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Imagination und Authentizität im Rap. Keny Arkana und ihre Darstellung von Marseille

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 26 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Marseille - der Planet Mars in der Pariser Peripherie
2.1 Stigmatisierung und Realität einer kontroversen Metropole
2.2 Zwischen HipHop-Hochburg und Kulturhauptstadt

3. Die Darstellung von Authentizität im Rap
3.1 Street credibility - die lokale Verortung eines globalen Stils
3.2 Die Bedeutung und Problematik von Musikvideoclips für die Authentizität einer/-s Künstle- rin/-s

4. Keny Arkana und ihre Imagination der Stadt im Rap
4.1 Die politische Ader Keny Arkanas: „Capitale de la Rupture“
4.2 Die Verortung in der Stadt: „De l’Opéra à la Plaine 2 feat. Le Secteur“

5. Diskussion

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Marseille ist als Mittelmeerstadt geprägt von Migrationsströmen. Hier entwickelte sich Ende der 80er eine HipHop-Kultur, die von vielen verschiedenen Ethnien gekennzeichnet war. Da- niel Tödt zeigt in seiner Veröffentlichung Vom Planeten Mars. Rap in Marseille und das Ima- ginäre der Stadt (Wien 2011) bereits anschaulich, welche Schauplätze der Stadt für die Rap- perInnen der ersten Generation relevant sind. Seit diesen Anfängen hat sich eine bemerkens- werte HipHop-Kultur entwickelt. Keny Arkana ist eine der jüngeren und erfolgreicheren Rap- perInnen. Sie verarbeitet neue Themen in ihren Songs, die sie selbst aber auch die Bewohner der Stadt betreffen. Ausgehend davon soll in der vorliegenden Arbeit anhand zweier ihrer Songs untersucht werden, wo sich der Rap heutzutage in der Stadt verortet. Zudem soll ein- geschätzt werden, wie authentisch ihre Musik ist.

Dazu wird zunächst sowohl der geschichtlich als auch aktuell sozio-kulturelle Hintergrund der Stadt Marseille vorgestellt, bei dem Parallelen zur Stadtstruktur New Yorks als Ursprungsort des HipHop gezogen werden. Anschließend wird theoretisch beschrieben, was Authentizität und Glaubwürdigkeit in der HipHop-Szene bedeuten und welchen Einfluss Musikvideos dar- auf haben können. Auf diese Aspekte und die lokale Verortung innerhalb der Stadt Marseilles hin werden die Songs Capitale de la Rupture und De L‘Opéra à la Plaine 2 von Keny Arkana untersucht. Die Ergebnisse werden anschließend zusammengefasst und interpretiert.

2. Marseille - der Planet Mars in der Pariser Peripherie

Der Gründungslegende nach wurde Marseille 600 v. Chr. von griechischen Seefahrern gegründet und ist damit die älteste Stadt Frankreichs (vgl. Winkler 2007: 16). Es heißt, dass die Griechen genau an dem Tag an der Mittelmeerküste anlandeten, als der keltische König gera - de einen Gatten für seine Tochter suchte. Statt einen der anwesenden Männer auszuwählen, entschied sie sich für den Anführer der Griechen. Sie heirateten, und die Griechen und Kelten gründeten zusammen die Stadt Massalia (vgl. Schuster 2014). Die Zusammensetzung unterschiedlicher Kulturen wurde Marseille - so zumindest der Mythos - bereits in die Wiege gelegt. Die Topographie der Stadt - vom „provenzalischen Hinterland“ durch Bergketten lange Zeit schwer zugänglich gewesen - verstärkte die Mentalität einer zum Mittelmeer geöffneten Metropole der Vielfältigkeit (vgl. Winkler 2007: 16).

Marseille kommt in Frankreich der Rang der Secondary City (ebd.: 17), also der zweitgrößten Stadt, zuteil, wie in anderen Ländern z.B. Hamburg oder Barcelona (vgl. Tödt 2011: 23)1. Das besondere Verhältnis zwischen Primary City und Secondary City ist nicht selten problematisch und konfliktgeladen: Seit Anbeginn herrscht eine Spannung zwischen dem Versailler Kö - nigshaus und dem aufmüpfigen Marseille, dem Tor zum Mittelmeerraum, das immer wieder nach Freihandel und politischer Autonomie strebte (vgl. Winkler 2007: 17). Von Paris aus ge - sehen in der Peripherie gelegen fühlen sich die Einwohner eher mit anderen Städten des Mittelmeeres verbunden als mit der Hauptstadt (vgl. Jacono 2003: 24). Auf Grund der wirtschaftlichen Bedeutung und der Öffnung zum Mittelmeerraum und zu anderen Kulturen bekam Marseille den Beinamen port de l’Orient (ebd.: 23):

„…als Hafenstadt ist sie vom Kolonialhandel und außereuropäischen Kulturen geprägt. Die Stadt ist die äußere Grenze Frankreichs und Europas; sie ist die letzte Station der in Richtung ›Orient‹ Reisenden bevor sie das Schiff besteigen.“ (Winkler 2007: 23)

Winkler sagt weiter, dass die kolonialen Herrschaftsstrukturen Frankreichs, die über Jahr- hunderte andauerten, nicht nur auf außereuropäischem Gebiet zu finden, sondern auch in- nerhalb des südlichen Frankreichs vorherrschend waren (vgl. ebd.: 19). Sinnbildlich dafür ste- hen heute geschichtsträchtige Bauwerke wie die ehemalige Befestigungsanlage Saint-Jean am alten Hafen, die heute das Museum der Kulturen Europas und des Mittelmeerraums (Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée) beherbergt, sowie die ehemalige Gefängnisinsel Château d’If, die vor dem alten Hafen gelegen ist (vgl. ebd.: 18). Ebenso zeigt die Rue de la République noch heute den starken Einfluss der zentralistischen Politik Paris‘, der nicht immer sinnstiftend war: Das Vorhaben, durch eine aufwendige Stadterneuerung nach Pariser Vorbild das Hafenviertel in den 1850er und 1860er Jahren sozioökonomisch auf- zuwerten und zu beleben, scheiterte kläglich (vgl. ebd.: 25). Es ist die Kontrolle der Haupt- stadt Paris, der sich Marseille seit jeher nur ungern beugt.

Die Metapher des Planeten Mars als Sinnbild für die Abgeschiedenheit im zentralistisch orga - nisierten Frankreich, für seine wirtschaftliche Rückständigkeit aber auch für die „positive An- dersartigkeit“ der Metropole wurde und wird von Kritikern wie Befürwortern der Stadtent- wicklung verwendet (vgl. Tödt 2011: 21/26) . Am prägnantesten mag das erste Album der bis heute erfolgreichsten Rap-Formation Marseilles - IAM - sein, das den Titel …de la Planète Mars trägt. Darin halten die Musiker den negativen Stigmatisierungen Marseilles ihren „städ- tischen Stolz“ entgegen und rechnen mit den Politikern der Front National ab (vgl. ebd.: 25/27).

2.1 Stigmatisierung und Realität einer kontroversen Metropole

Wenn in den Medien von Marseille berichtet wird, kommt man selten um das soziale Gefälle der Stadt herum. Dafür liegen die Wurzeln zu weit in der Vergangenheit, hat sich das symbo - lische Bild einer dreckigen, grauen, kriminellen und verrufenen Stadt zu lange eingebrannt. Nicht ohne Grund setzen sich französische RapperInnen in ihren Texten neben dem eigenen Lebensumfeld und der politischen Situationen auch kritisch mit den Medien und dadurch mit der Stigmatisierung Marseilles auseinander (vgl. Prévos 2003: 14).

Die Topographie eines Nord-Süd-Gefälles innerhalb der Stadt bildete sich spätestens mit der Industrialisierung im 19. Jhd., die sich in den Quartiers Nord verortete. Es entstanden Arbei- terviertel, die seit den 1960er Jahren vor allem durch Hochhaussiedlungen gekennzeichnet sind (vgl. Tödt 2011: 31). Diese Viertel sind noch heute geprägt durch niedrige Einkom- mensklassen und hohe Arbeitslosigkeit und wurden in der Stadtgestaltung lange Zeit ver- nachlässigt. Dabei lassen sich Analogien zum New Yorker Stadtteil Bronx finden, wo Mitte der 1970er Jahre der HipHop seinen Ursprung fand (vgl. Friedrich 2010: 141). Die Umstrukturie- rung der Ökonomie, dort bedingt durch die „Krise des Fordismus“ (Scharenberg 2001: 245), führte bei der Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, die auf industrielle Arbeitsplätze an- gewiesen waren, zu Arbeitslosigkeit . Waren es in der Bronx die Bewohner der weißen Mittel- schicht, die auf Grund der problematisch werdenden Lage in die Vororte zogen, gab es auch in den nördlichen Industriegebieten Marseilles wirtschaftliche Probleme und damit ver- bundene Arbeitslosigkeit. Die aussichtslose Lage und eine steigende Kriminalität führten auch hier dazu, dass immer mehr Menschen wegzogen. In den leerstehenden Hochhäuser siedelten sich v.a. im Viertel Bellevue mit der mittlerweile durch Medien und Rap-Videos2 stigmatisierten Postadresse 143, rue Felix-Pyat Migranten von den Komoren an (vgl. Tödt 2011: 38).

In den Quartiers Nord ist die „Wahrscheinlichkeit, dass man vor Erreichen des 65. Lebensjah- res stirbt, 30 Prozent höher als im französischen Durchschnitt“, wobei sie im Süden Marseilles 23 Prozent unterhalb liegt (Meiler 2013). Dieses Gefälle verstärkt sich in einem Teufelskreis, in dem die Stadt u.a. als „Kriminalhauptstadt“ (Forbes 2013) bezeichnet und so immer wie- der zu einem gefährlichen und gewaltbereiten Ort stilisiert wird. Sie ist das Opfer negativer Zuschreibungen, die die Stadt als schmutzig, gewaltbereit und voller Gefahren darstellen (vgl. Jacono 2002: 23). Indem fortwährend von Todesfällen berichtet wird, die auf Banden- oder Drogenkriminalität zurückgehen3, wird die Angst vor den nördlichen Vierteln geschürt.

Der Vergleich zwischen New York als Herkunft des HipHop und Marseille als französisches Pendant zeigt weitere Parallelen zwischen beiden Stadtentwicklungen: In anderen französi- schen Städten wie Lyon und Paris stehen sich Stadtzentrum und Peripherie als Gegensatz ge- genüber (vgl. Tödt 2011: 34). Die sogenannten Banlieues sind die verrufenen Vorstädte, in denen der informelle Sektor eine der wichtigsten Einnahmequellen ist und Armut und Ar- beitslosigkeit für europäische Verhältnisse hoch sind. In Marseille gibt es aber neben den Quartiers Nord auch mitten in der Stadt Orte, auf die diese Charakterisierung zutrifft - ver- gleichbar mit der innerstädtischen Bronx (vgl. ebenda). Weiterhin lässt sich der Cross Bronx Expressway, der in den 60ern und 70ern quer durch die Bronx gebaut wurde, mit der Auto - bahnhochtrasse Autoroute du Soleil in Marseille vergleichen: In beiden Fällen wurde eine Verkehrsverbindung gebaut, die durch einen „rein funktionalen Charakter“ (Winkler 2007: 179) auf die sozialen Strukturen der anliegenden Wohngebiete kaum Rücksicht nahm. Die Lage der ohnehin zunehmend marginalisierten Einwohner verschlechterte sich weiter (vgl. Scharenberg 2001: 246, Friedrich 2010: 141).

Es sind diese innerstädtischen Ghettos, die den Nährboden für die Marseiller HipHop-Kultur gebildet haben. Dazu gehören typische negative Charakteristika der Underground-Kultur, wie z.B. Kriminalität, Drogenkonsum und Bandenrivalitäten (vgl. Friedrich 2010: 141). Die vielen Gemeinsamkeiten in den städtischen Strukturen zwischen Marseille und New York spiegeln sich auch in der HipHop-Kultur wieder. Diese Schauplätze des Marseiller HipHop sollen im Weiteren näher vorgestellt werden.

2.2 Zwischen HipHop-Hochburg und Kulturhauptstadt

„Diese Stadt lehnt ihre Jugend ab, ihr grösstes (!) Kapital. […] Wir sind archaisch geblieben, während sich der Rest der Stadt weiterentwickelt hat.“ (Meiler 2013) Wenn Samia Ghali, Bürgermeisterin der Quartiers Nord, über die Lage ihres Viertels spricht, wird klar, wie sie sich in der Stadtentwicklung positioniert. Sie sieht die Einwohner des nördli- chen Marseilles durch die Politik - damals wie heute - vernachlässigt. Sich selbst überlassen und vom scheinbar leicht verdienten Geld gelockt werden viele Jugendliche kriminell und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Die verhärteten Fronten zwischen ihr und dem Bürgermeis- ter Marseilles, Jean-Claude Gaudin, lassen dabei nicht auf eine Besserung hoffen (vgl. eben- da).

Mit einer Gesamtsumme von sieben Milliarden Euro wird das Megasanierungsprojekt mit dem Namen Euroméditerranée die Innenstadt auf einer Fläche von rund 480 Hektar bis zum Jahre 2020 restaurieren und modernisieren (vgl. Glaubitz 2012). Die Liste an Sanierungs- und Bauprojekten ist lang: Darunter finden sich ehemalige Industriegebäude wie eine Tabakfabrik oder ein Kornspeicher - einerseits zum Kulturzentrum Friche la Belle de Mai, andererseits zum Konzert- und Veranstaltungsraum Le Silo umfunktioniert (vgl. ebdenda). Am eindrucks- vollsten sind aber sicherlich die beiden Museen Villa Méditerranée und das Mucem, die zwei neuen Aushängeschilder am äußersten Rande des alten Hafens. Hier wird dem Besucher die Bedeutung der jahrhundertealten Verbindung Marseilles mit dem Mittelmeer vorgestellt. Eine Liebeserklärung der Stadt an das Meer.

Bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2013 warb Marseille u.a. mit seiner vielfältigen Rapmusikszene - auch weil die Stadt im Vergleich zu anderen französischen Städten sonst keine (inter-)national bekannten Kulturstätten hat (vgl. Bopp 2013). Verwunderlich ist dabei nur, dass im Programm des Kulturhauptstadtjahres kaum Rapmusik zu finden ist (vgl. ebdenda). Dass die Institutionen, die sich der Rapmusik widmen, nicht aus den „städtischen Geldtöpfen für Kultur, sondern aus denen für Soziales unterstützt werden“, zeigt nach wie vor die Stellung des Rap in der Stadt (vgl. ebenda). Wie es Soly Mbaé, ein langjähriger DJ der Marseiller Rapszene, ausdrückt, wird die Musik „noch immer überwiegend mit Gewalt in Verbindung [gebracht]“ (zit. nach Bopp 2013) und dementsprechend behandelt.

Ein jahrhundertealtes Stadtimage, das an einem „Image-Problem“ (Forbes 2013) leidet, weil es sich selbst nicht aus den Negativschlagzeilen befreien kann, innerhalb einer Dekade aufzu- polieren, erscheint illusionär. Wenn es tatsächlich das Vorhaben war, durch die Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 2013 „die europäischen Mittelmeerländer noch stärker mit Nordafrika zu verbinden“ (Schuster 2014), ist das sicher sehr löblich. Die ernsthaften Pro- bleme der Metropole, die zwar ausreichend Stoff für Raptexte liefern, für die Jugendlichen aber schlechte Perspektiven darstellen, scheinen bei der neuesten Stadtentwicklung alles an- dere als im Vordergrund zu stehen. Wie es der Vize-Intendant der Europäischen Kulturhauptstadt Marseille Ulrich Fuchs begründet:

„Ein Kulturprojekt ist nicht die Antwort auf alle dringenden Fragen, die es in einer Stadt wie Marseille gibt.“4

Eher könnte man - der sarkastische Unterton sei an dieser Stelle gestattet - es als eine Ant - wort auf die Frage sehen, wie Marseille an den touristischen Erfolg der Côte d’Azur anknüp- fen kann. In einer Stadt wie Marseille ist ein Kulturprojekt vielleicht nicht die Antwort auf die „dringenden Fragen“. Im Zuge dieses Megaprojektes jedoch mindestens auf die Fragen hinzu- weisen, wäre eine ideale Möglichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass das Kulturhauptstadtjahr der Anstoß eines nicht nur kulturellen, sondern auch sozialen Wandels der Mittelmeermetropole ist. Das Jugend- und Kulturzentrum la Friche - la Belle de Mai ist durch Besucher unterschied- licher Altersklassen und ebenso vielseitigen Kulturangeboten ein Begegnungsort und eine Schnittstelle zwischen Sozialem und Kulturellem. Gerade der jungen Generation eben solche Angebote zu bieten und eine Perspektive zu eröffnen, die nicht im informellen Sektor endet, sollte verstärkt in der Stadt umgesetzt werden.

3. Die Darstellung von Authentizität im Rap

Nahezu jede Literatur über HipHop im Allgemeinen und Rap im Speziellen verweist früher oder später auf die Bedeutung der Authentizität dieser Musik. In keinem anderen Musikgen- re scheinen die Bemühungen um Authentizität und Glaubwürdigkeit größer zu sein. Dabei haben sich - durch die Verortung des „Ur-Rap“ in New York - gleichzeitig verschiedene Schlagworte durchgesetzt, die alle mehr oder weniger mit einer authentischen Darstellung zu tun haben. Dazu gehören z.B. style, respect (vgl. Menrath 2001: 71-76), hood (vgl. Scharen- berg 2001: 248), realness (vgl. Mager 2008: 327ff.) und streetwise/street knowledge/street credibility (vgl. Mager 2007: 233).

Authentizität im HipHop anhand allgemeingültiger Merkmale festzumachen, erweist sich - soviel sei bereits vorweggenommen - als nicht ganz einfach. Dazu ist die Balance zwischen globalen Mustern und lokalen Gegebenheiten zu individuell. Daher sollen im Folgenden zu- nächst allgemeine Aussagen über die Glaubwürdigkeit und Authentizität des HipHop vorge- stellt werden, um sie später mit lokalen Strukturen der Marseiller HipHop-Szene in Bezug zu setzen.

3.1 Street credibility - die lokale Verortung eines globalen Stils

Gegen den Gradmesser, man könne als RapperIn nur dann authentisch sein, wenn die eigene Musik dem New-Yorker-Rap ähnelt (vgl Tödt 2011: 14), spricht einerseits die Tatsache, dass HipHop ein „global verbreitetes Geflecht alltagskultureller Praktiken [ist], die in sehr unter- schiedliche lokalen Kontexten produktiv angeeignet werden“ (Androutsopoulos 2003: 11). Die musikalischen Beziehungen zum Ur-HipHop tragen also nur in Teilen dazu bei, dass der Rap einer/-s Künstlerin/-s authentisch ist. Mindestens ebenso wichtig sind die lokalen Um- stände, in denen sie/er aufwächst, und die es - wie es sich auch schon im New-Yorker-Rap gehörte - im „Prozess der produktiven Auseinandersetzung“ (ebd.: 12) auszudrücken gilt:

„Lokalität dient im HipHop als das wichtigste räumliche Konzept des Realen und Authentischen.“ (Mager 2007: 191)

Des Weiteren haben mediale Bilderwelten HipHop als urbane, schwarze Kulturpraxis verbreitet. Daher ist der Ursprungs-HipHop - der „authentische HipHop“ - bereits ein Produkt von Bildinszenierungen. Lokale Adaptionen und Weiterentwicklungen sind „eigenständige Neukreationen“ (Klein/Friedrich 2003: 98), die - obgleich nicht mehr dem ursprünglichen HipHop nacheifernd - authentisch sein können.

Die Positionierung an spezifische Orte und die Abgrenzung gegenüber anderen Orten ist entscheidend für den Respekt, das Ansehen, die Glaubwürdigkeit und die Authentizität (vgl. Mager 2008: 327). Der musikalische Bezug zur Straße als wichtigstes Raumbild gilt als Beweis der realness einer/-s Künstlerin/-s (vgl. ebenda) und trägt so zu einer authentischen Darstellung ihrer/seiner Lebenswelt bei:

“Connections to place emphasises roots and points of origin. Remaining ‘true’ to one’s roots emphasizes credibility.” (Connell, Gibson 2003: 111)

Der Bezug zur individuellen Herkunft einer/-s RapperIn ist also in Hinblick auf Anerkennung und damit kommerziellem Erfolg unabdingbar. Im HipHop-Diskurs taucht dann aber immer wieder die Frage auf, ob RapperInnen durch einen kommerziellen Erfolg unreal werden (vgl. Menrath 2001: 96), also von ihrem Authentizitätsgrad einbüßen.

[...]


1 Für weiterführende Informationen, welche besondere Rolle eine Secondary City für eine regionale aber auch globale Entwicklung einer Region spielt, siehe: Roberts, Brian H.: Managing Systems of Secondary Cities, Cities Alliance/UNOPS, Brüssel 2014. Auch online abrufbar unter: http://www.citiesalliance.org/sites/citiesallian- ce.org/files/1d%20%28i%29%20-%20Managing%20Systems%20of%20Secondary%20Cities %20Book_low_res.pdf, letzter Zugriff: 27.09.2016.

2 Nahezu jedes Video aus der Anfangszeit der Marseiller Rap-Szene nutzt das typische Bild der heruntergekommenen Hochhäuser (z.B. IAM - Red, Black and Green; Bouga - Belsunce Breakdown) - das Symbol eines „global zirkulierenden Ghettobildes“ (Tödt 2011: 41).

3 Diverse Online-Artikel sind im Internet zu den beiden Suchbegriffen „Marseille Kalaschnikow“ zu finden.

4 Kommentar Ulrich Fuchs‘ in dem Video Marseille 2013: Bilanz eines Kulturjahres, nachzuschauen unter: http://info.arte.tv/de/kulturhauptstadte, letzter Zugriff: 27.09.2016.

Details

Seiten
26
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668459991
ISBN (Buch)
9783668460003
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367348
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,3
Schlagworte
imagination authentizität keny arkana darstellung marseille hiphop frankreich

Autor

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