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Formen der Macht. Vergleich der machttheoretischen Perspektiven von Norbert Elias, Michel Foucault und Heinrich Popitz

Seminararbeit 2015 15 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorstellung der Machttheorien
2.1 Popitz: Phänomene der Macht
2.2 Foucault: Der Wille zum Wissen
2.3 Elias: Was ist Soziologie

3 Vergleich der machttheoretischen Perspektiven
3.1 Machtentstehung
3.2 Machterhaltung

4 Schluss

Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Vergleich der machttheoretischen Perspektiven von Popitz, Foucault und Elias. Konkret soll im Folgenden untersucht werden, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sich in den jeweiligen Theorien erkennen und differenzieren lassen. Dazu werden beispielhaft Textausschnitte der Autoren analysiert.

Die Analyse der angeführten Ursachen von Machtentstehung und -erhaltung macht deutlich, dass sich die Theorien von Popitz, Foucault und Elias in ihrem Kern voneinander differenzieren lassen, hebt jedoch zugleich auch hervor, dass sich elementare Aspekte und grundlegende Argumentationen oftmals ähneln oder aufeinander aufbauen.

1 Einleitung

„Wissen ist Macht“. Dieser bekannte und im Volksmund sprichwörtlich verbreitete Ausdruck stammt vom englischen Philosophen Francis Bacon (1597, S.13) und könnte als Zusammenfassung der wohl markantesten und wichtigsten Überschneidung der Machttheorien von Elias, Foucault und Popitz dienen. Der Analyse eben dieser drei verschiedenen Theorien widmet sich die vorliegende Arbeit. Konkret soll im Folgenden auf der Basis von Textausschnitten der drei Autoren untersucht werden, welche Ähnlichkeiten und evidenten Unterschiede zwischen den jeweiligen machttheoretischen Perspektiven bestehen. Um diese herauszustellen, werden die einzelnen Theorien zunächst beschrieben und die behandelten Textausschnitte erklärend zusammengefasst.

Im zweiten Teil der Arbeit geht es um Entstehung und Erhaltung von Macht. Das Phänomen der Machtentstehung wird stets auf leicht unterschiedliche Weise beschrieben. tAuch die Betrachtung der Methoden zur Machterhaltung bietet eine exzellente Grundlage, um die Ansichten von Elias, Foucault und Popitz miteinander zu vergleichen.

Schlussendlich wird ein Fazit gezogen, welches die wichtigsten Resultate des durchgeführten Vergleichs noch einmal zusammenfassend angibt und versucht, anhand dieser eine generelle „kumulierte“ Theorie zur Entstehung und Erhaltung von Macht zu entwickeln.

2 Vorstellung der Machttheorien

Der Begriff der Macht wird häufig als polymorphes Phänomen sozialer Beziehungen beschrieben, welches die Möglichkeit bietet, individuelle Interessen auch gegen den Willen anderer oder der Mehrheit durchzusetzen. Basierend auf unterschiedlichen Hintergründen stellt Macht ein Grundprinzip menschlicher Interaktion dar, welches gesellschaftliche Systeme massgeblich prägt.

2.1 Popitz: Phänomene der Macht

Der Textauszug aus Heinrich Popitz‘ Werk „Phänomene der Macht“ (1992) behandelt hauptsächlich das Thema der Machtentstehung. Anhand von drei unterschiedlichen Beispielen werden Prozesse der Machtbildung beschrieben, bevor anschliessend versucht wird, anhand der durch die Analyse der drei Situationen erhaltenen Resultate eine allgemeingültige Theorie aufzustellen. Zu beachten ist dabei, dass alle Beispiele unter kasernierten, das heisst isolierten, Bedingungen stattfinden, wodurch ein gesellschaftliches Vermeidungsverhalten ausgeschlossen wird. Darüber hinaus sind alle Personen zu Beginn gleichgestellt. Ausgehend von diesem primären Stadium wird beobachtet, wie in allen Beispielen ein komplexer Prozess der Vergesellschaftung stattfindet. Dabei sticht hervor, dass sich nicht die Mehrheit durchsetzt, wie es normalerweise zu erwarten gewesen wäre, sondern eine kleine Anzahl an Individuen ihre persönlichen Interessen durch unterschiedliche Methoden durchsetzen kann (Popitz, 1992, S. 187).

