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Historische Entwicklung des Islamkundeunterrichts in der Türkei von 1923 bis heute

Essay 2015 7 Seiten

Theologie - Islamische Religionswissenschaft

Leseprobe

1923 bis 1949

Nach der Gründung der Republik 1923 wurde ein Gesetzt zur Vereinheitlichung des Unterrichtswesens erlassen. Dadurch gestaltete man das Bildungswesen uniform und ordnete es dem Staat unter.[1] Die Medresen, die im Osmanische Rech noch klassisch zur Religionsunterweisung dienlich waren, wurden dadurch mit den Schulen zusammengelegt und nicht mehr zu Bildungszwecken genutzt. Vielmehr wurde ihre Nutzung verboten. Der Gesetzeserlass veranlasste auch die Eröffnung von Ausbildungsstätten bzw. Universitäten zur Unterweisung in Religionslehre. So konnte man die Religionslehre in den Imam-Hatip-Schulen und den Theologischen Fakultäten genießen. Das Studium an der Theologischen Fakultät konnte man jedoch nicht direkt im Anschluss auf die Imam-Hatip-Schule antreten. Für die Zulassung wurde der Abschluss an einer Oberschule vorausgesetzt.[2]

Der Religionsunterricht wurde leidglich in den 5. Jahrgangsstufen der Grundschulen als Wahlfach angeboten, wobei man jedoch Kinder unter zwölf Jahren keinen Religionsunterricht erteilen durfte. Der Unterrichtsinhalt war ziemlich bedürftig, da man lediglich auf die Vermittlung von Korankenntnissen und die Rezitation von Suren setzte. Zudem hatte er örtlich keine einheitliche Form. Der Unterricht in den städtischen Schulen wich bis 1949 nämlich stark von den ländlichen Schulen ab. Zwischenzeitlich wurde der Religionsunterricht in Koranschulen verboten. Auch die Grundschulen in den Städten durften keinen Religionsunterricht mehr erteilen. Lediglich in den ländlichen Grundschulen wurde er fortgeführt, dies wöchentlich eine Stunde. Doch 1938 wurde auch das untersagt.[3]

Parallel zu dieser Entwicklung ist die Schließung jeglicher Imam-Hatip-Schulen bis 1931 zu verorten. Aus Studentenmangel wurde nach dem Schuljahr 1932/33 zudem die Theologische Fakultät geschlossen. Auch das Institut für Islamische Forschungszentren, das durch die Universitätsreform eingeführt wurde, musste aus Mangel an Lehrpersonal und Studenten geschlossen werden. Die Unterweisung der Religionslehre fand somit ein Ende. Da einige Wissenschaftler nicht an einen natürlichen Verlauf dieser Entwicklung glaubten, protestierten sie dagegen.[4]

1949 bis 1982

Die Zeit zwischen 1949 bis 1982 wird als eine Übergangsperiode bezeichnet, die von der Suche nach einem geeigneten Modell geprägt ist.[5] Nach einer Verfassung wurde zunächst das Verbot des Religionsunterrichtes an den Schulen aufgehoben. Auf folgende Auseinandersetzungen und Diskussionen ließ man dann im Jahre 1949 den Religionsunterricht an den Grundschulen als Wahlfach zu.[6] So wurde er in der 4. Und 5. Jahrgangsstufe der Grundschulen im Umfang von zwei Wochenstunden erteilt. Man bot den Religionsunterricht jedoch außerhalb der regulären Schulzeiten an und sie war zudem für die Versetzung der Schüler nicht von Relevanz.[7]

Als die Bevölkerung Forderungen stellte und Widerstand leistete, wurden 1949 in Schulen sogenannte Imam-Hatip-Kurse eingeführt. Vorausgesetzt wurde für die Aufnahme zu solche einem Kurs, dass man den Militärdienst bereits abgeleistet hatte. Die Ausbildung in den Imam-Hatip-Kursen betrug zu dieser Zeit leidglich 10 Monate. Auch die Theologische Fakultät in Ankara wurden wieder eröffnet. Sie diente aber nicht dem notwendigen Bedarf an Akademikern in diesem Bereich. Man spezialisierte sich vielmehr darauf, die Untersuchung der religiösen Belange nach wissenschaftlichen Grundlagen zu ermöglichen, solides Berufswissen und die nötigen Grundlagen dafür zu schaffen, Religionsmänner mit umfassenden Wissen auszubilden und mit dieser Absicht ähnliche Religionsfakultäten wie im Westen zu gründen. Demnach war es in erster Linie nicht beabsichtigt, Religionslehrer an diesen Fakultäten auszubilden. Da die Lehrer an den Grundschulen, die für die Erteilung des Religionsunterrichtes zuständig waren, in diesem Fach ausgebildet werden mussten, begann man 1953 mit der Grundschullehrerausbildung, die einmal pro Woche zum Pflichtfach erklärt wurde. Die Leitung des Unterrichts an Lehrerschulen übernahmen Absolventen der Theologischen Fakultät und ehemalige Religionslehrer. Das Bedürfnis nach Religionslehrern konnte im Folgenden jedoch nicht befriedigt werden, da die Anzahl der Absolventen an der Theologischen Fakultät stets abnahm.[8]

