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Das Koma in Malgorzata Saramonowicz’ Roman „Die Schwester“

Die Erzählintention anhand der Erzählstrategie und Intertextualität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paratextuelle Betrachtungen
2.1. Die Stimme Marias
2.2. Die Botschaften des Kakerlak
2.3. Die Außenperspektive des Erzählers

3. Intertextuelle Räume im Roman
3.1. Kritik als Ansatz für die intertextuelle Interpretation
3.2. Intertextuelle Spurensuche
3.3. Diskurse im intertextuellen Universum
3.3.1. Die Differenz zur Schrift
3.3.2. Mythologische und biblische Adaptionen
4. „Die Schwester“ und „Die Verwandlung“ eine Annäherung
4.1. Der Kakerlak und das Ungeziefer
4.3. Der Apfel der Erkenntnis

5. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Das Koma als Grenzgebiet zwischen Leben und Tod ermöglicht keine ausschließliche Beschreibung der Innenperspektive zur Darstellung der tatsächlichen Disposition des Bewusstseins. Dieser Umstand rückt die fiktionale Beschreibung nicht nur in den Vordergrund, sie eröffnet ihr gleichermaßen die Option zur Erprobung ihrer Ressourcen. In einer literarischen Nomenklatur aus drei Erzählstimmen tangiert Malgorazata Saramonowicz jenen Zustand, der sich den Forschungsgebieten der rationalen Wissenschaften wie Medizin und Philosophie weitgehend verschließt. Ihr Debutroman „Die Schwester“ regt, als zeitgenössisches postmodernes Werk mit seiner symbolhaften Sprache, zur Dechiffrierung an. In der vorliegenden Arbeit soll zunächst die erzähl-theoretische Analyse bedient werden um den Roman in seiner Vielschichtigkeit zu untersuchen. Hierbei werden die ersten Impulse zur Decodierung von der paratextuellen Ebene des Werkes geboten. Der Raum des Romans konstituiert sich aus den Differenzen, die sich aus den Positionen der Erzählstimmen konstituieren. Das Koma findet eine Beschreibungsweise indem es in einer Außenperspektive und einer verdoppelten Innenperspektive gespiegelt wird.

In einem weiteren Schritt soll die innere Verweisstruktur im Roman untersucht werden. Um die Charakteristiken der Erzählstimmen auszudifferenzieren sollen die intertextuellen Verweise in Zusammenhang mit der jeweiligen Stimme gesetzt werden. Die Analyse soll die Erzählintention des postmodernen Romans, in dessen Zentrum die Komapatientin Marie steht, unter der symbolischen Ebene tangieren. Abschließend sollen die herausgefilterten Attribute exemplarisch anhand der Interpretation der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka im Roman nachvollzogen werden. Die Differenzierungen in der vorliegenden Arbeit legen die Verschriftlichung des Zustands Koma in Saramonowicz’ Roman als ein literarisches Instrumentarium offen. Aus der Vorgehensweise soll eine Konkretisierung der Erzählintention hinter dem Motiv Koma resultieren.

2. Paratextuelle Betrachtungen

Der paratextuellen Blick auf .Malgorzata Saramonowicz’ Roman eröffnet erste Erschließungsmöglichkeiten. Der Titel „Die Schwester“ verweist bereits auf eine programmatische Polysemantik, die den Text charakterisiert. Die Schwester als Verwandtschaftsgrad verweist auf den Bruder, der den Missbrauch verübte. Dieser Inzest bildet das Geheimnis, auf dessen Enträtselung sich die Handlung des Romans zubewegt. Der Titel ist als Hinweis auf den Schlüssel des Gesamttextes zu verstehen, insofern er als Indiz auf den Status der Schwester als den Urgrund des Zustandes Marias fungiert.[1]

