Lade Inhalt...

Merkmale der Systemtheorie nach Luhmann. Die betriebswirtschaftliche Unternehmung im Blickfeld des sozialen Systems

Hausarbeit 2017 20 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einführung in die Systemtheorie und die Forschungsweise Luhmanns
1.1 Soziale Systeme nach Luhmann im Kontext
1.2 Die drei Typen von sozialen Systemen nach Luhmann
1.3 Verschachtelung der Systeme

2. Autopoietische Systeme in der Systemtheorie
2.1 Der Begriff System in der Systemtheorie
2.2 Autopoietische Systeme operieren durch Kommunikation
2.3 Die System-/Umwelt Differenz als Leitdifferenz autopoietischer Systeme
2.4 Autopoietische Systeme: operativ geschlossen und umweltoffen

3. Die Organisation als autopoietisches soziales System
3.1 Der Begriff Organisation
3.2 Mitgliedschaft in autopoietischen Organisationen
3.3 Themen der Kommunikation in Organisationen
3.4 Entscheidungen und ihre Funktionen als Basisoperationen von Organisationen

4. Systemtheorie am Beispiel der betriebswirtschaftlichen Unternehmung als soziales System
4.1 Systemtheorie in der betriebswirtschaftlichen Unternehmung
4.2 Mitgliedschaft und Kommunikation in der Unternehmung
4.3 Entscheidung in der Unternehmung

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Systemtheorie ist als Universalitätstheorie in der Wissenschaft etabliert (Luhmann, 1984). Sie hat unter anderem in der Wirtschaftspraxis eine wachsende Bedeutung, da sich Betriebe zunehmend instabilen Umweltverhältnissen gegenübersehen. Die Systemtheorie ermöglicht hier, die Dynamik der betriebswirtschaftlichen Organisationssysteme die bisher fast nur statisch gesehen wurden, ganz in den Blickpunkt zu rücken. Und sich somit auf das Kriterium der Flexibilität auszurichten, um die Organisation den veränderten Umweltbedingungen dynamisch anpassen zu können (Gillenkirch, o.).

Niklas Luhmann zählt zu den bedeutendsten Soziologen des vergangenen Jahrhunderts (Luhmann, 1984). Luhmann unterscheidet in seiner Theorie drei Typen von sozialen Systemen: Interaktionen als soziale Systeme, die auf die Kopräsenz von Personen angewiesen sind, Organisationen als Sozialsysteme, die sich über Mitgliedschaftsbedingungen und Entscheidungstechniken reproduzieren, und schließlich Gesellschaft als umfassendstes Sozialsystem.

Die folgende Arbeit soll zeigen, was unter der Systemtheorie nach Niklas Luhmann zu verstehen ist, welche Methodik und welchen Charakter sie hat und wie sich wesentliche Merkmale der Systemtheorie am Beispiel der Organisationen als soziale Systeme erschließen . Um auf die eingangs genannte Bedeutung in der Wirtschaftspraxis einzugehen wird als Beispiel für ein soziales System die betriebswirtschaftliche Unternehmung gewählt.

Zunächst soll mit einem Einblick in die Gedankenwelt und die Forschungsweise Luhmanns in die Thematik der Systemtheorie eingeführt werden. Im zweiten Kapitel wird gezeigt, was soziale Systeme als autopoietische Systeme ausmacht und charakterisiert. Im weiteren Verlauf werden am Beispiel der Organisationen die wichtigen Begriffe zur Organisation, die Mitgliedschaft, Themen der Kommunikation und die Entscheidungen näher beschrieben um dann abschließend im vierten Kapitel auf die Merkmale der Systemtheorie in der betriebswirtschaftlichen Unternehmung einzugehen. Der fünfte Teil rundet als Schlussbetrachtung die Arbeit ab.

1. Einführung in die Systemtheorie und die Forschungsweise Luhmanns

In diesem ersten Kapitel wird zunächst erläutert, was Luhmann unter sozialen Systemen versteht und wie sie nach seinen Erkenntnissen entstehen. Es wird auf Luhmanns systemtheoretische und konstruktivistische Ansichten eingegangen sowie auf seine Forschungsweise. Weiterhin werden die drei Typen von sozialen Systemen vorgestellt, die Luhmann unterscheidet, und deren Verschachtelung ineinander dargestellt.

