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Siehe da, Italia! Hilfreiches, Heiteres und Interessantes für Italienreisende

Skript 2017 200 Seiten

Ratgeber - Reisen - Reiseführer

Leseprobe

I N H A L T

1. ZUNÄCHST EIN BLICK AUFS GANZE ODER WARUM GERADE ITALIEN?

2. SPRACHEN HABEN IHRE TÜCKEN

3. BUON APPETITO!

4. GELEGENHEIT MACHT DIEBE

5. AUTOREISEN SIND BEQUEM, DOCH DANN UND WANN GIBT’S EIN PROBLEM

6. WIE MAN SICH BETTET, SO SCHLÄFT MAN

7. ZUM KAUFEN FINDET SICH GENUG

8. INSEL AHOI!

9. WAS NOCH ZU SAGEN WÄRE

LITERATURANGABEN

ABBILDUNGEN

1. ZUNÄCHST EIN BLICK AUFS GANZE ODER WARUM GERADE ITALIEN?

Der alljährliche (vor allem) sommerliche Ansturm von Touristen auf italienische Städte, Gefilde und Gestade scheint nach wie vor ungebrochen. Wie die Motten vom Licht werden vor allem die Nordlandbewohner vom Süden angezogen, der nun – nach Wegfall lästiger Grenzkontrollen – frei zugänglich ist.

Und das trotz öfterer das Reisen erschwerender Arbeitsniederlegungen, ausgenommen Streiks der Bediensteten an Autobahnmautstellen, wodurch dann die Benutzung dieser Verkehrswege gratis ist. Andere Widerwärtigkeiten wie die meist örtlich begrenzte Beeinträchtigung des Meerwassers durch Ölverschmutzung und andere Verunreinigungen sowie durch gelegentliches Überhandnehmen von Algen oder Feuerquallen finden sich auch in anderen Urlaubsländern. Und manchmal muss man sogar tausende Kilometer im Flugzeug zurücklegen, um am Ende dann auch keine besseren Umweltbedingungen vorzufinden als in unserem Nachbarland. Auch die Wahrscheinlichkeit von lokal begrenzten Schlammlawinen, Erdstößen und Vulkanausbrüchen ist – gemessen an derartigen Vorkommnissen in weit entfernten Ferienregionen – als eher gering einzuschätzen. Es sei denn, die afrikanische Kontinentalplatte drückt wieder einmal gegen die Apulische Platte im Süden des Landes, was dann vor allem Sizilien zu spüren bekommt. Aber auch nordwärts kann es dadurch zu Erschütterungen kommen, wie dies im August und Oktober 2016 leider der Fall war. Und zu Beginn des Jahres 2017 haben sich gleich einmal zwei Naturgewalten zu einem Werk der Zerstörung verbündet, indem ein Erdbeben auch noch eine Schneelawine ausgelöst hat. Es wäre natürlich auch möglich, dass Ätna, Vesuv und ihre Verwandten auf den äolischen Inseln es sich vielleicht wieder einmal anders überlegen und sich – wie auch schon früher - nicht bloß mit Auspusten von Rauchschwaden und Funken begnügen.

Bleibt noch die weltweit in allen Urlaubsgebieten und wohl auch in den Herkunftsländern der Feriengäste stets latent vorhandene Gefahr, bestohlen zu werden. Und auch das Preisniveau, das nicht gerade niedrig ist.

Was also macht nun dieses Land so anziehend? Worin liegt seine besondere Faszination, dass sogar diverse Unbillen und Widerwärtigkeiten in Kauf genommen werden, um es zu besuchen? Dazu einige Erklärungsversuche.

- Die natürlichen Gegebenheiten sind einmalig und nahezu unvergleichlich

Italien bietet auf einer Fläche von nur knapp 300 000 km² einen in dieser Fülle und auf so engem Raum kaum anderswo zu findenden geografischen Formenreichtum:

gletscherumsäumte fast 5000 m Höhe erreichende Alpengipfel, bizzarre Gebirgsstöcke in den Dolomiten, wildromantisch zerklüftete Bergrücken der apenninischen „Wirbelsäule“ entlang bis zum „großen Stein“, dem „Gran Sasso“, sanftes Hügelland, weite und fruchtbare Ebenen und Hochplateaus, teilweise noch tätige Vulkane wie sonst nirgendwo anders in Europa, Meeresküsten mit steilen Felsklippen, endlosen Sandstränden und malerischen Buchten, zauberhafte Grotten und Tropfsteinhöhlen, faszinierende und variantenreiche Inseln, Gebirgsgewässer, die sich als tosende Wasserfälle, reißende Flüsse und breite Ströme in Seen und Meere ergießen, heiße und andere der Gesundheit förderliche Quellen und schließlich eine der landschaftlichen und klimatischen Vielfalt entsprechende reichhaltige Tierwelt und Vegetation.

Was fehlt, sind Wüsten, Dschungel, Geysire und Atolle. Auch Eisberge gibt es noch keine, es sei denn, es werden dereinst welche als außergewöhnliche Touristenattraktion ins Mittelmeer abgeschleppt, sofern es dann noch welche gibt. Dafür können Sie sich an freilebenden Flamingos erfreuen und vor Eisbären, Löwen, Tigern, Klapperschlangen, Waranen, Krokodilen, Gelbfieber, Malaria sicher sein. Auch von Atomkraftwerken kann keine Gefahr ausgehen, denn Italien besitzt kein einziges.

Nicht von ungefähr nennen die im allgemeinen patriotischen Bewohner Italiens ihre Heimat (und nicht nur eine bestimmte Käsesorte) „bel paese“, was soviel heißt wie „schönes Land“.

