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Grenzerfahrungen in Thomas Manns "Zauberberg". Eine vergleichende Lektüre des Zauberbergkapitels "Forschungen" im Lichte des foucaultschen Denkens der Transgression

Hausarbeit 2015 27 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und vorgreifende Erwägungen

2. Der reine Begriff der Transgression: Die epistemische Dimension
2.1 Transgression versus Transzendenz: Das kantische Korrektiv

3. Transgressive Forschungen und die „fleischgetragene Schönheit“

4. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung und vorgreifende Erwägungen

Die anstehende Untersuchung ist als Ausdruck eines Evidenzerlebnisses zu lesen, das die vergleichende Zusammenführung zweier augenscheinlich disparater Denkwelten begleitet hat und hoffentlich nach zu zeitigender Verallgemeinerung des persönlichen Eindrucks auch weiterhin begleiten wird. Es gilt zu zeigen, dass die Lesart von Thomas Manns Zauberberg als ein Roman der Überschreitung, exemplifiziert am Kapitel Forschungen, eine fruchtbare und genuine Behandlung eines der meistinterpretierten Werke der deutschen Literaturgeschichte ermöglicht. Der hier gebotene Platz wird zwar nicht hinreichen, dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Allerdings soll mit der bewussten Einschränkung auf das Kapitel Forschungen die einschlägigste Stelle im Zauberberg behandelt werden, die von der foucaultschen Idee der Transgression gebührend erhellt werden kann und diese rückwirkend erhellt, wodurch besagtes Evidenzerlebnis bestenfalls auch den Leser ereilen wird.

,Transgression‘, ,übertretung‘ oder , überschrei tung ‘ bezeichnet eine Denkbewegung, die, an die Dialektik von Grenze und Aufhebung idealistischer Prägung anschliessend, Michel Foucaults Beschäftigung mit Literatur entspringt.[1] In seinem 1966 verfassten Essay Préface à la Transgression sprengt er den Rahmen einer bloss sekundären Betrachtung Batailles, indem er dieses zum Ausdruck des weitreichenden philosophischen Konzeptes der Transgression erklärte. Die sprachliche Vermittlung dieser Denkbewegung erfolgt für Foucault in der Sprache der Sexualität, wobei die mystische Beschwörung einer ekstatischen Hingabe an die Sexualität einer moderneren Lesart gegenübergestellt wird, die die Sexualität in objektivierender Gebärde ins Unbewusste verlagert, was mit einer Grenzziehung zwischen der menschlich lebensweltlichen Phänomenalität und ihren animalischen Untergründen einhergeht.[2] Überschreitung ist dabei eine Bewegung des Denkens, welche sich die Grenzen des Horizonts des Sag- und Denkbaren vor Augen führt und das negative Komplement zum epistemisch netzartig Umfassten im Übertritt über die Grenze durch die Maschen hindurch asynthetisch (, nicht-positiv‘) bejaht. Hierbei ist eine epistemische Dimension des Begriffs der Transgression von einer normativen zu unterscheiden, jedoch nur im Hinblick auf die transgressive Konvergenz der beiden in der Sprache der Sexualität. Die in der exzessiven Sprache der Sexualität zentrierende Auslegung des Begriffs der Überschreitung bei Foucault umspannt nämlich die normative und die epistemische Dimension der Bedeutung im Tod Gottes. Dieser Tod Gottes, der als Erfahrungsraum die epistemische Dimension der Transgression und die Sprache Sexualität in sich zentrieren lässt, bildet auch den Erfahrungsraum, in welchen der Zauberberg im Kapitel Forschungen eintritt. Ich werde in der Hinwendung zu jenem Kapitel versuchen, die vergegenwärtigende Vergeistigung und überschreitende Bewusstmachung der Grenzen zwischen der lebensweltlichen Phänomenalität des Denkens und den dieses bedingenden Kräften als die untergründigen Ökonomien des Lebens, der Krankheit und des Körpers nachzuzeichnen. Eine solche untergründige, bedingende Kraft ist auch die Sexualität. Sie ist eine solche überdies für die Erzählung selbst, wenn man die handlungsantreibende Funktion der Liebesbeziehung Hans Castorps zu Clawdia Chauchat berücksichtigt. Die Idee der Überschreitung gewinnt im Zauberberg gleichsam eine epistemologische Dimension, indem die (erzählerisch reflektierte) wissenschaftliche Erschliessung der Welt einer Kritik ausgesetzt wird, welche die in ihr zu entzaubernde Welt einer Bedingtheit im menschlichen Hang zur Verbildlichung unterwirft und dadurch der Wiederverzauberung im Geheimnis aussetzt. Von hier aus eröffnen sich uns im Groben zwei Themenkomplexe des Zauberberg - die Sexualität und die Wissenschaft.

Bei der Foucault zum Gegenstand dienenden Literatur (Blanchot, Sade, aber vor allem eben Bataille) wird die Denkbewegung der Transgression jeweils hinter dem Text aufgespürt, der Text entsprechend als Niederschlag dieser Denkbewegung gelesen. Dasselbe will ich im Folgenden mit dem Zauberberg versuchen. Die beiden Denkwelten sollen sich dabei insofern gegenseitig erhellen, dass die jeweilige Anwendbarkeit des Konzepts der Überschreitung auf den philosophischen Gehalt respektive die sprachliche Verfasstheit desselben geprüft wird. Die Suche nach einer positiven Bestimmung der Transgression findet im Zauberberg zwar kein Ende, eröffnet aber einen ursprünglichen Zugang zu den Motivkomplexen dieses Romans, die hier in den vergleichenden Bezügen zu Foucault ans Licht treten sollen.

Weil uns das literarische Werk sein Wesen nicht zuflüstert, muss der theoretische Bezug zu diesem einer gewissen hermeneutischen Dynamik zwischen der Betrachtung und ihrem Gegenstand unterliegen, wodurch zugleich der Herausforderung begegnet werden soll, die der Literaturwissenschaft aus der Schwierigkeit erwächst, sich in einem kriterienarmen Raum der eigenen Wahrheit vergewissern zu müssen. Dass dieser Umstand nicht in einer trotzigen Absage an das theoretische Geschäft terminieren muss, ist ein banaler Einwand. Stattdessen gilt es, die literaturwissenschaftliche Angleichung an ihren Gegenstand hermeneutisch einzuholen, das heisst, sie muss sich der Unumgänglichkeit einer Vorbestimmung ihres Gegenstandes im theoretischen Horizont bewusst werden. Im Fahrwasser dieser Erwägungen will ich die anstehende Untersuchung also mit dem Vermerk einleiten, dass die hier zu erfolgende Berührung eines philosophischen Rahmens mit Thomas Manns Zauberberg als einem literarischen Gegenstand sowohl methodisch als auch inhaltlich vom vorliegenden theoretischen Gerüst bestimmt wird - Michel Foucaults Idee der Überschreitung. Es wird dabei von Nöten sein, die dem Konzept der Überschreitung inhärierende Unschärfe und hermetische Negativkraft nicht in positiver Geste zu übergehen, sondern ihr gemäss dem semantischen Gehalt ihrer Theorie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, insofern die Überschreitungsthese selbst die Einsicht in den hermeneutischen Raum nach dem Tode Gottes ('///.vsprieht und als Denkbewegung den Erfahrungsraum eröffnet und durchmisst, von dem sie dabei spricht. Die Plausibilität der Zusammenführung zweier zeitlich, geographisch und gattungsspezifisch getrennter Denkwelten, wird hier dadurch gestützt, dass sich der vorliegende theoretische Rahmen der foucaultschen Überschreitungsthese das generelle Vorrecht philosophischer Reflexion auf zeitliche und räumliche Transgressivität in dem Mass verdient, wie der literarisch verfasste Gegenstand, der Zauberberg, das Mythisch-Allgemeine streift. Das literarische Werk überschreitet nämlich wiederholt seine gattungsbedingten Grenzen, einerseits durch ein hohes Mass an Selbstreflexion, andererseits durch die übergreifende Relevanz seiner philosophischen Bezüge. Der Nachweis solcher Relevanz darf aber nicht das ganze Wesen literaturwissenschaftlicher Interpretation ausmachen, was der Fall wäre, wenn der Nachweis bloss darin bestünde, das zu sagen, was der Autor ,eigentlich‘ mit diesem und jenem ,gemeint‘ habe. Es soll auch nicht gezeigt werden, wie sich Biographisches ins Werk verwebt - eine ebenfalls beliebte Praxis der sekundären Zauberbergliteratur. Dagegen will ich mit angebrochener Reflexion den Wert einer Erkenntnis in Frage stellen, die den Zauberberg auf seine biographische und historische Verflechtung reduziert. Gibt es eine andere Möglichkeit, hinter den Text zu fragen als diesen in das Prokrustesbett des Biographismus zu zwängen? Es gilt jedenfalls zu vermeiden, den Zauberberg in vermeintlicher Entzauberung im literaturwissenschaftlichen Begriff terminieren zu lassen. Stattdessen will ich das Lebendige auch lebendig behandeln, es, obschon „mit historischem Edelrost überzogen“, über die „Leben und Bewusstsein tief zerklüftende Grenze“[3] treten und damit „im Geist überleben“ lassen, „was im Fleische [...] kaum überleben“[4] kann. Die Hoffnung auf fruchtbare Erkenntnis verlässt uns, wenn wir uns der Literatur in ihrer Bedeutsamkeit nicht als ein epochen- und raumübergreifendes Allgemeines hingeben. Des Kunstwerks Gehalt beginnt eben „genau dort, wo die Intention des Autors aufhört; sie erlischt im Gehalt.“[5] Ich teile das Unbehagen hinsichtlich der literaturwissenschaftlichen Überbeanspruchung der Frage des Einflusses einer objektiven, philosophischen Sphäre auf das subjektive Schaffen einer Person. Das, was Adorno den „Gehalt“ nennt, markiert eine Einstellung gegenüber der Literatur, welche dem in ihr Vermittelten und Geformten „als einem Objektiven sich anheimgibt“[6]. Die „spezifische Paradoxie“[7] einer objektiven Verfassung des subjektiven Ausdrucks verdoppelt sich so auf der Ebene der sekundären Betrachtung. Die Angleichung von Theorie und Gegenstand findet hier ihren Ausdruck demnach als eine kritische Mimesis des in beiden Sphären ausgedrückten Sachverhalts, demjenigen der Überschreitung. So wird die Sprache der Literatur als „in Objektivität umschlagende Subjektivität“[8] im vorliegenden Fall von der Sprache der Literaturwissenschaft auch nicht unberührt gelassen, sondern vereint sich mit dieser im Denken der Transgression.

2. Der reine Begriff der Transgression: Die epistemische Dimension

In einem ersten Schritt soll die epistemische Dimension des Konzepts der Überschreitung untersucht werden. Dazu wird der Vorgang des Überschreitens entlang der foucaultschen Argumentationslinie, die bei der kritischen Philosophie Immanuel Kants ansetzt, rekonstruiert und anschliessend der Bezug zum Zauberberg hergestellt werden. Es bietet sich hierbei an, die Anfangsabschnitte von Foucaults Essay zu überspringen und erst später darauf zurückzukommen, da uns der Begriff der Überschreitung zunächst unter Abzug der Welthaltigkeit in der Sprache der Sexualität, das heisst in seiner Reinform, beschäftigen soll. ,Reinheit‘ ist hier bewusst in kantischem Sinne zu fassen, worauf ich zu sprechen kommen werde. Ich habe in der Einleitung versucht, den Begriff auf seine reine Betrachtung vorzubereiten, indem ich ihn Foucault folgend als eine „Denkbewegung“ gekennzeichnet habe. Als solche gewinnt die Transgression nämlich die ganze philosophische Tragweite und Relevanz, die uns im Folgenden unentwegt zu ihr hinziehen wird. Vernehmen wir zuerst eine Stelle des Originals, welche eine definitorische Umgrenzung des befragten Konzepts anzeigt:

„Die Übertretung ist eine Gebärde, die die Grenze betrifft. Dort an dieser dünnen Trennungslinie offenbart sie sich blitzartig im Vorübergehen, aber vielleicht auch in ihrem Verlauf, vielleicht sogar in ihrem Ursprung. Der Bereich, den sie kreuzt, könnte sehr wohl ihr eigentlicher Raum sein. Das Spiel mit Grenzen und Übertretungen scheint einfach mit Verbissenheit gespielt zu werden: die Übertretung überschreitet und überschreitet immer wieder eine Linie, die sich hinter ihr sofort wieder schliesst wie eine Welle des Vergessene, die aufs Neue bis zum Horizont des Unübertretbaren zurückflutet.“[9]

Auffallend ist hierbei zunächst eine nicht zu leugnende Metaphorizität der Momente der Transgression. Sie ist eine blosse „Gebärde“, womit eine Uneigentlichkeit suggeriert wird, die ihr als versprachlichende Objektivierung des Denkens in der Schwierigkeit des rechten Umgangs mit ihren Metaphern anhängt. Denn in der Gebärde wird die Grenze nicht eigentlich überschritten; sie „betrifft“ die Grenze und zeigt sie dabei an. Daher rührt auch die Schwierigkeit, das zeitliche Ereignen der Überschreitung festzumachen. Die Überschreitung ist hinsichtlich ihrer Zeitlichkeit ebenfalls jener Metaphorizität unterworfen, weil sie keinen eigentlichen Vorgang bezeichnet, sondern eine Bewegung in den transzendentalen Sphären des Denkens. Die Unklarheit über das ,Wann‘ des Sich-Ereignens der Transgression entspricht so keiner denkerischen Nachlässigkeit. Die Unmöglichkeit einer zeitlichen Fixierung einer Denkbewegung, wie derjenigen der Überschreitung, hängt mit der Unmöglichkeit einer Fixierung der Zeit selbst zusammen, da das Denken sich im Gewahrwerden des antinomischen Charakters der Zeit ihrer nur noch in überschreitender Gebärde vergewissern kann. Das Denken der Transgression kann nicht aus dem Wirkungskreis der eigenen Diktion heraustreten, was ทนท am Beispiel der Zeit zu zeigen ist, weil die transzendentale Bestimmung der Zeit als reine Anschauungsform bei Kant uns auf die Verwurzelung der Transgression in der kritischen Philosophietradition vorbereitet.

Ich zögere nicht, hier auch ein erstes Mal das transgressive Potenzial des Zauberbergs zum erhellenden Vergleich herbeizuziehen. Denn die Zeit wird dort vielerorts problematisiert, am explizitesten jedoch bei dieser augustinisch anmutenden Stehe:

„Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, — wesenlos und allmächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! [...] Da ferner eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu ,denken‘, - in der Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen die logisch­rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen, seine verhältnismässige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin!“[10]

Man achte zuerst auf die Anführungszeichen, welche das Verbum „denken“ umfassen. Denn die Denkbarkeit einer im Unendlichen nur antinomisch ,fassbaren‘ Zeit wird so weit verkompliziert, dass die philosophische Frage, welche ein dem fragenden Denken unerschlossenes Negatives anzeigt, an die Stehe einer positiven, begrifflichen Fixierung des Gegenstandes tritt. Die Zeitreflexion ist beispielhaft für eine Erzählung, die sich selbst die Unmittelbarkeit zum Erzählten abspricht, sobald sie in zeitlicher Distanz zum Vergangenen dieses als letztlich ungreifbar, weil undenkbar einbegreift. Die Erzählung kündet von ihrer eigenen Unmöglichkeit, selbst dort, wo sie, wie hier bei der Zeitreflexion, ihren „Vergangenheitscharakter“ zugunsten einer im Präsens gefassten philosophischen überzeitlichkeit verlässt, weil der Gegenstand der überzeitlichen Betrachtung gerade die Zeit selbst ist. Dieses selbstzerstörerische Moment wird eigens an zitierter Stelle inhaltlich thematisiert, hinsichtlich des Denkens. Denn der Widerspruch einer unendlichen Reihe von Jetztpunkten lässt ebenjene Jetztpunkte, wie die begrenzten Körper im Raum, als nichtig erscheinen und zerstört in der Überschreitung das durch die Grenze umfasste, endliche Denken von endlichen Dingen.[11]

