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Utopische Tendenzen in Mecklenburg? Zur "Heimat" der Figur Gesine Cresspahls in "Jahrestage" von Uwe Johnson

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 36 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Utopie-Begriff in den Jahrestagen

II. Utopische Tendenzen in Mecklenburg
1. Heinrich Cresspahl
2. Pastor Brüshaver
3. Gerd Schumann
4. Jakob

III. Vermeintlich reale Utopien / vergangene Heimat
1. Der Schlegel-Hof
2. Das Fischland

IV. Eine Zusammenfassung

V. Der Einfluss der vergangenen Erfahrungen auf Gesines Zukunftserwartung
1. Cydamonoe / Gesines aktuelle „Heimat“ New York
1. Prag - Utopische Dimension auf der Gegenwartsebene
2. Konkrete Utopie oder Apokalypse - Das Ende der Jahrestage

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

Einleitung

Uwe Johnsons Roman Jahrestage. Aus dem Leben von Cesine Cresspahl um­fasst knapp zweitausend Seiten und ist zwischen 1970 und 1983 in 4 Bänden erschienen. Erzählt wird die Lebensgeschichte der Protagonistin Gesine Cress­pahl, die 1933 in Mecklenburg geboren wurde. Ihre Kindheit und Jugend fällt also in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der sowjetischen Besatzung sowie der DDR. Aus der DDR flüchtet sie 1953 nach Westdeutschland und siedelt 1961 als alleinerziehende Mutter ihrer Tochter Marie nach New York über. Gesines sehnlichster Wunsch, wie auch Johnsons, ist ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, der sich durch den Prager Frühling endlich erfüllen könnte, so Gesines Hoffnung. Der Roman endet am Tag der gewaltsamen Niederschlagung der Be­wegung durch die Truppen des Warschauer Pakts. Die Biografie seiner Protago­nistin weist auffallend viele Parallelen zu Johnsons eigener auf. Er ist 1934 ge­boren und wuchs ebenfalls während dieser schwierigen Zeit in Mecklenburg auf. 1959 ging auch er in den Westen, lebte zwei Jahre in New York, an derselben Adresse wie Gesine in seinem Roman und ging 1974 nach England, wo er bis zu seinem Tod zurückgezogen auf einer Insel in Kent lebte.[1] Die Jahrestage, so schreibt Neumann, kehren zu Johnsons literarischer „Ur- Landschafl“ zurück, zur mecklenburgischen „Heimat“ Jerichow und den dort verwurzelten Figuren,[2] die dem Leser zum Großteil bereits aus den Mutmassun­gen über Jakob bekannt sind. Der Roman zeichnet sich durch eine besondere Art des Erzählens aus: „Das erinnernd-assoziierende sprachliche >überblenden< läßt die Räume nicht ineinander verschwimmen, sondern hebt sie konturscharf voneinander ab.“[3] So ergibt sich eine räumliche, zeitliche und personale Dimen­sion. Räumlich wechselt das Erzählen zwischen den Hauptschauplätzen Je­richow (im Westen Mecklenburgs) und New York. Die erzählten Zeitausschnitte beziehen sich immer nur auf einen der beiden Geschehensräume. Die zeitliche Dimension besteht darin, dass der Roman in Abschnitte aufgeteilt ist, die, wie der Titel Jahrestage vermuten lässt, den Tagen eines Kalenderjahres vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968 zugeordnet sind. Diese tägliche, teils ta­gebuchartige Gegenwartschronik verbindet der Autor mit fortlaufenden Erzäh­lungen aus einer jahrzehntelangen Vergangenheit. Die zentrale Figur, Gesine

Cresspahl, erzählt ihrer Tochter Marie, mit der sie in New York lebt, ihre Le­bensgeschichte. Die personale Dimension besteht also einerseits im Auftritt Ge- sines und Maries in ihrem New Yorker Umfeld in der Gegenwartshandlung und andererseits im Auftritt Gesines mit ihrem Vater Heinrich Cresspahl und anderen Bezugspersonen in Jerichow in der Vergangenheit. Die beiden Handlungsebe­nen werden miteinander verschachtelt[4], wobei die erzählten Erinnerungen Gesi­nes an Mecklenburg den eigentlich epischen Erzählraum bilden.[5] In der Erzähl situati on mischen sich personale und auktoriale Momente ständig in unvermitteltem Wechsel. Eine Handlung im konventionellen Sinn des Erzäh­lens gibt es in Johnsons Jahrestage nicht. Gesine versucht durch ihr Erzählen den Alltag, ihre Arbeit und Jetztzeit als auch ihre bisherige Lebensgeschichte zu begreifen.[6]

