinungen sind unter anderem durch die fehlende Eindeutigkeit des Widerstandsbegriffes und durch die unterschiedlichen Definitionen der Aufgabe der katholischen Kirche während der nationalsozialistischen Herrschaft entstanden. Die Diskussion über dieses Thema ist bis heute noch nicht abgeschlossen, was sich auch an der erst vor kurzem herausgegebenen Holocaust Erklärung des Heiligen Stuhles – auf die ich im Schlußteil näher eingehe- erkennen läßt.

Im folgenden werde ich kurz die Gliederung meiner Arbeit darstellen: Der Hauptteil beginnt mit einer Beschreibung des Verhaltens der katholischen Kirche im Jahr der Machtergreifung. Gerade dem Jahr 1933 habe ich eine gesonderte Aufmerksamkeit gewidmet, da nicht nur die NSDAP von nun an die Staatsgewalt darstellte, sondern auch die Kirche vor dem nationalsozialistischen Regime kapitulierte und somit die Weichen für ihr Verhalten gestellt waren. Der folgende Abschnitt befaßt sich konkret mit der Judenverfolgung. Dabei wird sowohl die geschichtliche Dimension des Antijudaismus der katholischen Kirche angerissen, als auch ihre Reaktionen auf die Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft erörtert. Ein gesonderter Teil beschäftigt sich damit, wie der Heilige Stuhl auf die Verfolgungen reagiert hat. Abschließend befasse ich mich mit den Stellungnahmen der katholischen Kirche nach dem Krieg, weil anhand dieser Aussagen zu erkennen ist, wie sie ihr Verhalten in den Jahren 1933-1938 beurteilt, und ob sie daraus Konsequenzen gezogen hat. Der Versuch einer Gegenüberstellung von Forschungsergebnissen bezüglich des Verhaltens der katholischen Kirche zu der Judenverfolgung beendet meine Arbeit.

2. Die katholische Kirche im Jahr der Machtergreifung

2.1 Kirchliche Stellungnahme zum Nationalsozialismus und Reaktion auf die Machtergreifung

Für Kirche und Katholizismus bedeutete der Nationalsozialismus vor 1933 eine Herausforderung auf unterschiedlichen Feldern: für die Kirche auf dem Gebiet der Seelsorge, für den Katholizismus als einer Sondergruppe der gesamten Gesellschaft auf gesellschaftlichen und politischen Gebiet. Bis zur Machtergreifung Hitlers folgten die Katholiken den bischöflichen Warnungen und Verboten und lehnten den Nationalsozialismus geschlossen ab. Die nationalsozialistische Ideologie wurde als „Irrlehre“ verurteilt, da sie „nach der Erklärung seiner Führer eine neue Weltanschauung an die Stelle der christlichen Weltanschauung setzen will.“[4] Die christentums- und kirchenfeindlichen Grundsätze der Nationalsozialisten veranlaßten den bayrischen Episkopat am 10. Februar 1931 dazu, ein Verbot der Teilnahme an der nationalsozialistischen Bewegung auszusprechen.[5] Unter Führung der drei Kardinäle Schulte (Köln), Faulhaber (München) und Bertram (Breslau) bildete der deutsche Episkopat bis 1933 eine nahezu geschlossene Abwehrfront gegen die nationalsozialistische Ideologie.

Durch die Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 wurden die Verhältnisse unübersichtlicher, da der Nationalsozialismus nun die legale staatliche Obrigkeit darstellte, der nach katholischer Lehre Gehorsam zu schulden war. Die Reaktionen der Kirche und des Katholizismus auf die Machtergreifung kennzeichneten ein Nebeneinander von innerer politischer Unsicherheit, äußerer Geschlossenheit und weltanschaulicher Gegnerschaft. Der politische Katholizismus war hin- und hergerissen zwischen Überlebenshoffnung und Anpassungsversuchen an die neue Zeit. Zugleich sahen sich die Kirche und die katholischen Organisationen vor die Frage gestellt, wie sie auf die neuen politischen Verhältnisse reagieren sollten. Sie befürchteten, daß der Nationalsozialismus alles Politische monopolisieren werde, wobei sie sich nicht auf die Zusicherungen Hitlers - daß auch im "Dritten Reich" kirchliche Freiräume vorhanden wären - verlassen konnten.

