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Die unsichtbaren Städte und das Geistesleben. Italo Calvino und Georg Simmel im Dialog

Seminararbeit 2017 17 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Zueignung

2. „Le città invisibili“, Referenz und postmodernes Spiel

3. Der formale Aufbau und die poetologische Funktion
3.1 Der Discours, die Zwischentexte
3.2 Der Récit, die Stadtbeschreibungen

4. Der Transfer: Die Städte und der Austausch im Dialog mit Simmels Soziologie
4.1 Eufemia und die Blasiertheit des Großstädters
4.2 Cloe und der städtische Antagonismus
4.3 Eutropia und die urbane Intellektualität
4.4 Ersilia und die urbanen Netzwerke
4.5 Smeraldina und die Freiheit des Individuums

5. Resümee und Ausblick

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

6.1 Primärtexte

6.2 Sekundärliteratur

1. Zueignung

Das Thema der vorliegenden Ausarbeitung ist Italo Calvinos 1972 veröffentlichtes Werk „Le città invisibili“ [1], dessen deutsche Übersetzung „Die unsichtbaren Städte“ aus dem Jahre 1985 von Heinz Riedt[2] als Textgrundlage herangezogen wird. Im Fokus dieser Arbeit soll zunächst das Erschließen der zentralen Topoi und poetologischen Kunstgriffe Calvinos stehen. Nachdem die zentralen formalen Elemente, dieses komplexen und ästhetisch stark durchdrungenen postmodernen Werkes in gebotener Kürze aufgeschlüsselt worden sind, wird im nächsten Teil dieser Arbeit versucht auf Basis der in LCI enthaltenen Polysemie exemplarisch einen Transfer zum Thema des rahmengebenden Seminars „Das Motiv der Großstadt am Beispiel Berlin in Literatur, Film und Musik“ zu entwickeln. In Hinblick auf die konkrete Methodik bietet es sich der Übersichtlichkeit halber an, die poetologische Analyse von LCI zunächst losgelöst vom Transfer, in einem eigenen Kapitel abzuwickeln, da sie sich sachlogisch über die zwei voneinander getrennten Ebenen des Werks erstrecken wird. Dementsprechend erfolgt zunächst die Erläuterung des Discours, der achtzehn Zwischentexte, welche im Zuge dieser Arbeit leider nur rudimentär Aufmerksamkeit gewidmet werden kann, denn der Fokus soll auf dem Récit liegen.[3] Der Récit beinhaltet die 55 Beschreibungen der fiktiven Städte Calvinos, welche zunächst im Hinblick auf ihre formale Gestaltung einer poetologischen Analyse unterzogen werden, um im anschließenden Hauptteil dieser Arbeit einer hermeneutisch diskutiert zu werden. Dieses Unterfangen stellt auch den Transfer zum Seminarthema her. Es gilt die psychologischen und soziologischen Implikationen der unsichtbaren Städte auf ihre Gültigkeit in einem realen urbanen Kontext zu überprüfen. Dennoch müssen in Bezug auf den Transfer Eingrenzungen vorgenommen werden. So werden nur ein Topos exemplarisch aufgeschlüsselt, da die Gesamtheit der elf vorhandenen Topoi á fünf Stadtbeschreibungen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Auch im Hinblick auf den Bezugspunkt erscheint eine Eingrenzung als notwendig. So wird in dieser Arbeit der explizite Bezug auf Berlin als Großstadt ausgespart. Stattdessen werden die in Calvinos Werk verarbeiteten Topoi als Phänomene der Lebenswelt Großstadt im Allgemeinen behandelt. Dennoch können so implizit Rückschlüsse auf Berlin gezogen werden, da es sich bei Berlin um eine Großstadt par excellence handelt. Als Referenz für die in einer realen Großstadt auftretenden Phänomene wird das paradigmatische Werk Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ herangezogen.[4]

