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Grenzüberschreitung von Fiktionalität und Faktizität im Reisebericht

Die Reiseprosa "Neuer römischer Cicerone" von Wolfgang Koeppen

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Umriss „Neuer römischer Cicerone“ und Erzähltextanalyse

3. Begriffsdefinition der „Fiktionalität/Fiktion“ und der „Faktizität“

4. „Neuer römischer Cicerone“ – Erzählung oder Reisebericht?

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Wolfgang Koeppens Beschreibungen über die Metropole Rom, mit ihren unzähligen Gassen, Bars, Cafés, Corsos, Menschenmassen oder ihren ehrwürdigen, antiken Gebäuden, den Brunnen, der Piazzas und vor allem den vielen streunenden Katzen (Koppen 1995a; cf. Koeppen 1995b: 227–266), die der Schriftsteller Wolfgang Koeppen als älteste Bewohner dieser Stadt bezeichnet, nehmen den Leser und die Leserin mit auf eine Reise in diese wunderschöne Stadt. Im Reisebericht „Neuer Römischer Cicerone“ erwartet der Leser oder die Leserin eine objektive und adressatengerechte Reisebeschreibung, um sich auf einer zukünftigen Reise nach Rom einerseits orientieren zu können und andererseits an keiner interessanten „Adresse“ vorbeizulaufen.

In Koeppens Reisebericht über Rom jedoch lässt sich ein Spiel erkennen, was der Autor treibt. Lässt dieser die Grenzen von Fiktion und Faktum verschwimmen? Wieviel Fiktion beinhaltet der Reisebericht? Daraus ergibt sich die These der Arbeit, dass Koeppens Reisebericht eher eine fiktionale Erzählung als einen objektiven Reisebericht darstellt.

Mit Hilfe einer Analyse von Erzähltexten nach Martínez und Scheffel (2012), wird der Reisebericht in Bezug auf „das Wie: Darstellung„ und „das Was: Handlung und erzählte Welt“ anhand der ersten 15 Seiten näher betrachtet. Um die Fragestellungen zu beantworten, werden in dieser Arbeit zunächst die literaturtheoretischen Begriffe „Fiktionalität“ und „Faktizität“ definiert. Danach sollen Fiktionalität und Faktizität, anhand von Textstellen nachgewiesen und die These verifiziert oder ggf. falsifiziert werden. Daran schließt sich ein Resümee und ein Ausblick der Hausarbeit an.

1. Umriss „Neuer römischer Cicerone“ und Erzähltextanalyse

Wolfgang Koeppens Reiseberichte wurden ursprünglich für den Hörfunk verfasst. Der Süddeutsche Rundfunk sendete in der Reihe Radio -Essay zwischen 1956 und 1962 Koeppens Berichte aus den unterschiedlichsten Ländern und Regionen und gab sie zwischen 1958 und 1961 als Buch heraus. Der Hörfunkredakteur Alfred Andersch war derjenige, der mit Koeppen die Idee zu diesen Reiseberichten entwickelte und sie für die Ausstrahlung im Radio bearbeitete.

Zwischen 1955 und 1961 reiste Koeppen nach Spanien und Rom, in die Sowjetunion und nach Warschau und in weitere Länder. Koeppens Russlandbericht im Radio- Essay, der auch gleichzeitig sein erstes Reisebuch war, nannte er „ Nach Rußland und anderswohin“, mit dem Untertitel „Empfindsame Reisen“ . Es erschien beim Stuttgarter Goverts Verlag. In diesem Reisebuch befindet sich neben sechs weiteren Reiseberichten, auch die Aufzeichnung „Neuer römischer Cicerone“. Diesen Bericht schrieb der Schriftsteller Koeppen über die Stadt Rom. Er lässt politische, historische, kulturelle und auch kunsthistorische Informationen einfließen und versieht den Bericht gleichzeitig mit Anekdoten und scheinbar persönlichen Erlebnissen, die er in dieser Stadt erfahren hat.

Im Folgenden sollen die Seiten 227 bis 243 analysiert und näher betrachtet werden. Als Grundlage der Erzähltextanalyse und der Interpretation dienen die Sekundärwerke von Martínez und Scheffel „Einführung in die Erzähltheorie“ (2012) und der Aufsatz von Almut Todorow „Publizistische Reiseprosa als Kunstform: Wolfgang Koeppen“ (1987).

