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Funktionen der Autobiografie am Beispiel von Vicki Baums "Es war alles ganz anders"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 17 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Autobiografie
2.1 Gründe autobiografischen Schreibens
2.2 Strukturen und Prinzipien der Gattung
2.3 Über die Authentizität in Autobiografien

3. Vicki Baums „Es war alles ganz anders“
3.1 Narrativität
3.2 Repräsentationsmuster
3.3 Rekonstruktion der Vergangenheit

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Autobiografie zu schreiben, ist ein wenig so, als schaue man in den Spiegel und versuche dabei sein wahres Gesicht, sein wahres Ich zu finden. Egal, wie viel Mühe man sich gibt, sich selbst so zu sehen, wie man von anderen Menschen wahrgenommen wird, man wird doch immer nur eine Reflektion seines Selbst sehen, die nicht nur spiegelverkehrt ist, sondern zudem auch noch von den Gefühlen verzerrt wird, die man in diesem einen Moment des Betrachtens hegt. Ob man nun weiter weg um eine vollständige, möglichst objektive Vorstellung seines eigenen Aussehens zu bekommen oder ganz nah an das schimmernde Glas herantritt, um die Geschichten hinter den Narben und Falten nachzuzeichnen, man hat doch immer nur ein Bild vor sich, das auf eine Ebene beschränkt und in einen bestimmten Rahmen gefasst ist.

Es gibt viele Kritiker, die gerade das an der Autobiografie bemängeln. Der Psychologe Hartmut Seitz zum Beispiel verweist darauf, dass es sich bei Autobiografien stets nur „um die Schaffung einer Art Illusion der Unmittelbarkeit[1] handelt, bei der der betreffende Autor versucht durch Rhetorik und diverse erzählerische Mittel (Seitz „Lebendige Erinnerungen“ S. 239) einen Eindruck von Authentizität zu vermitteln, obwohl die Erinnerung naturgemäß mit Fehlern durchsetzt ist. Doch der französische Philosoph und Epistemologe Georges Gusdorf eröffnet eine ganz neue Sichtweise auf diese Gattung, indem er erklärt, dass niemand jemals besser wissen kann, was ein Mensch gefühlt, gedacht, erlebt und empfunden hat, als diese eine Person selbst. Seiner Meinung nach, sehen Außenstehende stets nur die äußere Figur eines Menschen, nie aber den wesentlichen Kern, der ihn ausmacht.[2] Eine Autobiografie ist also nicht unbedingt authentisch oder faktisch korrekt, zeichnet sich dafür aber durch eine innere Zeugenschaft aus, die in Sachen Zeit- und Gefühlsnähe ist. Bloß weil ein Bild deutliche Eingriffe und Interpretationen unerreichbar aufweist, muss es darum nicht weniger wahr sein. Ist nicht Frida Kahlos koloristisches, auf klare Formen reduziertes und stark symbolhaftes Gemälde Die zwei Fridas aus dem Jahr 1939 genauso wahr wie das Porträt Frida auf einer weißen Bank in New York, das Nickolas Muray im selben Jahr mit seiner Kamera von ihr aufgenommen hat? Kann nicht ein Gemälde mit Duktus und Farbstruktur womöglich sogar mehr über einen Menschen aussagen als eine Fotografie?

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Funktionen der Autobiografie und versucht, sowohl ihre Stärken als auch ihre Schwächen zu erfassen. Dazu werden im ersten Teil zunächst die Gründe autobiografischen Schreibens sowie die Strukturen, Prinzipien und grundsätzlichen Probleme dieser Gattung herausgearbeitet. Im zweiten Teil wendet sie sich dann der Schriftstellerin Vicki Baum zu, die von sich selbst behauptet hat, dass sie als Kind etliche Minuten vor dem Spiegel verbracht hat, um herauszufinden, wie sie wirklich aussah[3]. Ausgehend von den im ersten Teil erarbeiten Prinzipien der Autobiografie wird sich die vorliegende Hausarbeit also ins Besondere mit den Themen der Narrativität, Repräsentation und Rekonstruktion in Vicki Baums Es war alles ganz anders auseinandersetzen. Ziel dabei ist es, zu zeigen, wie sie dieses Medium dazu benutzt, um die Mythen um ihre eigene Person zu zerbrechen und stattdessen ihre "wahre" Geschichte zu erzählen—soweit dies im Rahmen eines solchen Werkes eben möglich ist.

