Lade Inhalt...

Abweichendes Verhalten im Lebenslauf. Eine Untersuchung an roten Ampeln

Bachelorarbeit 2012 56 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Grundlagen
2.1 Definitionen zu abweichendem Verhalten
2.2 Definitionen zu Lebenslauf

3 Theoretische Grundlagen
3.1 Social-Control Theorie
3.1.1 attachment
3.1.2 commitment
3.1.3 involvement
3.1.4 belief
3.1.5 Hypothesen zur Social-Control Theorie
3.2 Age-Graded Theory of Informal Social Control
3.2.1 Hypothesen zur Age-Graded Theory of Informal Social Control

4 Bisherige Forschungen
4.1 Forschungen zu den zugrunde gelegten Theorien
4.2 Forschungen zu abweichendem Verhalten im Straßenverkehr

5 Datengrundlage
5.1 Methodische Vorgehensweise
5.2 Operationalisierung
5.2.1 Variablen zur Social-Control Theorie
5.2.2 Variablen zur Age-Graded Theory of Informal Social Control

6 Auswertung
6.1 Deskriptive Statistik
6.2 Logistische Regressionen
6.2.1 Auswertung zum Alterseffekt
6.2.2 Auswertung zur Social-Control Theorie
6.2.3 Auswertung zur Wendepunkttheorie
6.2.4 Diagnostik

7 Rückbezug der Ergebnisse zu den Theorien

8 Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Jahre 2011 kam es in München zu 6.496 Verkehrsunfällen mit Personenschaden. In 11 Prozent der Fälle wurden Fußgänger verletzt. 78 Prozent der Fußgänger verursachten die Unfälle aufgrund ihres eigenen Fehlverhaltens (vgl. Verkehrsbericht des Polizeipräsidiums München 2011: 15, 21).

Daran wird deutlich, dass Fehlverhalten eine mögliche Gefahr für alle Verkehrseilnehmer darstellen kann. Halten sich Personen nicht an vorgegebene Regeln, lässt sich deren Verhalten im Straßenverkehr nur schwer vorhersehen und es kann dadurch bedingt zu sehr kritischen Situationen und Unfällen kommen. Indem sich Menschen nicht an vorgegebene Verkehrsregeln halten, weichen sie in ihrem Verhalten von den Regeln und Gesetzen der Gesellschaft ab.

Allgemein beschäftigen sich Soziologen neben anderen wissenschaftlichen Disziplinen mit abweichendem Verhalten, weil hierdurch Normen und geregelte Abläufe der Gesellschaft gestört werden können. Soziale Normen stellen eine bedeutende Thematik in den Sozialwissenschaften dar, da sie die Gesellschaft und das soziale Miteinander strukturieren und hierbei die Komplexität reduzieren.

Viele Sozialwissenschaftler interessieren sich überwiegend dafür, aus welchem Grund sich Individuen abweichend verhalten oder wie die Kontextbedingungen geschaffen sein müssen, damit sich möglichst viele Personen an die gesellschaftlichen Normen halten.

Daneben wird seit Jahrzehnten auch der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Lebensalter untersucht, weil dadurch der Beginn, die Fortführung sowie der Abbruch kriminellen oder abweichenden Verhaltens analysiert werden kann. Letztere Forschungsrichtung geht davon aus, dass das menschliche Verhalten durch das jeweilige Lebensalter sowie die hieraus resultierende unterschiedliche Lebenssituation beeinflusst wird.

Die folgende Bachelorarbeit vereint beide Forschungsschwerpunkte, indem sie abweichendes Verhalten im Zusammenhang mit dem Lebensalter untersucht. Dabei wird abweichendes Verhalten anhand von Fußgängern gemessen, die eine rote Ampel missachten.

Ziel der Arbeit ist es, Rotlichtverstöße im Kontext der sozialen Kontrolle und der unterschiedlichen Lebensphasen zu untersuchen.

Es wird analysiert, ob Unterschiede hinsichtlich des Lebensalters bei abweichendem Verhalten in Ampelsituationen existieren und sich altersbedingte Wendepunkte im Lebenslauf finden lassen. Eine solche Untersuchung ist von Bedeutung, da abweichendes Verhalten in Bezug auf das Lebensalter neue Erkenntnisse in Form von altersabhängigen Verhaltensmustern, Kontrollinstitutionen und Risikogruppen hervor bringen kann.

