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Interindividuelle Einflüsse auf Verschwörungsdenken

Ergebnisse einer psychologischen Fragebogenuntersuchung

Bachelorarbeit 2016 43 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

1. Interindividuelle Einflüsse auf Verschwörungsdenken – Ergebnisse einer psychologischen Fragebogenuntersuchung
1.1 Gegenstandsbestimmung und empirische Befundlage
1.1.1 Politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen
1.1.2 Ambiguitätstoleranz
1.1.3 Mediennutzung
1.1.4 Visuelle Vorstellungskraft
1.2 Hypothesen

2. Methodik
2.1 Stichprobenbeschreibung
2.2 Konstrukte und Messinstrumente
2.3 Durchführung und statistische Verfahren

3. Ergebnisse
3.1 Interkorrelationen
3.2 Faktorielle Validierung der Messinstrumente
3.3 Strukturgleichungsmodellierung

4. Diskussion
4.1 Methodische- und Generalisierbarkeitsaspekte
4.2 Implikationen und Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

Anhang A: Liste der Abweichungen von den APA-Richtlinien

Anhang B: Verwendete Skalen sowie standardisierte Faktorladungen

Anhang C: Samplekorrelationen und -residuen für das SG-Modell Printmedien

Zusammenfassung

Verschwörungstheorien gewinnen im Alltag zunehmend an Popularität und Einfluss. Dennoch sind bisher nur wenige empirische Untersuchungen in Deutschland zu verzeichnen, die an diese Thematik anknüpfen, weswegen in dieser Arbeit interindividuelle Korrelate von sowie Einflussfaktoren auf generisches Verschwörungsdenken untersucht wurden. Hierfür wurden Daten von 437 Personen im Rahmen einer Online-Fragebogenuntersuchung erhoben. Es zeigte sich, dass Verschwörungsdenken mit Ambiguitätstoleranz gering negativ assoziiert ist. Politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen zeigten einen stärkeren negativen Zusammenhang zu Verschwörungsdenken, r = -.43, p < .001. Verschwörungsdenken war entgegen der Annahme mit visueller Vorstellungskraft unkorreliert sowie mit der Nutzungshäufigkeit von Printmedien und Internet gering negativ assoziiert. In einem nächsten Schritt zeigte sich mittels Strukturgleichungsmodellierung, dass latente internale (β = -.31, p < .001) und externale politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen einen direkten negativen Einfluss auf Verschwörungsdenken haben, β = -.30, p < .001. Ambiguitätstoleranz gegenüber Rollenstereotypien übte einen geringeren direkten Effekt aus, β = -.14, p = .017. Die Ergebnisse werden hinsichtlich der psycho-sozialen Funktion von Verschwörungsdenken auf Aspekte der sozial-kognitiven Theorie bezogen. Zudem werden methodische Gesichtspunkte und die Generalisierbarkeit der Ergebnisse diskutiert.

Abstract

Conspiracy theories gain increasing popularity and impact on everyday life. Nevertheless, there have been only few empirical attempts that aimed at investigating related research topics in Germany. Therefore, this study examined individual difference correlates of as well as factors influencing generic conspiracist ideation. For this purpose online questionnaires were administered to 437 participants. Results showed a weak negative association between conspiracist ideation and tolerance of ambiguity. Moreover, conspiracist ideation showed a stronger negative association to overall political efficacy, r = -.43, p < .001. Contrary to prediction, conspiracist ideation was uncorrelated with visual imagery and weakly associated with a less frequent use of print media and internet. Using structural equation modelling, latent internal (β = -.31, p < .001) and external political efficacy both showed a negative direct effect on conspiracist ideation (β = -.30, p < .001), whereas tolerance of ambiguity towards role stereotypes exerted a smaller direct effect, β = -.14, p = .017. The results are partly addressed within a social-cognitive framework regarding the psychological function that conspiracist ideation may serve. Furthermore, methodological aspects and the generalizability of the study results are discussed.