Es zeugt von einem gerüttelten Maß an Selbstironie bzw. Selbstkritik, dass die folgende Geschichte unter Einheimischen kursiert:

Nachdem Gott die Erde erschaffen hatte, betrachtete er sein Werk mit Genugtuung. Da fiel ihm auf, er hatte die Apenninenhalbinsel im Vergleich zum Rest der Welt bevorzugt behandelt, zu überreich mit Naturschönheiten ausgestattet. Für ihn war klar: da musste er noch etwas ändern, um dieses Ungleichgewicht zu reduzieren. So kam er auf die Idee, auf diesem stiefelähnlichen Teil seiner Schöpfung die Italienerinnen und Italiener anzusiedeln.

(Da hätten sich wohl auch andere Völker gerne als Besiedlungskandidaten zur Verfügung gestellt).

Gewiss ist man in Italien mit dem natürlichen Erbe nicht immer glimpflich umgegangen. Das reicht zurück in die Antike, wo viele Wälder zum Zwecke des Schiffsbaus abgeholzt und damit viele Kulturflächen der Erosion preisgegeben worden sind. Mittlerweile tragen Umweltschutzorganisationen wie „Legambiente“ (Naturschutz) und „Italia nostra“ (Umwelt- und Kulturgüterschutz) dazu bei, das einschlägige Bewusstsein der Bevölkerung zu wecken und zu stärken. Mit Aufschriften wie zum Beispiel „Non disperdere nell’ambiente“ werden die Konsumenten aufgefordert, ihren Verpackungsmüll nicht einfach irgendwo wegzuwerfen. (Funktioniert noch nicht ganz!)

Und die bisher gängigen Plastiksackerln weichen immer öfter solchen mit der Aufschrift „biodegradabile“, die also biologisch abbaubar sind.

Leider gibt es immer noch etliche großkalibrige Umweltsünder. So zum Beispiel jenen riesigen Stahlkonzern, dessen Betreiber schon seit Jahrzehnten den Golf von Tarent (Taranto) mit giftigen Substanzen „versorgen“ und bislang nicht bereit sind, die behördlichen Auflagen zu erfüllen. Da wird mit Zusperren und Arbeitsplatzverlusten gedroht.

Mit zahlreichen Nationalparks wird versucht, zum Teil sehr ausgedehnte Landschaftsgebiete vor schädigenden Einflüssen zu bewahren und für ihre Erhaltung – wie dies beispielsweise in den Cinque Terre oder auf den äolischen Inseln der Fall ist – Eintrittsgeld zu verlangen. Für den Monte Amiata und sein Umfeld kommen solche Maßnahmen leider schon zu spät. Warum auch musste er sein Haupt so weit über das Umland emporrecken und sich somit für die Errichtung von telekommunikativen Monsteranlagen in Form von riesigen Parabol- und anderen Antennen geradezu anbieten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Monte Amiata

Übrigens erreicht dieser in der Südtoskana gelegene erloschene Vulkan eine Höhe von 1738 Metern, bietet im Winter die Möglichkeit zum Skilauf und mit seinen heißen Quellen genügend Energie, um ein Kraftwerk mit 140 MW zu betreiben.

Sogar der organisierte Vogelschutz macht Fortschritte. Auch wenn die Lobby der Singvogeljäger da und dort nach wie vor ihrer Leidenschaft frönt, hat mit internationaler Hilfe eine Diskriminierung dieser Art von „Leckerbissenbeschaffung“ stattgefunden, sodass sich nur mehr die Hartgesottensten als Vogelfänger betätigen. Und das wahrscheinlich auch nur, solange sich einschlägige Feinschmecker nicht für ihren artenbedrohenden Gaumenkitzel schämen. Letztendlich geht die Vogeljagd auf römische Ursprünge bzw. Essgewohnheiten zurück.

Weniger erfreulich ist auch die fortschreitende Dezimierung von Meeresbewohnern wie dem Thunfisch oder den Schildkröten, wodurch Feuerquallen und Algen überhand nehmen. Die Schuld an der Ausrottung dieser für das ökologische Gleichgewicht wichtigen Tiere liegt aber nicht nur bei den Bewohnern Italiens.

An den Stränden selbst macht sich eine zunehmende Reglementierung auf einen Verhaltenskodex hin bemerkbar, der vom Dachverband der Strandbadunternehmer und Konzessionäre beschlossen wurde. Natürlich werden diese Benimmregeln nicht von allen Küstengemeinden in gleicher Weise umgesetzt oder kontrolliert, manchmal allerdings auch noch verschärft und erweitert.

So haben bereits etliche Küstengemeinden in Anlehnung daran die dementsprechenden Verordnungen erlassen. Es geht unter Anderem darum, das Handy leiser zu stellen, Musik mit Kopfhörern zu konsumieren, Zigarettenstummeln nicht im Sand zurückzulassen und einen fünf Meter breiten Strandstreifen „frei von jeder Aktivität“ zu halten. Ballspielen soll künftig nur in ausgewiesenen Bereichen erlaubt sein. Um, wie es heißt, das Ökosystem nicht zu schädigen, dürfen kein Sand und keine Muscheln als Souvenir mitgenommen werden.

Dazu kommt, dass etliche Gemeinden mit viel besuchten Buchten und langen Sandstränden inzwischen Eintritt verlangen. So zum Beispiel am Golf von Orosei im Nordosten Sardiniens, wo Badegäste für den Besuch von sieben weißen Buchten einen geringen Betrag für ökologische Zwecke berappen müssen. Ebenfalls in Sardinien wird der Zutritt zum Traumstrand Cala Goritzė zeitweise kontingentiert, wobei immer nur 200 Personen zugelassen werden. Und wer als Ortsfremder am Bolsenasee nördlich von Rom baden möchte, muss fünf Euro zahlen.