Die Suche nach Heimat, der verlorenen auf der Vergangenheitsebene, wie der wünschenswerten auf der Gegenwarts- und Zukunftsebene, nimmt einen zentra­len Platz in den Jahrestagen ein.[7] Die Sehnsucht nach „Heimat“ ist prägend für Gesine, denn in New York erlebt sie einen Zustand des Mangels, der Heimatlo­sigkeit. Dies gilt sowohl für ihre entfremdete Arbeit bei einer Bank als auch für die gesellschaftlichen Verhältnisse allgemein (Kapitalismus, Vietnamkrieg und Rassenkonflikte).[8]

In meiner Arbeit werde ich mich mit der erzählten Vergangenheit Gesines be­schäftigen und der Frage, inwiefern sie Mecklenburg als „Heimat“ sieht. Anzu­merken ist, dass die Interpretationen der Jahrestage im Hinblick auf das Konzept „Heimat“ weit auseinandergehen.

Im ersten Kapitel werde ich zunächst auf die Begriffe „Heimat“, „Hoffnung“ und „Utopie“ eingehen und erläutern, warum Johnsons Jahrestage im Hinblick auf Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung gedeutet werden können.

Die hoffnungsvolle Suche nach der utopischen Heimat zeichnet die Protagonis­tin Gesine Cresspahl aus. Daneben werde ich einen Ausblick geben, welchen Einfluss die Erfahrungen der Vergangenheit auf Gesines Suche nach Heimat auf der Gegen wart eb ene haben. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse werde ich dann das Romanende interpretieren und abschließend ein Fazit ziehen.

I. Utopie-Begriff in den Jahrestagen

Der Autor Uwe Johnson (1934-1984) ist als Sozialist zu bezeichnen, dessen Wert­vorstellungen seit den Mutmassungen über Jakob von der Blochschen Philosophie geprägt sind. Während des Studiums in Leipzig besuchte er Veranstaltungen bei Ernst Bloch und beschäftigte sich mit dessen Hoffnungsphilosophie.[9] Warum eini­ges dafür spricht, Johnsons Roman Jahrestage im Hinblick auf Blochs Prinzip Hoffinmg zu interpretieren, werde ich im Folgenden darstellen. Zunächst bedarf es jedoch der Klärung einiger Begrifflichkeiten:

Der Begriff Utopie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Nicht- Ort“.[10] Es handelt sich um eine der wichtigsten Kategorien der europäischen Ent­wicklung, die man allerdings nicht weiter präzisieren kann. Die Utopie manifestiert sich seit der Antike in verschiedenen Formen und Erscheinungen der abendländi­schen Kultur.[11] Beispiel für den ursprünglichen Begriff ist Thomas Morus „Utopia“ als Darstellung eines völlig anderen Wirklichkeitszusammenhangs. Bei Morus ist Uopia auf einer abgelegenen Insel angesiedelt und ist der Entwurf einer besseren Gesellschaft. Dieser Inselcharakter wurde im Zuge des Fortschrittsdenkens im 18. Jahrhundert durch die Zeitutopie verdrängt, bei der Antizipation zum wichtigsten Merkmal wird. Die Utopie ist hier eine antizipierte und herbeigesehnte Realität, die zu erreichen man hofft.[12] In neueren Untersuchungen wird die Utopie als „überge­ordneter Begriff für alle Erscheinungen der Negation des Negativen im Namen von nichtverwirklichten Normen“[13] verwendet. Ernst Bloch hat das Phänomen der Uto­pie in seinem Werk Das Prinzip Hoffnung erstmals ausführlich analysiert.[14] Der Begriff „Utopie“ impliziert dem Wortlaut nach eigentlich eine Nicht-Existenz. Ernst Bloch erweitert diese ursprüngliche Bedeutung in seiner Philosophie: Utopisches Denken ist Möglichkeitsdenken, und etwas mögliches ist nach Bloch auch wirklich. Utopien sind in seinem Verständnis eben keine Schwärmereien mehr, die sich nicht verwirklichen lassen, sondern etwas konkret mögliches. Das Noch-Nicht-Seiende, das, was dem Menschen noch nicht bewusst ist oder was in der Welt noch nicht geworden ist, komme seiner Auffassung nach zu kurz in der Ontologie.[15] Wesentliche Funktion des utopischen Denkens ist für Bloch die Kritik am Vorhandenen. Im Möglichkeitsdenken werde so die Kritik am Unvollkomme­nen und die Hoffnung auf eine bessere Welt reflektiert.[16] Für Bloch ist diese Utopie einer besseren Welt die Umsetzung eines menschlichen Sozialismus: „Erst der Ho­rizont der Zukunft, wie ihn der Marxismus bezieht, mit dem der Vergangenheit als Vorraum, gibt der Wirklichkeit ihre reelle Dimension.“[17] Bloch verwendet auch die Begriffe „Hölle“ und „Himmel“ in diesem Zusammenhang, wobei für ihn historisch konkret das Heil im Sozialismus und das Unheil im Faschismus gesehen wird.[18] Im Vorwort von Blochs „Prinzip Hoffnung“ heißt es:

„Erwartung, Hoffnung, Intention auf noch ungewordene Möglichkeit: das ist nicht nur ein Grundzug des menschlichen Bewußtseins, sondern konkret berichtigt und erfaßt, eine Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt.“[19]

Konkrete Utopie braucht Hoffnung - bei Bloch gibt es kein "jenseits der Hoffnung". Sie kann enttäuscht werden, aber sie stirbt nicht. Dieses „Prinzip Hoffnung“ ist so stark, dass es sichj eder Katastrophe widersetzt. Die mögliche bessere Welt bezeich­net Bloch auch als Heimat: „Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“[20] Blochs Ansicht nach könne Heimat aber immer erst rückblickend aus der Distanz wahrgenommen werden. Erst im Nachhinein könne man realisieren, was am Vergangenen in der Gegenwart fehlt, was jedoch in der Zukunft möglich sein könnte.[21] Dieser Bloch- sche Heimatbegriff ist für meine Untersuchungen in dieser Arbeit zentral. Neumann hat es so formuliert:

In diesem Buch ist „Heimat“ einerseits im Sinn Emst Blochs etwas, das allen in die Jugend scheint und worin noch niemand war. Es ist aber auch etwas, worin niemals jemand sein wird und worin doch jeder schon gewesen ist. Er wird es freilich iimner erst in der Erinne­rung gew ahr. Dann aber ist es bereits vorbei; die Bedingung für seine Gegenwärtigkeit war, daß es ทนท unwiederbringlich vergangen ist.[22]

In den Jahrestagen geht es um Gesines Suche nach Heimat als ein „Ort, an dem es sich zu leben lohnt“. Mecklenburg formuliert in einem Aufsatz: „Heimat ist da, wo man gut lebt, also eine Utopie“.[23] Gesine sucht diese „Heimat“: in ihrer Erinnerung an Jerichow, in der ständigen Überprüfung der Heimatbedingungen in New York und in der Erwartung einer besseren Welt in der Zukunft.[24] Utopische Tendenzen führen nach Bloch entweder zur Erfüllung der Utopie oder sie nehmen ein apoka­lyptisches Ende.[25]

Reale gesellschaftspolitische Entwicklungen können Hoffnung auf eine konkrete Utopie geben. In Blochs Philosophie ist das erkennende Subjekt der wichtigste As­pekt, denn utopische Impulse sind nur real, wenn sie wahrgenommen werden. Es bedarf immer eines Subjekts, welches diese im Hinblick auf die Geschehnisse in der Vergangenheit oder Gegenwart wahmimmt. Utopie kann daher auch nur durch das Subjekt konkret werden, sie ist das Produkt eines bewussten Strebens nach ihr.[26] Dieses erkennende Subjekt verkörpert Gesine Cresspahl in Johnsons Roman.

