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Soziales Gründungsmanagement. Guideline zur optimalen Gründung eines Social Start-Ups

Eine qualitative Analyse

Masterarbeit 2016 424 Seiten

BWL - Unternehmensgründung, Start-ups, Businesspläne

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Die Relevanz des Social Entrepreneurship

2. Begriffsbestimmung und theoretische Fundierung
2.1 Entstehung und Definition von Entrepreneurship
2.2 Herleitung und Konzeptualisierung von Social Entrepreneurship
2.3 Klassifizierung von Social Entrepreneurship
2.4 Unterschiedliche theoretische Ansätze zur Mobilisierung knapper Ressourcen von Social Entrepreneurs
2.4.1 Resource Based View
2.4.2 Resource Dependence Theory
2.4.3 Die Rolle von Bricolage und Effectuation

3. Bestandsaufnahme der Literatur
3.1 Überblick der Literatur zu Social Entrepreneurship
3.2 Der Anspruch die Welt zu verbessern
3.3 Gefahren eines Social Entrepreneurs
3.3.1 Die Versuchung eines Mission Drifts
3.3.2 Die Schwierigkeit der Messbarkeit von sozialem Wert
3.3.3 Das Zufriedenstellen von heterogenen Stakeholdern
3.4 Entstehung eines Social Start-ups

4. Methode und Analyse

5. Ergebnisse und Propositionen
5.1 Chancen des Social Entrepreneurship
5.1.1 Aus Sicht des Social Entrepreneurs
5.1.2 Aus Sicht des Social Start-ups
5.1.3 Aus Sicht der Gesellschaft
5.2 Risiken des Social Entrepreneurship
5.2.1 Auf persönlicher Ebene
5.2.2 Auf unternehmerischer Ebene
5.2.3 Auf gesellschaftlicher Ebene
5.3 Guideline zur Gründung eines Social Start-ups

6. Diskussion
6.1 Zusammenfassung
6.2 Theoretischer Beitrag
6.3 Implikationen für Social Entrepreneurs
6.4 Limitationen und Forschungsausblick

Anhang 1 - Interviewleitfaden
Anhang 2 - Codierungstabelle zu den Chancen des Social Entrepreneurship
Anhang 3 - Codierungstabelle zu den Risiken des Social Entrepreneurship
Anhang 4 - Codierungstabelle zu den Stakeholdern des Social Entrepreneurship
Anhang 5 - Codierungstabelle zur Guideline der Gründung eines Social Start-ups
Anhang 6 - Kurze Zusammenfassung der Arbeit
Anhang 7 - Transkript: Dok. 1
Anhang 8 - Transkript: Dok. 2
Anhang 9 - Transkript: Dok. 3
Anhang 10 - Transkript: Dok. 4
Anhang 11 - Transkript: Dok. 5
Anhang 12 - Transkript: Dok. 6
Anhang 13 - Transkript: Dok. 7
Anhang 14 - Transkript: Dok. 8
Anhang 15 - Transkript: Dok. 9
Anhang 16 - Transkript: Dok. 10

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: Social Entrepreneurship als Verbundkonzept

ABBILDUNG 2: Typologie des Social Entrepreneurship

ABBILDUNG 3: Guideline zur Gründung eines Social Start-ups

Tabellenverzeichnis

TABELLE 1: Übersicht der empirischen Studien zu Social Entrepreneurship und Zuordnung zu einem Forschungsbereich

TABELLE 2: Übersicht der Stichprobe

TABELLE 3: Übersicht der Chancen im Social Entrepreneurship

TABELLE 4: Übersicht der Risiken im Social Entrepreneurship

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

Die Forschung im Bereich Social Entrepreneurship wird zunehmend intensiver, jedoch steckt sie noch immer in den Kinderschuhen. Insbesondere fehlt es an relevanten Erkenntnissen für die Praxis, obwohl die Nachfrage nach sozialen Bedürfnissen stetig zunimmt. Ziel der Arbeit ist es, zukünftige Social Entrepreneurs mit den Ergebnissen zu unterstützen und ihnen einen Weg zur bestmöglichen Umsetzung eines Social Start-ups in Deutschland aufzuzeigen. Grundlage dafür ist eine qualitative Untersuchung, bestehend aus Tiefeninterviews mit elf Social Entrepreneurs und Sozialunternehmern in Deutschland. Die Arbeit identifiziert zwölf Chancen sowie elf Risiken des Social Entrepreneurship und unterteilt diese nach persönlicher, unternehmerischer und gesellschaftlicher Ebene. Dabei sind gemeinnützige Social Start-ups stärker von den Risiken betroffen als Gewinnorientierte. Des Weiteren präsentiert die Arbeit eine Guideline zur optimalen Gründung eines Social Start-ups. Diese zeigt, dass es einige entscheidende Unterschiede zur Gründung eines Commercial Start-ups gibt. Zudem enthält sie Lösungsansätze zur Vermeidung eines Mission Drifts. Ferner empfiehlt die Arbeit Social Entrepreneurs den Aufbau einer starken Abhängigkeit zwischen sozialen und ökonomischen Zielen sowie die Reduktion der Abhängigkeit von Spendengeldern.

1. Die Relevanz des Social Entrepreneurship

Seit Menschengedenken trägt die Welt den Kampf zwischen Gut und Böse aus. Unterteilt ist diese Welt in Menschen, die uneigennützig das Gemeinwohl erhöhen wollen und Andere, die rücksichtslos ihre eigenen Ziele verfolgen. Zugegeben, diese schwarz-weiß Betrachtung mag sehr polemisch erscheinen, doch sie enthält einen Funken Wahrheit. Michael Porter, einer der berühmtesten Managementtheoretiker (vgl. Driver 2012), formuliert diesen Konflikt folgendermaßen (Driver 2012, S. 423): „There are the folks that worry about the social agenda and then there are the folks that do business and those are in an uneasy, and sometimes conflicting, relationship with each other.“ Die Faszination für Social Entrepreneurship liegt im Verbinden dieser konkurrierenden Ansätze. Social Entrepreneurship ist ein Phänomen, das mit Hilfe unternehmerischer Aktivitäten soziale Verbesserungen erzielt (vgl. Mair und Martí 2006; Marshall 2011; Van de Ven, Sapienza und Villanueva 2007; Zahra et al. 2009). Es beinhaltet das Entwickeln und Anbieten von Produkten und Dienstleistungen, mit denen soziale Ziele verfolgt werden. Somit grenzt es sich vom Commercial Entrepreneurship ab (vgl. Mair, Battilana und Cardenas 2012). Spätestens durch die Ehrung des Sozialunternehmers Muhammad Yunus mit dem Friedensnobelpreis im Jahr 2006 (vgl. Danko und Brunner 2010), erhielt Social Entrepreneurship eine weltweite Aufmerksamkeit (vgl. Plaskoff 2012). Yunus gründete 1983 die erste Bank, die Mikrokredite an sozial benachteiligte Menschen in Bangladesch gewährte, ohne Sicherheiten der Kreditnehmer zu verlangen (vgl. Danko und Brunner 2010). Er erkannte, dass die Armut im Land bekämpft werden kann, wenn die Benachteiligten geringe finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommen (vgl. Brooks 2009). Damit revolutionierte er nicht nur die Kreditbranche, sondern erhöhte die Investitionen in der Mikrokreditbranche auf vier Milliarden USD (vgl. Danko und Brunner 2010). Diese Gründung dient für Viele als praktisches Beispiel dafür, dass gute Taten nicht nur auf die Wohltätigkeit begrenzt sein müssen (vgl. Plaskoff 2012).

Die Relevanz von Social Entrepreneurship für die Praxis ergibt sich aus der wachsenden Nachfrage nach sozialen Bedürfnissen. Verbraucher verlangen Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen, die nicht nur verantwortungsbewusst agieren, sondern auch soziale Missstände reduzieren (vgl. Plaskoff 2012). Dahinter verbirgt sich der Wunsch nach einer ethischen und sozialen Form des Kapitalismus (vgl. Dacin, Dacin und Tracey 2011). Die Erwartungshaltung der Verbraucher wächst (vgl. Friedman und Miles 2001) und der Druck auf Politiker steigt, soziale Gleichheit zu fördern und Umweltverschmutzung zu reduzieren (vgl. Bernauer und Caduff 2004). Hierin steckt die große Möglichkeit für Social Entrepreneurs, Erfahrungen im Lösen von gesellschaftlichen Problemen zu sammeln (vgl. Plaskoff 2012) und somit Wettbewerbsvorteile aufzubauen. Des Weiteren befindet sich die Wirtschaft auf dem Weg zu einem Paradigmenwechsel, der bereits begonnen hat (vgl. zum Folgenden Driver 2012). Für Michael Porter bedeutet Social Entrepreneurship die Transformation des Kapitalismus, in dem soziale Bedürfnisse nicht nur als Randerscheinungen von unternehmerischen Handlungen auftauchen, sondern das Hauptziel jeder Unternehmung darstellen. Typische Eigenschaften wohltätiger Organisationen werden somit zur Norm jedes Unternehmens. Das Kreieren von sozialem Wert wird in einem weiterentwickelten Kapitalismus ausschlaggebend für den Erfolg sein (vgl. Driver 2012). Trotz der großen Bedeutung von Social Entrepreneurship für die Praxis, ist die Forschung noch nicht weit fortgeschritten (vgl. Dees und Anderson 2006). Das Interesse von Forschung und Praxis wächst jedoch stetig (Moss et al. 2011). Die Anzahl von akademischen Artikeln, Publikationen und Konferenzen ist in den letzten Jahren stark angestiegen (vgl. Moss, Lumpkin und Short 2010). Gleichwohl sind dringend Beiträge zur Forschung und Praxis notwendig (vgl. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006), um der wachsenden Nachfrage nach sozialen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Danko und Brunner (2010, S. 170-171) verzeichnen in ihrer Arbeit eine Übersicht aller empirischen Arbeiten im Bereich des Social Entrepreneurship. Die Ergebnisse der Autoren zeigen, dass es für den Zeitraum von 1991 bis 2009 lediglich elf empirische Studien gibt. Dabei können die Arbeiten in drei Themenbereiche unterteilt werden: (1) Erfolgsfaktoren von Social Entrepreneurship, (2) das Verhältnis von Social Entrepreneurship zu Commercial Entrepreneurship, (3) Ausgestaltung des Social Entrepreneurship (vgl. Danko und Brunner 2010). Ein Blick auf den Zeitraum von 2010 bis 2015 (Tabelle 1) zeigt, dass die Anzahl empirischer Studien auf 21 angestiegen ist. Dennoch mangelt es stark an empirischen Arbeiten zu den Chancen und Risiken des Social Entrepreneurship. Zudem gibt es bisher keine auf Empirie basierende Guideline zur bestmöglichen Umsetzung eines Social Start-ups. Diese Erkenntnisse sind jedoch zwingend notwendig, um zukünftige Social Entrepreneurs in ihrem Vorhaben zu unterstützen und somit einen Beitrag zur Zufriedenstellung der wachsenden sozialen Bedürfnisse zu leisten. Die Forschungslücken sind die Grundlage für die folgenden Forschungsfragen der vorliegenden Arbeit: Welche Chancen, aber auch welche Risiken ergeben sich für Gründer, die einen sozialen Gründungsmanagementansatz verfolgen? Wie sollten Gründer soziales Gründungsmanagement bestmöglich umsetzen?

