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Wundergeschichten im Religionsunterricht der Grundschule. Eine theologische und didaktische Annäherung

von Lucas Brannach (Autor)

Bachelorarbeit 2009 42 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

01. Einleitung

02. Der garstige Graben der Geschichte

03. Wunder aus theologischer Perspektive
3.1 Zur Terminologie der 'Zeichentaten' Jesu im Neuen Testament
3.2 Überlieferungsgeschichtliche Gesetzmäßigkeiten
3.3 Formale Aspekte neutestamentlicher Wundergeschichten
3.4 Der hermeneutische Wandel und das Wirklichkeitsverständnis von Wundergeschichten

04. Ein Grundriss soziokultureller und anthropogener Voraussetzungen von Schülern der Grundschule
4.1 Die religiöse Sozialisation des Kindes
4.2 Einblicke in kognitive und religiöse Entwicklungstheorien
4.2.1 Die kognitionspsychologische Entwicklung nach Jean Piaget
4.2.2 Die Entwicklung der religiösen Urteilsbildung nach Fritz Oser und Paul Gmünder
4.2.3 Die Stufentheorie der Glaubensentwicklung von James W. Fowler
4.2.4 Kritische Anmerkungen
4.3 Die Kindertheologie - Theologisieren mit Kindern

05. Ein Für und Wider im Gebrauch von Wundergeschichten im Primarbereich

06. Die Bedeutung von Wundergeschichten im Grundschulalter
6.1 Im Sinne von Hoffnungsgeschichten
6.2 Begrenzungsüberwindungen - Wundergeschichten vs. säkulare Heilsmythen
6.3 Wunder als Überlieferung des Glaubens

07. Didaktische Überlegungen zur Vermittlung der Zeichentaten Jesu innerhalb der cciiGrundschulzeit

08. Wundergeschichten im sächsischen Lehrplan der Grundschule

09. Ausblick

10. Literaturverzeichnis
10.1 Schriftentum
10.2 Beiträge und Aufsätze aus Sammelwerken
10.3 Zeitschriftenbeiträge
10.4 Quellen und Informationen aus dem Internet

1. Einleitung

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“1 ließ JOHANN WOLFGANG VON GOETHE seinen Faust resümieren. Auch wenn es bei ihm um die Erklärung ging, dass dem Ungläubigen jenes großartige Osterwunder verschlossen bliebe, so birgt es doch viel Wahrheit in sich. Um jedoch den Charakter der vorliegenden Arbeit zu umschreiben, müsste sich das liebste Kind als schwierigstes Kind offenbaren.

Trotz ablehnender Haltung gegenüber der Wundertaten biblischer Überlieferungen zeigt sich heutzutage in einer rationalen und technisierten Welt eine steigende Wundergläubigkeit, die unbestimmte Sehnsucht nach Transzendentem und nicht Erklärbarem wächst. In diesen Zwiespalt nun werden Kinder hineingeboren, wachsen in einer Spanne von hochreligiöser bis abgeklärt atheistischer Erziehung auf und werden doch jeden Tag mit Situationen konfron- tiert, in denen sie, ähnlich biblischer Figuren, Begrenzungen und Ängsten unterliegen, die sie allein nicht überwinden können. Viele wenden sich infolgedessen durch Medien bereit- gestellten Helden zu, um Hoffnungen und Glaube in Fantasiewelten für sich spürbar zu machen. Dabei ist sicher die Gefahr groß, sich in diesem Ersatz zu verlieren und Realität nicht mehr eindeutig von Irrealität zu unterscheiden. Wundergeschichten könnten hier, aufgrund ihrer Verortung innerhalb erfahrbarer Tradition, einen Ausweg schaffen, eine Alternative gegenüber Fiktion. Nun ist vielleicht gerade das ihr Problem. Für viele Menschen stellen auch sie fiktionale Texte dar, denen jede Historizität abhanden gekommen ist. Der Graben der Zeit ist einfach schon zu tief gezogen, als dass man sich ihrer annehmen könnte. Aber ist der zeitliche Abstand zwischen Jesu Wirken und unserer Perspektive wirklich ausschlaggebend dafür, sich von dem Geschehenem nicht mitnehmen ja anrühren lassen zu können oder darin eigene Erfahrungen widerspiegelnd zu betrachten?