Mithilfe eines theoriegeleiteten Vorgehens wird versucht, den Effekt des Lebensalters sowie der verschiedenen Faktoren auf das Verhalten der Probanden an roten Ampeln in der Stadt München herauszuarbeiten.

Hierfür werden im 3. Kapitel zunächst theoretische Grundlagen geschaffen und Begrifflichkeiten definiert. Aus der Grundlagentheorie „Social-Control“ von Hirschi und der Weiterentwicklung „Age-Graded Theory of Informal Social Control“ durch Sampson und Laub werden im 4. Kapitel die zu untersuchenden Hypothesen abgeleitet. Im darauffolgenden 5. Kapitel wird auf Forschungen über die beiden zuvor betrachteten Theorien eingegangen, die seit der Formulierung der Theorien betrieben wurden.

Im Anschluss daran wird im 6. Kapitel auf die Datenbeschaffung, methodische Vorgehensweise und Operationalisierung eingegangen. Es wird zunächst die deskriptive Statistik betrachtet, um anschließend anhand logistischer Regressionsmodelle im 7. Kapitel die Hypothesen der beiden Theorien zu überprüfen. Im Anschluss werden ausgewählte Diagnoseverfahren verwendet, um mögliche Verzerrungen durch Annahmeverletzungen der logistischen Regressionen festzustellen.

Darauf folgend werden im 8. Kapitel die Befunde gegenübergestellt, um die stabilsten Prädiktoren herauszufiltern, die Hypothesen zu bewerten und auf eine mögliche Eignung der Theorien bezüglich abweichenden Verhaltens im Lebenslauf zu schließen. Enden wird die Bachelorarbeit mit dem 9. Kapitel, in dem eine zusammenfassende Darstellung aller Ergebnisse erfolgt und einige Anregungen für die weitere Forschung aufgezeigt werden.

2 Begriffliche Grundlagen

Um abweichendes Verhalten im Lebensverlauf empirisch überprüfen zu können, müssen zunächst einige verwendete Begriffe definiert und theoretische Grundlagen geschaffen werden.

2.1 Definitionen zu abweichendem Verhalten

Individuen handeln entsprechend gewisser Normen und Werte bestimmter Gruppen oder gesellschaftlicher Regeln. Weicht das Verhalten von gesellschaftlichen Normen ab, kann von abweichendem Verhalten gesprochen werden. Demnach kann abweichendes Verhalten allgemein als „Handeln, das gegen gesellschaftliche Normen verstößt und von negativen Sanktionen bedroht ist“ (Peters 2009: 19) bezeichnet werden.

Um den Begriff abweichendes Verhalten zu verstehen, ist die Erläuterung gesellschaftlicher Normen notwendig. Normen sind „Regeln für bewusstes Handeln, Vorschriften für Verhalten, Verhaltenserwartungen oder gar Verhaltensforderungen“ (Lamnek 2007: 20). Diese sind nicht naturgegeben, sondern stellen menschliche Konstruktionen dar, die zur Stabilisierung der Gesellschaft beitragen sollen (vgl. Becker 1981: XIII). Sie geben also Denk- und Handlungsweisen vor, die in den verschiedenen Situationen das „richtige“ Verhalten der Individuen vorschreiben sollen.

Hierfür haben sich unterschiedliche Arten gesellschaftlicher Regeln etabliert, die entweder formaler Natur (in Form von Gesetzen) oder informeller Natur (wie beispielsweise Traditionen) sind.

In Bezug auf die vorliegende Arbeit stellt die Straßenverkehrsordnung die Norm dar, von der abgewichen wird. Diesen Verhaltensregeln sind alle Verkehrsteilnehmer unterworfen und dienen zum einen der Sicherheit aller und zum anderen zur Klärung der Schuldfrage bei Unfällen. Bei Nichteinhaltung dieser Verhaltensregeln werden die Menschen formal durch den Staat oder in anderer Weise informell sanktioniert. Dies kann beispielsweise durch andere Gesellschaftsmitglieder erfolgen, die negativ in Form von Abwertungen auf das abweichende Verhalten reagieren.

