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Die Frage der Lokalisierung von Bedeutungen bei Hilary Putnam und John Searle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 19 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Putnams Argument für einen semantischen Externalismus
2.1 Die Problemlage - Die traditionelle Bedeutungstheorie und ihre „two unchallenged assumptions “
2.2 Bedeutungen sind nicht im Kopf! - Das Twin-Earth-Gedankenexperiment

3. Searles Einsprache: der intentionale Internalismus
3.1 Bedeutungen sind im Kopf! - Searles Einwände gegen das Twin-Earth- Gedankenexperiment

4. Versuch einer vergleichenden Bewertung der Bedeutungslokalisierungs-Debatte

5. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Cut the pie any way you like, „meanings“ just ain’t in the headI[1] [H. Putnam]

[...] meanings are precisely in the head.[2] [J. R. Searle]

Die Grundfrage der Sprachphilosophie ist nach John R. Searle die, wie sich Sprache auf Wirklichkeit beziehe.[3] Und dieser Bezug kann, wie im vorliegenden Fall, in der Frage nach dem Wesen von ,Bedeutung‘ thematisch werden. Die Problematisierung des ,Bedeutens‘ als eines solchen fußt auf dem Glauben an die Möglichkeit, ,Sprache ‘ von der Wirklichkeit als Gegenstand der Reflexion isolieren zu können. Es entsteht so eine Kluft zwischen dem horizontierten Gegenstand ,Sprache ‘ und einer wie auch immer gearteten, diesen Gegenstand umgebenden Wirklichkeit. Die geteilte Bemühung um eine Schließung dieser Kluft kann nur im Zeichen einer für die philosophische Frage nötigen Vergegenwärtigung des Ganzen folgerichtig sein, ermöglicht aber wie hier mindestens den Vergleich augenscheinlich verschiedener Ansätze der jüngeren Sprachphilosophie. Einen solchen Vergleich will ich im Folgenden thematisch in der Frage fundieren, wo Bedeutungen zu lokalisieren seien - im Kopf oder außerhalb des Kopfes, das heißt ,in der Wirklichkeit’. Mit dem locus des ,Kopfes’ ist eine dritte Komponente ins Spiel gebracht, die zunächst eine Reduktionsbestrebung respektive ein Argument gegen die Reduzierbarkeit von Sprache und Welt auf Gehirnvorgänge vermuten lässt.[4] Die Rede von ,im Kopf sein’ ist hier jedoch zunächst rein metaphorisch konnotiert, im Sinne einer immanenten oder transzendenten Verortung der Individuierungsmöglichkeit von ,Bedeutungen’ als semantische Entitäten ,in der Welt’. Selbstverständlich ist dabei allerdings sowohl der Sinn einer solchen Lokalisierungsbestrebung selbst in Frage zu Stehen wie auch mit Rücksicht auf obige Grundfrage, welche Vorstellung von Wirklichkeitsbezug jeweils wirksam gemacht wird.

Die vorliegende Untersuchung hat dieser Grundproblematik entsprechend das Ziel, Hilary Putnams Argument für den semantischen Externalismus im 1975 erschienenen Aufsatz The Meaning of Meaning nachzuzeichnen und mit John Searles Argument für einen intentionalen Internalismus, wie er es im Kapitel „Are Meanings in the Head?“ in Intentionality entfaltet hat, zu kontrastieren. Putnam führt sein Argument bekanntlich an jenen Punkt, wo es jedem klar sein sollte, dass, wie auch immer die Sache gedreht werde, Bedeutungen ganz einfach nicht im Kopf des Sprechers sein können. John Searle propagiert - im Rahmen seiner Philosophie des Geistes, die in der pragmatischen Erweiterung der Semantik des Sprechaktes ermittelt wird, zumindest oberflächlich das genaue Gegenteil. Für Searle sind Bedeutungen im Kopf und nur im Kopf („there is nowhere else for them to be“[5] ). So gesehen würde Putnams Gegenbeweis mithin den Kern der Sache verfehlen, nämlich die intentionale Verfasstheit von ,Bedeutung‘.