1.1 Soziale Systeme nach Luhmann im Kontext

Unter einem sozialen System versteht Luhmann den Zusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen. Immer dann, wenn die Handlungen mehrerer Personen miteinander verknüpft werden, entsteht ein soziales System oder auch ein Handlungssystem, das sich von seiner Umwelt abgrenzt. Alle Handlungen, die sinnhaft aufeinander verweisen, gehören zu dem jeweiligen sozialen System; alle übrigen Handlungen, die keine Beziehung zu dem jeweiligen System Sinnzusammenhang unterhalten, gehören zur Umwelt des Systems. Konstitutiv für diesen Systembegriff ist somit die Vorstellung einer Grenze, die eine Differenzierung von Innen und Außen ermöglicht. Etwas ist entweder System beziehungsweise gehört zum System oder Umwelt beziehungsweise gehört zur Umwelt (Kneer & Nassehi, 2000). Niklas Luhmann spricht von einer funktional-strukturellen Systemtheorie was eine Ausweitung der funktionalen Analyse bedeutet, die strukturorientierte Sichtweise tritt dagegen zurück (Kneer & Nassehi, 2000). Demnach hören soziale Systeme, so Luhmann, nicht zu existieren auf, wenn bestimmte Systemleistungen ausfallen. Sie besitzen die Möglichkeit, die ausgefallen Beiträge durch andere, alternative Leistungen zu ersetzen. Außerdem kann ein soziales System auf das Ausfallen bisheriger Leistungen durch Änderung seiner Struktur und seiner Bedürfnisse reagieren (Kneer & Nassehi, 2000). Luhmann analysiert die Konstitution und den Wandel von Systemen und von Strukturen mit Hilfe funktionaler Methoden. Nicht der Systembestand, sondern die Welt wird zur obersten Bezugseinheit erklärt. Die Welt ist kein System, da sie kein außen besitzt, gegen das sie sich abgrenzt. Die Welt kann aber auch nicht als Umwelt begriffen werden, weil jede Umwelt umgekehrt ein Innen voraussetzt, das selbst wiederum nicht zur Umwelt gehört. Die Welt ist weder System noch Umwelt, sie umgreift vielmehr alle Systeme und die dazu gehörenden Umwelten, sie ist also die Einheit von Systemen und Umwelt. Alles was geschieht, geschieht in der Welt (Kneer & Nassehi, 2000).

Niklas Luhmann hat sich für die Systemtheorie entschieden, weil für ihn feststeht, dass Systeme real in der Wirklichkeit existieren. Sein Ziel ist die Analyse realer Systeme in der wirklichen Welt (Luhmann, 1984).

Neben seiner systemtheoretischen Ansicht hat Luhmann aber auch eine konstruktivistische Ansicht: „Erkenntnisse sind keine Abbildungen, sondern lediglich Beobachtungen der Realität und damit Konstrukte“

(Berghaus, 2011). „Alles, was wir als Erkenntnis über die Welt formulieren ist Ergebnis von Beobachtungen und Beschreibungen als sozial gewonnen“ (Luhmann, 1987). Alle Aussagen über die Welt sind damit Konstruktionen. Luhmann kann als „operativer Konstruktivist“ bezeichnet werden, der die scheinbar unvereinbaren Aussagen so kombiniert, dass zwar alle Beobachtungen und Beschreibungen, also alle Erkenntnisse über die Welt nur Konstrukte sind (da sie ja von einem Beobachter „gemacht“ werden), dass aber das Beobachtete und Beschriebene tatsächlich real existiert. Die Welt ist nicht Produkt unserer Einbildung.

„Diese Systemtheorie erhebt für sich den Anspruch, universell zu sein, das heißt, den gesamten Bereich der Wirklichkeit abzudecken“ (Luhmann, 1987).

