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Anerkennung. Ein zentraler Begriff für die Inklusion von Menschen mit Behinderung

Die Anerkennungstheorie Axel Honneths

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Anerkennung bei Honneth

Überlegungen aus Sicht der Behindertenpädagogik

Reziprozität und Symmetrie – für Menschen mit Behinderung möglich?

Anerkennung und Inklusion

Menschenbild und Haltungen bei Professionellen – sonderpädagogische Beliefs

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich Bezüge zwischen der Anerkennungstheorie des Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth und professionstheoretischen Frage­stellungen der Behindertenpädagogik aufzeigen. Dabei gehe ich auch auf das Ziel der Inklusion behinderter Menschen ein, das mit der UN-Behindertenrechtskonvention verfolgt wird. Zunächst kläre ich dazu den Anerkennungsbegriff, wie er in der Theorie Honneths zu verstehen ist.

Im zweiten Teil möchte ich einige Fragestellungen beleuchten, die sich aus der Lesart der Behindertenpädagogik ergeben, und die in der Fachliteratur bearbeitet werden. Dazu zählt vor allem die Frage, inwieweit Menschen mit Behinderung überhaupt Anerkennung erlangen können, sofern wechselseitige Äußerungen von Anerkennung vorausgesetzt werden. Aber auch die Frage nach der Zugehörigkeit zur Gesellschaft als einer moralischen Gemeinschaft soll gestellt werden. Im Rahmen dieser Hausarbeit kann ich aber lediglich Paradoxien herausarbeiten. Eine abschließende Klärung der Fragen kann hier nicht erfolgen.

In einem dritten Teil frage ich nach Haltungen von Lehrkräften und anderen Professionen der Behindertenpädagogik. Dabei soll es vor allem um die Frage gehen, inwieweit bestimmte Haltungen positive Anerkennungsbeziehungen unterstützen. Auch die Frage nach dem Schutz behinderter Menschen vor Missachtung spielt dabei eine Rolle. An die Diskussion um professionelle Haltungen knüpft sich auch die zentrale Fragestellung meiner Hausarbeit: Inwieweit muss der Inklusion ein Menschenbild zugrunde gelegt werden, damit sie gelingen kann? Und welchen Anteil kann die Anerkennungstheorie an der Inklusion behinderter Menschen leisten?

Anerkennung bei Honneth

In der Auseinandersetzung mit dem Werk G.W.F. Hegels, insbesondere dem ‚System der Sittlichkeit‘, hat Axel Honneth seine Theorie der Anerkennung entwickelt. In seinem 1992 vorgelegten Werk ‚ Kampf um Anerkennung – zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte‘ beschreibt er Anerkennung, als ein Verhältnis der Subjekte zueinander (vgl. Moser 2012, S. 105). Honneth stellt drei Dimensionen der Anerkennung dar, denen drei Grundformen der Missachtung gegen­überstehen.

Die erste und grundlegende Form der Anerkennung ist die der emotionalen Zuwendung, die im Folgenden mit dem Begriff ‚Liebe‘ gefasst wird. Sie kommt in „primären Affekt­beziehungen“ (Escalante 2012, S. 186) zum Tragen und umfasst sowohl die romantische Liebe, als auch die Eltern-Kind-Beziehung und Freundschaft (Katzenbach 2004, S. 131). Eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung des Indi­viduums erlangt diese Form der Anerkennung dadurch, dass sie die Beziehung des Subjekts zu sich selbst ermöglicht. In dieser Selbstbeziehung, die auch von der Ambivalenz zwischen „symbiotischer Fusion und Selbstbehauptung“ (Escalante 2012, S. 187) geprägt ist, können „die Subjekte ein grundlegendes Gefühl von Selbst­vertrauen erlangen“ (ebd.). Katzenbach (2004, S. 131) gibt den „frühen leibgebundenen Inter­aktionen“ hier einen besonderen Stellenwert. Als korrespondierende Grundform der Missachtung gilt die physische Demütigung, durch die das Grundvertrauen in Gesellschaft und Welt zerstört werden kann (ebd.). Eine wichtige Funktion kommt dieser Anerkennungsform zu, in dem sie die „Erfahrung des Gehört- und Geliebtwerdens“ (Moser 2012, S. 115) ermöglicht, die für einen späteren Kampf um Anerkennung motivationale Bedeutung erlangt.