Die folgenden Kapitel setzten sich mit den utopischen Dimensionen in den Jahres­tagen auseinander. Der Schwerpunkt wird dabei auf Gesines Vergangenheit in Mecklenburg liegen, denn diese ist maßgeblich für die Entwicklungen auf der Ge­genwartsebene und die Erwartungen für die Zukunft.

II.Utopische Tendenzen in Mecklenburg

Im Folgenden werde ich auf einige Personen in Gesines persönlichem Umfeld ein­gehen, die Gesines Ideale einer besseren Gesellschaft durch ihr Engagement ge­prägt haben. Dazu gehören ihr Vater Heinrich Cresspahl, der Pastor Brüshaver, Gert Schumann sowie ihre große Liebe Jakob Abs. Sicherlich könnte man noch auf an­dere einflussreiche Figuren, insbesondere aus Gesines Zeit an der Oberschule ein­gehen, aufgrund des begrenzten Umfangs beschränke ich mich jedoch auf die ge­nannten Personen, da diese vor allem in der direkten Nachkriegszeit eine entschei­dende Rolle gespielt haben.

1. Heinrich Cresspahl

Heinrich Cresspahl, bis 1922 Mitglied der SPD und während des Zweiten Welt­kriegs englischer Spion, ist als Anti-Faschist und Sozialist zu bezeichnen. Im Amt als Bürgermeister von Jerichow versucht er nach seinen sozialistischen und demo­kratischen Überzeugungen ein System zu installieren, von dem alle Bürger profi­tieren. Er setzt die Verordnungen der sowjetischen Besatzer gewissenhaft um, wie Z.B. das Eintreiben der Steuern und den Einzug technischer Geräte als Kriegsent­schädigung.

Wie ehrvergessen Cresspahl im Solde der Sowjets Stand, es zeigte sich für Jerichow in seinem Verhalten gegen die Papenbrocks. Seinen eigenen Schwiegereltern schickte er im­mer neue Obdachlose ins Haus, so daß sie auf ihre alten Tage un Comptoir kampieren mußten. Er hatte nichts dagegen getan, daß die rote Armee den Papenbrocks die lassewitz- schen Möbel aus dem Haus trugen, sie auf offenem Markt mit Lysol besprühten und dann ab fahren ließen zur Kommandantur. Papenbrocks Hof und Speicher waren beschlagnahmt, mit allem Kom darin, waren Vorratslager der Roten Armee, und Cresspahl vermochte wei­ter zu leben, nachdem er seine Verwandtschaft um ihr Vermögen gebracht hatte.[27]

Für die Bürger Jerichows galt Cresspahl als „Komplize der Sowjets“(3:1046),war überhaupt „schuld an den Russen“.(3:1040)

Im Sommer nach dem Krieg herrschte Hunger in der Bevölkerung. Die wichtigste Aufgabe bestand im Einholen der Weizenemte. „Die Stadt Jerichow saß inmitten von Weizen, dicht bei den Fischen der Ostsee; sie kam mit dem Essen nicht aus.“(3:1098)

Als Bürgermeister bestand Cresspahls wichtigste Aufgabe darin, die Ernährung der Stadt sicherzustellen. Hier zeigt sich deutlich ein Bezug zu Bloch, denn Johnson verwendet beide Metaphern Blochs: „Hunger“ (als Grundtrieb des Menschen) und „Weizen“, um Gesines erste Erfahrungen mit Sozialismus zu beschreiben.

Bloch verwendet Weizen als Metapher für realisierte Träume und Hoffnungen[28]:

Möchten Tagträume also wirklich voller werden, das ist, heller, unbeliebiger, bekannter, begriffener und mit dem Lauf der Dinge vermittelter. Damit der Weizen, der reifen will, befördert und abgeholt werden kann.[29]

Das stete Misstrauen, der Zweifel und Unwille der Bürger Jerichows machen es Gesines Vater schwer, diese Aufgabe zu erfüllen. Auf der Suche nach Freiwilligen, die eine Sense besitzen und diese auch zu benutzen verstehen, wird der Mangel an Solidarität und Kooperationswillen deutlich:

Bis zum 12. Mi bekam das Amt Kenntnis von acht Sensen in ganz Jerichow, und die meis­ten waren nicht angegeben von ihren Eigentümern, sondern von schadenfrohen Nachbarn. Zum Mähen kamen zehnmal soviele Leute wie Sensen, fast alle Frauen. Flüchtlinge eine wie die andere, und alle wollten sie mähen können, hatten noch die kleinen Kinder mitge­bracht, zum Garbenbindern zum Stehlen von Ähren. Es war eine scheckige Versammlung, mit Fetzen bekleidet, manche wollten es barfuß aufnehmen mit den Stoppeln, und alle hin­gen sie schwach in den Gräten vor Hunger.(3:1098f)

Lediglich die Flüchtlinge, diejenigen, die unter dem größten Mangel leiden, folgen seinem Aufruf. Johnsons explizite Verwendung des Bloch’sehen Vokabulars wird hier besonders deutlich. Im „Prinzip Hoffnung“ heißt es:

Das Nein zum vorhandenen Schlechten, das Ja zum vorschwebenden Besseren wird von Entbehrenden ins revolutionäre Interesse aufgenommen. Mit dem Hunger fängt dies Inte­resse allemal am der Hunger verwandelt sich, als belehrter, in eine Sprengkraft gegen das Gefängnis Entbehrung [.. ,][30]

Hunger und Verzweiflung treibt die Menschen an, sodass Weizen entsteht. Die Möglichkeit eines Wandels hin zu echtem Sozialismus lässt Hoffnung wachsen. Das Einholen der Weizenemte gestaltet sich in Jerichow allerdings wortwörtlich und im übertragenen Sinne äußerst schwierig.[31]

Als die Arbeit voranging, bereuten einige Bürger Jerichows ihre widerwillige Hal­tung:

Und jene Dummköpfe, die sich auf eine Verfügung Cresspahls meldeten, sie bekamen ihren Lohn zm Hälfte in barem Geld, zm anderen jedoch in Korn aus der vorjährigen Ernte, täg­lich abgewogen in Papenbrocks Speicher. Eine Zeit lang gab es Bürgersfrauen in Jerichow, die wären gern nachgekommen mit vergessenen Sensen, oder bloß zum Binden.(3:1099)

Cresspahl geht selbst mit gutem Beispiel voran und lehrt einen Sozialismus, der neue Solidarität anklingen lässt. Allerdings scheitert dieses System an den eigen­nützigen Interessen und den dogmatischen Auflagen durch die Besatzungsmacht. Cresspahl ist ständig den Drohungen Pontijs ausgesetzt und dessen Drang alles zu kontrollieren: „In der Dunkelheit kam K.A. Pontij zu Besuch und drohte seinem

Bürgermeister das Erschießen an, wenn er nicht die Versorgung der Stadt sicher­stelle.“(3:1001) Hinzu kommen Übergriffe sowjetischer Soldaten auf Frauen, die auf dem Feld arbeiten. Die Angst der Bevölkerung und der Glaube, alles sei „doch bloß für die Russen“(3:1040), hat großen Anteil am Misserfolg seiner Unterneh­mungen. Daher fürchtete Cresspahl weniger

[.. d'das bißchen Hungern' ;[...] Nur konnte er nicht das Gerede bewältigen, das unfaßbare, schleichende, nicht einmal tückische, sondern ergebene Geraune: es habe nichts einen Sinn, es werde alles zu Ende gehen, es sei alles für die Russen. Das konnte sich auswachsen zu einer wilden Angst, daran konnte die Versorgung der Stadt umkippen(3:1104)

Er hat erkannt, dass Hoffnung oder Angst die Entwicklung für die Zukunft positiv bzw. negativ beeinflussen.[32] Daher war er stets darauf bedacht, den Bürgern Hoff­nung zu machen, denn „die Hoffnung ersäuft die Angst“[33].