Die Erzählzeit oder erzählte Zeit ist schwierig einzugrenzen. Der Bericht besteht aus 40 Seiten. Es ist nicht klar zu erfahren, zu welcher Jahres- oder Tageszeit der Reiseberichterstatter seine Beobachtungen in der Stadt macht. Almut Todorow erklärt, dass Koeppens Reiseberichte, als „Beobachtungen sammeln ohne Rangordnung“ verstanden werden müssen. Es gibt keine chronologische Ordnung. Sowie der folgende Ausschnitt erkennen lässt:

Rom, das ist Gesittung, und Gesittung ist immer ein hoher Preis […] Rom ist uralt und ohne Alter. An jedem Tag war die Stadt modern. Es ist kein Unterschied zwischen einst und jetzt. Daß Explosionen uns vorantreiben, ist belanglos, und Reisegesellschaften besuchten von jeher den capitolinischen Felsen. In allen Ecken riecht Rom nach offenbarter oder bezwungener Mordlust […] (Koeppen 1995b: 228)

erscheinen viele Sätze, als eine lose und assoziativ sich reihende Abfolge. Todorow bezeichnet dies als die Inversion der Chronologie. Es ist schwierig für den Leser oder die Leserin beim Lesen Abfolgen und Schauplätze zu ordnen. Als Orientierung dienen die Namen und Stichworte die Koeppen dem Leser oder der Leserin gibt: „Es ist der Augenblick, in das Thermenmuseum hinüberzugehen, nicht weil es ein Museum ist, sondern um den alten Göttern, die dort ihr Altersheim haben, die Referenz zu erweisen.“ oder „[…] Cine Città, dem römischen Hollywood an der alten Straße Tiburtina […]“.

Der Reisebericht beginnt persönlich: „Ich sah die Engel über dem Tiber schweben […] er ahnte sein Unglück nicht.“ Der Satz beginnt mit einem Ich-Erzähler. Überraschend endet der letzte Teil des Satzes mit der erlebten Rede in der dritten Person Singular, Präteritum. Der Ich-Erzähler mischt sich plötzlich ein und kommentiert. In den ersten fünfzehn Seiten des Berichts über Rom kommen noch einige Passagen vor, die so wirken, als ob Koeppen von seinen persönlichen Eindrücken berichtet: „Als Kind betrachtete ich die Kupfer von Piranesi.“ oder „Als ich zum erstenmal auf diesem Bahnhof weilte und in Rom keine Seele kannte […]“. Dabei handelt es sich um kurze Passagen, die abrupt enden und auf die ein unpersönlicher Stil folgt. Der Erzähler, der dann fungiert, ist zwar da, aber anonym und ungreifbar. Der Leser wechselt in die Rolle des Beobachters. Auch indirekte Gedankenreden fügt Koeppen in seinen Bericht ein: „Auch Corbusier, der Rom nicht mag, der behauptete, es könne ihm nichts geben, ist durch die Stadt gegangen.“ Koeppen differenziert verschiedene Aussagen und Erzählinstanzen, wie von „man“ zu „du“, „sie“ oder „dem modernen Reisenden“. Das bedeutet nicht, so Todorow, dass die Perspektive sich ändert, „die Perspektive des Beobachters bleibt erhalten, sondern [es] bedeutet die Auflösung der Identität des Beobachters.“

Der Erzähler gibt einen allumfassenden Überblick, die sogenannte Nullfokalisierung, auch zeigt er dem Rezipienten Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren, die in dem Bericht vorkommen:

Shelleys geschändete und verurteilte Beatrice sinnt: wenn kein Gott, kein Himmel, keine Erde nun wär in dieser weiten, öden, der sternlosen, unbewohnten Welt! […] Aber für Beatrice gab es keinen Ausweg aus diesem Palast, sie war umstellt […] „.

Bei dem Reisebericht könnte es sich um die sogenannte eingeschobene Narration handeln. Denn Koeppen schiebt zwischen die Handlung immer wieder Ereignisse ein. So wie Martínez und Scheffel bemerken, ist mit Beginn des Berichts das erzählte Geschehen nicht abgeschlossen. Der Leser oder die Leserin gewinnen den Eindruck, dass der Zeitabstand zwischen dem Erzählten und dem Erzählen so gering ist, dass „passagenweise von einem gleichzeitigen Erzählen gesprochen werden kann.“