Das alles klingt fürs Erste äußerst restriktiv, vor allem wenn man bisher andere Gepflogenheiten an Italiens Stränden gewohnt war. Das folgende Beispiel – ein Auszug aus der Badeordnung für öffentliche Anlagen an österreichischen Seen – zeigt, dass auch hierzulande nicht weniger strenge Regeln existieren und das schon seit langem.

Strikte Verbote:

1. Die Mitnahme von Tieren aus sanitärrechtlichen und veterinär-polizeilichen Gründen.
2. Ruhestörung, insbesondere durch Portables udgl.
3. Jegliche Ballspiele (ausgenommen an besonderen dafür vorgesehenen Plätzen, z.B. Beach-Volleyball-Plätze) und anderweitige Belästigung und Gefährdung von Besuchern.

- Kulturelles Erbe und Angebot sind unerschöpflich

Die Hinterlassenschaft von Griechen, von Etruskern, Römern, Byzantinern, Arabern, Goten, Normannen, Langobarden sowie von deutschen, französischen, spanischen und österreichischen Herrscherdynastien ist unermesslich: griechische Tempel - besser erhalten als im Ursprungsland, etruskische Totenstädte, die stets allgegenwärtige beredte Hinterlassenschaft des römischen Imperiums. Ein beträchtlicher Teil dieses antiken Erbes schlummert noch unter der Erde und es kommt gar nicht selten vor, dass zum Beispiel bei der Feldarbeit Überreste jener Kulturen zum Vorschein kommen. Und es geht weiter: frühchristlich-romanisch-byzantinische Basiliken mit leuchtenden Mosaiken, mächtige Klosteranlagen, Kathedralen und wehrhaften Burgen aus dem Mittelalter, Gotik von venezianisch verspielt bis florentinisch streng, prächtige Kirchen, Paläste und Schlösser aus Renaissance, Barock und Rokoko, architektonische Meisterwerke der Neuklassik, Romantik und Moderne, unvergleichliche Kreationen von bildender Kunst, Musik und Literatur durch alle Jahrhunderte, großartige Leistungen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung.

Und dazu die vielen Städte und Orte, die ihr altehrwürdiges Aussehen als Ganzes oder im Kern bewahrt haben und die uns in romantisierender Weise an eine Vergangenheit gemahnen, in welcher der Faktor Zeit noch nicht die Oberhand gewonnen hatte.

Die Anzahl regulärer Aufführungen der Opern-, Theater- und Konzerthäuser sucht ihresgleichen. Dazu kommen traditionelle Festspiele wie zum Beispiel die Florentiner Musikwochen, die volkstümliche Opernsaison in der Arena von Verona („Es ist verboten tragbare Kühlschränke mitzubringen!“) oder die „Stagione Lirica“ (Opernspielzeit) in Mailand.

In zahllosen Galerien gibt die bildende Kunst kräftige Lebenszeichen und selbst die Barbesitzer betätigen sich als Minimäzene und hängen Originalbilder meist von ortsansässigen Malern an die Wände ihrer Lokale. Die Museen locken mit zusätzlichen Sonderausstellungen und so mancher Ort – wie zum Beispiel Corciano nahe Perugia - verwandelt sich im Sommer in eine Kunst- und Künstleroase.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Corciano bei Perugia

Dann werden Keller und Garagen zu Ateliers, wo man den Malern über die Schultern schauen kann.

Aber auch die leichte Muse kommt keineswegs zu kurz. Der „Canzone di successo“ (Erfolgsschlager) profitiert von der melodischen Qualität des Italienischen. Gianna Nanini, Adriano Celentano, Eros Ramazotti, Zucchero, Lucio Dalla sind nur einige der vielen italienischen Stars, deren Produktionen neben anderen in den unzähligen Diskotheken die Jugend auf Touren bringen.

- Die Auswahl an Sport- und Wellnessmöglichkeiten ist reichhaltig

Es gibt kaum mehr ein touristisches Angebot, das nicht auch Gelegenheiten für passionierte Sportaktivisten und Wellnesssuchende miteinschließt. Das sportliche Spektrum umfasst praktisch alle gängigen Arten von Berg-, Winter- und Wassersport, Tennis, Reiten, Golf, Volleyball, Radfahren, Wandern, etc. Wer sich dem Sport lieber zuschauend widmen und den Enthusiasmus italienischer Fans hautnah erleben will, kann sich zum Beispiel an vielen hochklassigen Fußballspielen sowie an Motorsportveranstaltungen oder Rad- rennen schadlos halten.

Vor allem der Fußball steht hoch im Kurs. Auch international behaupten sich italienische Clubs. Man denke zum Beispiel an AC Milan, Inter Mailand, Juventus Turin.

Ein betagter Fußballfan hat mir erzählt, dass er und sein Bruder als Jugendliche oft mit dem Fahrrad die 25 km zu einem Cousin gefahren sind, um dort Fußball zu spielen, weil dieser Verwandte einen der damals noch raren Lederfußbälle besaß. Wäre es ihm nicht schon zu beschwerlich, würde er wie früher seine Lieblingsmannschaft Juventus zu allen Auswärtsspielen begleiten.

Nicht empfehlenswert ist es allerdings – und dies gilt natürlich auch für andere Fußballnationen – Züge zu benützen, in denen Fußballfans zu Matches anreisen oder sich von einem Spiel (womöglich wegen der Niederlage ihres Vereines auch noch frustriert) auf der Heimreise befinden.