Des weiteren wird durch den Titel die intertextuelle Lesart angedeutet, die durch das Motiv des Kakerlak in die Gedankenwelten Franz Kafkas weiterführt, der in seiner Erzählung „Die Verwandlung“ gleichsam eine Geschwisterbeziehung in den Vordergrund stellt. Dieser Bezug wird von der Dissertationsarbeit Marias konstituiert, die als intradiegetische Erzählebene in die Rahmenhandlung eingewoben ist.[2] Mit dem Titel wird gleichsam auf das Berufsfeld der Krankenschwester und somit auf die Rolle der Frau in der Krankenpflege hingewiesen. Auf diese Weise wird der medizinische Diskurs um das Koma tangiert.[3]

Insbesondere die Rezensionen, die als Spiegel der Reaktion auf den zeitgenössischen Roman dienen müssen, wird die religions- und gesellschaftskritische Erzählmotivation der Autorin betont.[4] In diesem Zusammenhang ist der Romantitel in der Doppelbödigkeit der stark religiös geprägten Gesellschaft zu lesen, auf deren Kritik im späteren Verlauf vertiefend eingegangen werden soll.

Dem Roman liegt eine narratologische Komposition aus drei Erzählstimmen zugrunde. Im Textbild sind sie mit unterschiedlichen Schriftgraden voneinander abgehoben. Im Grenzbereich zwischen auktorialer und paratextueller editorischer Erschließungs-möglichkeiten und von der Annahme ausgehend, dass jede Darstellungsweise mit einer Charakteristik der Stimme konnotiert ist, die sie beschreibt, wird eine Einschätzung der Sprecherfigur über die Form möglich.[5] Die Stimme der schwangeren Maria schwebt in der Ebene des kursiven Druckes und weckt beim Leser die Assoziation von Hilflosigkeit und Verzweiflung. Die Form in der ihre Stimme auf dem Papier fixiert ist vermittelt eine Ferne, die auf den Zustand des sich im Koma befindlichen Bewusstseins deutet.

Sehr direkt und unmittelbar im Vergleich zu der zarten weiblichen Stimme tritt dasjenige Wesen in den Vordergrund das sich als „Ritter in der schwarzen Rüstung“(S.9) präsentiert. Die Penetration Marias wird im Text durch den Fettdruck übertragen. Diese Präsenz dominiert das Papier und triumphiert optisch über den fragilen Kursivdruck. Nüchtern in der Funktion der Außenperspektive meldet sich der Erzähler auch optisch im regulären Format. Während die beiden anderen Stimmen im Präsens formuliert sind und unmittelbar gegenwärtig zu sein scheinen beschreibt die dritte Erzählstimme die Hergänge in der Außenwelt chronologisch und im Präteritum. Durch ihre quantitative Überlegenheit im Text wird sie zur erzählerischen Autorität. Indem sie die Handlungs-entwicklung narrativ entfaltet integriert sie die beiden anderen Stimmen sinnhaft in den Verlauf. Erzählt wird chronologisch über einen Zeitraum zwischen acht oder neun Monaten. Die Handlung beginnt als Maria bereits drei Wochen im Koma liegt(S.5f).[6] Die Zeitspanne verteilt sich auf neun Kapitel, die nur nummerologisch überschrieben sind. Die Handlung läuft parallel zur Schwangerschaft ab. Dennoch erstreckt sie sich weit in die Vergangenheit, in die Jakub immer weiter vordringt. Zeitgleich mit Marias Tod und der Geburt der gemeinsamen Tochter löst Jakub das Rätsel um den Missbrauch seiner Frau. In der Zeit zwischen dem sechsten und ihrem sechzehnten Lebensjahr wurde sie zum Opfer des Missbrauchs der von der Mutter initiiert und vom Bruder ausgeführt worden war.[7] Die Dauer in der erzählten Zeit konstituiert sich hauptsächlich aus der Abbildung innerer Gemütszustände und Monologe Jakubs, während Geschehnisse in der äußeren Welt des Romans häufig in Form von Raffungen[8] geschildert werden. Aus dieser Kombination ergibt sich ein insgesamt schnelles Erzähltempo. Die Wirkung der multiperspektivischen Erzählweise auf den Gesamttext kommt deutlich zum Tragen wenn alle drei Erzählstimmen auf dasselbe Motiv Bezug nehmen. So wird ein Gedanke, eine innere Rede Jakubs(S.8), zunächst von der Erzählstimme der Figur Marias und im Anschluss von der Stimme des Kakerlaks aufgegriffen(S.11). Auf diese Weise wird verdeutlicht, dass neben dem omnipräsenten Insekt auch die komatöse Maria Zugang zu der Gedankenwelt, der die Außenwelt darstellenden Stimme hat. Dieser gemeinsame Zugang deutet auf eine Bewusstseinsebene an der alle drei Erzählperspektiven partizipieren. Im Folgenden sollen die drei Erzählzählstimmen jeweils in den Kategorien Zeit, Modus und Stimme untersucht werden.

