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Die pädagogischen Maximen der Jahre 1918-1933. Die Bündische Jugend und die Hitlerjugend im Vergleich

Bachelorarbeit 2017 54 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitang

2. Die Bündische Jugend
2.1 Vorgeschichte und gesellschaftspolitischer Hintergrund
2.1.1 Die Jahre des Wandervogels
2.1.2 Der Deutsche Pfadfinderbund
2.2 Der Weltkrieg als Zäsur
2.3 Die gesellschaftliche Situation nach dem Krieg
2.4 Die Bündische Jugend in der Weimarer Republik
2.4.1 Formierung am Beispiel völkisch gesinnter Bünde
2.4.2 Erziehungsarbeit im Jungdeutschen Bund
2.4.3 Die Pfadfinderbünde nach dem Weltkrieg
2.4.4 Gemeinsamkeiten der Bünde
2.4.5 Die Rolle der Mädchen in den Bünden

3. Die pädagogische Bedeutung der Bündischen Jugend

4. Die Hitlerjugend
4.1 Die HJ in der Weimarer Republik
4.2 Der Bund Deutscher Mädel in der Weimarer Republik
4.3 Die HJ als Staatsjugend
4.4 Organisation und Funktion der HJ

5. Pädagogik im Nationalsozialismus
5.1 Erziehung in der Hitlerjugend
5.2 Die päd. Wissenschaft im 3. Reich am Beispiel Alfred Baeumlers
5.2.1 Politischer und beruflicher Werdegang
5.2.2 Alfred Baeumlers politi sch-pädagogisches Konzept

6. Fazit

Abkürzungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Karl Fischer im November des Jahres 1901 in Steglitz die erste lokale Wandervogel gruppe gründete, konnte er nicht ahnen, dass er damit ein Jahrhundert der Jugendbewegungen einläuten sollte. In den folgenden Jahren wuchs der kleine Verein zu einer Massenbewegung an. überall im deutschsprachigen Raum gründeten sich weitere lokale Verbände und nach wenigen Jahren waren bereits über 50.000 Jugendliche unter dem Motto der Meißnerformel von 1913 organisiert, die da lautete: „Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung in innerer Wahrhaftigkeit selbst gestalten (Ahlhorn, zit. ท. Kneip 1984, ร.105).

Die Erschütterungen des ersten Weltkriegs, der im darauffolgenden Jahr ausbrach, fegten nach der Niederlage der Mittelmächte im November 1918 die alte Ordnung hinfort und hinterließen in Deutschland eine orientierungslose und frustrierte Bevölkerung, die sich mit der Tatsache konfrontiert sah, plötzlich in einem parlamentarisch-demokratischen System zu leben, das von vielen abgelehnt wurde. Folge dieser Entwicklung war eine zunehmende Politisierung in weiten Teilen der Bevölkerung, die auch vor den Mitgliedern der Wandervogelbewegung nicht haltmachte, was zur Gründung zahlreicher neuer Jugendbünde führte und damit die Phase der hündischen Jugend einläutete.

Die vorliegende Arbeit handelt von dieser Bündischen Jugend der Jahre 1918 - 1933, wobei ich mich wegen des begrenzten Umfangs auf wenige national oder völkisch gesinnte Bünde, wie etwa den Jungdeutschen Bund beschränken werde. Die Geschichte der Bündischen Jugend kann auch nicht erzählt werden kann, ohne zumindest kurz auf die Wandervogelbewegung der Vorkriegszeit und die gesellschaftspolitische Situation während und nach dem Krieg einzugehen, weshalb ich mich im ersten Kapitel mit diesen Themen beschäftigen werde.

Während sich in den Nachkriegsjahren die ersten Bünde formierten, entstanden in Deutschland weitere Jugendbewegungen als Teile von politischen Parteien oder Kirchen, wie etwa die Sozialistische Arbeiter-Jugend als Jugendorganisation der SPD oder den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, auf die ich wegen des begrenzten Rahmens dieser Arbeit nicht eingehen werde. Analog hierzu entstanden auch im rechten oder rechtsextremen politischen Spektrum Jugendverbände, die an politische Parteien oder Vereine angegliedert waren, wie den Jungstahlhelm als Jugendabteilung des „Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten“, einer paramilitärischen Vereinigung des Deutschnationalen Volkspartei DNVP, oder die 1922 als Jungbund der NSDAP ins Leben gerufene Hitlerjugend, deren Geschichte und pädagogische Ausrichtung ich in dieser Arbeit der der Bündischen Jugend gegenüberstellen möchte.

Zum Forschungsstand meiner Themenkomplexe ist zu sagen, dass über die Hitlerjugend und das Dritte Reich eine Fülle von wissenschaftlichen Publikationen existiert, während die Bündische Jugend bisher kaum erforscht wurde. Die Veröffentlichungen zu diesem umfangreichen Thema - es gab in der Weimarer Republik weit über 1000 Bünde, die sich in ihrer ideologischen Ausrichtung teilweise stark voneinander unterschieden - bestehen zum großen Teil aus nostalgisch verklärten Werken aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, die für die wissenschaftliche Forschung nur von begrenztem Wert sind. Die einzige umfassende Arbeit jüngeren Datums zu diesem Thema mit dem Titel „Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918 -1933“ von Rüdiger Ahrens erschien 2015.

2. Die Bündische Jugend

2.1 Vorgeschichte und gesellschaftspolitischer Hintergrund

2.1.1 Die Jahre des Wandervogels

Die Bündische Jugend der Weimarer Republik entstand in den Nachkriegswirren des Ersten Weltkriegs als Nachfolgeorganisation des Wandervogels, der als erste organisierte Jugendorganisation im Deutschen Reich am 4. November 1901 Im Ratskeller des Steglitzer Rathauses von Karl Fischer als „Wandervogel - Ausschuß für Schülerfahrten e.v.“ gegründet wurde, um den von dem Stenographielehrer Hermann Hoffmann seit 1896 regelmäßig veranstalteten Klassenfahrten und Wanderungen einen organisatorischen Rahmen zu geben (vgl. Wolf 1961, ร.50).

Im Gegensatz zu zahlreichen später gegründeten und in den meisten Fällen politisch oder religiös motivierten Jugendorganisationen ging es den Mitgliedern des Steglitzer Wandervogels in erster Linie um ein romantisch verklärtes „zurück zur Natur“, das durch die rasante Industrialisierung und die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Umbrüche befördert wurde. Dem neuen Zeitalter mit seinen Fabriken, den lärmenden Maschinen und dem um die Jahrhundertwende vorherrschenden Zeitgeist, dem ein naiver Glaube an die Allmacht der Technik und das Streben nach Tempo, Größe und immer neuen Rekorden und Superlativen innewohnte, versuchte man durch die Hinwendung zu einem naturverbundenen Miteinander zumindest zeitweise zu entfliehen.

