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Familie im Wandel. Helikoptereltern und mögliche Folgen der Überbehütung

Hausarbeit 2017 46 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Ziel der Facharbeit
1.2 Angewandte Methoden

2 Was sind eigentlich „Helikoptereltern“?
2.1 Begrifflichkeit
2.2 Beispiel Tigermutter
2.3 Beispiel Schillerschule – ein Rektor wehrt sich
2.4 Eltern an die Uni?
2.5 Der spirituelle Mittelweg – zwischen Tradition und Moderne

3 Mögliche Folgen der Überbehütung
3.1 Das kontrollierte Kind
3.2 Das überforderte Kind
3.3 Auswirkung auf das spätere Berufsleben

4 Familie im Wandel
4.1 Exkurs über die Geschichte der Kindheit
4.2 Veränderte Kindheit
4.2.1 Verinselung
4.2.2 Institutionalisierung
4.2.3 Medialisierung
4.2.4 Individualisierung
4.2.5 Konsumkindheit

5 Beziehung und Bindung als Basis gelungener Entwicklung
5.1 Die Bedeutung von Beziehung und Bindung
5.2 Bindungstheorie
5.3 Bindungsarbeit in der Tageseinrichtung
5.3.1 Arbeit am Kind
5.3.2 Arbeit mit den Eltern
5.3.3 Selbstreflexion

6 Fazit und Aussicht

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Auf den Straßen muss man heutzutage spielende Kinder mit der Lupe suchen. Allenfalls huschen sie bepackt mit Geigen oder versteckt hinter Gitarren und Sporttaschen an einem vorbei, mit starrem Blick zum nächsten Termin.

Andere wiederum werden zu Freund oder Freundin[1], zum Sport oder auch zur Schule „gekarrt“, aus Sorge, der Nachwuchs könne den Witterungsverhältnissen nicht standhalten und chronisch an einer Grippe erkranken, den ohnehin schon belasteten Rücken noch mehr strapazieren oder – schlimmstenfalls - sogar entführt werden.

Spontane Besuche ergeben sich heutzutage eher selten: man telefoniert, um sich zu verabreden, insbesondere bei Vorschulkindern, nachdem Beruf und soziale Situation der jeweiligen Eltern abgecheckt worden sind: der Umgang soll sich schließlich lohnen!

Mag es daran liegen, dass ich einer Generation entstamme, wo man sich nach der Schule auf der Straße traf, um gemeinsam mit vielen anderen Kindern – soz. „milieuübergreifend - Rollschuh zu laufen oder mit Kreide zu malen. Wir stritten und vertrugen uns, ohne dass ein Elternteil sogleich herbeieilte.

Dieses momentane elterliche Selbstverständnis in vielen gegenwärtigen Familien weist deutlich Züge des Absurden Theaters Becketts oder Ionescos auf; eine pädagogische Landschaft, die mein Elternsein in den letzten zwanzig Jahren nachhaltig beeinflusst hat. Der Konkurrenzkampf der Mütter in den Krabbelgruppen hat mich schnell resignieren lassen und mich eines Besseren belehrt: Spaziergänge durch die Natur und eine gute Freundin reichten völlig aus, um entspannte Kinder gedeihen zu sehen! Im Nachhinein hat mich der Alleingang sehr viel Kraft gekostet und einige bittere Spuren hinterlassen. Meine Kinder litten an der Zurückweisung und Überheblichkeit dieser „Super-Mamis“. Meine vierjährige Tochter weinte eines Abends, weil sie als „hässlich“ bezeichnet wurde. Mein damals fünfjähriger Sohn musste gehen, weil er die Maultaschen der Freundesmutter nicht mochte. Zu alledem waren wir ja auch nur „reingeschmeckt“ und eigneten uns gut als Opfer.[2]

Diese Tatsachen haben mich derart geprägt, dass ich in Anlehnung an meine Erfahrungen das Thema „Helikopter-Eltern“ gewählt habe, um aufzuzeigen, zu welch asozialen und selbstzentrierten Wesen wir mutiert sind.

