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Das Geheimnis des Lebens im Licht der Vernunft. Der Mensch und die Röntgentechnik in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg"

Hausarbeit 2013 24 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Röntgentechnik im ,Entzauberberg ‘?

2. Das Leben als Geheimnis

3. Sichtbarmachung

4. Die doppelte Lesart

5. Memento mori

6. Krankheit und Dummheit

7. Verklärung

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Im Rahmen der medizinischen Welt eines Davoser Sanatoriums im frühen 20. Jahrhundert thematisiert Thomas Manns Roman Der Zauberberg die damals relativ neuartige Diagnosetechnik der Röntgenstrahlung. Diese Technik, deren Eigenheit in der Sichtbarmachung von Verborgenem liegt, macht das Innere des Menschen zu ihrem Erkenntnisobjekt. Das Kapitel „Mein Gott, ich sehe!“ handelt ทนท von der „Durchleuchtung“ des Romanhelden Hans Castorp und seines Vetters Joachim. Darin entfaltet sich eine Spannung, die bezeichnend ist für die „fieberhafte Hermetik“[1] des Zauberbergs, in welcher der junge Ingenieur der ,flachländischen‘ Arbeitswelt beraubt wird. Er gibt sich stattdessen der Steigerung hin, die seine siebenjährige Verzauberung zeitigt. Die bühnenhaft exponierte Lage des Sanatoriums beherbergt viele Persönlichkeiten, durch welche eine jeweilige Geistesströmung waltet, die sie im Angesicht ihrer Krankheit als Lebensentwurf verkörpern. Auf diesem ideellen Schauplatz entflammt ein Konflikt immer wieder an der Stelle, wo das Menschsein durch die Krankheit seiner Selbstverständlichkeit enthoben und damit fragwürdig wird. In dieser Fragwürdigkeit steht die Wissenschaft und ihr Fortschrittsgedanke als starke These, der Verzauberung grundsätzlich entgegenwirkend, die aber im Fahrtwind der philosophischen Fragen dieses Buches in ihrer Funktion als Vereinnahmerin des Lebensgeheimnisses selbst fragwürdig wird. Im gesteigerten Bewusstsein des Romanhelden um die Offenheit des Umgangs mit dem Geheimnis, stellt sich ทนท die folgende gewichtige Frage, deren Vergegenwärtigung das Ziel der vorliegenden Betrachtung ist: Was widerfährt dem Geheimnis, das der Mensch ist, im Text durch die wissenschaftliche Durchdringung des Menschen, die im Falle der Röntgentechnik im wörtlichsten Sinne gemeint ist? Dabei will ich zunächst versuchen, die Röntgenszene in den grösseren Zusammenhang des Werkes einzuordnen. Das im Roman viel beschworene Lebensgeheimnis wird dann auf seine eigenen Lebensbedingungen hin befragt.

Das Ziehen der Grenze zwischen Erklärbarem und dem Geheimnis belebt die „Forschungen“ Hans Castorps ungemein. Seine Haltung gegenüber dem Lebensgeheimnis kristallisiert sich nicht zuletzt wegen der Konfrontation im Durchleuchtungszimmer mit dem Urgründigen der Körperlichkeit des Lebens und der Allgegenwart des Todes heraus. Im Zuge der Deutung der Innenaufnahmen als modernes Memento Mori werden Sigmund Freuds Gedanken zum Unheimlichen als Gefühlsqualität in die Deutung von Hans Castorps ,Ergriffenwerden‘ im Angesicht des durchleuchteten Körpers einfliessen. Das Unheimliche, das sich dabei beim Hervortreten von etwas Verdrängtem ereignet, verkörpert ebenfalls einen Sichtbarmachungsvorgang von etwas, das dem Reich des Geheimnisses angehören wollte - hier im Sinne eines Hervorholens des Gedankens an die eigene Sterblichkeit an die Oberfläche des Bewusstseins.