2.1. Die Stimme Marias

Ihre Worte sind in Monologform an die Ärzte(S.59), ihren Mann, ihr Kind und an die körperlose Stimme gerichtet. In dem multiperspektivischen Text ist die Erzählinstanz Maria, die einzige weibliche Figur. In der Form wie sie sich von den anderen Stimmen abhebt, lässt die Frage nach genderspezifischen Fragen an Kontur gewinnen.[9] Im Gegensatz zu der sachlichen und der bedrohlichen Erzählstimme wirkt sie passiv und zurückgezogen. Der Aktivismus der anderen Erzählinstanzen hebt sich deutlich von diesem passiv weiblichen Erzählgestus ab. Da der Titel auf sie verweist und sich auch die beiden anderen Stimmen stets in einer Abhängigkeit zu dieser Figur befinden, ist der Leser geneigt Maria als Protagonistin des Romans zu identifizieren. Als Handlungsführender dominiert jedoch ihr Mann Jakub den Text. Seine Frau, ihre Situation und ihr Geheimnis sind die Folie auf der sich die Geschichte zuträgt. Die Darstellungen der Ich-Erzählerin kongruierten mit einer gegenwärtigen Zustands-beschreibung, im Präsens. Dadurch werden die Qualen der Figur veranschaulicht. Ihr Zustand resultiert aus traumatischen Erfahrungen, die das Individuum in einem Maße überfordern, dass es in einem diffusen Moment zwischen Leben und Tod gefangen bleibt.

Maria kommt gleichsam mit Briefen zur Sprache mit denen die Gegenwart der Handlung aus der Vergangenheit beeinflusst wird.[10] Im Gegensatz zu den körperlosen Äußerungen im Text erreicht das Medium Brief seinen Empfänger und ermöglicht eine Kommunikation über die Zeitebenen. Im Gegensatz zu den anderen schriftlichen Spuren wie Marias Dissertation[11] und die Krankenhausakten[12] sind die persönlichen und ihre handschriftlichen Unterlagen im gleichen kursiven Schriftgrad abgedruckt wie ihre Sprachmeldungen. Dieses Überfließen der Zeiträume innerhalb des Romans kommt bereits in der ersten Sequenz, die zugleich den Auftakt des Textes bildet zum Tragen.

„Geht weg. Was wollt Ihr? Ihr glotzt ich höre Euch. Es wirbelt so. Wieder rundherum. Haltet lieber an. Haltet ganz einfach an. Man darf mich nicht berühren. Im Kreis, im Kreis. Sie klatschen in die Hände. Jungen, Mädchen. Das Karussell wartet. Immer schneller. Schneller. Es ruft uns von weitem. Wann wird es geschehen? Gestern? Vor langer Zeit. Vor sehr langer Zeit. Zwischen den Minuten. Zwischen den Buchstaben. Ich zerrinne.“ (S.5)

