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Luther und Freud. Eine Auseinandersetzung mit der christlichen Moral

Facharbeit (Schule) 2015 44 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zentrale Begriffe: Moral
1.1. EthikundMoral
1.2. Die4 Ebenen moralischer Betrachtung

2. Freuds Ansichten zur Moral
2.1. PhylogenetischeReligionskritik
2.1.1. Das Grundlegende Schuldgefühl
2.2. PsychoanalytischesPersönlichkeitsmodell
2.2.1. Es, Ich, Über-Ich
2.3. KritikanchristlicherMoral
2.3.1. Schuld und Schuldbewältigung
Exkurs: Der heiligeAntonius
2.3.2. Religion und Wunschdenken
2.3.3. Religion als Neurose

3. Zentrale Begriffe: Sünde und Gesetz
3.1. Sünde,SchuldundSünder
Exkurs: Im Garten Eden
3.2. Die 4 Arten von Gesetz
3.2.1. Das Theologische Gesetz

4. Die Rechtfertigung
4.1. Weitere überlegungen
4.1.1. Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit
4.1.2. Überdecken & auslöschen
4.2. Einige Einwände
4.2.1. Die imputative Gerechtigkeit
4.2.2. Das Traktat von der Freiheit eines Christenmenschen

5. Kritikan Luther

6. KritikanFreud
6.1. Freuds Kritik am Christentum
6.2. Christentum und Triebverzicht
6.3. Die Christliche Botschaft
Schluss

ANHANG
I. Glossar

EINLEITUNG

Wie genau ist denn die Religion? Was gehört dazu, was nicht? Oftmals gehen die Meinungen der Menschen auseinander, aber wenn es um die Religion geht scheint sich da niemand so richtig einig zu sein. Dies ist also ein sehr kontroverses Thema. Es gibt wohl kaum ein Thema, das so zur Diskussion steht wie die Religion. Oftmals werden Gläubige als Dogmatiker, Fundamentalisten oder Moralapostel bezeichnet. Ein sehr weites Feld. Deshalb einmal nur die Frage: „Was ist dran am Moralapostel?"

Laut einer Umfrage 1 an der Maria-von- Linden Schule der Jahrgangsstufe SG/EG 1, scheint das Thema ähnlich kontrovers. 75 Schüler wurden zu ihrer Religion befragt.

Die Frage, ob es einen Gott gibt, war dabei noch relativ eindeutig. Über 50 % waren der Meinung, dass es definitiv einen Gott gibt. Bei der Aussage „Religion besteht aus Gesetzen und Verboten" gingen die Meinungen

schon eher auseinander. Trotzdem wird klar: Nach Meinung der Schüler hat Religion auf jeden Fall zumindest teilweise etwas mit Gesetzen und Verboten zu tun.

Dem Satz „Religion schreibt mir vor, wie ich leben soll" konnten einige auch teilweise zustimmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung E.l: Umfrage Religion ist... Gesetze & Verbote

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Abbildung E.1: Umfrage Religion ist... Vorschrift für das Leben

Klar wird: Religion hat für die meisten etwas mit Moralität, Gesetzen, Verboten und Vorschriften zu tun.

Im Rahmen dieser Seminararbeit soll es um zwei verschiedene Positionen gehen, die die Moral des Christentums unterschiedlich einordnen.

Der Erste ist Vertreter der modernen Psychologie und Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Seine Theorie zur Entstehung der Religion zeigt: Die Religion ist nichts anderes als Schuldbewältigung. Seiner Ansicht nach macht die Moral des Christentums sogar psychisch krank.

Der andere ist Martin Luther. Geboren 1483 in Eisleben, als Sohn einer einfachen Bergarbeiterfamilie. Er erlebt ein sehr von Moral geprägtes Christentum. Unter diesen Umständen findet er allerdings für sich einen Schatz und entdeckt damit etwas wieder, von dem schon Paulus im Römerbrief schrieb.

Wie lässt sich die Moral des Christentums beschreiben? Führt sie wirklich zu psychischen Störungen, wie Freud schreibt? Oder steckt im Christentum eine Freiheit wie Luther schreibt?