2. Die Autobiografie

Der französische Literaturwissenschaftler Lejeune definiert die Autobiografie als einen „rückblickende(n) Bericht in Prosa, den eine wirkliche Person über ihr eigenes Dasein erstellt, wenn sie das Hauptgewicht auf ihr individuelles Leben, besonders auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt"[4]. Aber warum nimmt ein Mensch die Arbeit auf sich, einen solchen Bericht zu verfassen? Warum versucht er ein Zeugnis seiner Persönlichkeit zusammenzutragen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Abschnitt der vorliegenden Arbeit.

2.1 Gründe autobiografischen Schreibens

Johann Wolfgang von Goethe, Benjamin Franklin, James Joyce, Mahatma Gandhi und Nelson Mandela—sie alle haben Autobiografien geschrieben, die ihre persönlichen Lebenswege nachzeichnen und Einblicke in ihre Träume, Ängste und Wertvorstellungen zu bieten. Und genauso unterschiedliche wie diese Menschen, genauso unterschiedlich sind auch die Gründe, warum sie sich entschieden haben, ihr privates Leben öffentlich zu machen. Tatsächlich gibt es wohl bei keiner Autobiografie, sei es nun Stefan Zweigs Die Welt von gestern oder Sir Winston Churchills Meine frühen Jahre: Weltabenteuer im Dienst einen einzelnen, entscheidenden Grund, der ihnen als Motiv dient, sondern eine ganze Vielzahl von Veranlassungen, die teils bewusst und teils unbewusst sind.

Trotzdem haben Wissenschaftler wie Georges Gusdorf und William L. Howarth Anstrengungen unternommen, um diese Gründe systematisch zu katalogisieren, in Beziehung zueinander zu setzen und soweit wie möglich zu erschließen.

Howarth vertritt in seiner Arbeit Some Principles of Autobiography aus dem Jahr 1980 die Ansicht, dass es insgesamt drei Untergattungen von Autobiografien gibt, die auf Basis der Beweggründe des Autors unterschieden werden.

1. Die Predigt: Bei dieser Art von Autobiografie, zu der Howarth solch fundamentale Werke wie die Bekenntnisse des Augustinus und Malcolm Xs Autobiografie zählt, wird die persönliche Geschichte einer Person zu einer Allegorie des menschlichen Lebensweges erhoben[5]. Indem der Autor aufzeigt, wie er aus seinen Fehlern und Sünden gelernt hat, versucht er, seine Leser zu erziehen, bestimmte Reaktionen bei ihnen hervorzurufen und ihnen vor allem eine Botschaft mitzugeben, die diese dann für sich nutzen können (Howarth S. 89).
2. Das Drama: Sinn und Zweck dieser Art von Autobiografie sieht Howarth vor allem in der Unterhaltung der Leser. Seiner Meinung nach konzentriert sich der Autor hier nicht auf Lehren, Botschaften oder Glaubenssätze, sondern auf die Darstellung von Ereignissen, mit der er bestimmte Reaktionen wie Beifall, Bewunderung oder Mitgefühl provozieren will. Da es dem Verfasser weniger um eine Moral, denn um eine Darbietung seines Selbst (d.h. seiner Eigenarten, Fähigkeiten und Besonderheiten geht), zeichnet sich diese Untergattung oft auch durch eine eher spontane Erzählfolge aus (Howarth S. 96).
3. Das poetische Werk: Die dritte Art der Autobiografie wird von Howarth als eine Art Deformation oder Verzerrung der ureigentlichen Gattung dargestellt, deren Hauptmerkmal das mangelnde Selbstvertrauen des Verfassers ist. Er erklärt dies folgendermaßen: „the author, not fully understanding himself, turns from his audience, suppresses moral judgments, and refuses to say what he means—or mean what he says. From his concealment, a paradox emerges: he writes solely for himself …” (Howarth S. 109). Das poetische Werk ist seiner Meinung nach also in erster Linie als eine Art Traktat zu verstehen, in dem sich der Verfasser religiösen, politischen, oder sozialen Ambitionen versagt, um stattdessen mit seinen eigenen Gedanken zu ringen.