Maria scheint die Zeit zu relativieren, indem sie ihre Einheit in Frage stellt um sie dann in der Schrift zu verorten in der sie sich selbst aufzulösen scheint. Die Äußerungen der Erzählstimme Maria verfolgen keine eigene Ordnung. Sie bewegen sich in der Vergangenheit und in der Zukunft. Die Erzählstimme funktioniert im Leseprozess als geheimnisvoll poetische bis hin zu gespenstischen Einschüben in die Rahmenerzählung.[13] Die Zeitlosigkeit versinnbildlicht den Zustand des Komas, in dem die Kategorien Raum und Zeit nicht zu bemessen sind. Die Dauer des Erzählten lässt sich nur in Abhängigkeit zur Erzählstimme des Erzählers und den Ablauf der Schwangerschaft bemessen. Da die Erzählstimme in kontinuierlichen Wellen über den Text kommt und den Missbrauch in verschiedenen Symbolen und sprachlichen Bildern thematisiert, bringt sie ein Dynamik in den Text ein die sich aus diesen Wiederholungen konstituiert. Daraus resultiert eine Frequenz des Erzählens, die im weitesten Sinne der repetetiven Erzählung entspricht.[14] Das Kreisen der Anspielungen um ein, bis zum Ende der Handlung im dunklen gelassenes Ereignis wird durch einen Sprechgesang, der sich im Text und in den verschieden Erzählebenen wiederholt, betont.

Komm zu uns!
Komm zu uns!
Hab keine Angst.
Dunkel ist es überall.
Dunkel ist es überall.
Jetzt haben wir Dich!! ( S. 13/53/95/141/154)

Die Erzähleinheiten zeigen sich dramatisch ohne Distanz im Präsens formuliert.[15] Marias Wahrnehmungsperspektive wird ungefiltert in der Form autonomer innerer Monologe[16] wiedergegeben. Dieser Erzählgestus betont die absolute Isolation der Komapatientin, in Form der autonomen direkten Figurenrede, die sich durch vollkommene Distanzlosigkeit von den vermittelten Inhalten auszeichnet.[17] Die Stimme aus dem Unbestimmten nimmt als Präsentation von Gedankenrede in Form eines unreflektierten Bewusstseinsstroms Gestalt an.[18] Im Zuge dessen entspricht der Fokus auf das Erzählte im Falle dieser Bausteine des Gesamttextes einer internen Fokalisierung.[19] Diese Darstellungsweise ist der Gefangenschaft der Figur Maria in ihrem Zustand angepasst. Der fehlende Bezug vermittelt das Zurückgeworfensein der Figur auf sich selbst, in Form einer Isolation die sie als Missbrauchsopfer und Komapatienten gleichermaßen durchlebt. Die autonomen inneren Monologe münden partiell in direkte autonome Figurenrede, wenn sich die diffuse Erzählstimme Marias an ihr ungeborenes Kind wendet(S.9), mit dem sie Schicksal und Körper zu teilen glaubt. Die Schwangere reagiert zudem auf die scheinbar körperlose Bedrohung in Gestalt der zweiten Erzählstimme, indem sie deren Urheber in ihre Monologe einschließt.

„Mich lockt die Einsamkeit. Und die Ewigkeit. Und nur von mir hängt es ab was geschieht. Ich bin nicht Deine Schwester. Du hast nicht das Recht, so mit mir zu sprechen. Du hast überhaupt nicht das Recht mit mir zu sprechen. Du der Sieger? Warte nur ab. Und dann wirst Du sehen, wer hier gewinnt. Wer wen überwindet.(S.175)

Die Ohnmacht wird noch durch den Spott verstärkt mit dem die höhnische scheinbar körperlose Stimme des Kakerlak auf die Botschaften aus der Verzweiflung reagiert.

2.2. Die Botschaften des Kakerlak

Diese Erzählstimme richtet sich in der zweiten Person singular an Maria, die dem Romantitel entsprechend mit „Schwester“ angeredet wird. In seinen Äußerungen nimmt das bedrohliche Insekt Bezug auf ihren Zustand und postuliert die Herrschaft über ihren Körper und das ungeborene Kind. Die fettgedruckten Textteile sind keiner Figur direkt zuzuordnen. Es wird auf ein Ich Bezug genommen, das für ein Kollektiv steht.