1. Interindividuelle Einflüsse auf Verschwörungsdenken – Ergebnisse einer psychologischen Fragebogenuntersuchung

Seit den 1990er Jahren ist eine vermehrte Ausbreitung und Popularisierung von Verschwörungstheorien (VTn) in westlichen und anderen Gegenwartskulturen zu verzeichnen (Aupers, 2012). Hierbei weisen VTn über den historischen Verlauf eine zunehmende Variabilität hinsichtlich ihrer zentralen Inhalte und ihres Erklärungsumfangs auf (Sonntag, 2014), da bis in die 1950er Jahre typischerweise Juden, Muslime und andere spezifische soziale Gruppen jahrhundertelang als gesellschaftliche Bedrohung diffamiert wurden. Jüngst werden dagegen insbesondere Institutionen der modernen Gesellschaft zum dominanten Projektionsgegenstand von VTn, wie z.B. Wirtschaftsunternehmen, der politische Apparat und der Staat selbst (Aupers, 2012). Entsprechend variabel sind die Folgen, die sich durch ihre Befürwortung ergeben. Sie reichen von negativen Folgen für das persönliche Wohlbefinden durch Nichteinhaltung einer antiretroviralen HIV-Therapie (Bogart, Wagner, Galvan & Banks, 2010) bis zu wiederholten Pogromen gegen ganze Bevölkerungsgruppen (Jaecker, 2005).

VTn sind dabei zunächst als Überzeugungssysteme zu verstehen, anhand derer gegenwärtige oder historische Ereignisse, kollektive Erfahrungen oder gesellschaftliche Entwicklungen als Folge einer Verschwörung interpretiert werden (Anton, Schetsche & Walter, 2013). Damit werden einerseits verhaltensbezogene Aspekte bezüglich ihrer gesellschaftspolitischen Tragweite impliziert. Andererseits wird ihr (un-)gerechtfertigter Wissensstatus sowie ihr Inhalt als Untersuchungsgegenstand angesprochen (Anton et al., 2013). Beide Aspekte waren Bestandteil vergangener psychologischer Untersuchungen, in denen der Glaube an spezifische VTn hinsichtlich seiner Einflussfaktoren (Bartoschek, 2015; Moulding et al., 2016; Stempel, Hargrove & Stempel, 2007) und Auswirkungen untersucht wurde (Goertzel, 1994; Jolley & Douglas, 2014; Wood, Douglas & Sutton, 2012). Der VT-Glaube als solcher kann hierbei als die unbegründete Annahme einer solchen definiert werden, obwohl andere Erklärungen für einen in Frage stehenden Sachverhalt wahrscheinlicher sind (Aaronovitch, 2009). Dies setzt nach Sunstein und Vermeule (2009) voraus, dass prinzipiell alle nötigen Informationen in einer Gesellschaft verfügbar sind, um theoretisch zu wahrscheinlicheren Erklärungen für etwaige Sachverhalte gelangen zu können. Entsprechend werden im Gegenzug bestimmte VTn von einem Großteil der Gesellschaft als falsch, gefährlich und inhaltlich ungerechtfertigt charakterisiert. Diese Attribute bevorzugt untersuchter VTn können anhand der Überzeugung veranschaulicht werden, dass das HI-Virus ein von Menschen gemachter Krankheitserreger sein soll, der zur Kontrolle der Bevölkerung geschaffen wurde und gezielt unter spezifischen sozialen Gruppen oder Ethnien verbreitet wird (Bogart et al., 2010).

Neben diesen Eigenschaften sind vielen VTn zentrale Komponenten immanent. Diese sind zum einen das kontinuierliche, heimliche und böswillige Handeln einer kleinen Personengruppe gegen die Allgemeinheit (Moscovici, 1987). Zudem wird diese Gruppe als omnipräsent und –potent wahrgenommen, wodurch sich VTn in der Gesamtheit dieser Komponenten von real-politischen Verschwörungen unterscheiden (Bale, 2007).

