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Von Opfermythos und Heldenkult. Praktische Untersuchung nationalsozialistischer Propaganda anhand von Hitlers "Mein Kampf"

von Jonas Afair

Hausarbeit 2017 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Forschungsdesign:

Rückblick auf die theoretische Basis:
1. Das unbesiegte Heer
2. Leitbild des tapferen Soldaten
3. Soldaten als (kindliche) Idole
4. Invaliden- und Veteranenkult

Vorstellung des Untersuchungsobjektes:

Zwischenfazit und Erläuterung weiterer Schritte:

Analyse:

Auswertung & Bewertung:

Fazit und Kritik:

Literaturverzeichnis

Einleitung und Forschungsdesign:

Wenn man sich mit der nationalsozialistischen Propaganda beschäftigt, merkt man sehr schnell, dass offensichtliche Widersprüche zwischen verschiedenen Aussagen oder Meinungen, jener dahinterstehenden Ideologie, an der Tagesordnung sind. So offensichtlicher die entdeckten Widersprüche sind, umso unwahrscheinlicher erscheint es, dass sie zufälliger Natur sind. Diese Widersprüche, bzw. diese Ambivalenz, gelten/gilt heute bereits, als meiner Meinung nach - gut untersucht. Mit Blick auf die Fachliteratur scheint es allerdings noch Forschungsbereiche zu geben, in denen die Aufarbeitung der Ambivalenzen in der NS-Propaganda, noch nicht so weit fortgeschritten ist. So ist das Thema der „Helden“ zwar ein äußerst beliebtes Thema: Es bezieht sich aber in der Masse der Fälle auf „Helden“ gegen den Nationalsozialismus. Das ist umso verständlicher, als dass die offizielle Linie der Bundesregierung in den Folgejahrzehnten der Ereignisse von 1933 bis 45, eine der nationalen Schockstarre angesichts jener Ereignisse dieses Schreckensregime war. Der Schwerpunkt der Aufarbeitung lag auf den Verbrechen des NS-Regimes. Es gab weder Platz, noch Bedarf an der Analyse der Heldenthematik in der NS-Herrschaft. Die Verarbeitung jener Thematik setzte erst später ein. Wesentliche Auseinandersetzungen mit dem Heldenkult im nationalsozialistischen Staat und seiner Ideologie wurden im Verlauf des Seminars, das dieser Hausarbeit zur Grunde liegt, thematisiert.

Diese Hausarbeit ist als eine direkte Weiterführung des Referates „Erster Weltkrieg und Nationalismus“ aus dem Seminar „Helden im Dritten Reich“ vom 05.12.2016, gedacht. Während sich das Referat mit dem im Folge des ersten Weltkrieges aufkommenden „Neuen Nationalismus“, oder auch bekannter unter der Bezeichnung „Ultranationalismus“, betreffend seiner Verwendung in der nationalsozialistischen Propaganda befasste, soll diese Hausarbeit die theoretischen Überlegungen zu Thematiken wie u.a. Opfermythos und Heldenkult von der rein theoretischen Ebene auf eine praktische Anwendung ausdehnen. Dazu sollen nach einer zunächst aus formalen Gründen erfolgenden Erläuterung der theoretischen Erkenntnisse aus dem zurückliegenden Referat, jene Überlegungen in einer Beziehungen zu Aussagen aus einer nationalsozialistischen Propagandaquelle gesetzt werden. Bei besagtem Propaganda-Werk soll es sich um kein Geringeres, als dass von Adolf Hitler selbst verfasste politische Manifest „Mein Kampf“ handeln. Demzufolge werden also von A. Hitler erfolgte Willenserklärungen in einem direkten Kontext mit den heute vorliegenden Forschungsstand gestellt. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf diejenigen Auszüge aus seinem Werk gelegt, die die Thematik „Held“ thematisieren. Dazu ist anzumerken, dass die ausgewählten Textstellen durch die Suche nach dem Wortstamm „Held“ herausgefiltert wurden. In einem zweiten Schritt, wurden dann jene Textstellen bevorzugt, die einen offensichtlichen thematischen Zusammenhang mit den Konzepten Opfermythos, Heldenkult oder anderen Herrschafts- und Propagandafunktionen aufweisen. Dies war nötig, um Textstellen auszusortieren, in denen „Held“ keinen, bzw. zumindest keinen für uns an diesem Punkt relevanten, höheren Kontext vertrat. Erkenntnisleitendes Interesse dieser Arbeit soll sein, die im Nationalsozialismus vorherrschende Ambivalenz, noch einmal deutlich hervorzuheben. Das jene Ambivalenz existiert ist, wie in der Einleitung dargelegt, mit Blick auf die zugrundeliegende Forschung, kein großes Geheimnis. Ein weiteres Mal diese Ambivalenz aufzuzeigen, aber dieses Mal nicht in einem theoretischen Kontext, sondern in einer mehr oder weniger praktischen Anwendung an einem Beispiel aus der Historie des Dritten Reiches, eröffnet uns gegebenenfalls die Möglichkeit unsere Überlegungen und Theorien auf die Probe zu stellen. Es gilt herauszufinden, ob wir im Abschluss dieser Untersuchung in der Lage sind, eine Bewertung unserer theoretischen Überlegungen vorzunehmen. Unsere richtungsweisenden Forschungsfragen lauten demnach: In welchem Kontext zueinander, stehen die nationalsozialistische Propaganda im ausgewählten Fallbeispiel und der als theoretisches Fundament bezeichnete Abschnitt dieser Arbeit? Und welche weiteren Ambivalenzen lassen sich dadurch identifizieren? Zudem bietet uns die Vertiefung der Ambivalenz jener nationalsozialistischen Propaganda die Möglichkeit, in der Gegenwart unserer Zeit, die von einem aufkommenden Populismus gezeichnet ist, Ambivalenzen in anderen politischen Programmatiken besser zu erfassen und zu bewerten.