Um abweichendes Verhalten im Lebenslauf untersuchen zu können, muss der Begriff „Lebenslauf“ näher beschrieben und für die methodische Auswertung definiert werden.

2.2 Definitionen zu Lebenslauf

Im Mittelpunkt der Forschungen hinsichtlich des Lebenslaufes steht die Frage nach der prägenden Wirkung gesellschaftlicher Institutionen auf den individuellen Lebenslauf. Dies stellt einen multidisziplinaren Forschungsgegenstand dar, welcher das individuelle Leben im Kontext der historischen, sozioökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen untersucht.

Die Betrachtung des Lebenslaufes geht zurück auf Glen Elders Studie „Children of the Great Repression“ von 1974 und die darauf aufbauenden Erweiterungen durch Martin Kohli (1985). Nach Elders Erkenntnissen kann der Lebenslauf als „an age-graded sequence of socially defined roles and events that are enacted over time and place“ (Elder et al. 2006: 15) definiert werden (vgl. Kohli 2002: 526f).

Die Lebenslauftheorie differenziert das vereinheitlichte Leben in verschiedenen Phasen, in denen unterschiedliche Verhaltensweisen, Lebensaufgaben und -schwerpunkte sowie Rollenerwartungen vorherrschen.

Die Strukturierung der verschiedenen Lebensphasen anhand sozialer Rollen findet in der Soziologie häufige Verwendung, da dies einerseits ein Grundstein der Lebenslauftheorie darstellt, andererseits jedoch auch wesentlich zum Verständnis des individuellen Verhaltens beiträgt. Es handelt sich hierbei um eine beschreibende und nicht theoretische Einteilung der Altersstufen, die jeweils ein gewisses „Drehbuch“ der Verantwortlichkeiten, Privilegien, Normen, Positionen und Entwicklungsstandards beinhaltet (vgl. Clausen 1986: 27).

In der ersten Lebensphase bis zum Erwachsenenalter, nimmt das Individuum die soziale Rolle des Kindes und Schülers an und ist durch die Einbettung in die Familie, Schule und durch Kontakte des alltäglichen Lebens stark eingebunden. In der folgenden Lebensphase ist das Individuum im Arbeits- oder Ausbildungsleben angekommen und übernimmt hier die entsprechenden sozialen Rollen. Durch den Ausbruch aus der Familie in ein selbständig geführtes Leben sind auch Bindungen zur Arbeitsstelle und -kollegen, Gleichaltrigen und der Berufswelt wesentlich einflussreicher als die Familie. Hierdurch ist das Individuum in dieser Phase wesentlich weniger eingebunden als während seiner Zeit in der eigenen Familie.

In der nächsten Lebensphase hat das Individuum das Erwachsensein erreicht und gründet in dieser Zeit eine eigene Familie. Dieser Schritt führt zu einem starken Wandel des sozialen Status und der sozialen Rollen. Man nimmt überwiegend die Ehepartnerrolle sowie die Elternrolle in dieser Lebensphase ein. Demnach herrscht auch die stärkste Bindung zu seinem Partner und den Kindern. Zusätzlich nehmen noch die Arbeitsstelle und die Freunde eine prägende Rolle ein. Im Zusammenspiel ist das Individuum in dieser Lebenszeit am stärksten an die Gesellschaft gebunden.

Im sich anschließenden Lebensabschnitt verändert sich das Leben aufgrund der natürlichen Auflösung der eigenen Familie oder durch Trennungen und aufgrund der Erkenntnis der begrenzten Lebenszeit. Diese Phase ist auch durch die sogenannte midlife crisis gekennzeichnet, wodurch Individuen im Zusammenspiel mit sich reduzierender Einbindung zu vermehrt abweichendem Verhalten neigen könnten. Der letzte Lebensabschnitt ist geprägt von dem Verlust verschiedener sozialer Rollen, da die Individuen keinem Beruf mehr nachgehen und nicht mehr aktiv in die Familie eingebunden sind (vgl. Clausen 1986: 55-175).

Durch die Strukturierung der Altersabschnitte kann die Forschung Unterschiede zwischen den Lebensabschnitten und die verschiedenen Auswirkungen externer Faktoren hierauf analysieren. Die Lebenslaufperspektive ermöglicht zudem Veränderungen im menschlichen Verhalten sowie Änderungen der Einstellungen, aber auch den Wandel des gesellschaftlichen Kontextes und sozialer Kontrollstrukturen zu untersuchen (vgl. Clausen 1986: 6; Kohli 2002: 526f, Boers 2009: 135).

