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Mechanismen der Elitenrekrutierung in Deutschland und Frankreich. Ein Vergleich

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eliten in Deutschland und Frankreich: Bestandsaufnahme und Vergleich
2.1 Begriffsabgrenzung: Eliten oder politische Eliten?
2.2 Eliten in Deutschland
2.2.1 Nationale Begriffsgeschichte und gesellschaftliche Einstellung
2.2.2 Rekrutierungsmechanismen und Struktur 5
2.3 Eliten in Frankreich
2.3.1 Nationale Begriffsgeschichte und gesellschaftliche Einstellung
2.3.2 Rekrutierungsmechanismen und Struktur 9
2.4 Vergleich
2.4.1 Gesellschaftliche Einstellungsmuster/Diskurse im Lichte politischer Kultur 12
2.4.2 „ Ph ä nomen Quereinsteiger “ vs. „ Pantouflage & Parachutage “

3 Schluss - Fazit: Status Quo, Kon- oder Divergenz?

1 Einleitung

Elitestrukturen sind unabdingbar für das Funktionieren moderner Gesellschaftssysteme. Dar- über scheint in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft ein fast selbstverständlich wirkender Konsens zu herrschen. „Unsere Gesellschaft braucht Eliten“ - Kaum eine Publikation der vergangenen zehn Jahre zu diesem Thema kommt ohne die Voranstellung des schröderschen Diktums von 2004 aus1 und meist erfolgt die Herleitung des Erfordernisses von Eliten, bezie- hungsweise (bzw.) der Diskussion darüber, über den Verweis auf die Evidenz der funktiona- len Differenzierung heutiger Gesellschaften.2 Das möglichst beste Personal sollte an der Spit- ze einer Gesellschaft bzw. den Spitzen gesellschaftlich relevanter Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft etc. stehen, um die best möglichen Ergebnisse zu erzielen. Was aber ist jeweils dieses „Beste“ und wonach muss es bemessen werden? In Gesellschaf- ten, die nach demokratischen und namentlich Gleichheitsgrundsätzen funktionieren, bedürfen Über-Unterordnungsverhältnisse zwischen Menschen einer Legitimation, die über vormoder- ne Vorstellungen von ständischen Strukturen oder göttlicher Bestimmung hinausgeht. Das aus er wählt sein wird ersetzt durch ein Auswählen, wie es schon der semantische Ursprung des Wortes Elite (lateinisch eligere = auswählen)3 suggeriert. Leistung, Talent und Qualifika- tion sind Maßstäbe, welche die Auswahl von Elite, auch Rekrutierung genannt, bestimmen. Diese heute geläufige Verwendung des Begriffes „Elite“ als Bezeichnung für Personen und Personengruppen in Führungspositionen entstand um die Revolutionszeit in Frankreich, dem- nach im ausgehenden 18. Jahrhundert, als Abgrenzung zu ständischen Begriffen von Adel und Klerus.4 Die Emanzipation des Bürgertums und die damit zusammenhängenden demokrati- schen Errungenschaften stellen zwar die Grundpfeiler für die historische Entwicklung heuti- ger westlicher Gesellschaftssysteme dar, modernen Ansprüchen an Elitekonstellationen wur- den die sich in den darauf folgenden Jahrzehnten entwickelnden Führungsschichten jedoch selbstverständlich nicht gerecht.5

