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Auswirkungen des Konsums von Online-Pornographie auf die Sexualität Minderjähriger

Hausarbeit 2017 34 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Problem der fehlenden Zugangsbarrieren beim Konsum von Online-Pornographie durch Minderjährige

2 Gegenwärtige Pornografie im Internet
2.1 Definition von „Online-Pornographie“ und „Sexualität“ und Einordnung in den Gesamtkontext
2.2 Klassifizierungen von SEIM

3 Nutzung und Motive der Nutzung von Online-Pornographie durch Minderjährige

4 Auswirkungen von Online-Pornographie auf die Sexualität Minderjähriger
4.1 Wirkungsdimensionen als Ansatzpunkte theoretischer Überlegungen
4.2 Theoretische Überlegungen anhand von Wirkungshypothesen aus der Medienwirkungsforschung
4.2.1 Habituation von Gewalt und Sucht
4.2.2 Sexualaufklärung durch Sozial-kognitive Lerntheorie
4.2.3 Bestätigung oder Stigmatisierung von sexuellen Minderheiten durch Exemplifikation
4.2.4 Kultivierung von stereotypen Rollenbildern
4.2.5 Sexuelle Verunsicherung durch sozialen Vergleich
4.3 Empirische Befunde

5 Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Smartphone-Nutzung nach Altersgruppen in Deutschland (aus Lutter et al. 2016)

Abb. 2 Smartphone-Nutzung durch Kinder und Jugendliche in Deutschland im Jahr 2014 nach Altersgruppen (Bitkom Research und Forsa 2014)

Abb. 3 Anteil der Jugendlichen in Deutschland, die schon mindestens einmal Kontakt mit Pornografie hatten, nach Alter und Geschlecht im Jahr 2011 (Spiegel und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 2011)

Abb. 4 Online-Pornographie, Sexualität und weitere Terme im Gesamtkontext (durch den Autor erstellt, in Anlehnung an die zitierten Quellen)

Abb. 5 Genutzte Informationsmedien im Internet - im Detail - nach Geschlecht (aus Bode und Heßling 2015: 62)

Abb. 6 Präferierte Medien zur Wissensvermittlung nach Geschlecht (aus Bode und Heßling 2015: 58)

Abb. 7 Hypothesized model (Sirianni und Vishwanath 2016: 25)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Prevalence of Violence in Pornographic Internet Videos (Klaassen und Peter 2015: 728)

Tab. 2 Vorgeschlagene diagnostische Kriterien für „hypersexual disorder“ für DSM-V. Kafka (2010); zitiert nach Hill (2011: 478)

Tab. 3 Prevalence of Objectification in Pornographic Internet Videos (Klaassen und Peter 2015: 727)

Tab. 4 Prevalence of Power in Pornographic Internet Videos (Klaassen und Peter 2015: 727)

1 Problem der fehlenden Zugangsbarrieren beim Konsum von Online-Pornographie durch Minderjährige

Mit der rasanten Popularisierung des Internets Mitte der 90er Jahre bot sich auch für die Erotik-Industrie eine gänzlich neue Möglichkeit der technischen Ausbreitung. Gerade in der westlichen Gesellschaft spielt die Online-Pornographie heute eine zentrale Rolle (Döring 2012b). Doch unterscheidet sich das Internet als Medium zur Verbreitung von Pornographie wesentlich von älteren Medien, wie der DVD oder der Video-Kassette. Bereits 1998 beschrieb Alvin Cooper mit seiner „Triple A-Engine“-Theorie, dass drei Gegebenheiten den Konsum von Online-Pornographie entscheidend begünstigen und antreiben: Im Internet sei entsprechendes Material für jeden (mit internetfähigen Endgeräten) zugänglich (accessable), kostengünstig bzw. kostenlos (affordable) und anonym (anonymous) (vgl. COOPER 1998). Diese Merkmale sind nach wie vor gültig und liegen im heutigen Internet-Alltag sogar verstärkt vor: Durch die flächendeckende Ausstattung mit Smartphones, Tablets, Laptops etc. ist das Internet in den letzten Jahren für große Teile der Bevölkerung noch erreichbarer geworden. Zweitens, gibt es seit dem Entstehen des interaktiven „Web 2.0“ ein wachsendes Angebot in Bezug auf kostenlose Amateur-Pornographie (Döring 2013a, 2011). Sogenannte Amateur-Pornofilme werden von Privatpersonen für die Öffentlichkeit produziert und können auf Plattformen wie z.B. „youporn.com“ betrachtet werden. Zusammenfassend kann man also feststellen, dass es aktuell einfacher ist an pornographisches Material zu gelangen als je zuvor – und das gilt nicht nur für Erwachsene, sondern ebenso für Kinder und Jugendliche.