Zuerst geht es in Kapitel 2 um Putnams Argument für den semantischen Externalismus. In Kapitel 2.1 soll die Problematik skizziert werden, in die Putnams Essay vorzudringen beabsichtigt. Dann soll (in Kapitel 2.2) das berühmte Zwillingserdenargument Putnams rekonstruiert und der Leitfrage nach der Lokalisierung von Bedeutungen gemäß ausgelegt werden, um dieses sogleich mit Searles Einwänden zu konfrontieren (in Kapitel 3). In einem letzten Schritt (Kapitel 4) will ich mich in einem eigenständigen Vergleich beider Ansätze versuchen.

2. Putnams Argument für einen semantischen Externalismus

Putnams Fürsprache für einen semantischen ,Externalismus ‘ kann von seiner Fürsprache für einen „realistischen Standpunkt“[6] her verstanden werden. Denn in Entsprechung zu seiner Individuierungsstrategie von ,Bedeutungen‘ steht bei ihm zur Diskussion, welche Aspekte ,innerhalb‘ der Sprache und damit im Sinne der Intension ,im Kopf‘ und welche ,außerhalb‘, also sozusagen ,in der wirklichen Welť, liegen und auf welche mittels Sprache als Extension referiert werden kann. Die , traditionelle ‘ Semantik wird von Putnam in The Meaning of „Meaning“ eines allzu subjektivistischen semantischen Internalismus bezichtigt, weil sie die intensionale Bestimmung der extensionalen Bedeutung überordnet. Was heißt das aber eigentlich? Ich versuche ทนท zuerst im Blick auf die einführenden Passagen von Putnams Essay, die Problemlage in den zwei von Putnam diagnostizierten „unchallenged assumptions“[7] freizulegen.

2.1 Die Problemlage - Die traditionelle Bedeutungstheorie und ihre „two unchallenged assumptions “

Die Bedeutung von ,Bedeutung‘ wird gemeinhin so bestimmt, dass es nicht klar ist, ob mit ,Bedeutung‘ die Intension oder die Extension eines Begriffs gemeint ist. Putnam disambiguiert das Begriffspaar Intension/Extension (vielleicht zwecks gesteigerter Einschlägigkeit seiner Präzisierungsabsichten) zunächst relativ unscharf dahingehend, dass Intension mit dem fregeschen Sinn oder dem Begriff einer Sache gleichgesetzt werden kann und Extension die Menge der Dinge bezeichnet, welche einem jeweiligen Sinn unter disjunktiven Zugehörigkeitskriterien entsprechen. Oder anders gesagt ist die Extension die Menge aller Dinge, auf die der Begriff zutrifft. Der Begriff fasst also jene Dinge unter seine Extension, von denen er wahr ist.[8] Diese Unterscheidung von Intension und Extension erläutert Putnam anhand einiger Beispiele, welche sogleich die Problematik einer Lokalisierung der Bedeutung in dieser Dichotomie vor Augen führt, über verschiedene Arten von Bedeutungsdifferenzen versucht Putnam klarzumachen, dass wir bei der Intension­Extension-Theorie von ,Bedeutung‘ jeweils verschiedene Bereiche meinen können. Der Bezug von Sprache und Welt wird in diesem Modell folglich als zu diffus gedacht wahrgenommen. „The canonical explanation of the notions ,intension‘ and ,extension‘ is very much like ,in one sense ’meaning4 means extension and in the other sense ’meaning4 means meaning'.“[9] Einmal wird ,Bedeutung4 wie gewohnt intensional verwendet, im Sinne des Begriffs oder des fregeschen Sinns einer Sache; das andere Mal wird sie extensional verwendet, zum Beispiel im Fall von indexikalischen Ausdrücken oder bei der fregeschen Bedeutung. Das Beispiel, das Putnam zur Veranschaulichung des gängigen Falles anführt, wo mit ,Bedeutung4 Intension gemeint ist, ist das von ,Lebewesen mit Herz4 und ,Lebewesen mit Nieren4.[10] Natürlich ist es so, dass die Ausdrücke verschiedene Bedeutungen (Intensionen) haben, generell gesehen haben aber beide Ausdrücke dieselbe Extension. Im Falle von ,Lebewesen mit Herz‘ und ,Lebewesen mit Nieren‘ zu sagen, die beiden Ausdrücke hätten verschiedene ,Bedeutungen‘, betrifft aufgrund der supponierten Extensionsgleichheit nur die sprachinteme Ebene des Sinnes, des Begriffs oder der Intension.[11]