Sampson und Laub gelang es, diesen Lebenslaufansatz in ihren Forschungen praktisch anzuwenden. Auf ihren Ansätzen basiert ein großer Teil der vorliegenden Arbeit.

Sie definieren zwei Konzepte, die sich zur Erklärung und Untersuchung des Lebenslaufes eignen. Zum einen stellen sie den Entwicklungspfad eines Individuums dar, welcher sich auf das gesamte Leben bezieht und durch eine Sequenz von Lebensereignissen gekennzeichnet ist. Hierbei spielen Entwicklungen wie der Ehestand, Elternschaft, Arbeitsleben und kriminelles Verhalten eine Rolle. Zum anderen definieren sie spezifische Lebensereignisse, die sich auf kürzere Zeitspannen auswirken und einen Wechsel im Lebenslauf auslösen können wie beispielsweise die erste Hochzeit oder Arbeitsstelle. Diese einschneidenden Ereignisse im Leben gehen mit einer Veränderung des institutionellen Kontextes, dem Status und damit verbundenen Rollenstruktur des Individuums einher. Somit entwickelt und ändert sich die Zusammenstellung der unterschiedlichen Rollen eines Individuums in der Gesellschaft (vgl. Sampson/Laub 1990: 610).

Zusammenfassend lässt sich der Lebenslauf als ein Zusammenspiel des individuellen Entwicklungsverlaufs und spezifischer Lebensereignisse unter Einfluss der sozialen Struktur und dem historischen Kontext charakterisieren.

Will man den Lebenslauf mit all seinen Facetten untersuchen, müsste das menschliche Leben in seiner ganzen Fülle erklärt und in die Analyse miteinbezogen werden.

Da dies kaum zu bewerkstelligen ist, betrachtet die Lebenslaufperspektive auch nur Variablen, bei denen ein größerer Einfluss auf das Leben vermutet wird. Aus diesem Grund Begriffliche Grundlagen ist eine Generalisierung einzelner Phänomene kaum möglich, da diese in Abhängigkeit einzelner betrachteter Personen sowie bestimmter Rahmenbedingungen stehen.

Durch die Konzentration auf unterschiedliche soziale Rollen im Verlauf des Lebens, lässt sich am ehesten ein vereinheitlichter Lebenslauf beschreiben. Dadurch ist dann eine Analyse der verschiedenen Lebensabschnitte möglich.

Demnach wird dieser Bachelorarbeit ein „durchschnittlicher“ Akteur unterstellt, der die „gängigen“ sozialen Rollen in den jeweiligen Lebensphasen durchläuft.

3 Theoretische Grundlagen

Durch die beiden Mechanismen der formellen und informellen Sanktionierung kann individuelles abweichendes Verhalten kontrolliert werden. Auch die Einhaltung altersgerechten Verhaltens wird durch die Gesellschaftsmitglieder eingefordert. Aus diesem Grund erfolgt die vorliegende Untersuchung auf Basis der Social-Control Theorie.

3.1 Social-Control Theorie

Bei der Betrachtung von abweichendem Verhalten stellt die Social-Control Theorie einen sehr populären Ansatz dar. Sie ermöglicht, im Gegensatz zu anderen Ansätzen, den Einbezug des Lebenslaufes in die theoretischen Überlegungen zu abweichendem Verhalten.

Die zentrale Idee hierbei ist, dass abweichendes Verhalten aufgrund fehlender sozialer Kontrolle zustande kommt (vgl. Clinard/Meier 1992: 111). Kontrolle kann dabei formeller wie auch informeller Natur sein und das Verhalten der Individuen beeinflussen.

Der Ursprung dieses theoretischen Konzepts lässt sich auf Emile Durkheims Arbeiten (1933) zurückführen. Er ging als erster der Frage nach, wie sich die soziale Ordnung in komplexen Gesellschaften aufrechterhalten lässt. Durkheim fand die Lösung für diesen Sachverhalt in der Einbettung der Individuen in die Gesellschaft (vgl. ebd.: 112).