Denn 95% der deutschen Bevölkerung im Alter von 14-29 Jahren besitzen Stand 2016 ein Smartphone (s. Abb. 1; vgl. Lutter et al. 2016). Eine weitere Umfrage von Bitkom.org besagt, dass im Jahr 2014 auch 85% der Kinder von 12-13 Jahre, 57% der Kinder von 10-11 Jahre und immerhin 25% der 8-9-Jährigen und 20% der 6-7-Jährigen in Deutschland mindestens ab und zu ein Smartphone benutzt haben (s. Abb. 2; vgl. Bitkom Research und Forsa 2014).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Smartphone-Nutzung nach Altersgruppen in Deutschland (aus Lutter et al. 2016)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Smartphone-Nutzung durch Kinder und Jugendliche in Deutschland im Jahr 2014 nach Altersgruppen (Bitkom Research und Forsa 2014)

Es wird an dieser Stelle vermutet, dass viele Kinder und Jugendliche außerdem mit Laptops und/oder Tablets ausgestattet sind. Weite Teile der Bevölkerung unter 18 haben also gegenwärtig einen permanenten Internetzugang - und damit Zugriff auf pornographische Seiten. Entsprechende Zugangsbarrieren gibt es nämlich nicht. Ausländische Betreiber von pornographischen Webseiten sind nämlich nicht an deutsches Recht gebunden und führen daher in vielen Fällen keine ausreichende Altersverifikation der Website-Besucher durch (vgl. Grimm et al. 2010: 13). Oft erscheint nur ein Dialogfenster, in dem man auf die Frage, ob man über 18 Jahre alt sei, mit „ja“ oder mit „nein“ antworten kann. Auf der anderen Seite können Eltern nicht immer kontrollieren was ihre Kinder mit ihren Smartphones abrufen. Effektive Filtersoftware auf Smartphones ist wenig verbreitet, da Eltern oft selbst gar nicht wissen, wie diese eingerichtet werden kann. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die aktuelle Generation der Digital Natives im Vergleich zu älteren Generationen unter grundlegend verschiedenen Bedingungen aufwächst, wenn man die Verfügbarkeit von pornographischen Inhalten betrachtet.

Und tatsächlich - auch wenn es insgesamt auf Grund fehlender Branchenverbände nur wenige Statistiken zum Porno-Konsum gibt- belegen teils wissenschaftliche und teils journalistische Quellen eine einschlägige Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen mit Online-Pornographie und sexuellen Themen im Internet. So war 2015 allein der Begriff „Sex“ die dritthäufigste Suchanfrage an FragFINN.de, eine speziell für Kinder konzipierte Suchmaschine (vgl. Böhm 2015). Das durchschnittliche Einstiegsalter in Online-Pornographie liege bei 10-14 Jahren (vgl. Adamek 2015: 87). Außerdem belegte eine Studie des SPIEGEL (2011), dass bereits jeder zweite Junge und 15 Prozent der Mädchen im Alter von 13 Jahren (unbekannte Teilnehmerzahl) mindestens einmal Kontakt mit Pornographie hatten (s. Abb. 3). Dies hat in den letzten Jahren heftige Debatten im Bereich der Sexual-Pädagogik, Sexual- bzw. Medienpsychologie, Medienethik sowie Medienwirkungsforschung angestoßen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Anteil der Jugendlichen in Deutschland, die schon mindestens einmal Kontakt mit Pornografie hatten, nach Alter und Geschlecht im Jahr 2011 (Spiegel und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 2011)

Wie aber wirkt sich die Verfügbarkeit und Nutzung von Online-Pornographie auf die aktuelle Generation aus? Gernert (2010) prägte für dieses Phänomen den Begriff „Generation Porno“ und unterstellt der aktuell jungen Generationen damit eine sexuelle Verwahrlosung. Andere wissenschaftliche Beiträge befinden dies als nicht gerechtfertigte Dramatisierung und argumentieren mit einer gegenwärtigen Jugendsexualität in Deutschland, „[…] die als bildungsorientiert und verantwortungsvoll zu kennzeichnen ist.“ (Döring 2016: 222). Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit setzt an der beschriebenen Problemstellung an und soll anhand von Wirkungshypothesen und Studien die Frage nach etwaigen Auswirkungen von Online-Pornographie auf Minderjährige beantworten.

