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"In freiem Tod, nach göttlichem Gesetze!" Der Tod des Empedokles im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit

Essay 2014 10 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Der Weg zum Verständnis des Todes, welchen Hölderlin seinen Empedokles im Ätna sterben lässt, soll hier über die Befragung dieses rätselhaften Ereignisses im Lichte des Gegensatzes zwischen Freiheit und Notwendigkeit eingeschlagen werden. Denn der Umstand, dass der Sturz in den Vulkan aus freien Stücken vollzogen wird, steht zu der ehernen Folgerichtigkeit, mit welcher die Selbsttötung in Stück und Stoff vorgezeichnet scheint, in einem fragwürdigen Spannungsverhältnis. Diese Fragwürdigkeit liegt vielleicht darin begründet, dass dieser Tod selbst ein Rätsel aufgibt, das sowohl die Nebenfiguren im Stück als auch den Ausleger des Stücks zur Frage nach seiner Notwendigkeit drängt. Dazu kommt, dass die in Einsamkeit mündende und selbst gezeitigte Steigerung des Empedokles geradezu bedingt, dass er seine Stellung zwischen den „tragischen Polen der Welt“[1] in einer Weise modifiziert hat, die mir der Befragung wert scheint. Die Modifikation innerhalb der tragischen Pole ist unter anderem dadurch bedingt, dass die Figur eine Einsicht in den Gang der Dinge als Gewahrwerden der Wahrheit erlangt. Die veräusserlichte Identität mit dem Göttlichen ist dabei der manifeste Riss in der Figurenentwicklung des Empedokles. Das, was das Stück ทนท zu bezeugen sucht, ist der Weg hinauf in den Abgrund - die Wörtlichmachung tragischer Fallhöhe auf der Ebene des Gehalts. - „In freiem Tod, nach göttlichem Gesetze!“[2] - Damit ist das Telos der Handlung von der Figur selbst geäussert und mithin das Spannungsfeld von Determination in ihrer sprachlichen Veräusserlichung und dem freien Willensakt aufgerissen. In diesem Tod findet eine Art Vereinigung mit der Welt als Wille zur Notwendigkeit statt. Das tragische Ende ist das Rätsel im Zentrum der Handlung, wird im Titel prominent gemacht und widersetzt sich zugleich der unmittelbaren Begründbarkeit, indem es als das Unumgehbare dasteht. Diese Unbegründbarkeit des Notwendigen scheint mir freilich darin begründbar zu sein, dass Empedokles’ Freitod als selbstbestimmter Akt der Freiheit aus einer nie offenkundigen, aber deshalb in ihrer Impliziertheit nicht minder gegenwärtigen Notwendigkeit selbst erwächst, deren Bewusstsein die Rezeption ebenso begleitet wie die Figur selber, wenn sie ihr eigenes Ende fordernd vorwegnimmt: „o gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt! -“[3] Die anstehende Betrachtung ist somit ein Versuch, die Folgerichtigkeit dieses Todes aus dem Text heraus darzustellen, wobei Letzterer im Zeichen eines kataphorischen Bezuges zu Empedokles’

Tod gelesen werden will. Am Ende werde ich noch auf das Verhältnis von Dichter und Held eingehen, indem ich das Hölderlin-Gedicht Empedokles zu Rate ziehe. Die Konfliktsituation des tragischen Helden verlangt wohlgemerkt keine befriedende Auflösung dieses Widerstreits in einer sekundären Betrachtung. Es ist mir umgekehrt wichtig, bei gebotener Kühle der wissenschaftlichen Denk- und Redeweise keinen falschen Anschein einer Enträtselungsbemühung zu affizieren. Die Fülle des Inhalts und dessen sprachlichen Niederschlags soll nicht auf Modalitäten reduziert werden. Allerdings bietet sich durch die Vergegenwärtigung des Gegensatzes von „menschlich erfahrener Freiheit“ und „göttlichem Gesetz“ eben eine Ganzheit an, die den einzelnen Reden im Stück einen bestimmten Sinn zu geben vermag, welchen ich im Folgenden darzulegen versuche.

Was meint hier eigentlich „Freiheit“ und was „Notwendigkeit“? Bei jeder tragödientheoretischen Erörterung wird meines Erachtens offenbar, dass das jeweilige Verständnis dieser Begriffe von einer vorangehenden Grundannahme oder, etwas weniger milde ausgedrückt, einem Vorurteil abhängt. Das Urteil ist nämlich jeweils darüber gefällt worden, welche Sphären des menschlichen Lebens in der jeweiligen Tragödie betroffen scheinen. Denn wird „Notwendigkeit“ im Sinne von „Sittlichkeit“ gelesen, ist damit die moralische Gebundenheit der Individuen an das überindividuelle, aber meist durch Tradition und Politik gebundene Gesetz gemeint. Viele tragische Konflikte, in klassischen und moderneren Beispielen, erwachsen ja dem Widerstreit der Helden mit den ihnen in der Sittlichkeit vorgezeichneten Bahnen. Nicht selten spielt dabei der Streit eine Rolle, wie „hoch“ das sittliche Gesetz begründet ist. Sophokles’ Antigone und Goethes Iphigenie haben gemeinsam, dass sie die Sittlichkeit ihrer Handlungen bei der Subversion gegen die regionale Sittlichkeit in Berufung auf die eigens konstituierte, höhere Sittlichkeit (i.e. das göttliche Gesetz oder die Humanität) denken wollen. „Freiheit“ ist dort also im subversiven Akt begründet, wo die überindividuelle Gesetzlichkeit eine Erweiterung ihres Wirkungskreises durch den Ungehorsam des Individuums erfährt.

