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Delir beim alten Menschen. Diagnostik, Ursachen und Prävention

Hausarbeit 2017 27 Seiten

Medizin - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abstrakt

1 Einleitung

2 Phänomen Delir
2.1 Begriffserklärung
2.2 Prävalenz und Inzidenz

3 Symptomatologie
3.1 Kernsymptome
3.2 Verlauf der Symptomatik

4 Diagnostik und Klassifikation
4.1 Diagnostik
4.2 Klassifikation

5 Ursachen, Auslöser und Risikofaktoren
5.1 Ursachen und Auslöser
5.1.1 Grunderkrankungen
5.2 Risikofaktoren im Alter

6 Prävention
6.1 Erkennung und Dokumentation von Risikofaktoren
6.2 Schulung aller Berufsgruppen
6.3 Umgebungsgestaltung
6.4 Ausgleich sensorischer Einschränkungen
6.5 Mobilisation und Vermeidung von Bewegungseinschränkung
6.6 Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
6.7 Kognitive Aktivierung und emotionale Entlastung
6.8 Tagesstrukturierung und Bedürfnisorientierung
6.9 Förderung eines gesunden Schlafverhaltens
6.10 Schmerzfassung und Schmerzmonitoring
6.11 Einbezug von Angehörigen

7 Diskussion

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Vorschläge für die klinische Untersuchung neurokognitiver Störungen, die für das Delir relevant sind

Tab. 2: Delir – ausgewählte Ursachen

Tab. 3: Auswahl delirogener pharmakologischer Substanzen

Tab. 4: Prädisponierende Faktoren für das Erleiden eines Delirs

Abb. 1: Vulnerabilitätshypothese/Schwellenkonzept zur Delirentstehung.

Abstrakt

Das Ziel der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit war es, einen besseren Eindruck über das Delir zu bekommen, sowie seine Symptomatik und Diagnostiken, Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten vorzustellen. Ich habe mich gefragt, was man unter einem Delir versteht, welche verschiedenen Delirien es geben kann und wie die Untersuchung der Patienten von statten geht. So werden im Folgenden zunächst erklärt, was ein Delir ist und welche Folgen und Auswirkungen dies hat; wie die Risikofaktoren aussehen, wie ein Delir diagnostiziert wird und welche Therapie- oder Präventionsmöglichkeiten es gibt. Vor diesem Hintergrund möchte ich zur Prävention von Delirien beitragen.

1 Einleitung

„Auf der Intensivstation begann mein Verstand, mir einen Streich zu spielen. Der Gedanke, dass ich im Ausland sei, wurde durch die vielen fremden Namen und die an der Wand befestigten Reiseplakate bestärkt.“ (Pearce 2002, S. 430)

Im Delir erscheinen Erfahrungen und verklärte Eindrücke eines kritisch kranken Menschen äußerst real (Hewer, 2016). Die akute Verwirrtheit mit ihren Wahrnehmungsstörungen ist besonders bei älteren Menschen ein ernst zu nehmendes Problem und verlangt medizinische und pflegerische Behandlung und Begleitung.

Das Delir ist eine ernste, häufige und oftmals vermeidbare Ursache der Morbidität und Mortalität älterer Menschen. Es ist bei Älteren die häufigste Komplikation einer Hospitalisierung.

Die primäre Fragestellung dieser Arbeit wird deswegen sein: Was genau ist ein Delir überhaupt? Wie sieht seine Symptomatologie eigentlich aus und welche Auslöser und Ursachen gibt es? Und was kann ein Krankenhaus Präventiv gegen die Entstehung eines Delirs unternehmen?

Das Delir an sich bildet den Fokus dieser vorliegenden Hausarbeit. Einleitend gibt es zunächst eine knappe Übersicht über das Delir, seine Definition und Häufigkeit. Der zweite Teil beschreibt die Symptomatologie und seinen Verlauf, sowie die Kernsymptome. Als nächstes wird auf die Diagnostik und die Klassifikation im ICD-10 und DSM 5 eingegangen. Im darauf folgenden Teil werden die verschiedenen Ursachen, Auslöser und besondere Risikofaktoren für die Entstehung eines Delirs dargelegt. Im Schlussteil der Arbeit stelle ich dann präventive Maßnahmen vor, die ein Krankenhaus umsetzen könnte, um die Entstehung eines Delirs vorzubeugen.