In konzeptueller Hinsicht differenziert Heins (2007) an dieser Stelle jedoch vier Phänomene. Zunächst können auf primär wirtschaftlichen Interessen basierende reale Verschwörungen von realen politischen Verschwörungen mit dem Potenzial zur gesellschaftlichen Mobilisierung und mit moralischer Signifikanz als distinkte Phänomene abgegrenzt werden, wie z.B. Kartellabsprachen im Gegensatz zur Watergate-Affäre. Als weitere Phänomene werden behauptete und unbewiesene Verschwörungen ohne Mobilisierungspotenzial und moralische Signifikanz, sowie behauptete und unbewiesene Verschwörungen als Basis robuster Glaubenssysteme mit dem Potenzial zur gesellschaftlichen Mobilisierung und mit moralischer Signifikanz voneinander abgegrenzt. Für Letztere lassen sich beispielhaft der Glaube an geheimen Regierungskontakt mit Außerirdischen und der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung anführen. Hierbei kann sich die Problematik ergeben, dass sich über den zeitlichen Verlauf einzelne VTn konzeptuell mit realen Verschwörungen überschneiden (Bale, 2007). So werden die Enthüllungen durch Edward Snowden hinsichtlich einer Massenüberwachung digitaler Daten mittlerweile als reale Verschwörung akzeptiert, während etwaige Behauptungen zuvor als VT aufgefasst wurden (Bjerg & Presskorn-Thygesen, 2016). Dies hat entsprechende Konsequenzen für die psychologische Erforschung des VT-Glaubens.

Der Problematik einer konzeptuellen Überlappung von realen Verschwörungen und VTn soll in dieser Arbeit begegnet werden, indem ein psychometrischer Ansatz verfolgt wird, der allgemeine VT-relevante Kognitionen zu erfassen anstrebt, ohne dabei auf VT-spezifische Ereignisse zurückzugreifen. Als übergeordnetes Ziel kann dabei die Untersuchung des nachfolgend näher beschriebenen Verschwörungsdenkens sowie potenzieller Einflussfaktoren hierauf formuliert werden. Es werden zunächst die untersuchten Konstrukte inhaltlich eingegrenzt sowie einschlägige empirische Befunde dargelegt, anlässlich derer die Untersuchungshypothesen dieser Arbeit formuliert wurden.

1.1 Gegenstandsbestimmung und empirische Befundlage

Die bisherige empirische Erforschung des VT-Glaubens hinsichtlich psychologischer Fragestellungen erfolgte vornehmlich über das erfragte Ausmaß der Befürwortung oder Zustimmung zu einzelnen oder mehreren VTn (Bogart et al., 2010; Swami, 2012). Hierbei konnten einschlägige Persönlichkeitskorrelate des VT-Glaubens identifiziert werden, wie z.B. hoch ausgeprägte Feindseligkeit und Anomie sowie ein geringes interpersonelles Vertrauen und wahrgenommene sozio-politische Kontrolle (Abalakina-Paap, Stephan, Craig & Gregory, 1999; Bruder, Haffke, Neave, Nouripanah & Imhoff, 2013). Ferner hängt der VT-Glaube mit paranormalem Glauben positiv zusammen (Brotherton, French & Pichering, 2013; Bruder et al., 2013; Swami et al., 2011). Dieser psychometrische Ansatz wurde jüngst dahingehend kritisiert, dass etwaige Befunde stets VT-spezifisch seien, was generalisierende Aussagen über Studien hinweg erheblich erschwert (Brotherton et al., 2013). Beispielsweise erfasste Goertzel (1994) den Glauben an HIV-assoziierte VTn mit „The government deliberately spread the AIDS virus in the homosexual community.“, während Bogart et al. (2010) nach der Zustimmung zu „HIV was created and spread by the CIA.“ fragten. Durch die variable Formulierung und variierenden inhaltlichen Schwerpunkte wird eine valide Unterscheidung zwischen Bekanntheit von und Zustimmung zu VTn nicht gewährleistet (Bartoschek, 2015), da dieser Ansatz vornehmlich wissensbasiert ist. Gleichzeitig kann keine identische, transkulturelle Relevanz einzelner VTn für verschiedene soziale und ethnische Gruppen angenommen werden (Bruder et al., 2013). Die partielle konzeptuelle Überlappung realer Verschwörungen mit vornehmlich politischen VTn verstärkt diese Problematik zusätzlich.