Aus Platzgründen muss auf die Herbeiziehung des Kapitels Schnee, das wohl den Höhepunkt von Hans Castorps geistigem Abenteuer darstellt und am ehesten einer Beantwortung der Frage nach dem Lebensvollzug im Bewusstsein um das Geheimnis nahe kommt, verzichtet werden - abgesehen vom darin vorkommenden Leitsatz des Romans. Die Gefahr, sich in voreiligen Schlussfolgerungen zu verstricken, wird dadurch (das heisst durch den Verzicht auf die vollständige Herausarbeitung des Begriffs der ,Humanität‘) etwas abgeschwächt. Trotzdem werde ich hinsichtlich der Lesart des Röntgenbildes, die im Zeichen der Liebe von Hans Castorp zu Clawdia Chauchat steht, auf die Verklärung zu sprechen kommen, die ihrerseits im Zeichen desjenigen Denkens steht, das auf die durchdringende Erklärung verzichten will.

Das hermeneutische Begehren mag, auf das Geheimnis als Verständnisobjekt gerichtet, prima facie seltsam anmuten. Doch im Lichte der Fragestellung, worin das Geheimnis im Zauberberg besteht und welches Schicksal es im Rahmen der Sichtbarmachung durch Röntgentechnik ereilt, wird sich zeigen, dass das Lüften des Schleiers, die Aufhellung eines Erkenntnisobjekts, das Erscheinen an der Oberfläche oder die Wiedererinnerung an Verdrängtes vielleicht gar nie vermag, das Geheimnis in ein lösbares Rätsel zu verwandeln. Die Erweiterung der Sicht geht, entgegen dem aufklärerischen Ideal eines wissenschaftlichen Begreifens im ,Lichte der Vernunft, nicht zwingend mit einer Verminderung des Wirkungskreises des Geheimnisses einher. Der Zweck der folgenden Untersuchung besteht also nicht etwa darin, verborgene Strukturen durch exegetisches Bemühen sichtbar und damit das Geheimnis im Reich der Begriffe fassbar zu machen. Im Bewusstsein der schieren Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens soll deshalb, gerade umgekehrt, das Geheimnis, um welches sich die untersuchten Textstellen drehen, vor Augen geführt und damit vergegenwärtigt werden. Jedenfalls soll hier als Warnung Stehen, dass die literaturwissenschaftliche Behandlung der Sichtbarmachung des Geheimnisses selbst hinter der Grenze des Erklärbaren Stehen bleiben muss, weil sonst die Grundbedingung der Vergegenwärtigungsthese verletzt würde. Ob dadurch überhaupt etwas ,erkenn- beziehungsweise ,einsehbar4 im Sinne einer röntgenhaften Ausdehnung der Sichtweite wird, bleibt dahingestellt.

1. Röntgentechnik im , Entzauberberg ‘?

Die literarische Behandlung der Röntgentechnik kann im Kontext des Zauberbergs mit seinen Erhöhungen und Vertiefungen kaum ,für sich alleine dastehen‘, das heisst ohne philosophische Tragweite und symbolisch-hinweisenden Charakter verstanden werden. Die Lichtanatomie reiht sich als literarisches Sinngebilde in die vielfach überlagerten Bedeutungsschichten des Textes ein. Ich möchte deshalb zuerst versuchen, eine kurze Deutung dieses Sinngebildes zu geben, die für das Verständnis der nachfolgenden Gedanken vonnöten sein wird.

Die Sichtbarmachungsvorgänge durch Röntgentechnik lassen sich als Allegorie für die immer tiefer gehende Durchleuchtung des Menschen durch Wissenschaft und Technik lesen. Ähnlich den Bestrebungen der Psychoanalyse tritt auch hier das Innere des Menschen an die sichtbare Oberfläche. Das, was vorhin noch durch Bewusstsein beziehungsweise Fleisch verhüllt war, soll durch Sichtbarmachung analysierbar und für das wissenschaftliche Begriffsgerüst umgeformt werden.

Die Technik wird hier als die Verwirklichung eines Denkens betrachtet, dem ein Glaube an die durchdringende Erklärbarkeit des Menschen durch Begriff und Zahl zugrunde hegt. Die Objekte einer Wissenschaft, die in der Technik mündet, werden im Hinblick auf ihre begriffliche Erfassung zuerst für entzifferbar erklärt. Die Röntgentechnik steht ทนท für die Verwirklichung der Allegorie visueller Erkenntnis wie die des ,Einsehens‘ für die bis anhin rein ideelle Erkenntnis. Sie erweist sich, wie ich später zeigen möchte, als Umkehr dieser Allegorese des ,Sehens‘ als ,ideelle Einsicht4 und führt somit wieder zurück zur reellen Sichtbarmachung durch Röntgenstrahlen. Und im Falle der Röntgenszene ist es die Durchleuchtung des Menschen, welche für den durchdringenden Blick dieser Art von Denken steht, die in der Nutzbarmachung von Begriff und Zahl zu münden wünscht.