Um die Leute dennoch zum Arbeiten zu bewegen, musste er immer wieder Strenge Maßnahmen ergreifen, die ihm allerdings erneut die Ungunst der Bürger einbrachte:

Wer sich hartnäckig widersetzte, dem beschlagnahmte Cresspahl die Maschinen, sobald sie mit der eigenen Mahd fertig waren. Er konnte sie auch leichter besetzen, nachdem er einer Familie in Jerichow keine Lebensmittelkarten mehr austeilte, wenn nicht wenigstens ein Mitglied arbei­tete.“ „Das Weg rühren der Maschinen galt als Zwang, und bei der Arbeit fehlte der Appetit, den das Eigentum macht, so gingen schon die Geräte leicht kaputt. Cresspahl liarte gut reden von einem Nutzen für die Stadt, geglaubt wurde ihm ein Nutzen für die Russen. (3:1100)

All diese Umstände standen einem funktionierenden sozialistischem System im Wege. Sie lassen Zweifel und Unmut aufkommen und so die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schwinden. Ohne diese Hoffnung wiederum fehlt der Antrieb, der nötig ist für Veränderung.

Die Willkür der sowjetischen Besatzer führt schließlich im Oktober 1945 zur Ver­haftung Heinrich Cresspahls. Bis 1948 sitzt er in verschiedenen Gefängnissen ein, unter anderem in Fünfeichen, wo auch Johnsons Vater inhaftiert war. Von seiner Haftstrafe erholte sich Gesines Vater nicht mehr vollständig.(4:1522-1527)

2. Pastor Brüshaver

Während Cresspahl sich um die materielle Versorgung der Jerichower Bevölkerung kümmerte, engagierte sich Pastor Brüshaver in der CDU und erinnerte an die christ­liche Verantwortung für die Geschehnisse in der Vergangenheit und für die zukünf­tige Ordnung. „Cresspahl und Brüshaver lernten inzwischen, mit einander zu spre- chen“(3:1172), beide arbeiteten an einer besseren Gesellschaft. Dass Brüshaver bei den Versammlungen der Partei die Schuld der Deutschen ansprach, passte unter anderem Louise Papenbroek (Gesines Großmutter) nicht:

An Brüsliaver konnte sie sich überhaupt nicht halten; der saß dabei, noch in der ersten Reihe wie ein Gast. Gewiß, er sprach mit, aber von deutschen Fehlem, von ehrlicher Bessemng. Louise wollte ihm vergeben, er hatte sich das im Nazilager so ausdenken müssen; wie aber kam es, daß sie immerfort sich gemeint fühlte? Wagte er das? Ebenso, wenn er auf der Kanzel Stand und von Tugenden predigte [...1(3:1371)

Obwohl Brüshaver eindringlich davor warnte, schienen sich die Fehler der Vergan­genheit zu wiederholen: „-Schrieb da wieder einer mit bei Brüshaver? -Nicht in der Kirche. In Papenbroek’S Saal ja.“(3:1371)

Wie auch Cresspahl wird er zunächst von den Besatzern als Gegner des Faschismus gewürdigt. Aufgrund seiner offenen Kritik an deren Vorgehen legen sie aber auch ihm Steine in den Weg:

Der Posten im Ministerium, den hätten die Kommunisten in der Regierung sich gedacht als Belohnung für Brüshaver, weil sie ilm als Genossen zu führen meinten in Sachsenhausen und Dachau. Aber sie selbst hätten sich ein p davor geschrieben, indem sie den Kampfgefährten Brüshaver zu geläufig abwiesen bei ihrem Kommissariat 5, wenn er wieder und abermals vor­sprach in der Sache von Gemeindemitgliedem, die verschwunden waren und wegblieben nach dem Belieben der sowjetischen Freunde.(4:1596f)

Brüshaver stellt sich aber unbeirrt und aus Überzeugung auch gegen die kirchlichen Behörden, „nämlich seit er dem Kriminaloberobermeister Herbert Vick eine Bei­setzung nach kirchlichem Ritus habe verweigern müssen“(4:1597), weil dieser ein ehemaliger Nazi ist.