Koeppen wird passagenweise auch zur handelnden Figur und hat somit als Schreibender, kaum eine Distanz zu seinem Erlebten. Die Handlung, sofern dies bei einem Reisebericht zutrifft, ist intradiegetisch. Koeppen oder der Erzähler des Berichts ist ein homodiegetischer Erzähler, da der Erzähler als Figur beteiligt, jedoch nicht die Hauptfigur ist. Man könnte behaupten, Koeppen ist der beteiligte Beobachter in seinem Reisebericht. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine extradiegetische Sprechsituation und eine intradiegetische Sprechsituation gleichermaßen. Der Reiseberichtsleser – oder Leserin wird mit einbezogen und „schlüpft auch […] in die Rolle einer Person, die sozusagen ganz selbstverständlich zur erzählten Welt und ihren Figuren gehört.“: „Rom, sein Bahnhof, die Zivilisation empfangen dich wie ihren schon verloren geglaubten Sohn. […] Du wirst versorgt, du wirst entschädigt werden.“

2. Begriffsdefinition der „Fiktionalität/Fiktion“ und der „Faktizität“

Um die These dieser Arbeit zu verifizieren, müssen die literaturtheoretischen Begriffe definiert und voneinander abgrenzbar gemacht werden.

Ich habe mich in dieser Arbeit auf die Begriffserläuterung der Metzlersammlung (Nünning 2004), das Band von Martínez und Scheffel( 2012) und auf die Studie zur Poetik der Gerusalemme Liberata von Katharina Kerl (Kerl 2014) bezogen. In der Metzler Sammlung lässt sich folgende Definition finden:

Fiktion/Fiktionalität [ist die] (lat. fingere: bilden, erdichten, vortäuschen)(,) Bezeichnung für den erfundenen bzw. imaginären Charakter der in literar. Texten dargestellten Welten. Die Auffassung, daß Aussagen in literar. Texten bezüglich eines Wahrheitsanspruches ein Sonderstatus zukommt, zieht sich mit unterschiedlichen Bewertungen durch die gesamte Geschichte lit. wissenschaftlicher Theoriebildung.[…] (Nünning 2004: 63 f.)

Martínez und Scheffel nehmen im Vorfeld eine Trennung der Bezeichnungen „fingiert“ und „fiktiv“ vor. Die beiden Literaturforscher verwenden den Begriff „ˈfingierenˈ […] im Sinne von ‹[vor]› täuschen.“ Der Begriff „Fiktional“ hingegen ist das Gegenteil zu „‹faktual› bzw. ‹authentisch› und bezeichnet den pragmatischen Status einer Rede.“ Die Bezeichnung „fiktiv“ bezeichnet den ontologischen Status, also des in dieser Rede Ausgesagten. Martínez und Scheffel sehen ihn im Kontrast zum Begriff „real“.

Wenn in dieser Arbeit von Text die Rede ist, soll damit eine Erzählung gemeint sein. Das Wörterbuch verweist zudem auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Verwendungen des Erzählens:

1. Erzählt werden kann von realen oder erfundenen Vorgängen.

2. Erzählt werden kann im Rahmen von alltäglicher Rede oder aber im Rahmen von dichterischer Rede. (Martínez und Scheffel 2012: 12)

Die Gemeinsamkeit fiktionaler und faktualer Texte besteht darin, dass sie Teil einer realen Kommunikationssituation sind. Bei faktualen Texten produziert ein realer Autor einen Text, „[…] der [laut Martínez und Scheffel] aus Sätzen besteht, die von einem realem Leser gelesen und als tatsächlich Behauptungen des Autors verstanden werden.“ Auch bei fiktionalen Texten schreibt ein realer Autor Sätze, die von einem realen Rezipienten gelesen werden. Der Unterschied liegt darin, dass diese Texte jedoch komplexer als faktuale Texte sind. Da sie neben der realen auch noch Teil einer imaginären Kommunikationssituation sind. Im folgenden Kapitel soll nun untersucht werden, ob die angestellte These belegbar ist oder nicht.

3. „Neuer römischer Cicerone“ – Erzählung oder Reisebericht?

Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich eine neue literarische Entwicklung erkennen. Zu dieser Zeit finden sich moderne literarische Erzähl- und Darstellungstechniken nicht nur in den fiktionalen Erzählgattungen, sondern es treten „[…] auch in den Gebrauchsformen und zunehmend Merkmale und ästhetische Organisation der Sprachkunst der Moderne hervor“. Reisebericht, Autobiographie oder auch die Reportage entwickeln sich in einer dokumentarischen, „inhaltistischen“ [sic] Phase von alltagsorientierter Schreibpraxis, unter den bestimmten Bedingungen der neu entstehenden Zeitungs- und Zeitschriftenliteratur. Almut Todorow beschreibt die sich neu entwickelnden Textformen in ihrem Aufsatz, wie folgt:

Zunehmend […] differenzieren sich ihre Themen und Formen, und aus den Gebrauchstexten für das tägliche Leben lösen sich jene Textformen heraus, die mit ästhetischen Mitteln den ursprünglichen Textbezug in ein umfassenderes Erkenntnisinteresse aufheben. (Todorow 1987: 158)

Ein Bericht ist im Allgemeinen objektiv und eine sachbezogene Mitteilungsform. Allerdings hat ein Reisebericht durchaus die Möglichkeit, literarisch ausgestaltet zu werden und Platz für persönliche Reflexionen des Autors zu bieten. In Almut Todorovs Aufsatz werden Koeppens Berichte über Länder und Städte als moderne Reisebeschreibungen bezeichnet. Koeppen schrieb seine Reiseberichte, so betont es Almut Todorow, im Hinblick auf die literarischen Interessen der Hörerschaft des Radio- Essays und „[…] zugleich auf die möglichen Bedürfnisse eines […] schnell wachsenden Reisepublikums, speziell der […] Bildungsreisenden.“ Seine Reiseberichte waren einerseits darauf angewiesen von einem literarischen Publikum anerkannt zu werden und andererseits waren sie publizistisch angelegt, in einem vorrangig nicht-literarischen Feld. Dies weist auf eine sogenannte Ambivalenz hin, die Koeppen seine Leser spüren lässt:

Er treibt die Schwierigkeiten, poetische Ansprüche gegen die sozialen und institutionellen Schreibbedingungen zu behaupten, vor bis zum Typus von Reiseschriftstellerei, in dem Reisen eigenartig reduziert, ästhetisch verwandelt und in historische und kulturelle Weltausschnitte hinein transzendiert ist. (Todorow 1987:166)

Zu Beginn dieser Arbeit wurde behauptet, der Reisebericht „Neuer römischer Cicerone“ ist eine fiktionale Erzählung. Der Autor Wolfgang Koeppen lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Faktum unscharf werden. Diese Behauptung trifft vor allem deshalb zu, da es möglich war, eine Erzähltextanalyse vorzunehmen und dabei einige Merkmale des fiktionalen Erzählens bestimmen zu können, wie zum Beispiel die „Stimme“ und den „Modus“. Die „Zeit“ konnte nicht klar definiert werden. Die These ist nur teilweise richtig. Der Reisebericht Koeppens weist viele fiktionale Textstellen auf, aber Koeppen folgte durchaus dem Charakter einer Reisebeschreibung, in dem er faktuale Elemente einbaute.

Es wird an viele historische Ereignisse und Personen erinnert: „Wer zu Fuß oder in der Kalesche oder gar auf einem Elefanten kam, Hannibal, Luther, Goethe, staubbedeckt, durchgerüttelt, Gefahren entronnen

[...]


Martínez und Scheffel 2012

vgl. ebd.

vgl. ebd.

Buchholz 1987: 143

Vgl. Todorow 1987:162

Koeppen 1995b: 227

Todorow 1987: 182

vgl. Todorow 1987: 173

Koeppen 1995b: 233

vgl. Koeppen 1995b: 235

Koeppen 1995b: 227

Koeppen 1995b: 28

Koeppen 1995b: 232

Todorow 1987: 171

Koeppen 1995b: 230

Koeppen 1995b: 234: „Urrömisch und ganz ohne Seele ist das Mosaikbildnis eines Athleten, engstirnig, stiernackig“, man begenete ihm später im schwarzen Hemd unter dem faschistischen Banner […]“

Koeppen 1995b: 239: „Die Gattin läßt sich vor dem Altar der Venus auf einem Filmband der Nachwelt bewahren.“

Todorow 1987: 172

Koeppen 1995b: 241 f.

Martínez und Scheffel 2012: 76

Martínez und Scheffel 2012: 76

vgl. ebd.

Martínez und Scheffel 2012: 79

vgl. Martínez und Scheffel 2012: 85

vgl. Martínez und Scheffel 2012: 91

Koeppen 1995b: 231

Martínez und Scheffel 2012

vgl. Martínez und Scheffel 2012: 15

vgl. Martínez und Scheffel 2012:16

Martínez und Scheffel 2012: 19

vgl. ebd.

vgl. Todorow 1987: 158

vgl. ebd.

Belke 1973: 91

vgl. Belke 1973: 91 f.

vgl. ebd.

vgl. Todorow 1987:165

vgl. ebd.

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668463202
ISBN (Buch)
9783668463219
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367952
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Wolfgang Koeppen Fiktionalität Faktizität

Autor

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Titel: Grenzüberschreitung von Fiktionalität und Faktizität im Reisebericht