Tatsächlich gelten bis heute die französischen Eliten in Politikwissenschaft und Soziologie als Paradebeispiel an sozialer Exklusivität. Das Spitzenpersonal in Wirtschaft und Politik wird immer wieder als gut vernetzte und abgeschottete „Familie“ beschrieben.6 Zu den soeben er- wähnten Maßstäben muss also etwas hinzutreten, und zwar die Chancengleichheit und somit größtmögliche Offenheit der Rekrutierungswege, auf welchen diese Kriterien (wie etwa Ta- lent, Leistung, Qualifikation) neutral bewertet werden. Dass man sich mit Begrifflichkeiten wie „Chancengleichheit“ ähnlich der „Sozialen Gerechtigkeit“ auf das Feld politischer Schlag- bzw. „Wieselworte“ begibt, welche sich einer abschließenden Definition entziehen und weitreichende Diskussionen begründen, soll hier nicht das Thema sein. Vielmehr soll dies auf Grundsätzlicheres verweisen: Den eigentlichen Widerspruch zwischen Demokratie einer- seits und der Etablierung und Aufrechterhaltung von Elitestrukturen andererseits.7 Eben die- ser begründet gerade in Deutschland in Verbindung mit der historischen Vorbelastung des Elitebegriffes harsche Kritik an Eliten und Elitenpositionen sowie breite Diskurse und Debat- ten rund um die Frage, wie gerecht und sinnvoll es ist, die Institutionalisierung der Herausbil- dung selbiger mittels Exzellenzinitiativen voranzutreiben. Gleichwohl die deutsche Elite vor allem im Bereich der Politik als vergleichsweise durchlässig gilt8 und diese innerhalb der eta- blierten und akzeptierten Konzepte repräsentativer Demokratie unverzichtbar sind, haftet ihr dennoch das Image der notwendigen, aber ungeliebten Klasse an.9

Allerdings lassen gleichzeitig Phänomene wie das in der deutschen Spitzenpolitik verbreitete Quereinsteigertum Vermutungen Raum, die Abschottungstendenzen der deutschen Politikelite zum Inhalt haben. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel dieser Arbeit, eine Positionsbestimmung und Entwicklungsprognose der politischen Elite der Bundesrepublik mittels des französischen Elitenbildungssystems als Vergleichsfolie und besagtes Musterbeispiel durchzuführen. Das genaue Vorgehen wird in den folgenden Abschnitten erläutert.

Die zentrale Fragestellung soll lauten: Wie gestaltet sich die Politikelite in Deutschland im Verhältnis zu anderen Bereichseliten und ist es angesichts der Möglichkeit des Wechsels aus hohen politikfernen Führungspositionen in Spitzenämter der Politik notwendig, die Rede von der vergleichsweise offenen politischen Elite in Deutschland einzuschränken?

2 Eliten in Deutschland und Frankreich: Bestandsaufnahme und Ver- gleich

Im folgenden Hauptteil soll zunächst geklärt werden, was im Rahmen dieser Arbeit unter „Elite“ verstanden wird. Hinsichtlich des Themas „Eliten“ bildet der Aspekt der Definition einen sehr umfangreichen, eigenen Themenkomplex.10 Verschiedene Konzeptionen, die nach den Kriterien der Zurechnung in Wert-, Funktions- und Machteliten unterscheiden, stehen neben Ansätzen, welche sich mit der Lokalisierung und Abgrenzung tatsächlich vorhandener Elitepositionen beschäftigen (Reputations-, Entscheidungs- und Positionsansatz).11 Wiederum auf einer allgemeineren Ebene angesiedelt sind Unterscheidungen, welche Eliten als verschiedenen Funktionssystemen zugehörig bestimmen und demnach in Wirtschafts-, Wissenschafts-, Kultur- und Politikelite etc. unterteilen. Jedoch lassen sich weder gewisse Überschneidungen aller drei angedeuteten Verfahren bzw. Konzepte leugnen noch ermöglichen sie abschließende bzw. universale Definitionen des Elitebegriffs.

Weil es im Rahmen dieser Arbeit allerdings auch nicht darum gehen soll, empirisch- quantitativ Eliten zu spezifizieren, als vielmehr darum, auf eher qualitative Weise die Offen- bzw. Geschlossenheit zweier Systeme zu vergleichen und zu diskutieren, spielen die beiden erstgenannten Ansätze hier eher eine marginale bis keine Rolle, da hierfür auf bereits erhobe- ne Daten aus Studien, Primär- und Sekundärbeiträgen zu diesem Thema zurückgegriffen wird. Bedeutender also ist die Unterscheidung der Eliten nach den Sektoren, welchen sie zu- geordnet werden können, weil die zwischen diesen Bereichen bestehenden Beziehungsnetz- werke und deren Parallelen bezüglich (bzgl.) ihrer Zugangsmöglichkeiten für die Bewertung der sozialen Selektivität der Zugangschancen und Rekrutierungsmechanismen herangezogen werden.