Die Schwierigkeit, an der sich entfaltenden Wirkung von Wundergeschichten tatsächlich Anteil zu nehmen, liegt nicht nur in ihrer historischen und theologischen Einbettung, sondern auch im metaphorischen Deuten ihrer tatsächlichen Aussageabsicht. Gerade hier baut sich in jungen Jahren ein Verstehenskonflikt auf. WERNER H. RITTER fragt in seinem gleichnamigen Aufsatz „Kommen Wunder für Kinder zu früh?“2 und trifft damit den Nerv einer jahrzehnte andauernden Diskussion. Eine Vielzahl von Religionspädagogen sah sich mit eben dieser Frage konfrontiert. Sind Schüler3 im Grundschulalter bereits fähig, an Wundergeschichten zu partizipieren, ohne in ihnen Fehldeutungen zu sehen, die im weiteren Verlauf ihrer religiösen Entwicklung dazu führen könnten, den eigenen Glauben vollständig zu erschüttern?

Ich möchte dieser Frage in meiner Arbeit nachgehen und auch für mich selbst nach Antworten suchen.

Zu Beginn werde ich darauf eingehen, welche Rolle unterschiedliche Weltbilder im Hinblick auf das Verstehen von Wundergeschichten einnehmen und inwieweit der oben bereits angesprochene zeitliche Abstand zwischen Autor und gegenwärtigem Leser beeinflussend auf deren Rezeption wirkt. Daran anschließend wähle ich einen engeren Rahmen und widme mich so den neutestamentlichen Wunderüberlieferungen. Dabei beziehe ich mich auf deren terminologische und formale Aspekte sowie dem an ihnen vollzogenen hermeneutischen Wandel. In einem dritten Teil zeichne ich einen Grundriss soziokultureller und anthropogener Voraussetzungen von Schülern der Grundschule auf. Neben religiöser Sozialisation und Einblicken in Entwicklungstheorien wird auf das Theologisieren mit Kindern einzugehen sein. Die oben erwähnte Diskussion über das Für und Wider im Gebrauch von Wundergeschichten im Primarbereich bildet den vierten Teil. Folgend äußere ich mich zur Bedeutung dieser im Grundschulalter, um darauf aufbauend noch einige didaktische Überlegungen zum Einsatz innerhalb der Grundschule zu skizzieren. Im Abschluss meiner theologischen und didaktischen Annäherung werfe ich einen Blick auf den aktuellen sächsischen Lehrplan für Evangelische Religion und überprüfe die Einbettung des vorher Erfassten. 4

2. „Der garstige Graben der Geschichte“

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparate benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“5

Mit diesem Zitat RUDOLF BULTMANNs beginnt MICHAELA ALBRECHT ihren Aufsatz 'Heute noch an Wunder glauben?'6 und trifft damit den Nerv der Zeit. Seit dem „Siegeszug der historischkritischen Exegese (sind Wunder zum Problem avonciert und werden) an den Rand gedrängt, spiritualisiert oder ethisiert [...], da die entsprechenden biblischen Geschichten dem rationalen Weltbild der Neuzeit zu widersprechen scheinen.“7 Für viele Menschen ist der Glaube an Wunder befremdlich und wird als nicht mehr zeitgemäß betrachtet. Das Wunder und mit ihm die Wundergeschichten sind zum Problem geworden.

WERNER H. RITTER signalisiert in seinen Worten die Bedeutung des jeweiligen Weltbildes, aus dessen heraus Wunder zwangsläufig interpretiert werden. Eben dieses neuzeitliche Verständnis denkt Wunder in einer ganz anderen Form, als es die Menschen zu Jesu Lebzeiten innehatten. Heute gilt als Wunder, „wenn etwas gegen die uns bekannte Naturordnung geschieht und damit wissenschaftlich nicht erklärbar erscheint“8. Der Wunder- begriff an sich ist dehnbar und wird heute auch weitläufig für eine Geschehen verwendet, wenn ihm „das Moment des Überraschenden und Erstaunlichen innewohnt“9. Der Begriff des Wunders hat, semantisch betrachtet und verglichen mit seiner ursprünglichen Intention, an konnotativer Bedeutung verloren. Beispiele, wie das „Wunder von Bern“ (1954), in dessen Zusammenhang die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen die als haushoch überlegen geglaubten Ungarn gewann, oder das „Wunder von Lengede“ (1963), in dem elf längst tot geglaubte Bergleute gerettet wurden, zeigen dies. In beiden Begebenheiten geschah nichts wider die wissenschaftlich definierten Naturgesetze.10