Demgegenüber entwickelt Gusdorf in seiner Untersuchung über die Konditionen und Beschränkungen der Autobiografie die Auffassung, dass die Gründe für das Verfassen eines solchen Werkes weniger leserorientiert, sondern vielmehr selbstbezogen sind. Diese Selbstbezogenheit resultiert bei Gusdorf jedoch nicht aus einer Verleugnung von Interessen, sondern aus einem ehrlichen Bedürfnis, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er erkennt zwar an, dass ein Autor bestrebt sein kann, Wissen für kommende Generationen zu sichern (Gusdorf S. 29) und auf diese Weise einen letzten Beitrag zum Wohle einer unsicheren, sich ständig verändernden Welt zu leisten, wendet dagegen aber ein, dass die Autobiografie in erster Linie als ein Mittel zur „personal salvation“ (Gusdorf S. 30f.), das heißt zur eigenen, ganz persönlichen Erlösung, gesehen werden sollte. In diesem Sinne argumentiert er, dass das Schreiben einer Autobiografie für den Autoren stets einer Reise in sein Inneres gleichkommt, die weniger mit sachlichen Zielvorstellungen oder fremdgerichteten Interessen zu tun hat, denn mit Selbstfindung und Selbstentdeckung. Auf Seite 39 seines Artikels “Conditions and Limits of Autobiography” schreibt er: „The man who recounts himself is himself searching his self through his history; he is not engaged in an objective and disinterested pursuit but in a work of personal justification.” Und führt im Anschluss weiter aus, dass selbst hinter jeder Beichte, jedem Bekenntnis und jedem Eingeständnis der Öffentlichkeit gegenüber zugleich auch ein Versuch steckt, sich selbst und seine Rolle in der Welt neu zu begreifen (Gusdorf S. 39).

Für diese Position spricht, dass die Mehrzahl der Autobiografien gegen Ende des Lebens eines betreffenden Autors verfasst werden und somit logischerweise auch von dem Gedanken geprägt sind, eine tiefere Bedeutung hinter dem Geschehenen zu entdecken und sich zu vergewissern, dass man nicht umsonst gelebt hat. Andererseits ließe sich jedoch auch einwenden, dass gerade deshalb auch der Wunsch besonders groß ist, der Welt beziehungsweise den kommenden Generationen eine letzte Botschaft oder ein letztes Vermächtnis mitzugeben. Die vorliegende Arbeit vermutet die Antwort daher in der Mitte zwischen diesen beiden Positionen. Ohne eine bestimmte äußere Wirkungsabsicht könnte kein Werk geschaffen werden, doch gerade bei einer Autobiografie ist die Persönlichkeit eines Autors mitsamt all seiner Erfahrungen, Werte, Wünsche, Ängste und gedanklichen Mustern für den Entstehungsprozess ausschlaggebend.

2.2 Strukturen und Prinzipien der Gattung

Nachdem die Gründe autobiografischen Schreibens untersucht worden sind, befasst sich dieses Kapitel mit den Grundsätzen, Wesensarten, aber auch Einschränkungen dieser speziellen Gattung. Wie oben bereits angedeutet wurde, begibt sich ein Autor beim Schreiben einer Autobiografie gewissermaßen auf eine erzählerische Reise, die zunächst von seinem jetzigen Selbst wegführt, um durch die Begegnung mit vergangenen Ichs letztlich ein bestimmtes Ziel zu erreichen—sei es nun ein Bemühen um Selbstfindung im Sinne von Gusdorf oder ein Versuch der direkten Einflussnahme entsprechend von Howarths eher leserorientierten Verfassermotiven. Dadurch, dass aber in diesem Fall Erzähler und Protagonist beziehungsweise Künstler und Modell die gleiche Person sind (Gusdorf S.31), ergeben sich diverse kritische Merkmale, die es beim Umgang mit einem solchen Werk zu beachten gilt.