Rückblick auf die theoretische Basis:

Inwiefern nutzten die Nationalsozialisten den in Folge des ersten Weltkrieges aufkommenden „Neuen Nationalismus“ als Propagandamittel? So lautete die Forschungsfrage aus dem zurückliegenden Referat mit dem Titel „Erster Weltkrieg und Nationalismus“. Das was im Rahmen des Referates als „Neuer Nationalismus“ definiert wurde, meint eine weitere Abgrenzung im Übergang zwischen Nationalismus und „Ultranationalismus“ in Folge des Ersten Weltkrieges. Dabei ist der „Neue Nationalismus“ nah am „Ultranationalismus“ zu verorten. Maßgeblich für diese neuen Formen des Nationalismus waren zum Einen die „Brutalisierung“ (vgl. KRUMEICH, S. 339), die sich als Konsequenz aus dem Weltkriegsgeschehen und der veränderten Kriegsführung ergab. So zeigten die Modernisierungen zur industriellen und anonymen Kriegsführung – die sich maßgeblich durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen (hier ist neben chemischen Kampfmitteln, auch das Maschinengewehr gemeint) und der höheren Distanz der Waffentechnik (Artillerie, Handfeuerwaffen, etc.) auszeichneten, und damit zusätzlich eine Anonymisierung des Tötens durch die Abkehr von Mann-zu-Mann-Kämpfen schaffte - eine faktische Steigerung der Brutalität, bei gleichzeitig sinkender Umständlichkeit des gewaltsamen Beendens von menschlichen Leben. Auch die endlosen und unglaublich verlustreichen Grabenkämpfe trugen ihren Teil zu jener Symptomatik bei. Zum Anderen, ist die „Ideologisierung“ (vgl. KRUMEICH, S. 339) als weiterer Bestandteil des „Neuen Nationalismus“ zu nennen. Zu der im Nationalismus bedingten Bindung zu einem Nationalstaat bzw. einer nationalstaatlichen Idee, gesinnte sich eine weitere weltanschauliche Perspektive, die in den Staaten des 20. Jahrhunderts oft mit dem Nationalstaat faktisch gleichgesetzt wurden oder diesen gar übergeordnet waren. So ist im NS-Staat der Faschismus bzw. Nationalsozialismus mit dem Staat gleichgesetzt. Staat und Nationalsozialismus treten als Einheit auf. Hingegen stellt sich in der Sowjetunion eine Situation ein, in der der Kommunismus bzw. der Sozialismus dem Staat übergeordnet wird. Diese Verflechtung des Nationalismus mit einer Ideologie führte zu weiteren gesellschaftlichen Spannungen, wie sie sich in der Zeit der Weimarer Republik, durch Straßenschlachten zwischen Rechten und Linken zeigten. Ausgehend von dieser neuen Form des Nationalismus ergab sich folgende These: „Eine propagandistische Nutzung eines Nationalismus legt die Vermutung nahe, dass ein oder mehrere aus der Gesamtheit der Gesellschaft herausragende idealistische Heroisierungen vorliegen.“. Die Beantwortung jener These galt als erkenntnisleitendes Interesse des Referates. Im damaligen Rahmen kristallisierten sich vier signifikante Helden-Typen innerhalb der NS-Propaganda heraus.

