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Beatmusik. Beispiel für eine Konsumkultur in der ersten Hälfte der 1960er?

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

2. Konsumkultur
2.1. Definition
2.2. Ausgangspunkt für Veränderungen – Die Konsumkultur in Westdeutschland vor 1960

3. Beatmusik
3.1. Anfänge der Beatmusik in Großbritannien
3.2. Beatmusik in Deutschland

4. Beatmusik und Konsumkultur

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Mit Beatmusik assoziieren viele sofort die Beatles, die Rolling Stones, Gitarrensound, Rebellion und lange Haare. Worte wie Konsumkultur oder Konsumgesellschaft kommen den meisten dabei nicht in den Sinn. Dennoch spielte der Konsum auch während der Beat-Ära eine Rolle. In dieser Arbeit möchte ich zeigen, wie Beatmusik und Konsumkultur in den 60er Jahren der Bundesrepublik Deutschland zusammenhängen und somit auch die Frage beantworten, wie es die Beatmusik schaffte eine neue Konsumkultur in Deutschland entstehen zu lassen.

Hierzu werde ich mich im ersten Teil meiner Arbeit mit der Konsumkultur beschäftigen, den Begriff definieren und kurz beschreiben, wie die Konsumkultur vor dem Aufkommen der Beatmusik in Deutschland aussieht. Im zweiten Teil beschreibe ich die Entstehung und Entwicklung der Beatmusik in Großbritannien und Deutschland. Dabei werde ich mich mehr mit Deutschland befassen, da meine Ausgangsfrage sich auch mit der deutschen Konsumkultur beschäftigt. Im Anschluss werde ich versuchen anhand von Beispielen eine Verbindung zwischen Beatmusik und Konsumkultur zu verdeutlichen. In einem abschließenden Fazit werde ich dann zusammenfassend zeigen, wie aus Beatmusik eine Konsumkultur entstehen konnte.

Bei all meinen Ausführungen werde ich mich ausschließlich auf Westdeutschland beziehen, da eine Untersuchung der Konsumkultur beider Teile Deutschlands zu umfangreich für eine Hausarbeit wäre.

2. Konsumkultur

2.1. Definition

Konsumhistoriker sind sich einig, dass die Menschen nicht als Konsumenten geboren wurden. Es war „zunächst einmal notwendig, die Menschen vom ‚Habenwollen‘ zu überzeugen“[1]. Erst seitdem es ein leichtes ist, sich die überlebensnotwendigen Dinge zu beschaffen, hat die Menschheit angefangen Interesse an Dingen zu zeigen, die sie nicht zwingend zum Überleben benötigt.[2] Die Menschen haben also Wünsche entwickelt und nur eine Gesellschaft, in der das möglich ist, kann auch eine Konsumkultur etablieren. Eine weitere wichtige Voraussetzung für eine Konsumkultur ist, Waren über ihren Wert hinweg emotional und symbolisch aufzuladen. Das bedeutet sie werden zu Dingen entwickelt, die ihre Besitzer in seiner Einstellung unterstützen, dessen Persönlichkeit wiederspiegeln und nicht selten auch abgrenzen. Sabine H. Hoffmann schreibt treffend:

„Any culture that is based on the consumption of things, in which people use materials to identify themselves and to communicate, socialize, and relate to others, is called a ‚consumer culture‘.”[3]

Wenn in der Konsumkultur von „Dingen“ die Rede ist, ist natürlich alles gemeint, was konsumiert werden kann. Dazu gehören Sachgüter genauso wie Dienstleistungen und Kultur.

2.2. Ausgangspunkt für Veränderungen – Die Konsumkultur in Westdeutschland vor 1960

Die 50er Jahre sind ein Jahrzehnt des Sparens. Während die Gesamtausgaben zwischen 1950 und 1960 sinken, steigen gleichzeitig die ausgabefähigen Einkommen von Jahr zu Jahr. Gegen Ende der 50er Jahre überwiegt also erstmals das Einkommen vieler Bürger die kosten für Wohnung und Lebensmittel. Da das eine neue Situation für viele Bürger ist, steigt letztendlich auch die Sparquote. Das Sparen hat aber nicht viel mit Konsumverzicht zu tun, sondern mit dem Wunsch sich auch langlebige Konsumgüter leisten zu können. Ganz oben auf der Wunschliste vieler Bürger standen z.B. ein Eigenheim und ein eigenes Auto.[4]