Erinnere Dich an all die Ritter in schwarzer Rüstung. Für den Moment stehen sie reglos. Reihe um Reihe. Glied um Glied. Aber es genügt ein einziges Wort von mir und sie nehmen deinen Körper in knirschenden Besitz. Nimm Deine Angst mal tausend, und du kommst immer noch nicht unserer Zahl nahe. Heerscharen harren deiner, Schwester.(S.18)

Die Anrufungen sich im Bewusstsein der Komapatientin abzuspielen, sind in Form und Schriftbild deutlich als separate Instanz abgehoben. Die Stimme richtet sich an einen Empfänger und reagiert in Form von Kommentaren auf Marias Gedankenabläufe. Beide Erzählteile kreisen umeinander ohne sich direkt zu berühren. In dieser Bewegung sind sie um einen Motivhorizont angelegt, dessen Symbolik sich erst im Laufe der Handlung nachvollziehen lässt. Rätselhaft wirkt zunächst die Omnipräsenz der Erzählinstanz, die nicht nur die Innenperspektive der Komatösen durchschaut, sondern auch die Vorgänge im äußeren Romangeschehen zu moderierten scheint. Es wird der Eindruck erweckt, dass diese Erzählperspektive über die Entwicklungen des Geschehens, Leben und Tod der Figuren gleichsam entscheidet. Zwei ungeklärte Mordfälle lassen sich nur durch das Wirken dunkler Mächte erklären. Ein Zusammenhang zwischen der Erzählstimme und den Insekten wird durch die, sich im Laufe der Handlung steigernde, Präsenz der Kakerlaken in der Außenperspektive des Romans hergestellt.

In der Verschlossenheit der Lethargie kann auch das Insekt keine Kontrolle über Maria erlangen. Mit der Flucht in das Koma lehnt sie sich gegen die Bedrohung auf. Die Äußerungen des Kakerlak können als Verbindungsglied zwischen den Erzähl-perspektiven gesehen werden, wobei sie in der Innenperspektive im gleichen Maße an Sprachgewalt gewinnt wie sie in der Außenperspektive über Handlungsmöglichkeiten verfügt[20] Nach der Kategorisierung von Gérard Genette wäre der Erzähler als homodiegetisch zu bezeichnen, da er als Figur in das Geschehen involviert ist.[21]

Obwohl sich die Einwürfe und Anmerkungen auf die Abläufe der Handlung beziehen, wie sie in der dritten Erzählweise der multiperspektivischen Textes dargestellt werden, sind sie im Präsens verfasst. Auf diese Weise kann der Eindruck entstehen, dass sie sich prätextuell im Raum des Romans ereignen. Indem auf Ereignisse aus dem Inneren Marias und dem Äußeren der Romanhandlung verwiesen wird entsteht der Eindruck einer Existenz des Ich-Erzählers vor der Zeit. So bildet der Text den Anschein des omnipräsenten Demiurgen ab, der sich hinter der Erzählstimme wähnt. „Schwester! Hast Du bereits die Schwelle der Zeit überschritten? Dann auf Wiedersehen in der Vergangenheit.“(S.101). Die ersten beiden Erzählstimmen sind nach Lämmert zeitdeckend zu nennen.[22]

Die Äußerungen des Kakerlak erfolgen dramatisch in Form von direkter Figurenrede, die ohne Anführungszeichen abgebildet wird und ohne die entsprechenden verba dicendi[23] ein Höchstmaß an Unmittelbarkeit erzeugen. In der Sichtweise der Nullfokalisierung zeigt der Erzähler, dass er mehr weiß als jede andere Figur im Roman.[24] In der multiperspektivischen Darstellungsweise gewinnt diese Kategorisierung eine weitere Bedeutungsebene hinzu, indem es sich bei dem homodiegetisch-extradiegetische Erzähler tatsächlich um eine Nullfokalisierung[25] handelt, die auch die Inhalte der anderen Erzählstimmen überblickt.