Das antike Wunderverständnis hingegen ist sich keiner „der kritischen Vernunft zuwiderlaufende[n], die wissenschaftlich erfassbare Naturkausalität durchbrechende[n] Ereignis[se]“11 bewusst. Das Wundergeschehen wurde anders wahrgenommen. Für die Menschen der Antike gehörten Wunder, in ihrem Verständnis, zum Leben hinzu. Sie sind Bestandteile ihres Weltbildes, „d.h. der Einbruch von Machterweisungen einer übernatürlichen Welt der Götter in [ihre] natürliche Welt ist [für sie] durchaus möglich“12. Die damalige mythische Weltsicht kennt keine absolute Trennung zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt. So ergeben sich Merkmale von Wundern aus dem antikem Denken heraus, die das Geschehen als „außergewöhnliches Ereignis, das den Gang des Normalen unterbricht und ganz allgemein Verwunderung hervorruft“13, deuten. Für die Staunenden steht hinter dem Ereignis eine Absicht, die menschlicher Verfügungsgewalt entzogen ist und sich zum Heil des Menschen ereignet. Die Wundertat trägt einen zeichenhaften Charakter und wirkt nur für diejenigen, die glauben.14 Der Glaube spielt in diesem Zusammenhang eine ganz wesentliche Rolle. Nach KLAUS BERGER ist er als Kraft in dem Geheilten zu verstehen und nicht als Kraft eines Wundertäters. JENS HERZER schließt in diesem Zusammenhang seinen Vortrag „Zeichen und Wunder“ mit der Einsicht, dass der Glaube und das sich aus ihm erschöpfende Vertrauen eigene Wunder erfahren zu können, das eigentliche Wunder darstellen.15 Durch das Einssein im Glauben, vollzieht sich eine Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen, die wiederum eine Versöhnung des Menschen mit sich selbst bedeutet.16 Beim Verständnis des Wunderglaubens spielen soziale Bedingungen urchristlicher Wundergeschichten eine tragen- de Rolle. Wundergeschichten werden in diesem Zusammenhang als kollektive, symbolische Handlungen gesehen, in denen eine neue Lebensform erschlossen wird.17 Für BERGER besteht eine wichtige Voraussetzung, Wunder erleben und erfahren zu können, darin, dass das menschliche Dasein in hohem Maße ungesichert ist. Wunder erfuhr man daher dort, wo mit fast allem gerechnet wurde - bis hin zu einer radikalen Wende der Lebensumstände und allen Folgen, die das haben konnte.18 Nicht der Grad des Außerordentlichen am geschehenen Wunder war ausschlaggebend, sondern die intensiver als sonst erfahrene Gegenwart des Göttlichen. Erst mit dem Entstehen der Naturwissenschaften rückte die Frage nach dem Überwinden von Naturgesetzen als wesentliches Kriterium für ein Wunder in den Vordergrund.

„GERD THEIßEN zeigte, daß der Wunderglaube auch in dem Sinne historisch bedingt ist, daß er in manchen Zeiten deutlich zunimmt, in anderen zurückgeht. Das Urchristentum gehört an die Spitze eines wachsenden Wunderglaubens in der Antike. Nirgendwo sonst werden so viele Wunder von einer einzigen Person überliefert wie in den Evangelien von Jesus.“19

Er wendet sich mit dieser Auffassung und der ihr zu Grunde liegenden sozialgeschichtlichen Forschung gegen die Vorstellung eines zeitlosen Wunderglaubens. Gerade die angedeutete zeitliche Ballung wunderhafter Ereignisse um die Person Jesu herum, rückt diese Epoche in ein besonderes Licht. Das christliche Wunderverständnis orientiert sich in hohem Maße an der biblischen Wunderüberlieferung und dabei vor allem an den Zeichentaten und Machterweisen der Evangelien des Neuen Testaments. Sie stellen nach RAINER LACHMANN einen wesentlichen Teil der Überlieferung Jesu von Nazareth dar und kommen innerhalb der Bibel so häufig vor, wie sonst keine andere Überlieferungsform.20

Daraus ergibt sich der folgende Einblick in die neutestamentliche Theologie der Wunder.

