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Ökonomie und Kapitalismus in Čapeks "Krieg mit den Molchen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 19 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgewählte Theorien zum Kapitalismus

3. Analytische Auseinandersetzung mit dem Werk hinsichtlich der Kapitalismuskritik
3.1 Gewinn- und Nutzenmaximierung
3.2 Einteilung der Molche in verschiedene Klassen
3.3 Ausbeutung der Molche
3.4. Gegenargumente zur rein kapitalismuskritischen Prägung des Werkes

Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das ganze Unglück des Menschen liegt darin, daß er gezwungen war, zur Menschheit zu werden, oder daß er es zu spät wurde, als er schon unumstößlich in Völker, Rassen, Glauben, Stände und Klassen differenziert war, in Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Herrschende und Unterworfene.[1]

Das oben aufgeführte Zitat aus der dystopischen Satire Krieg mit den Molchen von Karel Čapek (1890 - 1938)[2] ist eine Zuspitzung und Verspottung der zu seiner Zeit aktuellen Ereignisse sowie politischen Verhältnisse. Es zeigt auf, dass der Autor sich in seinem Werk intensiv mit der Menschheitsgeschichte beschäftigte und diese kritisch reflektierte.[3]

Dabei ist die historische Epoche zwischen den Weltkriegen, in der der Autor seine Schrift verfasste und die Umstände unter denen er lebte von größter Bedeutung für die Rezeption seines Werkes. Die Weltwirtschaftskrise, die mit seiner verheerenden Auswirkungen das Leben des Autors prägte, hinterließ ihre Spuren. Sie trug dazu bei, dass die Menschen das Vertrauen in das herrschende wirtschaftliche System, den Kapitalismus verloren.[4] Die zunehmenden Spannungen zwischen den Nationen, insbesondere die wachsende Bedrohung vom Faschismus sowie der Bürgerkrieg in Spanien, beeinflussten den Autor, sodass er sich gezwungen sah, sich mit den sozialen und politischen Umständen seiner Zeit, die auf einen Krieg deuteten, auseinander zu setzen.[5] Für die Formierung der Satire ist diese historische Periode somit von entscheidender Bedeutung.

Die vorliegende Ausarbeitung hat die Erlangung der Erkenntnis zum Ziel, ob Karel Čapek mit seinem Werk Krieg mit den Molchen aus dem Jahr 1936, also am Vorabend des zweiten Weltkrieges, den zu seiner Zeit vorherrschenden Kapitalismus kritisieren wollte. Die These lautet dabei, dass der Autor mit seinem Buch eine Kritik des Kapitalismus schuf. Zu überprüfen ist in diesem Zusammenhang jedoch, ob es sich möglicherweise um eine allgemeine Gesellschaftskritik handelt und nicht nur um eine kapitalismuskritische Auseinandersetzung. Um die These zu verifizieren, gilt es die Grundzüge der kapitalistischen Ideologie nachzuzeichnen, um diese gegebenenfalls mit dem Werk verknüpfen zu können. Da es sich bei dem Kapitalismus wegen seiner ideologischen Besetztheit um ein sehr komplexes Thema handelt,[6] würde eine umfangreiche Darstellung der Kapitalismustheorien den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Dementsprechend werden nur ausgewählte Perspektiven kurz dargestellt.

2. Ausgewählte Theorien zum Kapitalismus

Die meisten Auslegungen des Kapitalismus beziehen sich auf ökonomische Praktiken, die sich zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert herausbildeten[7] und für die das Privateigentum an den Produktionsmittel sowie die Steuerung des Ganzen durch die Mechanismen des Marktes charakteristisch seien.[8] Dabei befinden sich die Produktionsmittel in der Hand von Wenigen, sodass der Großteil der Menschen als Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft anbieten müssen.[9] Die Preisfindung für Dienstleistungen und Waren geschieht auf offenen Märkten und wird durch das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bestimmt. Hier konkurrieren die verschiedenen Marktteilnehmer miteinander.[10] Als Triebkraft für die Kapitalgeber wirkt der Profit, der als Vermehrung des eingesetzten Kapitals am Ende der wirtschaftlichen Prozesse eintritt.[11] Die erwirtschafteten Profite werden akkumuliert und reinvestiert, um so die ökonomische Entwicklung im kapitalistischen System anzutreiben.[12] Folglich stellt die Gewinn- und Nutzenmaximierung eine wesentliche Komponente des kapitalistischen Systems dar.[13]

