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Prozesse der Medialisierung als Herausforderung für das Leitmedium TV. Spartensender als Bewältigungsstrategie

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 LEITMEDIEN UND MEDIALISIERUNG: FERNSEHEN, INTERNET UND
DAS PHÄNOMEN „SPARTENSENDER“
2.1 LEITMEDIUM
2.1.1 Definition und Kriterien
2.1.2 Fernsehen oder Internet: Empirie und Einschätzungen
2.2 MEDIALISIERUNG
2.2.1 Theoretischer Überblick
2.2.2 Konzeptionelle Einengung: Medialisierung und Mediatisierung
2.3 SPARTENSENDER
2.3.1 Definition und Geschichte
2.3.2 Angebot, Nutzung und Strategien

3 DISKUSSION
3.1 SPARTENSENDER: PHÄNOMEN DER MEDIALISIERUNG/MEDIATISIERUNG?
3.2 AUSBLICK: SPARTENSENDER ALS RETTUNG DES LEITMEDIUMS TV?

1 Einleitung

Das Fernsehen gilt bis heute, trotz der massiven Konkurrenz durch das Internet, als „Leitme- dium“. Während in der Medienpraxis hierüber weitgehender Konsens zu herrschen scheint, bejahen Medien- und Kommunikationswissenschaft diese These zurückhaltender. Grundsätz- lich sei dem Fernsehen jener Status noch zuzuschreiben, bezüglich gewisser Nutzergruppen jedoch einzuschränken (Burdekat 2010: 281). Vor allem (v.a.) unter Jugendlichen nehme zu- nehmend das Internet, mit allen voran Inhalten und Funktionen sozialer Netzwerke, diese Funktion ein (vgl. ebd.). In der ARD/ZDF-Onlinestudie erhobene Daten belegen, dass dessen tägliche Nutzungsdauer in der Gruppe der 14-29 Jährigen die des Fernsehens bereits längst und weit überholt hat.

Die großen Vorteile des Internets liegen dabei in seiner Mobilität. Dank der zunehmenden Ausstattung mit Endgeräten wie Laptops, Tablets und Smartphones ist es theoretisch überall verfügbar und aufgrund immer schnellerer Datenverbindungen darüber hinaus, bezogen auf die Möglichkeiten der Inhalte, nahezu grenzenlos. Selbstverständlich ist dies von den TV- Anbietern nicht unbemerkt geblieben. Öffentliche wie auch private Rundfunkanstalten müs- sen ihr Angebot den sich immer stärker diversifizierenden Nutzerinteressen anpassen, erstere, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben und den Gebührenanspruch zu legitimieren, letzte- re hingegen eher, um Werbetreibenden die den Zielgruppen entsprechenden Plattformen zu bieten und für diese somit attraktiv zu bleiben. Eigene Internetplattformen und das Verfüg- barmachen von TV-Inhalten oder eigens für das Online-Angebot produzierten „Contents“ in frei verfügbaren oder kostenpflichtigen Mediatheken zählen mittlerweile neben Facebook- Seiten und in Sendungen integrierten Verweisen auf zum Teil interaktive Online-Angebote wie zum Beispiel (z.B.) Chats zum Standard für Fernsehsender.

Doch nicht nur angebots-, also produktionsseitig, sondern auch auf Seiten der Nachfrage und mithin der Rezipienten sind Veränderungen v.a. im Hinblick auf die Nutzungsgewohnheiten festzustellen. So stellt beispielsweise die gleichzeitige Nutzung mehrerer Endgeräte oder dass Rezipienten sich nicht mehr nach dem Programm, sondern aufgrund technischer Möglichkei- ten das Programm nach ihnen, sprich ihren Präferenzen richten, heute keine Seltenheit mehr dar.

Auf solche Entwicklungen der Vermischung der Medien Fernsehen und Internet hinsichtlich ihrer Verbreitung und Nutzung verweisen Begriffe wie Medialisierung, Medienkonvergenz und Crossmedia. Zu besonderer Relevanz steigen in diesem Kontext Fragen danach auf, was beziehungsweise (bzw.) welches Medium von Rezipienten überhaupt jeweils gerade genutzt wird, wenn er z.B. ein von einem TV- oder Printanbieter für dessen Onlineangebot produzier- tes Video auf einem internetfähigen Fernsehgerät ansieht. Neben einer Spezifizierung des Medienbegriffes macht dies die Frage nicht bloß nach der reinen Nutzungsdauer, sondern darüber hinaus der spezifischen Art der Nutzung von Medien immer wichtiger, um herausfin- den zu können, welche Kanäle, Technologien und Inhalte für Rezipienten welche Funktion und Bedeutung haben.