2.2 Die Kapitulation des Katholizismus

2.2.1 Die Zentrumspartei

Trotz der veränderten Ausgangslage konnte Hitler die Katholiken nur schwer für seine Ziele gewinnen. Seinem Willen zur Alleinherrschaft stand sowohl die politische Macht des Katholizismus, die Zentrumspartei als auch die noch immer anhaltende Verurteilung des Nationalsozialismus` durch die deutschen Bischöfe entgegen. Die „Überwindung der katholischen Abwehrfront“ war somit eine der wichtigsten Aufgaben, die Hitler bewältigen mußte, um seine Ziele zu verwirklichen.[6] Er konnte dabei die mangelnde Koordination, die zwischen den drei Entscheidungsebenen – deutscher Episkopat, Zentrumspartei, Vatikan – des deutschen Katholizismus herrschte für seine Zwecke nutzen. Da jede dieser drei Entscheidungsebenen hauptsächlich ihre eigenen Interessen im Sinn hatte, wurde die Frage nach den Auswirkungen auf die anderen Ebenen kaum mitbedacht.[7]

Nach dem Wahlergebnis vom 5. März 1933 konnte die Zentrumspartei das Geschehen nicht mehr direkt beeinflussen, da sie zur Mehrheitsbildung nicht benötigt wurde. Der Vorsitzende des Zentrums, Prälat Kaas, mußte also nach der Wahl zwischen den Gefahren eines Ermächtigungsgesetzes und der Möglichkeit des Abschlusses eines Reichskonkordats abwägen.[8] Kaas` persönliche Entscheidung für das Ermächtigungsgesetz hängt vermutlich mit der Zusicherung Hitlers, mit dem Gesetz das Reichskonkordat abzuschließen, zusammen. Dies war bisher immer an der fehlenden ⅔- Mehrheit im Parlament der Republik gescheitert. Diese Politik benötigte aber die Zustimmung des Papstes. Der Papst „begrüßte“ beim Nationalsozialismus „die entschiedene Kampfansage an den Bolschewismus, dessen Überwindung eine der größten Sorgen des Heiligen Stuhles ist.“.[9] Während der Vatikan erste Zeichen des Einlenkens gab, hielten die deutschen Bischöfe weiterhin an ihrem Kurs der Verurteilung der nationalsozialistischen Politik fest. Die Haltung des deutschen Episkopats bestärkte Hitler um so mehr darin, die Verhandlungen mit Rom weiterzuführen.

Hitlers Argument, die Pläne der Reichsregierung auch ohne 2/3 Mehrheit durchzusetzen, bewog das Zentrum am 23. März 1933 dazu, dem Ermächtigungsgesetz zu zustimmen. Die katholische Partei befürchtete einen Kulturkampf, der unabsehbare Folgen für die Abgeordneten gehabt hätte. Mit einem ‚Ja‘ bestand dagegen noch die Möglichkeit, einen Teil des Einflusses zu wahren und Hitler an seine Zusagen zu erinnern.[10] Diese Hoffnung aber wurde nicht erfüllt. Zeitungs- und Versammlungsverbote sowie Tätlichkeiten gegen Parteianhänger zwangen das Zentrum bald zur Aufgabe. So löste sich am 5. Juli 1933 die letzte verbliebene demokratische Partei selbst auf, um einem drohenden Verbot entgegenzuwirken.[11] Die Kirche hatte nun ihren parlamentarischen Schutz verloren.