1.1 Ziel der Facharbeit

Kinder heute werden in Watte gepackt. Dieses wirft eine Menge an Fragen auf: Sind sie deshalb auch die glücklicheren Kinder? Was geht in ihnen und auch den Eltern vor? Ist diese übertriebene Fürsorge von Vorteil oder eher hinderlich - langfristig gesehen? Wird es in Zukunft auch noch Helikopter-Eltern geben? Was genau sind eigentlich Helikopter-Eltern, was zeichnet sie aus und was macht sie so kritikanfällig in unserer Gesellschaft? Und – infolge dieser Kontroverse – welche Handlungsanforderungen sollen an pädagogische Kräfte wie Ausbilder, Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Betreuer oder auch an Eltern und Großeltern gestellt werden?

1.2 Angewandte Methoden

Eingangs möchte ich den zentralen Begriff „Helikoptereltern“ näher erläutern und ihm gebräuchliche und weniger gebräuchliche Synonyme zuordnen. Anhand von Beispielen aus der Praxis trenne ich kontrollierende von überfordernden Eltern und zeige auf, welche weitreichenden Folgen dabei mangelnde Kommunikation für die Kinder haben kann. Danach untersuche ich bekannte Literatur und öffentliche Medien zum Thema Helikoptereltern und analysiere die sich daraus ergebenen verschiedenen Denkansätze. Des Weiteren werden die möglichen Folgen der Überbehütung genannt. Die moderne Familie und der Wandel der Kindheit stehen außerdem im Fokus. Letztendlich wird die Wichtigkeit von Bindung und Beziehung als eine der elementaren Grundbedürfnisse aufgezeigt.

Zunächst war angedacht, die im Titel der Facharbeit genannten Begriffe „Probleme“ und „Folgen“ in zwei nacheinander folgenden Kategorien zu thematisieren. Bei näherer Betrachtung in diesem Zusammenhang ist mir die Differenzierung der beiden jedoch schwer gefallen und ich werde diese deshalb innerhalb eines einheitlichen Kapitels nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip - nicht unabhängig von einander - betrachten.

Was die Methoden der Wissensermittlung angeht, so gehe ich zunächst von meinen eigenen Erfahrungen aus, was den Aussagen gewiss eine subjektive Färbung geben mag. Für eine objektivere Betrachtungsweise habe ich Fachleute aus dem Bereich Psychologie und Pädagogik angeschrieben; einige dieser Fachleute haben mir mit ihren Theorien eine andere, komplementäre Sichtweise auf das Thema „Helikoptereltern“ mitgegeben und mir somit geholfen, meine noch recht engen Gedankengänge zu erweitern. Des Weiteren nutzte mir einschlägige Literatur und - in recht großem Umfang - das Internet bei meinen Recherchen. Zuletzt ergänzen private Umfragen im kleineren Stil bei Hochschuldozenten, Lehrern, Erziehern, Betreuern und Eltern meine Erhebungen.

Diese Facharbeit beinhaltet einen Aufsatz, der ein gesellschaftlich aktuelles Thema anreißt, nicht aber den Anspruch einer vollständig wissenschaftlichen Studie hat. Von daher habe ich davon abgesehen, auf ein Repertoire an Zahlen und Statistiken aus Hochschule und Forschung zuzugreifen. Auf diese Weise ist für eine bessere und flüssigere Lesbarkeit gesorgt. Abgebildete Grafiken können für die selbständige Untersuchung meiner Thesen nützlich sein.

Auch wenn beim Lesen der Eindruck entstehen mag, dass psychologische Aspekte zulasten der Pädagogik überbewertet werden, so liegt dieses sicherlich an dem gängigen Trend, die Erziehungswissenschaft zu psychologisieren, was vielen pädagogischen Fachbüchern heutzutage vorgeworfen wird. Wissenschaftler der Moderne halten eine Überschneidung und Zusammenarbeit der sozialwissenschaftlichen Disziplinen jedoch für sinnvoll und wichtig.

2 Was sind eigentlich „Helikoptereltern“?

2.1 Begrifflichkeit

Ánhand von einigen Beispielen [3] möchte ich den Begriff „Helikoptereltern“ hier dem Leser näher vor Augen führen, so dass er sich eine eigene erste Vorstellung dieses Begriffes machen kann. Diese kurzen Eindrücke wirken eher unorthodox, vielleicht auch etwas banal, weil sie nicht dem Lehrbuch entstammen, sondern aus dem wahren Leben erzählen.