Es konnte dabei wiederholt belegt werden, dass Personen, die einer VT zustimmen, mit höherer Wahrscheinlichkeit auch weiteren VTn zustimmen (Goertzel, 1994; Swami et al. 2011). Im Rahmen dieser Tendenz stimmen Personen sogar sich wechselseitig widersprechenden (Wood et al., 2012) oder im Rahmen einer empirischen Untersuchung frei erfundenen VTn zu (Swami et al., 2011). Für diese stabile Tendenz Ereignisse primär durch VTn erklären zu wollen und vorwiegend für solche Erklärungen empfänglich zu sein, wurde der Begriff „Verschwörungsdenken“ (Swami et al., 2011) als Trait-Bezeichnung geprägt (nachfolgend wird entsprechend zwischen VT-Glaube und Verschwörungsdenken unterschieden). Hieran anknüpfende Studien zeigten, dass der Glaube an einzelne VTn durch die Zustimmung zu dekontextualisierten Aussagen ohne Ereignis-, Personen- oder Institutionenbezug in starkem Ausmaß vorhergesagt werden kann (Brotherton et al., 2013; Bruder et al., 2013; Wood et al., 2012). Beispielsweise greift die Aussage „Die Verbreitung bestimmter Viren und/oder Krankheiten ist das Ergebnis der vorsätzlichen, verdeckten Aktionen einer Organisation.“ den in HIV-VTn vertretenen Aspekt auf, dass eine unbekannte Gruppe insgeheim und böswillig auf ein der Gesellschaft gegenläufiges Ziel hinaus handele (Brotherton et al., 2013). Bruder et al. (2013) verfolgten diesen Ansatz an deutschen, englischen und türkischen Stichproben weiter. Generische VT-bezogene Aussagen waren hierbei der stärkste Prädiktor für den Glauben an eine Vielzahl von VTn, sodass dieser psychologische Ansatz als ein valider und ökonomischer Indikator für Verschwörungsdenken erscheint, ohne dabei an die Problematik der ereignisbasierten Erfassung anzuknüpfen.

1.1.1 Politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen

Im Rahmen der Leipziger Mitte-Studien 2016 gaben 48% der Deutschen an kein Vertrauen in politische Parteien zu haben und 36% der Deutschen äußerten dies gegenüber dem Bundestag. Zudem stimmten 39% der Aussage zu „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.“ (Decker, Kiess, Egger & Brähler, 2016, S. 61). Schließlich empfanden je nach politischem Milieu die Hälfte bis zwei Drittel der Deutschen keinen Einfluss auf die Entwicklungen im eigenen Land nehmen zu können (Decker & Brähler, 2016). Diese Befunde lassen Misstrauen in den politischen Apparat und vermehrtes Verschwörungsdenken in der deutschen Bevölkerung erkennen. Gleichzeitig zeichnet sich eine als gering wahrgenommene Beinflussbarkeit der Politik ab.

Bisherige Untersuchungen versäumten jedoch eine individuelle Wirksamkeit auf die Politik zu thematisieren und fokussierten lediglich externale Kontrollüberzeugungen als Einflussfaktor auf den VT-Glauben (Simmons & Parsons, 2005). Damit werden zwar spezifische Erwartungen an das Auftreten von Ereignissen abgebildet, jedoch keine Überzeugungen über eigene Handlungsressourcen und den eigenen Einfluss auf politische Sachverhalte. Durch wahrgenommene Selbstwirksamkeit würde ein zentraler motivationaler und letztendlich selbstregulatorischer Aspekt berücksichtigt, da Personen erst handlungsinitiativ sind, wenn sie überzeugt sind einen (un-)erwünschten Effekt durch eigenes Handeln erzielen oder verhindern zu können (Bandura, 1997). In der sozial-kognitiven Theorie erfüllen globale Überzeugungen über eigene Kompetenzen und Einfluss eine zentrale Rolle in der Mensch-Umwelt-Interaktion und sind entsprechend mit positiven Konsequenzen für das eigene Wohlbefinden assoziiert (Bandura, 1997). In der politischen Domäne wird dabei eine kollektive Handlungsausrichtung mit Anderen praktiziert, da hier persönliche Ziele alleine schwerer erreichbar sind (Bandura, 2000; Caprara, Vecchione, Capanna & Mebane, 2009). Die politische Handlungsdomäne hat in vielen VTn eine zentrale Position, sodass politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen ein naheliegendes Konstrukt sind. Hiermit wird auf internaler Ebene die wahrgenommene individuelle Verständnisfähigkeit für politische Inhalte sowie die eigene partizipative Handlungskompetenz verstanden. Auf externaler Ebene werden darunter Erwartungen über die Empfänglichkeit der Politik für Beeinflussungsversuche verstanden, sodass Überzeugungen über die eigene Person und das politische System hierunter zusammengefasst werden (Beierlein, Kemper, Kovaleva & Rammstedt, 2012). In vergangenen Untersuchungen wurde dabei primär die externale Dimension in Bezug auf VTn untersucht (Parsons, Simmons, Shinhoster & Kilburn, 1999; Simmons & Parsons, 2005; Swami, 2012).