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel und beginnt mit der Begriffsbestimmung von Social Entrepreneurship. Zudem werden Theorien vorgestellt, die in vergangenen Arbeiten zur Analyse von Social Entrepreneurship herangezogen wurden. Das dritte Kapitel liefert einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, zeigt detailliert die Forschungslücken und leitet die Forschungsfragen ab. Im darauffolgenden Kapitel wird die verwendete Methode der Arbeit erläutert und die Vorgehensweise beschrieben. Das fünfte Kapitel umfasst die Ergebnisse dieser Arbeit, die anhand von Zitaten belegt und mit Hilfe von Beispielen anschaulich dargestellt werden. Die Arbeit schließt mit der Diskussion der Ergebnisse ab, in der Implikationen für Forschung und Praxis sowie Limitationen genannt werden.

2. Begriffsbestimmung und theoretische Fundierung

Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit der Definition und Abgrenzung von wesentlichen Begrifflichkeiten sowie der Darstellung grundsätzlicher Theorien, die für das allgemeine Verständnis der dargebotenen Thematik relevant sind.

2.1 Entstehung und Definition von Entrepreneurship

Die Geschichte des Begriffs „Entrepreneurship“ soll die Entstehung dieser Gründungsart darlegen und als Herleitung für die Definition dienen. In den weiteren Ausführungen der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Social Entrepreneurship“ synonym für die deutsche Bezeichnung des sozialen Gründungsmanagementansatzes und der Begriff „Commercial Entrepreneurship“ synonym für die Bezeichnung des kommerziellen bzw. konventionellen Gründungsmanagementansatzes verwendet. Dabei handelt es sich bei einem Entrepreneur, um eine Person, die im Bereich des Entrepreneurship tätig ist.

Die Historie des Begriffs Entrepreneur führt zurück in das 17. und 18. Jahrhundert Frankreichs (vgl. Dees, Haas und Haas 1998). Im französischen bezeichnet das Wort Entrepreneur jemanden, der etwas unternimmt. Der französische Ökonom Jean Baptiste Say hat den Begriff im 19. Jahrhundert mit seiner Definition wesentlich geprägt. Diese besagt in vereinfachter Form, dass ein Entrepreneur in der Lage ist, Dienstleistungen oder Produkte zu einem höheren Preis zu verkaufen, als einzukaufen. Ein Entrepreneur ist somit fähig, einen Mehrwert zu erzeugen (vgl. zum obigen Abschnitt Dees, Haas und Haas 1998). Eine weitere Person, die den Begriff des Entrepreneurs entscheidend mitgestaltet hat, ist der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter. In seinem 1934 erschienen Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ beschreibt er, wie ein Entrepreneur einen Mehrwert schaffen kann, indem er innovative Kombinationen am Markt durchsetzt. Darunter versteht Schumpeter u.a. die Erstellung neuer Produktionsmethoden, das Erschließen neuer Märkte sowie die Entwicklung neuartiger Produkte. Der Innovationscharakter ist für ihn ein elementarer Bestandteil der Begriffsbestimmung (vgl. zum obigen Abschnitt Schumpeter 1934). Sein Definitionsansatz wird in der Literatur als schöpferische Zerstörung bezeichnet (vgl. Dees, Haas und Haas 1998). Durch die Neukombination von Ressourcen entstehen Innovationen, die bisherige ähnliche Produkte ersetzen. Dieser Verdrängungseffekt stellt den Fortschritt der Wirtschaft dar. Dabei gelten Entrepreneurs als Betreiber des Wandels (vgl. zum obigen Abschnitt Dees, Haas und Haas 1998).

Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass die ursprüngliche Herkunft des Entrepreneurs eine kommerzielle ist. Bis vor kurzem ist die Wirtschaftslehre davon ausgegangen, dass die Gewinnerzielung und das Zufriedenstellen von Investoren die Hauptmotive eines Entrepreneurs darstellen (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010). Diese Ansicht hat sich im Laufe der Zeit geändert. Hier ist insbesondere Peter Drucker (1985, S. 23) zu nennen, der in seinen Ausführungen Mitte der 1980er Jahre deutlich macht, dass ein Gewinnmotiv nicht zwangsläufig der Treiber eines Entrepreneurs sein muss. Als Beispiel führt er die Entstehung der modernen Universität auf, die ihren Ursprung in der Gründung der Universität von Berlin im Jahr 1809 hat. Die Universität hatte nicht zum Ziel, Profit zu erzielen. Stattdessen lag die Intention darin, Deutschland eine führende Stellung in der Wissenschaftslehre zu verschaffen. Laut Drucker (1985, S. 22) ist ein Entrepreneur jemand, der ständig auf der Suche nach Veränderung ist, um Opportunitäten zu nutzen. Dabei ist es irrelevant, ob diese Veränderungen technischer oder sozialer Natur sind. Die Opportunität stellt den zentralen Punkt seiner Definition dar (vgl. zum obigen Abschnitt Drucker 1985). Sie beschreibt jede Aktivität, verbunden mit dem Einsatz von Ressourcen, die in Zukunft einen Wert schaffen soll (vgl. Sahlman 1996).

Ab welchem Zeitpunkt spricht man jedoch von einem Entrepreneur? Das Gründen eines Geschäfts macht den Unternehmer nicht zwangsläufig zu einem Entrepreneur (vgl. Dees, Haas und Haas 1998). Laut Peter Drucker (1985, S. 21) handelt es sich nur dann um Entrepreneurship, wenn eine Idee innovativ und völlig neu ist. Ein herkömmliches Restaurant oder ein weiterer Delikatessenladen, den es in ähnlicher Weise bereits gibt, zählt nicht dazu (vgl. Drucker 1985). Diese Form der Gründung erfüllt weder den Innovationscharakter Schumpeters noch den Opportunitätscharakter Druckers, da es sich hierbei lediglich um eine Kopie von bereits bestehenden Geschäften handelt (vgl. Dees, Haas und Haas 1998).

Howard Stevenson, ein führender Entrepreneurship-Theoretiker der Howard Business School, hat den Entrepreneurship-Begriff um einen entscheidenden Aspekt ergänzt. Er macht deutlich, dass das Überwinden von knappen Ressourcen einen elementaren Bestandteil eines Entrepreneurs darstellt. Ein Entrepreneur verfolgt Opportunitäten unabhängig davon, ob er im Besitz ausreichender Ressourcen ist (vgl. zum obigen Abschnitt Stevenson, Roberts und Grousbeck 1989). Fasst man alle bisherigen Definitionen zusammen, handelt es sich bei einem Entrepreneur um eine Person, die Opportunitäten erkennt und benutzt, um durch innovative Ideen Werte zu schaffen, und zwar unabhängig der eigenen Ressourcen.

2.2 Herleitung und Konzeptualisierung von Social Entrepreneurship

Die Definition des Social Entrepreneurs kann zunächst mit der Frage nach dem Zweck des Social Entrepreneurship nähergebracht werden. Das Hauptmotiv des Social Entrepreneurship liegt in der Reduzierung sozialer Ungleichheiten (vgl. Barki et al. 2015). Gemäß Muhammad Yunus (2011, S. 21), Friedensnobelpreisträger und Erfinder des Mikrokredits, ist die Armutsbekämpfung eines der wesentlichen Ziele des Social Entrepreneurship. In der Literatur gibt es verschiedene Ansätze, die Social Entrepreneurship definieren. In einer Auflistung von Dacin, Dacin und Matear (2010, S. 39ff.) werden 37 unterschiedliche Definitionen aufgezeigt. Dabei konnten die Autoren feststellen, dass der Fokus auf vier Bereichen liegt: Charakteristika des Social Entrepreneurs, Branche, Entstehung und Ressourcen sowie Mission und Ergebnis der Gründung (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010). Diese Vielfalt an Interpretationen verdeutlicht, dass es keine einheitlich anerkannte Definition des Begriffes Social Entrepreneurship gibt (vgl. Choi und Majumdar 2014; Venkataraman 1997). Jedoch hat die Mehrheit der Definitionen gemeinsam, dass die Erzeugung sozialer Werte vordergründig ist (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010; Peredo und McLean 2006). Diese sind klar von finanziellen Zielen (Gewinn) zu trennen und meinen die Versorgung von grundlegenden Bedürfnissen, wie beispielsweise Essen, Trinken, Obdach, Bildung oder medizinische Versorgung (vgl. Certo und Miller 2008).

Was bedeutet eigentlich „social“? Dieser Frage sind mehrere Autoren nachgegangen, um Social Entrepreneurship von anderen Entrepreneurship-Arten abzugrenzen (vgl. Dees, Haas und Haas 1998; Peredo und McLean 2006). Die Verständigung auf eine einheitliche Definition des Wortes „social“ ist jedoch zu bezweifeln. Seelos und Mair (2005, S. 244) erläutern, dass Individuen, abhängig vom persönlichen Hintergrund, dem Begriff „social“ verschiedene Bedeutungen zusprechen. Als Beispiel führen die Autoren einen Vergleich zwischen der Unterstützung von Obdachlosen in Frankreich und der Ernährung von hungrigen Kindern in Afghanistan an. Sie stellen sich die Frage, ob es „sozialer“ ist die hungrigen Kinder in Afghanistan zu versorgen oder die Obdachlosen in Westeuropa. Welches soziale Bedürfnis schafft in diesem Beispiel den größeren sozialen Wert (vgl. zum obigen Abschnitt Seelos und Mair 2005)? Dieses Beispiel verdeutlicht, dass es unmöglich ist Social Entrepreneurship zu definieren, ohne sich darauf zu verständigen, dass alle Gründungen darunter fallen, die nachhaltig sozialen Wert erzeugen (vgl. Seelos und Mair 2004, 2005). Des Weiteren ist es umstritten, ob mit der Definition des Wortes „social“ der Unterschied zwischen Commercial und Social Entrepreneurship erklärt werden kann. Mair (2006, S. 89) äußert einen weiteren Kritikpunkt, indem sie der Meinung ist, dass auch kommerzielle Gründungen einen sozialen Wert schaffen. Dies geschieht entweder direkt durch das Lösen von sozialen Problemen oder indirekt durch Steuereinnahmen des Staates sowie durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze (vgl. Mair 2006). Es bleibt die Frage offen, an welcher Stelle die Grenze gezogen wird. Wie „social“ muss eine Gründung sein, um als Social Start-up zu gelten?

