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Etabliert sich mit Wikipedia eine neue Wissenskultur?

Essay 2013 7 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Essay

Etabliert sich mit Wikipedia eine neue Wissenskultur?

„Deduktion und Induktion - welcher der beiden Begriffe bedeutet noch mal was?! Ich schau einfach bei Wikipedia nach!“ - Sicherlich kennt jeder Internetnutzer solche oder ähnliche Gedankengänge und Handlungsweisen. Aus dem Alltag vieler „User“ ist „die freie Enzyklopädie“[1] nicht mehr wegzudenken. In Medien und Wissenschaft wird daher vielfach die Möglichkeit der Entstehung einer neuen Wissenskultur postuliert, die mit der Nutzungsweise dieses Portals korrespondiert.[2]

Doch als was muss man, aus einer wissenschaftlichen Perspektive, Wikipedia eigentlich bezeichnen? Wie oben erwähnt sehen die Macher ihr Werk als Enzyklopädie. Doch kann man diese Bezeichnung angesichts der Entstehungs- und Nutzungsweise und des Aufbaus des Onlineportals gelten lassen? Das, was man klassischerweise unter einer Enzyklopädie versteht, entsteht in Redaktionen von Verlagen, mithin in exklusiven und nicht offenen Expertenzirkeln, und wird veröffentlicht in gedruckter und überwiegend schriftlicher Form und ist demnach der Mediengattung „Buch“ zuzuschreiben.[3] Sieht man jedoch vom klassi­schen Sinne ab und berücksichtigt die Bestrebungen und die tatsächlich umgesetzten Kon­zepte namhafter Verlagshäuser im Bereich Enzyklopädien, diese auch auf digitalen Spei­chermedien oder gar online verfügbar zu machen, stellt sich die Frage, ob die „Enzyklopä­die“ selbst eine eigene Mediengattung darstellt. Nimmt man den letzterwähnten Aspekt als Ausgangspunkt, so wäre anschließend die Frage zu stellen, welcher Gattung die Wikipedia überhaupt zurechenbar sein könnte, oder ob sie gar eine Mediengattung eigenen Typs dar­stellt. Auf dies einzugehen und im Zuge dessen zu erörtern und zu beurteilen, inwiefern das Phänomen Wikipedia tatsächlich nachhaltig eine neue Wissenskultur etablieren könnte oder vielleicht bereits etabliert hat, soll im Folgenden geschehen.

Tatsächlich begründen Enzyklopädien in ihrer gegenwärtigen, allgemeinen Bedeutung als „lexikalisch geordnete Nachschlagewerke“ eine eigene Mediengattung.[4] Letzterer Begriff

soll hier jedoch wie auch bei Daniela Pscheida weniger in einem klassifikatorischen als vielmehr in einem soziokulturullen bzw. sozial-konventionistischen Sinne verstanden wer­den.5 In einfachen Worten ausgedrückt, wird die Mediengattung dadurch zur Gattung, dass ihr seitens der Rezipienten eine Bedeutung aufgrund ihres „systematisierenden und orien­tierenden Einflusses“ im sozialen Kontext und weniger aufgrund quasi technischer Eigen­schaften, die in ihrer Erscheinungsform selbst liegen, zugeschrieben wird.[5] Die Enzyklopä­die ist demnach zwar natürlich auch „Buch“, das in seiner üblichen Erscheinung gewisse Funktionen mit sich bringt, wird diesem Verständnis nach aber erst zur Gattung, weil sie „Medien(handlungs)schemata“ etabliert, die letzten Endes „das gesellschaftlich festge­schriebene Wirklichkeitsmodell“ „dokumentieren“.[6]

So wurde mit der Entstehung und Verbreitung der Enzyklopädien im heutigen Sinne ab Ende des 18. Jahrhunderts eine „Wissenspopularisierung“ eingeläutet; im aufklärerischen Sinne sollte jedem die Möglichkeit gegeben werden, über ein Medium, das Grundbegriffe der Gelehrsamkeit erklärt, Anteil an und Eingang in die Wissenschaft zu erlangen. Wenn­gleich der Begriff der „Popularisierung“ zu dieser Zeit angesichts weitgehenden Analpha­betentums und der Tatsache, dass Bücher für die bildungsfemen Schichten quasi unbe­zahlbar waren, noch ein wenig blauäugig wirken mag, so ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass sich im Laufe der Jahrzehnte die Enzyklopädie als „pragmatisches Nach­schlagewerk“ unter gleichzeitiger Beibehaltung ihres „wissenschaftlichen-rationalen An­spruches]“ etablierte.[7] In dieser Form haben Enzyklopädien die bis heute vorherrschende Wissenskultur gleichzeitig entscheidend mitgeprägt und wurden wiederum zum Produkt jener, wie Daniela Pscheida sie nennt, „modernen, typographisch geprägten[...]“.[8] Was von allen als glaubwürdiges und objektives, mithin gesichertes Wissen anerkannt wird, steht in Büchern, weshalb diese Wissenskultur sich zu großen Teilen mit der Buchkultur über­schneidet. Allerdings nicht in allen oder irgendwelchen Büchern, sondern in jenen, die aus exklusiven und quasi institutionalisierten Kreisen von Experten stammen, die gemein­schaftlich zugleich quasi die oberste Kontrollinstanz der Wahrheit bilden.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia: Hauptseite

[2] Vgl. Pscheida 2010.

[3] Vgl. Pscheida 2008: 2.

[4] Vgl. ebd. sowie 3.

[5] Vgl. a.a.o.: 2.

[6] Vgl. Schmidt 1987: 168 laut a.a.o.: 2.

[7] Vgl. a.a.o.: 4.

[8] Ebd.

Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668467279
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368288
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Wikipedia Wissenskultur Digitale Medien Enzyklopädie Mediengattung Web 2.0 Wissensgesellschaft Pscheida

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