Auf den nächsten Seiten soll geklärt werden, was man unter Moral denn eigentlich versteht und was beide Seiten- Freud und Luther- zum Thema Moral zu sagen haben. Zum Schluss soll es dann darum gehen was nun beide Seiten gemeinsam haben und wo Sichtweisen überarbeitet werden müssen. Am Ende soll dann folgende Hypothese verifiziert oder falsifiziert werden:

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Abbildung E.3: Die Hypothese

l. ZENTRALE BEGRIFFE: MORAL

Um die zentralen Begriffe zu klären, soll Kapitel 1 dazu dienen, den Begriff näher zu betrachten. Es soll geklärt werden, in welchem Zusammenhang Ethik und Moral stehen und wie Ethische Sachverhalte zu betrachten sind.

1.1 ETHIK UND MORAL

Die Ethik geht auf Aristoteles, dem großen griechischen Philosophen und Naturwissenschaftler zurück. Das vom griechischen Stammende Wort,aethos' bedeutet ursprünglich so viel wie Gewohnheit, Sitte, Brauch oder der Tugend „und, weil Tugend ein praktisches Verhalten ist, wird Ethik zur praktischen Philosophie."[1]

ETHIK IST EINE PHILOSOPHISCHE DISZIPLIN (...), DIE DAS SITTLICHE VERHALTEN DES MENSCHEN ZUM GEGENSTAND HAT.[2]

Die Ethik an sich ist nur rein deskriptiv, sie fragt nach Gründen und Motiven für einzelne Sitten und Gebräuche. Des Weiteren wird schon seit Aristoteles die Frage nach der Vernunft gestellt. Durch die Entwicklung der Ethik und deren unterschiedlichen Auffassungen lassen sich der Tätigkeitsbereich und das Ziel der Ethik nicht präzise formulieren.[3]

Im Allgemeinen wird gefragt, was absolut sittliches Verhalten in Bezug auf gute oder gerechte Maßstäbe bedeutet. Die Frage, was gut und was böse ist, wird damit auch zum Gegenstand der Ethik und soll später noch aus christlicher Sichtweise betrachtet werden. Die Ethik befindet sich also auf einer metaebene des sittlichen Verhaltens oder genauer gesagt der Moral. Ethik kritisiert die Moral und hinterfragt sie.

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Abbildung 1.1: Zusammenhang zwischen Moral und Ethik

Moral hingegen benötigt keine Begründung oder Reflektion. Ihr reicht die reine Deskription des Üblichen. Also wird mit Moral die Gesamtheit aller von der Gesellschaft akzeptierten Normen und Werten beschrieben.

Moral regelt des Weiteren das soziale Verhalten untereinander. Dabei beruft sich die Moral meist auf das Konventionelle, das schon Bestehende. Die Moral der Eltern wird meist auch vom Kind übernommen und ändert sich nur geringfügig durch die Ethik. Moralische Vorstellung der Menschen können je nach Kultur, Religion oder Einstellung variieren. Es ist die Aufgabe des Individuums, die Moral zu verändern und nach eigenen Vorstellungen zu formen.

1.2 DIE 4 EBENEN MORALISCHER BETRACHTUNG

(Vgl. HONECKER 1990, S.6-8)

Henry David Aiken formulierte ein vierteiliges Modell, zur Betrachtung der Ethik. Dabei sind seine Erkenntnisse nicht ausschließlich neu, sondern basieren auf vorangegangenen Erkenntnissen der Ethik.

Die erste Ebene, die Aiken benennt, ist die expressiv-evokative Ebene. Diese Ebene bedient sich keinerlei Logik oder Vernunft. Sie ist die spontane und affektive, moralische Entscheidung. Sie beschreibt alle unüberlegten und ungeplanten Handlungen. Eine spontane moralische Bewertung, sozusagen eine Art Bauchgefühl.

Die nächste Ebene ist die moralische. Die moralische Entscheidung wird dabei durch Grundsätze legitimiert. Alle Entscheidungen gehen auf Normen und Werte zurück. Auch hier findet keine kritische Auseinandersetzung statt.