Der 1985 verstorbene Schriftsteller Werner Helwig, ehemaliges Mitglied des Neurother Wandervogels, beschreibt die sozialen und gesellschaftlichen Umstände, die zur Entstehung dieser romantischen Natursehnsucht führten, in seinem 1980 erschienenen Buch „die blaue Blume des Wandervogels“ wie folgt:

„Den Gründerjahren, die den mächtigen Aufschwung des Industrialismus und der verwirklichten technischen Erfindungen gebracht hatten, ging ein merkwürdiges Absterben der Lebenswerte parallel. Die Jugend fühlte sich aus ihrem Reich verdrängt. Die Grünflächen verschwanden, natürliche Spielplätze, Forste, Gehölze um die wachsenden Städte herum verringerten sich sprunghaft. In den Schiden waltete ein Geist der Erstickung alles jugendhaften Wesens. Das nackte Dasein als solches war langweilig, steril geworden. Die Freude an den allenthalben aufsprießenden Fabrikmauern und Schloten war nicht jedermanns Sache. Die Einübung auf ein bürgerliches Unternehmertum, auf fieberhaften Gelderwerb, verbunden mit Großmannssucht und Börsenspielerdünkel, wurde von vielen - teils bewußt, teils unbewußt - als falder Zauber empfunden“ (Helwig 1980, ร.7).

Darüber hinaus versuchten die Mitglieder des Wandervogels auch, den gesellschaftlichen Zwängen und der übertriebenen Schamhaftigkeit zu entkommen, die für die Zeit um die Jahrhundertwende charakteristisch waren. Josef Seitz spricht in seinem Buch „Soll man lachen oder weinen?“ aus dem Jahr 1925 von ,,eine[r] widernatürliche[n] Prüderie, die oft zu Lächerlichkeiten führte, wie dazu, daß man den eigenen Körper nicht sehen mochte“ (vgl. Seitz 1925, ร. 12). Diese aus heutiger Sicht grotesk anmutende Schamhaftigkeit führte beispielsweise dazu, dass Kinder sich mitunter weigerten, sich von ihren Müttern baden zu lassen oder bei einer ärztlichen Untersuchung die Kleidung abzulegen, und einer Volksschule in Hessen untersagte ein Lehrer seinen Erstklässlern das Tragen von kurzen Strümpfen. Selbst das Durchwaten eines Flusses ohne Schuhe und Strümpfe galt als in manchen Mädchenschulen als schamlos, (vgl. ebd., ร. 12).

Neben dieser vorgelebten und eingeforderten extremen Prüderie legte man bei der Erziehung der Kinder und Jugendlichen aus bürgerlichem Umfeld großen Wert auf die autoritäre Vermittlung von Sekundärtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Gehorsam, Disziplin und Ordnungsliebe und die Verehrung von Kaiser und Vaterland, was oft zu Untertanengeist und einer nationalistisch chauvinistischen Haltung der Heranwachsenden führte (vgl. Kneip 1984, ร. 16). Felix Rabe spricht in diesem Zusammenhang von einem Korsett aus „Erfüllung, Erstarrung und Schablone“ (Rabe 1961, ร. 16) dem die Jugendlichen durch ihre Aktivitäten in Wandervogel und Freideutscher Jugend zu entfliehen versuchten.

Die Jugend konnte sich nicht mehr mit dem „preußisch-deutschen Staatsdenken“ (Rabe 1961, ร.18) und den Ritualen und dem Pathos des Kaiserreichs identifizieren, und das übertriebene Beharren auf Disziplin und die Akzeptanz staatlicher Hierarchien bewirkte bei vielen Jugendlichen, dass sie die vorherrschende Ordnung ablehnten, obwohl sie ihr Vaterland liebten (vgl. Wolf 1961, ร. 11). Diese Ablehnung äußerte sich auch in einer bewussten Verweigerung der sittsamen und unbequemen Kleidung, die der Mode der damaligen Zeit entsprach und in einer abstinenten Lebenseinstellung, die die Initiationsriten des Tabakrauchens und Biertrinkens konterkarierte. Hierzu aus den Erinnerungen eines Mitglieds des frühen Wandervogels:

„ Wenn er über die süßen Wadenstrümpfchen und den Matrosenanzug hinaus war, klebte er seine Haare rechts und links des Scheitels sorgsam mit Pomade fest und bekam einen Alten-Herren- Anzug kleineren Maßstabs mit allem notwendig empfundenen Zubehör, buntes Taschentuch in der oberen Rocktasche, Manschetten, hohen Kragen, Pantalon mit tadelloser Bügelfalte, spitze Schuhe, Glacés... Der höchste Ehrgeiz war, sich in Kleidung, Haltung, Gewohnheit, Geschmack nach den Erwachsenen zu richten, die mit Stolz die Feststellung „ganz wie ein Alter “ machten... Zigarettenrauch und Biertrinken und üble Witze erzählen galt als das sicherste Kennzeichen der Männlichkeit“ (Anon. zit. ท. Hornstein 1966, ร.237).

Dieser ablehnenden inneren Haltung war auch die bewusste Organisation in kleinen und überschaubaren Gruppen geschuldet, wodurch ein Kontrapunkt zu den althergebrachten, starren und streng hierarchisch gegliederten gesellschaftlichen Organisationsformen des Kaiserreichs gesetzt wurde. Dem im wilhelminischen Deutschland üblichen blinden Gehorsam und dem vorherrschenden Untertanengeist setzte man eine flachere Hierarchie entgegen, die mehr auf Anerkennung persönlicher positiver Eigenschaften der Häuptlinge des Wandervogels und auf Kameradschaft basierte, als auf preußisch-militärischem Habitus. Felix Rabe spricht hierüber in seinem 1961 erschienenen Buch „Die hündische Jugend“ von einer esoterisch elitären Grundhaltung sowie einer aristokratisch geprägten, weil auf den herausragenden Eigenschaften einzelner basierenden Form des Führertums als den besonderen Merkmalen der frühen Gruppen (vgl. Rabe 1961, ร. 12).

In den folgenden Jahren gründeten sich im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreiche weitere Wandervogelvereinigungen, deren Klientel, wie schon beim Steglitzer Wandervogel, zum ganz überwiegenden Teil dem bürgerlichen Milieu entstammte. Dies war vor allem der Tatsache geschuldet, dass Jugendliche aus dem Arbeitermilieu meist im Alter von 14 Jahren von der Volksschule abgingen und eine Lehre begannen oder sich anderweitig darum kümmern mussten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und deshalb gar nicht in der Lage waren, an einem Vereinsleben, das viel freie Zeit erforderte, teilzunehmen (vgl. Wolf 1961, ร.7).