2.3. Die Außenperspektive des Erzählers

Die dritte Erzählinstanz erst ermöglicht die vermittelnde Narration der Handlung. Während die beiden anderen Stimmen in keinem Bezug zu einer Gesetzmäßigkeit von Ort und Zeit stehen konstituiert der distanzierte Erzähler, das für die Erzählung notwendige, Souverän. Diese Funktion wird auch durch die quantitative Mehrheit der Erzählfrequenzen im Text erzeugt. Dargestellt werden die Ereignisse durch das spätere Erzählen[26] in der Zeitform Präteritum. Die Rahmenhandlung befindet sich hauptsächlich auf der extradiegetischen Ebene.[27] Im Spielraum der Begrifflichkeit als Binnenerzählung[28] befinden sich Unterlagen und Informationsquellen die als Medien in den Text montiert werden. Im Text sind Teile der Dissertation enthalten mittels derer sich Maria wissenschaftlich ihrem Trauma zu nähert.[29] Trotz ihrer Erscheinung als unbeteiligten Körper wird ihr über die Schrifterzeugnisse dennoch eine Stimme verliehen. Die hinterlassenen handschriftlichen Briefe sind ebenso wie die Erzählstimme im Format kursiv gehalten.[30] Die Patientenakten[31] sind eingerückt ohne Anführungszeichen vom Text zu unterscheiden ebenso Teile der wegweisenden Schrift des Ketzers Hannson[32]. Die Videoaufzeichnungen der Hypnosetherapie des Bruders(S.160ff) geben den direkten Dialog zwischen ihm und der Therapeutin mit Anführungszeichen und ohne verba dicendi wieder. Die Montage der Videokassetten weist die Besonderheit der Verdopplung auf. Das Beweismaterial wird Jakub von Mary[33], der Therapeutin und Angetrauten von Piotr, Marias Bruder zugesandt und im Text auf zweierlei Weise dargestellt. Zunächst werden die Kassetten mit dem tatsächlichen Material abgebildet, dessen Inhalt zwar Fragen aufwirft die Vorkommnisse um Maria jedoch nicht erklärbar machen. Die Frage der Therapeutin nach dem Missbrauch wird von Piotr auf dem wiedergegebenen Band verneint. Anschließend schaltet sich die Erzählstimme des Kakerlak ein, sie wird Marie eine Version des Bandes mit Aufnahmen der Wahrheit vorspielen. Die in der Ebene der Handlung fiktiven Kassetten unterscheiden sich von den tatsächlichen aufgrund fehlender Nummerierung. Die Montage ist keiner der drei Erzählstimmen zuzuschreiben, sondern funktioniert auf einer Zwischenebene. Der Kakerlak möchte Mary provozieren, die sich in ihrer Abgeschiedenheit verschließt und den Redefluss samt Inhalten ignoriert. Der Einschub der innertextlich fiktiven Passage bewirkt die Aufklärung des Lesers. Es wird das Bestehen einer Wahrheit suggeriert, die dem Leser unmittelbar als Instanz und unabhängig von den Erzählstimmen präsentiert wird.

In der auktorialen Erzählsituation[34] werden hauptsächlich Jakubs Kommunikation mit der Außenwelt und seine inneren Vorgänge abgebildet. Die anfangs glaubwürdige Erzählinstanz wird immer mehr zu einem Teil der ungreifbaren Sphäre aus der die beiden anderen Stimmen stammen. Zu Beginn wird die Erzählweise dramatisch und ohne Distanz in Form von unkommentierten Dialogen abgebildet. Die durch Absätze voneinander abgehobene Erzählstimme wechselt sich auf den ersten beiden Seiten mit den inneren Monologen der Marias ab, die das äußere Geschehen im Krankenhaus kommentiert. Erst in der vierten Sequenz werden Jakubs Gedanken vom auktorialen Erzähler kommentiert und eine Distanz zum Erzählten hergestellt. Die Abbildung der Handlungen und der Bewusstseinsberichte nähert sich dem narrativen Modus. Aufgrund der Nullfokalisierung[35] der Perspektive der heterodiegetischen Erzählstimme[36] wird der Eindruck verstärkt, dass die agierenden Figuren in ihrer Autarkie begrenzt sind. Die erzählte Welt und ihre Figuren scheinen dem Einfluss der dem Leser unmittelbar präsenten Erzählstimme unterworfen zu sein. Die erzählte Zeit erstreckt sich über den Zeitraum von Marias Sturz in die Lethargie(S.7) zu Beginn ihrer Schwangerschaft und wird größtenteils zeitdeckend bis zur Niederkunft erzählt. In den Vordergrund werden Ermittlungsfortschritte und das Voranschreiten der Schwangerschaft gestellt. Das szenische Erzählen wird von Raffungen unterbrochen, die hauptsächlich alltägliche Abläufe schildern(S.20). Zustandsbeschreibungen, die über einen längeren Zeitraum bestehen, wie die Affaire Jakubs(S.113) werden ebenfalls summarisch erzählt. Das Geschehen wird in singulativer Frequenz[37] wiedergegeben.