Beispiel Nr. 1:

Lars durfte nach dem Kindergarten einen Nachmittag bei seinem Freund Brighton verbringen. Als die Mutter am Abend kommt, um ihren Sohn abzuholen, entdeckt sie beide Kinder spielend auf der Strasse. Sichtlich schockiert zerrt sie ihr eigenes Kind in ihr Auto, ohne sich jedoch von der Gastgeberin zu verabschieden. Brighton wurde nie wieder von Lars eingeladen. Erst ein paar Monate später erfährt Brightons Mutter über die Grossmutter von Lars, dass die Ursache für den „Vertrauensbruch“ das Spielen auf der Strasse war. Dass es eine ruhige Spielstrasse war tat der Situation keinen Abbruch.

Beispiel Nr. 2:

Marlene und Klara, beide 4 Jahre alt, spielen zusammen mit einem großen, weichen Gymnastikball. Beide probieren sich motorisch aus und schließlich nimmt Klara den Ball an sich, um ihn lachend auf Marlenes Kopf tanzen zu lassen. Auch Klaras Mutter muss nun schmunzeln, was folgende Reaktion von Marlenes Mutter hervorruft: „Dass du jetzt auch noch lachst, kann ich gar nicht verstehen! Ich finde sowieso, die beiden (Mädchen) passen nicht zusammen!“, sagt sie und reisst Klara den Ball aus den Händen.

Beispiel Nr. 3:

Lailas Mutter erfährt, dass die Freundinnen ihrer Tochter ein paar Dekoartikel für die grundschulinterne Aufführung besorgt haben, um in der Sportstunde eine gute Note zu bekommen. Die Mutter fühlt sich und ihre Tochter hintergangen und greift andere Mütter am Telefon verbal massiv an. Den Kontakt zu den Kindern und Eltern bricht sie abrupt ab und zeigt noch Jahre danach ihren Missmut offen auf der Straße.

Beispiel Nr. 4:

Jennifer und ihre Mutter kommen regelmäßig zum Reitunterricht – Jennifer ist mit ihren 12 Jahren eine gute Reiterin und man sieht ihr an, dass sie dieses Hobby sehr gerne ausübt. Nur an einem Tag lässt die Mutter ihre Mundwinkel hängen. Auf Nachfrage lässt sie sich über die schlechten schulischen Leistungen ihrer Tochter aus und schließt mit den Worten: „Wenn sie weiter so macht, dann gibt’s kein Reiten mehr!“

Jennifer erzählt, dass sie neben dem Reiten noch regelmäßig Akkordeon und Klavier lerne, zum DLRG gehe und einen Abend pro Woche im Musikspielring verbringen würde. Auf die Nachfrage, ob es nicht ein wenig viel sei, antwortet die Mutter, dass die Instrumente auf jeden Fall nötig seien. Sie hätte es schließlich auch so gelernt. Als ich Jennifer frage, welches der Hobbies sie denn als erstes abgeben würde, nennt sie das Klavier. Einen Monat später erscheint Jennifer nicht mehr beim Reiten.

Solch oben beschriebene Erlebnisse gehören wahrscheinlich mittlerweile schon zu den alltäglichen Erfahrungen im Umgang miteinander und stellen für viele Menschen die Normalität dar. Die vier o.g. Situationen zeigen auf, wie Mütter oder auch Väter sich überbehütend über ihre Kinder stellen, immer mit dem wohlwollenden Hintergedanken, den Nachwuchs vor bösen Einflüssen von außen zu schützen: Helikoptereltern[4] werden diese Übermütter oder -väter genannt, die ständig wie ein Hubschrauber über ihrem Kind rotieren und es beobachten – frei nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Meist parken diese beim Bringen oder Abholen die Einfahrten vor der Schule zu, so dass der Schulbusverkehr nicht ungehindert fahren kann und andere Schüler in der Hektik gefährden. Immer mehr Eltern überschreiten die Grenzen der „schulischen Autorität“, indem sie die Ranzen in die Klasse hineintragen (in denen sich manches Mal sogar von ihnen gefertigte Hausaufgaben befinden!) oder auch meinen, den Lehrer kurz vor Unterrichtsbeginn in ein persönliches Gespräch verwickeln zu müssen.[5]

Aus dem Amerikanischen stammt der Begriff curling parents – das sind Eltern, die ihren Kleinen Hindernisse wie beim Eisstockschießen aus der Bahn räumen wollen, um sozusagen die „Bahn frei“ für ein Leben ohne Probleme zu machen.