Von besonderer Bedeutung ist hier das Thema der Rekonstruktion und der affektiven Neubewertung von Geschehnissen im Prozess des Erzählens. Der Diplompsychologe und Doktor der Philosophie Hartmut Seitz hat in seiner Untersuchung über die Vermittlung lebensgeschichtlicher Erfahrung in Autobiografien und zeitzeugenschaftlichen Bekundungen nachgewiesen, dass die Vergegenwärtigung eines Ereignisses oder Geschehensablaufes stets mit einer gewissen Deformation einhergeht. Seiner Meinung nach ist das Gedächtnis eines Menschen „einem kontinuierlichen Prozess zumindest partikulärer Restrukturierung unterworfen“, der dazu führt, seine Erinnerungen an bestimmte vergangene Erlebnisse umgedeutet und umgeschrieben werden (Seitz S. 64). Indem ein Autor die Vergangenheit zur Darstellung bringt, wird diese „zu einem Stück subjektiv gestalteter und dabei aber gleichzeitig auch soziokulturell vorstrukturierter Wirklichkeit synthetisiert und gewöhnlich auch mit emotionalen, moralischen oder psychologischen Valenzen versehen“ (Seitz S. 72). Schon der bloße Akt der Reflexion wirkt sich also insofern verzerrend auf die zu erzählende Lebensgeschichte aus, weil bei der Rekapitulation Faktisches mit Fantasie vermischt wird. Die reine, hervorgerufene Erinnerung fusioniert mit der einfühlenden Hineinversetzung zu einer Nachschöpfung, die weder Vergangenheit noch Gegenwart ist (Seitz S.72). Wer auf ein vergangenes Geschehnis zurückblickt, muss es unweigerlich auch an seinem jetzigen Zustand messen. Und weil das Schreiben einer Autobiografie immer auch Teil des Lebens ist, das sie erzählen will, kann der entstehende Text nicht mehr und nicht weniger als eine Mischung aus (versuchter) Faktentreue, Selbst-Empathie und Einbildungskraft sein.

In Übereinstimmung mit dieser These betont Georges Gusdorf, dass es sich bei der einer Autobiografie nicht um eine Wiederholung der Vergangenheit, sondern bloß um eine Projektion der selbigen handelt, der es an Solidität mangelt und die trotz allen Bemühens um Authentizität und Wirklichkeitsnähe immer fehlerhaft bleiben wird (Gusdorf S. 38). Inwiefern er mit dieser Aussage Recht hat und wie restriktiv sich diese Einschränkung auf die betreffenden Werke auswirkt, darum soll es im nächsten Kapitel gehen.

2.3 Über die Authentizität in Autobiografien

Wenn wir eine Autobiografie als eine Art von Testimonium verstehen, das eine bestimmte Person über ihr eigenes Leben verfasst, so wird deutlich, dass diese Zeugenaussage kein vollständiges Vermächtnis dessen sein kann, was diesen Menschen ausmacht. Wenn zwei denselben beobachteten Sachverhalt schildern sollen, wird dieser Vorgang in der Regel oft sehr unterschiedlich dargestellt, da jeder Mensch in seiner eigenen Realität lebt und keine zwei Personen auf der Welt die gleiche Wahrnehmung haben: die einkommenden Reize werden von jedem Gehirn anders verarbeitet, sortiert, bewertet, miteinander kombiniert und interpretiert[6]. Schon alleine aus diesem Grund darf die Aussage eines Autobiografen also nicht als „die Wahrheit“ angesehen werden. Der Versuch, die Vergangenheit zurückzuverfolgen und wieder lebendig zu machen, kann also stets nur eine subjektive Version dessen hervorbringen, was damals geschehen sein mag.

Hinzu kommt ein wichtiger Punkt, den Hartmut Seitz sehr treffend formuliert: „Bei wachsendem Abstand zu den Geschehnissen wird eine Gebrochenheit in der Perspektive zwischen dem damals erlebenden Protagonisten und dem heutigen Erzähler“ (Seitz S. 250) beobachtbar, die der Autor zwar einigermaßen gering halten kann, indem er versucht, sich wieder in seine einstigen Denkmuster und Deutungsschemata hineinzuversetzen, die aber trotzdem zwangsläufig für Verzerrungen sorgen muss. Egal wie sehr ein Autobiograf danach strebt, neben Fakten und Ereignissen auch die Gefühle, Wahrnehmungen und Denkweisen zu rekonstruieren (Seitz S. 245), die für seine Art, die Welt zu erfahren, spezifisch waren, muss er sich letztendlich doch damit begnügen, ein Hybridwesen aus vergangenem und jetzigem Selbst zu schaffen.