Die dritte Erzählstimme bildet die äußere Welt ab, die sich hauptsächlich in der rationalen Denkweise des Philosophieprofessors spiegelt. Den irrationalen Verlust seiner Frau versucht er in solider Rationalität auf den Grund zu gehen. Diese Außenperspektive wird durch die fragile innerperspektivische Darstellung ergänzt, wobei der Dualismus beider Darstellungsweisen von der dritten Stimme unterlaufen wird. Die Kombination der Stimmen erzielt einen Erzählgestus, der durch Sprünge und Irritationen Spannung erzeugt. Die Schwierigkeit das Koma als das Unsagbare auszudrücken wird in der Form und dem Inhalt der Verschriftlichung reflektiert. Neben der Multiperspektivität als werden die Bedeutungsebenen des Unsagbaren mittels der Intertextualität tangiert.

3. Intertextuelle Räume im Roman

Diese für moderne und postmoderne Romane typische Ebene[38] triumphiert auch im Roman. Im Rahmen der Dissertationsfragmente Marias wird nahezu enzyklopädisch auf Werke verwiesen die im Kontext von Inzest und Insekten interpretiert werden. Die direkten Verweise befinden sich als Teil, der in die Rahmenhandlung integrierten Montage. Wenn mit Julia Kristeva und den Poststrukturalisten von einem universellen Intertextualität ausgegangen wird, so besteht ein Text aus der unendlichen Fülle von Verweisstrukturen.[39] In dem Begriffsspektrum der „intertextualité“ wird zusätzlich der soziokulturelle Hintergrund integriert aus dem sich die Erzählintuition des Autors generiert hat.[40] Diese Deutungsebene wird als ein weiterer Text betrachtet. Neben dem universalen Ansatz Kristevas, den Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten etablierte sich strukturalistische Ansätze in Form von Systematisierungsbestrebungen von Literaturwissenschaftlern wie Gérard Genette, der eine umfassende Systematik entwarf.[41] Im Roman wird das Koma als Grenzbereich verarbeitet dem eine subjektive Nuance verliehen wird die sich während der Lektüre sukzessive enttarnt. Nach Gérard Genettes enger Begrifflichlichkeit kann diese Form der Intertextualität als Transposition definiert werden, da sie eine Transformation des Hypotextes in andere Bedeutungszu-sammenhänge vornimmt.[42] Die als Binnenerzählungen charakterisierten Montagen könnten neben den drei Erzählstimmen als vierte eigenständige Textebene bezeichnet werden.[43] Insbesondere Marias Dissertationsfragmente liefern eine Fülle an intertextuellen Verweisen. Die meisten Autoren werden im Rahmen der Fragestellung nur sporadisch genannt wobei die Doktorandin die jeweilige Erzählintention in Frage stellt um sie dem eigenen Gegenstand anzunähern. Einige der Texte werden vor dem erweiterten Bedeutungshorizont des Begriffes Kontrafaktur[44] umgedeutet. Die fremden Texte werden in ihrer Umdeutung genutzt um den Verfasser im Horizont des Deutungsspektrums neu zu verorten.[45] In der Begrifflichkeit nach Gérard Genette[46] sind die direkten Verweise im Roman als Metatextualität zu bezeichnen die eine der fünf Formen der Transtextualität beschreibt.[47] Der Text im Text im Sinne einer textuellen Transzendenz erfüllt in Saramonowicz Roman einen handlungsorientierten Zweck. Um ihren Zustand der Lethargie im Nachhinein zu rechtfertigen abstrahiert sich Marie in Untersuchungen fremder Texte. Ihr erstes Dissertationsvorhaben verwirft sie zugunsten des programmatischen Titels „Insektenmotive in Literatur und Kunst“(S.50).