Inwiefern verschiedene Medien in ihrer jeweiligen Bedeutung für Gesellschaften Hierarchien bilden, lässt sich besonders gut am Begriff des Leitmediums festmachen. Zwar hängen, wie im Folgenden offenbart werden wird, mit diesem gewisse theoretische und methodische Schwierigkeiten zusammen, dennoch kann er als ein gewisser Gradmesser gelten. Nach einer begrifflichen Festlegung des „Leitmediums“ soll daher eine genauere Betrachtung von Media- lisierungskonzepten und Spartensendern stattfinden. Über eine konzeptionelle Eingrenzung der Begrifflichkeiten entlang des Erkenntnisinteresses bezüglich eines möglichen Zusammen- hanges von Medialisierung und der verstärkten Etablierung von Spartensendern, soll ab- schließend eine Diskussion darüber stattfinden, inwiefern Spartenprogramme den Status des Fernsehens als möglicherweise anzuerkennendes Leitmedium v.a. angesichts der Konkurrenz durch das Internet stützen können.

2 Leitmedien und Medialisierung: Fernsehen, Internet und das Phänomen „Spartensender“

2.1 Leitmedium

Wie bereits in der Einleitung angedeutet, drängt sich ob der gleichzeitigen Konvergenz- und Differenzierungstendenzen die Frage auf, welches Medium aktuell als Leitmedium bezeichnet werden kann sowie darüber hinaus die generellere Frage, ob angesichts dessen überhaupt noch von der Existenz von Leitmedien ausgegangen werden kann (vgl. Burdekat 2010: 265f.). Sowohl für die Zuschreibung dieses Status an das Fernsehen als auch das Internet bringen die jeweiligen Fürsprecher stichhaltige Argumente an. Aus dieser Problematik leitet eine weitere Auffassung ab, dass die Rede von Leitmedien als obsolet gelten und stattdessen eher von „Leitthemen“ und „Leitmarken“ ausgegangen werden müsse (vgl. a.a.O.: 281).

Es wird deutlich, dass es sich um eine recht vage und verschiedenen Interpretationen sowie

Kontexten zugängliche Begrifflichkeit zu handeln scheint (vgl. Jarren/Vogel 2011: 18 und Wilke 1999: 302 sowie ders. 2009: 30f.). Deshalb muss einer Einordnung und Bewertung hier eine Definition des Terminus „Leitmedium“ vorausgehen.