Nach den Imam-Hatip-Kursen wurden 1951 erneut die Imam-Hatip-Schulen eröffnet. Die Ausbildungsdauer belief sich von da an auf sieben Jahre. Von dieser siebenjährigen Ausbildung besuchte man vier Jahre die Mittelschule und drei Jahre die gymnasiale Oberstufe. In den folgenden 20 Jahren stieg die Anzahl der gegründeten Imam-Hatip-Schulen von sieben auf 72. Im Jahre 1953 erstellte man ein Lehrplan, der Einzelthemen wie Glaube, Moral, Gottesdienst, andere Religionskulturen und Methodik beinhaltete. Drei Jahre darauf wurde eine Erlaubnis für die Erteilung des Religionsunterrichtes in der 6. Und 7. Klasse erlassen, wodurch man nun den Religionsunterricht auch an den Mittelschulen lehren durfte. Als somit der Bedarf an Religionslehrern anstieg, wurden Hochschulen für Islamwissenschaften eröffnen, um entsprechende Lehrer auszubilden. Dies war die erste Institution, die die Ausbildung von Religionslehrern als Absicht explizit zum Ausdruck brachte. Inder folgenden Entwicklung wurde 1971 die Fakultät für Islamwissenschaften eröffnet, wo das Studium 5 Jahre betrug, und später alle islamischen Institute in Theologische Fakultäten umgewandelt und in die regionalen Universitäten integriert.[9]

Zwischenzeitlich im Jahr 1967 wurde beschlossen, den Religionsunterricht auf die Oberschulen und vergleichbaren Schulen auszuweiten. Auch hier wurde er in den ersten beiden Schuljahren lediglich als einstündiges Wahlfach, das einmal pro Woche angeboten wurde, eingeführt. Später, als der allgemeine Wunsch lauter wurde, weitete man den Religionsunterricht auf die letzten Schuljahre der Mittel- und Oberschulen aus. 1972 gab es die Imam-Hatip-Schulen in der zuvor geschilderten Form nicht mehr. Sie wurden zu Berufsschulen umgewandelt, die man vier Jahre nach der Mittelschule besuchte. So nannte man sie zu Imam-Hatip-Oberschulen um. Die Mittelstufe wurde jedoch kurze Zeit später im Jahr 1974 wieder eingeführt. Dadurch stieg die Anzahl der Imam-Hatip-Schulen von 72 auf 101. Auch während der Legislaturperiode der türkischen nationalistischen Frontpartei stieg ihre Anzahl, sodass es 230 Imam-Hatip-Schulen waren.[10]

1982 bis in die Gegenwart

Erst nach 1980 hat man sich eindeutig für ein bestimmtes Modell entschieden, das juristisch als Islamkunde, de facto als Religionsunterricht zu bezeichnen ist.[11] 1982 wurde der Religionsunterricht im Grundgesetzt verankert, sodass die Zahl der Schüler enorm anstieg und sich der Lehrermangel unverzüglich bemerkbar machte. Teilweise mussten Atheisten, nichtgläubige Lehrer, den Unterricht erteilen, wodurch das Ziel des Religionsunterrichtes, richtiges und notwendiges Wissen über die Religion zu erhalten, verfehlt bzw. nicht erreicht wurde. Erst im Jahre 2000 wurde durch die Absolventen der Theologischen Fakultät und des Yüksek Islam Enstitütü (Islam-Institut) ein Ausgleich des Gefälles zwischen Lehrermangel und großer Schülerzahl geschaffen. Es entstand jedoch erneut ein Lehrermangel, als den Absolventen der Imam-Hatip-Schulen die Einschreibung an die Universitäten nicht frei gestattet wurde. Sie durften mit ihrem Abschluss lediglich das Theologiestudium antreten , wodurch die Anzahl der Schüler an den Imam-Hatip-Schulen rapide zurück.[12]

Der Lehrplan des Religions- und Ethikunterrichts enthält zwar viele Informationen über andere Religionen in den entsprechenden Abschnitten, begrenzt sich jedoch auf das Juden- und Christentum. Es scheint so, als sträube man sich davor, andere Religionen detailliert in den Unterrichtsstoff aufzunehmen. Weitere Inhalte sind die Tugenden, die im Lichte des Koran und der Sunna einen guten Menschen ausmachen, das Leben des Gesandten und Vorbildes Muhammad, kurze Suren und wesentliche Gebete des Koran.[13]