Auf dem Wellnessbereich erwarten den Besucher an die 150 Thermalanlagen bzw. Kuranstalten sowie unzählige hoteleigene Gesundheitseinrichtungen. Schon die Römer waren in Bezug auf Badekultur der restlichen Welt weit voraus und haben die einschlägigen Einrichtungen auch in den Provinzen des Reiches verbreitet. So geht zum Beispiel das englische Heilbad Bath auf römische Ursprünge zurück. Und die modern gewordene Bezeichnung „Spa“ für Wellnesseinrichtungen mit Bade- und Saunalandschaft leitet sich vom lateinischen „sanus per aquam“ (=“gesund durch Wasser") ab.

Zu den bekannteren Thermalresorts zählen etwa die in der Nähe von Padua gelegenen Orte Abano, Montegrotto und Battaglia Terme. Reichlich mit heilkräftigen Wässern ist auch die Insel Ischia gesegnet.

Da und dort finden sich noch frei zugängliche heilkräftige Quellen wie eben zum Beispiel auf Ischia oder in der Südtoskana (Saturnia). Mit der Hygiene darf man es an solchen Gratiskurstellen nicht allzu genau nehmen. So konnte ich mich einmal gerade noch in Sicherheit bringen, bevor auf der Insel Ischia ein einheimischer Hundebesitzer seinen verwahrlosten Köter in einem dieser natürlichen Thermalbecken zu baden begann.

Und wenn wir schon beim Baden sind. Hätten Sie gedacht, dass die ersten „Bikinis“ schon etwa 400 Jahre n.Chr. zumindest als Sportbekleidung in Gebrauch waren.

So zeigt ein berühmtes Mosaik in einer ehemaligen römischen Villenanlage zehn Mädchen, von denen sich sieben sportlich betätigen. Sie spielen mit dem Ball, werfen Diskus, laufen und üben mit Hanteln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb.: in Anlehnung an S.Curca, S.44)

Mosaiken in der Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina (Sizilien)

Und – man höre und staune – alle bis auf eine Dame, die mit wehendem Gewand eine Krone sowie einen (Sieges-) Palmzweig in Händen haltend herbeieilt, sind mit knappen Dreieckshosen und einem schmalen, um die Brust geschlungenen Tuch – eigentlich die damals übliche Damenunterwäsche - bekleidet.

Kein Zweifel, hier haben wir den Ur-Bikini vor uns und es ist zu sehen, wie sehr sich der Begriff „modern“ relativiert. Und was das Schönheitsideal betrifft, können diese sportlichen Damen durchaus mit heutigen Maßstäben mithalten, oder?

Über ganz Italien verstreut finden sich an die 40 größere Vergnügungsstätten wie Freizeit-, Erlebnis-, Wasser-, Tier- und Wildparks.

- Die Bewohner Italiens leben anders als ihre nördlichen Nachbarn

Auch wenn die italienische Seele den Einflüssen zahlreicher Stämme und Völkerschaften ausgesetzt war, die im Verlauf der Geschichte der Apenninenhalbinsel ihre Aufwartung gemacht haben, blieb doch ein Kern von Wesensmerkmalen, der zumindest derzeit noch überwiegt.

Mag sein, dass sich darin vieles von dem verkörpert, was Italienreisende in ihrer Heimat vermissen. Es gibt zwar jene Spezies von TouristInnen, die sich wohl für das Land begeistern, dessen Bewohner aber weitgehend ablehnen. Vermutlich merken sie gar nicht, dass sie unbewusst mit all dem liebäugeln, was sie an diesen bekritteln. So lässt vielleicht der immer noch starke Hang zu größerer Unbekümmertheit, Lässigkeit, leichter Oberflächlichkeit und „Schlamperei“ manchen Ordnungsfanatiker aus dem Norden wohlig erschauern, ohne sich dies eingestehen oder bei sich selbst zulassen zu können. Siegmund Freud hat ein derartiges Verhalten Reaktionsbildung genannt. Möglicher Weise werden die „Stiefelbewohner“ insgeheim sogar beneidet um ihre spürbare Lebensfreude, um ihr natürliches Empfinden, um ihre ursprüngliche Naivität, die dem Gefühlsbereich größeren Raum einräumt als der gedanklichen Vivisektion, und auch um ihren möglicher Weise angeborenen Schönheitssinn.

Vielleicht war seinerzeit auch der Kinderreichtum italienischer Familien ein Anlass, latente eigene (unerfüllte) Kinderwünsche zu verdrängen und sich mit der abwertenden Bezeichnung „Katzelmacher“ sozusagen schadlos zu halten. Dieser Begriff geht allerdings auf eine Fehlinterpretation der Tatsache zurück, dass italienische Handwerker ihre Erzeugnisse – in diesem Fall „Gatzeln“, das waren hölzerne Schöpflöffel, – auch ihren nordischen Nachbarn zum Kauf anboten. Somit wurden aus „Gatzelmachern“ „Katzelmacher“.

Als es in Italien noch reichlich Kinder gab, herrschte „Mama“ unsichtbar und unangefochten in den eigenen vier Wänden über Mann und Söhne und lebte den Töchtern ihre künftige Rolle vor.

Bewundernswert ist immer wieder die Fähigkeit dieser italienischen Menschen, aus jeder Situation das beste zu machen, erfinderisch zu improvisieren, auf diese Weise den Augenblick unbeschwert zu genießen oder sich geistesgegenwärtig aus einer misslichen Lage zu befreien. Man könnte dafür wohl kein besseres Beispiel finden als die folgende - von Gianni Rodari erfundene – Geschichte.