Verortet man die Bedeutungsdifferenz hingegen ,draußen‘ auf der Extensionsebene, so ergibt sich eine andere Schwierigkeit. Im Gegensatz zum Herz-Nieren-Beispiel, wo dargelegt wurde, dass zwei extensionsgleiche Ausdrücke verschiedene Intensionen haben können, ist der umgekehrte Fall nach Putnam gemäß der traditionellen Ansicht unmöglich: „[...] the reverse is impossible: two terms cannot differ in extension and have the same intension.“ Und er fügt sogleich an: „Interestingly, no argument for this impossibility was ever offered.“[12] Diesem Versäumnis versucht Putnam dadurch zu begegnen, dass er die Unmöglichkeit der Extensionsdifferenz bei Intensionsgleichheit verwerfen wird. Zunächst ist aber festzuhalten, dass das Missverständnis, dass die Bedeutung eines Begriffs seine Extension festlegt („in the sense that sameness of intention entails sameness of extension“[13] ), die erste der beiden „unchallenged assumptions“ der traditionellen Bedeutungstheorie bezeichnet. Dieses Missverständnis drückt sich für Putnam in einem zu Starren Konstitutionsverhältnis aus, welches darauf hinausläuft, dass Intensionsgleichheit notgedrungen Extensionsgleichheit zeitigt.[14] Dabei spielt nämlich auch keine Rolle mehr, dass die intensional gefassten Bedeutungen überindividuelle Sinnentitäten sind wie bei Frege und dadurch entsubj ekti viert - also in gewissem Sinne schon ,extemalisiert‘ - wären. Entscheidend ist nur, dass es selbst bei Letzterem darauf ankommt, dass die Bedeutungen durch den Sprecher intemalisiert werden müssen, indem diese in einem psychischen Zustand zugänglich gemacht werden. Daraus entsteht ein vager Begriff der ,Intension‘ und des ,Begriffs‘ - ein Umstand, welcher die Bedeutung von ,Bedeutung‘ weiter im Dunkeln lässt. Die andere unhinterfragte Präsupposition der traditionellen Bedeutungstheorie liegt deshalb darin, dass angenommen wird, die Bedeutung eines Begriffs zu kennen bedeute lediglich, in einem entsprechenden psychischen Zustand zu sein. Ein Hauptproblem, das Putnam mit dieser internalistischen Bedeutungstheorie hat, ist das folgende:

Es gibt einen dem naturalistischen Timbre dieses Begriffs gegenläufigen ,öffentlichen‘ Charakter der psychischen Zustände (,,’public‘ character of psychological states“[15] ). Die Psychologisierung von Bedeutung verfehlt diese Ambiguität, welche dem Konzept des psychischen Zustandes eigen ist. Psychische Zustände „in the narrow sense“[16] meinen die in einem biologisch-naturalistisch isolierbaren Gehirn eines Einzelnen stattfindenden Vorgänge. In dieser Hinsicht sind Bedeutungen natürlich im Kopf zu lokalisieren. Aber wenn psychische Zustände auch als sogenannte „broad mental States“ gelten können - und „knowing the meaning of a word“[17] ist ein solcher Fall -, dann individuieren sich diese weitgefassten psychischen Zustände über unsere Relationen zur Umwelt und zu anderen Sprechern und nicht einfach durch das, was im Gehirn privatim vorgeht.[18]

In Kombination mit der ersten „unchallenged assumption“ ergibt sich also ein problematisches Verhältnis zwischen der intensionalen Immanenz von Sprache als kriteriale Sinnebene von Wörtern und dem Zugriff des Einzelnen auf diese Sinnebene. Dieses problematische Verhältnis drückt sich für Putnam in dem Umstand aus, dass gilt: ,,[K]nowing the meaning of a term is just a matter of being in a certain psychological state [,..]“[19]. Auf dieser Gleichsetzung beruht der methodische Solipsismus, den Putnam der traditionellen Bedeutungstheorie vorwirft.

