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Ridendo Corrigo Mores. Die Rolle des Schwank in der spätmittelalterlichen Chronik

Exemplarischer Deutungsversuch anhand der Chronik der Grafen von Zimmern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Schwank – Versuch einer theoretischen Einordnung

2 Die literarische Gattung der Chronik

3 Die Chronik der Grafen von Zimmern
3.1 Die Grafen von Zimmern
3.2 Die Geschichte der Chronik
3.3 Forschungsgeschichte zur Chronik

4 Aus den Schwankepisoden
4.1 Die Geschichte der untreuen Ehefrau des Schuler Jockele
4.2 Von etlichen lächerlichen „schimpfbossen“
4.3 Interpretation und Bewertung

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Quelle

Anhang

Einleitung

„Der Geschichtsforscher [...] wird oft herb enttäuscht: wo er nach einer tiefer eindringenden Darstellung der selbstständigen Beurteilung der Zeitgeschichte sucht und eine solche sicher erwartet, findet er in der Chronik kaum eine oberflächliche Andeutung der historischen Vorgänge.“[1]. Die erste Euphorie der Historiker im 19. Jahrhundert muss, dem Zitat Franklins aus 1884 nach zu urteilen, schnell verflogen sein, nachdem die Chronik der Grafen von Zimmern 1869 von Karl August Barack ediert und veröffentlicht wurde. Die Vertreter des Historismus, die ja zeigen wollten, „wie es eigentlich gewesen“[2], stießen bald bei der Lektüre der Chronik an ihre Grenzen und taten die spätmittelalterliche Schrift als „minderwertig“ ab[3].

Der Grund für diese Bewertung lag in den über weite Teile der Chronik verstreute Episoden, die als „[...] skandalsüchtig und redselig“ und daher „unzuverlässig“ erachtet wurden[4]. Die Historiker hatten es mit Schwankerzählungen zu tun, die sie zunächst nicht einordnen konnten[5]. Aber Schwankbücher waren beliebt in der Zeit, in die auch die Zimmersche Chronik fällt[6], und sie stellen ein Lebenselement des 16. Jahrhunderts dar, das über die diametralen Kategorien „Gut und Böse“ hinausgeht[7]. Je mehr sich die Wissenschaft mit dem Schwank und seinen Themen befasste, desto deutlicher kristallisierten sich Leitmotive heraus: häufig werden Normverstöße und Tabubrüche verarbeitet, insbesondere solche, die die sieben Todsünden der Bibel betreffen[8]. Man postulierte, die Schwankliteratur „protokolliert nüchtern das Bild einer sittenlosen Gesellschaft“[9], die auf humorvolle Art und Weise die gesellschaftlichen Zustände illustrieren soll. So schrieb man dem Schwank Mitte des 20. Jahrhunderts die Aufgabe des moralischen Belehrens im Sinne des mittelalterlichen Geschichtsbildes „historia magister vitae“ zu[10]. Gleichzeitig erkannte man in der humorvollen Art und Weise der Schwankerzählung eine soziale Funktion. Das gemeinsame Lachen über menschliches Fehlverhalten, dass der Schwank immer „pro humanum“, also aus dem Konkreten das Allgemeine erkennbar machend[11], „illustrierte, sollte das Publikum zu so genannten Lachgemeinschaften zusammenschweißen“[12], die sich humorvoll „über eine menschlich heikle Situation“ verständigten[13].