Darin wird geschildert, wie Invasoren aus dem Weltall vor dem schiefen Turm von Pisa landen, diesen verkleinern und mitnehmen wollen, weil er auf deren Planeten als Hauptpreis einer Lotterie vorgesehen ist. Die Außerirdischen haben allerdings nicht mit der besonderen Raffiniertheit und der Reaktionsschnelligkeit eines der dort tätigen Andenkenverkäufer gerechnet. Diesem gelingt es, den minimierten Originalturm gegen eines seiner gleichgroßen Turmmodelle, wie er sie tagtäglich als Souvenier anbietet, auszutauschen, ohne dass es die Weltraumgäste bemerken. Schließlich erfüllen ihm diese auch noch den Wunsch, den Originalturm, den sie ja für eine Atrappe halten, wieder auf die einstige Dimension zu vergrößern.

Im folgenden Witz kommt diese italienische Situationsschläue ebenfalls zum Ausdruck:

Ein Deutscher und ein Italiener marschieren durch die Wüste. Da kommt plötzlich ein Löwe angerannt.

Der Italiener zieht schnell seine Turnschuhe an.

Sagt der Deutsche: „Auch mit Turnschuhen bist du nicht schneller als der Löwe“.

Antwortet der Italiener: „Ist auch nicht nötig, ich muss nur schneller sein als du“.

Diese gewisse, fast möchte man sagen angeborene Gerissenheit, lässt sich auch in der Geschichte Italiens immer wieder nachweisen. So haben seinerzeit die Venezianer die Gebeine des heiligen Markus aus Alexandria entführt, indem sie diese in einem Korb unter Kohlköpfen und Schweinefleisch versteckten, wodurch dann diese Schmuggelware für die moslemischen Zöllner unantastbar geworden war.

Die Geschichte Venedigs enthält noch ein weiteres Beispiel dieser Art:

Der erfolgreiche und finanzkräftige Condottiere (Söldnerführer) adeliger Abstammung, Bartolomeo Colleoni, um 1400 bei Bergamo geboren, stand seit 1448 in Diensten der mächtigen Republik Venedig. Als Abgeltung für seine reichen Stiftungen verlangte er von den Venezianern, ihm zu Ehren ein erzenes Reiterstandbild vor San Marco zu errichten. Zweifellos war damit der Markusdom gemeint. Einem Söldnerführer in diesem Bereich ein Denkmal zu errichten, wurde aber als Verstoß gegen die Würde des Platzes betrachtet. Man zog sich wieder einmal diplomatisch aus der Affäre, indem das Denkmal zwar nicht vor den Dom, sondern vor die gleichnamige Scuola Grande di San Marco, dem Gebäude der Bruderschaft des heiligen Markus plaziert wurde.

Und da wären noch eine ganze Menge von weiteren - eher beneidenswerten – italienischen Eigenschaften:

Der mitreissende temperamentvolle und verführerische Charme, bei dem sich nicht nur – wie fälschlich angenommen – alles um „amore“ dreht.

Die sprichwörtliche Gastfreundschaft, die fast überall anzutreffende Kinderfreundlichkeit, der respektvolle Umgang mit Behinderten, die Fähigkeit zu ungezwungener und offener Begegnung, die Lust am Gespräch und die „Ungeniertheit“, sich genug Zeit dafür zu gönnen.

Die pulsierende Geschäftigkeit, welche das Klischee vom „dolce far niente“, dem „süßen Nichtstun“, Lügen straft und dieses Vorurteil auf diejenigen Urlauber zurückwirft, die „con la pancia all’aria“, also auf der faulen Haut am Strand liegen.

Die nach wie vor stärkere Bindung an die eigene Familie, welche für viele italienische Jugendliche (vor allem männlichen Geschlechts) immer noch einen Hort der Geborgenheit darstellt, Dies äußert sich vorallem auch darin, dass das „Hotel Mama“ länger in Anspruch genommen wird als dies in anderen Ländern der Fall ist. Diese Situation bildet auch die Basis für den folgenden Witz:

Drei Gründe dafür, dass Jesus Italiener

war:

1. Nur ein Italiener wohnt bis 30 bei seiner Mutter.
2. Nur ein Italiener kann seine Mutter für eine Jungfrau halten.
3. Nur eine italienische Mutter meint, dass ihr Sohn Gott sei.

Allerdings sind auch in Italien die Zeiten vorbei, als „Mama“ ihre oben beschriebene dominante Stellung in der Familie innehatte.

Ein natürliches Gespür für Bedrohung und Gefahr von Leben und Gesundheit, das unter Anderem dadurch zum Ausdruck kommt, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes bisher gegen die Errichtung von Kernkraftwerken erfolgreich zur Wehr gesetzt haben und diese ablehnende Haltung sogar auf Ortstafeln mit dem Hinweis „Comune denuclearizzato“ besonders deutlich gemacht wird. Es zeigt sich auch im generellen Rauchverbot, das vor nicht allzu langer Zeit für ganz Italien verordnet wurde, wie auch in der Tatsache, dass das Land über die größte Anzahl an biologisch wirtschaftenden Betrieben von ganz Europa verfügt. Mitte 2012 eingebrachte Gesetzesvorlagen zielen darauf ab, vor allem Jugendliche zu einer gesünderen Lebensführung zu bewegen. So sollen künftig Softdrinks und zuckerhaltige alkoholische Getränke mit einer Gesundheitssteuer belastet werden. Der Verkauf von Zigaretten und anderen Tabakwaren an Jugendliche wird unter hohe Strafen gestellt.