3. Wunder aus theologischer Perspektive

3.1 Zur Terminologie der 'Zeichentaten' Jesu im Neuen Testament

Nach BERND KOLLMANN kann eine Untersuchung des Sprachgebrauchs der biblischen Schriftsteller, im Vergleich zu ihrer Umwelt, entscheidende Einblicke in das facettenreiche, antike Wunderverständnis bieten. Nach ihm sind biblische Verfasser dem Wunderdenken ihrer Zeit verhaftet und heben sich doch, gerade im Hinblick darauf, wie sie die aus ihrer Umwelt geläufige Wunderterminologie verwenden, davon ab.21

Im Blick auf unseren heutigen Wunderbegriff, kennt die griechische Sprache eine Vielzahl von Begriffen, die unser heutiges Wortfeld des Wunders umschreiben. Für das Spektakuläre steht der Begriff thauma (Sehenswürdigkeit oder Kunststück), für Tüchtigkeitserweise oder eine Heldentat findet sich die Wendung arete, im Hinblick auf Erstaunliches bzw. Wunderbares wurde die Bezeichnung thaumasion verwendet und unerwartete, unglaubliche Geschehen wurden als paradoxon bezeichnet. Die Autoren des Neuen Testaments hingegen gehen bei ihrer Wortwahl mit Bedacht vor, sie lehnen den semantischen Charakter des Erstaunlichen oder Wunderbaren ab22. Stattdessen bedienen sie sich Begriffen, die mit „besonderen Sinnfüllungen versehen (sind, wie) dynamis (Machttat), semeion (Zeichen), das nur in Verbindung damit vorkommende teras (außerordentliche Erscheinung, göttliches Vorzeichen) und schließlich ergon (Werk)“23.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der heute zumeist gebrauchte Begriff des Wunders, auf biblische Überlieferungen angewandt, durchaus irreführend sein kann. Man sollte hier, gerade da es im Zentrum jesuanischer Zeichentaten nicht auf das Mirakulöse und Spektakuläre ankommt, innerhalb der Terminologie klar unterscheiden. Auch WERNER H. RITTER plädiert eher dafür, in diesem Zusammenhang von Machterweisen oder Zeichentaten zu sprechen.24

3.2 Überlieferungsgeschichtliche Gesetzmäßigkeiten

Grundlegend darf nicht davon ausgegangen werden, dass die Wunder Jesu, wie sie uns heute durch das Neue Testament überliefert sind, historische Begebenheiten darstellen. Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass sie im Vorfeld schriftlicher Fixierung vielfältigen Anpassungen unterworfen waren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Tradierungen bzw. redaktionellen Änderungen. Dabei ist vielfach „eine Steigerung des wunderhaften

Elements zu beobachten. Als Faustregel ergibt sich, dass die weniger wunderhafte Version einer Erzählung normalerweise das ältere Traditionsstadium repräsentiert.“25 Tradierungen in Gestalt der oben beschriebenen Steigerungen begegnen uns unter anderem im Geschehen von Mk 10,46-5226 zu Mt 8,28-34 und 20,29-34, in dem aus einem Blinden zwei werden, oder in Mt 8,5-13 zu Joh 4,46-54, in dem eine territorial beschränkte Fernheilung auf eine sehr viel größere Distanz vollzogen wird. Auch die Ausgestaltung der Bildworte Jesu zu Wundererzählungen und die Entstehung von Dubletten oder Varianten, wie sie sich zum Beispiel in den wunderbaren Brotvermehrungen zur Speisung der 4000 (Mk 8,1-10) bzw. 5000 (Mk 6,30-44) Hungrigen finden, stellen typische Veränderungen dar. Innerhalb mündlicher Tradition sind zudem in mannigfaltiger Weise Motive aus der volkstümlichen Wundertradition eingebaut wurden. „Schließlich ist in Einzelfällen, etwa in Lk 7,11-17 oder Mt 17,24-27, auch mit Übertragung ganzer Wundergeschichten aus der Umwelt des Neuen Testaments auf Jesus zu rechnen.“27