Die Popularität der Schwankliteratur schrieb die Forschung neben dem belehrenden Aspekt auch den gesellschaftlichen Umbrüchen des ausgehenden Spätmittelalters zu[14]. Die Schwank-Collagen hatten nach dieser Auffassung die Aufgabe, die Verkommenheit der Gesellschaft zu illustrieren, die durch den Wandel der Zeit intensivierter auftrat; dem Lachen wurde hier eine kompensatorische, verdrängende Funktion zugeordnet[15], die es den Menschen mit Hilfe „sorgfältiger literarischer Inszenierung“[16] ermöglichen sollten, „einer bedrückenden Realität durch Weglachen [zu] entfliehen“ (ebd., S. 154). Allerdings wurde hierbei der Aspekt der Wahrheit und der zeitgenössischen Begriffsauslegung derer (Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 40) vernachlässigt und so der Schwankliteratur sowie der Chronik nach wie vor der historische Wert nicht zuerkannt. Erst durch die Arbeit Jennys von 1959 wurde dem Schwank erstmals ein historischer Wert zugesprochen, indem er in den Schwänken der Chronik der Grafen von Zimmern Psychogramme der geschilderten Protagonisten erkannte, die einer mentalitätsgeschichtlichen Betrachtung bereits schon recht nahekamen (Briški, S. 16; Jenny, S. 191). Durch das assoziative Moment in den Erzählungen „gibt Froben einen guten Einblick in die Lebenswelt“[17].

Neben den geschilderten Ansätzen, die den Schwank als belehrendes oder kompensatorisches Element betrachten, der zudem mentalitätsgeschichtliche Erkenntnisse bringt, soll diese Arbeit zeigen, dass in der Vielschichtigkeit der Ausführung eine weitere Funktion des Schwank verborgen sein könnte: die soziale Anerkennung, die über das Lachen erzielt wird und die damit verbundene Überzeugungskraft, dass die im Schwank geschilderten Ereignisse die „Wahrheit“ des Schildernden darstellt. Diese Wahrheit soll über das gemeinsame Lachen als verbindende Funktion von den Zuhörern akzeptiert und adaptiert werden.

1 Der Schwank – Versuch einer theoretischen Einordnung

Es gibt „bis heute keine eindeutige und detaillierte formaltechnische Beschreibung“[18] wenn es darum geht, den Komplex des Schwank aus dem 16. Jahrhundert zu erfassen. Vielmehr stellt sich der Schwank als eine Mischform aus einer Fülle von Gattungen dar, der sich zudem durch eine extreme Heterogenität an Themen auszeichnet[19]. So lässt sich in der literaturwissenschaftlichen Betrachtung Einflüsse aus den Gattungen der Exempel, der Fabel der Novelle, der Fazetie oder auch den mittelalterlichen Mären erkennen[20]. Wie eingangs bereits erwähnt, werden häufig Normverstöße und Tabubrüche illustriert, die sich besonders um die Bereiche der sieben Todsünden ansiedeln. Dabei werden in die einfachen Erzählstränge eher stereotype Charaktere eingeflochten, die „für alle Berufe und Stände offen“ sind[21]. Häufig wird mit Vertretern der niederen Geistlichkeit und der niederen sozialen Herkunft exemplarisch illustriert, in welchem Zustand der Erzählende die Gesellschaft sieht. Ein populäres Sujet ist der Ehebruch unter Beteiligung eines Geistlichen, oft dem Dorfpfarrer[22]. Der Ehe kommt hierbei die Mikrofunktion der Gesellschaft zu, indem eine intakte Ehe oftmals mit einer intakten Gesellschaft gleichgesetzt wurde[23].

Diese Schilderungen sind jedoch immer in den Mantel des Komischen gehüllt, sodass es anhand dessen möglich wird, gesellschaftliche Normverstöße wegzulachen[24]. Damit erhält der Schwank sogar „handlungspragmatische Qualität“, indem er „Lachen und Verlachen [...] als Gegenstrategie zur Überwindung einer gestörten Ordnung“ vorführt[25] und weniger als Ausdruck von Unsicherheit zu sehen ist. Vielmehr soll in der Komik der Schilderung Kritik möglich werden und soziales Fehlverhalten illustriert werden[26]. Dabei nutzt der Schwank zwei ganz grundsätzliche Funktionen des Lachens: die soziale Funktion des gemeinsamen Lachens, dass ein Gemeinschaftsgefühl fördert und die Funktion der Fähigkeit zur Kompensation alltäglicher Schwierigkeiten und Konflikte. Zusätzlich erzeugt Lachen auch Zustimmung und Anerkennung, sodass in der Analyse des Schwanks die beiden Intentionen der Belustigung und der moralischen Belehrung, der „Didaxe“ zu erkennen ist[27]. Der Schwank kann weiterhin auch als Deutungsangebot von Ereignissen[28] betrachtet werden, das Material liefert, um Einblick in mentale Strukturen und psycho-historische Konditionen nehmen zu können[29]. Dabei leistet er für den Historiker wichtige Aufklärungsarbeit zu den sozialen Verhältnissen im urbanen Raum[30].