1. Das unbesiegte Heer

Die sogenannte Dolchstoßlegende war ursprünglich keine eigene Idee der Nationalsozialisten. Sie war ihnen jedoch sehr willkommen und wurde daher frühzeitig und schon vor der Machtergreifung im Jahr 1933 in der eigenen Propaganda verbaut. Zentral für jene Legende war, dass ein sogenannter: „feiger Dolchstoß in den Rücken, das Heer besiegte, nicht der Feind im Felde“. Demzufolge sei die Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht militärischer Natur, sondern politischer. Kritik richtete sich zunächst gegen die mangelnde Unterstützung von Politik und Volk an der Heimatfront. Später wurde der Kreis der Verantwortlichen „Dolchstoßer“ beliebig erweitert und umfasste jedes Mal das aktuell benötigte Feindbild. Die Legende vom unbesiegten Heer, diente den Nationalsozialisten zur Erschaffung eines Unbesiegbarkeitsepos. Die Tatsache, dass das Heer nicht aktiv verloren hat, ließ es nicht nur als zu jenem Zeitpunkt unbesiegt, sondern als gar unbesiegbar erscheinen. Zudem relativierte jene Interpretation den Krieg indirekt, in dem sie es als beinah risikoloses „Winning-Game“ darstellt – zumindest dann, wenn es keinen angeblichen „Verrat“ gebe. Zudem wollten die Nationalsozialisten vermutlich den „Moment der nationalen Erhebung“, als jenes nationalen Gefühls in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges, in denen sich die meisten Soldaten freiwillig und mit ungeheurerer Kriegs- und Siegeslust meldeten, beibehalten. Schließlich diente es als Grundlage für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ (vgl. KRUMEICH, S. 340).

2. Leitbild des tapferen Soldaten

Auch hier greifen die Nationalsozialisten auf ein bereits funktionierendes Konzept zurück. Der im Kaiserreich seit spätestens 1971 genutzte, als Bauteil der positiven Integration fungierender, Militarismus. Erweitert wird das hohe Ansehen von Angehörigen des Militärs in Folge der unverschuldeten Niederlage im Ersten Weltkrieg und des Verrats durch das Reich (Erweiterung des Kreises der „Dolchstoßer“ auf die Weimarer Republik als politisches System), auf beinah alle Kritiker der Republik. Ausgenommen davon waren natürlich linke Demonstranten. Gemeint ist mit jener Erweiterung, dass der tapfere Soldat gleichgesetzt wird mit einem Kämpfer gegen die Republik. Dies betraf auch maßgeblich die Anhänger des sogenannten „Stahlhelms“ die ihren Unmut gegenüber der Republik immer wieder öffentlich äußerten und auch oft in Straßenschlachten mit linkspolitischen Anhängern verstrickt waren (vgl. Anke Hoffstadt, „Soldatischer Nationalismus. Der „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“ und der Nationalsozialismus“ in KRUMEICH, S. 346).