Austin, Stevenson und Wei-Skillern (2006, S.2) führen in ihrer Arbeit auf, dass es in der Literatur eng und breit gefasste Definitionen gibt. Einen großen Einfluss darauf haben, gemäß den Autoren, die Rechtsform sowie die Ziele der Gründung. So bezieht sich Social Entrepreneurship teilweise auf gewinnorientierte Gründungen, die soziale Ziele verfolgen (vgl. Dees und Anderson 2003; Emerson und Twersky 1996), auf gemeinnützige Gründungen ohne wirtschaftliche Gewinnziele oder auf hybride Formen von Gründungen, die eine Kombination aus gewinnorientierten und gemeinnützigen Ansätzen darstellen (vgl. Dees, Haas und Haas 1998). Die eng gefassten Definitionen konzentrieren sich i.d.R. auf gemeinnützige Organisationen, die durch wirtschaftliches Agieren am Markt Umsätze generieren (vgl. Thompson 2002). Die folgende Darstellung lehnt sich an Austin, Stevenson und Wei-Skillern (2006, S. 2) an. Der zentrale Punkt, den viele Definitionen unabhängig der Breite des Definitionsbegriffs oder der Rechtsform des Gründungsunternehmens gemeinsam haben, ist das Adressieren eines sozialen Problems. Dabei sollte die Rechtsform gewählt werden, mit der am effektivsten das soziale Problem behoben werden kann. Social Entrepreneurship lässt sich somit nicht nur auf eine Rechtsform (gewinnorientiert oder gemeinnützig) limitieren. Tatsächlich gibt es soziale Gründungen in beiden Rechtsformen (vgl. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006).

Ein aktuelles Beispiel für ein Social Start-up im gemeinnützigen Bereich stellt nach Auffassung des Verfassers die im Jahr 2015 gegründete Kiron University (https://kiron.university/) dar. Dabei handelt es sich um eine Unternehmung, die Flüchtlingen einen kostenlosen Zugang zu Bildung ermöglicht. Flüchtlinge haben die Möglichkeit, sich online für einen Studiengang ihrer Wahl einzuschreiben. Durch die Kooperation mit verschiedenen Universitäten innerhalb und außerhalb Deutschlands können die Teilnehmer einen anerkannten Universitätsabschluss erhalten. Das Unternehmen finanziert sich mit Spendengeldern und verfolgt keine finanziellen Gewinnziele. Das soziale Problem, das durch die Gründung der Kiron University behoben werden soll, liegt u.a. in der fehlenden Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft. Der soziale Wert liegt sicherlich darin, dass Flüchtlingen schneller und unbürokratischer Zugang zu Bildung gewährt wird. Zudem stellen Flüchtlinge mit einem Universitätsabschluss qualifizierte Arbeitskräfte dar, die einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Ein Beispiel für ein Social Start- up mit Gewinnabsicht ist nach Ansicht des Verfassers die IT-Beratungsfirma Auticon (http://auticon.de/). Hierbei handelt es sich um eine Unternehmung, die ausschließlich autistische Menschen als IT-Berater beschäftigt. Menschen, denen sonst der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, können ihre Stärken in der Auseinandersetzung mit logischen Aufgaben einbringen. Somit schafft Auticon einen Arbeitsplatz für eine ansonsten vom Arbeitsmarkt benachteiligte Personengruppe.

Das Problem zwischen zu eng gefassten Definitionen, die nur auf wenige Gründungen zutreffen und zu breit gefassten Definitionen, die eine inhaltliche Leere aufweisen, wurde in der Literatur bereits früh erkannt (vgl. Dees, Haas und Haas 1998). Dees gilt als einer der einflussreichsten Social Entrepreneurship-Theoretiker (vgl. Barki et al. 2015). Sein Artikel „The Meaning of Social Entrepreneurship“ wurde zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit laut Google Scholar über 1.800 Mal zitiert. Seine Definition lautet (Dees, Haas und Haas 1998, S. 4):

“Social entrepreneurs play the role of change agents in the social sector, by:

- Adopting a mission to create and sustain social value (not just private value),
- Recognizing and relentlessly pursuing new opportunities to serve that mission,
- Engaging in a process of continuous innovation, adaptation, and learning,
- Acting boldly without being limited by resources currently in hand, and
- Exhibiting a heightened sense of accountability to the constituencies served and for the outcomes created.”

Laut Dees, Haas und Haas (1998, S. 4) entspricht ein Gründer der Definition eines Social Entrepreneurs umso besser, je mehr er die obigen Punkte erfüllt. Für die Autoren ist ein Social Entrepreneur eine Person, die eine soziale Mission verfolgt. Dabei besteht der Anspruch, die eigentlichen Ursachen von gesellschaftlichen Problemen zu beheben, statt nur die Symptome zu bekämpfen. Dieser Aspekt nimmt eine zentrale Rolle in der Begriffsbestimmung ein. Der Glaube an eine positive gesellschaftliche Veränderung ist stark ausgeprägt. Ein Social Entrepreneur glaubt an eine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft (vgl. zum obigen Abschnitt Dees, Haas und Haas 1998). In diesem Teil der Definition greifen die Autoren drei entscheidende Aspekte auf, die bereits im Verlauf der Arbeit herausgestellt wurden. Dazu zählt, dass die Mehrheit der Entrepreneurship-Theoretiker das Adressieren eines sozialen Problems als typische Charakteristik des Social Entrepreneurship definiert (vgl. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006). Zudem sind sich viele Theoretiker einig, einen sozialen Wert zu schaffen (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010; Peredo und McLean 2006). Auch der Kritikpunkt, dass der Aspekt der Nachhaltigkeit fehlt (vgl. Seelos und Mair 2004, 2005), fließt in die Definition ein. Dees hat in seinen weiteren Elementen der Definition auch den Opportunitätscharakter Druckers (Bullet Point zwei), den Innovationscharakter Schumpeters (Bullet Point drei) sowie den Ressourcencharakter Stevensons (Bullet Point vier) eingebunden. Abschließend fügt Dees noch den Aspekt an, dass Social Entrepreneurs ein tiefgreifendes Verständnis für alle Menschen haben, die vom identifizierten Problem betroffen sind (vgl. Dees, Haas und Haas 1998).

Auch wenn die zitierte Begriffsbestimmung wesentliche Kritikpunkte anderer Theoretiker beinhaltet, entspricht sie nicht einer einheitlich akzeptierten Definition. In den darauf folgenden Jahren gab es immer wieder neue Definitionsversuche (z.B. Alvord, Brown und Letts 2004; Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006; Dart 2004; Tracey und Jarvis 2007). Ein Grund für das definitorische Durcheinander in der Wissenschaft, liegt laut Certo und Miller (2008, S. 270) in der Herausforderung, dass Social Entrepreneurship sowohl Elemente aus der Betriebswirtschaft, als auch aus dem gemeinnützigen Sektor vereint. In der Kombination besteht die größte Schwierigkeit, den Begriff zu definieren (vgl. Certo und Miller 2008). Die fehlende einheitliche Definition ist ein genereller Kritikpunkt der Forschung (vgl. Short, Moss und Lumpkin 2009). Choi und Majumdar (2014, S. 363) heben hervor, dass Social Entrepreneurship allgemein als umstrittenes Konzept anerkannt ist. Beide Autoren betonen, dass die Social Entrepreneurship-Forschung bisher nur minimalen Fortschritt erlangt hat, obwohl seit mehr als zwei Jahrzehnten in diesem Themengebiet geforscht wird. Der Aktuelle Status Quo der Forschung stellt ein Hindernis für einen interdisziplinären Austausch sowie für einen Fortschritt im Bereich des Social Entrepreneurship dar (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010). Eine Möglichkeit, die bisherigen Debatten zu beenden, besteht in der Deklaration des Social Entrepreneurship als „Essentially Contested Concept“ (vgl. Choi und Majumdar 2014). Dieser englische Begriff lässt sich im Deutschen mit „wesentlich umstrittenes Konzept“ übersetzen. Der Philosoph Walter Bryce Gallie (1956, S. 167ff.) hat dieses Konzept entwickelt. Seiner Beschreibung nach gibt es verschiedene Begriffe, die von Individuen unterschiedlich aufgefasst und interpretiert werden. Als Beispiel führt er die Begriffe „Kunst“ oder „Demokratie“ an. Beide Begrifflichkeiten werden auf verschiedene Weise verwendet, was suggeriert, dass es keine breit akzeptierte und einheitliche Definition gibt. Dieser Aspekt führt dazu, dass eine Begriffsbestimmung zwangsläufig in endlosen Debatten über die korrekte Anwendung eines Begriffes endet. Ob ein Begriff als Essentially Contested Concept deklariert wird, kann anhand von sieben Kriterien festgestellt werden (vgl. zum obigen Abschnitt Gallie 1956). Dabei sind fünf dieser Kriterien besonders relevant (vgl. Choi und Majumdar 2014). Im Folgenden zeigt die vorliegende Arbeit diese fünf Kriterien in übersichtlicher Form und erklärt warum Social Entrepreneurship ein Essentially Contested Concept darstellt. Diese Erkenntnisse beruhen im Wesentlichen auf der Arbeit von Choi und Majumdar (vgl. 2014, S. 365ff.).

Appraisivenss: Das erste Kriterium besagt, dass ein Begriff eine Errungenschaft darstellen muss, um als Essentially Contested Concept zu gelten (vgl. Gallie 1956). Ein Blick in die Literatur zeigt, dass Social Entrepreneurship als Errungenschaft angesehen werden kann. Beispielsweise interpretiert Light (2009, S. 21) Social Entrepreneurship als „most alluring terms on the problem-solving landscape today”. Michael Porter geht einen Schritt weiter und unterstreicht, dass Social Entrepreneurship den Beginn einer Transformation des Kapitalismus repräsentiert (vgl. Driver 2012).

