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Musik als Medium in der offenen Jugendarbeit. Musikpraktische Anwendungen in der Sozialpädagogik

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Musik und deren Wirkung auf den Menschen
2.1 Was ist Musik und wie wirkt sie auf den Menschen?
2.2 Abgrenzung zur Musikpädagogik und Musiktherapie

3 Jugendliche als Adressaten sozialer Arbeit
3.1 Was sind Adressaten?
3.2 Jugendliche als Adressaten
3.3 Offene Jugendarbeit

4 Musik als Medium in der Jugendarbeit
4.1 Kommunikation und Emotion durch Musik
4.2 Singen
4.3 Perkussion
4.4 Bandworkshops
4.5 Rockmobile
4.6 Beispiel ‚iMAG’

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Erziehung zur Musik ist von höchster Wichtigkeit,

weil Rhythmus und Harmonie machtvoll in das Innerste der Seele dringen.

( Platon, griechischer Philosoph, 427-437 v. Chr. )

Was ist Musik? Und was verbinden die Menschen mit ihr? Die Musik ist ein Medium mit einem breiten Spektrum an Möglichkeiten. Sie ist eines der wenigen Dinge auf der Welt, das die Menschen über alle Sprach- und Bildungsbarrieren hinweg faszinieren kann und verbindet. Aber warum wirkt die Musik so magisch auf uns? Die Musik kennt keine Grenzen und gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Sie begleitet uns in vielen Lebenslagen und hilft uns, bestimmte Emotionen auszulösen oder zu erzeugen. Schon Platon stellte fest, dass die Musik eine bedeutende Funktion hat. Sie übt eine Macht auf jeden Einzelnen aus, und nimmt uns mit in einen Bann, der uns nicht mehr los lässt. Dabei spielt die soziale Zugehörigkeit, das Alter, das Geschlecht und die Kultur keine Rolle. Sokrates behauptet sogar, dass die Musik eine Zauberqualität hat, die auf die Gemüter der jungen Leute wirkt (Raptis, 2007. S. 63f.). Die Musik kann Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zusammen bringen und einen großen Beitrag zur Entwicklung der Persönlichkeit, des Selbstwertgefühls und des Selbstbewusstseins leisten.

Aus diesem Grund stellt die Musik ein wichtiges Medium dar, auf welches die Soziale Arbeit[1] zurückgreifen kann. Besonders die offene Jugendhilfe nutzt die Macht der Musik für sich in verschiedenen Projekten. In dieser Arbeit wird beschrieben welche Angebote es im Rahmen der offenen Jugendarbeit gibt, wie und warum die Musik auf die Jugendlichen wirkt und welche Herausforderungen und Anforderungen an das pädagogische Personal gestellt werden.

2 Musik und deren Wirkung auf den Menschen

Jeder Mensch kann etwas mit Musik anfangen und ist grundsätzlich musikalisch. Musikalität bedeutet nicht, ein oder mehrere Instrumente zu beherrschen oder die Theorie der Musik zu verstehen, sondern auch die Wahrnehmung von Geräuschen als Musik und deren Beeinflussung. Aber was bezeichnet man als Musik?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Was ist Musik und wie wirkt sie auf den Menschen?

Die Musik ist für uns so alltäglich und vertraulich, dass wir uns die Frage ‚Was ist Musik?’ eigentlich gar nicht mehr stellen. Jeder Mensch verbindet etwas anderes mit Musik und so sind die Antworten auf diese Frage sehr subjektiv.

Es ist schwierig eine allgemeingültige Definition von Musik zu finden, denn jeder versteht etwas anderes unter diesem Begriff. Im Brockhaus Lexikon findet man folgende Definition:

„[…] bei den alten Griechen die Bildung von Gemüt und Geist […]; erst nach der klassischen Zeit der Tonkunst als Ausdrucksmittel des menschlichen Seelen- und Gefühlslebens. Gestaltungsmittel der Musik sind Rhythmus, Melodie, Harmonie, ferner Tonstärken- und Zeitmaßverhältnisse sowie die Instrumentation“ (Brockhaus 2002, S. 621).