Beispiel 1

Das erste Beispiel beschreibt die Entstehung einer Drei-Klassengesellschaft als Konsequenz von Verfügungsgewalten und der Knappheit eines exklusiven Gebrauchsguts. Die Ausgangssituation ist Folgende: auf einem Kreuzfahrtschiff sind nur ein Drittel so viele Liegestühle wie Passagiere vorhanden. Da Belegungssymbole nicht akzeptiert werden und die Passagiere nach Gebrauch ihren Platz verlassen, kommt keine Verteilungsknappheit auf. Als jedoch eine kleine Gruppe von Neuankömmlingen das Schiff betritt, erheben sie einen dauerhaften Besitzanspruch auf die Stühle. Durch Abschreckungsaktionen und die auf jeweils eigenen Interessen basierende Kooperation und Organisation der neuen Besitzer, kann diese kleine Gruppe schliesslich eine exklusive Verfügungsgewalt über ein knappes und begehrtes Gebrauchsgut gegenüber der Mehrheit etablieren, wodurch eine gesellschaftliche Struktur an Bord des Schiffes entsteht. Es entwickelt sich eine Zwei-Klassengesellschaft (Popitz, 1992, S. 187f.).

Als Erweiterung dieses Systems werden einige Besitzlose durch Vermietung der Liegestühle privilegiert. Als Gegenleistung dienen sie den Besitzenden als Wächter, wodurch deren Besitz- und Herrschaftsanspruch bestätigt und die Zwei- zur Drei-Klassengesellschaft erweitert wird (Popitz, 1992, S. 189f.).

Das Phänomen, dass die kleine Gruppe ihre Interessen gegenüber der Mehrheit durchzusetzen vermag, begründet sich in diesem ersten Beispiel durch die überlegene Kompetenz zur Organisation und Kooperation der Besitzenden. Durch Stellvertretung, Unterstützung und Schutz resultiert auf der Basis des Gegenseitigkeitsprinzips eine offenbare Legitimation (Popitz, 1992, S. 196f.).

Der Ausbau der Macht findet hauptsächlich durch die Schaffung von Abhängigkeiten statt. Die Besitzenden manipulieren die Mehrheit, indem sie eine Dienstleistungsklasse mit Treueprämien und Chancen des gesellschaftlichen Aufstiegs etablieren (Popitz, 1992, S. 197).

Die Frage, weshalb die beschriebene Machtstruktur erhalten bleibt, wird im Kapitel 3.2 behandelt.

Beispiel 2

Im zweiten Beispiel wird beschrieben, wie eine kleine Gruppe von vier Gefangenen es schafft, in einem Gefangenenlager durch den Bau eines Herds eine herausragende Machtposition zu erlangen. Voraussetzung dafür ist ihre ungewöhnlich grosse Solidarität untereinander sowie ihre rasche Kooperation. Sie unterstützen einander und machen sich bei der Entwicklung, Herstellung und Nutzung des Herds ihre jeweilige Spezialisierung zunutze (Popitz, 1992, S. 201).

Da sie den einzigen Herd im Lager besitzen, entwickelt sich somit ein lukratives Monopol und im weiteren Verlauf entstehen Abhängigkeiten der übrigen Gefangenen, die für die Benutzung der Feuerstelle Zahlungen in Form von Dienstleistungen an die kleine Gruppe der Betreiber leisten (Popitz, 1992, S. 202). Die wichtigsten Faktoren für die Entstehung der Macht der Minderheit sind in diesem Beispiel folglich die aussergewöhnliche Solidarität, der daraus resultierende Produktivitätsvorsprung, Arbeitsteilung sowie Spezialisierung der Mitglieder der innovativen Gruppe der Herdbauer (Popitz, 1992, S. 204 f.). Anschliessend erklärt Popitz, wie es durch eine strukturierte Staffelung der Macht dazu kommt, dass sich ein gewisses Abhängigkeitsgefälle unter den Gefangenen im Lager bildet (1992, S. 211 f.). Ähnlich wie im ersten Beispiel gelingt es der Minderheit, ihre Interessen gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen, indem sie diese manipuliert, in verschiedene Schichten differenziert und durch die somit entstandenen unterschiedlichen Interessenslagen handlungsunfähiger macht (Popitz, 1992, S. 215).