Niklas Luhmann weist dem System einen Sinn zu. Er geht in seiner Systemtheorie von der Annahme aus, dass es Systeme und deren Umwelten gibt, worauf seine ganze Theorie aufbaut. Die Systeme sind bei Luhmann geschlossen und autopoietisch, sie erhalten und steuern ihre Prozesse selbst, ohne direkten Zugriff auf die Umwelt (Güldenberg, 1999).

Auch Luhmanns Forschungsweise ist eine besondere und maßgeblich für das Verständnis seiner Theorie. Er bezeichnet sein Vorgehen oft selbst als das Umstellen von was- auf wie-Fragen und damit die Umstellung von Einheit auf Differenz (Luhmann, 2000). Luhmann schafft somit einen beobachtungstheoretischen Ansatz, welcher die Sichtweise impliziert, dass Aussagen über die Welt immer nur gemacht werden können, indem wir einen „Beobachter beobachten, einen Beobachter nennen, eine Systemreferenz bezeichnen“ (Luhmann, 2000). Beobachten heißt Unterscheidungen treffen, also Differenz schaffen. Ganz allgemein ist die Luhmannsche Systemtheorie auf der Beobachtung von Unterscheidungen aufgebaut.

1.2 Die drei Typen von sozialen Systemen nach Luhmann

Nach Luhmann lassen sich drei Typen von sozialen Systemen unterscheiden. Es sind die Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme.

Interaktionssysteme kommen dadurch zustande, dass Anwesende handeln. Anwesende sind Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen. Ein Seminar an einer Universität kann hier als Beispiel dienen. Zu diesem Interaktionssystem gehören alle Handlungen, die von Seminarteilnehmern ausgeführt werden, zum Beispiel Wortbeiträge von Teilnehmern oder das Gespräch mit einem anderen Seminarteilnehmer. Handlungen, die von Personen außerhalb des Seminarraums ausgeführt werden, gehören zur Umwelt des Interaktionssystems. Mit dem Ende des Seminars löst sich das Interaktionssystem auf (Kneer & Nassehi, 2000).

Organisationssysteme bilden einen zweiten Typ von Handlungssystemen. Auf diese soll auch im weiteren Verlauf in Kapitel drei und vier eingegangen werden. Soziale Systeme sind als organisiert zu bezeichnen, wenn die Mitgliedschaft an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Die Universität stellt als Beispiel ein solches Organisationssystem dar. Es lassen sich einzelne Mitgliedschaftsgruppen (zum Beispiel Wissenschaftliche Mitglieder und Studenten) unterscheiden, der Ein- und Austritt in das Organisationssystem Universität ist formal geregelt, das heißt, er ist an bestimmt Mitgliedschaftsbedingungen geknüpft. Eine wichtige Funktion von Organisationen liegt darin, spezielle Handlungsabläufe, die in der Umwelt des Organisationssystems nicht zu erwarten sind, festzulegen und damit für Mitglieder wie auch Nicht-Mitglieder der Organisation berechenbar zu machen (Kneer & Nassehi, 2000).

Unter Gesellschaft versteht Luhmann das umfassendste Sozialsystem. Alle Interaktionssysteme und alle Organisationssysteme gehören somit zur Gesellschaft, ohne dass man sagen kann, dass die Gesellschaft in Interaktionen beziehungsweise Organisationen aufgeht. Die Gesellschaft ist kein Interaktionssystem, da sie auch die Handlungen zwischen jeweils Abwesenden umfasst. Und die Gesellschaft ist auch kein Organisationssystem, denn man kann in die Gesellschaft nicht ein- oder austreten, so wie man sich in der Universität immatrikuliert oder exmatrikuliert, um dem Beispiel zuvor zu folgen. Insofern bildet die Gesellschaft ein System höherer Ordnung (Kneer & Nassehi, 2000).

