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Die subjektive Bedeutung von Träumen im Alltagsgeschehen. Psychologische und psychoanalytische Traumdeutungen

Eine Kontroverse der Neurowissenschaften

Diplomarbeit 2016 112 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitang
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung
1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2 Verwendete Begriffe und theoretische Zugänge
2.1 Der Traum
2.2 Einige historische Auffassungen zum Traum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
2.2.1 Mesopotamien: Astrologie und der Traum
2.2.2 Das Klassifizieren des Traumes in der römischen Antike
2.2.3 Göttlich inspirierte Traumvisionen im christlichen Mittelalter
2.2.4 Die Rezeption rationaler aristotelischer Auffassungen in Europa
2.2.5 Anthropologische Konzepte von der Antike bis zur Neuzeit
2.2.6 Zwischenfazit
2.3 Theoretische Ansätze und Traumforschung seit 1900
2.3.1 Psychoanalytische Ansätze
2.3.2 Neurophysiologische Ansätze
2.3.3 Psychologische Ansätze

3 Design und Methodik der empirischen Studie
3.1 Datenerhebung
3.2 Datenauswertung
3.3 Beschreibung der Stichprobe

4 Ergebnisse
4.1 Deskription und bivariate Inferenzstatistik zu den geschlossenen Fragen
4.1.1 Erinnerung an Träume
4.1.2 Häufig vorkommende Träume und Traumsymbolik
4.1.3 Persönliche Interpretation
4.1.4 Kommunikation
4.1.5 Beeinflussung durch Träume
4.1.6 Individuelles Achten auf Träume und deren Nützlichkeit
4.2 Multivariate Clusteranalyse: Drei Gruppen von Traumdeutem
4.2.1 В erechnungen
4.2.2 Ergebnis
4.2.3 Überprüfung
4.3 Multivariate Faktoranalyse: Vier wesentliche Einflüsse
4.3.1 Berechnungen
4.3.2 Ergebnis
4.3.3 Überprüfung
4.4 Qualitative Inhaltsanalyse zur allgemeinen Bedeutung von Träumen im Alltag...
4.4.1 Vorgehensweise und Gruppensichten
4.4.2 Kategorien Kl + K2: Ambivalente Bedeutungen und Gewichtungen
4.4.3 Kategorien КЗ + K4: Kurzfristige emotionale und kognitive Ergebnisse von Traumprozessen
4.4.4 Kategorie K5: Aktivierende kurzfristige Wirkungen von Träumen
4.4.5 Kategorie K6: Langfristige Wirkungen von Träumen
4.4.6 Kategorie K7: Spezieller sozialer Aspekt
4.4.7 Charakteristische Antworten der Gruppen
4.5 Diskussion

5 Resümee und Ausblick

Persönlicher Epilog

Literaturverzeichnis

Anhang A: Fragebogen

Anhang B: Deskriptive und bivariate inferenzstatistische Tabellen

Anhang C: Multivariate Tabellen und Übersichten

Anhang D: Qualitative Inhaltsanalyse / Tabelle

Danksagung

An dieser Stelle bedanke ich mich bei all jenen, die zum Gelingen dieser Arbeit und zum er­folgreichen Abschluss meines Studiums der Psychologie beigetragen haben. Vor allem danke ich Frau บทiv.- Prof. Dr. Svenja Taubner für ihre sehr hilfreiche fachliche Unterstützung in dieser Zeit, sie hat dadurch einen wesentlich Teil zu dieser Arbeit beigesteuert.

Mein Dank gebührt auch Dr. Reinhard Neumeier, der mir während dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite Stand. Durch seine unkomplizierte Art, seine bereitwillige Hilfe und Informationen zu einigen Literaturangab en leistete er Unterstützung bei der Erarbeitung eines wissenschaft­lich basierten kritischen Ansatzes. Darüber hinaus bedanke ich mich bei Marcel Leuschner und Julio Brandi für die methodische Beratung bei der qualitativen /quantitativen statisti­schen Auswertung und Frau Dr. Karmen Moissi für das Endlektorieren.

Ein spezielles Dankeschön gebührt meiner gesamten Familie, besonders meinem Mann, mei­nen Kindern und vor allem einer lieben Freundin, Frau Mag. Edyta Mrožek, die mit Geduld, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Liebe immer zu mir Stand ... DANKE, EDYTA.

Dank an meine Studienkolleginnen, die inzwischen meine guten Freundinnen geworden sind, an Andrea, Xenia und Neda sowie alle anderen, die, zwar namentlich nicht erwähnt, zur Fer­tigstellung dieser Arbeit beigetragen haben, sei es mit unterstützenden Worten und Taten oder einfach, dass sie für mich da waren, wann immer ich sie gebraucht habe.

Ein großer Dank gilt natürlich allen Respondenten meiner Umfrage, die es mir so ermöglicht haben, meine Studie durchzuführen und diesen Forschungsbereich in meiner Diplomarbeit zu beleuchten.

Mit dieser Diplomarbeit über die Traumforschung ist somit auch einer meiner Träume in Er­füllung gegangen, danke an alle, die dazu beigetragen haben.

Vielen Dank!

Zusammenfassung

Zur Erforschung der subjektiven Bedeutung von Träumen im Alltagsgeschehen wurden 150 Psychologie-Studi erende 2015 schriftlich befragt. Analysiert wurden die Antworten sowohl quantitativ als auch qualitativ. Eine hohe Rücklaufquote und ausgiebige Antworten zu offen gestellten Fragen zeigten, dass das Interesse der Studierenden für das Thema ,Traum und All­tag’ hoch war. Eine Clusteranalyse ergab drei Gruppierungen: Zwei mehr oder weniger traumorientierte Gruppen und eine ausgesprochen skeptische Gruppe.

Die beiden häufigsten Traumarten waren Wunschträume und Angstträume. Sexuelle Träume bildeten das Schlusslicht. Eine erhebliche Beeinflussung geht aus Sicht der Befragten von wiederkehrenden Träumen aus, die auch den größten Einfluss auf den Alltag haben, über Träume gesprochen wird - trotz des gezeigten Interesses - eher wenig. Jüngere Teilnehmer kommunizieren mit anderen über Träume häufiger als ältere Personen. Der Glaube an die Aussagekraft von Deutungen ist über alle Antworten hinweg gesehen eher mäßig, in spezifi­schen Segmenten allerdings sehr hoch. Dies gilt im hohen Maße für das Cluster der überzeug­ten Traumdeuter. Eine Faktorenanalyse zeigte auf, dass vor allem die persönlichen Einstel­lungen und Verhaltensweisen zählen wie zugemessene Bedeutung im Alltag, wiederholte ei­gene Deutung der Träume oder ein Darauf-Achten in bedeutsamen Lebenssituationen. Es sei daraufhingewiesen, dass im Alltag Träume nur eine wichtige Rolle für jede neunte Person spielen, aber für vier von neun Personen Träume wenig oder gar nichts bedeuten.

