Lade Inhalt...

Kinder in Castingshows. Inwieweit kann die Teilnahme an Castingshows für Kinder als Freizeit oder Job bezeichnet werden?

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1 FORMATE VON KINDER CASTINGSHOWS

2 KINDER IM RAMPENLICHT
2.1 Vorteile
2.2 Risiken
2.3 Ziele des Fernsehens
2.4 Gesetzliche Bestimmungen

3 DIE MOTIVATION DER ELTERN

4 KINDER ZWISCHEN FREIZEIT UND ARBEIT

FAZIT

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

„Die Strophen waren maximal 'ne Buchstabensuppe1. oder "Du riechst gut, alles andere ist scheiße2. Wer kennt sie nicht - die Aussprüche des Poptitanen Dieter Bohlen aus Deutschland sucht den Superstar’. Millionen von Zuschauern sitzen jede Woche vor ihrem Fernseher im Wohnzimmer und erfreuen sich an den demütigenden und meist niveaulosen Sprüchen von Bohlen gegenüber vermeintlichen Gesangstalenten. Das Format der Castingshow zieht jährlich mehr und mehr Zuschauer in seinen Bann. In den letzten Jahren sind außerdem Kinder als KandidatenAinnen in den Mittelpunkt solcher TV-Shows gerückt. Die bekanntesten Shows des deutschen Fernsehens wie ,The Voice of Germany’ oder ,DSDS’ stellen nun die Kleinen auf eine Bühne und lassen sie von Juroren wie Dieter Bohlen bewerten. Da stellt sich sofort die Frage, inwiefern die Teilnahme an einer TV- Show eine positive Erfahrung für ein Kind sein kann.

Welche Auswirkungen können solche Auftritte für das Kind haben? Wie gehen Kinder mit einem solchen ,Job’ um? Ist es tatsächlich die primäre Funktion von Kindercastingshows neue Talente zu finden und zu fördern? Mit welchen Hintergründen und Erwatungshaltungen schicken die Eltern ihr Kind zu Castingshows?

Castingshows im Allgemeinen und mit Kindern als Teilnehmer/-innen im Speziellen sind eine stark umstrittene und viel diskutierte Problematik. Aus diesem Grund möchte ich mich in der Arbeit mit diesem Phänomen näher befassen.

Unter der Berücksichtigung der Frage inwieweit die Teilnahme an Castingshows für Kinder als Freizeit oder Arbeit bezeichnet werden kann, möchte ich verschiedene Aspekte der Thematik genauer betrachten.

Das Ziel meiner Hausarbeit ist es, über die Formate und Hintergründe von Kinder Castingshows zu informieren und dabei die heutige Talentfindung zu analysieren.

Um die eingangs gestellten Fragen beantworten zu können, möchte ich Vorteile und mögliche Risiken der Teilnahme an einer Castingshow für die Kinder aufzeigen. Außerdem ist es ebenfalls notwendig die Rolle der Eltern und insbesondere der Mütter von KandidatenAinnen zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen.

In dieser Arbeit befasse ich mich ausschließlich mit Gesangscastingshows, da diese für das Thema des Seminars relevant sind und weitere Ausführungen den Rahmen der Arbeit sprengen würden.

1 Formate von Kinder Castingshows

Das Format der Castingshow ist kein neues Phänomen. Die erste Talentshow, die 1953 im ARD ausgestrahlt wurde, ist unter dem Namen ,Toi Toi Toi’ bekannt geworden. Jedoch bestanden Unterschiede zu heutigen Formaten. Die Privatsphäre der Kandidaten/-innen wurde aufrecht erhalten und peinliche, demütigende Kommentare der Jury gab es ebenfalls nicht. Ähnlich wie heute bekamen die Zuschauer ein Entscheidungsrecht, jedoch wurde ihre Meinung durch die Lautstärke des Applauses berechnet, da das Televoting aus technischen Gründen noch nicht möglich war. Die Castingshows wie wir sie heute kennen, entwickelten sich um die Jahrtausendwende. Die erste TV-Show im gängigen Format war ,Popstars’. Sie wurde 1998 von dem Neuseeländer Jonathan Dowling entwickelt. Mittlerweile werden Formate wie Popstars in über 45 Ländern produziert und ein Ende des rapiden Anstieges ist nicht zu erkennen.3

In der Zwischenzeit haben sich weitere Formate der Castingshows durchgesetzt und in den letzten Jahren können durch die Shows mit Kindern als Teilnehmern/-innen die größten Erfolge verzeichnet werden.