1.3 Verschachtelung der Systeme

Anhand der Luhmannschen Unterscheidung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft kann gezeigt werden, wie soziale Systeme miteinander in Beziehung stehen. Hintergrund für diese Perspektive ist, dass soziale Systeme sich nicht wechselseitig ausschließen müssen, weil Kommunikationen immer mehreren Systemen zugleich zugerechnet werden können. Soziale Systeme, so das bekannte Zitat Luhmanns, sind „nicht notwendig wechselseitig exklusiv – so wie „Dinge im Raum“. Einerseits, so das Beispiel, sei eine Fakultätskonferenz ein Interaktionssystem „mit einer eigenen Ablaufgeschichte“. Sie sei aber „zugleich System in einer Organisation“, die wiederum „Teilorganisation einer größeren Organisation“ sei, die wiederum dem gesellschaftlichen Funktionssystem Erziehung zugerechnet werden kann (Luhmann, 1975). An diesen Verschachtelungen der Systeme untereinander wird deutlich, warum die System-theorie Luhmanns schon immer eine Mehrebenentheorie gewesen ist.

Der Kerngedanke der Ebenendifferenzierung ist, dass das „übergeordnete“ System nicht das „untergeordnete“ System determiniert. In Organisationen bilden sich informelle Gruppen, die natürlich durch die Organisationen beeinflusst werden, die aber auch ihre eigene Logik haben können, in deren Rahmen wiederum Interaktionen zu beobachten sind, die wiederum eigenen Logiken unterliegen. Systembildungen auf verschiedenen Ebenen setzen sich, so Luhmann, wechselseitig voraus, „sind aber nicht aufeinander zurückführbar, sondern durch ihren jeweiligen Reduktionsstil selbständig und unersetzbar“ (Hartmann & Tyrell, 2008).

2. Autopoietische Systeme in der Systemtheorie

In diesem zweiten Kapitel wird zunächst auf dem Systembegriff als solches eingegangen, bevor der Begriff der autopoietischen Systeme und deren zwei wichtigen Konstitutionsmerkmale – die Art zu operieren und die System-/Umwelt Differenz - erläutert werden. Das Kapitel schließt mit der Betrachtung der Eigenschaften autopoietischer Systeme ab und verdeutlicht die Bedingungen der Autopoiesis.

2.1 Der Begriff System in der Systemtheorie

Zum näheren Verständnis des Aussagensystems der Systemtheorie ist es zunächst notwendig, aus den vielfältigen Systemdefinitionen, die in der Literatur zu finden sind, eine Begriffsbestimmung herauszuarbeiten, die den Zielen der Systemtheorie entspricht.

Zur Betrachtung von Organisationen als soziale Systeme, so wie in dieser Arbeit angestrebt, ist folgende Definition verständlich und aussagekräftig. „Ein System ist eine von seiner Umwelt differenzierte Ganzheit, es besteht aus Elementen zwischen denen wiederum Wechselwirkungen bestehen, so dass sie als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können“ (Ulrich, 1970). Es lässt sich in Subsysteme unterteilen. Die Systemumwelt wird durch ein übergeordnetes System dargestellt wobei das System ein Teil davon ist. Die kleinsten Bestandteile bilden die Systemelemente. Die Verknüpfungen zwischen den Systemelementen sind Beziehungen. Es gibt eine Grenze zwischen den Elementen des Systems und der Systemumwelt, diese wird als Systemgrenze bezeichnet (Güldenberg, 1999).

Doch an dieser Stelle noch einmal ein Rückblick auf die Entwicklung der Systeme in der Systemtheorie:

Luhmann unterscheidet drei Phasen in der Entwicklung der Systemtheorie. Die erste Phase ist durch das Schema vom Ganzen und seinen Teilen charakterisiert. Systeme werden als geschlossene Ganzheiten konzipiert, die aus mehreren Teilen zusammengesetzt sind. Das Ganze ist damit mehr als die Summe seiner Teile. In der zweiten Phase tritt die Unterscheidung von System und Umwelt an die Stelle der Differenz vom Ganzen und seinen Teilen. Luhmann spricht von einem Wandel des zugrundeliegenden Beobachtungsmusters in der allgemeinen Systemtheorie. Dieses zweite Modell konzipiert Systeme als offene Gebilde, die mit der Umwelt Austauschprozesse unterhalten. Luhmann spricht hier bereits von einem Paradigmenwechsel. In der allgemeinen Systemtheorie vollzieht sich aber eine weitere, bedeutende Entwicklung. Die Theorie offener Systeme wird durch eine Theorie autopoietischer Systeme ersetzt. Autopoiesis – dieses Schlagwort steht für das neue systemtheoretische Paradigma, welches im nächsten Abschnitt näher erläutert wird

(Kneer & Nassehi, 2000).