When traditional philosophers talked about psychological states (or mental „states“), they made an assumption which we may call the assumption of methodological solipsism. This assumption is the assumption that no psychological state [...] presupposes the existence of any individual other than the subject to whom that state is ascribed.[20]

Die hier beschriebene Ausklammerung der extramentalen Seinssetzungen, die in der cartesischen Tradition als Königsweg der philosophischen Reflexion angesehen wird, ist für Putnam gänzlich ungeeignet, um dem öffentlichen Charakter der psychischen Zustände gerecht zu werden. Auch wird dabei nämlich ausgeklammert, dass die extensionale Erfüllung einer an den psychischen Zustand gebundenen Intension gemäß der ersten „unchallenged assumption“ fortan von dem psychischen Zustand vorbestimmt ist.

[...]


[1] Putnam, H., „The Meaning of ,Meaning1“, in: Gunderson, K. (Hrsg.), Language, Mind and Knowledge, Minneapolis 1975, S. 1-14.

[2] Searle, J. R., Intenti onali ty, New York 1983, S. 200.

[3] „The fundamental question of the philosophy of language has always been: How does language relate to reality?“ Searle, Intentionality, S. 197.

[4] Bei Searle scheint das Argument wohlgemerkt darauf hinauszulaufen, eine Naturalisierung des Geistes mit der fregeanisch gedachten Intensionalität (mit .S·-!) der abstrakten Sirmenti täten in seiner Konzeption der Intentionalität (mit /-!) konvergieren zu lassen. (Vgl. Searle, Intentionality, S. 230: „Paradoxically, then, the point of view from which I defend a ,Fregean‘ account of reference is one Frege would have found utterly foreign, a kind of biological naturalism.“)

[5] Searle, Intentionality, S. 200.

[6] Vgl. Putnam, H., Von einem realistischen Standpunkt. Schriften zu Sprache und Wirklichkeit, hrsg. V. Müller, V. c., Reinbek bei Hamburg 1993, S. 78ff. Ich möchte dem (von Putnam begrüßten) Umstand, „dass ,-ismen1 in der Philosophie außer Mode gekommen“ (ebd., S. 78) seien, nicht entgegenwirken, sondern gehe davon aus, dass die Realismus-Idealismus-Debatte als eine Spielart der Frage von Intemalismus-Extemalismus oder auch vice versa ausgelegt werden kaim - dass aber auf jeden Fall die Gemeinsamkeit der Grundfragen eine wechselseitige Diskussion ermöglichen kaim.

[7] Putnam, H., „The Meaning of ,Meaning'“, S. 135.

[8] Ebd., S. 132f.

[9] Ebd, S. 134.

[10] Ebd, S. 133f.

[11] Putnam, H., „The Meaning of .Meaning1“, S. 134.

[12] Den Grund dafür sieht Putnam historisch verbürgt. Die dargelegte Unmöglichkeit widerspiegelt für ihn nämlich die traditionelle Ansicht antiker und mittelalterlicher Philosophen, gemäß welcher ein Begriff eine Ansammlung von Prädikaten darstellt und folglich die vollständige Ansammlung der Prädikate die Extension des Begriffs notwendig und hinreichend festlegt. (Vgl. ebd., S. 135.)

[13] Ebdľs. 136.

[14] Und im modus tollens impliziert die Extensionsungleichheit die Intensionsungleichheit. überhaupt ist die Scheidung von Extension und Intension für Putnam der zentrale Angriffspunkt an der traditionellen Semantik.

[15] Putnam, H„ „The Meaning of .Meaning1“, S. 139.

[16] Ebd, S. 139.

[17] Putnam, H., „Introduction“, in: Pessin, A./Goldberg, S. (Hrsg.), The Twin Earth Chronicles. Twenty Years of Reflection on Hilary Putnam’s „The Meaning of MeaningNew York 1996, S. xviii.

[18] Vgl. ebd., S. xvii-xviii.

[19] Putnam, H., „The Meaning of .Meaning1“, S. 135.

[20] Ebd., S. 136.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668468498
ISBN (Buch)
9783668468504
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368426
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2.3
Schlagworte
Semantik Pragmatik Internalismus Externalismus Putnam Searle Twin-Earth Zwillingserde Philosophie Sprachphilosophie

Autor

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