Im Gegensatz zu den Heranwachsenden des Arbeitermilieus, die viel früher auf eigenen Beinen standen und ein wirtschaftlich selbstständiges Leben führten, waren die Jugendlichen aus bürgerlichen Elternhäusern auch viel länger von ihren patriarchalischen Vätern abhängig, was einen inneren „Prozess der Emanzipation vom Vater“ (Giesecke 1981, ร.32) beförderte, gegen dessen Regeln und als überkommen empfundene Wertvorstellungen man im Wandervogel aufbegehren konnte - etwas, dass für Arbeiterjugendliche, den anderen Lebensumständen sowie der früher abgeschlossenen Adoleszenz geschuldet, keine Relevanz besaß (vgl. Giesecke 1981, ร.32).

1906 wurde die erste akademische Freischar an der Göttinger Universität gegründet. Diese Vereinigung sowie ähnliche, in der darauffolgenden Zeit gegründeten studentischen Gruppen verstanden sich als Gegenpol zu den etablierten Korporationen und Studentenverbindungen und der in diesen Vereinigungen üblichen Pflege von

Brauchtum und Traditionen. Dem setzten die Mitglieder dieser neuen Verbindungen, deren Mitglieder sich als Teile einer Erziehungsgemeinschaft empfanden, die Besinnung auf eine intensive geistige Gemeinschaftsarbeit entgegen.

1913 initiierten Mitglieder dieser akademischen Wandervogel gruppen ein großes Treffen in Jena, mit dem Ziel, allen Teilen der Jugendbewegung einen organisatorischen Rahmen und ein allgemeingültiges Programm zu verleihen. Als Datum für das Treffen, an dem über 2000 Jugendliche und junge Erwachsene teilnahmen, hatte man bewusst den 13. Oktober, an dem im ganzen Land das hundertjährige Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig gefeiert wurde, gewählt, um eine Art „Gegen-Fest“ zu den nationalistisch­patriotischen offiziellen Feierlichkeiten zu veranstalten, (vgl. Giesecke 1981, ร.22). Abgehalten wurde die Veranstaltung unter der Bezeichnung „Fest der Freideutschen Jugend“, einem Sammelbegriff, der nicht nur Wandervogel gruppen, sondern auch studentische Organisationen aus Altwandervögeln, Mitglieder von Lebensreform- und Abstinenzlerbewegungen und Vertreter freier Schulgemeinden miteinbezog (vgl. Laqueur 1978, ร.45).

Letztendlich scheiterte die ursprüngliche Intention zur Ausrichtung des Festes aber an den unterschiedlichen Ansichten der teilnehmenden Vereinigungen und deren ausgeprägtem Wunsch nach Selbstständigkeit und Autonomie. Stattdessen einigte man sich auf die Verabschiedung einer als „Meißner-Formel“ bezeichneten Losung, die wie folgt lautete (vgl. AufdemGarten/Kuckuck 2009, ร.29):

„Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung in innerer Wahrhaftigkeit selbst gestalten. Für diese Freiheit tritt sie unter allen Umstünden geschlossen ein. Alle Veranstaltungen sind alkohol- und nikotinfrei “ (Anon. zit. ท. Kneip 1984, ร.105).

Obgleich die Meißner-Formel durch ihre Schlichtheit einen harmlosen Eindruck vermittelt, wurde sie von vielen Seiten heftig kritisiert. Rudolf Kneip beschreibt in seinem Buch „Wandervogel ohne Legende“ aus dem Jahr 1984 die Kontroverse, die durch die knappe Formel im Deutschen Reich ausgelöst wurde. Demnach sei beispielsweise der mangelnde Bezug zu Volk und Vaterland sowie der Mangel an einer klaren Aussage kritisiert worden, wobei gerade dies charakteristisch für das Wesen des Wandervogels gewesen sei, dessen Andersartigkeit sich im Fehlen von festen Grundsätzen und Regeln manifestierte (vgl. Kneip 1984, ร. 106).

Die Popularität des Wandervogels nahm in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stetig zu. Der einige Monate vor dem Meißner-Fest gegründete Wandervogel e. V. hatte im Jahr 1914 bereits über 40000 Mitglieder, und seit 1907 bzw. 1911 gab es auch in der Schweiz und in Österreich Wandervogelvereinigungen. Die steigende Popularität des Wandervogels und der zahlreichen ähnlichen Vereine, die in den Folgejahren in vielen Städten und Gemeinden im Land gegründet wurden, veranlasste Kirchen und Parteien dazu, ihrerseits eigene Jugendorganisationen zu gründen, die den Wandervogel vordergründig zu kopieren schienen, im Kern jedoch der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts entsprechend hierarchisch organisiert und strukturiert und ideologisch instrumentalisiert waren (vgl. Gisecke 1981, ร.60).

2.1.2 Der Deutsche Pfadfinderbund

Neben der Wandervogelbewegung gelang es auch den im Jahr 1907 von dem britischen General Robert Baden-Powell ins Leben gerufenen Pfadfindern in Deutschland Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu den Wandervögeln der Kaiserzeit war die Pfadfinderbewegung straffer organisiert und verfolgte klar definierte Erziehungsziele, die den Jugendlichen mit der von Baden-Powell entwickelten „Pfadfindermethode“ vermittelt werden sollte. So wollte man „zur Entwicklung junger Menschen bei[zu]tragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten, als verantwortungsbewusste Bürger und Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen können“ (Rabe 2017, ร.02). Die Pfadfindermethode beinhaltete das Durchführen verschiedener Aktivitäten, bei deren Durchführung man die Jugendlichen in kleinere Gruppen aufteilte, wobei die kognitiven Lerninhalte durch „Learning by Doing“ vermittelt werden sollten. Die Jugendlichen verpflichteten sich außerdem einem strikten Verhaltenskodex, dem sogenannten Pfadfinderversprechen, das bis heute aus drei Grundprinzipien besteht, nämlich der Pflicht gegenüber Gott, der Pflicht gegenüber Dritten und der Pflicht gegenüber sich selbst (vgl. Versprechen & Gesetz, ร.2).

Darüber hinaus unterwarfen sich die Pfadfinder einem Pfadflndergesetz, dass in seiner deutschen Urfassung von 1909 wie folgt lautete:

„ Die Gebote der Pfadfinder

1. Auf die Ehre eines Pfadfinders muß man unerschütterlich bauen können.
2. Ein Pfadfinder ist treu seinem Landesherrn, dem Kaiser, seinem Vaterlande, seinen Vorgesetzten, Lehrern und Brotherren.
3. Eine Pfadfinderpflicht ist es auch, seinen Mitmenschen nützlich und hilfreich zu sein.
4. Ein Pfadfinder ist ein Freund aller seiner Mitmenschen.
5. Ein Pfadfinder ist höflich.
6. Ein Pfadfinder ist gegen Tiere liebreich.
7. Ein Pfadfinder gehorcht seinem Feldkornett, dessen Stellvertreter (Junker) und dem Feldmeister ohne Widerrede.
8. Ein Pfadfinder ist stets munter und vergnügt.
9. Ein Pfadfinder ist sparsam. (Lion 1909, zit. ท. Pfadikeks 2017).