2 Phänomen Delir

2.1 Begriffserklärung

Delir stammt von dem lateinischen Wort „delirare“ ab und bedeutet so viel wie „aus der Furche geraten“. Im letzten Jahrhundert gab es viele verschiedene Begriffe für das delirante Syndrom. Dazu gehörten zum Beispiel das „Durchgangssyndrom“, das „Übergangssyndrom“, die „akute zerebrale Insuffizienz“, der „exogene Reaktionstyp“ oder auch die „toxisch-metabolische Enzephalopathie“. Im 20. Jahrhundert entsprach das Delir „einem pathogenetisch schwer fassbaren neuropsychiatrischen Syndrom, das einen akut aufgetretenen, potenziell reversiblen Verwirrtheitszustand – häufig im Rahmen von akuten körperlichen Erkrankungen“ beschrieb (Pantel et al., 2014, S. 275). Der heute verwendete Begriff kam erst durch die Definition der Diagnosekriterien der American Psychiatric Association (APA) und der World Health Association (WHO) zustande.

2.2 Prävalenz und Inzidenz

Prinzipiell kann ein Delir in jedem Alter und in den verschiedensten Situationen auftreten, wobei jedoch die Wahrscheinlichkeit sehr Alters- und Kontextabhängig ist. Meistens tritt ein Delir nach dem 65. Lebensjahr auf und stellt bei älteren Patienten eine der häufigsten Komplikationen im Krankenhaus dar. In der erwachsenen Allgemeinbevölkerung wird die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Delirs mit 1-2% beziffert; allerdings steigt diese mit dem Alter erheblich an, wodurch die Delirrate bei über 85-Jährigen bei ca. 14% liegt (Inouye, 2006). Die Inzidenz des Delirs wird in geriatrischen Kliniken mit 25-60% angegeben, in internistischen Kliniken mit 13-20%, in neurologischen Kliniken mit 30-40%, in psychiatrischen Kliniken mit 20-43% und in chirurgischen Kliniken mit 15-79% (Lindesay et al., 2009).

3 Symptomatologie

Jedes Symptom, was bei einem Delir auftritt, kommt auch bei anderen neuropsychiatrischen Krankheitsbildern vor. Die Spezifität beim Delir liegt im Muster der Symptome, dem Syndrom und dem Verlauf der Krankheit:

1. Plötzliches Auftreten der Symptome
2. Schwankender Verlauf
3. Schnelles Abflauen der Symptome

3.1 Kernsymptome

„Ein Delir ist ein neuropsychiatrisches Hirnschädigungssyndrom bzw. ein psychiatrisches Syndrom bei einer Hirnfunktionsstörung“ (Hewer, 2016, S. 16). Bei der Symptomatik des Delirs sind die wichtigsten Bereiche die der Aufmerksamkeit, der kognitiven Leistungen und des Bewusstseins (Cole, 2004).

Aufmerksamkeit

Trotz der riesigen Rolle, die Aufmerksamkeit in unserem Alltag hat, nehmen wir diese kaum wahr. „Die Aufmerksamkeit ist ein Prototyp der unbewusst (implizit) ablaufenden Prozesse der Informationsverarbeitung des Gehirns“ (Hewer, 2016, S. 18). Bei dem amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5 wird die Aufmerksamkeitsstörung in den Vordergrund gestellt und in vier Teilaspekte aufgeteilt:

1. Ausrichten und Leiten der Aufmerksamkeit: Hiermit ist die Wendung der Aufmerksamkeit gemeint, beispielsweise die Ausrichtung auf den Untersucher, wenn er an das Bett tritt, oder auf einen eintretenden Besucher oder das Hinsehen dorthin, wo der Untersucher hinblickt. Beim Fokussieren der Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe, wie beispielsweise „die Monate rückwärts aufsagen“, wird ebenfalls die Aufmerksamkeit ausgerichtet – ein Patient könnte beispielsweise die Aufgabe nicht beginnen, sondern immer wieder ablenkende freie Assoziationen äußern.
2. Fokussieren der Aufmerksamkeit: Hiermit ist die Intensität der Aufmerksamkeitsausrichtung auf eine Aufgabe gemeint, die auch kurzfristig (wie bei einem Golfschlag) erfolgen kann. Die Aufmerksamkeit wird z.B. auf die Aufgabe fokussiert, eine Zahlenabfolge nachzusprechen.
3. Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit: Bei längeren Aufgaben muss die Aufmerksamkeit auf die mentalen Operationen, die gefordert werden, fokussiert gehalten und ablenkende Einflüsse müssen ferngehalten werden. Hierbei ist beispielsweise das Sich-wehren-Können gegen Ablenkungen gemeint (vielfach wird der Begriff Konzentration für die Aufrechterhaltung und Fokussierung der Aufmerksamkeit gebraucht).
4. Verändern/Lösen der Aufmerksamkeit: Das Abwenden der Aufmerksamkeit von einem Fokus. In dissoziativen oder oneiroiden - traumartigen - Zuständen beispielsweise kann die Aufmerksamkeit nicht von einem Objekt gelöst werden (Hewer, 2016, S. 18).