2 Gegenwärtige Pornografie im Internet

2.1 Definition von „Online-Pornographie“ und „Sexualität“ und Einordnung in den Gesamtkontext

Zunächst soll der Begriff der „Online-Pornographie“ im Rahmen dieser Arbeit definiert und in den Gesamtkontext eingeordnet werden. Döring beschreibt zunächst den allgemeinen Pornographie-Begriff wie folgt:

„Gemäß einer in der Forschung etablierten inhaltlichen-funktionalen Definition sind mit Pornografie Darstellungen gemeint, die nackte Körper und sexuelle Aktivitäten sehr deutlich zeigen und vorwiegend zum Zweck der sexuellen Stimulation produziert und rezipiert werden. Synonym ist auch von sexuell explizitem Material (SEM) bzw. sexuell explizitem Internet-Material (SEIM) die Rede.“ (Döring 2013a)

Analog zu dieser allgemeinen Definition sind unter Online-Pornographie entsprechende Darstellungen im Internet zu verstehen, was dann auch als „sexuell explizites Internet-Material“ (SEIM) bezeichnet wird. SEIM umfasst drei Arten, welche in Kapitel 2.2 erläutert werden. Nicht in die Kategorie der SEIM zählen Cybersex, Sexting und Sex-grooming. Diese sowie alle weiteren Ausprägungen von Internet-Sexualität (z.B. Sex-Kontakte, sexuelle Subkulturen) sind unter dem Überbegriff „Online Sexual Activities“ (Döring 2012b) zusammenzufassen und werden im Rahmen der Arbeit nicht erläutert (s. Abb. 4). Da die etwaigen Auswirkungen von Online-Pornographie bzw. SEIM auf die Sexualität Minderjähriger untersucht werden, soll auch der Sexualitätsbegriff an sich im Sinne des Forschungsthemas kurz erläutert werden. Breier und Loweit (2011: 12) bezeichnen Sexualität als „Erlebnisqualität“, welche in einem bio-psycho-sozialen Gesamtmodell entsteht. Demnach sind neben den biologischen Geschlechtsorganen auch Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten fester Bestandteil von Sexualität. Vor allem die psychologischen und sozialen Faktoren bieten mögliche Ansatzpunkte für eine etwaige Beeinflussung von Sexualität durch Online-Pornographie. In Bezug auf Minderjährige dominiert die Form der Solosexualität, bei der man sich selbst, meist durch Onanie stimuliert. Die Partnersexualität spielt ca. ab 16-17 Jahren eine wachsende Rolle unter Jugendlichen (vgl. Döring 2016: 222).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Online-Pornographie, Sexualität und weitere Terme im Gesamtkontext (durch den Autor erstellt, in Anlehnung an die zitierten Quellen)

2.2 Klassifizierungen von SEIM

Nach einer vielfach verwendeten klassischen Einteilung werden drei Arten von SEIM (und allgemein SEM) unterschieden, nämlich Erotika (auch „Softcore“-Pornographie), legale Pornographie (auch „Hardcore“-Pornographie) und illegale Pornographie (Döring 2012b). Erotika bzw. „Softcore“-Pornographie deutet sexuelle Interaktion innerhalb eines Handlungsrahmens nur an und ist daher für Minderjährige freigegeben (vgl. Döring 2011: 5). Von nicht mehr jugendfreier „Hardcore“-Pornographie ist dann die Rede, wenn sexuelle Interaktionen und Geschlechtsteile deutlich gezeigt werden (Döring 2012b; Döring 2011; Adamek 2015). Die illegale Pornographie umfasst alle Darstellungen von sexuellen Aktivitäten, welche nach geltendem Gesetz untersagt und strafbar sind (z.B. Kinder- und Jugendpornographie; Tierpornographie; gemäß §§ 184a – 184c StGB). Der deutsche Begriff der „harten“ Pornographie ist ein Synonym für die illegale Pornographie und darf keinesfalls mit „Hardcore“ gleichgesetzt werden (vgl. Döring 2011: 5).

(Online-)Pornographie kann neben dem „Härtegrad“ des Gezeigten auch nach Beliebtheit (Mainstream bzw. Non-Mainstream) und Produktionsbedingungen (Amateur- bzw. professionelle Pornographie) klassifiziert werden. Da diese Begrifflichkeiten im fortlaufenden Text verwendet werden, sollen auch diese kurz erläutert werden.