Internal Complexity: Das zweite Kriterium befasst sich mit der internen Komplexität. Ein Begriff, der mehrere Aspekte in sich vereint, erfüllt nach Gallie (1956, S. 171f.) dieses Kriterium. Als Beispiel führt er erneut das Konzept der Demokratie an. Dieses beinhaltet beispielsweise die Gleichheit aller Bürger sowie die Macht der Bürger, die Regierung zu bestimmen (vgl. Gallie 1956). Auch dieses Argument wird von der Literatur gestützt. Mehrere Autoren beschreiben Social Entrepreneurship als komplexes und multi-dimensionales Konzept (z.B. Bacq und Janssen 2011; Weerawardena und Mort 2006).

Various Describability: Das dritte Kriterium besagt, dass ein Begriff auf unterschiedliche Arten umschrieben werden kann, wobei der Schwerpunkt der Beschreibung auf verschiedenen Teilaspekten liegt (vgl. Gallie 1956). Durch die Vielfalt der Definitionen wird dieses Kriterium erfüllt.

Openness: Das vierte Kriterium geht darauf ein, dass ein Essentially Contested Concept sich verändernden Umständen anpassen muss (vgl. Gallie 1956). Es kann niemals für alle Zeit bestimmt werden (vgl. Choi und Majumdar 2014). Ein Beispiel stellt für Choi und Majumdar (2014, S 369) der Begriff der Kunst dar, der sich im Laufe der Zeit aktuellen Trends anpasste. Zudem sei unvorhersehbar, welche Änderungen der Kunstbegriff in Zukunft mit sich bringt. Betrachtet man historische Begriffsbestimmungen des Social Entrepreneurship, stellt sich heraus, dass der damalige Fokus auf dem Social Entrepreneur lag (vgl. Bornstein und Davis 2010). Im Gegensatz dazu, wird bei späteren Definitionen beispielsweise auf organisatorische Rahmenstrukturen eingegangen (vgl. Choi und Majumdar 2014). Dieser Wandel korreliert mit dem Aufschwung der gemeinnützig organisierten Vereine in den letzten Jahrzehnten (vgl. Bornstein und Davis 2010).

Aggressive and Defensive Uses: Laut Gallie (1956, S. 172) sind sich die Verfasser von Definitionen im fünften Kriterium darüber bewusst, dass ihre Definition von anderen Theoretikern bestritten wird. Zudem ist ihnen klar, dass ihr Definitionsbegriff gegen den der anderen standhalten muss. Ein Beispiel dafür ist die Kritik von Boschee und McClurg (2003, S. 2) an Dees‘ Definition, die im vorherigen Teil der Arbeit zitiert wurde. Für die Autoren ist Dees‘ Definition gedanklich fehlerhaft, da er den Aspekt, eigenen Ertrag zu erwirtschaften, außer Acht lässt. Dees und Anderson (2003, S.1) verteidigen ihren Standpunkt. Sie weisen darauf hin, dass zu viele Personen unter Social Entrepreneurship gemeinnützige Unternehmen verstehen, die neue Wege zur selbstständigen Finanzierung suchen. Diese Ansicht ist allerdings zu eng gefasst. Das Beispiel zeigt, dass Verwender des Begriffs Social Entrepreneurship, sich des umstrittenen Charakters des Konzeptes bewusst sind. Daher erfüllt Social Entrepreneurship dieses Kriterium (vgl. Choi und Majumdar 2014).

Gallies Theorie zum Essentially Contested Concept stößt auf sehr viel Zustimmung in der Literatur (vgl. Choi und Majumdar 2014). Jedoch gibt es auch kritische Meinungen. Gray (1978, S. 341) und Clarke (1979, S. 126) behaupten, dass Gallies Theorie zwangsläufig zu einem konzeptionellen Relativismus führt. Gallies Theorie stellt aber einen Maßstab dar, wenn es um die Analyse komplexer Begriffe geht (vgl. Collier, Hidalgo und Maciuceanu 2006). Social Entrepreneurship erfüllt die fünf obigen Kriterien und kann somit als ein Essentially Contested Concept angesehen werden. Diese Feststellung erklärt, warum es bisher keine einheitliche Definition des Konzeptes gibt (vgl. Choi und Majumdar 2014).

Die folgende Darstellung widmet sich der Frage, wie die Problematik der Begriffsbestimmung gelöst werden kann. Choi und Majumdar (2014, S. 364) beschreiben Social Entrepreneurship als ein sogenanntes Verbundkonzept. Demnach stellt es eine Zusammensetzung aus verschiedenen Subkonzepten dar. Zu diesen zählen laut Choi und Majumdar (2014, S. 364): (1) der soziale Wert; (2) der Social Entrepreneur; (3) die organisatorische Rahmenstruktur; (4) die Marktorientierung und (5) die soziale Innovation. Diese fünf Subkonzepte repräsentieren überwiegend die Grundlage der konkurrierenden Definitionen (vgl. Choi und Majumdar 2014). Dabei gilt der soziale Wert als Voraussetzung für Social Entrepreneurship (z.B. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006; Dees, Haas und Haas 1998; Peredo und McLean 2006). Der Social Entrepreneur ist der Initiator einer Gründung und hauptverantwortlich für die Durchsetzung von sozialen Innovationen sowie sozialen Änderungen (vgl. Ziegler 2010). Durch eine organisatorische Rahmenstruktur kann sich ein Social Entrepreneur von kleineren Initiativen, die soziale Änderungen hervorbringen, differenzieren. Beispielsweise Bürgerbewegungen (vgl. Mair und Martí 2006). Ein Social Start-up kann verschiedene Rechtsformen annehmen, wodurch es gewinnorientiert, gemeinnützig oder hybrid sein kann (vgl. Dorado 2006). Marktorientierung meint, dass soziale Gründungsunternehmen ihre Effektivität und Effizienz steigern, indem sie kommerzielle Aktivitäten umsetzen (vgl. Nicholls 2010). Des Weiteren wird damit eine größere finanzielle Unabhängigkeit verbunden (vgl. Boschee und McClurg 2003; Harding 2004; Haugh 2005). Die soziale Innovation wird als Teilaspekt für diverse Begriffsbestimmungen herangezogen, um das Konzept von Social Entrepreneurship zu erläutern (z.B. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006; Dees, Haas und Haas 1998; Peredo und McLean 2006). Entrepreneurship-Theoretiker heben den Social Entrepreneur oftmals als Betreiber des Wandels hervor (vgl. Dearlove 2004; Dees, Haas und Haas 1998; Sharir und Lerner 2006).

Abbildung 1 skizziert schematisch Social Entrepreneurship als Verbundkonzept. Es besteht aus insgesamt fünf Kreisen, wovon vier gleich groß sind und von einem großen Kreis umschlossen werden. Die Kreise stellen die Subkonzepte des Social Entrepreneurship dar (vgl. Choi und Majumdar 2014). Der große Kreis steht für den sozialen Wert, den das Social Start-up kreiert. Da es sich hierbei um eine Voraussetzung für Social Entrepreneurship handelt, umfasst dieser Kreis die vier anderen Subkonzepte. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass der soziale Wert als einzelnes Subkonzept nicht ausreichend für ein Social Start-up ist. Der soziale Wert muss mit weiteren Subkonzepten kombiniert werden. Eine Unternehmensgründung kann als Social Entrepreneurship aufgefasst werden, auch wenn es weniger als fünf Subkonzepte abbildet. Vorausgesetzt, der soziale Wert ist vorhanden. Des Weiteren sind die vier Subkonzepte (Social Entrepreneur, organisatorische Rahmenstruktur, Marktorientierung, soziale Innovation) als einzelne Teilaspekte nicht zwingend für ein Social Start-up notwendig (vgl. zum obigen Abschnitt Abschnitt Choi und Majumdar 2014). Diese vier Subkonzepte können in unterschiedlich starker Ausprägung vorhanden sein (vgl. Gallie 1956).

ABBILDUNG 1: Social Entrepreneurship als Verbundkonzept

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Choi und Majumdar (2014, S. 373, Übersetzung durch den Verf.)

Ein von der breiten Masse als Social Entrepreneurship anerkanntes Beispiel ist die Grameen Bank, gegründet 1983 von Muhammad Yunus (vgl. Choi und Majumdar 2014). Diese Bank vergibt Mikrokredite an Frauen in Bangladesch, die bedingt durch ihre Armut keine Sicherheiten besitzen und von klassischen Banken ignoriert werden. Die Grameen Bank erfüllt alle fünf Subkonzepte und kann als Idealtyp des Social Entrepreneurship aufgefasst werden. Der soziale Wert liegt hierbei in der Reduzierung der Armut. Muhammad Yunus gilt als Paradebeispiel eines sozialen Entrepreneurs, dessen Fähigkeiten entscheidend für den Erfolg der Unternehmung sind. Die Gründung einer Bank diente als organisatorische Rahmenstruktur, um durch kommerzielle Aktivitäten die soziale Mission zu verfolgen. Abschließend liegt durch die Tatsache, dass die Grameen Bank überwiegend Mikrokredite an kleinere Gruppen von Frauen vergibt, eine soziale Innovation vor (vgl. zum obigen Abschnitt Choi und Majumdar 2014).

Nach Ansicht des Verfassers ist die Definition des Social Entrepreneurship nach dem vorgestellten Verbundkonzept die Zutreffendste. Durch die Aufteilung des Definitionsbegriffes in fünf wesentliche Teilaspekte werden verschiedene vorherige Definitionen berücksichtigt. Zudem wird die Definition den unterschiedlichen Ansprüchen verschiedener sozialer Gründungen gerecht, indem nur Teile dieser Subkonzepte erfüllt sein müssen. Voraussetzung dafür ist, dass ein sozialer Wert geschaffen wird. Ein Social Start-up, das auf Spenden angewiesen ist und den Aspekt der Marktorientierung nicht erfüllt, kann dennoch als Social Entrepreneurship aufgefasst werden, wenn es den anderen Subkonzepten (oder Teilen davon) entspricht. Der Vorteil besteht darin, dass das definitorische Durcheinander zukünftig reduziert werden kann.