Auch die tiger mothers (Tigermütter) entstammen dem amerikanischen Sprachgebrauch und beziehen sich jedoch auf die Werte und Normen fernöstlicher Erziehungskultur. Im folgenden Kapitel spricht eine chinesische Mutter über die auseinanderklaffenden Erziehungsvorstellungen von amerikanischen und chinesischen Eltern.[6]

In eine ähnliche Kategorie passt der Begriff der soccer mum, die laut Wikipedia folglich definiert wird:

„Die Bezeichnung „Soccer Mom“ bezieht sich in der Regel auf eine weiße, verheiratete und gut ausgebildete Frau aus der Mittelschicht, die in einem Vorort lebt und Kinder im Schulalter hat. Sie wird in den Medien manchmal als vielbeschäftigt und einen Minivan fahrend dargestellt. Sie wird auch als jemand dargestellt, der die Interessen der Familie, insbesondere die ihrer Kinder, über ihre eigenen stellt.“[7]

Die Helikopter-Metapher stammt von dem israelischen Psychologen Haim Ginott, der mit dem Satz „Mother hovers over me like a helicopter“[8] diesen Begriff in seinem Buch „Between parent and child“ (1965) prägte. Von ihm stammt auch der Ausdruck paranoid parents.[9]

Mit paranoiden Eltern befasst sich ebenso der britische Bestsellerautor John O’Farrell in seiner Satire „May Contain Nuts“[10]. Dabei geht es um zwanghaft besessene Eltern, die ihren Kindern nicht erlauben, woanders zu essen, denn die Mahlzeit „mag Nüsse enthalten“, auch wenn gar keine Allergie gegen sie vorliegt.

Ein noch recht junger Begriff aus der Hortikultur vermag uns zum Schmunzeln verleiten: Die Erdbeergeneration[11] (s. dazu auch 2.5) umschreibt die aktuelle Situation von Jugendlichen in Taiwan. Diese wachsen einerseits wohlbehütet und in ungemein verwöhnten Verhältnissen auf, andererseits unterliegen sie einem streng disziplinierten Schulsystem. Nach einem langen Schultag folgt meist noch eine intensivere Abendschule bis 22 Uhr. Dieser Leistungsdruck gepaart mit der Unselbständigkeit und einer fehlenden Selbstwirksamkeit macht den Nachwuchs für die spätere Berufswelt weich und verletzlich – wie Erdbeeren halt.

Eben solche Hühnereltern oder Übereltern hat auch die Autorin Susanne Schäfer[12] kennengelernt. In vielen Kindergärten sei es mittlerweile zum Trend geworden, kleinen eingebildeten Kranken individuell die Mahlzeit aufzuwärmen; auf diese Weise, so die Wissenschaftsjournalistin, bekämen diese Kinder mehr Aufmerksamkeit: das Besondere aus der Brotdose erhebe sie sozusagen gleichermaßen zu etwas Besonderem[13]. Um dieser Sonderbehandlungen Herr zu werden, verlangen einige Einrichtungen vermehrt ärztliche Atteste, um akute Lebensmittelallergien von imaginären zu unterscheiden. Man kann hier ganz konkret die Spiegelung der elterlichen Angst auf das Kind aufzeigen. Susanne Schäfer warnt in ihrem Ratgeber vor übertriebener Hysterie auf dem Nahrungsmittelmarkt und empfiehlt, wieder mehr auf das Bauchgefühl zu hören. Aber genau dieses Bauchgefühl – man kann es auch Intuition nennen - haben Helikoptereltern nicht.

Schauen wir uns noch einmal die oben genannten Beispiele etwas genauer an: In allen vier Situationen läuft die Erziehung aus dem Ruder, d.h. die Mütter meinen, die Kontrolle zu verlieren. Sie reagieren über, weil sie das Gefühl haben, überhaupt reagieren zu müssen, obwohl es in diesen Fällen angebrachter wäre, gelassen und zurückhaltend zu bleiben. Einerseits, um dem sozialen Miteinander keinen Abbruch zu tun; andererseits, um die Kinder s e l b e r machen zu lassen. Es geht dabei keinesfalls um den Stil der Laisser-Faire- Erziehung[14], wobei kein Erwachsener aktiv in den Handlungsspielraum der Kinder und Jugendlichen eingreifen darf, sondern darum, dass der Nachwuchs aus eigenen Erfahrungen lernen soll, an die eigenen Grenzen zu stoßen, Schwächen zu erkennen und davon ausgehend zu wachsen.