Die ethische Ebene bildet die Metaebene der moralischen Ebene. Sie hinterfragt kritisch und die Argumente werden reflexiv hinterfragt. Je nach verwendeter Ethik kommt es dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Begründung der Moral kann durch verschiedene Ethiken erfolgen.

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Tabelle 1.1: Ethische Richtungen

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Und noch eine Metaebene hinter der Ethik befindet sich die Metaethik. Sie hinterfragt die Ethik an sich. Sie befasst sich damit, welche ethischen Prinzipien gut und schlecht sind, und welche ethischen Urteile Gültigkeit besitzen. Die Metaethik fragt sich, was überhaupt ein ethisches Urteil ist, und wozu es benötigt wird.

2. FREUDS ANSICHTEN ZUR MORAL

Sigmund Freud war Begründer der Psychoanalyse. Sie befasst sich mit der Psyche des Menschen und versucht, durch das Bewusstwerden Verdrängter Inhalte psychische Störungen zu heilen. Freuds Forschung war zu damaliger Zeit bahnbrechend und Abbildung für die auch stark kritisiert. Neben seinen Erkenntnissen in der Veröffentlichung entfernt. Psychologie war er, wie auch schon vor ihm Feuerbach und Nietzsche, ein Religionskritiker. Er betrachtete die Religion als eine ^eu^—vat^der modernen Psychologie große Zwangsneurose.[1] Lange Zeit beschäftigte er sich mit der Herkunft der Religion und untersuchte dabei primitive Volksstämme.

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Abb. 2.1: Sigmund Freud - Vater der modernen Psychologie

2.1PHYLOGENETISCHE RELIGIONSKRITIK

1897 begann Freud erstmals damit, sich mit Religion auseinanderzusetzen. Seine weitere Forschung behandelt dann vor allem den Ursprung und die Herkunft der Religion. Dabei stützt sich seine Theorie von „Totem und Tabu" zum einen auf die Urhorde nach Charles Darwin und zum anderen auf die eigenen Psychoanalytischen Untersuchungen.

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Abbildung 2.2: Die Beziehung zwischen Urvater und Sohn

Für Freud war merkwürdig, dass das Schuldgefühl bei jedem Menschen unabhängig von Herkunft anzutreffen war. Daraus ergab sich für ihn der phylogenetische Ansatz seiner Religionskritik. Seiner Theorie zufolge besaß die Urhorde einen Urvater, der in einem sehr ambivalenten Zustand auf der einen Seite verehrt und auf der anderen Seite gehasst wurde. Auf der einen Seite war der Urvater ein Despot; bestimmend in seinem Verhalten und manchmal geradezu willkürlich in seinen Handlungen. Auf der anderen Seite bot der Urvater Schutz und Sicherheit. Der Urvater besaß alle Weibchen und allen Besitz der Horde. Allerdings war der Urvater mächtiger als die Söhne und von ihm drohte die Kastrationsangst. Auf der einen Seite hassten die Söhne also ihren Vater, weil er mächtiger war als sie und alle Weibchen besaß und auf der anderen Seite kämpften sie mit dem Bedürfnis dem Urvater zu gefallen und seinen Schutz zu genießen. Die Söhne erschlugen und verzehrten den Urvater, um seine Position einzunehmen. Doch das brachte ein Schuldgefühl mit sich, das sich nach Freud bis heute in alle Völker niederschlägt. „Die Totemreligion war aus dem Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dieses Gefühl zu beschwichtigen"[2]. Der getötete Urvater wurde dann durch das Über- Ich (siehe 2.2.1) ersetzt und die Kastrationsangst wurde zur Gewissensangst.[3]

Ein weiterer Beleg seiner Annahmen waren die Untersuchungen durch die Psychoanalyse. Dazu bediente er sich der frühen Kindheitsjahre seiner Patienten. Freud untersuchte die Entstehung des Gewissens. Ihm fiel die Ambivalenz in der Beziehung zwischen Sohn und Vater auf. Die positiven und zugleich negativen Gefühle gegenüber dem Vater sorgen, so Freud, für die Entstehung des Über-Ichs. Die positiven Gefühle gegenüber dem Vater dienen der Identifikation mit ihm. Das Streben, so zu sein wie er, und das Verinnerlichen seiner Forderungen werden zur neu entstehenden Instanz, dem Über-Ich. Auf der anderen Seite stehen hingegen die negativen Gefühle gegenüber dem Vater, die dem Über-Ich eine große Stärke verleiht. Es entstehen dadurch Spannungen zwischen Über-Ich und Ich.