Travis Hirschi baute diesen Ansatz 1969 mit seiner Arbeit „Causes of Delinquency“ weiter aus und entwickelte daraus die Social-Control Theorie. Er wendete diese Theorie unter anderem zur Erforschung kriminellen Verhaltens an. Sie wurde zwar vor diesem Kontext entwickelt, eignet sich jedoch generell zur Untersuchung menschlichen Verhaltens.

Die Grundannahme dieser Theorie besteht darin, dass jeder Mensch von Natur aus dazu fähig ist, ein Verbrechen zu begehen. Folglich muss nicht das Verbrechen selbst, sondern Regelkonformität und die Einhaltung der Norm erklärt werden. Demzufolge ist die Ausgangsfrage der Social-Control Theorie nicht, warum Menschen kriminell werden, sondern weshalb Menschen nicht kriminell werden (vgl. Hirschi 2005: 31ff).

Es wird davon ausgegangen, dass Konformität über Sozialisation, also durch eine Bindung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, erreicht werden kann. In diesen Punkt der Theorie kann das Lebensalter des Individuums integriert werden. Je nach Lebensphase sind Menschen durch andere Gesellschaftsmitglieder und -institutionen unterschiedlich stark eingebunden, was sich auf das Verhalten in positiver wie negativer Weise auswirken kann.

Abweichendes Verhalten wird demzufolge durch abgeschwächte beziehungsweise fehlende Bindungen erklärt (vgl. Hirschi 2005: 16). Hirschi definierte die vier Bindungselemente attachment, commitment, involvement und belief, welche für die Bindung des Individuums an die Gesellschaft verantwortlich sind[1].

3.1.1 attachment

Das attachment erklärt durch Bindungen und Beziehungen, warum Menschen nicht kriminell werden. Es wird von Travis Hirschi als das wichtigste der vier Elemente angesehen (vgl. ebd.: 26). Die Akzeptanz und Verinnerlichung von Normen ist abhängig von den Beziehungen der Individuen zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Damit sind sowohl Bindungen zu Familienmitgliedern, als auch zu Freunden oder anderen Bekanntschaften gemeint. Darüber hinaus zählen auch Bindungen zu Institutionen wie der Schule oder der Arbeitsstelle zur Kategorie attachment. Hat eine Person stark ausgeprägte Bindungen, so werden ihr die gemeinsamen, der Beziehung zugrundeliegenden Normen verständlich und nachvollziehbar. Auf diese Weise wird die Ausübung von abweichendem oder kriminellem Verhalten eher verhindert (vgl. ebd.: 16ff).

3.1.2 commitment

Das Element commitment begründet die Regelkonformität damit, dass sich Menschen vor den Konsequenzen einer Nichteinhaltung von Gesetzen fürchten, die sich einerseits durch gesetzliche Bestrafung, aber auch durch Verlust sozialen Ansehens oder dergleichen äußern können. Handlungen, die den Status oder die Zukunftspläne gefährden, werden durch rationale Kalkulationen vermieden. Aus Angst vor Verlust der Investitionen in das bisherige Leben, wie Bildung und Aufbau einer Berufsidentität, wird abweichendes Handeln eingeschränkt (vgl. ebd.: 20f).

3.1.3 involvement

Involvement beschreibt die Einbindung der Personen durch Aktivitäten wie Ausbildung und Beruf sowie außerberuflichen Terminen und Freizeitgestaltung. Diese Einbindung wirkt kriminellen Handlungen entgegen, da den Personen die Zeit und Energie hierfür tendenziell fehlt (vgl. ebd.: 21ff).

3.1.4 belief

Belief stellt das vierte Element der Social-Control Theorie dar. Dabei stellt sich die Frage, warum Menschen Regeln, Normen und Werte verletzen sollten, wenn sie hinter diesen stehen, sie vertreten und an sie glauben. Verbrechen können so erklärt werden, dass bei jedem einzelnen Individuum der Glaube an die Werte einer Gesellschaft unterschiedlich ausgeprägt ist (vgl. ebd.: 23ff).