2. „Le città invisibili“, Referenz und postmodernes Spiel

Die italienische Erstausgabe von „Le città invisibili“ wurde im Jahre 1972 in Torino veröffentlicht und kann, nach gängiger Fachmeinung[5], der kombinatorisch-experimentellen oder auch antiliterarischen Schaffensperiode des Autoren Italo Calvino zugeordnet werden. Eben aufgrund dieser Charakteristika ist LCI als Paradebeispiel postmoderner Literatur zu betrachten, welche sich durch Fragmentierung, Ironisierung und dem Spiel mit Konventionen auszeichnet.[6] Das Spiel ist bereits im Hinblick auf die Inspirationsquelle von LCI zu erkennen. Diese findet sich in „Il Milione“ (dt. „Die Wunder der Welt“). Bei diesem Text handelt es sich um die Reiseberichte Marco Polos aus dem 13. Jh.[7], welche trotz gelegentlicher phantastischer Ergänzungen und Ausschmückungen im Groß als historisch fundiert zu betrachten sind. In „Il Milione“ beschreibt Polo all die Wundersamen Orte und Städte die er auf seinen zahlreichen Orientreisen beobachten durfte. Ähnlich gestaltet sich auch die Grundidee von LCI. Der weit gereiste Marco Polo wird an den Hofe des Großkhans und damaligen Kaiser Chinas, Kublai Khan geladen. Polo soll diesem von all den wundersamen Städten seines riesigen Reiches berichten. Die konkrete literarische Umsetzung dieses Inhalts legte Calvino ebenso komplex an wie das Vorhaben der Katalogisierung der Myriaden Städte des Riesenreiches selbst. Wie eingangs erwähnt ist LCI von Grund auf in Récit und Discours zweigeteilt. Des Weiteren bestehen diese beiden Ebenen noch aus weiteren voneinander isolierten Textfragmenten, ein Umstand der eine lineare Lektüre des Werks ausschließt.[8] Durch diesen Umstand wird der stark fragmentierte Aufbau von LCI bewusst, welcher bereits die Gattungszuordnung als Roman, welche oftmals vorgenommen wird, als höchst diskutabel erscheinen lässt. So zeichnet sich die Gattung des Romans als erzählender Text im Kleinsten durch ein narratives Minimum aus, in dessen Zuge: „[…] ein Zustand A durch die Handlung(en) einer oder mehrerer Figur(en) zu einem Zustand B verändert wird“.[9] Im Falle von LCI ist eben dieses narrative Minimum nicht gegeben, was den Status von LCI als postmodernes, sich jeglichen Gattungszuordnungen entziehendes Werk unterstreicht.

3. Der formale Aufbau und die poetologische Funktion

3.1 Der Discours, die Zwischentexte

Der Discours findet in dieser Arbeit nur rudimentär Betrachtung, dennoch wird er im Folgenden elementarisiert aufgeschlüsselt, da er vonnöten ist um Calvinos Werk in Gänze nachvollziehen zu können. Die 18 Zwischentexte des Discours, welche stets einen Dialog oder anderweitige Kommunikationssituation zwischen Marco Polo und Kublai Khan wiedergeben, rahmen die 55 Stadtbeschreibungen des Récit ein. Diese Rahmung wird durch jeweils 2 Zwischentexte zu Beginn und am Ende jeweils eines der 9 Kapitel vorgenommen.[10] Dennoch ist der Discours als durchaus isoliert zu betrachten, da er wider Erwarten nicht dazu genutzt wird über die Inhalte des Récit zu reflektieren.[11] Stattdessen erfüllt der Discours eine andere Funktion. Denn die Kommunikationssituationen zwischen Polo und Kublai werden dazu genutzt metasprachliche Reflexionen vorzunehmen. Dies geschieht einmal auf Inhaltsebene. So ist Polo bei den ersten Zusammentreffen mit dem Großkhan dem Chinesischen nicht mächtig, sodass die beiden über andere Mittel kommunizieren müssen. So dienen Polo z.E. Mitbringsel seiner vielen Reisen als anschauliches Mittel um dem Khan seine Erfahrungen zu vermitteln. Des Weiteren greifen die beiden verstärkt auf Mimik und Gestikulation zurück um sich verständlich artikulieren zu können.[12] An dieser Stelle tut sich bereits die erste Pointe in Hinblick auf den Begriff verständlich auf. Denn die beiden bemerken, sobald sie eine gemeinsame verbale Kommunikationsbasis entwickelt haben, dass ihre vorherige nonverbale Kommunikationsform, eben aufgrund der fehlenden Präzision viel mehr Freiraum für subjektive Interpretationen und Deutungen ermöglichte, was die Wahrscheinlichkeit von Meinungsverschiedenheiten minimierte.[13]