Der Begriff „Mainstream“ bezeichnet eine vorherrschende kulturelle Richtung (Duden 2013) und äußert sich in diesem Kontext in einem vorherrschenden Angebot an heterosexuell-orientierten Inhalten (vgl. Döring 2011: 14). Diese werden am Häufigsten nachgefragt und bilden daher den Mainstream. „Queere“, d.h. schwule, lesbische und transgender-, sowie Fetisch-Pornographie (z.B. BDSM) etc. gelten im Umkehrschluss als Non-Mainstream (vgl. Döring 2011: 10).

Bei professionellen Pornographie-Darbietungen werden Akteure i.d.R. dafür bezahlt, eine nach Skript festgesetzte Performance darzubieten (Klaassen und Peter 2015: 724). Die Produktion erfolgt mit professioneller Technik und soll Gewinn erwirtschaften. Im Gegensatz hierzu wird Amateurpornografie von Privatpersonen für Privatpersonen kostenlos produziert. Die Aufnahme erfolgt amateurhaft (z.B. mit Handy-Kamera).

3 Nutzung und Motive der Nutzung von Online-Pornographie durch Minderjährige

Wie bereits in Kapitel 1 durch verschiedene Erhebungen belegt wurde, setzt sich eine beträchtliche Anzahl an Minderjährigen mit Online-Pornographie auseinander. Bevor die Auswirkungen von Online-Pornographie auf Jugendliche untersucht werden, soll zunächst noch detaillierter auf die Nutzung und die Motive der Nutzung eingegangen werden. Letzteres sind nämlich gleichzeitig die Wirkungsdimensionen (s. Kapitel 4.1), in denen mögliche Auswirkungen auftreten könnten. Döring (vgl. 2016: 228ff.) verwendet in diesem Kontext auch den Begriff verschiedener „Aneignungsformen“, von denen im Folgenden verschiedene differenziert werden.

Ein Motiv bzw. eine Aneignungsform bestehe im „Porno als schockierendes oder belustigendes Unterhaltungsmedium“ (Döring 2016: 228). Hierbei betrachten Jugendliche aus einer „Sensationslust“ heraus pornographische Inhalte, die sie auf Grund von deren Abweichung von allgemeinen Normativitäten (z.B. Heteronormativität) als „abartig“ empfinden. Entsprechend kommen hier Angebote aus dem Non-Mainstream-Bereich zum Einsatz, wie z.B. Schwulen- und Lesbenpornos oder bestimmte Fetische. Als unterhaltsam werden hingegen unrealistische Dialoge gesehen, vorausgesetzt, dass fiktionale Handlungsverläufe erkannt werden.

Das wohl wichtigste Motiv besteht in der sexuellen Erregung. SEIM dient hier meist als Masturbationsvorlage. Laut der BRAVO Dr. Sommer-Studie (Bauer Media Group 2009), bei der 1228 repräsentative Kinder und Jugendliche im Alter von 11-17 Jahren befragt wurden, wird Masturbation von fast allen Jungen (91%) und gut der Hälfte der Mädchen (52%) im Alter von 16 Jahren praktiziert. Online-Pornographie, zu Zwecken der Masturbation, sei ebenfalls unter Jungen „normal und selbstverständlich“ (vgl. Matthiesen et al. 2011), während Mädchen häufiger sexuelle Fantasien (i.S.d. „Kopfkinos“) und Texte zur Stimulation nutzen (vgl. Döring 2013b: 318f).

Nicht selten werden pornographische Filme auch zur Sexualaufklärung herangezogen. In einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben 49% der männlichen und 16% der weiblichen Teilnehmer(-innen) im Alter von 14-25 Jahren an in Sexfilmen etwas Wichtiges gelernt zu haben (s. Abb. 5; vgl. Bode und Heßling 2015: 62). Auch allgemein ist das Internet in dieser Erhebung mit 50% (erster Platz) bei den Jungen bzw. Männern und mit 39% bei den Mädchen bzw. Frauen (zweiter Platz, hinter Jugendzeitschriften mit 46%) eine zentrale Quelle für Aufklärung (s. Abb. 6; vgl. Bode und Heßling 2015: 57).

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Details

Seiten
34
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668464223
ISBN (Buch)
9783668464230
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367389
Institution / Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart
Note
1,3
Schlagworte
Internet Pornographie Online-Pornographie sexuell explizites Material Medienwirkungsforschung Sexualpädagogik Pornographisierung Sexualisierung Jugendsexualität

Autor

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Titel: Auswirkungen des Konsums von Online-Pornographie auf die Sexualität Minderjähriger