2.3 Klassifizierung von Social Entrepreneurship

Eine Typologie des Social Entrepreneurship beleuchtet, wie vielfältig dieses Themengebiet ist. In dieser Vielfältigkeit liegt eine weitere Begründung für die Schwierigkeit der Konzeptualisierung. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Arbeit von Neck, Brush und Allen (2009, S. 15f.). Die Autoren verwenden zur Entwicklung einer Typologie zwei Dimensionen: Die Mission eines Start-ups sowie das unternehmerische Ergebnis. Die Dimension der Mission begründet sich in der Annahme, dass diese die Grundlage für die Existenzgründung darstellt (vgl. Schein 1992). Das unternehmerische Ergebnis zeigt, wie erfolgreich ein Start-up seine Ziele in finanzieller und sozialer Hinsicht erreicht (vgl. Venkatraman und Ramanujam 1986). Abbildung 2 benennt fünf Typen von Social Start-ups. Charakteristisch für das Social Purpose Venture (Quadrant 1) ist, dass es eine soziale Mission verfolgt und Einnahmen am Markt erzielt. Traditional Ventures (Quadrant 2) können als klassische Start-ups betrachtet werden. Der Fokus liegt dabei auf rein ökonomischen Betriebskennzahlen. Der dritte Typ eines Social Start-ups ist das Social Consequence Venture (Quadrant 3). Dieses ähnelt einer klassischen Unternehmensgründung, jedoch produziert das Unternehmen soziale Ergebnisse. Dabei handelt es sich um Nebenprodukte, die durch die Geschäftstätigkeit entstehen. Ein Beispiel sind Social Start-ups, die mit einem Teil ihres Gewinns soziale Projekte fördern (Corporate Social Responsibility). Der vierte Typ wird als Enterprising Nonprofits (Quadrant 4) bezeichnet. Charakteristisch dafür ist, dass die Finanzierung aus Spendengeldern erfolgen kann. Der fünfte und letzte Typ sind hybride Formen, die eine Kombination aus Eigenschaften mehrerer Typen vereinen (vgl. zum obigen Abschnitt Abschnitt Neck, Brush und Allen 2009). Ein Kritikpunkt an dieser Typologie ist, dass es auch eine rein kommerzielle Unternehmensgründung enthält (Quadrant 2). Diese gehört nach Auffassung des Verfassers nicht zum Spektrum des Social Entrepreneurship, da es die im Verbundkonzept festgelegte Voraussetzung, einen sozialen Wert zu kreieren, nicht erfüllt.

ABBILDUNG 2: Typologie des Social Entrepreneurship

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Neck, Brush und Allen (2009, S. 15, Herv. von Quadrant 3 durch den Verf.)

In den bisherigen Kapiteln wurde Entrepreneurship zunächst historisch abgeleitet, um ein Grundverständnis für die Thematik zu vermitteln. Anschließend erfolgte eine Erläuterung des Zwecks von Social Entrepreneurship. Des Weiteren veranschaulichten verschiedene Definitionsstränge die Probleme der Begriffsbestimmung. Zudem dienten zwei Praxisbeispiele für Social Start-ups dem besseren Verständnis. Weiterhin wurde die Definition von Gregory Dees, einem der am häufigsten zitierten Social Entrepreneurship-Theoretiker (z.B. Barki et al. 2015; Dacin, Dacin und Matear 2010; Worsham 2012), wiedergegeben und analysiert. Als nächstes erklärte die Arbeit warum es sich beim Terminus Social Entrepreneurship um ein Essentially Contested Concept handelt. Zum Schluss wurde eine alternative Konzeptualisierung von Social Entrepreneurship aufgezeigt und ein Einblick in die Typologie des Begriffs gegeben.

2.4 Unterschiedliche theoretische Ansätze zur Mobilisierung knapper Ressourcen von Social Entrepreneurs

In den folgenden Unterkapiteln werden bestehende Entrepreneurship-Theorien dargelegt und in den Kontext des Social Entrepreneurship gebracht. Dieses Vorgehen wird in der Literatur als geeignete Methode bezeichnet, um weitere Erkenntnisse über Social Entrepreneurship zu erhalten (vgl. Dacin, Dacin und Matear 2010).

2.4.1 Resource Based View

Barki et. al. (2015, S. 382) sehen in der Theorie des Resource Based View (RBV) die Möglichkeit, Einblicke in die Strategie von Social Entrepreneurs zu erhalten. Unter das Dach der Strategie fällt die Ressourcenmobilisierung. Durch die Anwendung des RBV ist eine Analyse der Ressourcenmobilisierung möglich (vgl. Wernerfelt 1984).

Laut RBV führt es nachhaltig zu Wettbewerbsvorteilen, wenn ein Unternehmen seine Ressourcen (Inputs) auf einmalige Art und Weise kombiniert, um Produkte oder Dienstleistungen (Outputs) zu erstellen (vgl. Barney 1991; Grant 1991). Hier findet sich die von Schumpeter (1934, S. 8) beschriebene Idee der Neukombination von Ressourcen. Der Fokus des RBV liegt dabei auf den Ressourcen (Inputs) und nicht auf den Ergebnissen (Outputs), die ein Unternehmen liefert (vgl. Meyskens et al. 2010). Da die Ergebnisse von Social Start-ups zwischen ökonomischen und sozialen Resultaten variieren, empfiehlt sich eine Betrachtung der Ressourcen. Der RBV dient somit als Hilfsmittel, um Social Entrepreneurship und seine Prozesse besser zu verstehen (vgl. Meyskens et al. 2010). Innerhalb der RBV ist zwischen materiellen und immateriellen Ressourcen zu unterschieden. Zu den materiellen Ressourcen zählen Humankapital sowie finanzielle und physische Ausstattung (z.B. Liquidität und Maschinen) und organisatorische Ressourcen (vgl. Meyskens et al. 2010). Die immateriellen Ressourcen umfassen sowohl Wertesysteme, Führungsstile und Designs (vgl. Barney 1991), als auch Wissen, Schutzrechte, Image und Kultur (vgl. Grant 1991). Eine positive Auswirkung auf die Beschaffung von Ressourcen haben Partnerschaften (vgl. Meyskens et al. 2010). Diese wirken beim Vermögenswachstum (vgl. Porter und Kramer 2002; Preston und Donaldson 1999) und bei der Schaffung von (sozialem) Wert unterstützend (vgl. Kale, Dyer und Singh 2001). Laut Meyskens et al. (2010, S. 665-674) können Social Start-ups mit Hilfe von Partnerschaften Spenden generieren oder ehrenamtliche Helfer finden. Eine Möglichkeit, effektive Partnerschaften und innovative Prozesse zu entwickeln, liegt in der immateriellen Ressource von Wissen. Wissen entsteht durch die individuelle Erfahrung einzelner Personen (vgl. Alvarez und Barney 2004) und ist schwierig in seinem vollen Umfang zu transferieren. Daher stellt Wissen eine strategische Ressource dar. Ressourcen bilden im Allgemeinen die Grundlage für die Erzeugung von sozialem Wert. Abschließend belegen empirische Erkenntnisse, dass Social Entrepreneurs auf ähnliche Weise Ressourcen aufbauen und verwalten wie Commercial Entrepreneurs. Daher sollten Social- und Commercial Entrepreneurs nicht als komplett unterschiedliche Typen von Entrepreneurs angesehen werden. (vgl. zum obigen Abschnitt Meyskens et al. 2010).

Der RBV hat seinen Ursprung im strategischen Management, das sich im Wesentlichen auf etablierte Unternehmen fokussiert. Hierin liegt ein Kritikpunkt an der Anwendung des RBV (vgl. Kellermanns et al. 2016). Entrepreneurship befasst sich hingegen mit kleineren Unternehmen, die noch nicht etabliert sind und Wachstum anstreben (vgl. Carland et al. 1984). Eine einfache Übernahme des RBV auf die Entrepreneurship-Lehre, ohne dabei auf die Besonderheiten dieses Forschungsgebietes einzugehen, scheint fraglich (vgl. Kellermanns et al. 2016). Tatsächlich liegt der Fokus der aktuellen RBV-Forschung nach Kellermanns et. al. (2016, S. 27) auf Ressourcen, die für etablierte Unternehmen relevant sind. Jedoch verwenden Entrepreneurs unterschiedliche Ressourcen oder benutzen diese auf eine andere Art und Weise (vgl. Unger et al. 2011; Wiklund und Shepherd 2009). Ein weiterer Kritikpunkt stellt die unklare und teilweise widersprüchliche Definition von Ressourcen dar (z.B. Priem und Butler 2001a; Priem und Butler 2001b).

2.4.2 Resource Dependence Theory

Neben der Theorie des RBV kann auch die Resource Dependence Theory (RDT) zur Erklärung der Ressourcenmobilisierung herangezogen werden, die ein essentielles Anliegen einer Gründung darstellt (vgl. Desa und Basu 2013). Die RDT befasst sich mit der Abhängigkeit zwischen Unternehmen und Lieferanten. Wenn einzelne Lieferanten einen entscheidenden Beitrag zur Performance eines (Social) Start-ups beitragen, beispielsweise weil dieses über keine weiteren Lieferanten verfügt, so kann der Lieferant seine Dominanz ausnutzen und übermäßig von dieser Konstellation profitieren (vgl. Hillman, Withers und Collins 2009; McDougall und Oviatt 2000). Des Weiteren kann nach Desa und Basu (2013, S. 29f.) durch die Leistung des Lieferanten die Performance des Start-ups gefährdet werden. Daher ist eine starke einseitige Abhängigkeit von einem Lieferanten langfristig betrachtet zu vermeiden. Auch wenn es kurzfristig, aufgrund einer Alternativlosigkeit, nicht anders möglich ist (vgl. Desa und Basu 2013).