Die Anfänge der Musik sind unbekannt. Der Begriff Musik hat ihren Ursprung im griechischen Wort ‚musiké’, worunter man die Künste der Dichtung, der Musik und dem Tanz verstand (Michels, 2005, S. 11). Schon immer wurde die Musik in Verbindung mit der Sprache gebracht. Musik und Sprache verbindet der Rhythmus, das Zeitmaß, der Wohlklang und der Ausdruck. Das akustische Material und die geistige Idee sind die zwei zentralen Elemente der Musik (ebd. S.11). Physikalisch gesehen ist die Musik nichts anderes als eine Überlagerung von berechenbaren Luftschwingungen und deren Frequenzen und Wellen, die sich in einem bestimmten Medium ausbreiten (Bethge, 2003, S. 130-140).

Töne werden zu Musik, indem das Gehirn über mehrere tausend Nervenstränge Schallwellen übereinander lagert und als einen Klang wahrnimmt. Durch die individuelle Wahrnehmung der Signale entsteht Musik, die uns Menschen im Verhalten und in der Gefühlswelt beeinflussen kann.

Verschiedene Studien belegen, dass bereits während der letzten drei Monate einer Schwangerschaft die Ungeborenen auf Musik reagieren. Ständig werden wir mit Musik konfrontiert, jedoch geschieht dies meist passiv. Trotzdem reagiert unser Körper darauf, denn die Musik kann auch unser Wohlbefinden beeinflussen, Schmerzen lindern, den Blutdruck senken und sogar Stress abbauen. Hirnforscher haben herausgefunden, dass bestimmte Hirnareale bei Profimusikern und sogar Amateurmusikern ausgedehnter sind, als bei anderen Menschen. Dies deutet auf eine Vergrößerung der Nervenzellen hin, sodass man von einer höheren Intelligenz ausgehen kann.[2] Musik fordert und fördert den Menschen also.

Die Musik ist ein Lebensgefühl und bietet einen Raum für die Selbstentfaltung. Sie hat die Wirkung eine positive Stimmung zu halten, aber auch eine schlechte Stimmung zu kompensieren. Daher kann man die Musik als Mittelpunkt des Denkens, Fühlens und Handelns bezeichnen. Musik kann neben einer Verbindung zwischen Menschen aber auch eine Individualität und Abgrenzung erzeugen, indem Menschen bestimmte Musikstile präferieren und die Musik so als wichtiges Sozialisationsmittel auszeichnet. Die Identifikation mit einer bestimmten Gruppe von Musikanhängern, zum Beispiel den Punks, spiegelt sich im Leben einer Person wieder. Sie grenzen sich mit der Wahl ihrer Kleidung, ihres Lebensstils und der Denkweise von anderen Gruppen ab. Sie setzen damit ein Statement um ihre Zugehörigkeit zu demonstrieren. Bei der Befragung von Jugendlichen im Rahmen der 17. Shell-Jugendstudie 2015 erkennt man, dass zu den beiden wichtigsten Freizeitbeschäftigungen ‚sich mit Leuten treffen’ und ‚Musik hören’ gehören. Besonders die Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren nannten diese beiden Beschäftigungen am Häufigsten. ‚Zeitschriften und Magazine lesen’ sowie den ‚Jugendfreizeittreff besuchen’ liegen abgeschlagen auf den letzten Plätzen (Shell, 2015). Das Musikhören in Verbindung einer Clique oder der so genannten peer-group ist für die Jugendlichen von großer Bedeutung. Musik kann harmonisieren, sie stiftet soziale Nähe und dient der Verständigung.

Die Musik wird häufig als ‚Sprache aller Sprachen’ bezeichnet, was einerseits eine Kommunikation beinhalten kann, andererseits drückt die Musik selbst aber auch wichtige Emotionen oder Einstellungen aus. Sie dient der Verbindung zwischen Menschen, hat aber auch eine Fluchtfunktion, wo sich die Jugendlichen völlig fallen lassen können.