In den ersten drei Beispielen liegt der Fokus auf der elterlichen Kontrolle und der eigenen überschätzten Selbstwahrnehmung und stört folglich den Kommunikationsprozess[15] mit der anderen Mutter. Dieses Verhalten wird in der Psychologie auch als kritisch-kontrollierender Eltern-Ich-Zustand definiert, d.h. man handelt unbewusst konsequent, so wie man es von den eigenen Eltern erlernt hat. Für einen gelungenen Austausch auf derselben Dialog-Ebene müssen sich jedoch der Sender sowie der Empfänger jeweils im Zustand des Erwachsenen-Ichs befinden, um sich sachlich-neutral auszutauschen. Das hieße für das erste Beispiel, dass die Mutter von Lars die Mutter von Brighton über ihr Missfallen an dem Spielen auf der Straße informieren sollte, damit als Konsequenz beide Kinder fortan im Garten spielen. Auch gehört es sich vor den Kindern, schlichte Werte wie Begrüßen und Verabschieden aktiv vorzuleben und dass Probleme konkret angegangen werden statt vor ihnen wegzulaufen.

Für besonders unfehlbar halten beide Mütter ihre Töchter in den Beispielen zwei und drei; sie handeln aus einer Überreaktion heraus äußerst emotional – was natürlich aus nachvollziehbar ist und die meisten Eltern schon erlebt haben. Dennoch spielt der Ton die Musik und auch in diesem Fall ist die Ebene des Miteinandersprechens durch das impulsive kritische-Eltern-Ich gestört. Der Empfänger wird so in eine unterlegene Position gebracht und ist gezwungen sich zu rechtfertigen. In allen drei Fällen geht die misslungene Kommunikation zu Lasten der Kinder aus.

Im vierten Beispiel liegt der Fokus auf dem Aspekt der wohlgemeinten Förderung, der jedoch eher als Überforderung zu verstehen ist. Jennifers Mutter sieht sich als Fürsprecherin ihrer Tochter, wenn sie meint, über deren Hobbies entscheiden zu können. Sie überträgt ihre eigenen persönlichen Wünsche (Projektion) auf ihr Kind, ohne jedoch empathisch auf Jennifers Vorlieben einzugehen. Hobbies werden hierbei als Erziehungsmittel mit Lob oder Bestrafung (Reitverbot) „geahndet“. Diesem Druck sind mittlerweile viele Kinder und Jugendliche ausgesetzt, obwohl eine schlechte Schulleistung meines Erachtens niemals einen Entzug der Freizeitgestaltung zur Folge haben sollte, denn erstens hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, sondern – zweitens – kann die Beschäftigung mit Pferden zu einem positiven therapeutischen Nebeneffekt führen.

Von einem äußerst extremen Erziehungsmodell in dieser Hinsicht erzählt der folgende Fall.

2.2 Beispiel Tigermutter

Zu einem öffentlichen Eklat[16] kam es 2011 als die amerikanische Rechtsprofessorin und Tochter asiatischer Einwanderer die recht zweifelhaften Erziehungsmethoden ihrer beiden Töchter Sophia und Louisa in einem Buch[17] - welches groteskerweise den Anschein erwecken sollte, humorvoll zu sein - zum Besten gab. Als chinesische Tigermutter zeigte sie sich erhaben über lasche Erziehungsmodelle der „westlichen Eltern“ und demonstrierte an ihren beiden Mädchen, dass allein Disziplin und Autorität zu wahrem Erfolg im Leben führen. Und dieser Erfolg der Mädchen sollte ihr eigener sein. Doch was sie nicht berücksichtigt hatte, war, dass bei all dem Streben nach Ruhm und Wissen die komplette Kindheit von Sophia und „Lulu“ auf der Strecke geblieben ist. Sämtliche Freizeitaktivitäten wurden ihnen verwehrt zu Lasten von stundenlangem Klavier- und Geigenüben. Das so wichtige soziale Leben lag brach: es gab weder Übernachten bei Freundinnen oder Besuche von Kinderparties, noch durfte im Schultheater mitgespielt werden. Gleich auf der ersten Seite „rühmt“ sich sozusagen Amy Chua mit einem Erziehungsstil, wo die meisten Mütter oder Väter schlichtweg ein inneres Unbehagen ergreifen würde. Doch letztendlich musste auch eine verbissene Tigermutter die Grenzen ihrer Macht erfahren und entließ (gezwungermaßen) ihren Nachwuchs in die Freiheit. Inwieweit diese Erziehung den beiden Kindern geschadet hat, werden wir wahrscheinlilch nie erfahren. Immerhin bezeugen sie im letzten Buchkapitel ihrer Mutter, dass deren Strenge und Kalkül von Vorteil gewesen seien.