Die offizielle Gründung des deutschen Pfadfinderbunds DPB fand im Jahr 1911 durch den Industriellen Konsul Georg Baschwitz statt. Sein Stellvertreter im Vereinsvorsitz wurde Maximilian Bayer, ein Hauptmann der Armee, der zuvor in den deutschen Kolonien in Afrika gekämpft hatte (vgl. Schrölkamp 2004, ร.29). Im Jahr 1914 zählte der Verein bereits über 75000 Mitglieder, war also deutlich populärer als die schon länger bestehenden Wandervogelbünde, deren Dachorganisation Wandervogel e.v. im Jahr 1913 26000 jugendliche und erwachsene Mitglieder zählte.

Als Gründe für die größere Popularität des DPB nennt Günter Ahrens in seinem Buch „Bündische Jugend - eine neue Geschichte“ zum einen die Unterstützung der Pfadfinder durch das gesellschaftliche Establishment im Kaiserreich. Zum anderen beschreibt er den DPB im Vergleich zu den Wandervögeln als weniger elitär. Während die Mitglieder der Wandervogelbünde fast ausschließlich Oberschüler waren, rekrutierten die Pfadfinder auch in erheblichem Umfang Volksschüler und Schulabgänger. Außerdem wurden Mädchen konsequenter in den Verein integriert als bei den Wandervögeln, wo man diese zwar partizipieren ließ, dabei aber von allen verantwortlichen Positionen ausschloss. Kurz nach der Gründung des DPB wurde ein „Deutscher Pfadfinderbund für junge Mädchen“ ins Leben gerufen, der im Wesentlichen die gleichen erzieherischen Ziele verfolgte wie die Vereinigung der männlichen Pfadfinder und im Jahr 1914 bereits um die 9000 Mitglieder hatte (vgl. Ahrens 2015, ร.40).

Obwohl der DPB bei seiner Gründung noch versucht hatte, sich nicht vom Militär vereinnahmen zu lassen, wurden bei der zweiten Auflage des „Pfadfinderbuchs“ im Jahr 1911 Veränderungen vorgenommen, die eine deutliche Annäherung an die Armee erkennen ließen, was der Tatsache geschuldet war, dass die Zweitauflage in Kooperation mit dem Bayrischen Wehrkraftverein überarbeitet wurde, der in Bayern Teil der Trägerschaft der Pfadfinder war. Die überarbeiteten Passagen sollten dabei helfen, die Jugendlichen auf ihren Einsatz in einem möglichen Krieg vorzubereiten, wobei der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Fähigkeiten lag, die für den unbewaffneten Einsatz als Sanitäter oder Meldegänger von Nutzen waren (vgl. ebd. ร.43). Hierzu ein Zitat aus dem besagten Pfadfinderbuch: „Das Kriegsspiel soll die Sinne schärfen und Instinkte wecken, die im Felde unentbehrlich sind, die aber beim Großstadtkind fast völlig verkümmern“ (Lion 1911, ร.238).

2.2 Der Weltkrieg als Zäsur

Als am 14. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Mitglieder der Wandervogelvereinigungen ebenso von der im ganzen Deutschen Reich vorherrschenden Kriegsbegeisterung erfasst wie der überwiegende Rest der Bevölkerung. Allerdings lag die Begeisterung der Jugendlichen weniger in dem in Deutschland vorherrschenden Nationalismus und Militarismus begründet als in dem Gefühl, dass das eigene Volk bedroht war und ihre Hilfe benötigte, was den Kriegseinsatz für die Wandervögel moralisch als gerechtfertigt erscheinen ließ. Felix Rabe beschreibt die innere Haltung der Jugendlichen als einen „Patriotismus im burschenschaftlichen Sinne von 1813“, der allerdings von einem inneren Konflikt zwischen „Landsknechtromantik [...] und dem Bewusstsein, daß Krieg für Menschen ihrer Kulturstufe ein Rückfall in die Barbarei sei“ (Rabe 1961, ร.26) begleitet wurde (vgl. Rabe 1961, ร.26).

Eine weitere Ursache für diesen Kriegspatriotismus der Wandervögel, der so gar nicht der in ihren Vereinigungen vorherrschenden Aufbruchsstimmung und ihrem nach Selbstbestimmung und Freiheit strebenden Lebensgefühl entsprach, lag auch in der wilhelminisch-autoritären Erziehung begründet, die ihnen seit frühester Kindheit durch Schule und Elternhaus vermittelt wurde und die sich ทนท im Zuge der Ereignisse Bahn brach (vgl. Auf dem Garten/Kuckuck 2009, ร.46). Neben der anerzogenen Kaisertreue und „Liebe“ zum Vaterland war es vor allem der Gedanke der Pflichterfüllung, der die Jugendlichen bewog, sich für den Kriegseinsatz zu melden, wobei dieser Pflichtgedanke einer echten idealistischen Opferbereitschaft entsprang und nichts mit einem oberflächlichen, militärisch-patriotischen Pflichtverständnis gemein hatte (vgl. Rabe 1961, ร.26).

Insgesamt meldeten sich um die 16000 Mitglieder der Jugendbewegung freiwillig an die Front. Dort mussten sie allerdings ernüchtert feststellen, dass der industrialisierte Krieg mit seinen Materi al schlachten und dem zermürbenden Stellungskrieg nichts mit ihrer romantischen Vorstellung von heroischem Kampf gemein hatte. Trotzdem versuchten viele Wandervögel auch an der Front ihren Idealen treu zu bleiben. Im Jahr 1916 gründeten einige von ihnen deshalb den Feldwandervogel, dessen Mitglieder als

Erkennungszeichen ein rot-grün-goldenes Abzeichen an ihren Uniformjacken trugen (vgl. Wolf 1961, ร.516).

Die Feldwandervögel trafen sich in unregelmäßigen Abständen hinter der Front, um gemeinsam Lieder zu singen und sich untereinander auszutauschen, wobei der militärische Rang oder die Bundeszugehörigkeit der einzelnen Mitglieder keine Rolle spielte. Im Gegensatz zu den Soldaten, die dem Arbeitermilieu entstammten, versuchten die Wandervögel allerdings nicht, die sozialen und gesellschaftspolitischen Ursachen des Krieges zu ergründen. Stattdessen beschränkten sie sich in ihrer Analyse des Krieges auf eine Erörterung in „sittlicher Hinsicht“, was daraufhinweist, dass die jungen Soldaten, ihren Wandervogelidealen zum Trotz, die bürgerliche Prägung ihrer Kindheit und Jugend nicht abschütteln konnten (vgl. Auf dem Garten/Kuckuck 2009, ร.69).