Steht ein Individuum auf eine dieser vier Arten in Verbindung mit der Gesellschaft, so ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch über ein weiteres Element an die Gesellschaft gebunden ist. Aus diesem Grund untersuchte Hirschi auch die Beziehungen zwischen den Elementen, die sich teilweise gegenseitig bedingen beziehungsweise auch abschwächen können (vgl. ebd.: 27ff). Je stärker jedes einzelne dieser Elemente ausgeprägt ist, desto geringer ist das Risiko für abweichendes Handeln.

3.1.5 Hypothesen zur Social-Control Theorie

Da die Social-Control Theorie individuelles Verhalten durch ihre jeweilige Einbindung erklärt, kann diese Theorie auch zur Untersuchung schwach abweichenden Verhaltens in Ampelsituationen herangezogen werden.

Es kann davon ausgegangen werden, dass Individuen in den verschiedenen Lebensabschnitten aufgrund der Bindungselemente unterschiedlich stark an die Gesellschaft gebunden und durch Kontrollinstitutionen beeinflussbar sind. Diese soziale Einbindung wirkt sich auf das individuelle Verhalten aus, welches demnach durch das Lebensalter der Personen beeinflusst ist. Hierdurch kann angenommen werden, dass sich das Verhalten an Ampeln zwischen den verschiedenen Altersgruppen unterscheiden wird.

Bei genauerer Betrachtung kommt zudem die Vermutung auf, dass die vier Bindungselemente vor allem bei Personen im mittleren Lebensalter in stärkerem Maße ausgeprägt sind. Menschen in der mittleren Lebensphase sind durch ihren Lebens- beziehungsweise Ehepartner und die eigenen Kindern bereits stark eingebunden. Dies wird letztlich noch durch eine Arbeitsstelle, Freunde und durch die Menschen verstärkt, mit denen man aufgrund der eigenen Kinder in Kontakt kommt. Diese Lebenssituation wirkt sich positiv auf das attachment aus.

Das Bindungselement commitment ist in diesem Lebensalter ebenfalls tendenziell stärker ausgeprägt, da die Individuen viel Zeit, Kosten und Energie in ihr Leben, die Ausbildung, Beruf und Familie, aber auch in ihre gesellschaftliche Position investiert haben. Diesen Stand versuchen sie zu halten und nicht durch abweichendes Verhalten zu gefährden.

Daraus ergibt sich schließlich auch, dass das Element involvement bei diesen Menschen stärker ausgeprägt ist, da sie aufgrund der vielseitigen Aufgaben und Verpflichtungen, aber auch durch ihre eigenen Freizeitbeschäftigungen und die der eigenen Kinder, zeitlich und kräftemäßig stark eingebunden sind.

Belief beschreibt den Glauben und die Integration der gesellschaftlichen Werte und Normen, was vermutlich in diesem Alter ebenfalls mehr gegeben ist. Durch ihre Rolle in der Gesellschaft und als Vorbild für die eigene Familie befürworten Personen im mittleren Lebensalter Regeln, Gesetze und moralische Verhaltensweisen stärker und erleben die Sinnhaftigkeit dieser eher, als jüngere und ältere Personen, die in ihrem Leben eventuell einiges hinterfragen.

Folglich kann davon ausgegangen werden, dass bei Menschen im mittleren Lebensalter die vier Bindungselemente stärker ausgeprägt sind als bei den anderen Altersgruppen und somit die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass diese Personen bei Rot eine Straße überqueren. Diese große Hypothese wird in vier Unterhypothesen aufgeteilt, um sie genauer untersuchen zu können:

Die Wahrscheinlichkeit eine Straße während einer roten Ampelphase zu überqueren ist umso geringer, …

H1: …je höher das attachment ist und …

H2: …je höher das commitment ist und …

H3: …je höher das involvement ist und …

H4: …je höher das belief ist und …

…wenn sich Personen im mittleren Lebensalter befinden.

3.2 Age-Graded Theory of Informal Social Control

Robert J. Sampson und John H. Laub orientierten sich an Hirschis Social-Control Theorie und verknüpften diese mit Glen Elders Lebenslaufkonzepten und entwickelten auf dieser Grundlage die Age-Graded Theory of Informal Social Control.

Mit der von Sampson und Laub entwickelten Theorie kann die Stabilität beziehungsweise der Wandel bezüglich kriminellen Verhaltens im Laufe des Lebens erklärt werden. Sie konzentrieren sich bei ihren Untersuchungen auf die Bedingungen für den Beginn, die Fortführung sowie den Abbruch abweichenden oder kriminellen Verhaltens.

Wie auch Hirschi gehen sie davon aus, dass die Bindung der Individuen an die Gesellschaft zentral für die Verhinderung von abweichendem oder kriminellem Verhalten verantwortlich ist. Je schwächer diese Bindung zur Gesellschaft ist, umso höher ist das Risiko, dass sich Individuen abweichend verhalten (vgl. Laub/Sampson 1993: 303).

Beide gehen davon aus, dass der altersbezogene Wandel der sozialen Bindungen die Veränderungen bezüglich abweichenden Verhaltens im Laufe des Lebens erklärt.

Sie vermuten, dass sich der Einfluss sowohl formeller als auch informeller Institutionen je nach Lebensalter unterscheidet. Sie betonen besonders die Rolle der altersspezifischen zwischenmenschlichen Beziehungen zu Gesellschaftsmitgliedern sowie der sozialen Institutionen Schule, Familie und Arbeitsstelle, welche in Form informeller sozialer Kontrolle auf die Individuen einwirken (vgl. ebd.: 303ff).

Sampson und Laib gehen von einer starke Verbindung zwischen frühem abweichendem Verhalten im Jugendalter und kriminellem Handeln im Erwachsenenalter aus. Sie sehen eine Abbruchmöglichkeit für abweichendes Verhalten in eintretenden spezifischen Lebensereignissen sowie in sozialen Bindungen zu normkonformen Personen, wodurch die informelle soziale Kontrolle verstärkt wird (vgl. Sampson/Laub 1997: 12).

Der Lebenslaufwandel kommt nach Sampson und Laub durch das Ineinandergreifen des Entwicklungspfades des Individuums mit spezifischen Lebensereignissen zustande, wodurch sogenannte Wendepunkte im Leben generiert werden. Unabhängig der jeweiligen Vergangenheit, können Wendepunkte den Entwicklungsverlauf einen Individuums durch Zunahme informeller soziale Kontrolle sowie der sozialen Bindung an die Gesellschaft in eine völlig andere Richtung umlenken (vgl. Sampson/Laub 1993: 310, 2004: 4). Aus diesem Grund wird diese Theorie zur Vereinfachung auch Wendepunkttheorie bezeichnet.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass durch Wendepunkte im Lebenslauf die informelle soziale Kontrolle zunimmt und damit einschneidenden Wendepunkten in Form von Heirat, Scheidung, eigenen Kinder und Berufstätigkeit eine bedeutende Rolle in Bezug auf abweichendes Verhalten zukommt. Es können jedoch auch negative Wendepunkte in Form von Verlust der Arbeitsstelle, Scheidung, Todes- und Krankheitsfällen im Leben auftreten. Diese haben dann eine negative Wirkung auf das Individuum, welches hierdurch weniger Theoretische Grundlagen

Einbindung und informelle Kontrolle erfährt, wodurch abweichendes Verhalten wieder begünstigt werden kann[2] (vgl. Sampson und Laub 1993: 304).

3.2.1 Hypothesen zur Age-Graded Theory of Informal Social Control

Diese Theorie verbindet die Aspekte der sozialen Kontrolle durch die Betrachtung der Bindungen der Individuen mit dem Lebenslaufansatz. Durch Einbezug altersspezifischer Bindungen und Lebenssituationen sowie einschneidender Erlebnisse können Unterschiede zwischen den Altersphasen untersucht werden.

Aus diesem Grund eignet sich diese Theorie sehr gut zur Untersuchung abweichenden Verhaltens in Zusammenhang des Lebenslaufes.

Es wird davon ausgegangen, dass positive Lebensereignisse beziehungsweise -umstände wie eine Eheschließung oder eigene Kinder sich reduzierend auf abweichendes Verhalten auswirken.

Im Umkehrschluss wird vermutet, dass negative Wendepunkte wie eine Scheidung oder der Tod des eigenen Partners die soziale Kontrolle vermindern und die Wahrscheinlichkeit für abweichendes Verhalten erhöhen.

Da diese Lebenssituationen in der Regel altersspezifisch sind, kann mit Unterschieden zwischen den Altersphasen im Lebenslauf gerechnet werden.