2.1 Transgression versus Transzendenz: Das kantische Korrektiv

Mit der Idee der Überschreitung versucht sich Foucault in einer sprachlichen Annäherung an ein Denken, welches die Grenzen seiner selbst kritisch reflektiert und zugleich darin seine Transzendenz erhellt - ein Denken also, „das unbedingt und gleichzeitig Kritik und Ontologie wäre“ und mithin „die Endlichkeit des Seins dächte“.[12] Dem Akt der Transgression geht die Selbsthorizontierung des Denkens voran, das sich im Zuge seiner Selbstkritik als endlich begreift. Das philosophische Vorbild hierbei liefert das kritische Programm Immanuel Kants. In ihm tut sich für die abendländische Philosophie gemäss Foucault jene „Öffnung“ auf, aus der das transgressive Denken herkomme. Denn der kantische „metaphysische Diskurs“ geht von Anbeginn mit „Reflexionen über die Grenzen unserer Vernunft“ einher.[13] Kritik tritt mit Ontologie in Verbund, wobei das darunterliegende Denken in actio ein Denken der Überschreitung ist. Das „Spiel mit der Grenze und der Übertretung“ liefere ทนท den eigentlichen Beweis „für ein Denken des ,Ursprungs“‘, so Foucault.[14] Ähnlich wie Heideggers Kantbezug gilt es auch für Foucault zu zeigen, dass das kantische Ursprungsdenken trotz der Wertschätzung des revolutionierenden (kopernikanischen) Potenzials darin als bislang uneingelöst anzusehen sei: „Dieses Denken ทนท, von dem uns bis heute alles abgehalten hat, aber so, als ob es uns bis zu seiner Wiederkehr führen will, woher rührt es, an welchen Unmöglichkeiten hält es so hartnäckig fest?“[15] Eine solche „Unmöglichkeit“ liegt meines Erachtens in der Verkomplizierung, welche das transzendentale Korrektiv Kants im Zuge seiner Kopernikanischen Wende hinsichtlich dem Denken der Transzendenz gezeitigt hat, wenn diese forthin als endlich zu begreifen ist. Das kritische Programm wird bei Foucaults überschreitungsthese ทนท auf jene korrektive Kraft hin befragt, welche die transzendentale Reflexion auf die naive Hinnahme jeglicher Transzendenz ausübt. Worin besteht ทนท der entscheidende Unterschied zwischen Transgression und Transzendenz? Die Losgelöstheit der Objekte vom Subjekt im Sinne einer Unerfahrbarkeit kann gemeinhin als deren absolute Transzendenz verstanden werden. „Transzendent“ bedeutet ทนท im Horizont Kants „[...] übersteigend, über die Erfahrung und deren Möglichkeit hinaussehend. Transzendente Begriffe und Grundsätze gehen auf etwas absolut Unerfahrbares, jenseits aller Erfahrungserkenntnis Liegendes. Eine transzendente Erkenntnis (vom Übersinnlichen, Ding an sich) ist nicht möglich, da nur das erkennbar ist, was den Formen des erkennenden Bewusstseins gemäss ist, in diese eingeht.“[16]