Die zunehmende Lesbarkeit der inneren Vorgänge des Menschen hinterlässt allerdings nur auf den ersten Blick eine Spur der Entzauberung. Wenn wir den Blick auf den Roman lenken, so finden überall ,Verzauberungsvorgänge‘ statt. Diese Vorgänge ereignen sich erstaunlicherweise in jenem Milieu, welches leicht der aktiven Entzauberung durch Rationalisierung ,schuldig gesprochen4 werden kann; der modernen Medizin. Der Zauberberg steht also mitten im Wirkungskreis der entzaubernden Technik. Er ist aber keine rechte Antithese zu ihr - das wäre zu einfach. Der Zauber, den dieser Berg als Denkwelt ausübt, schöpft seine Kraft vielleicht erst aus der Stossrichtung des entzaubernden Denkens.

Die Verzauberung erfordert von ihrem Objekt, dass es weiter denkt und den entzauberten Zustand nicht als ein Ziel, sondern als ein Weg in die Offenheit ansieht. Die Steigerung, die Hans Castorp erfährt, führt, so glaube ich, auf diesem Weg hinauf.

In der Durchleuchtung des Körpers mittels Röntgentechnik drückt sich ein Verlangen aus, immer weiter in die hermetische Geschlossenheit des Körpers vorzudringen. „Warten Sie nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben“[2], kündigt Hofrat Behrens vor der Durchleuchtung seiner Patienten an. Dahinter allerdings nur einen blinden Erkenntnisdurst zu sehen, wäre aber verfehlt. Der Verbesserung der Diagnosetechnik hegt letztlich ein medizinischer Nutzen zugrunde, welcher im Rahmen dieser Arbeit unangetastet bleiben sollte. Hier geht es um etwas anderes - nämlich um die Frage, weshalb und wie in der entzaubernden Wirkung der Röntgentechnik, die hier sinnbildlich für die wissenschaftliche Durchdringung des Lebens steht, die Vergegenwärtigung des Geheimnisses und so das Eindringen in den Zauberberg geschehen kann. Es geht um die sinnbildliche Verzauberung des einfachen Gemüts eines Ingenieurs von „dort unten“, welcher, dem Siebenschläfer gleich, sieben Jahre bei „Denen hier oben“[3] verbringt. Diese Verzauberung zeichnet sich unter anderem dann ab, wenn Hans Castorp, auf der Balkonloge hegend, sich und sein Bewusstsein in den Kosmos einordnet, wenn er das Herz seines ,durchleuchteten‘ Vetters schlagen sieht oder wenn er sich seiner „Verliebtheit“[4] für Madame Chauchat hingibt. Diese für diesen Roman typischen Gemütsbewegungen und Stimmungen Stehen meines Erachtens in engster Beziehung mit der Möglichkeit und Begehrlichkeit einer Vergegenwärtigung des Geheimnisses.

Das Hervorholen desselben aus seiner Verborgenheit ereignet sich dabei auch auf der Textebene - im Sinne einer Thematisierung der verborgenen Geheimnisse dessen, was das Leben, die Zeit, Krankheit oder der Tod eigentlich ist. Es zeichnet sich jedoch ab, dass der Zauberberg am Ende auf der Seite der philosophischen Erkenntnis bleibt. Und das bedeutet doch letztlich immer auch, dass die grossen Fragen aufgeworfen werden, um immer wieder neue Fragen aufzuwerfen. Im Zuge einer Verkomplizierung des Gegebenen wirkt die Philosophie der Entzauberung durch Letztbegründungen entgegen. Hans Castorps’ einfaches Gemüt macht deshalb nicht beim Gefühl der Entzauberung halt, weil er die Unmöglichkeit des Unterfangens erkennt, die Natur vollends in Erkenntnis aufgehen zu lassen. Und vielleicht ist es auch bewusst so gewollt. Das heisst, dass es letztlich auch eine Frage der Wertschöpfung - und damit des Geschmacks - ist, wenn die Vergegenwärtigung des

Geheimnisses an die Stelle der Absolutheit eines in der Technik mündenden Erkenntnisoptimismus tritt.