Der Krieg führte letztendlich zu einer Entfremdung zwischen den Wandervögeln, die zuhause geblieben waren und denen, die an der Front kämpften. Als die jungen Soldaten nach der Kapitulation des Deutschen Reiches im Oktober des Jahres 1918 in die Heimat zurückkehrten, waren fast 5000 von ihnen gefallen, womit der Prozentsatz der Kriegstoten unter den Wandervögeln etwa doppelt so hoch lag wie beim Rest der Armee. Die Überlebenden wiederum hatten sich oft durch ihre einschneidenden Erlebnisse an der Front verändert. Die Hälfte von ihnen kehrte den Wandervogel gruppen nach dem Ende des Krieges den Rücken. Diejenigen jedoch, die sich der Bewegung erneut anschlossen, hatten sich oft ein nationalistisch oder militaristisch geprägtes Weltbild zu eigen gemacht, was das Selbstverständnis der Wandervogelvereine erschütterte und auf lange Sicht deren Ende einläutete (vgl. Laqueur 1978, ร.113).

Der 1896 geborene Robert Oelbermann, Gründungsmitglied des Nerother Wandervogels und Kriegsfreiwilliger des Jahres 1914, beschreibt die Gründe für die anfängliche Kriegsbegeisterung und die unterschiedlichen Auswirkungen, die der Krieg auf die einzelnen Wandervögel hatte, wie folgt: 1,... Und da glaubte jeder, es nun endlich gefimden zu haben, wonach man sich sehnte, wovon man träumte wofür man sich begeisterte. Der Krieg! das [sic!] Vaterland beschützen! Taten verrichten! Und wir stellten uns alle freiwillig und zogen begeistert in die Schlacht. Und dann kam die Schlacht selbst. - Mord! Nichts als Mord! Und ein Grausen Packte [sidjuns. Sind wir Menschen? Oder sind wir Tiere?! Nur die Pflicht hielt viele von uns bis zidetzt. - Konnte es das sein, wonach wir uns gesehnt, wovon wir geträumt hatten? Nein und abermals nein! Wir fühlten in uns einen Drang nach Liebe und Vergebung und nicht nach Hass und Mord. Wir kehrten heim. Wir waren betrogen worden. Die besten unter uns waren draußen geblieben. Viele von uns waren alt geworden, sie waren auf den breiten Weg der Masse geraten und wandten sich von uns. Vielen aber war das Erlebnis des Wandervogels zu gewaltig. Sie hatten sich ihre Jugendlichkeit bewahrt. Sie kehrten heim, um da weiterzumachen, wo sie vor dem Krieg aufgehört hatten" (Oelbermann zit. in Krolle 1986, ร. 16).

2.3 Die gesellschaftspolitische Situation nach dem Krieg

Der verlorene Krieg hinterließ eine orientierungslose und frustrierte Bevölkerung. Die meisten Soldaten fühlten sich um den Sieg betrogen, weil sie von der Kapitulation überrascht wurden, während sie tief im Feindesland standen. Man fühlte sich „im Felde unbesiegt!“ was der Entstehung der sogenannten Dolchstoßlegende Vorschub leistete. Kern dieser Verschwörungstheorie war, dass die Schuld für die Niederlage nicht bei der kämpfenden Truppe, sondern bei den Zivilisten an der Heimatfront zu suchen sei und zwar insbesondere bei Sozialdemokraten oder den Juden, denen man unterstellte, sie seien vaterlandslose Gesellen oder Angehörige des internationalen Finanzjudentums. Die Dolchstoßlegende bescherte vor allem rechten und rechtsextremen Gruppierungen Zulauf und wurde von diesen dazu benutzt, antidemokratische Ressentiments in der Weimarer Republik zu schüren und argumentativ gegen die junge Republik, die Novemberrevolution und den als Demütigung empfundenen Versailler Friedensvertrag Stellung zu beziehen bzw. zu hetzen (vgl. Keil/Kellerhoff 2002, ร.36).

Betrogen fühlten sich aber auch die Angehörigen der Arbeiterbewegung, die sich nach der Niederschlagung der Novemberrevolution durch rechte Freicorps damit abfmden mussten, dass sich in Deutschland eine parlamentarische Demokratie etablierte und keine sozialistische oder kommunistische Staatsform. Betrogen fühlte sich aber auch die ehemalige konservativ-reaktionäre Elite, die durch den Untergang der Monarchie erheblich an Privilegien verloren hatte. Das geflügelte Wort von der Weimarer Republik als einer „Demokratie ohne Demokraten“ hatte insofern durchaus seine Berechtigung. Insbesondere, weil es in der Bevölkerung neben den genannten Ressentiments gegen den neuen Staat keinen Konsens darüber gab, was Demokratie eigentlich bedeuten sollte (vgl. Giesecke 1981, ร.83). Herrmann Giesecke spricht in diesem Zusammenhang in seinem Buch „vom Wandervogel zur Hitlerjugend“ von einem „ideologischen Warenlager ohne jede Orientierung“, als das die Situation vor allem der jungen Generation erscheinen musste (Giesecke 1981, ร.84).

Viele Soldaten fanden sich nach Kriegsende in der veränderten Zivilgesellschaft nicht mehr zurecht. Manche zogen sich in die innere Immigration zurück. Andere wiederum wandten sich rechtsradikalen Freikorps oder kommunistischen Organisationen zu. Gemäß dieser Entwicklung begannen auch die Mitglieder der Jugendbewegung, sich zu politisieren und unterschiedlichen politischen Strömungen zuzuwenden, was auf einem Großtreffen der einzelnen Gruppen im Jahr 1919 schließlich zur Spaltung in ein sozialistisch oder kommunistisch geprägtes sowie ein konservativ-nationalistisches Lager führte (vgl. Laqueur 1978, ร. 129), wobei die unterschiedlichen politischen Einstellungen der Jugendlichen oftmals sowohl Elemente des rechten als auch des linken politischen Spektrums beinhalteten. Hierzu der Zeitzeuge Werner Helwig:

„ Daß man rechts Stand und links empfand, daß man links Stand und , völkische ‘ Ideale haben konnte, trug viel zur Vermischung aller Tendenzen bei. Aus ihr zogen die Kommunisten ebenso wie die ersten Nationalbolschewisten undNazis erheblichen Gewinn“ (Helwig 1980, ร.170).