Hier wird an eines der zentralen Probleme von Kants Kritik der reinen Vernunft gerührt. In der transzendentalen Analytik heisst es: „Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung [...].“[17] Das transzendentale Geschäft einer allseitigen Destruktion des Scheins der Transzendenz ist die Einlösung dieser Erkenntnis. Dadurch wird der Horizont der Endlichkeit der Vernunft überhaupt erst bestimmbar. Denn was überhaupt ein Gegenstand der Erfahrung werden kann, ist bereits als durch das transzendentale Subjekt bedingt zu denken. Man achte darauf, dass Foucaults Denken der Transgression die Erkenntnis über die Unmöglichkeit transzendenter Erkenntnis tief einverleibt hat. Transgression als Überschreitung bezeichnet eine dezidiert andere Denkbewegung als das religiös konnotierte Transzendieren des Erfahrbaren, wenngleich sie nicht wie die transzendentale Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung ausweicht. Die transzendentale Substitution einer Sprache, die die Welt wiedergibt, durch eine Sprache, welche die subjektiven Bedingungen dieser Welt anzeigt und der bedingten Welt eine gespensterhafte ,Welt an sich‘ als negatives Komplement gegenüberstellt, ist als Kritik zugleich Ontologie hinsichtlich des „Sein[s] des Unterschieds“[18]. Man könnte vielleicht so weit gehen, zu sagen, dass bereits im transzendentalen Korrektiv Kants - das heisst, die Erfahrung nur dahingehend übersteigend, dass es die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung anzeigt - ein transgressiver Zug auszumachen ist. Denn die Bewusstmachung der Grenzen und die Unmöglichkeitserklärung einer Transzendierung derselben impliziert dennoch immer die Möglichkeit eines Aufzeigens der Grenzen von aussen her. Die transzendentale Reflexion wird in ihrem Impetus davon genährt, dass sie die wesensmässige Endlichkeit des Denkens in einer diese Endlichkeit ubiquitär überschreitenden Geste mitteilt. Transgressives Denken vermeidet so das Paradox, das einer naiven Gleichsetzung von Transgression und Transzendenz folgen würde, indem das transgressive Moment diese Endlichkeit vorangehend einverleibt und sie nicht in Widerspruch zum Sein der Transzendenz setzt, weil Sein und Transzendenz neu an der Grenze zusammenlaufen. Dieses Denken schickt sich also an, „die Endlichkeit des Seins“ zu denken, wodurch die Welt jenseits der Grenze, deren verneinende Erklärung zum Schattenhaften das kantische Denken (zumindest vor seiner anthropologischen Fragestellung[19] ) nahelegt, in der Überschreitung bejaht wird.

„Die Übertretung öffnet sich über einer funkelnden und stets bejahten Welt, einer Welt ohne Schatten, ohne Dämmerung, ohne jenes schleichende Nein, das sich in die Früchte frisst und mitten in sie hinein ihren Selbstwiderspruch treibt. Sie ist die sonnige Kehrseite der satanischen Verneinung; sie ist mit dem Göttlichen verbunden, oder eher noch erschliesst sie hinter der Grenze, die das ffeilige anzeigt, den Raum, wo das Göttliche sich darstellt. Dass sich eine Philosophie über das Sein der Grenze befragt und eine solche Kategorie findet, ist offensichtlich eines der zahllosen Zeichen dafür, dass unser Weg ein Rückweg ist und wir immer griechischer Werden.“[20]

Foucault geht in der philosophischen Frage des , Seins der Grenze4 so weit, die dabei gezeitigte Überschreitung eine „Kategorie“ der Ontologie zu nennen. Dass sich die sonnige Kehrseite der Verneinung allerdings nicht in einer rückläufigen Bewegung zum Vordialektischen erschöpft, zeigt die Wendung, dass „wir immer griechischer werden“. Diese Wendung und der anschliessende Verweis auf Nietzsche zeigen nämlich, dass damit wohl gemeint ist, dass wir oberflächlich aus Tiefe werden.[21] Eine solche nicht-dialektische Vereinigung von Oberfläche und Tiefe sehe ich am Herzen des Überschreitungskonzeptes selbst walten.