„[D]as Ichideal (...) [besitzt] eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft in grausamer Weise."[4] Diese Strenge und Spannung, des Über-Ich, kann dann als Gewissen bezeichnet werden. Aus dem ursprünglichen Urvater, der die Herde beherrschte, wurde also das Über-Ich, das external hinzukam, um durch Moralität das Schuldgefühl zu besänftigen.

2.1.1 Das Grundlegende Schuldgefühl

Die Phylogenetische Religionskritik beschreibt das Entstehen der Religion mit dem Ziel, die Schuldgefühle zu beschwichtigen, die durch den Moder am Urvater entstanden sind. Es wurde ein grundlegendes Schuldgefühl in den Menschen hineingelegt. Das Schuldgefühl ist somit nichts, was der Mensch von Natur aus in sich trägt. Es ist vielmehr von außen in ihn hineingekommen.

Um dieses Schuldgefühl zu lösen, vollziehen Totemreligionen immer wieder Riten, Bräuche und Zeremonien. Auch das Christentum ist nach Freud eine Totemreligion. Das Totem Jesus wird geschlachtet als Wiedergutmachung der ursprünglichen Bluttat der Söhne.

„In der Gestalt und im Werk Jesu Christi sieht er einen Weg zur Beschwichtigung des Schuldbewußtseins."[5] Durch diese Perspektive wird das christliche Abendmahl zu einer Wiederholung der Bluttat, nämlich dem Verzehren des Urvaters.

2.2 PSYCHOANALYTISCHES PERSÖNLICHKEITSMODELL

Neben Freuds Religionskritik, die bis heute von Fachleuten (wie Jung) stark kritisiert wird, leistete er Bahnbrechendes im Bereich der Beschreibung des inneren Seelenapparats. Sein Persönlichkeitsmodell gilt bis heute als unumstritten.

2.2.1 Es, Ich, Über-Ich

Das für ein Individuum charakteristische Muster des Denkens, Fühlens und Handelns, also unsere Persönlichkeit, unterteilt Freud in 3 Instanzen. Diese Instanzen agieren Unterschiedlich miteinander.

Die erste Instanz, die Freud bestimmt ist das Es. Von der Geburt an, unterliegt der Mensch ständig dieser Instanz. Sie beinhaltet sämtliche Triebe, Wünsche und Motivationen des Menschen. „Das Es kennt nur das Lustprinzip sonst nichts."[6] Das heißt, das Es hat nur ein Ziel: Das Maximieren von Lust und das Minimieren von Unlust. Das Es ist dabei vollkommen kompromisslos, egoistisch und stur. Es will alles sofort, ohne Wenn und Aber. Das Es ist gleichzeitig aber auch eine Energiequelle. Es schenkt dem Menschen Überlebenswillen und motiviert ihn zu Handlungen. Wenn das Es alleinstehend wäre, würde es sich wahrscheinlich selbst zerstören.

Das Es braucht eine weitere Instanz, die die Energien des Es steuert und in gelenkte Bahnen führt.[7]

Die zweite Instanz ist das Ich, das die Energien des Es lenkt und gegebenenfalls bestimmte Triebe und Bedürfnisse zurückschraubt. Das Ich führt die gewünschten Verhaltensweisen des Es aus, oder es hält sie zurück. Es ist die bestimmende Instanz, die versucht moralisch zu sein, aber trotzdem den Lustgewinn des Es erfahren möchte. Das Ich versucht, vom Über-Ich geliebt zu werden, wie einst vom Urvater. Daraus ergibt sich auch im Über-Ich ein Ansatzes des Es. Zusätzlich zur Entscheidung und zum Finden eines Kompromisses zwischen Es und Über-Ich, hat das Ich die Aufgabe, einen Abgleich mit der Realität zu leisten und folgt somit dem Realitätsprinzip. Außerdem handelt das Ich mit menschlicherVernunft und Intelligenz.