Abstract

To explore the subjective meaning of dreams in everyday life 150 psychology students in 2015 were surveyed in writing. The responses were analyzed both quantitatively and qualitatively. A high response rate and extensive answers to open questions showed that the interest of students was high for the theme ,dream and everyday life’. A cluster analysis yielded three groupings: Two more or less dream-oriented groups and a very skeptical group.

The two most common types of dreams were dreams fulfilling wishes and nightmares. Sexual dreams brought up the rear. A significant influence goes out from the perspective of those recurring dreams that have the greatest impact on everyday life. People talk about dreams rather little - despite the interest shown. Younger participants communicate with others about dreams more often than older people. The belief in the validity of interpretations (all responses seen across) was moderate, in specific segments, however, very high. This applies to a large extent for the cluster of confident interpreters. A factor analysis showed that especially personal attitudes and behavior matter most such as importance attached in everyday life, repeated interpretation of dreams or keeping an eye on dreams in important situations of life. It may be noted that in everyday life dreams play a major role only for every ninth person , however for four of nine persons dreams signify little or nothing.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Auszug aus mesopotamisehen Traumschlüssel; Quelle: Bottéro, 2012, S. 8

Abbildung 2: Erlebte Spiritualität und Religiosität, ท=150

Abbildung 3 : Kulturelle Bedeutung der Träume; Split nach Geschlecht und Alterskategorie, ท=150

Abbildung 4: Erinnerung an Träume, ท=150

Abbildung 5: Am häufigsten vorkommende Traumarten, ท=150

Abbildung 6: Detaillierte Traumfiguren und -Symbole, ท=150

Abbildung 7: Traumfiguren, -geschehnisse und -Symbole nach Überkategorien, Mehrfachantworten, ท=150

Abbildung 8: Deutung der Träume, Mehrfachantworten, n.max=101

Abbildung 9: Kommunikation: Sprechen und Kennen von Personen, ท=150 bzw. 148

Abbildung 10: Beeinflussung durch Art des Traumes, ท=41-83

Abbildung 11: Beeinflussung der Entscheidungen und Bewahrheitung im Wachzustand, ท 150 (112). 144 (F17)

Abbildung 12: Achten und Nützlichkeit, ท=150, 147

Abbildung 13: Interesse, mehr über Träume zu erfahren, ท=150

Abbildung 14: Selektierte Clusteranalyse: 3 Gruppen, ท= 150

Abbildung 15: Clusterbeschreibungen und Ausprägungen der Berechnungsvariablen: die X- Achse in jeder Zelle zeigt die Skalenwerte: 1 für ,gar nichť oder ,nie‘, 4 für ,sehr‘ oder ,fast immeri; der zweite (rechte) Diagrammteil ist eine Fortsetzung des ersten (linken) Teiles

Abbildung 16: Streudiagramme: Clustertypen*Ladungskoeffizienten für Persönliche Einstellung. ; Clustertypen*Esoterischer Faktor. 1 = Akzidentelle Traumdeuter, 2 = Überzeugte Traumdeuter, 3 = Skeptiker

Abbildung 17: Streudiagramme: Clustertypen*Ladungskoeffizienten für Faktor Spiritualität und Religion; Clustertypen*Faktor Kulturkreis. 1 = Akzidentelle Traumdeuter, 2 = Überzeugte Traumdeuter, 3 = Skeptiker

Abbildung 18: Bedeutsamkeit der Prädikatorvariablen; Clusteranalyse / 3 Gruppen, ท=

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kreuztabellierung Alterskategorie * Kulturelle Bedeutung der Träume (F3) ... 43

Tabelle 2: Korrelation Alterskategorie und Kulturelle Bedeutung der Träume (F3) 43

Tabelle 3: Kreuztabellierung Alterskategorie * Erinnerung an Träume (F4) 45

Tabelle 4: Korrelationen zwischen Alterskategorie und Erinnerungen an Träume (F4) 46

Tabelle 5: Kontingenztabelle Cluster*Selbstinterpretation (F9), ท=144, p-Wert (Chi-Quadrat = .000) 66

Tabelle 6: Faktorenanalyse, rotierte Komponentenmatrix, Ladung von vier Komponenten67

Tabelle 7: Faktorenanalyse: Transformationsmatrix der Komponenten 69

Tabelle 8: Soziodemographische Variable, ท=150 90

Tabelle 9: Variable Spiritualität kreuztabelliert mit soziodemographischen Variablen, ท=150 91

Tabelle 10: Variable Religiosität kreuztabelliert mit soziodemographischen Variablen, ท=150

Tabelle 11: Kontingenztabelle Traumerinnerung*Alter, ท=149 93

Tabelle 12: Kontingenztabelle Sexuelle Träume*Geschlecht, ท=150 94

Tabelle 13: Kontingenztabelle Sexuelle Träume*Alter, ท=150 94

Tabelle 14: Kontingenztabelle พนทSchträume*Alter, ท=150 95

Tabelle 15: Kontingenztabelle Verfolgungsträume*Beruf, ท=150 95

Tabelle 16: Deskriptive Statistik zu F6, metrisch transformiert auf eins bis vier; ท=41-83

Tabelle 17: Tabellen zur Varianzanalyse Beeinflussung durch Träume, abhängig vom Alter, nur Signifikanzen dargestellt; ท=41-83 97

Tabelle 18: Deskriptives zur Beeinflussung durch Träume, abhängig vom Alter, nur signifikante Traumarten dargestellt; ท=41-83 98

Tabelle 19: Vierfeldertafel: Religiosität*Bewahrheitung im Wachzustand, ท=144 99

Tabelle 20: Kontingenztabelleen: Sprechen über Träume*Beruf bzw. * Alterskategorie, ท=150 100

Tabelle 21 : Kontingenztabelle Cluster*Alterskategorie und Chi-Quadrattests, ท=144 102

Tabelle 22: Faktorenanalyse: Erklärte Gesamtvarianz, Darstellung der vier Faktoren; Erklärte kumulierte Gesamtvarianz = 65,2% 103

Tabelle 23: Qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring, Grundtechnik der Reduktionl04

1 Einleitung

Träume haben die Menschen seit jeher fasziniert, weil sie uns Nacht für Nacht in eine Welt versetzen, die wir als wirklich erleben und die wir erst nach dem Aufwachen als Phantasie erkennen, wenn wir uns denn überhaupt an sie erinnern (Borbély, 1998). Jeder träumt, und zwar mehrfach pro Nacht. Auch diejenigen, die behaupten, selten oder gar nie zu träumen, träumen! Träume sind überaus facettenreich, sie können vertraut oder fremdartig, emotional oder neutral, bunt oder grau, undeutlich oder klar, bruchstückhaft oder kohärent, bizarr oder alltäglich sein.