Hieraus ergeben sich zwei weitere Hypothesen für die empirische Untersuchung:

H5: Wenn Personen positive Wendepunkte erfahren, ist die Wahrscheinlichkeit tendenziell geringer, dass diese eine rote Ampel missachten.

H6: Wenn Personen negative Wendepunkte erfahren, ist die Wahrscheinlichkeit tendenziell höher, dass diese eine rote Ampel missachten.

4 Bisherige Forschungen

In den vergangenen Jahren wurde oftmals kriminelles Verhalten in Bezug zum Lebenslauf untersucht. Allerdings muss noch vermehrt analysiert werden, ob sich die Ergebnisse zu kriminellen Handlungen auch bei der weniger kriminellen Form des abweichenden Verhaltens finden lassen. Dies soll in dieser Arbeit geschehen.

Unabhängig von den zugrunde gelegten Theorien finden sich einige übereinstimmende Ergebnisse zur Forschung des abweichenden und kriminellen Verhaltens im Lebenslauf.3 Insgesamt ist erkennbar, dass kriminelles Verhalten nicht eine dauerhafte Eigenschaft im Leben einzelner Individuen ist, sondern sich eine glockenförmige Kriminalitätskurve über die Lebenszeit hinweg ergibt. Diese altersbezogene Kriminalitätskurve wird auch als age-crime curve bezeichnet und stellt den nachfolgend beschriebenen typischen Verlauf von Kriminalität dar (vgl. Grundis 2011). Kriminalität beginnt typischer Weise mit etwa 13 Jahren noch vor der Pubertät, erreicht ihren Höhepunkt inmitten der Jugendphase mit ungefähr 17 Jahren und reduziert sich schließlich drastisch während dem Übergang zur Erwachsenenphase. Mit steigendem Lebensalter reduziert sich demnach das kriminelle Verhalten der Individuen. Diese age-crime curve wurde in zahlreichen Studien festgestellt (vgl. Blumstein et al. 1986: 94, Farrington 1986: 192, Steffensmeier et al. 1989: 803, Hirschi/Gottfredson 1990: 64, Thornberry 1996: 200; Tittle 2000: 51; 2004: 1, Thomas/Stelly 2008: 201, Döllinger 2009: 155).

Dem liegt zugrunde, dass es einigen Individuen möglich ist, ihre bisherige kriminelle Laufbahn zu beenden und ein konformes Leben unabhängig ihrer Vergangenheit zu führen. Für den Abbruch kriminellen Verhaltens hat sich insbesondere das Element attachment als einflussreich gezeigt. Hierbei spielt die Bindung zu einer konventionellen Person, ein stabiles Arbeitsverhältnis, die Veränderung der persönlichen Identität sowie der Alterungsprozess eine wesentliche Rolle. Diese Einflussfaktoren unterscheiden sich kaum zwischen den unterschiedlichen Arten der Kriminalität (vgl. Sampson/Laub 2003: 296).

3 Weitere Studien zu dieser Thematik:

Patterson 1989: „A developmental perspective on antisocial behavior”

Farrington et al. 2006: “Criminal careers up to age 50 and life success up to age 48: new findings from the Cambridge Study in Delinquent Development”

Dölling 2008: „Grundstrukturen der Jugenddelinquenz

Laue 2009: „Strukturen der Alterskriminalität“

Schumann 2010: „Jugenddelinquenz im Lebenslauf”

Kunz 2011: „Kriminelles Verhalten und polizeiliche Registrierung. Selbstberichte von Menschen im höheren

Lebensalter“

[...]


[1] Diese Begriffe werden aus dem Originaltext übernommen, damit sich der Wortsinn der einzelnen Elemente nicht verändert.

[2] Da im zugrunde liegenden Datensatz keine Informationen zur Berufstätigkeit erfasst wurden, sind in den Hypothesen nur familiäre Faktoren berücksichtigt.

Details

Seiten
56
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668480384
ISBN (Buch)
9783668480391
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369272
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
abweichendes Verhalten Lebenslauf Social-Control Theorie Age-Graded Theory of Informal Social Control Lebensalter logistische Regressionsmodelle Hypothesen Quantiative Sozialforschung

Autor

Zurück

Titel: Abweichendes Verhalten im Lebenslauf. Eine Untersuchung an roten Ampeln