2.2.2 Die deutschen Bischöfe

Mit der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz hatte Hitler aber nur einen Teil des katholischen Widerstands bekämpft. Die deutschen Bischöfe hielten immer noch an den Verurteilungen gegen die nationalsozialistische Weltanschauung fest. Hitler mußte diesen „Störfaktor“ beseitigen, da er für die Durchsetzung seiner Ziele eine unberechenbare Gefahr darstellte.[12] Die geschickte Vortäuschung der christentumsfreundlichen Einstellung der Regierung und die Anklage, daß Führer und Mitglieder der NSDAP als Abtrünnige der Kirche bezeichnet wurden, zwangen die deutschen Bischöfe schon bald zu einer Stellungnahme. In einer Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz, die am 28. März in der Presse erschien, hob der deutsche Episkopat die Verbote und Warnungen gegen den Nationalsozialismus auf:

„Ohne die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzuheben, glaubt daher der Episkopat das Vertrauen hegen zu können, daß die vorbezeichneten allgemeinen Verbote und Warnungen nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen.“[13]

Diese Mitteilung der deutschen Bischöfe wurde propagandistisch als volle Zustimmung des Episkopats zum Dritten Reich und seinem Führer dargestellt. Hitler hatte durch die Ausschaltung des politischen Katholizismus sein Ziel – die Einigung der Nation – erreicht. Mit der Vollendung des Einparteienstaates waren der Kirche die Organe und Institutionen genommen worden, Einfluß auf das politische System auszuüben.“[14] Ohne die Anerkennung Roms aber blieb die für Hitler nicht weniger wichtige innere Eingliederung des treukatholischen Volksteils in die ‚Volksgemeinschaft’ des "Dritten Reiches" unsicher und problematisch. Dieses Ziel hatte Hitler im Jahre 1933 durch das Reichskonkordat erreicht.

[...]


[1] Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich Bd. 1. Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1018-1934, Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1977, S.338.

[2] Georg Denzler/Volker Fabricius: Die Kirchen im Dritten Reich –Christen und Nazis Hand in Hand?, Bd. 1, Frankfurt am Main 1984. Zit. n.: H. Pickler: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, hrsg. Von G. Ritter, Bonn 1951.

[3] Denzler/Fabricius: Kirchen im Dritten Reich, S. 109.

[4] Entwurf Faulhabers für Pastorale Anweisungen, 6.12.1930, in: Heinz-Albert Raem (Hrsg.): Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Quellensammlung für den katholischen Religionsunterricht an weiterführenden Schulen, Paderborn 1980, S. 27. Zit. n.: Bernhard Stasiewski: Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945, Bd.1, 1933-1934 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Bd. 5), Mainz 1968, S. 791 f.

[5] Pastorale Anweisungen des bayrischen Episkopats, 10.2.1931, in: Raem: Katholische Kirche und Nationalsozialismus, S. 27. Zit. n.: Stasiewski: Akten deutscher Bischöfe, S. 806-809.

[6] Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1, S. 300.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S.306.

[9] Ebd., S.307.

[10] Ebd., S 315.

[11] Ulrich von Hehl: Die Kirchen in der NS-Diktatur. Zwischen Anpassung, Selbstbehauptung und Widerstand, in: Karl-Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945 – Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, 2.,ergänzte Aufl., Bonn 1993 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 314), S. 170.

[12] Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1, S. 317.

[13] Guenter Lewy: Die katholische Kirche und das Dritte Reich, München 1965, S. 54.

[14] Ludwig Volk: Nationalsozialistischer Kirchenkampf und deutscher Episkopat, in: Klaus Gotto/Konrad Repgen (Hrsg.): Die Katholiken und das Dritte Reich, 3. erweit. und überarbeit. Aufl., Mainz 1990, S. 56.

Details

Seiten
25
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638122795
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3693
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Kardinal von Galen Pacelli Antijudaismus katholische Kirche Reichskonkordat

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