Was ist das Ziel dieser Forschungsarbeit, wozu dient sie? Die Ergebnisse können als Beitrag zur psychologischen Beratung angesehen werden, eventuell auch nützlich für Traumdeutung im psychotherapeutischen Kontext.

1.1 Problemstellung

Träumen, dieses erstaunliche Phänomen eines scheinbaren (oder doch irgendwie realen?) Er­lebens im Schlaf führen zu grundsätzlichen Fragen, die die Menschen schon immer bewegten: Warum träumen Menschen - welche Funktionen haben Träume? Was sagen Träume ganz konkret über einen Menschen und seine jeweilige Situation aus? Sind Träume hilfreich zur Bewältigung des Lebens generell oder des Alltagslebens? Träume sind schwer fassbar, weil sie ausschließlich aus subjektiven Erfahrungen und Empfindungen resultieren. Laut Leuzin- ger-Bohleber und Zwiebel (2002) ist Traumerfahrung „ein absolut subjektives Phänomen, das gleichsam nur aus der Innenperspektive vom Träumer selbst erlebt und beschrieben werden kann.“ (S. 5).

Mein Ziel ist es, durch diese Diplomarbeit - im theoretischen Teil aktuelle Interpretationsmodelle darzustellen und Kontroversen, die sie verursachen, aufzuzeigen, im empirischen Teil durch Befragung und Analyse der Antworten einen Einblick zu ge­ben, wie Auskunftspersonen im Alltag Träume erleben, was sie mit ihnen assoziieren und ob sie - direkt oder indirekt - davon Auswirkungen auf ihr Alltagserleben spüren.

1.2 Fragestellung

Folgende leitende Forschungsfrage, detaillierte Unterfragen wurden formuliert: Leitende Forschungsfrage

LF: „Welche subjektive Bedeutung haben Träume im Alltag?“

Detaillierte Forschungsfragen

DF1: „Welche Traumfiguren, Traumgeschehnisse und Traumsymbole kommen in Träumen vor und wie werden sie gedeutet?“

DF2: „Wie achtet man im Alltag auf Träume und welchen Einfluss haben verschiede­ne Arten von Träumen und ihre Interpretationen auf Entscheidungen in wichti­gen Lebenssituationen?“

DF3: „Lassen sich die Antwortenden zu Gruppen zusammenfassen? Wenn ja, wie oder durch welche Muster sind diese Gruppen gekennzeichnet?“

DF4: „Was sind die wichtigsten Faktoren, welche die Einstellung zu den Träumen im Alltagsgeschehen beeinflussen?“

1.3 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurde - nach einer Phase von Recherchen in der Fachliteratur über Theorien und Studienergebnisse zu Träumen - eine empirische Untersu­chung durchgeführt. Diese Untersuchung war grundsätzlich quantitativ angelegt, hatte aber auch qualitative Elemente enthalten. Befragt wurden Psychologie-Studi erende an der Alpen­Adria Universität Klagenfurt zu Einstellungen und Verhalten hinsichtlich ihrer Träume. Ent­sprechend diesem Ansatz erfolgte die Datenauswertung sowohl quantitativ (statistisch) als qualitativ (themen- und inhaltsanalytisch). Die Ergebnisse wurden - als Antworten auf die Forschungsfragen - unter dem Aspekt der drei vorgestellten theoretischen Ansätze dargestellt.

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert:

Nach der Einleitung (Kapitel eins) beschreibt Kapitel zwei die verwendeten Begriffe und stellt wichtige theoretische Ansätze, die seit 1900 diskutiert werden, vor. Dies sind psychoanalytische Ansätze, neurophysiologische Ansätze und psychologische Ansätze zum Träumen. Das 20. Jahrhundert war gekennzeichnet durch heftige Kont­roversen zwischen diesen drei Theoriengruppen. Diese Kontroverse wird kurz Umris­sen.

Kapitel drei erklärt das Forschungsdesign und die angewandte Methodik im Detail. Da Ergebnisse jeder Art auch durch die Art ihres Entstehens gekennzeichnet sind, werden die Elmstände der Datenerhebung aufgezeigt. Ebenfalls beeinflussen die verwendeten Methoden der Datenauswertung und -analyse die Ergebnisse. Daher wurde auch die Anwendung der einzelnen Modelle begründet und dargelegt. Die Beschreibung der re­alisierten Stichprobe bildet einen Übergang vom theoretischen zum empirischen Teil der vorliegenden Masterarbeit.

Kapitel vier präsentiert die Befragungsergebnisse. Die Daten werden hierbei hinsicht­lich der entsprechenden Thematik aufgrund der Forschungsfragen dargestellt. Kapitel vier lässt sich in zwei Teile aufgliedem: in Ergebnisse aufgrund quantitativer Daten und in Ergebnisse aufgrund qualitativer Daten (spontan gegebene Antworten auf offe­ne Fragen).

Der erste Teil besteht aus drei Elnterkapiteln: (1) Er beginnt in Form deskriptiver, be­schreibender Statistik und Abbildungen inklusive schlussstatistischer bivariater Er­gebnisse. (2) Es folgt eine Typenanalyse (Gruppierungs- oder Clusteranalyse), die die Träumenden in drei jeweils sehr ähnliche Gruppen unterteilt. (3) In einem weiteren Unterkapitel wird eine Faktorenanalyse auf Basis eines unterstellten Faktorenmodells spezifisch erhobener Variablen errechnet. Diese Faktorenanalyse reduziert die - vor­erst größere - Anzahl der Variablen auf vier wesentliche Einflüsse. Jedes dieser zwei letztgenannten Unterkapitel besitzt als Abschluss die Darstellung einer Überprüfung der Ergebnisse.

Der zweite Teil von Kapitel vier besteht aus der Dokumentation einer qualitativen In­haltsanalyse nach Philipp Mayring von spontan geschriebenen Antworten zu persönli­chen Meinungen, ohne bestimmte Subthemen vorgegeben zu haben. Freie Assoziatio­nen waren möglich und gefragt. Sieben Kategorien konnten analysiert werden. Ein methodischer Aspekt, der hierbei berücksichtigt wurde, war der einer Rahmentriangu­lation. Das heißt, die spontan niedergeschriebenen Antworten wurden in einer ersten Sortierungsphase nach den drei quantitativ ermittelten Gruppen (Typen) behandelt und dann erst strukturierend zusammengefasst. Eine Diskussion zu methodischen und in­haltlichen Ergebnis-Aspekten schließt dieses Kapitel.