2.4 Die Bündische Jugend in der Weimarer Republik

2.4.1 Formierung am Beispiel völkisch gesinnter Bünde

Entgegen der Situation vor dem Krieg, als die Jugendbewegung, zumindest in ihren frühen Jahren, kaum von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und ihrem Selbstverständnis nach keiner politischen oder weltanschaulichen Strömung zuzurechnen war, weckte sie ทนท bei Parteien und Kirchen Begehrlichkeiten. Die allgemeine Orientierungslosigkeit rückte die Jugend in den Fokus vieler Organisationen, die in ihr nicht nur den zukünftigen Träger der Nation sahen, sondern diese auch als „Rekrutierungsfeld“ begriffen, um Anhänger für ihre eigenen politischen Überzeugungen zu gewinnen. Die Folge dieser Entwicklung war ein wachsender Einfluss von Organisationen oder einzelnen Erwachsenen auf die Jugend, was zu einer schrittweisen Institutionalisierung der Jugendbewegung führte. Giesecke spricht in diesem Zusammenhang von einem „Sieg der öffentlich organisierten Jugendarbeit über die Jugendbewegung“ (Giesecke 1981, ร.87), die mit der Gründung der Weimarer Republik einherging. Diese Entwicklung führte letztendlich dazu, dass die ursprüngliche Philosophie der Vorkriegsjugendbewegung nur noch in Splittergruppen der bürgerlichen Jugend und in anarchistischen Jugendgruppen zu finden war (vgl. Giesecke 1981, ร.86f). Die gesellschaftlichen Umbrüche, die nach Kriegsende die ganze Gesellschaft dazu bewegte, sich ideologisch zu positionieren, machte auch vor den Mitgliedern der Jugendbewegung nicht halt, was zur Bildung unterschiedlicher politischer Lager führte. Den größten Zulauf bekamen hierbei die sozialistisch oder kommunistisch geprägte Linke sowie völkisch orientierte Gruppen, die sich im Jahr 1919 unter der Führung des Wandervogels Frank Glatzel auf der fränkischen Burg Lauenstein im Jungdeutschen Bund vereinigten. Glatzel, der wegen einer Kriegsverletzung vor dem Ende des Kriegs aus der Armee ausscheiden musste und ทนท in Berlin Jura studierte, gab während einer Rede, die er anlässlich der Gründung hielt, die Ziele des Bundes vor (vgl. Ahrens 2015, ร.?ร):

„Wir Jungdeutschen wollen aus der Kraft unseres Volkstums eigenwüchsige Menschen werden, Unter Überwindung der äußeren Gegensätze eine wahrhafte Volksgemeinschaft aller Deutschen schaffen

Und ein Deutsches Reich als Grundlage und Gestalt unseres völkischen Lebens aufbauen helfen“ (Glatzel 1919, zit. ท. Ahrens 2015, ร.73).

Dieses sogenannte „Lauensteiner Bekenntnis“ unterschied sich deutlich von der Meißnerformel der Wandervogelbünde aus dem Jahr 1913. Zwar gab es Parallelen, etwa den Bezug auf das Individuelle bzw. Eigenwüchsige, aber die Unterschiede zum Geist des Wandervogels waren nicht zu übersehen. Ganze drei Mal nahm Glatzel in der knappen Formel Bezug auf das Völkische. Ahrens spricht in seinem Buch „Bündische Jugend“ aus dem Jahr 2015 von „völkisch“ als Antipode zu den Begriffen „menschheitlich“ und „zwischenvölkisch“, wodurch die „Bezugsgröße für das eigene Handeln [...] das eigene Volk [war], und nicht die Menschheit in ihrer Gesamtheit“ (Ahrens 2015, ร.74), was als Angriff auf die internationalistische Arbeiterbewegung und den Liberalismus zu verstehen sei (vgl. ebd. ร.74).

Der kriegsblinde Offizier Kurd Viebig trieb die Politisierung der Jugend weiter voran, als er, nach dem gescheiterten Versuch, im Oktober 1918 ein nationalistisches Freikorps aus Schülern aufzustellen, am 4. Oktober 1919 den Deutsch-Nationalen Jugendbund DNJ gründete. Der DNJ sollte:

„Sammelplatz all der national denkenden Jungen und Mädchen [sein], seien sie an der Waterkant, seien sie im bayrischen Hochgebirge. Der einigende Gedanke des Kaiserreichs war dahin, der Jugend musste ein Mittelpunkt gegeben werden. Es lag dem D.N.J. fern, die Lebensfähigkeit anderer vaterländischer Verbände zu gefährden.; der D.N.J. wollte dem Wandervogel, dem Jungdeutschland, den Pfadfindern und wie sie heißen mögen, nichts nehmen, wollte ihren Lebensnerv nicht töten. Aber wo waren sie geblieben in den Tagen vor dem November und vor allen Dingen in den Novembertagen? Sie standen mit Gewehr bei Fuß und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Sie strebten danach, die Zeichen der Zeit zu erkennen, verkannten aber die Dringlichkeit des Zusammenschlusses“ (erstes Jahrbuch, zit. ท. Ahrens 2015, ร.78).

Zweck des Deutsch-Nationalen Jugendbundes war also nicht mehr vorrangig das Wandern und die Veranstaltung von Fahrten mit Gleichgesinnten, sondern die Sammlung von national und völkisch gesinnten Jugendlichen in einer großen und damit politisch handlungsfähigeren Organisation, womit Viebig bei der Jugend auf großes Interesse stieß. Innerhalb eines Jahres gelang es dem DNJ um die 50.000 Mitglieder zu gewinnen, was auch an dem breitgefächerten Angebot des Vereins lag. So wurde, neben Veranstaltung „vaterländischer Unterhaltungsabende“, bei denen Kriegsveteranen Vorträge über ihre Fronterfahren hielten oder gemeinsam Soldatenlieder gesungen wurden, auch anderen Freizeitbeschäftigungen wie Theater spielen, Singen im Chor, dem Sammeln von Briefmarken oder sportlicher Betätigung ausreichend Raum eingeräumt, um entsprechend interessierte Jugendliche für den DNJ zu gewinnen. Außerdem veranstaltete man unter der Leitung eines ehemaligen Wandervogels regelmäßig Fahrten und Wanderungen, wodurch die Popularität des DNJ abermals wuchs (vgl. Kindt 1974, ร.471).

Die politische Ausrichtung des Deutsch-Nationalen Jugendbundes war zutiefst reaktionär. Ziel war die Restauration der gesellschaftlichen Ordnung des Kaiserreichs vor 1914, da Viebig in ihr den verlorengegangenen einigenden Gedanken des deutschen Volkes zu erkennen glaubte. Aus diesem Grund wählte man auch die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs mit einem preußischen Gardestem in der Mitte als Banner und präsentierte in einem 1919 veröffentlichten Jahrbuch des Bundes den ehemaligen Kaiser Wilhelm II, Feldmarschall Hindenburg, General Ludendorff und den Kronprinzen Wilhelm als Leitfiguren (vgl. ebd. ร.471f).