Um die Intention eines Schwank interpretieren zu können, muss jedoch immer der literarische Aspekt berücksichtigt werdeb, die Tatsache der gezielten Inszenierung exemplarischer Ereignisse. Weiterhin ist auch die Divergenz der zeitgenössischen Wahrheitsauffassung zu der heutigen zu beachten, die sich „fundamental voneinander unterscheiden“[31]. So wurde nicht nur erzählt, was als faktisch wahr empfunden wurde, sondern auch, was unter moralischen, religiös-allegorischen und sogar fiktiv-dichterischen Gesichtspunkten als Wahrheit erachtet wurde[32]. Diese, sicherlich von heutigem Verständnis abweichende, Wahrheit ermöglichte es, „fiktive Ereignisse als ‚reale’ Ereignisse zu beschreiben“[33]. Bezieht man in diese Betrachtung noch den Aspekt der Standortgebundenheit der Autoren bzw. Erzähler und dessen Selektion mit ein, kann man Wahrheit im Sinne der Zeit als einen Zusammenschluß aus reiner Erinnerung (memoriae) erfassen, die ein „subjektives Verstehen objektiv-historischer Faktizität“ darstellt[34]. Nach heutigen Maßstäben kann hier lediglich von einer „möglichen Wahrheit“ gesprochen werden, die der Erzähler derart in narrative Strukturen verpackt, dass er auf größtmögliche Akzeptanz hoffen darf[35].

So ist die Popularität der Schwankliteratur im 15. und 16. Jahrhundert nicht nur auf Paradigmenwechsel am Übergang zur frühen Neuzeit zurückzuführen[36]. Zwar resultierte der belehrende Auftrag sicherlich zum Teil aus den sich ändernden Gesellschaftsaspekten, Classen sieht jedoch keinen ausreichenden Beleg für den „allseitigen Schub der sozialen Sexualverdrängung“, der die zunehmende Obszönität und Frivolität der Schwankerzählungen als kompensatorische Reaktion erklären würde[37]. Vielmehr ordnet er die Beliebtheit des Schwanks der Leistung zu, die „Mikrohistorie der Alltagswelt“ aufzuzeigen, indem er u.a. die Spannungen der katholischen und evangelischen Kirche im Kleinen illustriert[38] und kritische und spöttische Stimmen gegen sie erhebt. Daneben erfreute sich „die Kunst des entlarvenden Spotts und der scharfen Pointe“[39] per se einer großen Beliebtheit, da man sich in diesem Rahmen ungestraft über Obrigkeiten, Kleriker, etc. mokieren[40] und indirekt kommentieren konnte[41].

Die Forschung heute zieht all diese Erkenntnisse in Betracht und ordnet dem Schwank, äquivalent zu seiner gattungs- wie themenspezifischen Heterogenität, ebenso heterogene Intentionen zu, die immer auch von Standpunkt und Aussageabsicht des Erzählenden abhängen. Neben Unterhaltung und Belustigung, der Belehrung und Kritik, sowie der schlichten Lust am Spiel mit Worten geht es dem Schwank auch immer um die Illustration einer Wahrheit an sich. Damit kann hier bereits ein erster Anhaltspunkt zur eingangs gestellten These der Akzeptanz und Adaption der individuellen Wahrheitssauffassung des Erzählenden identifiziert werden.