Die Autorin dieser Arbeit ist der Auffassung, dass eine Verschränkung der wissenschaftlichen Diskussion in den Bereichen Psychologie, Psychoanalyse und Neurophysiologie - wie in Ka­pitel zwei beschrieben - nicht nur theoretisch fruchtbar wäre, sondern langfristig auch einen größeren Nutzen für Patienten im Rahmen von Psychotherapien hätte, überdies brächte dies den Vorteil im Alltagsleben, dass als Ergebnis eines solchen Zusammenwirkens Träume ver­ständlicher und zugänglicher werden für all jene, die über ihre Träume Staunen.

2 Verwendete Begriffe und theoretische Zugänge

Dieses Kapitel präsentiert eine Definition des Traumes und damit wesentliche Aspekte dieser Diplomarbeit. Es folgen historische und wissenschaftlich orientierte theoretische Ansätze zum Traumgeschehen.

2.1 Der Traum

Das deutsche Wort Traum kann vieles bedeuten: etwas Unwirkliches, eine verminderte Form des Bewusstseins, aber auch einen Wunsch oder etwas Wunderschönes im Sinne einer Lieb­lingsvorstellung. Eine universelle etymologischer Herkunft des indoeuropäischen Wortes Traum kann zwar nicht festgestellt werden, der Sinn von Wunsch- und Lieblingsvorstellung lässt sich jedoch im Altsächsischen als ,dröm’ in der Bedeutung von Jubel oder Freude finden (Seebold, 2011, S. 927). Aus persönlicher Sicht gilt der Traum als „das im Schlaf mit der Deutlichkeit von Sinneswahrnehmungen auftretende Erleben.“ (Becker-Carus 2014, S. 1688). Inhaltlich ist dieses Erleben oft mit lebhaften, gefühlsunterlegten Bildern und Szenen verbun­den, an die sich die Träumenden nach dem Erwachen nur mehr teilweise erinnern (vgl. eben­da).

Die Beschäftigung mit Träumen und ihre Erforschung haben eine lange Geschichte. Von den antiken Orakeln bis hin zu Sigmund Freud haben die Menschen drei große Fragen zu beant­worten versucht: Warum träume ich? Was sagen meine Träume über mich? Wie können Träume mir weiterhelfen? (vgl. Klein, 2015, S.13). Historisch gesehen veränderten sich die Antworten zu diesen Fragen.

2.2 Einige historische Auffassungen zum Traum bis zum Ende des 19. Jahrhun­derts

Die Auffassungen zum möglichen Sinn und Funktionen von Träumen waren vielfältig. Diese - seit Entwicklung der Schrift feststellbaren - historischen Ansichten und unterstellten Funk­tionen des Traumes umfassen nach Siebenthal (2013, S. 56-82) und Becker-Carus (2014, S. 1688) beispielsweise: eine praktische Bedeutung für das Alltagsleben (Babylon),

- kultische Funktionen und als Kanal für göttliche Offenbarungen (Altes Ägypten und jüdisch-hebräische Tradition),
- erste wissenschaftliche Erklärungsversuche (antikes Griechenland),
- Verwendung als Fundgrube für symbolische Analogien (europäisches Mittelalter),
- nach Immanuel Kant ein Spiel der Phantasie im Schlafe, welche die Lebenskraft erhält (vgl. Modes/Baumann, 1839, S. 181)
- die Auffassung, der Traum sei eine reine Halluzination und funktionsleerer und im Grunde unnützer Abfall des Gehirns (vgl. Binz, 1876, S. 23).

Im Folgenden werden einige historische Auffassungen von Träumen und Traumdeutung dar­gestellt. Diese Darstellung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

2.2.1 Mesopotamien: Astrologie und der Traum

Die Inschriften eines sumerischen Priesterkönigs namens Gudea von Lagasch1 benennen eine Traumgöttin und Prophetin: Nisaba. Dieser Name bedeutet nach Roscher, die den Sinn öffnet’ und ,die die Bedeutung der Zahlen kennt’ (1909, S. 1439). Diese letzte Übersetzung verweist auf die - mittels Beobachtung und Mathematik errechneten - Sternenkonstellationen, mithin auf Astrologie. Astrologie ist „ein in sich begründetes Weltbild mit einer langen Tradition [...] [die] als ein Residual der antiken wissenschaftlichen Religion gesehen wird, ein Abweg der Himmelsbeobachtung, der heute jede plausible Begründung fehlt“ (Schoener, 2011, S. 272). Astrologie wird als eine Lehre, die im Zusammenhang von animistischen Kräften und von vielen Göttern belebten Natur und Kosmos steht, gesehen (vgl. ebd.). Anfangs wurden die Sterne mit Göttern identifiziert, die Sterne galten als deren Verkörperung (ebd., S. 274). „Aus der Beobachtung des Himmels [= Sterne und Planeten] ließ sich erschließen, was sich in der Gesellschaft abspielte“ (ebd. S. 277).

Nisaba erscheint gemäß der oben erwähnten Inschrift dem Priesterkönig im Traum: „... den reinen Sehreibgriffel hielt sie in der Hand, eine Tafel mit den guten Stemzeichen trug sie und sann bei sich selbst nach." (Roscher 1909, S. 1439). Die „guten Stemzeichen“ sind als Kons­tellation von Sternen zu übersetzen. Sie seien günstig für das Vorhaben eines Tempelbaues. Gudea, der König, sieht hierbei im Traum sowohl der Göttin und Prophetin bei der Arbeit zu 'Um ca. 2500 v.Chr. (Roscher 1909, S. 1439) als auch erhält er das Ergebnis dieser Arbeit in Form günstiger Stemenkonstellationen. Das Fundament kann ทนท gelegt werden, denn der Grundriss stimmt mit der Schrift des Himmels überein (vgl. ebd.).

Basis hierfür ist ein Denksystem, wonach die Mesopotamier überzeugt waren, dass die Welt ihre Ursache nicht in sich selbst hat, sondern von überirdischen Mächten, welche die Welt geschaffen haben, abhängt (vgl. Bottéro 2012, S. 2). Diese Götter haben Pläne, und hie und da informieren sie die Menschen darüber mittels Weissagungen. Eine wichtige Art war die inspi­rierte Traumdeutung, ein Glaube an göttliche Traumoffenbarungen (vgl. ebd., S. 4). Der In­halt dieser Traum Offenbarungen musste jedoch überprüft werden. Für die Auslegung von Träumen gab es eigene Berufe, die sä’ilu. Das waren „Prüfer, Fragesteller, Forscher“ (Bottéro 2012, S. 6) . Diese Spezialberufe wurden oft von Frauen ausgeübt (vgl. ebd.).