Ende Februar 2016 startet deshalb die bereits vierte Staffel „The Voice Kids“ im Fernsehen. Diese Show basiert auf dem Konzept von ,The Voice of Germany’ und ist eine Musik Castingshow für Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren.

Dabei werden vorab die besten Sänger/-innen ausgewählt. Diese werden folgend in der ersten öffentlich übertragenen Phase in den sogenannten ,Blind Auditions’ gecastet. Die Kinder können dabei von der Jury nicht gesehen werden, da sie mit dem Rücken zur Bühne sitzen. Die Kinder, welche mindestens einen der drei Coaches überzeugen, dürfen ihr Talent und ihr Können in der nächsten Phase unter Beweis stellen. Nach einer anstrengenden Trainingswoche mit den jeweiligen Coaches geht es in die sogenannten ,Battles’. Dabei treten die Kinder eines Jurors in Duetts oder Terzetts gegeneinander an. Die glücklichen Gewinner müssen sich noch einige Male auf der Bühne beweisen, aber letztendlich finden wir die größten Talente eines jeden Coaches und somit auch der Staffel im Finale wieder, in dem ebenfalls die Zuschauer per Televoting ein Mitentscheidungsrecht am Sieg tragen. Das Gewinnerkind bekommt die Aussicht auf einen Plattenvertrag, Preisgeld und natürlich für zehn Minuten das Gefühl ein Star zu sein mit dem gesamten Glanz und Glamour drum herum.

Natürlich existieren neben ,The Voice Kids’ noch weitere Kinder Castingshows. Der Kindersender Kika produzierte gemeinsam mit dem Sender ZDF tivi 2008 das erste Mal eine Show unter dem Namen ,dein Song’. Dafür bewerben sich Kinder mit selbst geschriebenen Texten und Kompositionen. Angesprochen sind Mädchen und Jungen zwischen 8 bis 15 Jahren. Die Show wird in 16 Sendungen zusätzlich eines lOOminütigen Finales im Fernsehen ausgestrahlt. Die Jury wählt aus 2000 Bewerbem/-innen 15 Kinder aus, die ihre Songs auf der Bühne präsentieren dürfen. Durch die Jury werden die zehn besten Songs ausgewählt. Anschließend durften diese Kinder in diesem Jahr nach Ibiza fliegen und dort ihre Lieder professionell aufnehmen und zusätzlich ein Musikvideo drehen. Dabei haben die Kinder Hilfe von berühmten Paten, wie Peter Maffay oder Nena. Der/die beste Songwriter/-in wird durch die Jury und ein Voting durch die Zuschauer­innen bestimmt.4

Ein weiteres Beispiel ist der ,Kiddy Contest’. Die Show wurde 1995-2011 vom ORF ausgestrahlt und ist, neben der,Mini-Playback Show’, eine der ältesten Castingshows mit Kindern als Kandidaten/-innen. Seit 2012 ist die TV-Show im österreichischen Fernsehen auf Puls4 zu sehen. Die Show konzentriert sich auf Kinder von 8 bis 14 Jahren. Jedes Jahr werden zehn Kinder ausgewählt, die einen aktuellen Song performen, für den Norman Weichselbaum zuvor einen deutschen Text schreibt. Der/die Sieger/-in wird durch ein Zuschauervoting bestimmt. Der ,Kiddy-Contest’ brachte beispielsweise die Sängerin Mandy Grace Capristo hervor. Im Jahr 2001 trat mit vierzehn Jahren beim ,Kiddy Contest’ an. Ihr gelang der große Durchbruch jedoch erst mit der Band ,Monrose’ nach der Teilnahme an der Castingshow Popstars. Ebenfalls wurde durch den Contest 2004 LaFee (bürgerlich Christina Klein) als Talent entdeckt und von dem Musikproduzenten Bob Arnz unter Vertrag genommen.

2 Kinder im Rampenlicht

Sobald der Fernseher angeschaltet wird, fällt eines auf: mindestens in einem Sender läuft eine Castingshow. Als „ mediale Speerspitze der heutigen Applauskultur bezeichnet der Psychologe und Femsehexperte Stephan Grünewald diese. Es ist nicht zu leugnen, dass5 Castingshows zu einem immer bekannteren und beliebteren Programmformat werden. Zunehmend rücken nun auch Shows mit Kindern als Kandidaten/-innen in den Vordergrund.