Beispiel 3

Der Prozess der Staffelung ist im dritten Beispiel in einer Erziehungsanstalt weitestgehend abgeschlossen und es hat sich eine bestimmte Ordnung verfestigt: in einer Gruppe von 13 Jungen bilden vier von ihnen das Machtzentrum. Drei weitere übernehmen die Funktion einer exekutiven Hilfstruppe, während die übrigen ausgebeutet werden, indem sie einen Anteil ihrer Essensration an die dominierende Gruppe der vier Machthaber abgeben müssen. Die Eintreibung erledigen die Mitglieder der Hilfstruppe, die im Gegenzug für ihre Dienste einen Teil der Ration der ausgebeuteten sechs Jungen erhalten (Popitz, 1992, S. 216).

Für die Missachtung der vom Machtzentrum etablierten Regeln innerhalb des Systems werden Strafen verhängt und von den Helfern ausgeübt. Die einzelnen Gruppen schwächen sich also auch in diesem Beispiel gegenseitig. Allerdings wird die Legitimation der geschaffenen Ordnung im vorliegenden Fall hauptsächlich durch den Ordnungswert begründet, welchen das etablierte System für die Helfer und Unterdrückten darstellt. Die Entwicklung einer Gewohnheitsliebe und eines daraus resultierenden Investitionswertes innerhalb des bestehenden Systems führen zu einer Angst vor dem Verlust der gewohnten Ordnung (Popitz, 1992, S. 221 f.). Klare Regeln bieten gewisse Orientierungspunkte, an denen alle Beteiligten ihre Handlungen anpassen können, wodurch ein Gefühl der Sicherheit und Kalkulierbarkeit der Zukunft entsteht.

Popitz nennt in diesen Beispielen mit Kompetenz, Solidarität und Gewohnheit diverse Faktoren, die Machtentstehung begünstigen können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Popitz prinzipiell zwischen verschiedenen Interpretationen von Machtprozessen unterscheidet. Essentielle Prozesse sind dabei eine innere Hierarchisierung der Gesellschaft, Arbeitsorganisation, Strategien der Staffelung und Umverteilung sowie die Entwicklung von Abhängigkeitsverhältnissen (Popitz, 1992, S. 229).

2.2 Foucault: Der Wille zum Wissen

Das Werk Foucaults ist seiner Kernaussage nach dem Bereich der historischen Erkenntnistheorie zuzuordnen. Seine Analytik fokussiert sich auf die Beziehungen zwischen Macht und Wissen (Detel, 1998, S. 18 f.). Eben diesen Zusammenhang, der den Mittelpunkt in Foucaults Arbeit „Der Wille zum Wissen“ darstellt, beschreibt das Kapitel „Scientia sexualis“ anhand der Geschichte der Sexualität (Fink-Eitel, 1990, S. 79). Foucault ist der Meinung, dass sich durch die Untersuchung des Sexes der Wille zum Wissen, der laut seiner Theorie den Ursprung von Macht bildet, exemplarisch herausstellen lässt (1983, S. 93).

Die daraus resultierende Wissenschaft des Sexes, die sogenannte Scientia sexualis, basiert auf Erkenntnissen aus Medizin, Psychologie und Religion. Sie erachtet den Akt des Sexes vor allem als Medium, welches der Interpretation von wahr und falsch dient (Foucault, 1983, S. 71 ff.). In dieser Theorie kommt dem Geständnis eine zentrale Rolle bei der Ordnung gesellschaftlicher sowie religiöser Mächte zu. Es erfolgt entweder freiwillig oder wird von dem oder den Mächtigen erzwungen (S. 76).

Die Verpflichtung zum Geständnis manifestiert sich im christlichen Glauben im Akt der Beichte. Während dieses religiösen Rituals beichtet der Gläubige einem Priester seine Sünden und Verfehlungen. In Zeiten der Repression war der Sex zu einem Tabuthema, etwas Zwiespältigem degradiert worden, welches der Beichte bedurfte (Foucault, 1983, S. 78 f.).

Später verlor der Akt des Gestehens den rituellen Part der Beichte und weitete sich stattdessen mittels „Seelenführung und Gewissenslenkung“ (Foucault, 1983, S. 87) auf die Bereiche der Medizin, der Psychiatrie und der Pädagogik aus. Sie alle hatten gemein, dass sie Geständnisse als Praktiken der Wahrheitsoffenbarung ansahen, denen ein Machtverhältnis zugrunde liegt. Dieses resultiert aus der notwendigen Existenz einer zweiten Instanz, die das Geständnis einfordert, beurteilt, bestraft oder vergibt. Der jeweilige Partner hat die Macht über den Gestehenden (Foucault, 1983, S. 80).