Neben dieser inspirierten Traumdeutung gab es noch die der deduktiven Traumdeutung. Diese handelte nicht von göttlichen Botschaften, sondern von Träumen mit alltäglichen Inhalten, die jeder hatte oder haben konnte. Hier galten einfache Regeln: Erstens, wer träumte, war auch der Adressat des Traumes; zweitens, der Inhalt des Traumes, die Botschaft selbst, galt als ,kodiert’; sie musste daher, drittens, gelesen werden (vgl. Bottéro 2012, S. ๆ). Man benötigte daher auch hier für das Ausdeuten des Traumes wieder einen Spezialisten. Da diese alltägli­chen Träume aber von minderer Bedeutung waren, übten Frauen sie nur selten aus (vgl. ebd.). Ein Traumbild mit einer Datierung von rund 1.700 V. Chr. ist im Folgenden als Beispiel ange­führt:

Wenn ein Mensch, während er schläft, (träumt, dass) eine/die Stadt wiederholt auf ihn fällt, und Laute von sich gibt, ohne dass ihn jemand hört -

Mann: die Schutzgeister Lamassu und Sedu sind an seinen Körper gebunden.

Wenn ein Mann, während er schläft, (träumt, dass) eine/die Stadt wiederholt auf ihn fällt, und er Laute von sich gibt und jemand hört ihn:

(dann) ist ein übler Sedu an seinen Körper gebunden. (Bottéro, 2012, S. 7)

Dieser Traum ist aus heutiger Sicht als Albtraum zu klassifizieren. Er wird mittels zwei Deu­tungen eingeordnet: (a) Albträume, in welchen der Träumende ruhig bleibt, nicht stöhnt, etc. sind günstig, denn die Schutzgeister sind bei ihm; (b) Albträume, in welchen der Träumende jedoch stöhnt und laut wird, sind ungünstig, denn ein übler Geist ist bei ihm.

Alltägliche Träume, die mittels deduktiver Traumdeutung zu entschlüsseln sind, benötigen eine Übersetzung, was der Inhalt (der Kode) zu bedeuten hat. So entstanden universelle Traumschlüssel. Ein Auszug aus einem solchen Traumschlüssel ist Folgendes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Auszug aus mesopotamischen Traumschlüssel; Quelle: Bottéro, 2012, S. 8

Diese Traumschlüssel waren nach dem Hauptgegenstand wohl geordnet und wiesen eine hohe Detaillierung auf.

Fazit: Jahrhundertelange empirische Beobachtungen des Himmels in Form der Astronomie führen über Bewertungen und Deutungen (der Astrologie) zu einer Lehre, die sowohl den Tag als auch die Nacht (Schlafen und Träumen) animistisch-göttlich einheitlich durchdringen. Die Auflösung kodierter Botschaften erfolgte mittels Traumschlüssel (Traumbücher).

2.2.2 Das Klassifizieren des Traumes in der römischen Antike

Der Traum war in der griechischen und römischen Antike Objekt eines rationalen - aus heuti­ger Sicht bereits als wissenschaftlich zu bezeichnenden - Interesses und Betrachtens gewesen. Ein Hauptinstrument dieser antiken Vorgehensweise ist das Klassifizieren. Zwei grundsätzli­che Arten von Träumen wurden differenziert: (1) ein Traum, der keine Hinweise auf die Zu­kunft hat und (2) ein Traum, der den Träumenden auf die Zukunft verweist (vgl. Gärtner 1990). Bereits dieser ersten wichtigen Klassifizierung ist zu entnehmen, dass die Thematik Traum und Zukunft intensiv diskutiert wurde. Im Hintergrund dieser Thematik Stand die Fra­ge, ob in Träumen übernatürliche Zugänge möglich sind. Träume der Kategorie (1), zu denen auch der Halbschlaf (fantasma) gezählt wurde, sah man daher als uninteressant an- ihnen wurden psychische oder psychosomatische Ursachen unterstellt (vgl. ebd.).

Weil sie auf besonderes Interesse stießen, wurden Träume der Kategorie (2) in drei Unterka­tegorien eingeteilt:

(a) Insomnium oder somnium, ein symbolischer Traum, der zu deuten ist,
(b) Visio, ein Traum, der deutlich das Kommende anzeigt,
(c) Oraculum, ein Traum, in welchem eine Person auftritt, die ankündet, erklärt oder be­fiehlt bzw. ein Traum, in welchem Bilder auftauchen, die offenbar als außerhalb des Träumenden existierend angesehen werden (vgl. Macrobius 1990,13, S. 2 ff)

Die Wichtigkeit der Träume (a) bis (c) in der Antike zeigt sich auch darin, dass diese Träume in der antiken Literatur - hierbei im Besonderen im Epos - verbreitet waren. Voraussetzung dafür war, dass die Träume in der Regel als von den Göttern gesandt angesehen wurden. Die angezeigte Zukunft galt daher als nicht bezweifelbar.

2.2.3 Göttlich inspirierte Traumvisionen im christlichen Mittelalter

Nach David Ganz ist das zentrale Thema der mittelalterlichen christlichen Theologie und Frömmigkeitspraxis die Unterscheidung zwischen dem äußerlichen körperlich basierten Se­hen (der oculus carnis, Blick des Fleisches) und dem innerlichen, seelisch basierten Sehen (oculus cordis, Blick des Herzens) (vgl. 2006, S. 114). Nur dem oculus cordis gelingt es, irdi­sche Grenzen zu überschreiten, visionäre Erfahrungen zu erleben im Sinne göttlicher Offen­barung. Nicht zuletzt bedingt durch den weit verbreiteten Analphabetismus gab es ein Be­dürfnis, erhaltene oder erzählte Visionen nicht nur in Worten, sondern auch durch Bilder dar­zustellen und zu verbreiten. Hierbei ging es weniger um eine realistische Darstellung des im Traum Gesehenen, sondern vielmehr um ein inhaltliche Gesamtdarstellung, die wesentliche Elemente der Gesamtthematik (auch solcher, die nicht im Traum gesehen wurden) enthielt, (vgl. ebd.). Der spezifische Ort des visionären Traumgeschehens ist das Bett (vgl. ebd., S. 115). Ein typisches Beispiel ist der Traum des biblischen Jakobs von der Himmelsleiter (vgl. Biblioteca Vaticana, Barb Lat. 4406, fol. 40, zit. ท. Ganz, 2006, S. 116). Das zugrundeliegen­de Sujet dieser Bilder ist dreifach und bleibt über viele Jahrhunderte gleich: Der liegende

Traumempfänger, der Traumbote und das eigentliche Traumbild (vgl. Ganz, 2006, S. 116). Systematische Abgrenzungen dieser drei Elemente voneinander sind selten zu sehen; sie wür­den auch der angenommenen inneren Wahrheit und Geschlossenheit des Traumgeschehens nicht entsprechen. Bisweilen wird der Träumer als von einer Art Traumkapsel umgeben dar­gestellt. (vgl. ebd., S. 117). Es gilt: „cubile nostrum est cor nostrum (,'Unsere Bettstatt ist un­sere Herz’)“(ebd., S. 118). Dieses paradoxe Nebeneinander von äußeren und inneren Perspek­tiven wird als göttliche Perspektive aufgefasst, eine Perspektive, für die diese Paradoxie nicht vorhanden ist (vgl. ebd.).