Nun ergibt sich natürlich die Frage, warum gerade die Wunder des Jesus von Nazareth so vielgestaltiger Veränderung ausgesetzt waren und man ihre Wirkungsintensität so heroisch zu steigern versuchte. Aufgrund der vorliegenden Tatsachen sind einige Abgrenzungsbedingungen jesuaner Wundergeschichten im Verhältnis paganer Wundertradition aufzuzeigen. GERD THEIßEN formuliert in diesem Sinne:

„Die Wunder Jesu passen in den Kontext analoger antiker Phänomene hinein, zeigen aber in diesem Kontext in zwei Punkten eine individuelle Prägung: einerseits in der Zurechnung der wunderwirkenden Kraft an den Glauben der Hilfesuchenden, andererseits in der eschatologischen Deutung der Wunder.“28

Daraus ergibt sich die spezifische Besonderheit Jesu darin, „dass er das bereits angebrochene Reich Gottes durch sein heilendes, rettendes und befreiendes Reden sichtbar und erlebbar machte.“29

Die Wunderüberlieferungen begegnen uns in drei zu unterscheidenden Teilbereichen. Den

Logien (Wortüberlieferungen), in denen Jesus selbst von seinen Wundern berichtet und zu ihnen Stellung bezieht. Sie bedienen sich der Exorzismen (Mk 3,22f), der Heilungen (Lk 13,22) und einer Totenauferweckung (Lk 7,22f). Den zweiten Teilbereich bilden die Summarien, „mit denen die Evangelisten das Wunderwirken Jesu zusammenfassen und verallgemeinern“30. Sie liegen ebenso in Form von Heilungen (Mt 15,29-31) und Exorzismen (Lk 7,21) vor. Die dritte und umfangreichste Gruppierung bilden die Einzelerzählungen (Wunderberichten), die in hohem Maße von konkreten Wundertaten berichten wollen. Dieser Bereich umfasst ein sehr breites Repertoire an wunderhaften Überlieferungen und soll im Folgenden näher klassifiziert werden.31

3.3 Formale Aspekte neutestamentlicher Wundergeschichten

Innerhalb der Forschung existiert ein breites Spektrum an gattungsspezifischen Einordnungen neutestamentlicher Wundergeschichten. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leisteten RUDOLF BULTMANN und MARTIN DIBELIUS. Wobei BULTMANN grob zwischen Heilungs- und Naturwundern unterschied und DIBELIUS die Einordnung zwischen Paradigmen und Novellen vornahm.32 Ich möchte mich im weiteren Verlauf auf die allgemein anerkannte Formbestimmung durch GERD THEIßEN stützen. Er konnte durch präzise Analyse der Themen und Motive eine kristallisierte Strukturmatrix entwickeln, die alle Gesichtspunkte beinhaltet. Hierbei geht er auf das Inventar der Themen, ihre Komposition und ihr gehaltreiches Feld ein. In diesem Rahmen untergliedert er das Feld der Themen wiederum in die auftretenden Personenkonstellationen (Dämon, Kranker, Wundertäter, Jünger, Menge und Gegner), die Objektbereiche (personenorientiert bzw. sachorientiert), die Perspektiven (dämonische, menschliche und göttliche) und die Grenzüberschreitungen als zentrales Thema der Wundergeschichten, in Bedrohung/Unterwerfung, Mangel/Schenken von Kraft bzw. Gaben und Verschlossenheit/Offenbarung.33 „Das formgeschichtliche Feld der Wunderthemen und -motive zeigt uns Ausschnitte aus der Struktur einer vergangenen, mythischen Sinnwelt, die eine erstaunliche Logik aufweist. Ihre literarischen Formen sind geronnene Akte, in denen die Wirklichkeit geordnet und gedeutet wird.“34

Gut zwei Jahrzehnte später teilt THEIßEN sein Inventar der Themen unter sozialgeschichtlicher Betrachtung neu ein. Danach können wir für Exorzismen, Therapien (Heilungen) und Normwunder einen Ursprung beim historischen Jesus annehmen, wobei die übrigen drei Wundergattungen (Rettungswundern, Geschenkwundern und Epiphanien) „die Person, das Wesen und die Sendung Jesu im Licht des Ostermorgens (beleuchten). Sie sind nicht als Berichte über rein historisch Faktisches zu missdeuten, sondern übersteigen von ihrer Aussageabsicht her gerade den Bezugsrahmen des historisch Einmaligen und verdichten die Glaubenserfahrung der ersten Christen.“35 In ihnen werden Jesus Fähigkeiten zugeschrieben, die über das Menschliche weit hinausgehen.36