[...]


[1] Die abwechselnde Verwendung aller drei Übersetzungen wurzelt in einer Unentschlossenheit meinerseits

[2] Vgl. Foucault, Michel: Zum Begriff der Übertretung (1963), übers.: von Flofer, Karin, in: Schriften zur Literatur, Frankfurt a. M. 1988, S. 69-89, (hier S. 69).

[3] Mann, Thomas: Der Zauberberg, Frankfurt a. M. 192008 (' 1924), S. 9.

[4] MANN 2008, S. 984.

[5] Adorno, Theodor พ.: Zu einem Porträt Thomas Manns, in: Tiedemann, Rolf (Hrsg.): Theodor พ. Adorno. Gesammelte Schriften, Bd. 11: Noten zur Literatur, Frankfurt a. M. 42012, S. 336.

[6] Adorno, Theodor พ.: Rede über Lyrik und Gesellschaft, in: Adorno 2012, S. 56.

[7] Adorno 2012, S. 56.

[8] Adorno 2012, S. 56.

[9] Foucault 1988, S. 73.

[10] Mann 2008, S. 474.

[11] Was ich hierbei unerwähnt gelassen habe, ist, dass die zitierte Zeitreflexion in das Schweigen springt, welche die Erzählung anstelle einer Schilderung der Liebesnacht zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat walten lässt. Meines Erachtens lebt die Ironie und Tiefe, mit welcher der Zauberberg selbst an die Sexualität herantritt, gerade auch dort, wo sich die Erzählung der Benennung von Umständen verweigert, von der Bewegung der Überschreitung. Ich möchte noch einmal retardierend ausholen bevor ich wieder auf die Sexualität zu sprechen komme, indem ich das Konzept der Überschreitung eingehender erläutere. Dazu wende ich mich an den Umstand, dass die Überschreitung als Spiel mit der Grenze einen erschlossenen Raum von einem unerschlossenen trennt und es dabei entscheidend ist, welches ontologische Schicksal das Ausgegrenzte im grenzreflexiven Denken ereilt.

[12] Foucault 1988, S. 76.

[13] Foucault 1988, S. 76.

[14] Foucault 1988, S. 76. Der Verweis auf ein Ursprungsdenken referiert wahrscheinlich auf die Kantinterpretation Heideggers, welche den Verbund von Kritik und Ontologie als eine „Grundlegung der Metaphysik“ zu denken suchte. Heidegger umreisst sein Vorhaben selbst wiefolgt: „Aufgabe ist die Wesensbestimmung der ontologischen Erkenntnis durch Aufhellung ihres Ursprungs aus den sie ermöglichenden Keimen. Dazu muss vor allem Klarheit bestehen über das Wesen von Erkennen überhaupt, über den Ort und die Art des Ursprungsfeldes. In der bisherigen Interpretation der Kritik der reinen Vernunft ist gerade die vorgängige und zureichende Charakteristik der Ursprungsdimension ungebührlich vernachlässigt oder aber missdeutet worden.“ (Vgl. Heidegger, Martin: Kant und das Problem der Metaphysik, in: Gesamtausgabe. I. Abteilung: Veröffentlichte Schriften 1910-1976, Bd. 3, Frankfurt a.M. 1991, S. 20.)

[15] Foucault 1988, S. 76.

[16] EISLER, Rudolf: Art. „Transzendenz“, in: Kant Lexikon. Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlass (1930). Hildesheim 2008, S. 537.

[17] KrV, A 158 / В 197.

[18] Foucault 1988, S. 75.

[19] Vgl. Foucault 1988, S. 76.

[20] Foucault 1988, S. 76.

[21] Vgl. FW § Vorrede 4. / S. 352. Ich komme darauf zurück.

Details

Seiten
27
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668468849
ISBN (Buch)
9783668468856
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368449
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
1.0
Schlagworte
Foucault Zauberberg Thomas Mann Transgression Überschreitung Hans Castorp Forschungen Grenze Philosophie AVL Komparatistik

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