Bewusstsein

Unter Bewusstsein ist das bewusste Wahrnehmen und Handeln, das bewusste Nachdenken, Planen und Entscheiden zu verstehen. Im Gegensatz zum DSM-5, welches die Störung der Aufmerksamkeit in den Vordergrund stellt, steht im deutschen Sprachraum die Bewusstseinsstörung an zentraler Stelle des Delirs. In verschiedenen Bereichen ist ein Monitoring der Bewusstseinsfunktionen wesentlich:

1. Bewusstes Wahrnehmen der Sinnesqualitäten („ich sehe den Doktor“, „ich höre die Glocke“) unter sensomotorischer Kontrolle der Person (hinblicken, zeigen, anfassen etc.) und Monitoring der Wahrnehmungen der gesamten Umgebung als Grundlage für eine Orientierung
2. Monitoring der Gefühle („ich habe Angst“), internen Zustände („ich bin erschöpft“), oder
3. Monitoring der Anforderungen oder Probleme („ich habe zu hohe Schulden“), Überzeugungen („so darf man das aber nicht machen!“), Vorstellungen und Erwartungen etc. Das Monitoring von Empfindungen, internen Zuständen oder Problemen führt zur Aktivierung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungen und/oder führt zu Aktionen (Hewer, 2016, S. 21).

Bei Bewusstseinsfunktionen erinnern Patienten sich in der Regel an diese und können von ihren subjektiven Erfahrungen berichten, wohingegen bei Patienten, die sich im Delir befinden, diese Fähigkeit gestört ist. So reagieren Personen, die sich im Delir befinden, nicht gut auf sich verändernde Anforderungen ihrer Umgebung oder Bedürfnisse ihres Körpers und müssen deshalb stationär überwacht werden. Jedoch gibt es auch viele Delirien ohne eine Bewusstseinsstörung, wie beispielsweise flüchtige Verwirrtheitssyndrome bei Exsikkose. Eine solche Situation führte dazu, neue Terminologien einzuführen, z.B. das „Durchgangssyndrom“, ein Delirsyndrom ohne Bewusstseinsstörung (Hewer, 2016).

Ein Patient, der an einem Delir leidet, erscheint dem Untersucher oft nicht ganz wach und unaufmerksam. Bemühungen, ihn zu aktivieren, schlagen fehl. Zudem weist er Beeinträchtigungen seiner kognitiven Leistungen auf, wie z.B. eine Störung der zeitlichen Orientierung. Im Gegensatz dazu erlangt ein müder Mensch nach dem Aufwachen seine Orientierungsfähigkeit schnell wieder.

Störung kognitiver Leistungen

Ein weiteres Kernmerkmal des Delirs ist die Störung kognitiver Leistungen. Jedoch ist diese Störung nicht spezifisch für diese Krankheit. So tritt zum Beispiel bei einer Alzheimer-Demenz eine in vielen Merkmalen ähnliche Störung kognitiver Leistungen auf. Allerdings entwickelt sich die Störung kognitiver Leistungen bei beiden Krankheitsbildern mit völlig unterschiedlichen Zeitverläufen.

Personen, die sich im Delir befinden, haben oft Probleme, sich an Ereignisse zu erinnern, die kürzlich passiert sind. So kann sich der Patient beispielsweise besser an Dinge erinnern, die längere Zeit zurück liegen, aber nicht an Details der letzten Tage, wie z.B. der Transport ins Krankenhaus oder wie er aus dem Untersuchungsraum auf die Station gekommen ist. Somit ist beim Delir weniger das autobiographische, als das episodische Gedächtnis betroffen.