Experimentelle Befunde zeigten jedoch, dass Personen, die VT-Inhalten ausgesetzt wurden, ein über Machtlosigkeitsgefühle vermitteltes, reduziertes politisches Engagement aufweisen (Jolley & Douglas, 2014). VTn scheinen somit einerseits die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten zu reduzieren. Allerdings fanden Sullivan, Landau und Rothschild (2010) auch, dass Personen mit dispositionell geringen internalen Kontrollüberzeugungen bei einer befürchteten Einschränkung der Kontrollierbarkeit der eigenen Umwelt einen verstärkten Einfluss auf einen Feind attribuieren. Dies impliziert insbesondere eine kompensatorische Funktion von Verschwörungsdenken. Entsprechend führen geringe externale politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen zu einem höheren Glauben an einzelne VTn zumindest bei Afro-Amerikanern (Parsons et al., 1999). Für eine deutsche Stichprobe sind bisher keine einschlägigen Befunde auf Trait-Ebene bekannt. Die Ergebnisse von Parsons et al. (1999) legen dabei jedoch einen direkten negativen Einfluss auf Verschwörungsdenken durch politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen nahe.

1.1.2 Ambiguitätstoleranz

Vielen VTn wird auf inhaltlicher Ebene ein reduktionistischer Erklärungsansatz für komplexe, widersprüchliche und unstrukturierte Sachverhalte attestiert (Bale, 2007). Dabei wird im Rahmen von VTn häufig unterstellt, dass zufällige Ereignisse stets absichtlich durch Verschwörer hervorgerufen und kontrolliert werden und Kausalketten untereinander ausnahmslos verbunden sind (Heins, 2007). Hierbei wurde die Funktion von VTn zur kognitiven Komplexitätsreduktion hervorgehoben und vereinzelt untersucht (Abalakina-Paap et al., 1999; Moulding et al., 2016). Dabei stand die Annahme im Vordergrund, dass VTn Gefühle von Unsicherheit in Situationen abmildern, in denen Sachverhalte nicht hinreichend erklärt sind, sodass das Konstrukt Ambiguitätstoleranz in den Untersuchungsfokus rückte.

Ambiguitätstoleranz wird in dieser Arbeit als mehrdimensionales, bereichsspezifisches und „steuerndes Regulativ der Aufnahme-, Verarbeitungs- und Speicherungsprozesse des Individuums“ (Reis, 1997, S. 191) verstanden. Dies beinhaltet emotional-kognitive Aspekte in Form von psychischem Unwohlsein und einem Bedrohungsgefühl bei ambigen Informationslagen. Gleichzeitig kann für Personen mit hoher Ambiguitätstoleranz ein Bedürfnis eben hiernach formuliert werden, womit es ein bipolares Konstrukt ist (Reis, 1997). In experimentellen Untersuchungen zur Entscheidungsfindung wurde zudem die konzeptuell nahe Unsicherheitsintoleranz sowie Risikoneigung untersucht (Furnham & Marks, 2013). Bei Letzterer wird die ambige Entscheidungsfindung als Situation aufgefasst, in der für mindestens eine Handlungsoption eine unbekannte Wahrscheinlichkeitsverteilung des Handlungsausgangs vorliegt, sodass entsprechend unsichere und risikoreiche Entscheidungen unterschieden werden (Ellsberg, 1961).