Die andere mögliche Auslegung der beiden Begriffe geht aber dahin, dass diese in einem „allwaltenden“ Sinne verstanden werden, wobei die Universalität der Naturnotwendigkeit, anders als die geschichtliche Notwendigkeit, keine durch Transzendierung erweiterbare ist. Notwendigkeit ist hierbei viel stärker zu denken. Sie hat keine normative Dimension, sondern bezeichnet den ehernen Gang der Dinge. Notwendigkeit eilt immer voraus und lässt keine Modifikation zu - höchstens Einsicht als Wissen um sie. Selbst die Handlung, welche im Bewusstsein der Notwendigkeit in Absicht einer Modifikation derselben vollzogen wird, leidet unter einer ewigen, logischen Nachrangigkeit, welche die Uneinholbarkeit des „göttlichen Gesetzes“ vor Augen führt. Dieses „Vor-Augen-Führen“ ist gleichsam die einzige Bewegung von einem Pol zum anderen, die dem Menschen in äusserster Steigerung zum Vollzug freisteht. Der Leidensweg des Empedokles wird in einer Haltung begangen, welche mit der Notwendigkeit einen Bund schliesst, wobei diese Beziehung wohl keine Veränderung der vorgezeichneten Bahnen zulässt, allerdings aber eine Innerlichkeit, welche einer Notwendigkeit die tragische Erkenntnis derselben entgegenstellt. Nur im Erkennen kann der Mensch seine Freiheit gegenüber dem göttlichen Gesetz bewahren, weil er darin die werdende Allheit in ihrer abgründigen Determiniertheit zu objektivieren vermag.

Ich möchte erwähnen, dass meine Überlegungen zu Freiheit und Notwendigkeit im tragischen Kontext ihren Ausgang eigentlich bei der Lektüre von Sophokles’ König Ödipus genommen haben. Die antike Vorzeigetragödie zeigt nämlich - und zwar unabhängig von der Karriere in Beispielhaftigkeit, die sie durch Aristoteles’ Poetik erfahren hat -, dass sie offenlegt, was beim Tod des Empedokles nur allzu schwer fassbar ist. Es ist der Widerstreit von Freiheit und Notwendigkeit, der beim König Ödipus so einseitig ausfällt, dass selbst die delphische Weissagung in den Wirkungskreis der Notwendigkeit gerät und dem Helden nur die Selbstjustiz trotz Unwissenheit übrig bleibt. Die Freiheit bleibt deshalb gewahrt, weil sie die Notwendigkeit dahingehend umdeutet, dass die absolute Abhängigkeit von ihr selbstverschuldet und damit zum Problem der Freiheit wird. Einsicht in Notwendigkeit, welche die Freiheit verdrängen würde, bringe auch eine Entledigung von jeglicher Verantwortung mit sich. Gerade dieser Umstand scheint mit Ödipus’ Selbstblendung aber in seiner Pervertierung zu münden. Die Freiheit obsiegt deshalb, weil sie im Postulat der Schuld die Notwendigkeit in ein Gewolltes umzudeuten weiss. Ödipus, der dadurch, dass er den notwendigen Gang der Dinge durch die strikte Negation der delphischen Weissagung zu verändern suchte, selbst zum Agenten des Weisgesagten wurde, führt sich den eigenen Schuldzusammenhang vor Augen und trachtet nach Entsühnung. Und die Selbstblendung entspricht der Unmöglichkeit einer gänzlichen Entsühnung in den Bahnen der Notwendigkeit, sodass nur die besagte Bewegung zwischen den Polen von Freiheit und Notwendigkeit rückgängig gemacht werden kann - das Vor-Augen-Führen als Offenbarungsgeschehen des göttlichen Gesetzes in seiner Notwendigkeit und die Selbstblendung als die Umkehr dieses Vorgangs in symbolischer Gewalt.

[...]


[1] Die Gegenüberstellung von „innerer Freiheit“ und gegebenem Gesetz als „äussere Notwendigkeit“ entspricht für A.w. Schlegel den „beiden Pole[ท] der tragischen Welt“. Vgl. Schlegel, August Wilhelm: Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. (1809-1811). Erster Teil, in: Kritische Schriften und Briefe, Bd. 5, hg. V. Edgar Löhner, Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1966, S. 61: „Innere Freiheit und äussere Notwendigkeit, dies sind die beiden Pole der tragischen Welt.“

[2] HÖLDERLIN 1973, S. 131.

[3] Ebd„ S. 60.

Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668468801
ISBN (Buch)
9783668468818
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368444
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
Schlagworte
gesetze empedokles spannungsfeld freiheit notwendigkeit

Autor

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Titel: "In freiem Tod, nach göttlichem Gesetze!" Der Tod des Empedokles im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit