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Auf den Spuren von Paul Bereyter. Winfried Georg Sebalds "Die Ausgewanderten"

Hausarbeit 2017 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Bereyter-Erzählung: Die Spurensuche des Erzählers
2.1 Zur Struktur der Erzählung
2.2 Die Rolle des Erzählers und dessen Erinnerungen an Paul Bereyter
2.3 Rekonstruktion der Gespräche mit Madame Landau

3. Untersuchung der Nebelfleckenmetapher als Motto der Bereyter-Erzählung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Paul Bereyter, um den es in der zweiten von W.G. Sebalds vier langen Erzählungen Die Ausgewanderten1 geht, hinterließ nicht nur wegen seines drastischen Freitods vie- le offene Fragen. Seine gesamte Biografie präsentiert sich in zahlreiche Fragmente zersplittert, die der Erzähler mühsam auflesen und zusammensetzen muss. Allmählich nähert er sich dabei der Lebensgeschichte seines ehemaligen Lehrers. Dennoch fehlen ihm immer wieder kleine Versatzstücke, um das Leben Paul Bereyters und die Be- weggründe für seinen Selbstmord vollständig rekonstruieren zu können. „Manche Nebelflecke löset kein Auge auf“ (AW 39), lautet hierzu passend das Motto der Er- zählung.

Im Zuge dieser Arbeit wird untersucht, mit welchen Mitteln - dem kontinuierlichen Offenlegen neuer Informationsstücke zum Trotz - ein nicht aufzulösender Eindruck der Unschärfe und Unvollständigkeit bezüglich der Spurensuche des Erzählers nach der Lebens- und Leidensgeschichte Paul Bereyters erzeugt wird und warum dieser Eindruck bewusst aufrecht gehalten wird.

Im nachfolgenden Kapitel steht zunächst die Analyse der Erzählung selbst im Vordergrund. Hierbei wird sich vor allem auf die Struktur der Erzählung, die Figur des Erzählers und ihr Verhalten im Hinblick auf die Interaktion mit anderen Figuren der Erzählung konzentriert. Anschließend wird die Ebene des eigentlichen Textes der Erzählung verlassen und sich stattdessen der paratextuellen Ebene des bereits angesprochenen Mottos zugewendet. Dabei soll nachgewiesen werden, dass auch schon das erwähnte Motto der Erzählung als Chiffre für den permanent anzutreffenden Eindruck der Unschärfe und Unvollständigkeit verstanden werden kann.

2. Analyse der Bereyter-Erzählung: Die Spurensuche des Erzählers

2.1 Zur Struktur der Erzählung

Schon zu Schulzeiten machte Paul Bereyter auf den Erzähler den Eindruck einer in- nerlich zerrissenen Person: „Der ganze Paul sei ein künstlicher [...] Mensch, den die geringste Funktionsstörung für immer aus der Bahn werfen konnte“ (AW 52). Diese dunkle Vorahnung scheint sich spätestens dann zu bewahrheiten, als der Erzähler die Nachricht über den Selbstmord seines ehemaligen Lehrers erhält. Aus Mangel an zuverlässigen Informationen für die genauen Beweggründe hinter dieser Tat, sieht sich der Erzähler dazu veranlasst, nachträglich die Scherben im Leben Paul Bereyters aufzusammeln. Die Erinnerungen verschiedener Personen fungieren dabei als strukturgebendes Moment2 für diese „Scherbenlese“. Deshalb ist es sinnvoll, mit einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Erinnerung zu beginnen.

Nicht nur in den Neurowissenschaften, sondern auch in der Kulturwissenschaft erfreut sich die Beschäftigung mit dem menschlichen Gedächtnis und den eng damit zusam- menhängenden Begriffen Erinnerung und Vergessen einiger Beliebtheit.3 Vergessen ist die Voraussetzung für Erinnerung. Durch ihr Zusammenspiel bilden sie das Ge- dächtnis.4 Beim Erinnern muss ein vergessener Sinneseindruck erneut vergegenwär- tigt werden. Dies lässt schon vermuten, dass Erinnerungen nie verlustfrei und unver- ändert aus der Vergangenheit transportiert werden können. Was letztlich erinnert wird, ist vielmehr äußerst selektiv und durch die äußeren Umstände des Erinnernden bedingt.

Erinnern ist eine sich in der Gegenwart vollziehende Operation des Zusammenstellens (remember) verfügbarer Daten. Vergangenheitsversionen ändern sich bei jedem Abruf gemäß den veränderten Gegenwarten [...]. Individuelle und kollektive Erinnerung ist damit zwar nie Spiegel der Vergangenheit, wohl aber ein aussagekräftiges Indiz für die Bedürfnisse und Belange der Erinnernden in der Gegenwart.5

Da die individuellen Erinnerungen eben keine genauen Abbilder der Vergangenheit sind, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Verhältnis von Erinnerungen zur Wahrheit - also dem tatsächlich in der Vergangenheit erfahrenen Sinneseindruck. Aleida Assmann stellt in ihrer Monografie Der lange Schatten der Vergangenheit hierzu einige Überlegungen an. Sie unterscheidet zwei Systeme des autobiografischen Gedächtnisses: das auf bewusster Rekonstruktionsarbeit beruhende Ich-Gedächtnis und das vorbewusste Mich-Gedächtnis.6 Bezogen auf diese beiden Systeme sei Erin- nern ein permanentes Übersetzen der im Mich-Gedächtnis eingelagerten sinnlichen Erinnerungen in organisierte und versprachlichte Erinnerungen des Ich- Gedächtnisses. Da durch jede Übersetzung die ursprüngliche Erinnerung unweigerlich modifiziert werde, ergebe sich so ein „unüberbrückbare[r] Hiat zwischen Erfahrung und Erinnerung“7. Die sprachlich kodierten Erinnerungen seien damit aber nicht unbedingt falsch. Sie existieren vielmehr in einer anderen Gedächtnisform - der der Sprache und nicht (mehr) der des Körpers.8

Die permanente Lücke zwischen Erinnerung und tatsächlich erfolgter Erfahrung macht das Erinnern zu einer höchst unsicheren Tätigkeit, der mit Vorsicht begegnet werden sollte. Der Erzähler der Bereyter-Erzählung scheint den problematischen Sta- tus der Erinnerung zu kennen und bemerkt deshalb gleich zu Anfang: „Solche Versu- che der Vergegenwärtigung brachten mich jedoch [...] dem Paul nicht näher, höchs- tens augenblicksweise, in gewissen Ausuferungen des Gefühls, wie sie mir unzulässig erschienen“ (AW 44f.). Er gliedert seinen Bericht über das Leben Paul Bereyters des- halb in zwei Teile: seine eigenen Erinnerungen an Bereyter (AW 41-62) und die Er- gebnisse seiner nachträglichen Recherchen (AW 63-93), um so über „die eigenen [...] Erinnerungen hinaus, hinter seine [dem Erzähler] unbekannte Geschichte zu kom- men“ (AW 42).

Die Darstellung der Rechercheergebnisse ist ebenfalls weiter unterteilt. Sie besteht im Wesentlichen aus dem Bericht des Erzählers über dessen Gespräche mit Madame Landau - Paul Bereyters späterer Lebensgefährtin, die er in Salins-les-Bains im französischen Jura kennenlernte und mit der er bis zu seinem Tod in Yverdon in der Schweiz zusammenlebte. Obwohl die schlichte Wiedergabe von Landaus Aussagen eindeutig im Vordergrund steht, kommentiert der Erzähler ihre Worte immer wieder oder ergänzt sie um eigene Erkenntnisse aus einem Fotobuch, in dem „von einigen Leerstellen abgesehen, fast das gesamte Leben Paul Bereyters fotografisch dokumentiert und von seiner eigenen Hand annotiert war“ (AW 68).

Während der Gespräche erinnert sich Madame Landau an das zurück, was sie von Be- reyter wusste. Dabei erzählt sie auch von eigenen Gesprächen mit Bereyter, in denen dieser sich wiederum an bestimmte Dinge aus seinem Leben zurückerinnerte.9 Auf diese Weise ergibt sich innerhalb der Erzählung eine Staffelung in insgesamt drei Er- zählebenen. Den Rahmen der Erzählung bilden die Berichte des Erzählers. Diese un- terteilen sich, wie bereits erwähnt, in dessen eigene Erinnerungen und seine Gesprä- che mit Madame Landau. Während dieser Gespräche entfaltet sich so eine neue, int- radiegetische10 Erzählebene, auf der nun der Erzähler in den Hintergrund rückt und stattdessen Madame Landau zu Wort kommt.11 Wenn sie dann phasenweise davon berichtet, wie Bereyter zurückerinnert, entfaltet sich außerdem eine dritte, metadiege- tische Erzählebene.

Diese „teleskopische Staffelung“12 ist eines der von Sebald verwendeten Mitteln, um „die Grenzen des identifikatorischen Fremdverstehens“13 aufzuzeigen. Sie steht damit im Dienste seiner literarischen Selbstverpflichtung eines moralisch korrekten Um- gangs mit der Erinnerung an die Einzelschicksale real existierender Personen.14 An- stand und Respekt gebieten es, einen Sicherheitsabstand zwischen dem tatsächlich erfahrenen Unglück der geschilderten Personen und seiner literarischen Nachbildung einzuhalten. „Selbst wenn er das private Unglück der Exilierten in oft intimen Details ausbreitet, so maßt sich Sebald nie an, [...] mit der Stimme oder gar im Namen der Verfolgten zu sprechen“15. Eine Missachtung dieses Grundsatzes ist im Umkehr- schluss nichts anderes, als die vom Erzähler selbst beklagte „Ausuferung des Ge- fühls“ (AW 45), die „die absolute Grenze zwischen Selbst und Anderem auf unzuläs- sige Weise überspringt“16.

Neben der Staffelung der Erzählebenen ist außerdem ein Prinzip des häppchenweise erfolgenden Zusammensetzens der fragmentarischen Erinnerungen maßgeblich für die Struktur der Bereyter-Erzählung. Von seiner ersten Schulstunde behielt der Erzähler in guter Erinnerung, wie Bereyter „anhand des Hirschsprungmusters uns vormachen werde, wie ein Bild sich in lauter winzige Einzelteile - Kreuzchen, Quadrate oder Punkte - auseinandernehmen beziehungsweise aus diesen zusammensetzen lasse“ (AW 47). Das Leben Bereyters findet der Erzähler zu Beginn seiner Nachforschungen in genau solche winzigen Einzelteile zersplittert vor. Im Zuge seiner Nachforschungen kann er das Puzzle allmählich vervollständigen, sodass es „Stück für Stück [...] aus seinem Hintergrund heraus[trat]“ (AW 74).

Anders als im Beispiel des Hirschsprungmusters gelingt es dem Erzähler jedoch nicht, die Geschichte Paul Bereyters im vollen Umfang zu rekonstruieren. Immer wieder bleiben offene Fragen, die er weder auf der Grundlage seiner eigenen noch durch die Ergänzung um Madame Landaus Erinnerungen beantworten kann.17 Wie auch schon bei der „teleskopischen Staffelung“18 der Erzählebenen dient das Prinzip des häpp- chenweise erfolgenden Zusammensetzens der fragmentarischen Erinnerungen dazu, die Zurückhaltung des Erzählers gegenüber dem unsicheren Akt des Erinnerns und dem damit zusammenhängenden identifikatorischen Fremdverstehen zu unterstrei- chen.

Gerade auch in Die Ausgewanderten gilt, dass die Grenzlinie zwischen Fakt und Fiktion eine höchst poröse Membran darstellt. Sebald geht es nicht um die Wiedergabe eines fremden Schicksals als Biografie, denn seine Erzählungen rekonstruieren etwas ganz anderes als Fakten, nämlich Erinnerung. Und zwar im Sinne der memoria, d.h. des Totengedenkens durch Wiederbelebung einer Erinnerungskultur [...].19

2.2 Die Rolle des Erzählers und dessen Erinnerungen an Paul Bereyter

Der durch den Erinnerungsprozess des Erzählers bedingten, strukturellen Zweiteilung der Erzählung folgend, werden in diesem Unterkapitel die Rolle des Erzählers und die Darstellung seiner Erinnerungen an Paul Bereyter genauer untersucht. Begonnen wird mit der Stellung des Erzählers zum Geschehen der Erzählung. Als homodiegetische Erzählinstanz ist der Erzähler selbst Teil der erzählten Welt. Unter Umständen ließe sich alternativ auch von einer autodiegetischen Erzählinstanz sprechen, weil einzig durch seine Anstrengungen immer neue Fragmente aus Bereyters Leben zutage ge- fördert werden.20

Da die Figur des Erzählers direkt in die Diegese eingebunden ist und nicht etwa auf- grund einer extraponierten Stellung als allwissender Erzähler außerhalb der erzählten Welt mit Informationen ausgestattet sein könnte, die den anderen Figuren und dem Leser vorenthalten sind, kann er nur das erzählen, was er weiß - und das aufgrund des problematischen Status seiner Kindheitserinnerungen höchst unsicher. Für das Her- vorbringen neuer Informationsfragmente ist er deshalb auf die Hilfe von Madame Landau und auf Artefakte wie dem besagten Fotobuch Bereyters angewiesen. Durch das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren gleicht das Vorgehen des Erzählers der Spurensuche eines Detektives, der beständig neue Hinweise zur Lösung seines Falles entdeckt und diese in einen sinnvollen Zusammenhang bringen muss.

Mit Blick auf die Wahrnehmungsinstanz ist eine durchgehend interne Fokalisierung aus dem Blickwinkel der Figur des Erzählers gegeben. Dieser Blickwinkel wird auch bei den Gesprächen mit Madame Landau nicht verlassen, wie die immer wieder erfol- genden Hinweise darauf, dass der Erzähler gerade die Worte Landaus wiedergibt, er- kennen lassen.21 Durch diese einseitig interne Fokalisierung wird das Gefühl der Un- wissenheit des Erzählers und dessen Angewiesenheit auf zusätzliche Informations- quellen weiterhin unterstützt.

Die eben beschriebene Wahl der Erzähl- und der Wahrnehmungsinstanz passen erneut ausgesprochen gut zu der Forderung nach Vorsicht und Zurückhaltung gegenüber der eigenen Erinnerung und dem identifikatorischen Fremdverstehens. Wegen der Lücke zwischen Erinnerung und Erfahrung strebt das Erzählte eben keinen absoluten Wahr- heitsanspruch an. Es ist vielmehr eine vorsichtige und - aufgrund der Fokalisierung einzig auf die Perspektive des Erzählers - sehr persönliche Annäherung an die Ge- schichte des ehemaligen Lehrers in Form einer nicht abschließbaren Spurensuche.

[...]


1 Sebald, W.G.: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. 11. Auflage. Frankfurt a.M.: Fischer 2006. Die im Rahmen dieser Arbeit erfolgenden Verweise auf Die Ausgewanderten sind dieser Ausga- be entnommen und werden in Klammern (AW Seitenzahl) hinter dem entsprechenden Verweis belegt.

2 Diese besondere Rolle kommt der Erinnerung im Übrigen nicht nur in der Bereyter-Erzählung zu. Für Uwe Schütte beispielsweise ist „die Wiederkehr traumatischer Erinnerung [...] der gemeinsame Nenner dieser [...] vier lagen Erzählungen“ (Schütte 2011: 87).

3 Erll 2011: 7.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Vgl. Assmann 2006: 123.

7 Vgl. Assmann 2006: 124.

8 Vgl. ebd.: 129.

9 Siehe z.B. AW 76ff.

10 Die im weiteren Verlauf dieser Arbeit angeführten, kursivierten Begriffe orientieren sich an der in von Martínez und Scheffel herausgegebenen Einf ü hrung in die Erzähltheorie verwendeten Terminolo- gie und sind folgender Ausgabe entnommen: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktua- lisierte Auflage. Hrsg. von Matías Martínez u. Michael Scheffel: München: C.H. Beck 2012.

11 Auf welche Art und Weise Madame Landau zu Wort kommt, wird in Kapitel 2.3 genauer erklärt.

12 Fuchs 2004: 32. Uwe Schütte bezeichnet dieses Phänomen ähnlich als „periskopisches Erzählen“, bei dem „der Erzähler nun gleich von mehreren Auskunftgebern unterschiedliche Informationen [...] erhält, aus denen er versucht, ein Porträt des Ausgewanderten zu synthetisieren“ (Schütte 2011: 101).

13 Vgl. Fuchs 2004: 143.

14 Paul Bereyter war beispielsweise nicht einfach nur der Lehrer des Erzählers. In die Erzählung über sein Schicksal lässt Sebald auch gezielt seine eigenen Erinnerungen an seinen damaligen Lehrer Armin Müller einfließen (vgl. Schütte 2011:95).

15 Schütte 2011: 88.

16 Fuchs 2004: 31.

17 Z.B. AW 82f.: „[...] immer jedenfalls war man, wie der Paul unter diese Fotografie geschrieben hat, zirka 2000 km Luftlinie weit entfernt - aber von wo?“.

18 Fuchs 2004: 32.

19 Schütte 2011: 89.

20 Die Aussage wird bewusst durch „unter Umständen“ relativiert, weil sich nicht eindeutig feststellen lässt, ob der Erzähler tatsächlich die Hauptfigur der Erzählung ist.

21 Siehe z.B. AW 64: „Sie erinnere sich, so erzählte Mme. Landau [...]. Und als dann, so fuhr Mme. Landau fort [...].“ oder AW 72: „Und jetzt, so fuhr Mme. Landau fort, denken Sie sich [...]“.

Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668459519
ISBN (Buch)
9783668459526
Dateigröße
989 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367353
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Sebald Die Augewanderten Erinnerung Metapher Motto W.G.Sebald Paul Bereyter Suizid

Autor

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Titel: Auf den Spuren von Paul Bereyter. Winfried Georg Sebalds "Die Ausgewanderten"