Charakteristisch für einen vorliegenden Exorzismus war erstens das Ausgeliefertsein des Menschen an einen Dämon, der dessen menschliches Subjekt besetzt, sowie der Kampf zwischen Dämon und Exorzist (Wundertäter), bei dem sich beide Seiten derselben Waffen bemächtigten. Die Therapien stellen Heilungswunder dar, in denen sich eine Gesundung durch das Übertragen wunderhafter Energie vom Wundetäter auf den Kranken vollzieht. Wesentliche Merkmale sind heilende Berührungen bzw. heilende Mittel, wie Speichel, und als besonderes Charakteristikum der Wunder Jesu, der Zuspruch: „Dein Glaube hat dich gerettet.“37 (u.a. Mk 9,14ff).

„In antiken Wundergeschichten ist immer nur vom nachfolgenden Glauben an die Faktizität schon geschehener Wunder die Rede, nur bei Jesus wird der Glaube zu einer dem Wunder vorausgehenden wunderwirksamen Kraft. [...] Obwohl sich große Wundererwartungen auf (die Person Jesu) richteten, schrieb er letztlich den Hilfesuchenden selbst die Kraft zur Heilung zu.“38

Er lehnte es kategorisch ab, Schauwunder (Mk 8,11-13) zu vollbringen39 und sah seine Wunder nicht als Beweis einer Wahrheit (Mt 7,22f) an. Den Abschluss, der auf den historischen Jesus zurückgehenden Gruppe an Wundern, bilden die Normwunder. Sie dienen dazu, Normen entsprechend zu begründen und in diesem Zuge Verstöße zu bestrafen (sogenannte Straf- wunder) bzw. ihre Einhaltung zu belohnen. Hier zeigt sich wiederum ein Spezifikum Jesu, denn ursprünglich dienten Normwunder der Einschärfung thoraischer Normierungen.

[...]


1 von Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie Erster Teil. Stuttgart: Reclam, S. 24.

2 Vgl. Ritter, Werner H.: Kommen Wunder für Kinder zu früh? Wundergeschichten im Religionsunterricht der Grundschule. In: Deutscher Katecheten-Verein e.V. und Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Katechetische Blätter 120. Zeitschrift für Religionsunterricht, Gemeindekatechese, kirchliche Jugendarbeit. München: Kösel, 1995, S. 832-842.

3 Zur besseren Lesbarkeit wird im Folgenden für beide Geschlechter die männliche Form gewählt.

4 Vgl. Lessing, Gotthold Ephraim: Über den Beweis des Geistes und der Kraft. An den Herrn Director Schumann zu Hannover. Braunscheig, 1777, S. 13. zitiert nach Büttner, Gerhard und Thierfelder, Jörg (Hrsg.): Trug Jesus Sandalen? Kinder und Jugendliche sehen Jesus Christus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, S. 128.

5 Bultmann, Rudolf: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutesta- mentlichen Verkündigung. München: Kaiser Verlag, 1988, S. 16.

6 Albrecht, Michaela: Heute noch an Wunder glauben? Wundergeschichten als intellektuelle Herausforderung für Jugendliche. Stand Unbekannt. Online im Internet: www.rpi-loccum.de/albrech.html [Zugriff 12.07.2009]

7 Ritter, Werner H. und Albrecht, Michaela: Wunder - Geschichten vom gelingenden Leben als Aufgabe der Religionspädagogik In: Ritter, Werner H. und Albrecht, Michaela (Hrsg.): Zeichen und Wunder. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 259.

8 Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten. Biblisch-theologische Zugänge und Impulse für die Praxis. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2007, S. 9.

9 Ebd., S. 9.

10 Vgl. Ebd., S. 10.

11 Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 10.

12 Becker, Ulrich und Wibbing, Siegfried: Wundergeschichten. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1965, S. 3.

13 Evers, Dirk: Was ist ein Wunder? Religionsphilosophische und systematisch-theologische Überlegungen aus evangelischer Sicht. In: Fitschen, Klaus und Maier, Hans (Hrsg.): Wunderverständnis im Wandel. Historisch- theologische Beiträge. Annweiler: Plöger, 2006, S. 23.