Warum viele ItalienerInnen mit einem Regierungschef sympathisierten, der nicht nur im Verdacht steht in diverse bei Gericht anhängige Machenschaften verstrickt zu sein, sondern auch schon rechtskräftig verurteilt wurde, dürfte damit zusammenhängen, dass man gegenüber dem Staat ein eher zwiespältiges Verhältnis hat und durchaus bereit ist, auch illegale Aktivitäten zu setzen, zumal wenn solches Verhalten von prominenten Mitbürgern vorgelebt wird. Man betrachtet es sozusagen als Kavaliersdelikt, dem Staat eins „auszuwischen“.

Bezeichnend dafür ist, dass Mario Monti, der angetreten war, um Italien aus dem Schuldensumpf zu ziehen, an die Medien appelliert hat, Steuerhinterzieher nicht länger durch die Bezeichnung „furbacchione“ (Schlaumeier) gesellschaftsfähig zu machen. Der altrömische Philosoph, Politiker und erfolgreiche Ankläger in Korruptionsprozessen, Marcus Tullius Cicero, würde wohl im heutigen Italien nicht über Arbeitsmangel klagen können. Seinesgleichen hätten letztlich alle Staaten Europas - ja der ganzen Welt - dringend nötig.

Im politischen Zusammenhang ist vielleicht auch noch interessant, dass heute noch ein Machtsymbol aus der römischen Antike in etlichen neuzeitlichen Staaten bzw. politischen Bewegungen Verwendung findet, nämlich das sogenannte „fascis“ (Mehrzahl: „fasces“).Dabei handelt es sich um die lateinische Bezeichnung für ein Rutenbündel, in dem ein Beil steckt (siehe Abbildung!).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rutenbündel

Fasces waren die Amtssymbole der obersten Machthaber des römischen Reiches und wurden diesen von sogenannten Liktoren vorangetragen.

In neuerer Zeit wird dieses Symbol in Staaten verwendet, die sich auf Rom bzw. die römische Republik berufen wie etwa die U.S.A. oder das republikanische Frankreich. Was Italien betrifft, so steckt das Wort „fasci“ in den von Mussolini gegründeten „fasci di combattimento“ („Kampfbünde“) und letztlich auch im Begriff „fascismo“ („Faschismus“).

Da wurde diese Bezeichnung leider nicht im republikanischen Sinn, sondern im Dienste eines totalitären Regimes eingesetzt.

Mit der gelegentlichen Heißblütigkeit der Einheimischen muss man sich allerdings abfinden. Sie schafft auch untereinander so manche lautstark ausgetragenen Streitereien. Kalt läuft es einem jedoch über den Rücken, wenn man die dunkle Seite der italienischen Seele in Betracht zieht: ehemals die Vendetta (Blutrache sizilianischer Provenienz) und noch aktuell: die Mafia. Letztere macht sich heute weniger durch spektakuläre Morde bemerkbar als durch ein gigantisches Netzwerk von Wirtschaftskriminalität.

Dass ItalienerInnen bei ihren Gesprächen einen erhöhten Lautstärkepegel gewohnt sind, nimmt der folgende Witz aufs Korn:

Eine italienische Reisegruppe besichtigt die berühmten Niagarafälle. Der Fremdenführer macht sie aufmerksam: „Meine Damen und Herren, wenn Sie für einen Moment Ihre Unterhaltung einstellen würden, könnten Sie das gewaltige Tosen und Brausen des Wasserfalls hören.“

Schließlich wäre noch die manchmal übertriebene Neigung der Einheimischen zum Aberglauben anzumerken. Dieser steht meist im Einklang mit der Verehrung volkstümlicher Heiliger und ist durchaus imstande, als Seelentröster bzw. Nothelfer zu fungieren, falls die angestammte religiöse Orientierung bzw. die zahlreichen offiziellen Wallfahrts- und Pilgerstätten ihre Dienste versagen sollten.

- Das besondere Flair des Südens weckt die Lebensgeister

Immer schon hat das Spiel kräftiger Farben vor azurblauem Himmel, das wärmende Licht, das die Lebensgeister weckt, Depressionen verscheucht, Bäume und Liebe schneller zum Blühen bringt, Früchte früher reifen lässt und Künstler inspiriert, auch die Menschen aus dem kühleren Norden in seinen Bann gezogen. Und zwar derart, dass sie sogar die für sie ungewohnte und daher oft unerträgliche Hitze nicht nur mit an Masochismus grenzender Tapferkeit ertragen, sondern sich oft auch noch von der Sonne regelrecht grillen lassen und so zur Vermehrung der „Rothäute“ und letztlich auch der Hautkrebskandidaten beitragen.

Apropos südliche Zonen und Stimmungsverbesserung. Es heißt, dass die ehemaligen belgischen Kolonialbeamten ihren in ihrem Heimatland gediehenen Trübsinn im Kongo – also unter äquatorialen Lichtverhälnissen - los wurden.

Kaum jemand, der nicht berührt würde vom unnachahmlichen gewissen Etwas italienischer Städte mit ihren verträumten Gassen und imposanten Plätzen,die als Kommunikationszentren par excellence fungieren, mit ihrer Welt romantischer Lokale, kunterbunter Märkte, schicker Boutiquen und eleganter Läden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verträumte Gasse in Gubbio

Dazu kommt die besondere Esskultur mit ihren Köstlichkeiten aus der regionalen Küche, begleitet von Weinen auch für verwöhnte Gaumen sowie das spontane, hingebungsvolle Sicheinbringen bei Festen und Feiern, sodass diese zu besonderen und unvergesslichen Ereignissen werden, die niemanden unbeteiligt lassen und auch den Gast miteinbeziehen.

Dass gerade ein Süßwarenerzeuger, nämlich Michele Ferrero, als reichster Italiener zu Buche steht, läßt das „dolce vita“ auch Gewinn bringend in Erscheinung treten. In diesem Fall allerdings nicht nur in Italien.