Der Konsum in der Freizeit spielt in dieser Zeit eine eher untergeordnete Rolle. Die Westdeutschen setzen auf Häuslichkeit und verbringen ihre Zeit am liebsten innerhalb der Familie. Kulturkonsum drückt sich höchstens durch die Anschaffung eines Radios, einen Kinobesuch oder später auch durch den Kauf eines Fernsehers aus.[5] Es ist eher die Jugend, die mit Aufkommen des Rock’n’Rolls und Stars wie Elvis Presley und Bill Haley beginnt sich durch den Konsum von Kleidung und Musik zu identifizieren und abzugrenzen.[6]

Was sich während der 50er Jahre entwickelt, ist also auf der einen Seite die Generation der Älteren, die zwar konsumiert, sich aber über Konsum und dabei schon gar nicht über Kulturkonsum identifiziert. Auf der anderen Seite ist die Jugend, die sich durch den Konsum von Rock’n’Roll sehr wohl identifiziert und sich einen kulturellen Markt schaffen will. Diese Situation ist zwar eine gute Ausgangslage für eine neue Konsumkultur, jedoch wurde die amerikanische Musik, die dafür ausschlaggebend war, schnell unterdrückt.[7] Dennoch hat der Rock’n’Roll zur Konsequenz, dass die Industrie beginnt die Jugend für sich zu entdecken, was sich mit dem Aufkommen der Beatmusik noch verstärken soll.

3. Beatmusik

3.1. Anfänge der Beatmusik in Großbritannien

Ihren Ursprung hat die Beatmusik in Großbritannien, denn dort versuchte man nach dem zweiten Weltkrieg die Jugendlichen vor Kultureinflüssen aus den USA zu schützen. Da amerikanische Musik in der britischen Medienlandschaft so gut wie nicht auftauchte, blieb der Jugend nichts Anderes übrig als die amerikanischen Rock’n’Roll-Songs selbst nachzuspielen. Verbreitet wurden die Songs damals besonders über den kontinentaleuropäischen Sender Radio Luxemburg. Um sie nachspielen zu können, musste die Musik an das Können der Amateure angepasst werden. So entstand die Beatmusik als neue Spielform.[8] Das Besondere dabei ist, dass die Konsumindustrie mit der Entstehung des Beat absolut nichts zu tun hatte. Gespielt wurde laut und rhythmusbetont, meist mit drei Gitarren und Schlagzeug. Der starke Rhythmus wird durch die „Hervorhebung des metrischen Grundschlags mit einem starken Gegenakzent auf den eigentlich unbetonten Taktteilen“[9] erzeugt. Der Gesang ist meist mehrstimmig, damit sich die Stimmen gegenseitig unterstützen können. Ihren Anfang nahm die Entwicklung der Beatmusik in Liverpool, einem Industriegebiet im Nordwesten Englands. Dort entstanden mehrere hundert Beatgruppen darunter auch die Beatles, die Searchers oder die Swinging Blue Jeans. Doch auch in anderen Regionen wie Birmingham, Newcastle und London schlossen sich Jugendliche zu Bands zusammen wie die Animals, The Who und die Rolling Stones. Laut Wicke sorgten aber die Beatles für die Professionalisierung der Beatmusik, da sie sich als erste von den amerikanischen Rythm & Blues- und Rock’n’Roll-Wurzeln lösten.[10]

3.2. Beatmusik in Deutschland

Von Großbritannien aus schwappte die Beatwelle auch nach Deutschland, schließlich starteten die Beatles schon 1960 ihre Karriere im Hamburger Club „Indra“ und wechselten bald auch in den „Kaiserkeller“.[11] Damals unterschieden sie sich aber nicht von den anderen zahlreichen englischen Bands, die regelmäßig in den Hamburger Clubs spielten. Sie alle waren eher unbekannt und spielten nur die Hits anderer Künstler nach. Das änderte sich mit der Eröffnung des Star-Clubs 1962 durch Manfred Weißleder. „Als erster deutscher Veranstalter seit 1958 ließ Weißleder nicht mehr nur die Hits der großen Rock’n’Roll-Stars live nachspielen, sondern engagierte sie selbst.“[12]