Versucht man den Kapitalismus in Phasen einzuteilen, so lassen sich hierbei drei feststellen. Der Frühkapitalismus wird auf die Zeit zwischen dem 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts datiert. Darauf folgte im 19. Jahrhundert der Hochkapitalismus, auch Konkurrenzkapitalismus genannt. Schließlich entfaltete der Organisierte Kapitalismus oder Monopolkapitalismus in der letzen Dekade des 19. Jahrhunderts seine Wirkung.[14]

Die Theorien, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomene des Kapitalismus zu beschreiben versuchten, befanden sich im Laufe der Geschichte im stetigen Wandel, da sich der Kapitalismus selbst auch veränderte.[15] Um einen Einblick in die Kapitalismustheorien zu bekommen, sollen im Folgenden zwei Theorierichtungen, die miteinander konkurrieren, vorgestellt werden. Es handelt sich hierbei zum einen um die Theorie des als Begründer der Wirtschaftswissenschaften geltenden Nationalökonomen Adam Smith und zum anderen um die des Gesellschaftstheoretikers Karl Marx, der Smiths politische Ökonomie zusammen mit Friedrich Engels kritisierte.[16] Zu betonen ist hierbei jedoch, dass die Modelle von Smith und Marx/Engels trotz prinzipieller Unterschiede fundamentale Gemeinsamkeiten hinsichtlich der ökonomischen Fundierung einer Gesellschaftstheorie aufweisen.[17]

Adam Smith beschäftigte sich mit der politischen Ökonomie einer Marktgesellschaft. In seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ arbeitete er die Leitbegriffe der Marktwirtschaft und Marktgesellschaft heraus.[18] Ein wichtiger Punkt Smiths Theorie ist die arbeitsteilige Gesellschaft, durch welche die Produktivität gesteigert wird. Dies bedeutet, dass kein Mensch alleine sich alle Waren produziert, die er für sich selbst benötigt, sondern dass er sich auf eine Ware spezialisiert und diese gegen andere benötigte Güter oder Dienstleistungen am Markt eintauscht. Smith unterteilt die Bevölkerung in Arbeiter, Unternehmer und Grundeigentümer, welche zur Produktion Arbeitsleistung, Kapital und Land beitragen, wofür sie Lohn, Gewinn und Grundrente als Einkommen erhalten. Der Marktpreis dieser Einkommen unterliegt dem Gesetz von Angebot und Nachfrage.[19] Die Akteure des Marktes handeln laut Smiths Modell der Gleichgewichtstheorie des Marktes rational und sind an der Optimierung des eigenen Nutzens interessiert.[20] Hier wird auch oft von „der unsichtbaren Hand“, die den Markt leitet, gesprochen.[21] In Summe ergeben die Werte der konsumierten und gehandelten Waren des Marktes das Volkseinkommen,[22] welches nur wächst, wenn das aus vergangenen Investitionen erwirtschaftete Kapital reinvestiert und dadurch vermehrt wird.[23]

Karl Marx beschäftigte sich mit der kapitalistischen Wirtschaftsform und ihren Entwicklungsgesetzten für die moderne Gesellschaft[24] vor dem Hintergrund der realgesellschaftlichen Umstrukturierung des Kapitalismus seiner Zeit.[25] Entscheidend hierbei ist der Aspekt der kontinuierlichen Ausbeutung, denn dies stellt für Marx neben Elend und Entfremdung charakteristische Züge des kapitalistischen Systems dar.[26] Dem Philosoph zufolge wird der bei der Produktion erzeugte Mehrwert von den Arbeitern geschaffen. Dieser wird jedoch den Kapitalisten zugeschrieben und nicht mit den Arbeitern geteilt. Die Nichtbeteiligung an dem Gewinn führt letztendlich zur Ausbeutung der Arbeiterklasse und zur Vergrößerung der Kluft zwischen den Reichen und den Armen.[27] In Worten von Marx: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große Lager, in zwei große, einander direkt gegenüber stehende Klassen: Bourgeoisie und Proletarier.“[28] Marx und Engels benutzen in diesem Zusammenhang den Begriff Sklaverei vergleichend zu der Situation, in welcher sich die arbeitende Klasse befand.[29] Der im Zuge von der Ausbeutung der Arbeiter entstandene immer größer werdende Antagonismus zwischen den Proletarier und der Bourgeoise führt laut Marx zwingenderweise zu einer revolutionären Umwälzung der ganzen Gesellschaft:

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. […] Unterdrücker und Unterdrückte […] führten einen ununterbrochenen […] Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.[30]

Der Kapitalismus schafft laut Marx somit in seiner Entwicklung Strukturen, die ihn mit der Zeit aufheben.[31]

Marx kritisiert im Speziellen Smiths Annahme, dass die Akteure des Markts als rationale dem eigenen Nutzen maximierende Subjekte agieren. Seiner Meinung nach haben die Individuen keine Kontrolle über den Markt, der folglich einer Eigendynamik unterliegt. Dies führt dazu, dass die Ausbeutung der bürgerlichen arbeitenden Gesellschaft sowie deren Schaffung des Mehrwerts verschleiert werden. Zudem wird hierdurch die Überschreitung aller institutionellen Regelungen der Wirtschaftspolitik intransparent.[32]

[...]