14 Vgl. Ebd., S. 23f.

15 Vgl. Herzer, Jens: Zeichen und Wunder. Neutestamentliche Perspektiven. Stand 2. November 2007. Online im Internet: http://www.uni-leipzig.de/~rp/rlt/rlt06/herzer06.html [Zugriff 12.07.2009]

16 Vgl. Berger, Klaus: Darf man an Wunder glauben? Stuttgart: Quell Verlag, 1996, S. 104.

17 Vgl. Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1974, S. 261. Kapitel I. des Dritten Teils: „Die soziale Funktion urchristlicher Wundergeschichten“, Ebd., S. 229-261, bietet einen umfassenden Einblick in die beschriebene Thematik.

18 Vgl. Berger, Klaus: Darf man an Wunder glauben?, S. 45.

19 Merz, Annette und Theißen, Gerd: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Rup- recht, 2001, S. 264.

20 Vgl. Lachmann, Rainer; Adam, Gottfried und Ritter, Werner H.: Theologische Schlüsselbegriffe. Biblisch - systematisch - didaktisch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2004, S. 381. ebenso Vgl. Scholz, Günter: Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1994, S. 147.

21 Vgl. Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 10.

22 Vgl., Ebd., S. 11.

23 Ebd., S. 11.

24 Vgl. Ritter, Werner H. und Albrecht, Michaela: Wunder - Geschichten vom gelingenden Leben als Aufgabe der Religionspädagogik, S. 261.

25 Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 59.

26 Anm.: Alle Folgenden Bibelverweise beziehen sich auf „Die Jubiläumsbibel. Elberfelder Bibel, 2004“

27 Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 59.

28 Merz, Annette und Theißen, Gerd: Der historische Jesus, S. 280.

29 Kirchhoff, Renate: Anstößige Wundergeschichten. In: Grundschule Religion. Wunder. Geschichten vom Körper und vom Heilwerden. Seelze: Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, Nr. 7, 2/2004, S. 28-29, hier S. 29. Vgl. hierzu auch „Jesus als Wundertäter im Vergleich zu Zeitgenössischen Wundertätern“ aus Merz, Annette und Theißen, Gerd: Der historische Jesus, S. 275-279. Gerd Theißen stellt hier noch einmal, gerade in Abgrenzung zu rabbinischen Wundercharismatikern und jüdischen Zeichenpropheten, ganz deutlich deren fehlende eschatologische Wundertätigkeit hervor.

30 Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 58.

31 Becker, Ulrich: Wir haben heute unglaubliche Dinge gesehen. Wundertaten und Wundererzählungen. In: Becker, Ulrich; Johannsen, Friedrich und Noormann, Harry: Neutestamentliches Arbeitsbuch für Religions- pädagogen. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2005, S. 71-83, hier S. 72f.

32 Vgl. Kollmann, Bernd: Neutestamentliche Wundergeschichten, S. 63.

33 Vgl. Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 124. Vgl. hierzu ausführlicher das Kapitel III. des Ersten Teils Ebd., S. 90-125.

34 Theißen, Gerd: Urchristliche Wundergeschichten, S. 124.

35 Gradl, Hans-Georg: Was ist ein Wunder? Biblische Verstehenshilfen für ein theologisches Sorgenkind. In: Fitschen, Klaus und Maier, Hans (Hrsg.): Wunderverständnis im Wandel. Historisch-theologische Beiträge. Annweiler: Plöger, 2006, S. 31-54, hier S. 41.

36 Vgl. Merz, Annette und Theißen, Gerd: Der historische Jesus, S. 268f.

37 Vgl. Kapitel 2 „Der garstige Graben der Geschichte“ (siehe oben)

38 Merz, Annette und Theißen, Gerd: Der historische Jesus, S. 266.

39 Vgl. hierzu auch Baldermann, Ingo: Gottes Reich - Hoffnung für Kinder. Entdeckungen mit Kindern in den Evangelien. Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag des Erziehungsvereins, 1991, S.34f.

Details

Seiten
42
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668477810
ISBN (Buch)
9783668477827
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368498
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Theologische Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Wunder Theologie Religion Unterricht Didaktik Grundschule theologisch didaktisch Bachelorarbeit Pädagogik

Autor

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    Lucas Brannach (Autor)

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