Warum gerade die Musik? Oft wird sie unterschätzt, dabei hat sie viele positive Eigenschaften. Die Musik ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Das Musizieren bereitet Freude und ein positives Lebensgefühl. Neben der Schule fördert sie die Entwicklung der Persönlichkeit. Das Miteinander und die Zugehörigkeit zwischen Musikern kann als eine Art ‚Familienersatz’ gesehen werden. Viele Jugendliche wachsen heute nicht mehr in der ‚Idealfamilie’ auf. Oft sind die Eltern geschieden, allein erziehend oder im schlimmsten Fall nicht mehr für die Jugendlichen da. Die Musik fördert die Verständigung mit anderen Menschen. Die Mitgliedschaft in einem musikalischen Verein stärkt vor allem auch die Kameradschaft und Freundschaft. Die Mitglieder lernen sich einzufügen, sich durchzusetzen und sich über Generationen heraus gegenseitig zu vertrauen. Das Musizieren fordert die Jugendlichen aber auch in ihrem Hörvermögen, ihren instrumentalen Fähigkeiten und ihrer Kreativität. Außerdem werden sie in ihrer Konzentration und Ausdauer geschult, was in anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Schule oder dem späteren Arbeitsleben, von Vorteil sein kann.

Die Musik als Element und Ausdruck bietet besonders in der offenen Jugendarbeit vielfältige Möglichkeiten, die Jugendlichen in ihren musikalischen Fähigkeiten zu fördern. Wie sich der Einsatz von Musik in der offenen Jugendarbeit gestaltet und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen wird in Kapitel 4 beschrieben.

2.2 Abgrenzung zur Musikpädagogik und Musiktherapie

Die Musik in der Sozialen Arbeit muss man von der Musikpädagogik und der Musiktherapie unterscheiden. Die Grenzen sind jedoch nicht exakt zu bestimmen. In manchen sozialpädagogischen Studiengängen gibt es die Möglichkeit einen Schwerpunkt auf musiktherapeutische Methoden zu legen. Dies kann man jedoch nicht mit einem Studium der Elementaren Musikpädagogik vergleichen.

Die Musikpädagogik legt ihre Schwerpunkte auf einen didaktischen Unterricht, vokale und instrumentelle Ausbildung, sowie theoretische Grundlagen. Ein entscheidender Unterschied ist, dass die Musikpädagogik immer leistungs- und ergebnisorientiert ist[3].

Die Musiktherapie setzt die Musik gezielt zu therapeutischen Zwecken ein, um Menschen mit psychischen und physischen Störungen, sowie Verhaltensauffälligkeiten oder anderen Krankheitsbildern zu helfen[4].

Sozialpädagogen nutzen die Musik als Medium im Kontext ihrer Arbeit mit Jugendlichen. Sie setzen die Musik gezielt ein, um eine Verbindung zu den Jugendlichen aufzubauen und sie kennen zu lernen. Die Musik in der Sozialen Arbeit ist ein freies Medium, welches musikalische und außermusikalische Ziele verfolgt. Es gibt keinen Lehrplan, an den man sich halten muss. Es besteht die Möglichkeit Elemente aus verschiedenen Bereichen hinzu zu ziehen, sowie auch neue Medien mit einzubeziehen. Die Grenzen zwischen der Musikpädagogik, der Musiktherapie und der Musik in der Sozialen Arbeit verschwimmen sehr schnell, sollten jedoch als eigenständige Bereiche angesehen werden.

3 Jugendliche als Adressaten sozialer Arbeit

3.1 Was sind Adressaten?

Den Begriff Adressat bringt man zuerst mit dem Postverkehr in Verbindung. Man adressiert einen Brief oder ein Paket an einen Empfänger. In der Sozialen Arbeit haben wir immer mit unterschiedlichen Menschen zu tun, die wir als Adressaten oder Klienten bezeichnen. Adressaten sind Menschen, die in Einrichtungen der Sozialen Arbeit Unterstützung und Hilfe erhalten. Im Gegensatz zu anderen Begriffen, wie Klient oder Nutzer, wird bei der Nutzung des Begriffs Adressat die Asymmetrie des Verhältnisses der Absender und des Empfängers neutralisiert. Die Positionen von Hilfeempfänger und Hilfeleistenden können nicht vertauscht werden. Institutionen Sozialer Arbeit organisieren Angebote, die von professionell ausgebildeten Fachkräften durchgeführt werden. Man differenziert die Adressaten nach:

a) Handlungsfelder, b) Lebenslauf, c) Zielgruppe und d) Lebenswelt.