Im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts wird die innere Schau des Visionärs jedoch wichtiger. Hier liegen ทนท schwerpunktmäßig Inhalt und Reflexion des Traumes eng beieinander (vgl. Ganz, 2006, S. 122). Bilderzählerisch wird dennoch die Gesamtthematik beibehalten, indem die Vorgeschichte des Traumes ausgelagert wird in ein vorheriges Bild. Es entstehen somit Bilderfolgen. Als Beispiel sei die Marter des Apostels Johannes in heißem öl genannt (vgl. Johannes vor Domitian - die ölmarter des Johannes; Apokalypse, um 1255/1260: öuelle: Los Angeles, Paul Getty-Museum, Ms. Ludwig III. 1 (83.MC.72), fol. Ir; zit. ท. Ganz, 2006, S. 123)..Diese Darstellung der Marter ist der Auftakt zum folgenden Visionsgeschehen. Ohne diese Vorgeschichte, die eine Art Rahmenhandlung bildet, wäre erstens die spätere Vision nicht verständlich gewesen und zweitens ist ทนท der volle Raum eines Bildes dem Traum Vor­behalten. Traumbilder können so überwiegend auf die eigentliche Traumvision konzentriert bleiben. In einem zweiten Bild wird Johannes auf wundersame Weise errettet (vgl. Der ver­bannte Johannes wird auf die Insel Patmos gebracht; Apokalypse, um 1255/1260: Ouelle: Los Angeles, Paul Getty-Museum, Ms. Ludwig III. 1 (83.MC.72), fol. lv; zit. ท. Ganz, 2006, S. 124). Die Errettung des Heiligen erfolgt durch Abschieben auf eine einsame Insel. Diese Insel jedoch ist kaum real, sondern Johannes befindet sich in einer großen Luftblase. Ort oder Details sind - traumtypisch - nicht erkennbar. Der Träumende steht klar im Zentrum des Bil­des. Johannes wird in gelöster körperlicher Verfassung - als Hinweis auf die körperliche Ba­sis des Schlafens - dargestellt (vgl. Traum des Johannes auf Patmos Apokalypse, um 1255/1260: Ouelle: Los Angeles, Paul Getty-Museum, Ms. Ludwig III. 1 (83.MC.72), fol. 2v; zit. ท. Ganz, 2006, S. 125). Nach Ganz kann diese Reise beziehungsweise Verbannung so aufgefasst werden, „dass sie metaphorisch lesbar wird als Reise von der äußeren in eine inne­re, imaginäre Welt.“ (2006, S. 125). Diese innere, imaginäre Welt wird dynamisch beherrscht von einem Engel, der die göttliche Botschaft überbringt. Der Traum ist ทนท die göttliche Pro­jektionsfläche (vgl. ebd., S. 126). Noch verstärkt wird diese Symbolik durch die umgebenden Elemente dieser Szene. Gegenüber der Leere innerhalb der Traumblase der ersten Szene ist ทนท erkennbar, dass die Insel jetzt von sprießenden Pflanzen und sich bewegenden Tieren belebt ist. Patmos ist lebendig geworden, nicht zuletzt durch die göttlichen Eingebungen im Traum.

2.2.4 Die Rezeption rationaler aristotelischer Auffassungen in Europa

Für die einander abwechselnden, oft gegensätzlichen Erklärungsversuche von Träumen sei als Beispiel die Rezeption der ,neuen’ physiologisch begründeten Lehre des Aristoteles in uni­versitären Kreisen im Paris des 13. Jahrhunderts. Diese Lehre vom Träumen, die durchaus eine gewisse mögliche Prophetie im Schlaf nicht ausschloss, trat in einen erheblichen Konflikt mit der bisherigen christlichen Auffassung, dass göttliche Offenbarungen mittels Visionen in Träumen möglich und real waren (vgl. Lerner, 1995, S. 35). Der Ansatz von Aristoteles hin­gegen war grundsätzlich rational und empirisch-beobachtend begründet.

Im Buch II seines Werkes ,über die Seele’ versucht er, die Seele zu bestimmen. Nachdem er davon ausgeht, dass das Wesen einer Sache aus Materie und Form bestehe, sieht er Materie als „Potenz/Möglichkeit“ , die Form aber als „Vollendung“ an (vgl. 412a). Die Vollendung wiederum ist zweifach: einerseits Wissenschaft, andererseits Betrachten (ebd.). Und setzt fort: „Mit dem Dasein der Seele gibt es auch Schlaf und Wachen. Das Wachen ist analog dem Be­trachten, der Schlaf dem Besitzen, ohne Bestätigung“ (ebd.). Die Vollendung der Seele be­steht also aus Wachen und Schlafen. Der Schlaf wird nach Aristoteles daher als eine wesentli­che Eigenschaft des menschlichen seelischen Daseins angesehen.

In seinem Werk ,Physik. Vorlesungen über die Natur’ geht Aristoteles axiomatisch davon aus, dass im Körper viele Veränderungen ausgelöst werden durch die Umgebung, von denen dann einige Denken oder Begehren in Bewegung setzen, die dann nunmehr das ganze Lebewesen zu einer Handlung veranlassen, wie es beim Schlaf sich ja so ereignet: Da ist zwar kein Bewe­gungsanstoß auf Grund von Wahrnehmung vorhanden, dennoch ist irgendeiner da, und die We­sen wachen wieder auf. (253a)

Aristoteles nimmt also grundsätzlich an, dass auch das Geschehen im Schlaf durch Anstöße aus der Umgebung ausgelöst wird; diese Anstöße führen teilweise über rationales Denken oder emotionale Wünsche zu Bewegungen’ im Schlafe. Diese Bewegungen’ jedoch erleiden auch Veränderungen. Dies gilt, auch wenn wir nicht merken, dass wir eine vollzogen haben; dann scheint uns keine Zeit vergangen zu sein, so wie ja Mythen erzählt werden von denen, die auf Sardinien bei den Heroen schlafen: Ihnen fehlt auch die Zeit, wenn sie wieder aufgewacht sind; sie verknüpfen nämlich dem früheren Jetzt das spätere und machen daraus ein einziges wobei sie infolge ihrer Empfindungslosigkeit die Zeit dazwischen weglassen (218b).