2.1 Begriffsabgrenzung: Eliten oder politische Eliten?

Klassischerweise bildet Elite den Gegenbegriff zur Masse (der Bevölkerung).12 Den grund- sätzlichen theoretischen Egalitarismus (faktisch standen auch zu jener Zeit gesellschaftliche Führungspositionen, wenn überhaupt, dem Bürgertum und nicht Allen offen), der dem Begriff in seiner oben erläuterten ursprünglichen Bedeutung und Verwendung im französisch- revolutionären Kontext innewohnte, wurde im Rahmen der Elitetheorie Geatano Moscas ne- giert. Elite und innerhalb seiner Theorie explizit politische Elite geht demnach nicht aus der Masse hervor, die sie repräsentiert, vielmehr ist die Struktur aus herrschender Minderheit, welche der Mehrheit ihre Herrschaft (zu ihrem Wohle; zur Not auch gewaltsam) aufzwingt unumgänglich und grundsätzlich jeglicher menschlicher Gemeinschaft inhärent.13 Gerade im politischen Bereich wird diese Auffassung einer auserwählten Minderheit heutigen Ansprü- chen an Demokratie nicht mehr gerecht. Politische Führungskräfte werden ausgewählt, dann gewählt und repräsentieren selbstverständlich die Interessen ihrer Wähler bzw. der Bürger insgesamt - zumindest der Theorie nach. Trotz aller Unterschiede zwischen dieser überholten und heutigen Auffassungen über die politische Elite - zu welcher man gemeinhin Angehörige der höchsten parlamentarischen und Regierungs-Ebenen zählt: was sie ausmacht ist die Ver- fügung über Macht, und zwar politische.14 Es wird deutlich, dass der Begriff von Elite tradi- tionell v.a. mit politischer Führung assoziiert ist und im Rahmen dieser Arbeit soll es vorder- gründig auch um genau jenen Elitebereich gehen. Weil jedoch die Offen- bzw. Abgeschottet- heit des selbigen über die bestehenden Beziehungsgeflechte zu anderen Bereichen von Eliten und deren jeweiliger Rekrutierung bewertet werden soll, muss der Blick auch auf einen all- gemeineren Begriff bzw. Bereich von Elite gerichtet werden. Maßgeblich ist an dieser Stelle dann weniger politische als vielmehr gesellschaftliche Macht. Im Sinne Kainas und Hoff- mann-Langes sollen als Elite im Rahmen dieser Arbeit also nicht nur jene gelten, welche „[...] qua Legitimation politische Macht ausüben, indem sie für die Allgemeinheit verbindliche Entscheidungen treffen und dafür Folgebereitschaft erwarten können“ sondern die „ Gruppe der gesellschaftliche M ä chtigen “ (Hervorhebung im Original).15

2.2 Eliten in Deutschland

Wie oben bereits angeklungen ist, herrscht in Deutschland bereits gegenüber dem bloßen Be- griff der „Elite“ in überwiegenden Bevölkerungsteilen arge Skepsis. Regelmäßig wird in Pu- blikationen zu diesem Thema auf das sich aus dem historischen Bewusstsein der Deutschen speisende „Unbehagen“ verwiesen, weil mit Elite „[...] immer noch in erster Linie ungerecht- fertigte Privilegien [...]“ assoziiert werden.16 So löst von Zeit zu Zeit z.B. das Bekanntwerden horrender Managergehälter ebenso wie die Aufdeckung enger Beziehungsgeflechte in Füh- rungskreisen in Deutschland Diskussionen über die Elite generell und deren moralische Qua- lität im speziellen aus.17 Woher diese tiefe Skepsis kommt und ob sie in der Forschung über die Rekrutierung und Struktur deutscher Eliten eine Rechtfertigung findet, soll im Folgenden erläutert werden.