Aus Lieferantensicht liegt die Gefahr einer Geschäftsbeziehung mit kleineren (Social) Start- ups in der Ungewissheit (vgl. Desa und Basu 2013). Der Lieferant erhält, bedingt durch die Neuheit und die geringe Größe des (Social) Start-ups (Liabilities of Newness, Liabilities of Smallness), kaum Informationen über die Unternehmung. Hiermit limitiert er seine Beteiligung an der Geschäftsbeziehung erheblich (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013). Diese Probleme von (Social) Start-ups können auch als Ursache für ein fehlendes Investoreninteresse aufgefasst werden, wodurch die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ggf. steigt (vgl. Brüderl und Schüssler 1990). Ein Grund für die kritische Betrachtungsweise der Lieferanten liegt in der Sorge, dass das (Social) Start-up nicht in der Lage ist, für die in Anspruch genommenen Leistungen zu zahlen (vgl. Heimovics, Herman und Jurkiewicz Coughlin 1993). Desa und Basu (2013, S. 32) äußern sich skeptisch, ob diese Gefahr bei Social Start-ups nicht sogar größer ist, als bei Commercial Start-ups. Sobald (Social) Start-ups ihre Bekanntheit steigern und sich ein positives Image erarbeitet haben (vgl. Mishina et al. 2010), erhöht sich ihre Verhandlungsmacht und die Abhängigkeit vom Lieferanten sinkt. Im Vergleich zu Commercial Start-ups, müssen Social Start-ups zusätzliche Hürden bei der Überwindung der Ressourcenknappheit bewältigen. Ein Grund dafür stellt der Aspekt dar, dass Social Start-ups auf Gewinnmaximierung verzichten, um maximalen sozialen Wert zu kreieren. Weiterhin kennzeichnend für Social Start-ups ist, dass ihre soziale Mission direkt an die Fähigkeit der Ressourcenmobilisierung geknüpft ist (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013). Wenn ein Standardlieferant einem (Social) Start-up lediglich geringe Priorität zuweist, kann das (Social) Start-up Bricolage betreiben, um eine starke Abhängigkeit zu vermeiden (vgl. Baker und Nelson 2005). Die Erläuterung des Begriffs Bricolage erfolgt im anschließenden Kapitel. Die RDT wird in der Literatur überwiegend positiv aufgenommen (vgl. Hillman, Withers und Collins 2009). Jedoch gibt es auch einige Kritikpunkte an dieser Theorie. Casciaro und Piskorski (2005, S. 168f.)

verdeutlichen, dass ein erheblicher Unterschied besteht zwischen dem Wunsch, die Abhängigkeit zu reduzieren und der Fähigkeit, diese tatsächlich zu begrenzen. Entscheidend ist, ob es sich um eine einseitige oder eine gegenseitige Abhängigkeit handelt. Eine derartige Unterscheidung findet in der Theorie allerdings nicht statt (vgl. zum obigen Abschnitt Casciaro und Piskorski 2005).

2.4.3 Die Rolle von Bricolage und Effectuation

Bricolage und Effectuation stellen zwei Ansätze zur Überwindung von Ressourcenknappheit dar. Desa (2012, S. 736) definiert Bricolage mit “making do with pre-existing resources, and creating new products from the tools and materials at hand.” Ein Bricoleur arbeitet demnach mit den Materialien, die ihm zur Verfügung stehen. Es besteht dementsprechend nicht die Notwendigkeit, die Materialien für die Zielerreichung im Vornherein zu beschaffen (vgl. Fisher 2012). Bricolage ist gekennzeichnet dadurch, dass weggeworfene oder für wertlos erachtete Ressourcen verwendet werden, die für die Problemadressierung kostengünstig oder kostenlos zur Verfügung stehen (vgl. Desa und Basu 2013). Ein Grund für diesen Ansatz mag einerseits darin liegen, dass sich Entrepreneurs keine professionellen Ressourcen leisten können. Andererseits erkennen Entrepreneurs andere Verwendungszwecke von Ressourcen, die nicht dem ursprünglichen Zweck entsprechen (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013). Angenommen, ein Bricoleur soll einen Tisch entwerfen, so würde sich dieser im Raum umsehen und die Materialen verwenden, die ihm gerade zur Verfügung stehen (vgl. Lévi- Strauss 1966). Er würde beispielsweise aus einem weggeworfenen Holzklotz den Tisch erstellen. Für die Beine wäre die Verwendung von Metallstangen möglich. Im Vergleich dazu, unterscheidet sich die Vorgehensweise des Schreiners dahingehend, dass er sich zunächst eine Skizze und eine Liste aller benötigten Materialen anfertigt (vgl. zum obigen Abschnitt Lévi- Strauss 1966). Ein Bricoleur verwendet verschiedene Ressourcen, um Lösungen zu finden. Dazu zählen vorhandene Materialien, bereits erlernte Fähigkeiten sowie bestehende Kontakte (vgl. Fisher 2012).

Wann und wie Entrepreneurs Bricolage verwenden, kann mit Hilfe der RDT erläutert werden (vgl. Desa und Basu 2013). Start-ups, die starke Abhängigkeiten von entscheidenden Lieferanten vermeiden wollen, können nach Ressourcen suchen, die Substitute für die eigentlichen Ressourcen darstellen. Auch wenn sich die Substitute ggf. negativ auf die Produktion auswirken, kann die Abhängigkeit durch die Diversifizierung der Lieferanten verringert werden (vgl. McCarthy und Wolfson 1996; McDougall und Oviatt 2000). Auch die Theorie des RBV liefert Einblicke darüber, wann und wie ein Entrepreneur Bricolage verwendet. Kann dieser sich bestimmte Ressourcen nicht leisten, wird er auf weggeworfene oder auf nicht als wertvoll erachtete Ressourcen zurückgreifen (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013).

Der Ansatz von Bricolage eignet sich besonders für Social Start-ups (vgl. Desa und Basu 2013). Dadurch wird ihnen ermöglicht, kostengünstig Produkte oder Dienstleistungen zu entwerfen, um soziale Probleme zu beheben. Auf diese Weise können Social Start-ups auch Märkte bedienen, die nur einen geringen Preis für die erbrachte Leistung zahlen. Des Weiteren können Ressourcenbeschränkungen umgangen werden (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013). In welchem Maße Bricolage unter Social Start-ups verbreitet ist, zeigt eine Studie von Desa und Basu (2013, S. 40). Während 62 Social Start-ups diesen Ansatz nicht verfolgten, hatten 140 Social Start-ups Berührungspunkte mit Bricolage (vgl. Desa und Basu 2013). Trotz der breiten Akzeptanz von Bricolage gibt es einige Kritikpunkte. So fehlen Erkenntnisse darüber, welchen Einfluss die Kultur auf Bricolage hat. Zudem ist unklar wie stark sich dieser Ansatz auf soziale Innovationen auswirkt (vgl. Desa 2012).

Effectuation kann als kreativer Denkprozess verstanden werden, der zur Lösung von Problemen angewendet wird. Sarasvathy (2001, S. 245) beschreibt Effectuation als Prozess, in dem die Mittel eines Entrepreneurs als gegeben betrachtet werden. Der Fokus liegt hierbei auf den Auswirkungen, die mit den gegebenen Mitteln erzeugt werden können. Die Autorin erläutert Effectuation anhand eines Kochs. Dieser hat die Aufgabe, aus den ihm zur Verfügung stehenden Zutaten ein Gericht zu kochen. In diesem Fall muss er sich verschiedene Gerichte überlegen, die er mit den Zutaten kochen kann. Hierbei handelt es sich um Effectuation. Im Kontrast zu Effectuation steht Causation. Causation betrachtet ein Ziel als gegeben und fokussiert sich auf die Mittel, die zur Zielerreichung benötigt werden. Im Beispiel des Kochs würde das bedeuten, dass er die Aufgabe erhält, ein vordefiniertes Gericht zu kochen. Daraufhin würde dieser die Zutaten auflisten, einkaufen und das Gericht kochen (vgl. zum obigen Abschnitt Sarasvathy 2001).

Effectuators verstehen die Zukunft als unvorhersehbar. Dennoch glauben sie, dass sie die Zukunft mit ihren eigenen Handlungen kontrollieren können. Der Fokus ihrer Tätigkeiten liegt nicht im Ziel, sondern in den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen (vgl. zum obigen Abschnitt Sarasvathy 2001). Zu diesen Mitteln zählen Wissen, Fähigkeiten und Netzwerke sowie physische, humane und organisationsbezogene Ressourcen (vgl. Barney 1991). Effectuation besteht dabei aus vier Prinzipien (vgl. zum Folgenden Faschingbauer 2013). Das Prinzip der Mittelorientierung besagt, dass die Mittel im Vordergrund stehen. Dazu sind folgenden Fragen zu klären: Wer bin ich? Was kann ich? Wen kenne ich? Das Prinzip des leistbaren Verlusts legt den Schwerpunkt darauf, verkraftbare finanzielle Verluste zu definieren, statt sich von möglichen Gewinnen leiten zu lassen. Das Prinzip der Umstände und Zufälle macht darauf aufmerksam, dass unerwartete Umstände geschehen, die durchaus auch positive Auswirkungen haben. Diesen sollte sich der Effectuator nicht verschließen. Das vierte und letzte Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften beschreibt, dass Effectuators den Kontakt zu Partnern, Lieferanten oder Kunden noch vor der klaren Zieldefinition suchen. Dabei steht im Vordergrund, gemeinschaftlich ein Ziel auszuarbeiten (vgl. Faschingbauer 2013). Effectuation entspricht einer Gründerdenkweise, mit der in einem dynamischen und interaktiven Prozess neue Produkte oder Dienstleistungen entstehen (vgl. Sarasvathy 2008).

In Bezug auf Social Entrepreneurship bedeutet Effectuation, dass Entrepreneurs in einem kreativen Prozess Lösungen für soziale Probleme kreieren. Sie versuchen nicht die ideale Lösung vorherzusehen, um daraufhin die entsprechenden Ressourcen zu akquirieren. Dabei greifen sie auf die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zurück (vgl. zum obigen Abschnitt Corner und Ho 2010). Die Theorie besagt, dass besonders unter unsicheren Bedingungen, Effectuation einen geeigneten Denkprozess darstellt (vgl. Fisher 2012). Ein Grund dafür mag darin liegen, dass laut Sarasvathy (2001, S. 260) die Kosten für ein Scheitern einer Gründung nach Effectuation geringer sind, als bei einer Gründung nach Causation. Eine Gründung die scheitert, würde frühzeitig und somit mit geringeren Kosten scheitern (vgl. Sarasvathy 2001). Diese Eigenschaften machen Effectuation zu einer geeigneten Methode für Social Entrepreneurs (vgl. Yusuf und Sloan 2015). Eine wesentliche Kritik an Effectuation lautet nach Perry, Chandler und Markova (2012; S. 838), dass es bisher nur wenige empirische Studien zu Effectuation gibt und weitere Untersuchungen erforderlich sind. Gemäß den Autoren befindet sich die Theorie noch immer in der Entwicklungsphase. Zudem basieren die Erkenntnisse auf Sarasvathys Protokollanalysen von 27 amerikanischen Experten. Hier stellt sich die Frage, ob die Erkenntnisse auch außerhalb Amerikas zutreffen (vgl. Woetmann 2014). Auch für Faschingbauer (2013, S. 255) ist der Einfluss von Kulturen auf Effectuation noch zu klären. Eine weitere offene Frage ist, ob Gründungen nach dem Effectuation-Prinzip Schwierigkeiten bei der Investorenansprache haben, da Investoren größeren Wert auf kausale Logik legen (vgl. Faschingbauer 2013). Trotz der noch zu klärenden Fragen, kann Effectuation als vielversprechender Ansatz für Social Entrepreneurship verstanden werden. VanSandt, Sud und Marmé (2009, S. 423) beschreiben Effectuation in Verbindung mit Social Entrepreneurship als „virtuous cycle leading to an ever expanding network, increased resources and ultimately greater impact.”