Foucault nennt fünf Methoden, mittels derer man die bisherige Erpressung des sexuellen Geständnisses zu einem wissenschaftlichen Diskurs transformiert hat (1983, S. 84 ff.):

1. Kodifizierung: Anwendung standardisierter Mittel wissenschaftlicher Beobachtung (z.B. Fragebögen)
2. Kausalitätspostulat: Notwendigkeit einer allumfassenden Untersuchung und Erforschung des Sexes als polymorphe Ursache
3. Latenzprinzip: Da Kausalitäten und Funktionsweisen des Sexes dem objektiven Beobachter oftmals verborgen bleiben und sich somit einer wissenschaftlichen Analyse entziehen, müssen sie teilweise gewaltsam aktiv offengelegt werden
4. Interpretationsregel: Der Zuhörende muss aus dem offenbarten Geständnis durch Interpretation einen Wahrheitsdiskurs konstituieren und wissenschaftlich analytische Schlüsse ziehen
5. Medizinisierungsimperativ: Sex muss medizinisch kontrolliert, reguliert und normiert werden, um die ihm nachgesagte Verursachung und Verbreitung von Krankheiten zu verhindern

Dies sind letztendlich die Grundlagen, auf denen die Theorie der scientia sexualis aufbaut, die nach Foucault ein Ausdruck des Willens zum Wissen ist und durch gewisse Machtstrukturen entstanden ist, welche sich vor allem durch den Sex als System des Wissens und die damit verbundenen Diskurse, Lüste und Geständnisse charakterisieren (Foucault, 1983, S. 87 ff.).

2.3 Elias: Was ist Soziologie?

Das dritte Kapitel von Elias‘ Werk „Was ist Soziologie?“ stellt ein Spielmodell dar. Dieses baut auf der Grundannahme auf, dass jegliches menschliche Handeln die Überlegungen und Handlungen anderer Menschen beeinflusst und somit wechselseitige Machtbalancen aus diesen Interdependenzen entstehen und ein essentielles Charakteristikum menschlicher Beziehungen bilden (2004, S. 76 f.). Das Spielmodell von Norbert Elias soll dazu dienen, die meist ungleich verteilten bi- oder multipolaren Machtbalancen zu veranschaulichen. Das Modell ist unterteilt in vier Spielsituationen: Vor-Spiel, Zweipersonenspiele und Vielpersonenspiele auf einer sowie auf mehreren Ebenen.

Vor-Spiel

Das Vor-Spiel kann als eine Art Vorüberlegung angesehen werden. Anhand der Betrachtung zweier rivalisierender Stämme in einem Urwaldgebiet wird herausgestellt, dass menschliche Interdependenzen immer durch bi- beziehungsweise multilaterale Funktionen geprägt sind (Elias, 2004, S. 80). Dabei ist die Funktion nicht automatisch positiv konnotiert und eher als Relationsbegriff zu verstehen. Die zentrale Aussage des Vor- Spiels ist folglich, dass Normierungen und Regulierungen erst innerhalb eines bereits existenten gesellschaftlichen Systems entwickelt werden und daher keineswegs deren Ursache darstellen können (Elias, 2004, S. 78).

Zweipersonenspiele

Das erste wahre Modell beschreibt das Spiel zweier Personen, bei dem einer der Spieler dem anderen um ein Vielfaches überlegen ist, wobei die Spielstärke des anderen jedoch nicht inexistent ist. Der Begriff der Macht beschreibt in diesem Beispiel das Mass der Kontrolle und der Beeinflussung der Spielzüge des anderen Spielers (Elias, 2004, S. 84). Der mächtigere Spieler kann somit den Spielverlauf quasi nach Belieben gestalten und die Möglichkeiten des Schwächeren dadurch limitieren. Wenn der Unterschied der Spielstärke der beiden Gegner jedoch abnimmt, kann man daraus schliessen, dass sich die Kontroll- und Beeinflussungsfähigkeit des Dominierenden verringert und der Verlauf des Spiels zunehmend durch die individuellen Pläne beider Spieler gestaltet wird. Das Spiel erlangt somit den Status eines sozialen, von menschlichen Interdependenzen und unterschiedlichen persönlichen Interessen geprägten Prozesses (Elias, 2004, S. 84 f.).