Trotz der theoretischen Relevanz dieses Konstrukts zeigten sich im Rahmen weniger Studien lediglich geringe negative Assoziationen von Ambiguitäts- und Unsicherheitstoleranz mit dem VT-Glauben (Abalakina-Paap et al., 1999) und Verschwörungsdenken (Moulding et al., 2016). Dabei erfolgte die Erfassung teilweise mit unreliablen Skalen (α = .50; Abalakina-Paap et al., 1999) oder zwischen den einzelnen Skalen zur Ambiguitäts- und Unsicherheitstoleranzerfassung war ein großer semantischer Überlappungsbereich erkennbar (Moulding et al., 2016). Es ist somit fraglich, ob Ambiguitätsintoleranz in zuverlässiger und umfassender Weise gemessen wurde, was Anlass gibt diese Assoziation erneut zu betrachten.

1.1.3 Mediennutzung

Die Verbreitung über Medien ist ein integraler Bestandteil der zunehmenden Präsenz und Popularität von VTn in Deutschland (Anton et al., 2013; Bartoschek, 2015) und hat durch das Internet zur Institutionalisierung und Kommerzialisierung dieses gesellschaftlichen Phänomens beigetragen (Aupers, 2012). Dies äußert sich auch daran, dass 2016 im Rahmen der Leipziger Mitte-Studien 37% der Deutschen „die in verschiedenen Medien zirkulierenden VTn nicht für ausgemachten Blödsinn hielten“ (Decker et al., 2016, S. 61). Zudem distanzierten sich lediglich 41% von einer Einstellung zu Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland als Lügenpresse. Es lässt sich somit eine Akzeptanz von VTn in den Medien, aber auch eine Skepsis gegenüber den Medien anhand dieser deskriptiven Daten erkennen.

Es ist dabei wenig erforscht, wie einzelne Mediengattungen mit spezifischen und übergeordneten VT-Inhalten zusammenhängen oder interagieren. Einen spezifischen Einfluss belegten jedoch Stempel et al. (2007) durch eine höhere Wahrscheinlichkeit an 9/11-VTn zu glauben, wenn die Medien Internetblog und Boulevardzeitung als Informationsquelle genutzt wurden. Zudem war eine geringere Wahrscheinlichkeit gegeben an 9/11-VTn zu glauben, wenn Tageszeitung und TV-Nachrichten genutzt wurden. Des Weiteren zeigten Del Vicario et al. (2016), dass sich bei Facebook-Nutzenden die Verbreitungsdynamik von VT- und Wissenschaftsinhalten zugunsten von VTn unterscheidet und so zur Aufrechterhaltung und Verfestigung von Fehlinformationen beiträgt. Mocanu, Rossi, Zhang, Karsai und Quattrociocchi (2015) fanden zudem in Facebook-Gruppen eine gleich lange Verweildauer für VTn wie für politische Nachrichten. Schließlich stellten Stieger, Gumhalter, Tran, Voracek und Swami (2013) eine geringe positive Korrelation zwischen Medienkonsum und dem Glauben an eine medial präsente VT in Österreich fest. Letztere Befunde verweisen vor allem auf einen positiven Zusammenhang der Häufigkeit der Mediennutzung mit Verschwörungsdenken durch anhaltenden Kontakt mit selektiven (Fehl-)Informationen.

1.1.4 Visuelle Vorstellungskraft

Visuelle Vorstellungskraft wurde bereits als möglicher Erklärungsansatz für kulturelle Phänomene herangezogen, wie z.B. den Glauben an Übernatürliches oder den Schamanismus (Noll, 1985). Unter dieser Fähigkeit versteht Marks (1999) sich klare und lebhafte Bilder mental vorstellen zu können. In funktionaler Hinsicht sind hiermit qualitative Unterschiede in der Erinnerung, Überzeugung und Entscheidungsfindung verbunden (Libby & Eibach, 2013). Bezüglich der sozialen Kognition wird visueller Vorstellungskraft zudem eine mental vorwegnehmende Rolle zukünftiger Handlungen und Ereignisse zugesprochen. Dieser Prozess beinhaltet auch Bewegungen und die Betrachtungsperspektive als wesentliche Aspekte der Ereignisvorstellung, sodass von einer umfassenden und komplexen Ereignisnachahmung ausgegangen wird (Moulton & Kosslyn, 2009).