Die Röntgenszene folgt einem Scheidepunkt, von dem aus sich Manns humanistischer Ansatz von demjenigen des Glaubens an die restlose Vereinnahmung des Geheimnisses, die die Röntgentechnik verspricht, entfernt. Dieser Scheidepunkt liegt im Moment der Konfrontation des vergeistigten menschlichen Bewusstseins mit dem materiellen Urgrund des Körperlichen. Im Bewusstwerden dieser Konfrontation zeigt sich, dass die Sichtbarmachung nicht mit einer Letztbeantwortung gleichzusetzen ist.

Die Idee eines Denkens, das auf diese Letztbeantwortung hinausläuft, wird mit ironischem Unterton im Text selbst evoziert. Selbstbewusst betitelt Hofrat Behrens im Kapitel „Mein Gott, ich sehe!“ die neuartige Technik in seinen einführenden Bemerkungen als „Triumph der Neuzeit“. Die technische Neuartigkeit beruht auf der Ausdehnung der menschlichen Sichtweite. Was dem Arzt vorher verborgen gewesen war, konnte ทนท bildlich erfasst werden, und mehr noch: „Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!“ Die Projizierbarkeit des Geheimnisses entspricht einem Denken, das sich anmassen muss, über das Geheimnis überhaupt verfügen zu können - hier durch die Photographie des Inneren als Ort des Geheimnisses.

Die Sichtbarmachung der inneren Körperwelt - das Erstellen einer Innenansicht eines lebendigen Patienten - lässt das Aufkeimen der Hoffnung auf enorme Erkenntnisfortschritte rückblickend nachvollziehen. Die Verheissung von Erkenntnis durch die Röntgenapparatur wurde 1896 vom Ingenieur Alan Archibald Campbell Swinton in seiner Schrift The Photography of the Invisible thematisiert: „The veil of flesh may now at will be withdrawn from the bony structure beneath [,..].“sDie Schleiermetaphorik verweist implizit auf den romantischen Topos der verhüllten Wahrheit. Bereits in der griechischen Herkunft des Begriffs aletheia für „Wahrheit“ wird eine Negierung des Latenten, des Verborgenen ausgedrückt. Bei Novalis’ Romanfragment Die Lehrlinge zu Sais ist es das Lüften des Schleiers der Isis, welches das Vordringen ins Unergründliche der letzten Wahrheiten darstellt.[5] [6] Das Lüften des Schleiers ging bei Novalis nicht mit jenem unbändigen Erkenntnisoptimismus einher, wie er später aus diagnostischer Perspektive in Bezug auf das Lüften des fleischlichen Schleiers bei Swinton angebracht schien. So heisst es in einem der Entwürfe zu den Lehrlingen: „Einem gelang es - er hob den Schleier der Göttin zu Sais - Aber was sah er? er sah - Wunder des Wunders - Sich Selbst.“[7] Den Verweis zurück auf „Sich Selbst“ erfährt auch der Betrachter des Röntgenbildes. Der Mensch, welcher durch vernunftgeleitete medizinische Erkenntnis bis in sein Innerstes vorzustossen hofft, sieht im neu Enthüllten vielleicht nicht die nackte Wahrheit als Unverborgenes. Das Verwiesenwerden des Erkenntnis subjekts auf sich selbst spricht gegen eine Möglichkeit der Entledigung des Geheimnisses. Auch wenn die Röntgenapparatur im bedingten Erkenntnisrahmen der Diagnostik vieles zum Erscheinen bringt, scheitert die Röntgenmetapher der Sichtbarmachung des Unsichtbaren daran, für die Durchdringung der Wirklichkeit im Sinne des Vorfindens einer letzten Antwort auf die Frage nach dem Verborgenen zu Stehen.