[...]


[1] „Schwester“ ist auch das Codewort, das Jakub herausfinden muss um an die verschlüsselten Dateien Maries zugreifen zu können(S.150).

[2] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6.Auflage. München 2005, S.75f

[3] Im Roman wird die Pflege von Maria nur von Männern ausgeführt was auf die Auslieferung ihres Körpers an das Patriachat deutet. Innerhalb dieser Arbeit muss es bei einer Andeutung des Diskurses bleiben.

[4] www.woz.ch/artikel/inhalt/2000/nr40/Kultur/13018.html http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2000/nr40/Kultur/13018.html (Stand 09.03.2011)www.spiegel.de/kultur/literatur/a-97286.html

[5] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.34.

[6] Das Koma stellte sich ein als Maria von ihrer Schwangerschaft erfuhr.

[7] Maria war bereits als sechsjähriges Mädchen in ein dreiwöchiges Koma gefallen(S.15f).

[8] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.44.

[9] Gaby Allrath, Carola Surkamp: Erzählerische Vermittlung, unzuverlässiges Erzählen, Multiperspektivität und Bewusstseinsdarstellung. In: Erzähltextanalyse und Gender Studies. Hrsg. Vera und Ansgar Nünning. Stuttgart 2004, S.160.

[10] Malgorazata Saramonowicz: Die Schwester. Hamburg 2000, S.177ff, S.30ff.

[11] ebd., S.49, S.69ff, S.76ff, S.82f, S.87f.

[12] ebd., S.5f, S.176f.

[13] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.39.

[14] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München. 2005, S.46.

[15] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.49.

[16] ebd., S.56.

[17] ebd.

[18] ebd., S.62.

[19] ebd., S.64.

[20] Die Außenwelt wird zunächst als eine normale dargestellt. Dieser erste Eindruck wird jedoch im laufe des Geschehens immer mehr unterlaufen. Das Abgleiten in apokalyptische Gefilde wird von der vermehrten Präsenz von Kakerlaken begleitet.

[21] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.117.

[22] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.39.

[23] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.64.

[24] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.49.

[25] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.64.

[26] ebd., S.69.

[27] ebd., S.76.

[28] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.40.

[29] Diese Partikel sind durch Anführungszeichen und einen erhöhten Einzug abgehoben. S.49, S.69ff, S.76ff, S.82f, S.87f, S.93, S.150f.

[30] S.30ff, S.177ff.

[31] S.15f, S.176f.

[32] S.136ff, S.143ff, S.147, S.155.

[33] Den drei Frauen: Mutter, Maria und Mary wird eine beunruhigende Ähnlichkeit zugeschrieben.

[34] Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Auflage. Darmstadt 2008, S.106.

[35] Matias Martinez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. München 2005, S.64.

[36] ebd., S.82.

[37] ebd., S.45.

[38] Monika Fludernik: Roman. In: Hrsg. Dieter Lamping: Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart 2009, S.643f.

[39] RLM. 2. Bd. 3. Auflage. Berlin 2000. S.177.

[40] ebd.

[41] Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hrsg. Brunner Horst. Moritz Rainer. 2. Auflage. Berlin 2006, S.177f.

[42] Gérard Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. 2. Auflage. Frankfurt am Main 1993, S.403f.

[43] RLM. 2.Bd. 3. Auflage. Berlin 2000, S.176.

[44] Theodor Verweyen, Gunther Witting: Einfache Formen der Intertextualität. Theoretische Überlegungen und historische Untersuchungen. Paderborn 2010, S.263.

[45] ebd., S.37.

[46] Der französische Literaturwissenschaftler systematisierte der Verwebung von Texten unter der Annahme einer textuellen Transzendenz, wobei er diese Transzendenz im Wortsinn des Gegenteils von Immanenz betrachtet. In: Gérard Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1993. S.13.

[47] Gérard Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1993. S.13.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668469006
ISBN (Buch)
9783668469013
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367258
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
Schlagworte
koma malgorzata saramonowicz’ roman schwester erzählintention erzählstrategie intertextualität

Autor

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