2.2.1 Nationale Begriffsgeschichte und gesellschaftliche Einstellung

Paradigmatisch ist hinsichtlich des Themas der Entwicklung des historisch-gesellschaftlichen Begriffsverständnisses von Elite in Deutschland die Erwähnung des Versagens der politischen Elite der Weimarer Republik.18 Hinzu kommt in historischer Chronologie die Ideologie des Faschismus, für den die erwähnten Elitetheorien, die hauptsächlich auf der Abgrenzung des auserwählten Kreises von der breiten, eventuell als minderwertig zu betrachtenden, Masse basieren, von wesentlicher Bedeutung waren und sind.19 Zusammenfassend und generalisie- rend scheint sich an den Reaktionen der breiten deutschen Öffentlichkeit gegnüber Diskursen und Forderungen über das und zum Elitenthema20 eine politisch-kulturell verankerte und ge- sellschaftshistorisch bedingte Festsetzung eines bestimmten negativen Begriffsverständnissen und dessen Diskreditierung diagnostizieren zu lassen. Weniger die häufig postulierte Neidge- sellschaft, als vielmehr diese generell ablehnende Haltung der Bevorteilung einer bestimmten Gruppe von Individuen, die unabhängig von den dafür zugrundeliegenden Prinzipien zu sein scheint, könnte Grundlage sowohl des hauptsächlich von „Elitenschelte“ geprägten Mei- nungsbildes,21 als auch des Fehlens von „elitäre[n] Bildungsinstitutionen“ und die daher „[…] weder von ihrer Herkunft noch von ihrem Zusammenhalt her als ‚nationale Elite‘ zu verste- hen[de]“22 deutsche Elite sein. Auf eben diese Frage nach den Bildungs- und Rekrutierungs- mechanismen wird im Folgenden eingegangen.

2.2.2 Rekrutierungsmechanismen und Struktur

Denkt man in Bezug auf Deutschland an Mitglieder der politischen Elite ist der Gedanke an die Person zumeist unmittelbar verknüpft mit ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei. So intuitiv diese Verknüpfung sein mag, so bedeutend ist sie doch aufgrund ihres direkten Verweises auf die zentrale Instanz für die Rekrutierung des politischen Personals im politi- schen System der BRD: die Parteien.23 Im Grunde nichts anderes als Vereine nach bürgerli-

[...]


1 Vgl. u.a. Belwe 2004: 2, Bruns 2005: 2 und Theile 2005.

2 Vgl. Kaina 2009: 388 und 392 sowie Nassehi 2004: 27.

3 Vgl. Schäfers 2004: 3.

4 Vgl. Hartmann 2004: 8f.

5 Vgl. a.a.O.: 9.

6 Vgl. Suleiman 1978: 17 sowie Gushurst/Vogelsang 2006: 18.

7 Vgl. Hoffmann-Lange 1986: 318.

8 Vgl. Kirchherr 2013.

9 Gushurst /Vogelsang 2006: 11.

10 Vgl. Kaina 2009: 386f sowie Krais 2003: 36.

11 Vgl. ebd.: 388ff sowie 394.

12 Vgl. Hartmann 2004: 9 sowie Schäfers 2004: 3.

13 Vgl. Hartmann 2004: 20 f.

14 Vgl. Klöckner 2007: 10.

15 Hoffmann-Lange 2004: 25 sowie Kaina 2004: 20.

16 Hartmann 2004: 7.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Hoffmann-Lange 1992: 67.

19 Krais 2003: 37.

20 Vgl. Vogelsang/Gushurst 2006: 13 ff.

21 Vgl. ebd.: 15 und 22 f.

22 Schäfers 2004: 4.

23 Vgl. Römmele 2004: 263 f.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668457454
ISBN (Buch)
9783668457461
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367127
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Eliten Rekrutierung Politische Soziologie Frankreich Grandes Ecoles Parachutage Pantouflage

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