Der Star-Club wurde dadurch zu einer Kultstätte für Beatfans und schnell liefen auch die Platten der englischen Bands auf fast jeder Party. Bald dienten die Beatgruppen aus England als Vorbild für deutsche Jugendliche, die sich ebenfalls zu Beatbands zusammenschlossen:

„Plötzlich gab es Tausende von Beatbands, die um Aufmerksamkeit und Gehör buhlten. Wenn ich für die Bundesrepublik mal 25.000 sage, so ist das sicherlich nicht zu hoch gegriffen, sondern eher untertrieben (…) Bald gab es an jedem Gymnasium im Schnitt zwei konkurrierende Bands, die Lehrlinge wollten da nicht zurückstehen und die Realschüler auch nicht.“[13]

Die Amateurszene war bald unüberschaubar. Erst im Januar 1963 brachten Bandwettbewerbe eine Struktur hinein und ermöglichten auch deutschen Bands in den Clubs zu spielen, die sonst nur englische Bands auftreten ließen.[14] Leicht hatten es die deutschen Bands allerdings nicht. Die Leistungskriterien waren hoch, da es dem Publikum nicht egal war, wer spielte. Aus diesem Grund mussten die musikalischen Fähigkeiten und die Performance auf hohem Niveau sein. Laut Zeithistoriker Detlef Siegfried war die „Einführung von Leistungsmerkmalen als Beginn einer Teilprofessionalisierung (…) ein Zeichen für die Etablierung des Beat als ernst zu nehmender kultureller Faktor“[15] und nennt beispielsweise die Rattles, Lords und Rivets als deutsche Beatbands mit beachtlicher Karriere.

Bald konnte man die Beatmusik nicht nur auf Schallplatte oder in Beatschuppen hören, sondern sie tönte auch aus dem Radio und erhielt sogar einen Sendeplatz im Fernsehen.

„Jede Rundfunkanstalt hat ihren ‚Beatclub‘, ihre ‚Musik für junge Leute‘ oder ähnliche Sendungen, die hohe Hörerzahlen erreichen. Im Jahre 1966 erhielt der Sender Freies Berlin etwa für eine laufende Beatsendung in der Woche rund 1000 Briefe – eine Jazzsendung bekam dagegen im Jahr nur 3 spontane Zuschriften.“[16]

Im September 1965 sendete der Fernsehsender Radio Bremen erstmal den Beat-Club, eine Musiksendung für Jugendliche. Einmal im Monat traten aktuelle britische und amerikanische Gruppen in der von Uschi Nerke moderierten Show auf.[17]

Die Beatwelle traf auch die westdeutschen Printmedien. Zeitschriften wie die Bravo, Twen, Konkret und Pardon griffen Trends auf und verbreiteten sie. So berichtete die Bravo beispielsweise in mehreren Ausgaben über die Beatles und die Rolling Stones. 1965 holte die Bravo sogar die Rolling Stones nach Berlin, die in den Medien schon als die „bad boys“ der Rockmusik angekündigt wurden. Am 15. September 1965 gaben sie schließlich ein Konzert in der Waldbühne, die danach einem Schlachtfeld glich.[18]

Für die Erwachsenen hatte es den Anschein, als würde mit der Beatmusik auch die Moral verfallen. Viele Eltern lehnten die Beatmusik deshalb ab. So baten beispielsweise viele Jugendliche Beat-Club Fans auch darum, ihre Briefe und Karten nicht im Fernsehen zu zeigen, da sie sonst Ärger zu Hause, in der Schule und auf Arbeit bekämen.[19] Doch obwohl die Beatmusik auf den Widerstand der Westdeutschen Erwachsenen traf, konnte sie sich in der gesamten BRD durchsetzen. Ihren Höhepunkt fand sie 1966 im Konzert der Beatles in Hamburg und ging ungefähr im Spätherbst 1967 zu Ende. Der musikalische Geschmack änderte sich zu dieser Zeit von der rohen Beatmusik hin zu Soul und amerikanischen Folk. Der Schwerpunkt der musikalischen Entwicklung lag dann wieder in den USA und nicht mehr in England.[20]

[...]