Während sich die Elemente eines Systems zu einer Struktur ordnen, organisieren autopoietische Systeme nicht nur ihre eigenen, internen Strukturen, sondern sie produzieren auch die Elemente, aus denen die Strukturen gebildet werden. Der Begriff der Autopoiesis setzt sich aus zwei griechischen Worten zusammen: Die Vorsilbe „autos“ bedeutet „selbst“ und das Wort „poiesis“ bedeutet „machen“ (Simon F. G., 2015). Der Begriff Autopoiesis wird bei den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela ursprünglich zur Bestimmung lebender Systeme verwendet. Unter autopoietischen Systemen verstehen sie selbsterzeugende und selbsterhaltende Einheiten. Autopoietische Systeme bestehen aus einem rekursiven Netzwerk interagierender Komponenten derart, dass die Komponenten durch ihre Interaktion wieder dasselbe Netzwerk produzieren (Kneer & Nassehi, 2000).

Luhmann greift den Begriff Maturanas auf und verwendet ihn als den zentralen Begriff in seiner Systemtheorie. Er formuliert in seinen Werken zahlreiche eigene Definitionen, um den Begriff des autopoietischen Systems zu fassen. Folgende scheint eine sehr Treffende zu sein: „Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren“ (Luhmann, 1995b,31).

2.2 Autopoietische Systeme operieren durch Kommunikation

„Operation“ ist der allgemeine Begriff für die entscheidenden Aktivitäten von Systemen. Den Begriff Operation reserviert Luhmann für die Aktivitätsart, die für Systeme konstitutiv ist, das heißt, „mit der das System sich selbst produziert und reproduziert“ (Luhmann, 1995b,31). Die Charakteristische Operationsweise sozialer Systeme ist die Kommunikation. Allgemein leitet sich das Wort Kommunikation aus dem Lateinischen ab und bedeutet Verständigung. Luhmann beschreibt Kommunikation als einen dreistelligen Selektionsprozess, der Information, Mitteilung und Verstehen miteinander kombiniert. Selektion bedeutet Auswahl aus mehreren Möglichkeiten. Dazu stehen mehrere Mitteilungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Information kann schriftlich oder mündlich mitgeteilt werden, sie kann geflüstert, hinausgeschrien usw. werden. Und die mittgeteilte Information kann in der einen oder anderen Weise verstanden werden. Zusammengefasst heißt das, eine Kommunikation liegt vor, wenn eine Informationsauswahl, eine Auswahl von mehreren Mitteilungsmöglichkeiten und eine Auswahl von mehreren Verstehensmöglichkeiten getroffen wird. Es ist wichtig, dass von Kommunikation erst bei einer Synthese aller drei Selektionsleistungen gesprochen werden kann. Damit wird zugleich ausgeschlossen, dass Kommunikation als Resultat des Handelns eines Individuums aufgefasst wird. (Kneer & Nassehi, 2000). Menschen können nicht allein kommunizieren, handeln hingegen können sie allein – das ist der Unterschied (Simon F. G., 2015).

2.3 Die System-/Umwelt Differenz als Leitdifferenz autopoietischer Systeme

Neben der Autopoiesis ist die System-/Umwelt Differenz das zweite wichtige Konstitutionsmerkmal autopoietischer Systeme. Dabei ist diese Differenz ebenfalls maßgeblich für die Operationen des Systems, nachdem sie durch die Operationen des Systems erzeugt wurde. Systeme existieren, indem sie operieren und dadurch Differenz zur Umwelt erzeugen. Umwelt ist etwas, was es allein im Bezug auf ein bestimmtes System gibt. So ist „die Umwelt“ für jedes System eine andere, oder anders gesagt, Umwelt ist alles das, was das System nicht ist. Die Umwelt ist die Außenseite des Systems.