2 Die literarische Gattung der Chronik

Chronica heißt griechisch das, was lateinisch series temporum genannt wird [...]“, so definierte Isidor von Spanien (gest. 633) mit Verweis auf die antiken Geschichtswerke Eusebios (chronikoì kanònes) und Hieronymus (Chronicon omnimodae historiae) den Terminus der Chronik[42]. Es geht also bei einer Chronik um die Darstellung der „vorhandenen Nachrichten“[43] über Ereignisse in der Zeitfolge, worauf sich auch die meisten Werke des Mittelalters und der frühen Neuzeit stützen, um sich von den Nachbargattungen der Historien und Annalen abzugrenzen[44]. Allerdings gelang eine scharfe begriffliche Trennung trotz aller Bemühungen nicht in einem erforderlichen Maß. Es ging dabei weniger um eine eindeutige Definition des Begriffes der Chronik, sondern vielmehr darum, die Art der textuellen Gestaltung des geschichtlichen Stoffes so zu spezifizieren, dass man „zwischen ‚chronographia’ und ‚historiographia’“ unterscheiden konnte[45]. Während die ‚chroniographia’ eher kurzgefasst das Geschehen einordnet und dabei das „stoffliche Bezugsfeld“ nie als abgeschlossen betrachtet werden darf, ordnet die ‚historiographia’ ihren Stoff nach inhaltlichen Bezügen und liefert detaillierte Darstellungen[46]. Darüber hinaus besaß das Mittelalter weitere Gattungen der Geschichtsschreibung, die sich mit der der Chronik vielfach berührten und überschnitten[47].

In der Forschung sind heute typische Kennzeichen einer Chronik mit Universalanspruch festgelegt: so sei sie üblicherweise von nur einem Autor verfasst, der in seinem Werk die Geschichte von der Schöpfung bis zur eigenen Gegenwart unter „heilsgeschichtlichem Aspekt“ für eine breite Leserschaft aufbereite. Zudem wurden Unterarten der Chronik entwickelt, die sich meist räumlich und zeitlich begrenzten[48]. Dabei gingen die meisten Chronisten zunächst nach dem annalistischen Verfahren[49] vor, wurden in lateinischer Sprache verfasst und stammten aus dem klösterlichen Umfeld. Eine deutschssprachige Chronik wurde erstmals mit dem Annolied von 1080 verfasst[50]. Bereits im 14. Jahrhundert zeigte die Bevölkerung gesteigertes historisches Interesse, sodass insbesondere in den Städten vielfach Geistliche, zum Teil aber auch bereits Laien begannen, Chroniken mit lokal-regionalem Schwerpunkt zu verfassen[51]. So bedienten Chroniken den Bedarf der „spezifischen lokalen oder regionalen Identität“ als Ergänzung zur universalhistorischen Weltgeschichte[52]. Im Zuge dieser Entwicklung wich man von der streng chronologischen Auflistung von Ereignissen ab und begann, Themenbereiche zu durchmischen und Darstellungen literarisch auszuschmücken, so dass das „Gebot des chronographischen [Aufnehmens von Ereignissen Jahr um Jahr] ‚succincte transcurrere memoriam res gestae’“ nicht mehr bindend war und sich die Werke in die Richtung einer breit angelegten, durchaus literarisch gestalteten Historia annäherten[53]. Seither wird der Begriff Chronik auf nahezu jeden Inhalt angewendet, der vergangenes Geschehen thematisiert[54].

3 Die Chronik der Grafen von Zimmern

Vor dem Hintergrund des in Abschnitt 2 beschriebenen Wandels der Gattung der Chronik soll in diesem Abschnitt die Chronik der Grafen von Zimmern literarisch Eingeordnet und analysiert werden. Zum besseren Verständnis des Enstehungskontextes wird zusätzlich ein Blick auf das Haus von Zimmern geworfen.

3.1 Die Grafen von Zimmern

Wenn man einem ersten Werk des Chronisten, Graf Froben Christoph von Zimmern Glauben schenken darf, geht das Haus von Zimmern auf den germanischen Volksstamm der Cimbern zurück und damit - nicht wie - üblich auf eine römisch-katholische Vergangenheit[55]. Tatsächlich überliefert ist jedoch, dass das Haus von Zimmern seit dem Investiturstreit ihren Stammsitz in Herrenzimmern am oberen Neckar, dem heutigen Baden-Württemberg, Kreis Rottweil hatte[56].