[1] Grant McCracken: „Die Geschichte des Konsums: ein Literaturüberblick und Leseführer“, in: Günther Rosenberger (Hg.): Konsum 2000. Veränderungen im Verbraucheralltag, Frankfurt/Main, 1992, S. 36f.

[2] Vgl. John O’Neill: „The Productive Body: An Essay on the Work of Consumption“, in: Queen’s Quarterly Vol. 85, Sommer 1978, S. 221 – 230.

[3] Sabine H. Hoffmann: „Green Consumerism: An A-to-Z Guide“, Thousand Oaks: SAGE Publications Inc., 2011, S. 82.

[4] Vgl. Die Deutschen 1953 bis 1961: Wirtschaftswunder und Mauerbau, veröffentlicht durch Saeculum Verlagsgesellschaft Berlin, URL: http://www.saeculum-verlag.de/pdf/booklets/Booklet_1953-1961.pdf, Stand 18.03.2016.

[5] Vgl. Axel Schildt, Gesellschaftliche Entwicklung, URL: http://www.bpb.de/izpb/10124/gesellschaftliche-entwicklung?p=all, Stand 18.03.2016.

[6] Vgl. Axel Schildt, Kultur im Wiederaufbau (Teil 1): Tendenzen des westdeutschen Kulturbetriebs, URL: http://www.bpb.de/izpb/10135/kultur-im-wiederaufbau-teil-1?p=all, Stand 18.03.2016.

[7] Vgl. Dieter Beckmann/Klaus Martens: „Star-Club“, Rohwolt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 11.

[8] Vgl. Jürgen Seuss/Gerold Dommermuth/Hans Maier: „Beat in Liverpool“, Europäische Verlagsanstalt: Frankfurt am Main, 1965.

[9] Peter Wi>

[10] Peter Wi>https://www2.hu-berlin.de/fpm/textpool/texte/wicke_jazz-rock-popmusik.htm#n52, Stand 15.03.2016.

[11] Alan Posener: Als die Beatles noch vor besoffenen Seeleuten spielten, URL: http://www.welt.de/kultur/article9035753/Als-die-Beatles-noch-vor-besoffenen-Seeleuten-spielten.html, Stand 16.03.2016

[12] Detlef Siegfried: „Time Is on My Side: Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre“, Wallstein Verlag, Göttingen 2006, S. 212.

[13] Hans-Jürgen Klitsch, „Shakin‘ all over – Jugendkulturen und Beatmusik in den 60ern“, URL: http://www.schlossmuseum.de/cmssmj222/wp-content/uploads/2014/11/Hans-Juergen-Klitsch_Shakin-All-Over.pdf, Stand 21.03.2016.

[14] Vgl. Dieter Beckmann/Klaus Martens: „Star-Club“, Rohwolt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 110ff.

[15] Detlef Siegfried: „Time Is on My Side: Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre“, Wallstein Verlag, Göttingen 2006, S. 214f.

[16] Dieter Baacke, „Beat – Die sprachlose Opposition“, Juventa Verlag München 1968, S. 33.

[17] Vgl. „Wochenserie (1): Die Rebellion auf der Mattscheibe“, hochgeladen von Radio Bremen am 21.09.2015, URL: http://www.radiobremen.de/fernsehen/buten_un_binnen/video79102-popup.html, Stand 22.03.2016.

[18] Vgl. Ingo Grabowsky, „Wie John, Paul, George und Ringo: Die ‚Beat-Ära‘“, in: Rock! Jugend und Musik in Deutschland, Ch. Links Verlag Berlin 2005, S.45f.

[19] „Geschichte im Ersten: Generation Beat-Club“, hochgeladen von ARD am 21.09.2015, URL: http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/geschichte-im-ersten-generation-beat-club-100.html, Stand 23.03.2016.

[20] Vgl. Peter Wi>https://www2.hu-berlin.de/fpm/textpool/texte/wicke_jazz-rock-popmusik.htm#n52, Stand 26.03.2016.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668469365
ISBN (Buch)
9783668469372
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368929
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
beatmusik beispiel konsumkultur hälfte

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Titel: Beatmusik. Beispiel für eine Konsumkultur in der ersten Hälfte der 1960er?