Die Hoffnung, durch die Teilnahme an einer Castingshow prominent zu werden und ein glamouröses Leben im Licht der Öffentlichkeit zu führen, scheint für viele Kinder und Jugendliche ein großer Traum zu sein. Sie sehen ihre Idole im Fernsehen und wünschen sich ebenfalls ein Star zu sein. Wenn Kinder Superstars wie Rihanna oder Jason Derulo sehen, deren Leben auf den ersten Blick aus spaßigen Auftritten, Autogrammstunden, Urlaub und Shopping zu bestehen scheinen, dann erhoffen sie sich ein ähnliches Leben, indem sie populär werden. Viele, und insbesondere jüngere, Kinder können noch keine klaren Grenzen zwischen Inszenierungen durch das Fernsehen und dem wirklichen Leben ziehen. Sie verstehen nicht, dass nur Momentaufnahmen aus dem Leben der Stars gezeigt werden und diese ebenfalls ein hartes Leben fuhren, welches nicht nur aus Spaß besteht. Durch Castingshows wird Kindern und Jugendlichen der vermeintlich leichte Weg zu Ruhm und Erfolg suggeriert und ein Modell präsentiert, dass in den seltensten Fällen erfolgreich ist. Der Staatssekretär im Bundesministerium Christoph Matschie (SPD) äußerte sich zu dieser Problematik wie folgt:

„ Wir versuchen alles, um die Ausbildung der Jugendlichen nach den Ergebnissen der Pisa-Studie zu verbessern. Die TV-Shows zerstören diese Ansätze. “6

Nachweislich beschäftigen sich Kinder und Jugendliche weniger mit Problemen des realen Lebens, sondern versuchen in die Traumwelt des Stardaseins zu fliehen.

2.1 Vorteile

Jahr für Jahr schalten mehr Zuschauerinnen Castingshows mit Kindern ein, was den Boom von TV-Shows mit Kindern als Kandidateninnen weiter ansteigen lässt. Von daher ist auch weiterhin mit einem Anstieg der Kinder Castingshows, ungeachtet möglicher Folgen für die jungen Kandidaten/-innen, zu rechnen.

Die Entscheidung, ein Kind in eine Castingshow zu schicken, kann nur durch die Zustimmung der Eltern beziehungsweise den gesetzlichen Vormund vertreten werden. Ausgehend von der Annahme, dass Eltern immer nur das Beste für ihr Kind wollen, mag eine Teilnahme an einer Castingshow auf den ersten Blick eine positive Erfahrung darstellen. Die Leistungen und Talente des Kindes werden durch die Jury und das Publikum positiv bewertet. Resultierend wird das Selbstbewusstsein gesteigert und das Kind in seinen Fähigkeiten bestärkt. Das Kind wird durch die Bestätigung ein gewisses Starfeeling erleben und eventuell in den Blick der Öffentlichkeit gelangen, vorausgesetzt es ist talentiert genug. In einigen, wenigen Fällen werden tatsächlich durch Castingshows spätere Stars geboren. Die Chance, selbst wenn sie schwindend gering ist, dass ein Kind einmal ein Star wird, ist somit gegeben. Dennoch sollte jedoch neben der Bestätigung und der positiven Möglichkeiten einer TV-Show auch mit enormen Druck und möglichen Enttäuschungen für das Kind gerechnet werden. Wenn man sich genauer mit der Problematik der Kinder Castingshows beschäftigt, findet man viele Kritiker und kann feststellen, dass nicht jedes Kind für diese Veranstaltungen geschaffen ist und sie sowohl kurz- als auch langfristigen Folgen für ein Kind mit sich bringen könnte.7

2.2 Risiken

Ein Auftritt in einer Castingshow ist immer mit Aufregung, Anspannung und Leistungsdruck verbunden. Ebenfalls ist es für Kinder eine ganz neue, zum Teil verwirrende Erfahrung als vermeintliches Talent im Fernsehstudio zu stehen.

Der schnelle Ruhm, der für die Meisten nur kurz währt, überfordert viele Kinder in ihrer Identitätsbildung. Es ist fraglich, ob der tatsächliche Charakter eines Kindes in der Show präsentiert wird, oder inwieweit Kinder in eine Rolle hineingezwungen werden. Sie befinden sich in einer Situation, in welcher Leistung und Wettbewerb die zentralen Faktoren darstellen und nicht die individuellen Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der Kinder im Mittelpunkt stehen. Laut der Frankfurter Rundschau unterscheidet die Finalisten von ihren ausgeschiedenen Mitstreitern ihre „widerstandslose Anpassungsbereitschaft und der Wille zu einer gnadenlosen Selbstausbeutung"8.