Im 14. Jahrhundert erfuhr das Haus von Zimmern einen sozialen Abstieg durch die Sogwirkung der Ächtung des Grafen Eberhard den Durchlauchten von Württemberg[57]. Der soziale Wiederaufstieg gelang Werner von Zimmern (s. Stammbaum im Anhang) durch die Heirat mit Anna, Truchsessin von Rohrdorf, die anschließend auch den Erwerb der Herrschaft Meßkirch im Jahre 1354 ermöglichte[58]. Hierher verlegte das Haus dann seinen Herrschaftsschwerpunkt, den der Sohn Werners, Johann, durch den Erwerb der Burg und Herrschaft Wildenstein im Norden der Meßkirch erweitern konnte[59]. Diese Erweiterung des Herrschaftsgebietes führte zu einer „direkten Konkurrenz“ mit dem Hause Werdenberg. Die Werdenberger waren ihrerseits eng mit dem habsburgischen Kaiserhaus verbunden, die Zimmern hatten die Stadt Oberndorf als Pfand von der Tiroler Linie der Habsburger erhalten. Damit hatte die Konkurrenz und der Friede zwischen den beiden benachbarten Adelsfamilien großen Einfluss auf die Reichspolitik unter Friedrich III. und Maximilian I., insbesondere im Hinblick auf die Gründung des schwäbischen Bundes. Im Zusammenhang mit weiteren Streitigkeiten innerhalb des habsburgischen Herrscherlinien um Heiratsabsprachen und Machtansprüche eskalierte 1488 die Fehde mit dem Hause Werdenberg[60]. Als Konsequenz aus der Eskalation wurde Johann Werner der Ältere und Großvater Froben Christophs (s. Stammbaum) wegen Felonie geächtet. Haug von Werdenberg, ansässig in Sigmaringen konnte sogar den Kaiser dazu bewegen, den Besitz des Hauses Zimmern an sein Haus zu übertragen. Lediglich die Besitztümer des Onkels Gottfried blieben der Familie erhalten[61]. Der daraus resultierende Machtkampf mit den Werdenbergern ist für den Chronisten „das Trauma der Dynastiegeschichte schlechthin“[62].

Doch die massive Ausweitung der Besitztümer ließen die Werdenberger derart mächtig werden, dass sich in ihrem Herrschaftsbereich oppositionelle Kräfte formierten[63]. Hierin lag für den Vater des Chronisten, Johann Werner der Jüngere, die Chance, den sozialen Stand wieder zu restituieren und die Besitztümer durch Eroberungen zurückzuerlangen[64]. Unterstützt wurde er dabei von bayrischen Herzögen, Kleinadeligen und dem Pfalzgraf Philipp[65]. Nach dem Tod Johann Werners des Älteren konnten seine Söhne zunächst die Stadt Oberndorf zurückerobern, etwas später gelang auch die Rückeroberung der Meßkirch[66]. Dies führte ebenfalls dazu, dass das Haus Werdenberg nun auf einen Vergleich drängte, um den seit über 15 Jahre schwelenden Konflikt beizulegen. „Auf dem Reichstag zu Augsburg 1504 [wurde] der ganze Konflikt vertraglich beigelegt, und die Zimmern [...] in ihren früheren Besitzstand wiedereingesetzt.“[67].