Sich nicht unterkriegen lassen, seine eigenen Ideale zu vertreten, dass hat auch ein Schulleiter getan, der sich täglich von einem Mop an Helikoptermüttern und -vätern praktisch umzingelt sah.

2.3 Beispiel Schillerschule – ein Rektor wehrt sich

Im November 2016 verlautete eine Meldung des Lehrerverbandes, dass die Schüler in Baden-Württemberg zu verwöhnt und zuhause zu wenig gefordert seien.[18]

So hatte auch ein Rektor einer Grundschule in Stuttgart-Bad Canstatt gedacht und im Herbst 2014 wegen „massiver Störungen des Schulbetriebes“ einen Elternbrief geschrieben, der wiederum lange danach noch in den Schlagzeilen stand. War dieser sog. Brandbrief jedoch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, so ist es einigen Journalisten dennoch gelungen, an den Inhalt zu gelangen und diesen dann in den Medien zu verbreiten.[19] Der Schulleiter Ralf Hermann betont in seinem Schreiben, dass „Eltern zunehmend Schwierigkeiten haben, loszulassen.“[20] Trotz Appellen an die Erziehungsberechtigten würde morgens der Nachwuchs mit dem Auto zur Schule gefahren werden und der reguläre Unterrichtsablauf durch ungefähr 50 überbehütende Eltern beeinträchtigt werden. Es soll sogar vorkommen, dass Lehrer sich auf dem Schulkorridor für die Noten einer Klassenarbeit rechtfertigen müssen. Weder den Lehrern noch den eigenen Kindern würde Vertrauen entgegengebracht werden. Die daraus resultierende Unsicherheit der Schüler mache sich an dem negativen Lernerfolg bemerkbar. Schule sei schließlich nur ein Spiegel der Gesellschaft.

Dieser Sorte Eltern werden nun hauseigene Regeln vorgehalten, um die Lehrer, aber auch die Schüler vor zu viel Einmischung zu bewahren.[21] Und man hört von anderen ähnlichen Fällen, wo Lehrer Namensschilder tragen, um schulfremde Erwachsene zum Gehen auffordern zu dürfen: Schulen, wo Eltern nun vor dem Schultor waren müssen.

Doch die heutige Überbehütung und Einmischung geht noch weiter: Eltern dringen dieser Tage sogar bis in die Hörsäle der Universitäten vor!

2.4 Eltern an die Uni?

In seine Sendung „Hart, aber fair“ lud Frank Plasberg vor fünf Jahren Experten zum Thema Erziehung ein. „Umsorgt vom Kreissaal bis zum Hörsaal: kommt jetzt die Generation Weichei?“[22] befasste sich ebenfalls mit dem Thema der Überbehütung. Da war die Rede von einem Vater, der den Rektor verklagen wollte, weil dieser einen Schüler „genötigt“ hatte, Papierabfall vom Boden aufzuheben. Eltern seien in der Tat streitlustiger geworden, wurde einvernehmlich konstatiert. Man ordne diese den folgenden drei Kategorien zu:

- den „Lass-uns-nochmal-reden Typ“
- den „Böse-Briefeschreiber-Typ“ und
- den „Ich-verklag-Sie-Typ“.

Das elterliche Selbstverständnis hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren derart gewandelt, dass auch die intrinsische Hemmschwelle, Grenzen zu achten, nicht mehr vorhanden ist. So ist es heutzutage vielen jungen Leuten nicht einmal mehr peinlich, wenn ihre Eltern sich zu eigens für sie vorgesehenen Elternabenden an den Universitäten und Hochschulen in die Bänke der Hörsäle einreihen.[23] Helikoptereltern machen von nun an also sogar vor dem Uni-Campus nicht halt – und die Studierenden schauen untätig zu.