Insbesondere Kinder haben noch nicht die Lebenserfahrung und das Selbstbewusstsein sich gegen Wünsche des Fernsehteams zu stellen und ihre Meinung und Vorstellungen durchzusetzen. Die Kinder müssen somit einem großen Druck standhalten, öffentliche Kritik verkraften und Enttäuschungen aushalten können. Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch verletzend. Dieser Meinung sind ebenfalls Experten wie Professor Schrob für Medienpädagogik, der im Rahmen eines Interviews mit der Zeitung ,Blick.ch’ äußerte

„Es ist nicht leicht zu verkraften, öffentlich als Verlierer dargestellt zu werden. Castingshows [...] sind Formate, die zu einem traumatischen Erlebnis [für Kinder] führen können, welches sie über die Sendung hinaus verfolgt".9

Denn was genau bedeutet die Teilnahme an einer Castingshow für ein Kind? Es würde für unbestimmte Zeit sein vertrautes soziales Umfeld verlassen, wozu neben dem Zuhause auch die Schule, Familie, Freunde usw. zählen. Da ein Femsehauftritt nichts mit der Alltagswelt eines Kindes zu tun hat und der Ablauf des Drehs einer TV-Show recht unübersichtlich ist, wird das Kind den Anweisungen des Fernsehteams, ohne sie zu hinterfragen, Folge leisten. Demnach befindet es sich in einer fremdgesteuerten Position. Inwieweit dieses noch den Vorstellungen, Bedürfnissen und Wünschen eines Kindes entspricht ist ungewiss.10

2.3 Ziele des Fernsehens

Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit das Fernsehen primär auf der Suche nach Talenten und deren Förderung ist.

Gewöhnlich geht es den Sendern in erster Linie darum Quoten zu erbringen. Kinder sind das ideale Werkzeug dafür, denn sie erzeugen spezielle Gefühle beim Publikum. Die Erwartungshaltung ihnen gegenüber ist viel geringer als bei Erwachsenen und folglich der Überraschungseffekt ihrer Talente umso höher. Eine Castingshow mit Kindern als Teilnehmer/-innen übt auf das Publikum einen besonderen Reiz aus. Es wirkt interessanter auf die Zuschauer/-innen echte Menschen mit wahren Gefühlen, anstelle von Schauspielern, zu erleben. Dabei zeigen Kinder ihre Emotionen noch offener und

[...]


1Bohlen, Dieter, Deutschland sucht den Superstar 2012, Die besten Sprüche von Dieter Bohlen

2Ebd.

3Vgl. Schömcr, Marina; Königshausen. Josephine; Roscnmüller, Franziska; Fünf Minuten Ruhm - Casting Shows im deutschen Fernsehen, Norderstedt 2013, S. 9

4 Vgl. Hcrrmann-Schicl, Monika; Die erste Castingshow für Kinder, 18.10.2008

5Freidel, Morten; Vergleiche dich! Erkenne, dass du nichts bist!, 05.06.2013, S.2

6Schömer, Marina; Königshausen, Josephine; Roscnmüller, Franziska; Fünf Minuten Ruhm - Casting Shows im deutschen Fernsehen, Norderstedt 2013, S. 17

7Vgl. Schömer, Marina; Königshausen, Josephine; Rosenmüller, Franziska; Fünf Minuten Ruhm —Casting Shows im deutschen Fernsehen, Norderstedt 2013, S. 16

8Ebd., S. 14

9 Tschui, Silvia; Von der Bühne auf die Psycho-Couch, 27.04.2013

10Vgl. Hübner, Richard; Wie überstellen Kinder eine Castingshow, Herr Güthoff?, 06.05.2013, S.52

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668462335
ISBN (Buch)
9783668462342
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367904
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Schlagworte
Kindercastingshows The Voice Kids Kinderarbeit Castingshows Kinder zwischen Freizeit und Arbeit

Autor

Zurück

Titel: Kinder in Castingshows. Inwieweit kann die Teilnahme an Castingshows für Kinder als Freizeit oder Job  bezeichnet werden?