- Die wirtschtschaftliche Kluft ist noch nicht ganz überwunden

Ein gewisser Makel, welcher der italienischen Nation heute zwar vermindert aber doch noch immer anhaftet, liegt im wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälle. Der Süden war weitaus länger als die nördlichen Gebiete unter fremder Herrschaft, was seiner ökonomischen Entwicklung nicht gerade förderlich war. Außerdem schritt im Norden die Industrialisierung zügig voran und damit steigerte sich auch die wirtschaftliche Potenz gegenüber dem „Mezzogiorno“. Mit dem Begriff „Mezzogiorno“ (= italienisch: Mittag bzw. wörtlich: „halber Tag“) werden (nach dem Sonnenstand) die südlichen Regionen Italiens bezeichnet, und zwar Abruzzen, Molise, Kampanien, Basilikata, Apulien, Kalabrien, Sizilien und Sardinien. Seit Anfang der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wird der unterentwickelte Süden durch besondere Maßnahmen wirtschaftlich unterstützt. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen dem „reichen Norden“ und dem „armen Süden“ hatte auch zur Folge, dass sich von Seiten der Bewohner Nord- und Mittelitaliens gewisse Ressentiments gegenüber den südlichen Bevölkerungsanteilen Italiens aufgebaut haben.

2. SPRACHEN HABEN IHRE TÜCKEN

Schon 1928 spöttelte Kurt Tucholsky über die sprachlichen Eskapaden, die er in einem vom Italienischen ins Deutsche übersetzten „Taschen- Notizkalender" aus Locarno entdeckt hatte. Dem Übersetzungskünstler war es nämlich gelungen, den italienischen Urtext in ein Deutsch zu verwandeln, das - man muss Tucholsky diesbezüglich wohl uneingeschränkt zustimmen - streckenweise „wie frisch aus dem Lexikon" wirkt. Die einzelnen Wörter gibt es tatsächlich, aber es gelingt ihnen nicht, sich zu einer Sprache zusammenzufinden.Und unter dem, was von diesem „Privatdeutsch“ noch einigermaßen verständlich anmutet, ist vieles in grotesk-kreativer Weise derartig verdreht, dass man sich genüsslich zurücklehnen und zum Beispiel auch noch über tiefgründige Lebensweisheiten schmunzeln kann: „Der Mensch spinnt an, der Zufall webt“ oder „Liebe ist nicht ohne bitter". Und doch: welch psycho-hygienisch ungemein entspannende Wirkung kann ein solch einfacher Taschenkalender erzielen, in welchem dank seiner „eigenwilligen“ Übersetzung die nüchternen Datumsangaben ganz unabsichtlich mit humorvollen Belehrungen und Sprüchen verbrämt sind.

Nun möchte man meinen, Tucholsky wäre da für seine ironische Analyse ein seltenes Exemplar, eine Rarität aus der Fülle ansonsten gut gelungener Übersetzungsprodukte in die Hände gefallen. Weit gefehlt! Mehr als 70 Jahre danach tummeln sich in vielen für den Alltagsgebrauch gedachten Werbetexten, Reiseführern,Gebrauchsanweisungen, Rezepten, Speisekarten, amtlichen Formularen, etc. etc. die erstaunlichsten sprachakrobatischen Schöpfungen. Sie sind dem sicherlich ehrlichen aber leider weitgehend vergeblichen Bemühen entsprungen, abgerundetes Italienisch in eckigere deutsche Formen zu gießen. Es ist eben nicht ganz so einfach aus walzenförmiger Salami viereckige Kantwurst zu machen!

Folgen Sie mir zunächst in eine TV-Kochserie, in der versucht wird, italienische Schmankerl nicht nur dem englisch- oder französisch-, sondern auch dem deutschsprachigen Seher nahezubringen. Dies kann auch einigermaßen gelingen, sofern der Betrachter an Hand der bildlichen Präsentation die einzelnen Zutaten erkennt und nicht nur auf deren nachfolgende Übersetzung angewiesen ist. So entpuppen sich „Blätter von klebstoff von Fisch" letztlich als Blattgelatine.

Die „Schüssel aus Mehl" ist nicht wörtlich zu nehmen, denn wer weiß schon nicht, dass Schüsseln aus festem, widerstandsfähigerem Material bestehen. Ähnlich liegen die Dinge bei „Zimit in Staublöffel“, denn aus Staub wurden bisher noch keine Löffel hergestellt. Vermutlich ist hier die Reihenfolge durcheinander geraten und der staubige Anteil gehört zum „Zimit“, der sich dadurch in Zimtpulver verwandeln würde. Es bleibt allerdings offen, ob dann ein normaler oder ein Teelöffel als Maß dienen soll.

Schwieriger nachvollziehbar wird es, wenn „Sellerie - 2 kuesten" verkocht werden sollen. Hier ist der Übersetzer wahrscheinlich über das italienische Wort „sedano da coste“ (Stangensellerie), genauer gesagt über den Doppelsinn von „coste“, gestolpert. „Coste“ bedeutet nämlich einerseits „Rippen“ beziehungsweise in diesem Zusammenhang „Stangen“ und andrerseits „Küsten“.

Im Fall von „150 g Parmesanhobel“ ist unschwer zu erkennen, dass Produkt und Erzeugungsgerät (Parmesanreibe) miteinander verwechselt wurden.

Nicht gerade einfach dürfte es sein, „splitter von schmelzende Schokolade" zu gewinnen - hier gibt es ein Problem mit dem logischen Produktionsablauf – also erst „splittern“ dann schmelzen. Leichter verständlich sind dagegen Angaben wie „hackt schnittlauch gras", oder „kokosnuß rebt“ (für Kokosett), wobei natürlich die Nuss nicht selber reibt, sondern gerieben wird).