Das Kapitel 2.4 lieferte einen Überblick der für Entrepreneurship relevanten Theorien zur Überwindung der Ressourcenknappheit. Des Weiteren wurden die dargestellten Theorien in Bezug zu Social Entrepreneurship gebracht. Anhand von Beispielen erfolgte die Veranschaulichung der Theorien. Zudem wurde jede Theorie kritisch gewürdigt.

3. Bestandsaufnahme der Literatur

Im Fokus des dritten Kapitels steht neben der Darlegung verschiedener Literaturströme des Social Entrepreneurship das Darstellen relevanter empirischer Erkenntnisse in diesem Forschungsgebiet. Darüber hinaus liefert das dritte Kapitel einen Überblick der in der Literatur abgehandelten Themen und leitet aus den gewonnen Informationen Forschungslücken ab.

3.1 Überblick der Literatur zu Social Entrepreneurship

Im Folgenden Kapitel wird die Relevanz der vorliegenden Arbeit anhand aktueller Forschungsergebnisse aufgezeigt. Dass sich die Forschung über eine einheitliche Konzeptualisierung von Social Entrepreneurship uneinig ist, wurde in Kapitel 2.2 bereits ausführlich dargestellt. Eine mögliche Lösung zur Überwindung des Problems wurde ebenfalls im selben Kapitel beschrieben. Eine weitere Ursache für die Vielfältigkeit der Begriffsbestimmung mag darin liegen, dass bis zum heutigen Zeitpunkt eine Zuordnung zu einem oder mehreren Forschungsbereichen fehlt (vgl. Danko und Brunner 2010). Short, Moss und Lumpkin (2009, S. 3f.) listen in ihrer Studie auf, in welchen akademischen Zeitschriften Artikel zum Thema Social Entrepreneurship publiziert oder zitiert wurden. Dabei gliedern die Autoren die akademischen Zeitschriften in insgesamt 15 verschiedene Kategorien und umfassen einen Zeitraum von 19 Jahren (1991-2009). Sie identifizierten 152 Artikel, wovon die meisten in den Bereichen Management (26%), Entrepreneurship (11%), Politikwissenschaften (10%), Wirtschaft (9%), Marketing (6%), Soziologie (5%) und Bildung (5%) veröffentlicht wurden. Forschungsbereiche wie Anthropologie (1%), Finanzen (1%) oder Recht (1%) weisen eine geringe Relevanz für Social Entrepreneurship auf. Die beschriebene Studie zeigt deutlich, dass mehrere Forschungsbereiche einen Anspruch auf Social Entrepreneurship hegen. Für die Weiterentwicklung der Social Entrepreneurship-Forschung, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ratsam (vgl. zum obigen Abschnitt Short, Moss und Lumpkin 2009).

Dees und Anderson (2006, S. 40) identifizierten zwei Literaturströme des Social Entrepreneurship. Dazu zählen die Social Enterprise School sowie die Social Innovation School. Beide Literaturströme haben ihren Ursprung in den USA (vgl. Bacq und Janssen 2011). Die Social Enterprise School verbindet mit Social Entrepreneurship gemeinnützige Organisationen, die mit Hilfe von betriebswirtschaftlichen Aktivitäten Einnahmen generieren, um ihre soziale Mission zu verfolgen (vgl. Dees und Anderson 2006). Dieser Literaturstrom legt den Fokus auf die Unternehmung an sich sowie auf eine Marktorientierung (vgl. Bacq und Janssen 2011; Hoogendoorn, Pennings und Thurik 2010). Im Gegensatz dazu, betrachtet die Social Innovation School den Bereich des Social Entrepreneurship als Innovationstreiber zur Reduzierung von sozialen Problemen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gemeinnützige oder gewinnorientierte Start-ups handelt. Die Social Innovation School ähnelt Schumpeters Ansatz. Dieser besagt, dass durch eine Neukombination von Ressourcen neue Innovationen entstehen, die bestehende Produkte oder Dienstleistungen vom Markt drängen (vgl. zum obigen Abschnitt Dees und Anderson 2006). Neben dem Fokus auf soziale Innovationen, konzentriert sich die Social Innovation School zudem auf den Social Entrepreneur (vgl. Bacq und Janssen 2011; Hoogendoorn, Pennings und Thurik 2010). Einen weiteren Literaturstrom stellt die Emergence of Social Enterprise (EMES) School dar (vgl. Bacq und Janssen 2011; Defourny und Nyssens 2010; Hoogendoorn, Pennings und Thurik 2010). Dabei handelt es sich um ein Forschungsnetzwerk, das von der Europäischen Union ins Leben gerufen wurde (vgl. zum Folgenden Choi und Majumdar 2014). Die EMES School versteht unter Social Entrepreneurship gemeinnützige Organisationen, die von Bürgern gegründet werden, um der Gesellschaft Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Soziale Innovationen oder das Generieren von Einnahmen sind für die EMES School nicht entscheidend (vgl. Choi und Majumdar 2014). Ein vierter Literaturstrom ist nach Hoogendoorn, Pennings und Thurik (2010, S. 9) der UK Approach. Dieser wurde in den 1990er Jahren von der britischen Labour Party geschaffen, um Partnerschaften zwischen der Gesellschaft, dem öffentlichen sowie dem privaten Sektor zu fördern. Kennzeichnend für den UK Approach ist, dass Gründungen primär soziale Ziele verfolgen und die erwirtschafteten Gewinne zurück in die Unternehmung fließen oder an die Gesellschaft gehen. Die britische Regierung gründete zu diesem Zweck eine neue Unternehmensform; die Community Interest Company. Der Wesentliche Unterschied zur EMES School ist, dass die angebotenen Produkte oder Dienstleistungen nicht zwangsläufig mit der sozialen Mission in Zusammenhang stehen müssen. Zudem agieren Community Interest Companys am Markt, anders als nach den Prinzipien der EMES School. Auch wenn die unterschiedlichen Literaturströme eigenständige Bereiche darstellen, fehlt es an klaren Abgrenzungen. Eine Zuordnung von wissenschaftlichen Artikeln zu einem dieser Literaturströme ist daher willkürlich (vgl. zum obigen Abschnitt Hoogendoorn, Pennings und Thurik 2010).

Auf der Grundlage einer umfangreichen Literaturanalyse von Danko und Brunner (2010, S. 165-171) legt der folgende Abschnitt die empirischen Erkenntnisse im Bereich des Social Entrepreneurship dar. Die Analyse der Autoren macht deutlich, dass es kaum empirische Studien gibt. Fallbeispiele zählen zu den häufigsten Darstellungsformen, während quantitative Untersuchungen selten sind. Die Autoren konnten für die Jahre 1991 bis 2009 insgesamt elf Studien identifizieren. Dabei entsprechen acht Studien einer qualitativen und drei Studien einer quantitativen Untersuchungsart. Dieses geringe Ausmaß an empirischen Forschungen ist erstaunlich, da das Interesse an Social Entrepreneurship in der Wissenschaft und Praxis steigt. Inhaltlich haben die Autoren die Studien zu drei Themenbereichen zugeordnet. Dazu zählen Erfolgsfaktoren von Social Entrepreneurship, das Verhältnis von Social Entrepreneurship (SE) zu Commercial Entrepreneurship (CE) sowie die Ausgestaltung des Social Entrepreneurship. Die geringe Anzahl an quantitativen Studien zeigt, dass sich die Social Entrepreneurship- Forschung noch in der Anfangsphase befindet. Tiefergehende empirische Forschungen stellen einen sinnvollen Fortschritt für die Forschung dar. Die Ergebnisse der Literaturanalyse von Danko und Brunner (2010, S. 170-171) basieren auf einer Auswertung der führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Zudem erfolgte die Einbeziehung weiterer Studien, die in bereits identifizierten Arbeiten zitiert wurden. Eine Datenbankrecherche über EBSCO, Science Direct, Emerald Management Xtra, Web of Science und Wiso-Net führte zu den elf identifizierten Arbeiten. Dabei ergaben sich die Treffer aus bestimmten Schlüsselwörtern (u.a. Social Entrepreneurship, Social Enterprises, Social Entrepreneur und weitere Kombinationen der Begriffe) (vgl. zum obigen Abschnitt Danko und Brunner 2010).

Aufbauend auf der Literaturanalyse von Danko und Brunner (2010, S. 165-171) hat der Verfasser dieser Arbeit die empirischen Studien zum Thema Social Entrepreneurship aus den Jahren 2010 bis 2015 zusammengetragen. Dabei entstand die Übersicht der empirischen Studien (Tabelle 1) unter ähnlichen Bedingungen wie bei der Literaturanalyse von Danko und Brunner (2010, S. 166). Grundlage für die Datenbankrecherche waren EBSCO (Business Source Premier, EconLit, PsycARTICLES, PsycINFO) sowie Wiso-Net. Sowohl die Schlüsselwörter der Suche (s. oben), als auch die Themenbereiche (Erfolgsfaktoren von Social Entrepreneurship, Verhältnis von Social Entrepreneurship zu Commercial Entrepreneurship, Beschreibung bzw. Ausgestaltung des Social Entrepreneurship) wurden von Danko und Brunner (2010, S. 166) übernommen. Zudem konnte ein weiteres Themengebiet identifiziert werden; die Beschreibung des Social Entrepreneurs. Daraufhin erfolgte die Zuordnung der ausgewählten Studien zu den jeweiligen Themengebieten. Die Auflistung der empirischen Studien zu Social Entrepreneurship kann somit als Ergänzung zur erstellten Übersicht von Danko und Brunner (2010, S. 170-171) betrachtet werden. Tabelle 1 schließt die zeitliche Lücke von 2010 bis 2015.