Im Hinblick auf Verschwörungsdenken lässt sich daraus ableiten, dass situationelle Reize bei hoher visueller Vorstellungskraft als komplexer wahrgenommen und entsprechend beurteilt werden. Gleichzeitig würden zukünftige Ereignisse in ihrer Komplexität überschätzt werden, was in letzter Konsequenz zu falschen Überzeugungen führt. Beispielsweise zeigte eine Untersuchung zum Realitätsmonitoring mit unvollständigen geometrischen Formen, dass sich Personen mit hoher visueller Vorstellungskraft bei einem anschließenden Komplexitätsrating vollständiger Formen häufiger irrten, wenn sie die Formen zuvor mental vervollständigten (Markham & Hynes, 1993). Sie unterschieden somit schlechter zwischen internal generierten und external wahrgenommenen, erinnerten Informationen. Personen mit hoher visueller Vorstellungskraft zeigten zudem eine geringere Diskriminationsleistung beim Monitoring mehrerer externaler Informationsquellen (Dobson & Markham, 1993). Unter Anbetracht der medialen Informationsflut insbesondere im TV verweisen diese Befunde zudem auf wahrnehmungsbezogene Konsequenzen einer hohen visuellen Vorstellungskraft für die mediale Rezeption von VTn (Johnson, 2007).

Bisher sind positive Korrelationen von visueller Vorstellungskraft mit paranormalem Glauben bekannt (Alvarado & Zingrone, 1994; Parra, 2015). Direkte Assoziationen von Verschwörungsdenken mit visueller Vorstellungskraft wurden jedoch nicht untersucht. Da Verschwörungsdenken ebenfalls mit paranormalem Glauben positiv assoziiert ist (Bruder et al., 2013) soll exploratorisch eine direkte Beziehung beider Konstrukte insbesondere dahingehend untersucht werden, ob mental-visuelle Imaginationsprozesse einen Einfluss auf die Ausprägung des Verschwörungsdenkens haben.

1.2 Hypothesen

Aufgrund der Erfassungsschwierigkeiten des VT-Glaubens wurde ein neuer Ansatz zur Operationalisierung von Verschwörungsdenken vorgestellt. Zudem wurden wahrnehmungs-, handlungs- und verbreitungsbezogene Einflussfaktoren auf Verschwörungsdenken in Erwägung gezogen. Aufgrund theoretischer Überlegungen und der empirischen Befundlage wird angenommen, dass (1) Verschwörungsdenken mit visueller Vorstellungskraft und der Mediennutzungshäufigkeit signifikant positiv korreliert. (2) Verschwörungsdenken korreliert zudem mit Ambiguitätstoleranz und politischen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen signifikant negativ. Zudem wird angenommen, dass (3) Verschwörungsdenken durch Ambiguitätstoleranz, visuelle Vorstellungskraft, politische Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Mediennutzungshäufigkeit den Vorzeichen der angenommenen Korrelationen entsprechend beeinflusst wird.

2. Methodik

Im Folgenden wird die erhobene Stichprobe (N = 437) beschrieben. Hiernach werden die eingesetzten Messinstrumente zur Konstruktoperationalisierung hinsichtlich zentralster psychometrischer Gütekriterien und der Faktorenstruktur skizziert (für Skalen inkl. Itemwortlaut siehe Anhang B). Da in dieser Arbeit mehrdimensionale Skalen eingesetzt wurden, schien eine zusätzliche faktorielle Validierung der Messinstrumente zur Bestimmung deren Konstruktvalidität und somit auch der Ergebnisgüte zielführend. Abschließend werden Untersuchungsaufbau und -ablauf sowie die eingesetzten statistischen Verfahren erläutert.