Obwohl durch das Erzählen viele Dinge wieder präsent werden mögen, wie Seitz erklärt (Seitz S. 55), kann damit im besten Fall eine Illusion von Unmittelbarkeit erreicht werden, die jedoch immer mit einem Wirklichkeitsverlust einhergehen muss. Das Schreiben einer Autobiografie ist und bleibt ein „kreative[r] Prozess der Vergegenwärtigung“ (Seitz S.71), bei dem die vergangenen Erlebnisse nicht bloß durch reine Gedächtnisleistung wieder präsent gemacht werden, sondern bei dem unweigerlich auch aktuelle Wertvorstellungen, Absichten und Bewusstseinszustände transferiert werden.

Neben diversen unwillkürlichen Verzerrungen, die aufgrund von Gedächtnisfehlern oder sogar aufgrund von Trauma entstanden sein können, muss man daher auch mit—wiederum bewussten oder unterbewussten—Verfälschungen rechnen, die mit privaten Motiven einhergehen. Wie im Kapitel über die Gründe autobiografischen Schreibens bereits erläutert wurde, geht es den meisten Autobiografen vermutlich nicht eigentlich um die wahrheitsgetreue Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern beispielsweise um persönliche Erleichterung oder um das Überbringen einer bestimmten Botschaft. Was auch immer der Grund sein mag, warum jemand seine Autobiografie schreibt, diese übergeordnete Zielsetzung spiegelt sich nicht nur in der Organisation oder in der Auswahl von beschriebenen Episoden wieder, sondern auch in der Art wie diese Ereignisse dargestellt werden. Entsprechend dieses grundlegenden Motivs „werden dann mehr oder minder »gezielt« Details, Informationen und Wissensbestände, Episoden etc. memoriert und in den Fortgang der Erzählung integriert” (Seitz S. 51). Viele Fehler, Ungereimtheiten und Irrtümer entstehen also weniger aufgrund von Zufällen oder rein physischen Verfehlungen, sondern vielmehr, weil die Korrektheit einem anderen, bedeutenderen Ziel untergeordnet wird (Gusdorf S. 42).

Dies muss jedoch nicht heißen, dass ein Werk damit zwangsweise nicht mehr authentisch ist oder dass man Autobiografien generell nicht trauen darf. Wenn man sich im Vornherein bewusst wird, dass es sich hierbei um Erzählungen handelt, die unter einer ganz bestimmten Perspektive vorgenommen werden und stets nur eine ganz individuelle Version der Geschehnisse schildern, die zudem noch Unzulänglichkeiten des Gedächtnisses unterliegt, kann man im Gegenteil sogar sehr viel über den betreffenden Autor oder die betreffende Autorin und deren Welt- beziehungsweise Selbstlerleben lernen.

[...]


[1] Hartmut Seitz: Lebendige Erinnerungen. Die Konstitution und Vermittlung lebensgeschichtlicher Erfahrung in autobiographischen Erzählungen. Bielefeld 2004. Hier: S. 246

[2] Georges Gusdorf: Conditions and Limits of Autobiography. In: James Olney (Hg.): Autobiography. Essays Theoretical and Critical. Princeton 1980, S. 28-48. Hier: S. 35f.

[3] Baum, Vicki: Es war alles ganz anders. Erinnerungen. Frankfurt 1962. Hier: S. 30

[4] Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt. In: ders.: Wege der Forschung Bd. 565: Die Autobiographie. Zur Form und Geschichte einer Gattung. Hg. v. Günter Niggl. Darmstadt 1989, S. 214-257, hier: S. 215.

[5] William L. Howarth: Some Principles of Autobiography. In: James Olney (Hg. ): Autobiography. Essays Theoretical and Critical. Princeton 1980, S.84-114, hier: S. 94

[6] Anette Lauber und Petra Schmalstieg: Wahrnehmen und Beobachten. 3. Aufl. Stuttgart 2012. Hier: S. 18

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668481190
ISBN (Buch)
9783668481206
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369172
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Autobiografie Vicki Baum

Autor

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Titel: Funktionen der Autobiografie am Beispiel von Vicki Baums "Es war alles ganz anders"