So entsteht ein relationales Wechselverständnis zwischen Institution, Profession und Adressaten (Graßhoff, 2015, S. 7-34).

3.2. Jugendliche als Adressaten

Im Duden wird die Jugend als die Zeit des Jungseins bezeichnet. Im SGB VIII wird die Jugend eingegrenzt in Personen von 14 bis noch nicht 18 Jahre. In dem Buch „Jugend, Musik und Soziale Arbeit“ von Burkhard Hill und Elke Josties wird die Jugendphase auf 13-25-jährige ausgedehnt. Dies wird durch den frühen Beginn der Pubertät und der länger andauernden Adoleszenz, also der längeren Schul- und Ausbildungszeit in der heutigen Zeit begründet. Die Jugend ist ein gesellschaftlich-geschichtliches Phänomen und jeder weiß, was die Jugend bzw. das Jugendalter ist. Der Jugendbegriff wird von der Gesellschaft konstruiert und ganz bewusst von der Kindheit und dem Erwachsensein abgegrenzt. Es ist aber zu beobachten, dass weiterhin eine Eingrenzung von jugendspezifischen Themen stattfindet und es immer schwieriger wird, den Kern dieser vielschichtigen Lebensphase zu bestimmen. Es gibt aber nicht die Jugend, daher spricht man von verschiedenen Jugenden, da die Jugend heutzutage keine soziale, homogene Gruppe mehr ist. Dies ist auf den sozialen Wandel zurückzuführen (Scherr, 2014, S. 29-49). Das, was wir heute ‚Jugend’ nennen ist durch Besonderheiten in der biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Entwicklung gekennzeichnet. In der Zeit der Jugend erfährt man neben körperlichen Veränderungen auch seelische und emotionale Veränderungen. Die Jugendlichen sind oft verunsichert, da sie sich in dieser Zeit in einem Selbstfindungsprozess befinden. Die Schule bestimmt den Alltag der Jugendlichen und die Freizeitgestaltung hat sich mit den Jahren verändert. Neben der Familie spielen vor allem Freunde, die so genannte peer-group eine große Rolle. Die Jugend ist die wichtigste Zielgruppe der Konsumgesellschaft, da Jugendlich-Sein mit Leistungsfähigkeit, Stärke, und Erlebnisorientiertheit assoziiert wird.

Mario Erdheim untersuchte drei Themen, die Jugendliche besonders beschäftigen:

1 Sexualität
2 Allmachtsphantasien
3 Generationenkonflikt

In der Jugend ist die Sexualität von großer Bedeutung. In der Selbstfindungsphase finden die Jugendlichen heraus, wer sie selbst sind und machen erste sexuelle Erfahrungen. Dies ist meist der erste intensive Kontakt außerhalb der Familie.

Unter Allmachtsphantasien versteht Erdheim das Explorationsverhalten der Jugendlichen. Sie streben nach neuen Erfahrungen, haben den Willen sich durchzusetzen und Anerkennung zu finden.

Das dritte Thema beschreibt den Generationenkonflikt zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern. Die Jugendlichen wollen sich nicht an ihren Eltern orientieren, sondern eigene Erfahrungen machen. Häufig kommt es zu Streitigkeiten aufgrund unterschiedlicher Einstellungen und Interessen.

Aus diesen drei Themen erkennt Erdheim zwei Tendenzen. Die Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Geborgenheit und die Suche nach neuen Erfahrungen, nach dem Fremden und dem Aufregenden (Erdheim, S. 35f.). In der Jugend macht man Erfahrungen, die einen für das restliche Leben prägen. Die Erfahrungen können positiv oder negativ sein, aber man wird daraus lernen.

[...]


[1] Die Begriffe Soziale Arbeit, Sozialpädagogik und Sozialarbeit werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[2] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/01/Psychologie-Musik/komplettansicht (21.10.2016)

[3] http://www.musik.uni-mainz.de/3590_DEU_HTML.php (18.10.2016)

[4] http://www.musiktherapie.de/musiktherapie.html (18.10.2016)

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668481435
ISBN (Buch)
9783668481442
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368605
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
Musik Medium Soziale Arbeit Jugendarbeit Musikpraxis Jugendhilfe Entwicklung Persönlichkeitsbildung

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