Vielpersonenspiele auf einer Ebene

Nun spielt ein dominanter Spieler gegen mehrere unterlegene Gegner gleichzeitig, jedoch in getrennten Spielen, wobei das jeweilige Differential der Spielstärke weiterhin eklatant gross ist. Jedes dieser Zweipersonenspiele entwickelt seine eigene Machtbalance und Kontrollstrukturen. Nichtsdestotrotz ist die Macht auch in diesem Beispiel definitiv statisch, unelastisch und ungleich verteilt (Elias, 2004, S. 85 f.).

Anschliessend wechselt Elias von der bi- zu einer multipolaren Betrachtung des Spiels, indem er die Ausgangslage verändert: Nun tritt ein Spieler A gegen mehrere andere Spieler gleichzeitig an, die sich zusammenschliessen und als Team agieren. Obwohl die Spielstärke des Spielers A die der anderen im bipolaren Verhältnis übersteigt, so verringert sich dennoch seine Kontrollfähigkeit eindeutig durch den Zusammenschluss der schwächeren Gegner. Durch die Abnahme der Überlegenheit von A wird der Verlauf des Spiels und dessen Planung komplexer und weniger voraussehbar (2004, S. 86 f.).

In der letzten Variante des Vielpersonenspiels auf einer Ebene spielen zwei Gruppen mehrerer Spieler gegeneinander. Sie etablieren Spielregeln, die gleiche Voraussetzungen und Erfolgsaussichten für beide Teams schaffen. Die Konsequenz daraus ist eine starke Verflechtung der Spielzüge aller Mitglieder der Gruppen. Es entsteht unausweichlich eine gewisse Figurationsordnung, an der sich die Spieler bei der Wahl ihrer Züge, die alle reaktiv voneinander abhängig sind, orientieren (Elias, 2004, S. 87).

Vielpersonenspiele auf mehreren Ebenen

Das letzte Spielmodell ist eine Erweiterung des Vorigen. Nun werden weitere Ebenen in das Spiel etabliert, um so einen realitätsnäheren Vergleich zu verbreiteten gesellschaftlichen Strukturen herzustellen. Aufgrund der Tatsache, dass andauernd neue Spieler hinzukommen, verliert das Spiel an Übersicht und der einzelne Spieler an Kontrollfähigkeit, da die Spielfiguration komplexer wird. Eine relevante Beeinflussung des Spielverlaufs ist also praktisch nicht mehr möglich. Um weiterhin ein Funktionieren des Systems zu garantieren, steigt der Druck auf die Gruppe, die Organisation entsprechend anzupassen (Elias, 2004, S. 88). Daraus schliesst Elias auf die Herausbildung einer zweistöckigen Spielergruppe, in der nicht mehr alle teilnehmenden Spieler interagieren (2004, S. 89). Dies ist gleichzusetzen mit einem ungeplanten Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse (Baumgartner & Eichener, 1991, S. 76).

Den oberen Stock bilden die Funktionäre, die eigentlichen Teilnehmer und Entscheidungsträger des Spiels, die als Stellvertreter des unteren Stocks fungieren. Je grösser das Machtdifferential dieser beiden Gruppen ist, umso weniger Möglichkeiten hat die untere Ebene, am Spielgeschehen aktiv teilzunehmen und dessen Verlauf zu beeinflussen (Elias, 2004, S. 89 f.). Andersherum verliert das gesamte System jedoch zunehmend an Übersichtlichkeit und Funktionsfähigkeit, je mehr Macht die untere Ebene erlangt, da nun zu viele Akteure vertreten sind. Es herrscht keine Transparenz und strategische Planung ist nahezu ausgeschlossen. Es wird versucht, die hervorgerufene Instabilität des Systems durch die Bildung von Allianzen auszugleichen und somit eine gewisse Machtbalance herzustellen (Elias, 2004, S. 92 ff.).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668480544
ISBN (Buch)
9783668480551
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368536
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,3
Schlagworte
formen macht vergleich perspektiven norbert elias michel foucault heinrich popitz

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Titel: Formen der Macht. Vergleich der machttheoretischen Perspektiven von Norbert Elias, Michel Foucault und Heinrich Popitz