Das Haus von Zimmern konnte jedoch diesen Zustand nicht lange halten, denn durch die Rekuperation sind dem Vater Frobens erhebliche Schulden entstanden, die er Mittels geschickter Heirat zu begleichen sucht[68]. Dies scheitert jedoch zunächst an dynastischen Bedenken, verlangte die Braut, er solle den Namen „von Zimmern“ ablegen. Wenig später ehelicht er jedoch standesgemäß und politisch versiert eine Tochter aus dem Hause Werdenberg. Die aus der Ehe entstandenen Ansprüche auf eine Herrschaft im Hessischen kann er nicht durchsetzen. Dies markiert ein erstes Versagen im Erweitern und Erhalt der Besitztümer[69]. Nach Darstellung des Chronisten führt dieses Unvermögen zu einem Zerwürfnis zwischen den Brüdern, das wiederum den Verlust des politischen Ansehens des Hauses nach sich zieht. Weiter führen die Streitigkeiten der Brüder zu einer erneuten Zersplitterung des Besitzes, die z.T. auch durch verlustreiche Verkäufe verursacht wird. Aller Zwistigkeit zum Trotz und womöglich auch zur Wiederherstellung des Ansehens, bemühen sich die Brüder der Vatergeneration 1537, den Grafentitel wiederzuerlangen[70]. Sie begründen dies einerseits mit einer Art Gewohnheitsrecht: „seitmals irer vordern einstals vor vierhundert jaren und bei zeiten, [...], sich graven zu Zimbern geschriben und genempt [...]“[71]. Nachdem nach dem Vater 1548 auch der Onkel Gottfried Werner 1554 ohne Söhne verstarb, konnte Froben als Erbe die Besitztümer beider Familienzweige in einer Hand konsolidieren. Dieser Aufstieg und das Wiedererstarken des Hauses von Zimmern wird als Hauptmotivator erachtet, die Chronik zu verfassen, obschon bereits sein Onkel mit dem Abfassen von chronischen Schriften begonnen hatte und als Lehrer Froben Christophs in diesem Zusammenhang gilt[72].

[...]


[1] Franklin in Jenny, S.23.

[2] Ranke, Sämtliche Werke, Bd. 33/34, S. VII.

[3] Jenny, S. 189.

[4] Ebd., S. 24.

[5] Ebd., S. 23.

[6] Ebd., S. 188.

[7] Ebd.

[8] Ehrismann, S. 55.

[9] Ebd., S. 71.

[10] Jenny, S. 188.

[11] Ehrismann, S. 60.

[12] Wolf, „auf das die herren was zu lachen hetten“, S. 154.

[13] Ebd., S. 149.

[14] Classen, S. 1.

[15] Ebd.

[16] Wolf, „das die herren was zu lachen hetten“, S. 151.

[17] Jenny, S. 191.

[18] Classen, S. 2.

[19] Ebd.

[20] Ehrismann, S. 55.

[21] Ebd.

[22] Ebd., S. 80.

[23] Ebd., S. 75.

[24] Wolf, „das die herren was zu lachen hetten“, S. 154.

[25] Ebd., S. 156.

[26] Classen, S. 13.

[27] Ebd., S. 13 – 14.

[28] Röcke, S. 85.

[29] Classen, S. 4.

[30] Ebd., S. 15.

[31] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 40.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Ebd., S. 45.

[35] Ebd., S. 46.

[36] Classen, S. 6.

[37] Ebd., S. 9.

[38] Ebd., S. 10, 15.

[39] Röcke, S. 96.

[40] Classen, S. 7.

[41] Wolf, „das die herren was zu lachen hetten“, S. 159.

[42] Melville, S. 305.

[43] Schnith, Sp. 1956.

[44] Ebd.

[45] Ebd.

[46] Melville, S. 305.

[47] Schnith, Sp. 1957.

[48] Ebd.

[49] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 24.

[50] Schnith, Sp. 1963.

[51] Ebd.

[52] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 25.

[53] Melville, S. 306

[54] Ebd., S. 307.

[55] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 157; Briški, S. 20ff.

[56] Kruse, Sp. 616.

[57] Ebd.

[58] Ebd., Sp. 617.

[59] Frick, S. 12.

[60] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 275-278.

[61] Kruse, Sp. 617.

[62] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 274.

[63] Ebd., S. 277.

[64] Kruse, Sp. 617.

[65] Wolf, Von der Chronik zum Weltbuch, S. 277.

[66] Ebd.

[67] Ebd.

[68] Ebd., S. 311.

[69] Ebd., S. 313.

[70] Briški, S. 176.

[71] Kapitel 152 in Barack, Bd. 3, S. 205.

[72] Jenny, S. 44.

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668494411
ISBN (Buch)
9783668494428
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368524
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Zimmer'sche Chronik Spätmittelalter Lachgesellschaften soziale Funktion Humor Lachen Schwank

Autor

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Titel: Ridendo Corrigo Mores. Die Rolle des Schwank in der spätmittelalterlichen Chronik