2.1 Stichprobenbeschreibung

Die Stichprobe bestand aus 190 Frauen und 244 Männern (drei Personen ohne Angaben). Die Altersspanne lag zwischen 14 und 76 Jahren (M = 33.2, SD = 10.8). Es waren 177 Personen Schüler_innen oder Studierende, 229 Personen waren erwerbstätig und 28 Teilnehmende waren erwerbslos oder in Rente (drei Personen ohne Angaben). Zudem waren 399 Teilnehmende deutsch, während 26 Personen eine andere und acht Personen eine doppelte Staatsangehörigkeit hatten (vier Personen ohne Angaben). Dies deckt sich weitestgehend mit der Angabe eines Wohnsitzes in Deutschland durch 88% der Personen. Es hatten 188 Teilnehmende die Fach- oder allgemeine Hochschulreife und 208 Personen einen Hochschulabschluss, während 20 Personen einen Realschul- oder gleichwertigen Abschluss und vier Personen einen Hauptschulabschluss hatten (sechs Personen mit anderem/keinem Abschluss; 11 Personen ohne Angaben). Zur besseren Stichprobeneinordnung wurden Religionszugehörigkeit, Religiosität und Parteipräferenz erfragt. Es waren 16% katholisch und 18% evangelisch, während 62% atheistisch, agnostisch oder ohne religiöse Überzeugung waren (andere Religionsgemeinschaften waren durch Einzelpersonen vertreten; 12 Personen ohne Angaben). Es gaben nur 17% an religiös zu sein, während 82% dies verneinten (vier Personen ohne Angaben). Bezüglich der Parteipräferenz im Rahmen der Sonntagsfrage zeigte sich, dass 37 Personen die FDP und jeweils 40 Personen die CDU oder die SPD wählen würden, während 90 Personen Bündnis ‘90/Die Grünen und 106 Personen Die Linke angaben. Des Weiteren wählten 68 Personen die Option „Sonstige“ und 36 Personen waren Nicht-Wählende. Schließlich gaben 9 Personen an die AfD zu wählen und eine Person favorisierte die NPD (11 Personen ohne Angaben).

2.2 Konstrukte und Messinstrumente

Verschwörungsdenken wurde mit der 15 Items umfassenden „Skala zur Erfassung generischen Verschwörungsdenkens“ gemessen (GVD; Molz, Stiller, Krüppel & Weiher, 2016). Hiermit werden fünf Faktoren durch je drei Items erfasst, wobei die Antwortmöglichkeiten auf einer 5-stufigen Ratingskala von „1 = Definitiv nicht wahr“ bis „5 = Definitiv wahr“ reichen.

Der Faktor „Regierungsvergehen (RV)“ greift dabei eine vermutete kriminelle Verschwörung durch den Regierungsapparat auf. Der Faktor „heimtückische globale Verschwörungen (GV)“ fasst die Behauptungen zusammen, eine geheime Personengruppe übe totale Kontrolle über globale Ereignisse aus. Mit dem Faktor „außerirdische Vertuschungen (AV)“ wird der Betrug der Öffentlichkeit über die Existenz außerirdischen Lebens formuliert.

Der Faktor „persönliches Wohlergehen (PW)“ betrifft die Befürchtungen bezüglich Einschränkungen des eigenen Wohlbefindens aufgrund vermuteter gezielter Krankheitsverbreitung und des Einsatzes gedankenkontrollierender Technologie. Mit dem Faktor „Informationskontrolle (IK)“ wird schließlich die unethische Informationskontrolle durch diverse Organisationen aufgegriffen. Die GVD weist dabei eine gute Reliabilität auf (α = .90) und das fünffaktorielle Modell wurde bisher mittels konfirmatorischer Faktorenanalyse belegt (Molz et al., 2016).

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Details

Seiten
43
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668467804
ISBN (Buch)
9783668467811
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367996
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,1
Schlagworte
Verschwörungstheorien Persönlichkeit Medien Strukturgleichungsmodell

Autor

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Titel: Interindividuelle Einflüsse auf Verschwörungsdenken