Aristoteles spricht hier - wenn auch deutlich abstrakter - einen ähnlichen Sachverhalt an wie Freud in seinem Weckergleichnis (vgl. 2010, S. 17); siehe auch Seite 30 dieser Masterarbeit. Aristoteles wird in seinem Werk ,über Schlafen und Wachen’ noch deutlicher. Er findet es absurd, prophetische Träume als von Göttern gesandt anzusehen (462b). Er begründet dies unter anderem damit, dass jene Personen, die sehr viel träumen, oft nicht „die besten und klügsten“ seien (ebd.). Wären Träume tatsächlich ein Weg, zukünftige Ereignisse zu enthül­len, so wäre dies „bei Tageslicht und gegenüber gescheiten Menschen“ (464a) geschehen.

Aristoteles erklärt in der Folge, warum es dennoch dazu kommen könne, dass prophetische Träume wahr werden können. Er meint: „Wenn du nur viele Würfe machst, muss sich dein Glück wenden“ (463b). Aus heutiger Sicht würde man das den statistischen Ansatz nennen. Aristoteles allerdings spricht Träumen durchaus eine gewisse Wichtigkeit zu. Dies geschieht in zweifacher Weise: (1) Träume werden dann zur Ursache von Ereignissen, wenn die vom Traum befangenen Menschen in der Folge entsprechend handeln; (2) Träume melden Krank­heiten frühzeitig, weil eben während des Schlafes und ohne äußerer Sinneseindrücke der Kör­per innere Sinnesbotschaften besser erkennen kann (vgl. Lemer 1995, S. 10-11).

Die Wiederentdeckung des Aristoteles durch westeuropäische Gelehrte im dreizehnten Jahr­hundert hatte einen wichtigen Einfluss auf die Geistesgeschichte der folgenden Jahrhunderte. Als Ergebnis kann insgesamt festgehalten werden: die rein physiologische begründete Natur­lehre von Aristoteles wirkt gleich einer „Französischen Revolution“ (Lerner, 1995, S. 6) auf das Denken und die Diskussionsinhalte der christlich geprägten ersten europäischen Universi­tät. Es folgten heftige Kontroversen und Angriffe auf diese aristotelische Auffassung. Den­noch kann festgehalten werden: „Aristoteles’ Naturphilosophie blieb nicht nur in Paris im Zentrum des Curriculums, sondern in ganz Europa bis zum sechzehnten Jahrhundert.“ (Ler­ner, 1995, S. 34). Mit dem Ergebnis, dass „Generationen von gebildeten Westeuropäern eine streng naturalistische Interpretation des Kosmos vermittelt wurde“ (ebd.).

2.2.5 Anthropologische Konzepte von der Antike bis zur Neuzeit

Aristoteles hatte somit als erster in Europa Träume auf Eindrücke der Sinne vom Tag zurück­geführt. Das anthropologische Weltbild wurde über mehr als zwei Jahrtausende bestimmt durch die Auffassungen der griechischen Ärzte Hippokrates und Galen, die die verschiedenen Temperamente, den Stoffwechsel, die Gesundheit beziehungsweise Krankheit des Menschen auf ein Konzept der Mischung von Säften zurückführten, die Vier-Säfte-Lehre. Das „unglei­che Mischungsverhältnis der Körpersäfte (Blut, gelbe und schwarze Galle, Schleim) ist die Ursache aller Krankheitserscheinungen.“ (Eckart, 2001, S. 71). Eingewoben in diese Konzep­tion waren überdies die platonische Seelenlehre und die Lehre von den Zweckursachen des Aristoteles (vgl. ebd.). Darauf fußte überdies eine Charakterlehre, die bis ins 20. Jahrhundert hinein wirkte - etwa die Charaktertypen nach Kretschmer, die grundlegend sein sollen für das Verhalten und auftretende Psychopathologien (vgl. etwa Ellis et ak, 2009, S. 180).

Da die Mischung der Säfte und die entsprechenden Charaktertypen als Spiegel aller körperli­chen und seelischen Erscheinungen sowohl bei Tag als auch Nacht fungierten, war plausibel, dass „Choleriker angeblich bevorzugt von Feuerstürmen träumen, Melancholiker von dunklen Einöden, Phlegmatiker von Wasser und Schiffen, Sanguiniker von Tänzen und fröhlichen Mahlzeiten.“ (Kosenina 2008, S. 179). Erst im 18. Jahrhundert wurden neue anthropologische Ansätze entwickelt, so zum Beispiel vom populären deutschen Mediziner Johann August บท- zer. Er publizierte 1746 ,Gedancken vom Schlafe und denen Träumen’ (Nachdruck: 2004). Hierin geht er der Frage nach, ob der Mensch im Schlafe Vorstellungen habe.

Seinen Ansatz könnte man als Mittelweg zwischen Hauptströmungen damaliger Philosophie und Medizin ansehen. Diesen Mittelweg legt Unzer zwischen den Ansichten des Philosophen René Descartes, wonach alle Lebensgeister im Wachzustand benötigt und verbraucht werden (also absolut nichts mehr für ein Seelenleben im Schlaf übrig bleibt) und der Säftelehre. Be­züglich der Säftelehre meinte er, dass es nicht gänzlich verbrauchte Nervensäfte geben müsse. Unzer geht dabei einen Weg, der aber auch gegen beide Lehrmeinungen gerichtet ist. Er schreibt: „Ich bin auf der Seite der Metaphysickverständigen und Artzneygelehrten: aber bey­den bin ich auch einigermassen entgegen.“ (2004, S. 5). Und setzt später fort: „Es giebt nicht mehr als zwey Wege, wodurch wir zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen. Einer ist die Ver­nunft, und der andre die Erfahrung;“ (ebd., S. 7). Und bringt schließlich eine alltäglich und von jedemann zu machende Beobachtung auf den Punkt:

Es kommt also alles darauf an, daß erwiesen werde, wir haben im Schlafe willkührliche Bewe­gungen: und als denn wird man auch die dunckeln Vorstellungen zugeben müssen. Was ist also wohl leichter als einen Beweis von dieser Sache zu liefern? (linzer, 2004, S. 9)

Es tut sich also etwas im Schlaf. Hier ist nicht nichts, wie Descartes meinte. Unzer folgend treiben Tagesreste auf Basis der Nervensäfte des Nachts ihr Unwesen in Gestalt von Träumen. Seine Überlegungen: Wenn der Mensch tätig ist, braucht er Nervensaft. Falls dieser aufge­bracht ist, müsse er schlafen. Jedoch ist die Natur doch so grausam nicht gewesen, daß sie es mit der Bezahlung so genau genommen hätte. Wir behalten allemal noch einigen Vorrath vom Blute und also auch von Nervensafte, oh- nerachtet wir uns bewegen und dencken. Aber dieses ist auch eben die Ursach, warum wir nicht nöthig haben, vollkommen zu schlafen.(Unzer, 2004, S. 18)

Die Natur, meint Unzer, sei eben kein ökonomisches Geschehen im Sinne einer exakten dop­pelten Buchführung. Daher träumen die Menschen. Auch bei ihm ist die Verbindung der Säfte vor allem mit dem Blut deutlich erkennbar.

Wie jedoch aus diesen von der Natur übersehenen Tagesresten des Nervensaftes Träume ent­stehen, darauf geht Unzer nicht ein. Im 18. Jahrhundert rücken psychische Kategorien ver­mehrt in den Fokus der wissenschaftlichen Diskussionen. Im Falle des Traumes ist es die Ka­tegorie der Einbildungskraft oder Imagination oder Dichtung. Immanuel Kant beispielsweise schreibt in seinem anthropologischen Nachlass unter dem Titel ,Von der unwillkürlichen Dichtung im gesunden Zustande, d.i. vom Traume / § 37’:

Das Träumen scheint zum Schlafen so notwendig zu gehören, daß Schlafen und Sterben einerlei sein würde, wenn der Traum nicht als eine natürliche, obzwar unwillkürliche Agitation der inne­ren Lebensorgane durch die Einbildungskraft hinzukäme. (1917, S. 189)

Diese Dichtung oder Imagination stellte man sich wie rasch sprießendes Gras, das erdichtet aus dem Boden des Gehirns wächst, vor. Manche Bilder zeigen Menschen, aus deren Köpfen wolkige Schleier fantasievoller Figuren knospen (Beispiel: Jean-Baptiste Boudard, Kupfer­stich aus seiner Iconologie tirée de divers auteurs (1766); zit. ท. Kosenina, 2008, S. 181)

Ein Modell für Traumursachen bietet Karl Friedrich Pockels (1757-1814), ein öffentlich­keitswirksamer philosophischer Schriftsteller. Er meint, dass die Einbildungskraft im Schlaf die dominierende seelische Kraft sei, wodurch der Mensch dem Spiel der Phantasie ausgesetzt sei (vgl. 1787, S. 94). Diese seelischen Geschehnisse seien bar jeder Kontrolle durch Vernunft oder Moral:

Mangel an alle Scham, wilde Affecten, Verachtung religiöser Gegenstände, Blasphemien, und andre abscheuliche Gedanken und Empfindungen, die uns im Wachen nicht beunruhigen, be­merken auch die vortreflichsten Menschen an sich, wenn sie träumen. Ich glaube, alles rührt da­her, weil die Seele vermöge der fast allein herrschenden Einbildungskraft [...] so hin gerissen wird, daß sie sich die Gründe der Moralität nicht mehr deutlich vorstellen kann. (Pockels, 1788, S. 85)

Diese Textstelle ist seinem Essay psychologische Bemerkungen über Träume und Nacht­wandler’ entnommen. Pockels zeigt sich hier als typischer Vertreter der Aufklärung, der Be­obachtungen und Vermutungen von Bewertungen trennt.

2.2.6 Zwischenfazit

Die vorhergehenden Darstellungen sind keinesfalls vollständig. Sie sollen nur einen Eindruck vermitteln, was Menschen der nahöstlichen und europäischen Kultur der letzten 4.000 Jahre an verschiedenen Auffassungen von Träumen und entsprechenden Traumdeutungen entwi­ckelt hatten. Durchgehend zeigt sich an den Beispielen, dass die jeweiligen Konzepte vom Kosmos und der Welt - seien sie animistisch-astrologisch, göttlich inspiriert, physiologisch oder psychologisch orientiert - konsequent auf Träume angewendet wurden. Diese Konzepte sind nicht nur von rein historischem Belang, einige Elemente wie Astrologie oder das Poten­zial zur Vorhersage der Zukunft in Träumen finden sich in modernen neureligiösen Auffas­sungen wie den unterschiedlichen esoterischen Strömungen wieder.

Die folgenden Abschnitte wenden sich ทนท den theoretischen Ansätzen im Sinne moderner Wissenschaft zu. Von den meisten Autoren wird die Veröffentlichung von Traumdeutungen von Sigmund Freud 1900 als eine Wende in den Auffassungen zu Träumen angesehen, denn Freud verknüpfte explizit den Traum mit der persönlichen Lebens- und Alltagsgeschichte des Träumenden, wie das folgende Kapitel zeigt.

2.3 Theoretische Ansätze und Traumforschung seit 1900

Die moderne Traumforschung wird mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts und der Veröffentli­chung von Sigmund Freuds Traumdeutung gleichgesetzt. Im 20. Jahrhundert etablieren sich zusätzlich zu den psychoanalytischen Ansätzen vor allem neurophysiolOgi sehe und psycholo­gische Traumforschungskonzepte.

2.3.1 Psychoanalytische Ansätze

Sigmund Freud sorgt bis heute mit seinem 1900 erschienenen Werk „Die Traumdeutung“, für viele Diskussionen, auch innerhalb der Neurowissenschaften. Für Freud drücken sich im Traum unbewusste Wünsche aus, die durch einen psychologischen Mechanismus zensiert werden, damit der Träumende nicht aufwachen muss. Damit wird der Traum zum „Hüter des Schlafes“.

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, entwickelte einen eigenen Ansatz und verdeutlichte ihn in der Traumdeutung (Erstveröffentlichung 1900). Freud geht davon aus, dass Träume deutbar sind, denn Träumen ist für ihn nicht nur ein rein somatischer Akt (vgl. 1914, S. 74). Er lehnt die symbolische Traumdeutung in Form von Chiffrierbüchern jedoch ab (vgl. ebenda, S. 76), sondern will die „ungewollten Vorstellungen“ zu „gewollten“ machen (ebenda, S. 78). Hierzu nutzt er nicht den ganzen Traum, sondern Teile davon, indem er sie der Methode der freien Assoziation in Form der Selbstbeobachtung des Träumenden unter­wirft (vgl. ebenda, S. 80). Im Anschluss werden die Traumteile zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt. Der Traum gilt für Freud als eine Form des Erinnerns und kann so als zent­raler Zugang (als via regia, Königsweg) zum Unbewussten verwendet werden. Dieser Zugang kann daher für therapeutische Prozesse genutzt werden: „Die Traumdeutung aber ist die Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben. Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunder­barsten und allergeheimnisvollsten Instrumentes [...]“ (Freud, 1914, S. 472).

Sigmund Freud nimmt eine verborgene Bedeutung des Traumes an (vgl. 1914, S. 73). Um diese aufzufinden, wurden seiner Meinung nach bis dato zwei gängige, im Alltag übliche Me­thoden angewendet - die symbolische und die Chiffriermethode. Beide Verfahren sind gemäß Freud unzulänglich:

[...]

Details

Seiten
112
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668467743
ISBN (Buch)
9783668467750
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367325
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Psychologie
Note
1
Schlagworte
Traumdeutung Wunschträume Angstträume Alltagssituation

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Titel: Die subjektive Bedeutung von Träumen im Alltagsgeschehen. Psychologische und psychoanalytische Traumdeutungen