Die Bundessatzung des DNJ räumte zwar jedem deutschen Kind ab einem Alter von elf Jahren das Recht auf eine Vereinsmitgliedschaft ein, schloss allerdings gleichzeitig die Deutschen jüdischen Glaubens durch einen Passus aus, der besagte, dass der Bund auf „deutsch-christlicher Grundlage“ stehe. Einzelne Verbände wie der Landesverband Groß Hamburg gaben sich ganz offen antisemitisch und rassistisch. So legte der genannte Verband fest, „keine Juden und sonstige in einem Gegensatz zum Deutschtum stehende Angehörige anderer Nationen und Rassen“ (zit. in Ahrens 2015, ร.80) aufzunehmen. In der Hamburger Vereinszeitschrift „Wegsucher“, die überregional vertrieben wurde, bekannte man sich schon 1919 unmissverständlich zu einer radikal antisemitischen Gesinnung (vgl. Ahrens 2015, ร.80):

„Wir bekennen offen, das [sic!] wir Antisemiten sind, daß wir den jüdischen Geist nach allen Richtungen hassen, weil er zerstört, ohne aufzubauen. Wir müssen uns selbst regieren, dazu brauchen wir keine Fremdrassigen. Die rücksichtslose Herrschsucht des Judentums und die Schlafmützigkeit der Bürger haben es verschuldet, daß sie zu großem Einfluß gelangt sind, dies ist aber kein Grund für uns, den Zustand als berechtigten Erfolg jüdischer Intelligenz anzusehen. Wir wehren uns dagegen mit allen Mitteln, die uns zu Gebote Stehen. Wir müssen auch unseren Freunden in der Deutschnationalen Volkspartei den Vorwurf machen, daß sie in diesen Fragen viel zu schlapp sind. Politische und andere Höflichkeitsrücksichten dürfen nicht in Frage kommen, wenn das Volkstum in Gefahr ist, zu verderben“ (Herbert Kulb 1919, zit. ท. Wegsucher I, 1919).

Rüdiger Ahrens weist daraufhin, dass dieses radikale Bekenntnis nicht für die Gesamtheit des DNJ stehen müsse. Allerdings seien Äußerungen wie die oben zitierte auch nicht diskutiert oder in Frage gestellt worden, was zumindest auf die stillschweigende Akzeptanz einer judenfeindlichen oder rassistischen Haltung hindeute (vgl. Ahrens 2015, ร.80f). Giesecke erkennt im Antisemitismus der Bünde zusätzlich eine „soziale Funktion“ „nämlich die eigene elitäre Selbstdefinition durch die Distanz von den Fremden zu erhöhen“ (Giesecke 1981, ร.97).

Wie bei den Pfadfindern übten auch beim DNJ erwachsene Mitglieder und Förderer großen Einfluss auf die ideologische Ausrichtung des Bundes aus. Neben Pfarrern, Lehrern und Offizieren der Reichswehr taten sich hierbei auch prominente Vertreter des deutschnationalen und des rechtsextremen Lagers wie die Generäle Hindenburg und Ludendorff, der Freikorpsführer Franz Ritter von Epp oder der bayrische Ministerpräsident Kahr hervor. Die von diesen betriebene Politisierung wirkte auch auf viele Wandervögel anziehend, was dazu führte, dass es vermehrt Mitglieder gab, die in beiden Bünden zur gleichen Zeit aktiv waren. Folge war eine Kontroverse innerhalb der Wandervogelbünde, bei der ein Lager die Mitarbeit im DNJ wegen ähnlicher Ziele propagierte, während ein anderer Teil eine schädliche Einflussnahme durch die völkische Vereinigung befürchtete (vgl. Ahrens 2015, ร.82).

Im Lauf des Jahres 1921 kam es im DNJ zu Streitigkeiten um die politische Ausrichtung des Vereins, der schließlich im August desselben Jahres zur Abspaltung der sogenannten „Jungnationalen“ führte. Die Gruppe der Jungnationalen hatte sich zuvor gegen die reaktionäre Haltung des DNJ gewandt und diesem vorgeworfen, wegen seiner Rückwärtsgewandtheit nicht in der Lage zu sein, sich den aktuellen Problemen in Deutschland angemessen zu widmen. Im Fokus der Jungnationalen lag die Verbundenheit aller deutschstämmigen Menschen - auch derer, die als Minderheiten in anderen Staaten lebten und der Schutz und die Reinhaltung des deutschen Volkstums. Darüber hinaus verstanden sich die Jungnationalen als Elite des deutschen Volkes mit einer „Verpflichtung zu adeligem Leben“, bereit „sich selbst zu opfern dem Freunde, der Gemeinschaft, dem Volke“, womit sie sich deutlich vom DNJ abgrenzten, der von seinen Mitgliedern lediglich eine deutschnationale Gesinnung aber keine echte Opferbereitschaft erwartete (vgl. ebd., ร.84).

Um ihren Plan einer Elitenbildung verwirklichen zu können, glaubten die Jungnationalen, auf geeignete Führer angewiesen zu sein, wobei man der Ansicht war, dass diese bereits existierten. Man musste sie lediglich finden und sie bei der Ausbildung ihrer Führerfähigkeiten unterstützen, war man doch, in Anlehnung an den Wandervogel Hans Blüher überzeugt, dass man zum Führer geboren sein musste. Blüher hatte schon 1917 die Auffassung vertreten, „daß der Führer des Volkes nicht bedarf, um Führer zu sein, daß aber das Volk nur durch den Führer zum Volk wird“ (Blüher 1917, ร.68).

Die Führung des DNJ versuchte sich den Reformbestrebungen der Jungnationalen zu widersetzen, im dem sie unter seinen Mitgliedern um Vertrauen warb und eine stärkere Besinnung auf das Christentum propagierte, was zu einer Verhärtung der Fronten und am 8. August 1921 auf dem Nürnberger Jahrestreffen des Bundes schließlich zur Spaltung des DNJ und zur Gründung des Jungnationalen Bundes führte (vgl. Kindt 1974, ร.490).