Die dritte Instanz bildet das Über-Ich. Es folgt dem Moralitätsprinzip und ist ein Ideal des Ichs. Es ist in eine Art Gewissen des Menschen und kann „über-moralisch"[8] genannt werden. Es beschränkt dieTriebe des Es durch die gesellschaftlichen Normen, Gesetzen und Verbote. Dabei kann es in gleicher Härte, Sturheit und Kompromisslosigkeit wie das Es handeln.

Wenngleich Freud auch schreibt, dass das Über-Ich durch den Vatermord von außen hinzugekommen ist, so ist die Instanz des Über-Ichs trotzdem etwas Internalisiertes. Äußere Normen und Verbote haben für das Über-Ich keine Bedeutung, wenn sie nicht verinnerlicht sind und als eigene Moral akzeptiert sind. Diese Normen und Gesetze werden durch die Erziehung in ein Kind eingepflanzt. Somit spiegelt das Über-Ich die Gesellschaft und bietet eine Orientierungshilfe für das Kind und den späteren Erwachsenen. Der Mensch lernt so, was er darf und was nicht. Das Über-Ich hat nicht die Triebbefriedigung zum Ziel, sondern eher die moralische Vollkommenheit und ein Ideal an Vorbildlichkeit. „Das Über-Ich ist der ethisch-moralische Arm der Persönlichkeit."[9]

Diese 3 Instanzen sind sich naturgemäß in den seltensten Fällen einig. Das Ich hat also nun die Herkulesaufgabe, einen Kompromiss zu finden und das Es und das Über-Ich in gleichem Maße zufrieden zu stellen. Es ist dementsprechend keine Verwunderung, wenn das Ich oft genug an seiner Aufgabe scheitert. Die Folge dieser Nichtbewältigung ist das Entstehen von Ängsten. Je stärker die einzelnen Instanzen gegeneinander arbeiten, desto öfter kann das Ich in seiner Aufgabe nur scheitern. Das Ich kann sich also im Extremfall nicht gegen das Es und das Über-Ich durchsetzen. So ein Ungleichgewicht der Persönlichkeitsinstanzen wird als Ich- Schwäche bezeichnet und ist oft Grundlage vieler Neurosen[10].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.3: Die Instanzen der Persönlichkeit

2.3 KRITIK AN CHRISTLICHER MORAL

Die Kritik an der christlichen Moral lässt sich auf zwei Ebenen vollziehen, die sehr eng miteinander verbu nden sind.

2.3.1 Schuld und Schuldbewältigung

Wie in Abschnitt 2.1.1 erläutert handelt es sich nach Freud bei der Religion um das Beschwichtigen von Schuldgefühlen. Indem der Mensch sich selbst durch Gesetze und Verbote knechtet, versucht er Wiedergutmachung zu leisten. Religion ist damit der künstlich vom Menschen erschaffene Ur-Vater. Die „Religion fordert Triebverzicht und droht mit Strafe"11 Damit ist die Religion ein Unterstützer des Über-Ichs. Die Religion sorgt mit ihren Verboten und Gesetzen dafür, dass das Über-Ich einen übermäßig großen Stellenwert bezieht. So bringt die Religion ein Ungleichgewicht in die Instanzen der Persönlichkeit. Die Energie des Es wird durch ein starres Über-Ich gebremst und aufgehalten. Die Energie bleibt allerdings weiterhin erhalten und muss dann in andere Bereiche ausweichen. Das Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus und kann sich schließlich nicht mehr gegen das Über-Ich und damit die autokrative externe Moral[12] der Religion durchsetzen. Es kommt zur Ich-Schwäche, die zu Gewissensangst führt. Und somit kann für das verzweifelte Ich nur ein Schluss übrig bleiben: Das Verdrängen bestimmter Inhalte, das Abschieben bis tief in das Unbewusste hinein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.4: Die Versuchung des heiligen Antonius