3.2 Der Récit, die Stadtbeschreibungen

Der Récit umfasst insgesamt 55 Stadtbeschreibungen die 9 Kapiteln zugeordnet sind. So finden wir in jedem der Kapitel 5 Stadtbeschreibungen, die Ausnahme bilden hier das erste und das letzte Kapitel, welche die doppelte Anzahl von Beschreibungen beinhalten. Weiterhin sind die 55 Städte 11 verschiedenen Topoi zugeordnet, unter denen die sie gleichmäßig aufgeteilt werden, sodass jedem Topos 5 Stadtbeschreibungen zuteilwerden. Wie bereits in Abschnitt 2. erläutert unterliegt diese Komposition weder einer chronologischen, einer narratologischen noch einer thematischen Ordnung, sodass auch die Beschreibungen der Städte eines Topos nicht aufeinander folgen. Dennoch ist die Anordnung der einzelnen Städte nicht willkürlich gestaltet, sondern folgt einem alternativen Ordnungssystem welches anhand der nun nachfolgenden Tabelle verdeutlicht wird. In den einzelnen Zellen ist der jeweilige Topos aufgelistet und mit einer hochgestellten Ziffer versehen, die angibt um die wievielte Stadtbeschreibung des jeweiligen Topos es sich im jeweiligen Kapitel handelt (Bspw. Die subtilen Städte2 / Die Städte und der Austausch1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist zu erkennen, dass die Beschreibung, welche in Kapitel II die erste Position einnimmt (Die Städte und die Erinnerung5), in Kapitel III nicht mehr enthalten ist. Stattdessen rückt der zuvor in Kapitel III auf Position zwei lokalisierte Topos an die erste Position (Die Städte und der Wunsch5), während auf die fünfte Position eine Beschreibung eines bisher nicht erwähnten Topos (Die Städte und die Augen1) nachrückt. Ebenso rücken alle anderen Topoi pro Kapitel eine Position nach oben. Demnach betritt ein neuer Topos mit seiner ersten Beschreibung Position fünf, und rückt in jedem darauffolgenden Kapitel sukzessive eine Position nach oben, bis sie Position eins einnimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde jeder Topos mit jeweils fünf Beschreibungen aufgeführt.

Aus dieser Perspektive löst sich die vermeintliche Willkür der Komposition in ein geschickt geflochtenes Filigran auf, welches nach Pautasso[14] an das Versschema der italienischen Sestine erinnert. Diese Spielart der romanischen Lyrik zeichnet sich wie Calvinos Werk durch ein nicht minder komplexes Arrangement aus.

Eine Sestine (ital. Sechster) umfasst sechs Strophen á sechs Versen.[15] Ähnlich wie die sukzessive Abfolge von Calvinos Topoi, wandert das letzte Wort des ersten Verses der ersten Strophe, im Zuge der weiteren fünf Strophen bis in den letzten Vers der letzten Strophe.[16] Das Versschema weist folgenden Ablauf auf, wobei die Buchstaben das jeweilige Schlusswort eines Verses darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben dem ästhetischen Wert den eine solche lyrische Überformung mitbringt, leistet sie des Weiteren auch noch ein direktes kritisches Kommentar zur zeitgenössischen Literaturlandschaft Calvinos, welche primär vom Stil des Neorealismo geprägt war.[17] Durch die Reaktivierung eines überholten Versschemas in Form eines stark fragmentierten postmodernen Werkes welches sich, wie in Kapitel 2. gezeigt, gegen jegliche Gattungskonvention sperrt, untergräbt Calvino den literarischen Hegemon und verleiht LCI so eine kritische antiliterarische Wirkmächtigkeit.