3. Soldaten als (kindliche) Idole

In der Erziehung der Kinder im NS-Staat, die sowohl innerhalb der Familien, der Schule, als auch in diversen Unterorganisationen des NS-Staates, stattfand, wurde ein hoher Wert auf die Verehrung von Kriegshelden gesetzt. Dabei ist das Bild des Kriegshelden in der nationalsozialistischen Propaganda doppelt besetzt. Zum Einen meint es spezifische Kriegshelden, die sich durch ein aus der Masse herausragendes Verhalten im Ersten Weltkrieg und später auch im Zweiten Weltkrieg, auszeichneten. Zum Anderen meint es jeden einzelnen Soldaten universell als Kriegsheld dargestellt. Hier zeigt sich eine der viel erwähnten Ambivalenzen – die sich hier durch die Gemeinsamkeit von Einzigartigkeit und Allgemeinheit darstellt. Der von den Nationalsozialisten entwickelte Heldenkult war Milieu-übergreifend und zeigte auch außerhalb der Reichweite direkter staatlicher Erziehung, seine Wirkung. Dabei hatte jener Heldenkult mehrere Funktionen. So sollte ein möglicher Generationenkonflikt vermieden werden, in dem die alten Veteranen als Helden verehrt wurden, die aktiven Soldaten ebenfalls und die Kinder und Jugendlichen als zukünftige Soldaten ebenfalls eine gewisse Erhöhung genossen. Die Erziehung zur Staatskonformität die sich aus der Erziehung im Militarismus logischer weise ergibt, war eine willkommene Zusatzwirkung. Zentraler war allerdings die Absicht eine gewisse Idol-Nacheiferung zu erzeugen. Die Kinder und Jugendlichen dazu bringen sollte, motiviert durch die Kriegshelden, den Krieg als Sinn und Chance sich zu beweisen erkennen. Echter gesellschaftlicher Wert und eine dadurch bedingte gesellschaftliche Anerkennung sollte nur im Kriegsdienst zu finden sein. Zudem kann es Absicht gewesen sein, die Kinder und Jugendlichen auch zu einem Übertrumpfen der Idole anzuregen. Je nach zu Grunde liegendem Idol (Kriegsheld des NS-Staates) könnte man sich ausmalen, was dies bedeuten mag (vgl. Arndt Weinrich, „Erziehung durch den Krieg – Erziehung zum Krieg. Die Instrumentalisierung des Ersten Weltkriegs in der Hitler-Jugend“ in KRUMEICH, S. 344).

4. Invaliden- und Veteranenkult

Als letzter der vier Heldentypen ist der Invaliden- und Veteranentyp zu erwähnen. So wurden im NS-Staat die Veteranen zu Ehrenbürgern erklärt. Beispielsweise wurde ihnen dadurch gewährt, dass sie eine Ehrentribüne bei Olympia erhielten. Die Bedeutung dieser Maßnahmen wird nur im Kontext der aufgetretenen Anerkennungslücke aus der Weimarer Republik deutlich. So wurden Invaliden und Veteranen zwar zu einem geringen Teil finanziell unterstützt in der Zeit Weimars, allerdings gab es kaum bis gar keine gesellschaftliche Anerkennung ihrer Leistungen in den zurück liegenden Krieg. Die Nationalsozialisten füllten diese Lücke mit Freude. Obwohl es keine finanzielle Verbesserung der Situation der Invaliden und Veteranen gab - oder sogar punktuell finanzielle Rückschritte – stieg die Begeisterung bei den Betroffenen, durch die gesellschaftliche Anerkennung, maßgeblich. In dieser Thematik stellen sich gleich mehrere Ambivalenzen dar. So ist zum Einem die Ambivalenz zwischen dem Bild des invaliden Kriegsveteranen, als ein Mensch zweiter Klasse in der NS-Ideologie, und dem Bild des strahlenden nationalsozialistischen Frontsoldaten, zu nennen. Zum Anderen sollten die Kriegsveteranen den Führer A. Hitler repräsentieren, da sich dieser durch seinen, allerdings recht kurzen, Einsatz im Ersten Weltkrieg als Kriegsveteran sah. In diesem Kontext durfte der Führer aber nicht wie jeder x-beliebige Veteran gesehen werden. Und schon gar nicht durfte das Bild eines Invaliden mit dem Führer in Verbindung gebracht werden. Weiterführend ließ sich noch die Vermutung aufstellen, dass die Nationalsozialisten mit ihrem Invalidenkult einen weiteren Schritt zur Kriegsmotivation bzw. Opferkult bei den Kindern und Jugendlichen gehen wollten. So ist neben dem Effekt der generellen Heroisierung des Opfers für das Vaterland, auch die mögliche Nacheiferung bzw. das mögliche Übertrumpfen des Opfers jenes Idols ein Bestandteil der Thematik. So könnte bildlich gesprochen, dass Kind, angeregt, durch das Opfer eines oder gleich zweier Beine eines invaliden Kriegsveteranen, zu dem Entschluss kommen, das größere Opfer im Krieg zu leisten und gar nicht oder nur in einem hölzernen Sarg ins Heimatland zurück zu kehren (vgl. Nils Löffelbein, „Der Nationalsozialismus und die Invaliden des Ersten Weltkriegs“ in KRUMEICH, S. 344).

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Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668458161
ISBN (Buch)
9783668458178
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367137
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Nationalsozialismus Propaganda Mein Kampf Opfermythos Heldenkult

Autor

  • Jonas Afair

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Titel: Von Opfermythos und Heldenkult. Praktische Untersuchung nationalsozialistischer Propaganda anhand von Hitlers "Mein Kampf"