[1] Čapek, Karel, Krieg mit den Molchen [Titel der Originalausgabe: Válka s mloky], aus dem Tschechischen von Eliška Glaserová, Zürich 1981, [1936], S. 258, im Folgenden zitiert als KmdM, die Zeitenangaben erfolgen in Klammern im laufenden Text.

[2] Vgl. Thiele, Eckhard, Karel Čapek, Leipzig 1988, S. 348ff, im Folgenden zitiert als Karel Čapek.

[3] Vgl. Thiele, Karel Čapek, S. 284 ff.

[4] Vgl. Matis, Herbert; Stiefel, Dieter, Die Weltwirtschaft. Struktur und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Wien 1991, S. 109, im Folgenden zitiert als Weltwirtschaft.

[5] Vgl. Thiele, Karel Čapek, S. 271, 288.

[6] Vgl. Matis; Stiefel, Weltwirtschaft, S. 13 f.

[7] Vgl. Miller, Max, Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie. Frankfurt/New York 2005, S.14, im Folgenden zitiert als Welten des Kapitalismus.

[8] Vgl. Bachinger, Karl; Matis, Herbert, Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus. Klassische sozioökonomische Konzeptionen und Analysen. Wien/ Köln/ Weimar 2009, S. 76, im Folgenden zitiert als Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus.

[9] Vgl. Fuchs, Werner; Klima, Rolf; Lautmann, Rüdiger; Rammstedt, Otthein; Wienold, Hanns, Lexikon zur Soziologie, 2. Auflage, Opladen 1978, S. 373, im Folgenden zitiert als Lexikon.

[10] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 14.

[11] Vgl. Fuchs; Klima; Lautmann, u.a., Lexikon, S. 373; Matis; Stiefel, Die Weltwirtschaft, S. 14.

[12] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 14.

[13] Vgl. Fuchs; Klima; Lautmann, u.a., Lexikon, S. 373; Matis; Stiefel, Die Weltwirtschaft, S. 14.

[14] Vgl. Bachinger; Matis, Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus, S. 75 f.

[15] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 14.

[16] Vgl. Fülberth, Georg, G Strich – Kleine Geschichte des Kapitalismus. Köln 2008, S. 48, im Folgenden zitiert als G Strich; Miller, Welten des Kapitalismus, S. 14.

[17] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 15 f.

[18] Vgl. Ebd. , S. 15.

[19] Vgl. Fülberth, G Strich, S. 49.

[20] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 15.

[21] Vgl. Jansen, Stephan; Schröter, Eckhard; Stehr, Nico (Hrsg.), Mehrwertiger Kapitalismus. Multidisziplinäre Beiträge zu Formen des Kapitalismus und seiner Kapitalien, Wiesbaden 2008, S. 19, im Folgenden zitiert als Mehrwertiger Kapitalismus.

[22] Vgl. Fülberth, G Strich, S. 49.

[23] Vgl. Jansen, Schröter, Stehr, Mehrwertiger Kapitalismus, S. 18.

[24] Vgl. Endreß, Martin, Soziologische Theorien kompakt, München 2012, S. 2, im Folgenden zitiert als Soziologische Theorien.

[25] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 16.

[26] Vgl. Endreß, Soziologische Theorien, S. 7 f., 15.

[27] Vgl. Matis; Stiefel, Weltwirtschaft, S. 14 f.

[28] Marx, Karl; Engels, Friedrich, Manifest der kommunistischen Partei, nach dem Text der letzen von Engels besorgten deutschen Ausgabe von 1890, sämtliche Vorreden und Anmerkungen enthaltend, [London 1848], URL: http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/pdf/Marx-Engels_-_Manifest_der_Kommunistischen_Partei.pdf., Abruf: 12.03.2017, S. 2, Im Folgenden zitiert als Manifest.

[29] Vgl. Marx, Engels, Manifest, S. 9.

[30] Marx, Engels, Manifest, S. 1 f.

[31] Vgl. Fuchs; Klima; Lautmann, u.a., Lexikon, S. 373.

[32] Vgl. Miller, Welten des Kapitalismus, S. 16.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668467354
ISBN (Buch)
9783668467361
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368278
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Krieg mit den Molchen Karel Capek

Autor

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