4. Der Transfer: Die Städte und der Austausch im Dialog mit Simmels Soziologie

Nachdem LCI in formaler und poetologischer Hinsicht erläutert wurde, schließt sich nun die Analyse der einzelnen Städte an. Wie zuvor erwähnt erscheint aufgrund der bloßen Fülle der Städte und der in ihnen verarbeiteten Polysemie eine exemplarische Herangehensweise als angebracht. Die Wahl fiel auf Die Städte und der Austausch, da dieser Topos, wie im Folgenden zu erkennen sein wird, viele Facetten urbaner Lebenswirklichkeit in sich vereint. Dementsprechend wird er im Folgenden einer Detailanalyse im Hinblick auf psychologische und soziologische Implikationen unterzogen, welche auch in der sozioökonomischen Realität urbaner Ballungszentren wirksam sein könnten. Die Reihenfolge der fünf zu analysierenden Städte, entspricht dabei jener, in der sie auch in LCI aufzufinden sind. Als soziologischer Bezugspunkt der aus den Stadtbeschreibungen herauskristallisierten Phänomene, wird auf Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ zurückgegriffen. Dieses paradigmatische Werk scheint besonders vielversprechend, da es wichtige Entwicklungen und Phänomene der zunehmenden Urbanisierung des 19. Jh. sammelt, ihre immanenten Wechselwirkungen aufzeigt und Konsequenzen für die in der Großstadt lebenden Individuen formuliert.

Dementsprechend wohnt dem folgenden Kapitel der Anspruch inne, aus den fiktiven Städten Calvinos die zentralen Implikationen herauszuarbeiten und sie in Dialog mit den von Simmel konstatierten soziologischen Beobachtungen einer realen prototypischen Großstadt zu setzen. So soll aufgezeigt werden, ob Calvinos LCI als wirksamer literarischer Kommentar auf den realen urbanen Kontext verstanden werden können, was zugleich den Transfer zum Thema des Seminars leistet.

[...]


[1] Im Folgenden mit LCI abgekürzt.

[2] Calvino, Italo: Die unsichtbaren Städte. Übers. Von Heinz Riedt. Aufl. 13. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004.

[3] Die terminologische Bestimmung für die zwei Ebenen Calvinos Werk sind der Einteilung von Holger Voß entlehnt: Voß, Holger: Mythos und Utopie der Stadt – Italo Calvinos „Le città invisibili“. Phil. Diss. Masch. Düsseldorf: 1985.

[4] Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Soziologische Ästhetik. Hrsg. von Klaus Lichtblau. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2009.

[5] Vgl. Knaller, Susanne: Theorie und Dichtung im Werk Italo Calivnos. >>Le città invisibili<< und >>Se una notte d’inverno un viaggiatore<<. München: Wilhelm Fink Verlag 1988. S. 7.

[6] Vgl. Grabes, Herbert: Einführung in die Literatur in die Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 2004. S. 70f.

[7] Vgl. Voß, H.: Mythos und Utopie der Stadt. S. 96.

[8] Vgl. Knaller, S.: Theorie und Dichtung im Werk Italo Calvinos. S. 15.

[9] Vogt, Jochen: Einladung zur Literaturwissenschaft. Aufl. 6. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2008. S. 117.

[10] Vgl. Voß, H.: Mythos und Utopie der Stadt. S. 201.

[11] Vgl. Knaller, S.: Theorie und Dichtung im Werk Italo Calvinos. S. 15f.

[12] Vgl. Voß, H.: Mythos und Utopie der Stadt. S. 201ff.

[13] Vgl. ebd. S. 203.

[14] Vgl. Knaller, Susanne: Theorie und Dichtung im Werk Italo Calvinos. S. 14.

[15] Vgl. Knörrich, Otto: Setine, Sextine (Sixtine). In: Lexikon lyrischer Formen. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1992. S. 205f.

[16] Hier ist anzumerken, dass es sich bei diesem Beispiel um die einfachere Variante handelt.

[17] Vgl. Thoma, Heinz und Wetzel, Hermann H.: Novecento. S. 363ff. In: Italienische Literaturgeschichte. Hrsg. von Volker Kapp. Aufl. 3. Stuttgart: Carl Ernst Poeschel Verlag 2007. S. 300-395.

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668465640
ISBN (Buch)
9783668465657
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368080
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Italo Calvino "Le città invisibili" Georg Simmel "Die Städte und das Geistesleben

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