Im 24. Absatz der türkischen Verfassung aus dem Jahre 1982 wird die Teilnahme am Religions- und Ethikunterricht (Din Kültür ve Ahlak Bilgisi) an Grundschulen und Mittelschulen als Pflicht gekennzeichnet. Dort heißt es nämlich:

„Der Religions- und Ethikunterricht wird unter Aufsicht und Kontrolle des Staates erteilt. Dieser Unterricht ist ein Pflichtfach an Grundschulen und Mittelstufen. Die Teilnahme an einem ergänzenden Religionsunterricht hängt vom Schüler ab, bei Minderjährigen entscheidet der gesetzliche Vertreter.“

Der Lehrplan von 1982, der einige Defizite auswies, besaß über mehrere Jahre Gültigkeit. In den Grundschulen wurde er erst im Jahr 2000 revidiert und in der Mittelschule 2005. Erteilt werden soll der Religionsunterricht von Fachlehrern. Falls es in den Grundschulen Lehrermangel herrschen sollte, ist es den Klassenlehrern gestattest, den Unterricht zu übernehmen. Auch Absolventen der Theologischen Fakultät können lehren. Diese müssen allerdings ein weiteres Zertifikat im Fachbereich Pädagogik erlangen, um die Lehrerlaubnis zu erhalten.[14]

Literatur:

- Gemici, Nurettin: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei. In: Religionen in der Schule und die Bedeutung des Islamischen Religionsunterrichts, Band 1, hrsg. von Bülent Ucar/Martina Blasberg-Kuhnke/Arnulf von Scheliha, Göttingen 2010, S. 261-273.
- Kaymakcan, Recep: Pluralismus und Konstruktivismus in der türkischen Religionslehre für Religionslehrer und Religionsunterrichtsprogramme, aus dem Türkischen von Ahmet Cankurtaran. In: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. Fachdidaktische Konzeptionen: Ausgangslage, Erwartungen und Ziele, Band 2, hrsg. von Bülent Ucar/Danja Bergmann, Göttingen/Osnabrück 2010, S. 185-200.
- Ucar, Bülent: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart: Vom Verbot zur Öffnung und Regulierung. In: Entwicklung der modernen Islamischen Religionspädagogik in der Türkei im 20. Jahrhundert, Band 1, hrsg. von Bülent Ucar/Yaşar Sarikaya, Hamburg 2009, S. 83-96.

[...]


[1] Vgl. Ucar, Bülent: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart: Vom Verbot zur Öffnung und Regulierung. In: Entwicklung der modernen Islamischen Religionspädagogik in der Türkei im 20. Jahrhundert, Band 1, hrsg. von Bülent Ucar/Yaşar Sarikaya, Hamburg 2009, S. 84.

[2] Vgl. Gemici, Nurettin: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei. In: Religionen in der Schule und die Bedeutung des Islamischen Religionsunterrichts, Band 1, hrsg. von Bülent Ucar/Martina Blasberg-Kuhnke/Arnulf von Scheliha, Göttingen 2010, S. 262-265.

[3] Vgl. Ucar: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart, S. 86, 95.

[4] Vgl. Gemici: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei, S. 264f.

[5] Vgl. Ucar: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart, S. 95.

[6] Vgl. Gemici: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei, S. 266.

[7] Vgl. Ucar: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart, S. 88.

[8] Vgl. Gemici: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei, S. 266-268.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Vgl. Ebd., S. 266f. und vgl. Ucar: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart, S. 89.

[11] Vgl. Ucar: Religionsunterricht in der Türkei von 1923 bis in die Gegenwart, S. 95.

[12] Vgl. Gemici: Herausforderungen für eine islamische Religionspädagogik in der Türkei, S. 267, 270.

[13] Vgl. Ebd., S. 270f.

[14] Vgl. Kaymakcan, Recep: Pluralismus und Konstruktivismus in der türkischen Religionslehre für Religionslehrer und Religionsunterrichtsprogramme, aus dem Türkischen von Ahmet Cankurtaran. In: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. Fachdidaktische Konzeptionen: Ausgangslage, Erwartungen und Ziele, Band 2, hrsg. von Bülent Ucar/Danja Bergmann, Göttingen/Osnabrück 2010, S. 186f.

Details

Seiten
7
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668467965
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367988
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Zentrum für Islamische Theologie
Note
Schlagworte
Türkei Islamkundeunterricht Geschichte Religion Unterricht Geschichtsverlauf

Autor

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