Als zweite Dimension hat Honneth die rechtliche Anerkennung formuliert. Jedes Individuum besitzt bestimmte unveräußerliche Rechte, die von anderen geachtet werden (vgl. Escalante 2012, S. 187). Sofern Menschen denselben Gesetzen folgen, erkennen sie gegenseitig ihre Fähigkeit an, „vernünftige Entscheidungen hinsichtlich moralischer Normen zu treffen“ (Honneth 1992; zit. nach Escalante 2012, S. 187). Im Unterschied zur Anerkennungsform der Liebe geht es hier nicht um eine affektive Gefühlsbeziehung, „sondern um eine kognitive Verstehens­leistung“ (Katzenbach, S. 131). Anerkennung soll hier also universal gelten, während Katzenbach (ebd.) zufolge, die Liebe nur partikulär gelten kann. Rechtliche Anerkennung gilt damit ungeachtet der Person. Aus dieser Anerkennungsform können die Individuen Selbstachtung schöpfen (Honneth 1992, S. 194). Die hierzu korrespondierende Form der Missachtung ist die Entrechtung beziehungsweise die Verweigerung der Gewährung des Status eines moralisch zurechnungsfähigen Subjekts (Katzenbach S. 131).

Die dritte Dimension der Anerkennung ist die Solidarität. Der Begriff wird von Honneth grundlegend für Interaktionen bestimmt, „in [denen; G.F.] die Subjekte wechselseitig an ihren unterschiedlichen Lebenswegen Anteil nehmen, weil sie sich untereinander auf symmetrische Weise wertschätzen.“ (Honneth 1992, zit. nach Escalante 2012, S. 188). Honneth bringt in dieser Dimension auch die Anerkennung der Besonderheit am Gegenüber zum Ausdruck. Escalante (2012, S. 197 f.) stellt fest, dass die Besonderheit des Individuums hier gerade zum „Objekt der Anerkennung“ (ebd.) wird und Anerkennung sich hier nicht auf eine abstrakte Kategorie bezieht, wie es beim Recht der Fall wäre. Wertschätzung erfährt das Subjekt hier für seine Leistungen, welche für die Gemeinschaft relevant sind. Voraussetzung ist hier ein gemeinsames Wertesystem. Es geht darum, dass das Subjekt „trotz der Andersartigkeit und Besonderheit als soziales Wesen anerkannt wird, ohne die Besonderheiten der anderen für sich als Lebensweise übernehmen zu müssen.“ (Horster 2009, S. 71) Anerkennung in dieser Form zielt auf eine aktive Anteilnahme (Katzenbach, 2004, S. 182). Solidarität führt das Subjekt zu einem Selbstbezug der Selbstschätzung. Ihr steht die Entwertung der Lebens­form als Form der Missachtung gegenüber (vgl. ebd.).

Überlegungen aus Sicht der Behindertenpädagogik

Stellt man den ‚Kampf um Anerkennung‘ in den Kontext der Behindertenpädagogik, so ergeben sich einige Spannungsverhältnisse und ungeklärte Fragen. So zeigt Katzenbach Parallelen zwischen den leitenden Motiven heilpädagogischer Prinzipen, beziehungsweise mora­lischer Orientierungen und den Anerkennungsdimensionen nach Honneth auf (Katzenbach 2004, S. 140 f). Demnach sei die Fürsorgeethik der „traditionellen Heilpäd­agogik“, der Dimension der Liebe zuzuordnen. Das bedeutet jedoch nicht, „dass mit der Inan­spruchnahme der Kategorie der Fürsorge als Legitimationsgrundlage behindertenpäd­agogischen Handels gleichsam automatisch die Erfüllung des entsprechenden Bedürf­nisses nach Anerkennung […] einhergehe“ (ebd. S. 141). Das Gegenteil sei der Fall: Menschen mit Behinderung würden mitunter unter Berufung auf die Fürsorge, ihrer Autonomie beraubt und erhielten im Gegenzug keine stabilen Beziehungen (ebd.).