2.4.2 Erziehungsarbeit im Jungdeutschen Bund

Die Leitung des Bundes unterstand anfangs dem ehemaligen Oberbefehlshaber der deutschen Hochseeflotte und Befehlshaber bei der Skagerrakschlacht Admiral Scheer, der allerdings schon nach einem Jahr von Heinz Dähnhardt abgelöst wurde, der die Abspaltung vom DNJ betrieben und eine wichtige Rolle bei der politischen Ausrichtung des Jungnationalen Bundes gespielt hatte. Unter ihm konzentrierten sich sie Jungnationalen auf die Ausarbeitung einer Erziehungsarbeit, die sich vorrangig der Schulung des Charakters widmen sollte. Hierzu veranstaltete der Bund, der 1923 15.000 Mitglieder hatte, Schulungstage, die der Aus- und Weiterbildung der Führungsschicht dienten. An den wöchentlich stattflndenden Treffen der lokalen Verbände widmete man sich in Arbeitsgruppen der Erörterung von gesellschaftlichen Problemen. Darüber hinaus bot man den Mitgliedern des Bundes ein abwechslungsreiches Programm, das aus gemeinsamem Singen, Spielen, sportlicher Betätigung, Vorlesen oder Basteln bestand, womit es vordergründig kaum vom Freizeitangebot des DNJ abwich. Der Unterschied bestand allerdings darin, dass diese Aktivitäten bei den Jungnationalen den Zweck verfolgten, den Charakter zu schulen und weiterzuentwickeln (vgl. Heinz-Dietrich Wendland in Siemering II 1923, ร.188f.).

Außerdem veranstaltete man, in der Tradition der Wandervögel, regelmäßig Fahrten und Wanderungen, denen man, insbesondere hinsichtlich der Charakterentwicklung, eine besonders große pädagogische Bedeutung zuschrieb. Allgemein wurde die Freizeitbeschäftigung beim Jungnationalen Bund in einem überaus ernsthaften Kontext betrachtet. So hieß es etwa in einer Direktive für die Gruppenarbeit im Bund:

„ Ja, eine Verantwortung vor den Enkeln, ein Erbe der Vergangenheit, eine Aufgabe in der Welt, das ist der letzte Sinn alles dessen, was wir hier von schlichter, klarer, treuer Arbeit des Alltags im Bunde miteinander geredet haben. Wenn klar und rein alles Tun aus dem Wesensgrunde quillt, werden wir den Alltag heiligen. Und dazu sind wir berufen. “ (Richtlinien für Ortsgruppenarbeit 1923, zit. ท. Ahrens 2015, ร.88).

Auch für die Beschäftigung der Mädchen, die während der Gruppentreffen von den Jungen getrennt organisiert waren, wurden in den „Richtlinien für Ortsgruppenarbeit“ des Jungnationalen Bundes Empfehlungen ausgesprochen. Außer gemeinsamem Singen und Lesen und der Veranstaltung von Gruppendiskussionen sollten sie mit Handarbeiten beschäftigt werden, wobei der Sinn dieser Tätigkeit nicht in der Förderung von Kreativität liegen oder der Unterhaltung dienen, sondern ein pädagogisches Ziel verfolgen sollte, nämlich, ein „Geschlecht [zu] erziehen, dass sich in harter Arbeit von früh bis spät opfern kann!“ (Richtlinien für Ortsgruppenarbeit 1923, zit. ท. Ahrens 2015, ร.89).

Um die Richtlinien adäquat Umsetzen zu können, veranstaltete der Bund regelmäßig mehrtägige Treffen für seine Führer, an denen über die Umsetzung der erzieherischen Inhalte des Bundes diskutiert wurde. Gleichzeitig dienten diese Treffen auch der Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls und der Stärkung des Zusammenhalts innerhalb des Vereins. Mit Hilfe dieser Maßnahmen gelang es den Jungnationalen, die Missstände, die sie beim DNJ angeprangert hatten, wie etwa mangelnde Opferbereitschaft und fehlender Enthusiasmus, zu überwinden und bei ihren Mitgliedern echte Begeisterung für die nationale Sache zu wecken (vgl. Ahrens 2015, ร. 90).

2.4.3 Die Pfadfinderbünde nach dem Weltkrieg

Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in Deutschland wirkten sich auch auf die gemäßigteren Jugendorganisationen, die schon vor dem Krieg bestanden hatten, aus. Der Deutsche Pfadfmderbund sah sich, analog zum DNJ, den Reformbestrebungen einzelner Gruppen in seinen Reihen ausgesetzt, wobei die Protagonisten dieser Bestrebungen stark von ihren Kriegserlebnissen geprägt waren. Neben den „Neupfadfmdern“ bildeten sich die „Jungdeutschen Pfadfinder“ und die „Ringpfadfmder“ als reformwillige Gruppen innerhalb des DPB, deren vorrangiges Ziel eine Anpassung des Vereinsprogramms an die Gegebenheiten der neuen Zeit war. 1920 schlossen sich besagte Gruppen zum „Naumburger Bund“ zusammen, da sich die Reformer dadurch einen größeren Erfolg bei der Durchsetzung ihrer Bestrebungen versprachen. Anfangs erreichten sie dadurch die Anerkennung ihrer Existenz innerhalb des DPB durch den neuen Vorsitzenden, Reichsfeldmeister Freiherr von Seckendorff Allerdings kam es bald darauf zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen der DPB-Leitung und dem Naumburger Bund, was zum Ausschluss von dessen Anführern aus dem Deutschen Pfadfmderbund führte, die daraufhin in den ersten Monaten des Jahres 1921 den „Bund deutscher Neupfadfinder“ unter der Leitung des ehemaligen Divisionspfarrers Martin Voelkel und des Weltkriegsoffiziers und Herausgebers der Zeitschrift „Der weiße Ritter“ Franz Ludwig Habbel gründeten. Ein Jahr später wurden auch die Ringpfadfmder aus dem DPB ausgeschlossen, die daraufhin ebenfalls mit der Gründung einer unabhängigen Pfadfindervereinigung, dem „Bund Deutscher Ringpfadfmder“, reagierten, wodurch es ทนท drei voneinander unabhängige Pfadfinderbünde in Deutschland gab (vgl. Kindt 1974, ร.389f).

Die neuen Pfadfinderbünde begriffen sich, ähnlich den Jungnationalen, als eine Elite, deren Ziel die charakterliche Veredelung ihrer Mitglieder war, wobei man sich an den ritterlichen Idealen von Reinheit und Askese orientierte. Darüber hinaus waren die Neupfadfinder vom dem Sendungsbewusstsein durchdrungen, dass all ihre Bestrebungen in den Dienst eines nicht näher definierten „Reiches“ zu stellen seien und erklärten, dass sie nicht nur eine Organisation für Jugendliche sein wollten, denn: „Die heutige Jugendbewegung ist eine Lebensbewegung; sie umfaßt den ganzen Menschen und lässt ihn auf keiner Stufe seines Daseins wieder los [...]!“ (Voelkel 1922, zit. in Ahrens 2015, ร.102).

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Details

Seiten
54
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668464728
ISBN (Buch)
9783668464735
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368022
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Erziehungswissenschaft FB02
Note
1,7
Schlagworte
Hitlerjugend Alfred Baeumler Wandervogel BDM HJ Bündische Jugend Drittes Reich Karl Fischer

Autor

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Titel: Die pädagogischen Maximen der Jahre 1918-1933. Die Bündische Jugend und die Hitlerjugend im Vergleich