2.1.1 Definition und Kriterien

Dieser Vielseitig- und Vieldeutigkeit von „Leitmedium“ gemäß existieren in den Sozial- und Kommunikationswissenschaften zahlreiche Ansätze zur Konkretisierung dieses Phänomens. Dennoch fehlt eine „allgemein anerkannte Definition“ (vgl. Jarren/Vogel 2011: 17). Eine trotzdem in Publikationen zum Thema Leitmedien häufig herangezogene Definitions- grundlage (vgl. a.a.O.: 18 und Burdekat 2010: 266) liefert Jürgen Wilke. Innerhalb der fünf verschiedenen wissenschaftlichen Erklärungsversuche, welche Otfried Jarren und Martina Vogel ausmachen und die sich jeweils unter „Bezugnahme“ auf verschiedene Bereiche von Kriterien differenzieren, ordnen sie Wilkes Ansatz der „Bezugnahme auf soziale Gruppen“ zu (vgl. Jarren/Vogel 2011: 17-20). Als Leitmedium bezeichnet wird demnach ein solches Medi- um, welchem „gesellschaftlich eine Art Leitfunktion zukommt, dem Einfluß [sic] auf die Ge- sellschaft und auf andere Medien beigemessen wird“ (Wilke 1999: 302). Als besonders geeignet für das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit erweist sich Wilkes Ansatz, da er die Leitfunktion von Medien einerseits sowohl im Hinblick auf die spezifische Medien- nutzung verschiedener Publika, als auch, andererseits, auf den Produktionsprozess von Medi- eninhalten betrachtet. Anders als die weiteren theoretischen Ansätze, welche das Leitmedium durch die Bezugnahme auf entweder historische Phasen, die soziale Vermittlungsstruktur, be- stimmte Vermittler oder erzielte Wirkungen spezifizieren (vgl. Jarren/Vogel 2011: 17-20), er- lauben Wilkes Kriterien eine umfassendere Perspektive. Während erstere entweder auf das Mediensystem als Ganzes und/oder bestimmte Instanzen und Strukturen verweisen und somit hauptsächlich einen Top-Down-Blickwinkel zentrieren, eröffnen die von Wilke ausgemachten Indikatoren „Verbreitung und Reichweite“, „Verbreitung und Reichweite bei der Elite“, „Bindung“, „Mediennutzung der Journalisten“, „Expertenurteile“, „publizistische Leitfunkti- on“ sowie „Zitierhäufigkeit“ zudem eine Bottom-Up-Perspektive und machen es somit mög- lich, Dynamiken und mithin Anhaltspunkte für Prozesse des Aufkommens und Niedergangs von Leitmedien zu erhalten. Zudem ist die Bezugnahme auf unterschiedliche soziale Gruppen im Kontext des Erkenntnisinteresses am Besten anwendbar, weil sie es erleichtert, den Leit- medienstatus von Fernsehen und Internet gerade unter den Bedingungen der sich immer wei- ter ausdifferenzierenden Rezipientengruppen, Technologien und Märkte zu bestimmen.

2.1.2 Fernsehen oder Internet: Empirie und Einschätzungen

Die Auswertung der empirischen Daten der ARD/ZDF Onlinestudie zeigt eine deutliche Zu- nahme der Internetnutzung. Während 2012 rund 75,9% der deutschen Bevölkerung zu den sogenannten „Onlinern“ zählten, stieg diese Zahl binnen eines Jahres um 0,8 Millionen Men- schen auf 77,2 %. Dieser Anstieg fällt vor allem dem Anstieg der Nutzer in der Altersgruppe der über 60-Jährigen zu. Auch in puncto Nutzungsdauer zeichnet sich ein Anstieg um 36 Mi- nuten im Vergleich zum Vorjahr auf 169 Minuten, also fast drei Stunden, die jeder Deutsche im Durchschnitt täglich für die Internetnutzung aufbringt. In der Altersgruppe der 14-29- Jährigen verbringt jeder durchschnittlich sogar 237 Minuten täglich Online. (In der Alters- gruppe der 30-49-Jährigen sind es „nur“ noch 168 Minuten, in der der über 60-Jährigen 116 Minuten am Tag) (vgl. van Eimeren/Frees 2013a: 361). Ein tieferer Blick in die Nutzungs- weise zeigt, dass vor allem die Nutzung von mobilen Endgeräten zu höherer „Unterwegsnut- zung“ führt (von 21% 2012 auf 41% 2013), da die Menschen, die über ein Smartphone, Ta- blett oder Ähnliches verfügen in den meisten Fällen auch länger online sind (vgl. van Eimeren 2013: 408). Mobile Endgeräte sind mittlerweile kleine „Allrounder“, die dem Nutzer nicht nur das Surfen durchs Netz ermöglichen, sondern eine Vielzahl von Funktionen vereinen. Seit dem Jahr 1998 bietet „Video-on-demand“ die Möglichkeit Fernsehinhalte über das Internet zu nutzen (vgl. van Eimeren/Frees 2013b: 373). Auch Webradios sorgen dafür, dass viele Funk- tionen und Tätigkeiten, die früher offline stattfanden mehr und mehr auf den Übertragungska- nal des Internets verlagert werden. So bezeichnet Wilke „das Internet als Ganzes [als] eigent- lich kein „Medium“, sondern [als] eine Technologie für verschiedene Kommunikationsmodi“ (Wilke 2009: 49). Trotz der exponentiellen Ausdehnung des Internets etwa seit der Jahrtau- sendwende bleiben die traditionellen Medien Hörfunk und Fernsehen die Medien, denen die größte Aufmerksamkeit der Rezipienten zukommt. In den Jahren 2012 und 2013 sah jeder Deutsche im Schnitt 242 Minuten am Tag fern, was im Verhältnis zur durchschnittlichen In- ternetnutzung belegt, dass das Fernsehen seinen Leitmedienstatus auch gegenwärtig gegen das Internet behaupten kann. Die empirischen Daten geben aber auch Hinweise auf einen Be- deutungszuwachs der, nach Wilke, „Technologie Internet“. Je jünger die beobachtete Alters- gruppe, desto intensiver, häufiger und vielfältiger ist die Nutzungsweise des Internets, sodass die Vermutung naheliegt, dass dessen Bedeutung zukünftig weiter wächst. Dennoch: Ein Mu- sikvideo, das über File-Sharing-Plattformen, wie YouTube aufgerufen oder eine Nachrichten- sendung, die über die Mediathek online angesehen wird, bleiben in ihrem ursprünglichen Format und sind Fernsehbeiträge, die über einen anderen Kanal meist zu jeder Zeit und an je- dem Ort für jeden verfügbar sind.