Doch die verdrängten Inhalte drängen wieder an die Oberfläche. Um dies zu vermeiden benötigt der geplagte Mensch viel Energie. Diese Situation macht das Entstehen von Neurosen zur unumgänglichen Tatsache. Freud misst dem Zusammenhang zwischen Schuldgefühl und neurotischen Störungen eine große Bedeutung zu. Die neurotische Angst sei in gewissem Maße auch eine Wiederholung von Schuldgefühlen, bzw. der Gewissensangst. So bezichtigt Freud „das Christentum einer Moral, welche Neurotiker und Psychotiker hervorbringe."[13] Die geforderte Verdrängung der Sexualität zum Beispiel führe zu Angst und Aggression. Da weder die Angst, noch die Aggression in die christliche Moral passen, kommt es zur Entstehung von Neurosen. Das Bedeutet die christliche Moral stellt unnatürlich hohe Ansprüche an den Menschen, der dann an seelischen Krankheiten leidet, die ohne die christliche Religion nie entstanden wären.

Freud geht sogar noch weiter, denn das Christentum sei nicht nur Förderer von seelischen Leiden, sondern verhindere auch das Heilen dieser Leiden, da das Christentum nicht fähig zur Selbstreflexion sei. Durch die Dogmen der Kirche ist es für das Christentum selbst undenkbar, seine Moralvorschriften zu ändern. Wenn also das Schuldbewusstsein nicht zum Menschen gehört, gar keine Entsprechung in ihm hat und sogar als seelischer Krankheitszustand gilt, dann ist die Religion mit ihrer Moral krankmachend.

2.3.2 Religion und Wunschdenken

Freuds spätere Forschung ließ ein anderes Licht auf die Religion werfen. Nach Studien in späteren Jahren kam Freud zu dem Schluss, dass Religion noch einen anderen Ursprung haben könnte. Wie schon Feuerbach bemerkte, hielt es auch Freud nicht für ausgeschlossen, dass die Religion und Gott eine Projektion der eigenen Bedürfnisse des Menschen sei. Aus der eigenen Hilflosigkeit des Menschen heraus entsteht aus dem Lustprinzip heraus ein Gott, der die Hilflosigkeit des Menschen lindert. Religion soll die harte Realität erträglicher machen. Es entsteht also ein Gott, der die Natur bändigt, das Schicksal beherrscht und alle Leiden unter Kontrolle hat. Religion ist nach Freud ein Realitätsverlust, ein Ausbrechen aus der Realität. Der Mensch kann nur befreit werden, wenn er sich der Realität stellt und die Realangst ablegt.

2.3.3 Religion als Neurose

ln beiden Ansätzen (2.3.1 & 2.3.2) wird eines deutlich. Nach Freud ist die Religion eine Neurose, die entweder durch die Gewissensangst oder durch die Realangst entstanden ist. Diese Neurose wurde über Generationen aufrechterhalten und gestärkt. Um allerdings zu seinem ursprünglichen Zustand zurückzukehren, muss der Mensch die Religion zurücklassen. Im Umkehrschluss heißt das, dass Religionskritik „den Menschen befähigen [soll], ein Sinn schöpfendes und Sinn gestaltendes Wesen zu werden."[14]

[...]


1 Anlage VI - Umfrage: Was ist Religion?

1 HONECKER 1990, S.4.

2 DUDEN: Ethik.

3 Vgl. FISCHER 2008, S.11

1 EHMANN 1993, S.67.

2 FREUD 1952, S.175.

3 Vgl. FREUD 2014, S.871.

4 FREUD 2014, S.865.

5 SCHARFENBERG 1970, S.144.

6 BISCHOF 1983, S.56.

7 Vgl. BISCHOF 1983, S.58.

8 BISCHOF 1983, S.56.

9 BISCHOF 1983, S.59.

10 Vgl. HOBMAIER 2014, S.20.

11 FASTENRATH 1993, S.156.

12 Vgl. EHMANN 1993, S.158

13 EHMANN 1993, S.67.

14 FASTENRATH 1993, S.158.

Details

Seiten
44
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668461352
ISBN (Buch)
9783668461369
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368405
Note
1,1
Schlagworte
Seminarkurs Luther Freud Psychoanalyse Ethik Moral Sündenvergebung Rechtfertigungslehre

Autor

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Titel: Luther und Freud. Eine Auseinandersetzung mit der christlichen Moral