Das Prinzip der Selbstbestimmung ordnet er der Dimension des Rechts zu. Beiden sei die moralische Institution der Gleichbehandlung immanent (ebd.). Und beide wollen das Subjekt mit unveräußerlichen Rechten vor Übergriffen des Staates oder anderer Subjekte schützen. Eine weitere Verbindung sieht Katzenbach zwischen dem Empowermentprinzip und der Anerkennungsdimension der Solidarität. Der Ansatz des Empowerment ist ebenso am Gemeinwesen orientiert und so mit der solidarischen Zustimmung der Individuen in Verbindung zu bringen. Der Selbst­bestimmungsgedanke stelle dagegen das Individuum ins Zentrum (vgl. Katzenbach, 2004 S. 138).

Zwischen den Denkmodellen der Behindertenpädagogik nimmt Katzenbach ebenso ein Spannungsverhältnis an, wie Honneth dies zwischen den Dimensionen der Anerkennung denkt. Für alle Anerkennungsformen gelte, „dass die Berufung auf eine normative Orientierung nicht mit der Erfüllung der sich daraus ableitenden Ansprüche gleichzusetzen ist.“ (Katzenbach 2004, S. 141). Für die Arbeit in der Praxis bedeutet das, dass Professionelle sich nicht auf ein Handlungsprinzip festlegen können, um Anerkennung im Sinne aller drei Dimensionen zu gewähren. Vielmehr werde in konkreten Anforderungssituationen entschieden, nach welchen Maximen das Handeln auszurichten sein (ebd.)

Reziprozität und Symmetrie – für Menschen mit Behinderung möglich?

Darüber hinaus lassen sich Fragen nach der Reziprozität und der Symmetrie von Aner­kennungsbeziehungen stellen. Vor allem die Aussage Honneths, dass es in Aner­kennungsbeziehungen einen „Zwang zur Reziprozität“ gibt (Honneth 1994; zit. nach Escalante 2012, S. 194), zieht Probleme für die Rezeption in der Behindertenpädagogik nach sich. Honneth meint damit, dass ein Subjekt nur in dem Umfang anerkannt werden kann, in dem es selbst auch andere anerkennt (vgl. ebd.). Das Individuum muss hier also Voraus­setzungen erfüllen, um selbst Anerkennung zu erlangen. Escalante (2012, S. 194) sieht die größten Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Anspruchs auf Reziprozität in der Aner­kennung der Liebe. Am Beispiel der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind nimmt sie Honneths Aussage auf, nach der es sich um eine reziproke Beziehung handele, „weil [… beide; G.F.] sich wechselseitig in ihrer konkreten Bedürfnisnatur bestätigen und damit als bedürftige Wesen anerkennen.“ (Honneth 1992; zit. nach Escalante 2012, S. 195) Unter dem Aspekt der Selbstbehauptung wendet Escalante ein, dass die Mutter in der Beziehung bestimmte Aufgaben quasi pflichtmäßig erfülle, als Beispiel nennt sie die Unter­stützung zur Über­windung von Frustration. Das Kind hätte in der Beziehung keine solchen Aufgaben zu erfüllen, womit die Beziehung nicht symmetrisch sei (ebd., S. 196). Die Begriffe Symmetrie und Reziprozität verwendet Escalante hier synonym. Die Anerkennungs­beziehungen in der Dimension der Liebe können für Menschen im Allgemeinen nicht quantifiziert werden. Für die professionelle sonderpädagogische Arbeit muss gelten, dass Menschen mit Behinderung in Anerkenn­ungsbeziehungen dieser Dimension nicht auto­matisch auf die Ebene von Kindern gestellt werden, und die Achtung ihrer größtmöglichen Autonomie erfahren. Ein „Zwang zur Reziprozität“ ist für Menschen mit und ohne Behinderung eben nicht in jeder Lebenslage umsetzbar. Lediglich in einer „reifen Form der Liebe“ sieht Escalante (ebd.) die Möglichkeit, diesem Anspruch gerecht zu werden, wenn sich zwei autonome Subjekte diese Form der Anerkennung zollen.

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668480629
ISBN (Buch)
9783668480636
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368556
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Rehabilitationswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Inklusion Axel Honnet Behindertenrechtskonvention

Autor

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Titel: Anerkennung. Ein zentraler Begriff für die Inklusion von Menschen mit Behinderung