Andere wichtige Symptome des Delirs sind Fehler in der örtlichen und zeitlichen Orientierung. In der klinischen Routine wird daher das aktuelle Datum erfragt (Tag im Monat, Monat, Jahr und Wochentag/Uhrzeit). Bemerkt der Untersucher, dass der Patient Fehler im Monat und/oder Jahr gemacht hat, dann deutet dies mit einer Sensitivität von 95% und einer Spezifität von 86,5% auf eine Störung kognitiver Leistungen beim Delir (oder bei einer Demenz) hin (O’Keeffe et al., 2011). Ebenso ist die Orientierung zum Ort im Delir häufig gestört (Hewer, 2016).

Ein Delirpatient wird sich nicht an die Ereignisse der letzten Tage vor dem Ausbruch des Delirs erinnern. Wenn das Delir abgeklungen ist, kann er sich jedoch zumindest an prägnante Ereignisse aus dieser Zeit erinnern. Das Wiedererinnern von während des Delirs nicht abrufbaren Informationen ist typisch für dieses Syndrom. Offenbar ist im Delir nicht vorwiegend der Speicher betroffen, sondern der Abruf aus dem Gedächtnis (Hewer, 2016, S. 24-25).

Ebenfalls sind die Sprache und das Denken eines Patienten im Delir gestört. So passiert es, dass bei einer Untersuchung der Wortflüssigkeit (Fluency, bei der der Patient möglichst viele Wörter zu einem vorher genannten Oberbegriff nennen soll) nur wenige Wörter abgerufen werden können; es kommt zur Nennung falscher Wörter und oft auch zum Vergessen des Oberbegriffes. Bei verschiedenen Formen des Delirs können unter anderem ausgeprägte formale Denkstörungen auftreten. Dabei wirkt der Patient „verworren“, wechselt von einem Thema zum anderen, schweift ab oder man kann ihnen in ihrem Gedankengang nicht folgen und sie verlieren den Faden (Hewer, 2016).

3.2 Verlauf der Symptomatik

Die Symptomatik des Delirs beginnt schnell und schwankt. So ist bei der psychopathologischen Untersuchung die Beobachtung des Zeitverlaufes der Symptomatik wichtig.

Akuität: Wenn ein Patient bei einer Untersuchung deutlich kognitive Beeinträchtigungen aufweist, die er vor wenigen Tagen noch nicht zeigte, sollte der Verdacht auf das Vorliegen eines Delirs abgeklärt werden.

Fluktuation: Hinzu kommen noch Fluktuationen der Symptomatik: Während der Untersuchung zeigen Patienten kaum Symptome, weswegen es wichtig ist, Angehörige des Patienten oder das Pflegepersonal zu fragen, ob vor wenigen Stunden bereits Anzeichen auf ein Delir vorgelegen haben können. Somit ist es auch notwendig, das Pflegepersonal ausreichend zu trainieren, auf die Kernsymptome eines Delirs zu achten.

Tagesschläfrigkeit und Schlafstörungen: Unter anderem ist die zirkadiane Rhythmik im Delir gestört. Patienten sind meist nachts sehr aktiv und handeln laut und distanzlos.

Jedoch ist der Verlauf des Delirs sehr unterschiedlich. Die Fluktuation und Remission kann von Patient zu Patient verschieden sein (Hewer, 2016).

4 Diagnostik und Klassifikation

4.1 Diagnostik

Es gibt zwei diagnostische Bereiche, die bei einem Verdacht auf ein Delir zu unterscheiden sind:

1. Die Diagnostik des Delirsyndroms. Wie kann gesichert werden, dass es sich tatsächlich um das Krankheitsbild des Delirs handeln? Welche Gefährdungen ergeben sich durch das Delirsyndrom?
2. Die Diagnostik der Delirursache. Was ist die Ursache des Delirs? Was muss getan werden, damit das Delir abklingen kann? Zusätzlich steht dabei die Frage an, ob es eine Gefährdung des Patienten durch eine schwerwiegende somatische Grunderkrankung gibt (Hewer, 2016, S. 33).

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Details

Seiten
27
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668475809
ISBN (Buch)
9783668475816
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368584
Institution / Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Delir Demenz Medizin

Autor

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Titel: Delir beim alten Menschen. Diagnostik, Ursachen und Prävention