Die Aspekte des Crossmedia oder der sogenannten Medienkonvergenz, die hier impliziert sind, werden in der abschließenden Diskussion in Zusammenhang gebracht.

2.2 Medialisierung

Die soeben dargelegten Daten und Fakten zur Nutzungszeit und den Nutzungsformen von Fernsehen und Internet machen eins deutlich: Massenmedien nehmen einen eminent wichti- gen Platz innerhalb des individuellen und sozialen Daseins von Menschen in modernen Ge- sellschaften ein und dieses Phänomen scheint sich zu verstärken. Bereits einleitend wurde in diesem Kontext auf den Begriff der Medialisierung verwiesen. Grundsätzlich, nur so viel soll an dieser Stelle gesagt werden, geht es bei „Medialisierung“ stets um den Einfluss, welchen Medien im allgemeinen Sinne auf jegliche Bereiche von Sozialität haben. In Anlehnung an Schulz bringt Meyen dies auf die anschauliche Formel: Medialisierung impliziere, dass sozia- le Veränderungen „durch die Ausbreitung und Entwicklung der Kommunikationsmedien er- klärt werden können“ (vgl. Schulz 2004: 79 zitiert nach Meyen 2009: 6). Der Grundgedanke ist dabei auf die „Kanadische Schule“ und deren Mediumstheorie zurückzuführen. Nach Kommunikationstheoretikern wie Harold Innis und Marshall McLuhan lautet dieser, dass nicht lediglich Medieninhalte Auswirkungen auf das individuelle wie soziale Verhalten ha- ben, sondern vielmehr auch die Medien als solche (vgl. Hepp 2012: 4).

Mehr noch als der Terminus des Leitmediums sieht man sich in der wissenschaftlichen Aus- einandersetzung mit der „Medialisierung“ einer starken theoretischen Ausdifferenzierung ausgesetzt. Es sollen daher zunächst kurz einige Theorien dargelegt und auf eventuelle thema- tische Überschneidungen mit dem Erkenntnisinteresse dieser Arbeit hin untersucht werden.

2.2.1 Theoretischer Überblick

Grundsätzlich lassen sich im Feld der Theorien zur Medialisierung zwei Tendenzen identifi- zieren. Zum einen ist von Medialisierung bestimmter Teilbereiche des gesellschaftlichen Zu- sammenlebens die Rede, zum anderen von Medialisierung als gesamtgesellschaftlichem Pro- zess, dann oft auch als Mediatisierung bezeichnet. Während erstere v.a. untersucht, wie die öffentliche Kommunikation in Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Kultur in ihrem Wandel von Medienlogiken bestimmt wird (vgl. Meyen 2009: 4), interessiert letztere vielmehr ein „Metaprozess sozialen Wandels“, in welchem Veränderungen in „Alltag, Gesellschaft und Kultur“ als medienbezogene Prozesse betrachtet werden (vgl. Krotz 2007: 38). Den gemein- samen Kern beider, welcher sich auch in der teilweise synonymen (teils aber auch distinkti-

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668457478
ISBN (Buch)
9783668457485
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367125
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
Medialisierung Mediatisierung TV Spartensender Leitmedium Fernsehen

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