Zu den sozialen Hintergründen sowie zu der Bildungszugehörigkeit der Eltern selber haben zwei Autoren aus der Hochschulforschung die Studie „Helicopter Parenting“[24] (2014) veröffentlicht. Dazu wurden die den Eltern zugeschriebenen Merkmale Überinvolviertheit, Autonomieeinschränkung, Überbehütung und externale Schuldzuweisung auf Repräsentativität und Häufigkeit untersucht. Es zeigte sich, dass am Stärksten Eltern mit nur einem akademischen Grad involviert waren. Studierende mit Eltern ohne einen akademischen Grad wiesen oben genannte Merkmale eher weniger vor. Auch ein höherer sozio-ökonomischer Status wurde dem typischen Helikopterverhalten zugeordnet. Man vermutet folglich, dass helicopter parenting aus Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg eher der finanziell besser gestellten Mittelschicht entstamme. Weitere Studien seien geplant, um sich zukünftig auf solch denkende Eltern einstellen und ggf. entgegenwirken zu können. Doch solange es nur bei einem Elterninfo-Abend bleibt, und die Eltern anschließend wieder nach Hause gehen, liegt alles noch im überschaubaren Rahmen. In China jedoch sind die Eltern oftmals rigoroser als bei uns.

[...]


[1] Im Folgenden werden zur besseren Lesbarkeit bei der Personenbenennung die männlichen Formen genannt; es ist jedoch immer die weibliche Form mitgemeint.

[2] Die Einleitung weist bewusst persönliche Erfahrungswerte auf, um die Auseinandersetzung mit dem Thema „Helikoptereltern“ zu veranschaulichen und zu begründen.

[3] Die in den Beispielen eins bis vier genannten Namen sind rein fiktiv.

[4] Dieser Begriff wurde von Josef Kraus in seinem gleichnamigen Werk 2013 in die Landschaft pädagogischer Begriffe eingeführt.

[5] Siehe dazu: Beispiel Schillerschule – ein Rektor wehrt sich

[6] Chua, Amy: 2011, Die Mutter des Erfolgs

[7] Aus: Wikipedia

[8] Dt: „Mutter kreist über mir wie ein Hubschrauber.“

[9] Aus: www.hauslehrer.de/leistungen-angebot/ratgeber/helikoptereltern

[10] O’Farrell, John: 2005, May Contain Nuts

[11] Wer diesen Begriff erfunden hat, ist mir leider nicht geläufig. Dennoch mutet der Vgl. etwas komisch an. Vielleicht hat „Erdbeere“ eine andere kulturelle Konnotation als im Deutschen?

[12] Schäfer, Susanne: 2015, Der Feind in meinem Topf?

[13] Ebd. S.8 und 9

[14] „Laisser faire“ entstammt dem Französischen und bedeutet soviel wie „gewähren lassen, machen lassen“, eine Pädagogik, die sich in den 70er Jahren im Deutschland der Flower Power-Bewegung etabliert hat.

[15] Eine genauere Analyse dieses Rollenverhaltens wird in der Pädagogik der eigentlich aus der Psychologie stammenden Transaktionsanalyse (nach Eric Berne) zugeordnet. Sie hilft uns, unsere eigene Person und unser Verhalten auf den verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungsebenen besser zu verstehen und ggf. zu ändern. Aus: Kein Kinderkram! 2013, S.55 ff

[16] (frz.): aufsehenerregendes Ereignis

[18] www.swr.de/swraktuell/bw/schueler-in-baden-wuerttemberg-lehrerverband-beklagt-Verhaetschelung [26.03.2017, 12.00 Uhr]

[19] Auf Nachfrage war die betreffende Journalistin nicht gewillt, mir den Brandbrief zu übermitteln.

[20] www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schillerschule

[21] Wie genau die Schulleitung nun verfährt, wollte der Rektor mir auf Nachfrage nicht mitteilen.

[22] http//: www.youtube.de/hart - aber - fair/frank plasberg/ Umsorgt vom Kreißsaal bis zum Hörsaal: kommt jetzt die Generation Weichei? Vom: 16.7.2012

[23] Von drei zu dem Thema angeschriebenen Universitäten hat eine dazu Stellung genommen.

[24] Wilhelm, Daniel/Esdar, Wiebke: Helicopter Parenting. Prävalenz sowie Einfluss von Bildungshintergrund und sozio-ökonomischen Status. Bielefeld, aus: die hochschule 2/2014

Details

Seiten
46
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668479760
ISBN (Buch)
9783668479777
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367848
Note
2
Schlagworte
Helikoptereltern Familie im Wandel Überbehütung

Autor

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Titel: Familie im Wandel. Helikoptereltern und mögliche Folgen der Überbehütung