„Wir werden daher immer wieder Anlaß haben, darauf hinzuweisen, dass der primäre Gegenstand der Systemtheorie nicht ein Gegenstand – System – ist, sondern die Differenz von Systemen und Umwelt“(Luhmann, 1984).

„Eine derart resolute Trennung von Systemen und Umwelt ist natürlich nur akzeptabel, wenn Systeme nicht länger substantiell als für sich stehende Objekte begriffen werden, die in der Welt herumschwimmen wie Fettaugen in der Suppe“(Luhmann, 1995b,31).

Neben der oben genannten zentralen Aktivität des Operierens ist eine weitere wichtige Aktivität von Systemen das Beobachten.

„Beobachtung heißt (…) Unterscheiden und Bezeichnen; nicht passiv, wie es dem Begriff in der Alltagssprache anhängen kann, sondern Erkennen und Handeln einschließend“(Luhmann, 1987).

Auch für die Beobachtung ist die System-/Umwelt Differenz leitend. Im Beobachten kopieren die Systeme die System-/Umwelt Differenz, also eigentlich ihre Außengrenze, noch einmal in sich hinein und benutzen diese Abgrenzung intern als Grundkategorie für ihr sämtliches Unterscheiden, sämtliches Bezeichnen. Diesen Wiedereintritt der Grenze zwischen System und Umwelt in das System bezeichnet Luhmann nach George Spencer Brown als „re-entry“. Und die fundamentale Unterscheidung entlang dieser Differenz nennt er „Selbstreferenz/Fremdreferenz“ (Berghaus, 2011).

2.4 Autopoietische Systeme: operativ geschlossen und umweltoffen

In der Systemtheorie galt das Hauptaugenmerk darauf, dass es sich hierbei um abgeschlossene Systeme handelt. Der Ausgangsgedanke war, dass alle Elemente eines Systems einem bestimmten Zweck folgten und das System somit einen geschlossenen Kreis darstellt (Jirasek, 1977).

Offene Systeme stehen mit ihrer Umwelt durch Austauschprozesse in Kontakt. Sie werden demgemäß über dynamische Interaktionen mit ihrer Umwelt definiert (Robbins, 1990). Im Mittelpunkt stehen also wechselseitige Austauschprozesse zwischen den Systemelementen und der Umwelt. Der geänderte Blickwinkel ließ neue Aspekte zu, zum Beispiel dass es zwischen den Systemen und der Umwelt Informationsaustausch gibt. Dieser Feststellung galt nunmehr das Hauptaugenmerk.

Durch bisherige Operationen und Selektionen des Systems sind Festlegungen getroffen und Formen entstanden, welche die Rahmenbedingungen für Anschlussoperationen darstellen, aus denen das System nicht entkommen kann. Das sind die Bedingungen der Autopoiesis: Nur Kommunikation produziert Kommunikation. Entsprechendes gilt für seine Ausdifferenzierungen: Kein System kann seine Autopoiesis zurückdrehen, wieder von vorne anfangen oder ganz anders vorgehen. Es gibt auch keine außenstehende Instanz, die eingreifen könnte (Berghaus, 2011).

„Alles was geschieht, geschieht zum ersten und zum letzten Mal“ (Luhmann, 1995b,31).

„Alle Operationen (Kommunikationen) haben mithin eine Doppelfunktion. Sie legen den historischen Zustand des Systems fest, von dem dieses System bei den nächsten Operationen auszugehen hat. Sie determinieren das System als jeweils so und nicht anders gegeben. Und sie bilden Strukturen als Selektionsschemata, die ein Wiedererkennen und Wiederholen ermöglichen“ (Luhmann, 1997).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668468016
ISBN (Buch)
9783668468023
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367851
Institution / Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,5
Schlagworte
Systemtheorie Soziale Systeme Niklas Luhmann Organisationen als soziale Systeme Autopoietische Systeme Unternehmen als soziale Systeme

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Merkmale der Systemtheorie nach Luhmann. Die betriebswirtschaftliche Unternehmung im Blickfeld des sozialen Systems