Die Geheimnisse des Busens bleiben auch in der scherzhaften Bemerkung des Hofrats erhalten. Sie bleiben aber vielleicht nicht nur erhalten, sondern werden in gesteigerter Form als homogenes Geheimnis des Lebens überhaupt erst provoziert. Dabei geht es darum, dass sich Hans Castorp in seiner Fähigkeit zum Staunen nicht von der grossen Ernüchterung vereinnahmen lässt, welche die moderne Medizin so oft für ihre Erkenntnisobjekte bereithält. Im Falle Castorps entzündet sich sein Staunen als eine wachsende Neugier für die Wissenschaften - und dies nicht auf Kosten des Zaubers. Man kann umgekehrt eher von einer gegenseitigen Amplifikation sprechen. Denn es zeigt sich bei seinen „Forschungen“, dass die Wissenschaft durch die Reduktion des Geistigen auf das Materielle und auf die bleibende, grundlegende Nichtverortbarkeit des Bewusstseins in der Welt den Menschen auf sich selbst zurück und damit auf das Geheimnis, das er ist, verweist.

2. Das Leben als Geheimnis

Thomas Mann schloss seine Rede zum Zauberberg an die Studenten in Princeton mit den Worten ab: „Der Gral ist ein Geheimnis, aber auch die Humanität ist das. Denn der Mensch selbst ist ein Geheimnis, und alle Humanität beruht auf Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Menschen.“[8] Die Suche nach dem Geheimnis des Lebens macht den jungen Hans Castorp zum Gralssucher. Denn in der Berghofgesellschaft - dieser von ihrem emsigen Treiben im , Flachland ‘ entfremdeten Masse, die sich ทนท in der bühnenhaft exponierten Lage des Sanatoriums wiederfindet - wird jegliches Tun der Akteure ,fragwürdig‘. Wie verhält sich der Mensch angesichts des schleichenden inneren Zerfalls? So stellt sich in der hermetischen Geschlossenheit des Hochgebirgstals die Frage nach dem Menschen selbst, nach dem geheimnisvollen Wesen des Menschen. Hinter dem Maskenspiel ist allerdings nichts zu finden, ausser vielleicht der Unumgänglichkeit des Sich-entscheiden-Müssens dafür, so zu sein, wie man ist. Durch die Krankheit wird das offengelegt, was durch die gesunde Tätigkeit im ,Flachlande‘ verdeckt gewesen war - die vorangehende Offenheit dieser möglicherweise unbewussten Entscheidung, die keiner wesenhaften Notwendigkeit folgen kann. Das Leben, das durch die Krankheit von seinem festgestellten Sein entrückt wird, wird sich dieser Offenheit bewusst. Es wird dadurch wach für das „heilig-unreine Geheimnis des Lebens“, das auf dem Boden der Fragwürdigkeit eines ,Wesens‘ des Menschen lebt: „Was war das Leben? Man wusste es nicht. Es war sich seiner bewusst, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wusste nicht, was es sei.“[9]

„Was war das Leben?“ - Die nachdrücklich wiederholte Frage macht keiner Enträtselung Platz, welche durch die medizinische Sichtweise auf den Körper ermöglicht würde. Nein: „Man wusste es nicht.“ Entscheidend dabei ist, dass das Bewusstsein vom Wissen abgegrenzt wird. Das menschliche Bewusstsein, das der Selbstreflexion als röntgenstrahlenhafte Durchdringung seiner selbst durch Introspektion fähig ist, hebt sich vielleicht nur durch die graduell komplexere materielle Anordnung seines ,Apparats‘, des Gehirns, von demjenigen anderer Organismen ab. Damit entgeht dem Bewusstsein aber die Möglichkeit, sich als Geist im Sinne einer Substanz, einer Seele, die für immer vom Leib getrennt leben muss, zu fassen. Hier geschieht kein Sprung von der „unzweifelhaften“ Selbstvergewisserung hin zur Vergegenständlichung des Selbst im Sinne der Postulierung einer cartesischen res cogitons. Das Leben erblickt sich selbst durch die Augen Hans Castorps als Geheimnis. Es wird sich seiner bewusst, ohne zu wissen was es ist. Damit wird dem Geheimnis Raum gelassen. In der Stärke seiner Präsenz führt es rückwirkend zur Abschwächung jeglicher positiven Bestimmungen des Menschseins. Das Erwachen des Lebens für sich selbst durch den nach ihm fragenden Menschen stösst sogleich an die Grenze des Erkennbaren, hinter der das Geheimnis liegt und dessen Vereinnahmung durch Selbstspiegelung zur Hoffnungslosigkeit bestimmt bleibt:

Bewusstsein seinerselbst war also schlechthin eine Punktion der zum Leben geordneten Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben im Letzten sich nicht belauschen kann.[10]

Diese zentrale Stelle deutet an, auf welchem Denkweg das Geheimnis des Lebens seine volle Vergegenwärtigung erfährt. Es wird vergegenwärtigt durch das Bewusstsein, welches sich (mit dem medizinischen Begriff der „Punktion“ im Sinne eines Eindringens) in das sie selbst zeitigende „Phänomen“ Materie einordnet. Die Trennung von Bewusstsein und seinem Träger ist folgenschwer und verhindert letztlich eine alles durchdringende Selbsterkenntnis. Das Geheimnis, das der Mensch ist, ist bis aufs Engste mit dieser Trennung verwandt. Es wird geradezu durch diese Verwandtschaft bedingt.

„Was ist der Körper! [...] Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des Menschen! Woraus besteht er! [...] Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es wissen!“ Das sind die dringlichen Was-Fragen Hans Castorps an den Hofrat. „Das ist allergrösstenteils Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden.“[11] Behrens kann es sich nicht verwehren, die Ernüchterung durch Faktenwissen mit einem Sich-Mokieren über die vergeistigten Bestrebungen des Humanismus zu unterstreichen. Aber das ist es nicht, was Castorp wissen wollte. Gerade das, was gewusst werden kann - die in sich stimmige Fassbarmachung der Materie durch Begriff und Zahl - ist keine ,Enträtselung‘ des Lebensgeheimnisses.

Das Geheimnis kann nur vergegenwärtigt und ,geschaut‘ werden. Der Begriff des ,Schauens‘ lässt sich hier aber nicht unter seiner allegorischen Bedeutung für die ideelle Erkenntnis verwenden. Es gibt immer einen Rest an ,Unbelauschbarkeit‘ und an Unsichtbarem, bedingt durch die Perspektivität des Bewusstseins, das von seinem Träger (zumindest scheinbar) abgetrennt ist und nach dem Wesen desselben und „seinerselbst“ fragen kann und muss - „vergeblich am Ende“.

Die Erkenntnis der Unmöglichkeit der letzten Selbsterkenntnis lebt von der vorangehenden Verwissenschaftlichung des Selbst und ist keine Antithese dazu. Denn , Verwissenschaftlichung‘ bedeutet nicht, dass von ทนท an alle Fragen beantwortet sind und , Vergegenwärtigung des Geheimnisses‘ umgekehrt nicht, dass wir gar nichts wissen. Aber das, was noch nicht gewusst wird, wird im Zuge der Verwissenschaftlichung für wiss-, enträtsel- und damit am Ende für erklärbar erklärt.

[...]


[1] Mann, Thomas: Einführung in den „Zauberberg “. Für Studenten der Universität Princeton. 1939. In: Mann, Thomas: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Band XI. Frankfurt am Main: Fischer 1974, S. 612.

[2] Mann, Thomas: Der Zauberberg. (Erstausgabe 1924). Frankfurt am Main: Fischer 200819, S. 298.

[3] Vgl. ebd., S. 116.

[4] Ebd., S. 271.

[5] Swinton, Alan Archibald Campbell: The Photography of the Invisible. In: The Quarterly Review, 183 (1896), S. 500.

[6] Vgl. Hildebrandt, Alexandra: „Lebwohl, du heiterer Schein! Blindheit im Kontext der Romantik. Würzburg: Königshäuser! & Neumann 2002, S. 107-109.

[7] Novalis (von Hardenberg, Friedrich): Gedichte. Die Lehrlinge zu Sais. Stuttgart: Reclam 1997, S. 99.

[8] Mann 1974, S. 616.

[9] Mann 2008, S. 379.

[10] Ebd., S. 379-380.

[11] Ebd., S. 367.

Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668468672
ISBN (Buch)
9783668468689
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368451
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL)
Note
1.3
Schlagworte
AVL Thomas Mann Zauberberg Geheimnis Röntgen Philosophie Novalis Romantik Hans Castorp

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