An Hand der Kochvorführung kommt man schließlich auch dahinter, dass es sich bei den "Fischfängerscheiben" keineswegs um ein aus zerkleinerten Anglern erzeugtes kannibalisches Produkt handelt und der „goldfisch zur Tüte" nichts anderes als eine Goldbrasse im Teigmantel ist. Das häusliche Aquarium oder Biotop braucht daher nicht geplündert zu werden, sollten Sie die Absicht haben, dieses Rezept nachzukochen.

Besonders interessant sind auch Verschachtelungen deutscher mit englischen Bezeichnungen wie beispielsweise "Kleinefish", also Kleinfische, womit im diesbezüglichen Fall Sardinen gemeint sind. Immerhin besser, sich derart zu behelfen als jener Gastronom, der bei seinem Angebot von „gegrillten Sardinnen“ durch ein zusätzliches „n“ die oben genannten und zumeist in Dosen vermarkteten Meeresbewohner vermutlich ungewollt als Bewohnerinnen Sardiniens (sprich: Sárdinnen) deklariert. Gott sei Dank handelt es sich dabei lediglich um ein zu belächelndes Werk des Fehlerteufels und nicht um ein Wiederaufflackern einstiger Hexenverbrennungen.

Italienreisenden bieten Speisekarten oder aktuell erstellte Ankündigungen besonderer Tagesgerichte ein wahres Eldorado an Kuriositäten und Unverständlichkeiten. Während man sich bei Angaben wie „alles frischpflanze lokal mit kartoffel der tag" oder „Scheibegrobfleisch mit Kase, Zitrone, Pfeffer und Öliö“ noch einiges zusammenreimen kann, steht man bei "Franciert kalman" vor einem unlösbaren Rätsel. Auch die „Verlogenen Eier" verheißen nichts Gutes. Und es braucht einiges an Fantasie, um dahinter zu kommen, dass mit „Kalte Platte auf Lampe" etwas Flambiertes angeboten wird. Mit „Schweine Fischen" wird keineswegs eine neue Variante des Angelsports oder der Wildschweinjagd, sondern ein Schweinsfilet angepriesen und die „Schnitzelschweine" braucht man nur umzudrehen, um zu wissen, was es bedeutet. Obwohl es natürlich durchaus denkbar wäre, dass damit auch eine besonders auf Schnitzelfleisch gentechnisch hingetrimmte Art von Nutzschweinen gemeint sein könnte.

Wäre „Orade barsch einsalzen“ nicht unter den Fischspeisen angeführt, käme man kaum dahinter, was gemeint ist. Es erstaunt allerdings mit welcher Unbekümmertheit die italienische „orata“ in eine im Deutschen nicht existierende „Orade“ (richtig wäre „Dorade“) verwandelt wird. Und dann soll diese Goldbrasse auch noch auf grobe, das heißt barsche Weise mit Salz eingerieben werden. Womit hat sie das verdient? Oder hat man diesen hochwertigen und sehr geschätzten Speisefisch irrtümlich der minderwertigeren Familie der Barsche zugeordnet?

Ob sich hinter „Spaghetti mit Rührei und Bäuchlein“ die dezente Warnung versteckt, dass diese Teigwarenvariante den Leibesumfang an der dafür anfälligsten Stelle erweitert, bleibe dahingestellt. Sollte sie Verdauungsbeschwerden hervorrufen, empfiehlt sich ein Zitronenlikör (Limoncello) aus Amalfi, dessen Flaschenetikett den Anschein erweckt, als hätte sich der Textverfasser oder Setzer schon vorher zuviel von dieser Köstlichkeit einverleibt: „Ausgesprochen whischmeckend, verdauend ein Genuss auch eingekuhlt als Nachtisch. Grad serviter werden.“

In einem Lokal in Cividale braucht man gute und gegen Kälte unempfindliche Zähne, denn „etwas Nahrungsmittel sind Frost“.

In Sorrent – etwa 40 Kilometer nördlich von Amalfi - preist ein Vier-Sterne-Hotel mit dem verheißungsvollen Namen „Gran Paradiso“ im Internet seine Leistungen auch auf Deutsch an. Allerdings dürfte das, was das zugehörige Restaurant an leiblichen Genüssen zu bieten hat, weiblichen Gästen nicht allzu bekömmlich sein. Da heißt es nämlich: „Ich vergewaltige hervorragend“.

Und in einem Großmarkt nahe Udine gab es einmal ein besonderes Gustostückerl, nämlich „Metzgerhinterschinken“. Brrrr!

In einem Fischrestaurant nahe Caorle war auf der Speisekarte eine Muschelart angepriesen, die ganz korrekt ins Deutsche mit „Scheidenmuscheln“ übersetzt worden war. Ich riet allerdings dem Wirt, den Zweitnamen dieses Meeresgetiers, nämlich „Messermuschel“ zu verwenden, um zu vermeiden, dass mit diesem Begriff andere als kulinarisch angenehme Assoziationen erweckt würden. Die Bezeichnung „Scheidenmuschel“ leitet sich übrigens von der länglichen Form der beiden Muschelschalen her, welche den Muschelinhalt so umschließen wie dies bei einer Messerscheide der Fall ist.

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Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668464940
ISBN (Buch)
9783668464957
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369107
Note
Schlagworte
siehe italia hilfreiches heiteres interessantes italienreisende

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Titel: Siehe da, Italia! Hilfreiches, Heiteres und Interessantes für Italienreisende