So habe die Volkspolizei einen Pastor in Gneez finden müssen für Vicks letzte Einen, und Brüsliaver sei vorgeladen worden bei der Landessuperintendentur, zwecks leichter Verwar­nung. Die Mecklenburgische Landeskirche wünsche einen Kollisionskurs zu vermeiden, das hatte sie ihm schriftlich gegeben, das konnte Brüsliaver sich rahmen lassen wie seinen feierlichen Ausweis als „Kämpfer gegen den Faschismus“ (Richtlinie 4) [.. ,](4:1597)

Sogar sein Religionsunterricht in der Schule wird von den Behörden boykottiert:

[... ] wie auch eine neue Staatsverfassung, deren Artikel 44 den Religionsunterricht in welt- lischen Schulklassen gewährleistet, außer vielleicht in Jerichow, wo Brüsliaver seine Mün­del wartend findet vor einer verschlossenen Tür in der Schulstraße und der Kreisschulrat benimmt sich in seinen Schriftsätzen, als sei die evangelische Kirche für einen aufrechten Kommunisten eine entbehrliche unter den gesellschaftlichen Gruppierungen und ihr Pastor in Jerichow eher ein lästiger Bittsteller denn ein Genosse im Antifaschismus.(4:1599)

Brüshaver macht weiter, obwohl auch er weder von den Bürgern noch von der Stadt Jerichow unterstützt wird. Jakobs Einsatz war es schließlich zu verdanken, dass Brüshaver eine Ausweichmöglichkeit hatte:

[...] und die deutsche Reichsbalm schob einen Werkstattwagen auf Papenbrocks nunmehr staatlichen Gleisanschluß, mit Bänken wie zu einer Beratung aufgestellt, auch einem Ofen, für den das Gaswerk eine Schubkarre Kohlen stiftete [.. ,](4:1602)

[...]


[1] Vg. Schmitz: Uwe Johnson, S.7-21.

[2] VgUNeumann: Utopie und Mimesis, S.290.

[3] Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons, S.339.

[4] Vgl. Mecklenburg: Erzählte Provinz, S. 182.

[5] Vgl. Neumann: Utopie und Mimesis, S.290.

[6] Vgl. Mecklenburg: Erzählte Provinz, S. 187.

[7] Vgl. Mecklenburg: Die Erzählkunst Uwe Johnsons, S.337.

[8] Vgl. Kirclmer: Im Bann der Utopie, S.68f.

[9] Vgl. Kirclmer: Im Bann der Utopie, S.65.

[10] Vgl. Heubrock: Utopie, S.678f.

[11] Jablkowska: Literatur olme Hoffnung, S.21.

[12] Vgl. Jablkowska: Literatur olme Hoffnung, S.25-27.

[13] Jablkowska: Literatur olme Hoffnung, s.21.

[14] Vgl. Jablkowska: Literatm olme Hoffnung, s.21.

[15] Vgl. Bloch: Prinzip Hoffnung, Band 1, S.278.

[16] Vgl. Berghahn: Möglichkeit als Katergorie, S. 12lí

[17] Bloch: Prinzip Hoffnung, Band 1, S.332.

[18] Vgl. Voßkamp: Emblematik der Zukunft, S. 276.

[19] Bloch, Prinzip Hoffnung, Band 1, S.5.

[20] Bloch, Prinzip Hoffnung, Band 3, S. 1628.

[21] Vgl. Baker: The German jeremiad, S. 154.

[22] Neumann: Heimweh ist eine schlimme Tugend, S.278.

[23] Mecklenburg: Hinterland S.20.

[24] Vgl. Pokay: Utopische Heimat, S.62.

[25] Vgl. Baker: (Anti-) utopian elements, S.42

[26] Vgl. Bloch: Prinzip Hoffnung, Band 1, S. 165-167.

[27] Jolmson: Jahrestage. Band 3, S. 1047. Alle weiteren Verweise auf diesen Text werde ich unter Angabe des Bandes und der Seitenzahl im Fließtext vornehmen.

[28] Vgl. Baker: The German jeremiad, S. 168.

[29] Bloch: Prinzip Hoffnung, Band 1. S.2.

[30] Bloch: Prinzip Hoffnung, Band 1, S.84.

[31] Vgl. Baker: The German jeremiad, S. 168.

[32] Vgl. Baker: The German jeremiad, S.171.

[33] Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S.

Details

Seiten
36
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668466814
ISBN (Buch)
9783668466821
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368292
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
utopische dimensionen jahrestage johnsons gesine cresspahls heimat mecklenburg

Autor

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