Tabelle 1 besteht aus insgesamt 21 identifizierten Studien zum Thema Social Entrepreneurship. Dabei sind zehn Studien quantitativer und elf Studien qualitativer Art. Grundlage für die Zuordnung einer Studie zu einem der beiden Forschungstypen sind folgende Definitionen: Eine qualitative Arbeit liegt vor, wenn die Studie Daten erhebt und diese nicht in einer Ordinalskala abbildet (vgl. Nkwi, Nyamongo und Ryan 2001). Eine quantitative Arbeit liegt vor, wenn eine Studie Daten erhebt und diese mit mathematischen Methoden analysiert (vgl. Aliaga und Gunderson 1999). Ein Vergleich zwischen beiden betrachteten Zeitfenstern (1991 bis 2009 und 2010 bis 2015) zeigt einen starken Anstieg an empirischen Forschungen in den vergangen fünf Jahren. Besonders ein Anstieg an quantitativen Arbeiten ist deutlich zu erkennen. Während im Zeitraum zwischen 1991 und 2009 lediglich 27% (drei von elf) der empirischen Studien quantitativer Art waren, stieg die Anzahl dieser in den vergangen fünf Jahren auf 48% (zehn von 21). Die Auswertung der Analyse macht deutlich, dass das Interesse am Forschungsgebiet stark angestiegen ist, auch wenn die Anzahl an empirischen Studien weiterhin überschaubar bleibt. Daraus lässt sich die Relevanz der vorliegenden Studie ableiten. Die Arbeit des Verfassers ergänzt den insgesamt noch wenig erforschten Social Entrepreneurship Bereich um eine qualitativ empirische Studie. Die Beantwortung der vorliegenden Forschungsfrage wurde bisher kaum bis gar nicht empirisch untersucht und liefert somit einen Mehrwert für die Wissenschaft und die Praxis. Zudem fehlt es in der aktuellen Forschung an generalisierbaren

TABELLE 1: Übersicht der empirischen Studien zu Social Entrepreneurship und Zuordnung zu einem Forschungsbereich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung als Ergänzung zu Danko und Brunner (2010, S. 170-171)

Erkenntnissen (vgl. Short, Moss und Lumpkin 2009). Zwar benötigt es dafür quantitative Untersuchungen, jedoch sind qualitative Studien zielführender, wenn es kaum Erkenntnisse über das zu forschende Phänomen gibt (vgl. Eisenhardt 1989). Dieser Fall liegt hier vor. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden exemplarisch zentrale Ergebnisse einiger Studien aus Tabelle 1 aufgezeigt, um anschließend die Forschungslücken zu identifizieren.

Die Auflistung der Studien aus Tabelle 1 liefert zudem einen Überblick über die theoretischen Erklärungen im Forschungsgebiet. Diese waren bereits Bestandteil des Kapitels 2.4 und gehen aus den empirischen Studien hervor. So werden beispielsweise in der Arbeit von Meyskens et al. (2010, S. 661) Social Entrepreneurs mit Commercial Entrepreneurs aus Sicht des RBV verglichen. Griffiths, Gundry und Kickul (2013, S. 352) sind ebenfalls der Meinung, dass sowohl der RBV, als auch die RDT interessante Theorien sind, um diese im Kontext des Social Entrepreneurship zu prüfen. Auch Desa und Basu (2013, S. 29) stützen sich bei ihrer quantitativ empirischen Arbeit auf den RBV sowie die RDT. Beide Theorien werden aufgegriffen, um tiefergehende Einblicke in die Ressourcenmobilisierung von Social Start-ups zu erhalten (vgl. Desa und Basu 2013). Die Theorien haben gemeinsam, dass sie die Überwindung interner und externer Ressourcenbeschränkungen von Unternehmen erklären können (vgl. Hart 1995; Hillman, Withers und Collins 2009; Sirmon, Hitt und Ireland 2007). Zusätzlich berücksichtigen Desa und Basu (2013, S. 26) in ihrer Arbeit die Ansätze von Bricolage und Optimierung zur Überwindung von Ressourcenknappheit. Die Studie kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass externe Großzügigkeit (Anzahl von Lieferanten) und Unternehmensbekanntheit (Anzahl Mitarbeiter, Alter des Unternehmens) in einem kurvlinearen bzw. U-förmigen Zusammenhang zu Bricolage stehen. Dies bedeutet, dass Social Start-ups eher dazu tendieren Bricolage zu verwenden, wenn sie entweder jung sind und nur eine geringe Anzahl an Mitarbeitern haben oder etabliert sind und eine große Anzahl an Mitarbeitern haben. Ist die Unternehmensbekanntheit also gering, hat das Social Start-up eine schwache Verhandlungsposition bei der Akquisition von Ressourcen und weicht auf Bricolage aus. Ist die Unternehmensbekanntheit groß, kann das Unternehmen aus den vielen Ressourcenquellen neue Kombinationsformen mit Hilfe des Bricolage-Ansatzes gestalten. Dieser Effekt ist auch bei der externen Großzügigkeit zu beobachten. Ist diese gering, gibt es nur wenige Lieferanten und somit einen starken Wettbewerb unter den Ressourcenbeziehern. Bricolage kann an dieser Stelle die Kosten der Ressourcenbeschaffung reduzieren. Dieser Ansatz wird als Ergänzung zur Optimierung verwendet, wenn die externe Großzügigkeit hoch ist. In der Phase zwischen den beiden beschriebenen Extrempunkten werden Ressourcen tendenziell eher optimiert (vgl. zum obigen Abschnitt Desa und Basu 2013).

Die Studie von Desa (2012, S. 9) analysiert die Frage, wie Social Start-ups in einer Umgebung ohne institutionelle Unterstützung Ressourcen mobilisieren. Dabei basiert die Studie auf der quantitativen Untersuchung von 202 technologischen Social Start-ups aus 45 Ländern. Die Ergebnisse besagen, dass in einem unsicheren Umfeld ohne institutionelle Unterstützung und ohne politische Rahmenbedingungen, Social Start-ups diese Engpässe mit Bricolage überwinden können (vgl. Desa 2012). Neben den bisher beschriebenen theoretischen Ansätzen (RBV, RDT, Bricolage) findet auch Effectuation Anklang in der empirischen Social Entrepreneurship-Forschung. Corner und Ho (2010, S. 656) verweisen in ihrer qualitativen Studie darauf, dass eine Kombination aus Effectuation und rationalen Denkmustern für die Entstehung von Opportunitäten förderlich ist. Yusuf und Sloan (2015, S. 431) beschreiben Effectuation in ihrer qualitativen Studie als Prozess, der insbesondere für die Entstehung und die erste Wachstumsphase eines Social Start-ups vorteilhaft ist. Effectuation hilft Social Entrepreneurs, sich in einem unsicheren Umfeld flexibel zu bewegen. Der Fokus liegt dabei nicht auf den Ergebnissen der Unternehmung, sondern in der Kontrolle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel (vgl. zum obigen Abschnitt Yusuf und Sloan 2015).

Zusammenfassend gibt das Kapitel 3.1 wieder, dass eine eindeutige Zuordnung des Social Entrepreneurship zu einem Forschungsgebiet und einem Literaturstrom nicht überschneidungsfrei möglich ist. Eine Kooperation der vielfältigen Forschungsbereiche und Literaturströme ist notwendig, um interdisziplinäre Einigkeit zu erreichen und bisherige Erkenntnisse zu konsolidieren. Des Weiteren beleuchtet das Kapitel den noch geringen Forschungsstand des Social Entrepreneurship. Eine Auflistung von 21 ausgewählten empirischen Studien gibt den aktuellen Stand der Forschung wieder und macht deutlich, dass weitere Untersuchungen in diesem Forschungsgebiet notwendig sind. Abschließend wurden anhand der Auflistung (Tabelle 1) die theoretischen Erklärungen im Social Entrepreneurship aufgezeigt.

3.2 Der Anspruch die Welt zu verbessern

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Chancen des Social Entrepreneurship und untersucht den aktuellen Forschungsstand in diesem Bereich, um daraufhin Forschungslücken zu identifizieren. Die Literatur versteht unter einem Social Entrepreneur ein Individuum mit dem starken Wunsch, die Welt zu einem besseren Platz zu machen (vgl. Katzenstein und Chrispin 2011). Um dieses Ziel zu erreichen, geht die Gründung eines Social Start-ups eng mit der Formulierung einer sozialen Mission einher. Die soziale Mission gibt Auskunft über die positiven Veränderungen, die ein Social Start-up in einem gesellschaftlichen Bereich erreichen möchte (vgl. Strothotte und Wüstenhagen 2004). Das Ergebnis einer sozialen Mission ist die Entstehung eines sozialen Wertes, der eine höhere Priorität hat als die Wohlstandsmaximierung des Gründers (vgl. Chell 2007; Dees, Haas und Haas 1998). Das Kreieren eines sozialen Wertes ist somit nicht nur ein Nebenprodukt (vgl. Venkataraman 1997), was beispielsweise häufig an einer Corporate Social Responsibility (CSR) kritisiert wird (vgl. Driver 2012), sondern das primäre Ergebnis der unternehmerischen Tätigkeit (vgl. Wilson und Post 2013). Das Verfolgen einer sozialen Mission sowie das Schaffen von sozialem Wert stehen im Mittelpunkt eines Social Start-ups und sind oftmals der Ausgangspunkt einer Gründung (vgl. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006; Peredo und McLean 2006). Trotz der unterschiedlichen Literaturströme, die im vorangegangen Kapitel beschrieben wurden, besteht die Gemeinsamkeit, dass das Schaffen eines sozialen Wertes den Kern eines Social Start-ups darstellt (vgl. Hoogendoorn, Pennings und Thurik 2010). Ein Social Entrepreneur fokussiert mit seiner sozialen Mission Grundbedürfnisse, die langfristig befriedigt werden (vgl. Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006). Dies resultiert darin, dass für einen Social Entrepreneur das Erkennen eines sozialen Bedürfnisses, eine bestimmte Nachfrage oder Marktversagen, eine ausreichende Motivation für eine Gründung darstellen. Ein Commercial Entrepreneur hingegen ist auf der Suche nach großen und profitablen Märkten (vgl. zum obigen Abschnitt Austin, Stevenson und Wei-Skillern 2006). Ein Beispiel für eine soziale Mission soll die zuvor ausgeführten Aspekte verdeutlichen. „Preserve Products“ (https://preserveproducts.com/) ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das aus recyceltem Plastik neue Konsumprodukte herstellt. Die soziale Mission lautet (Wilson und Post 2013, S. 725): „To create a company which reuses earth’s resources through the use of recycled materials in the design and manufacture of consumer products.” Verbraucher sind sich dessen bewusst, dass Ressourcen endlich sind, weshalb sie diesen Aspekt mit in ihre Kaufentscheidung einfließen lassen. Mit der sozialen Mission von Preserve Products wird nicht nur sozialer Wert (weniger Abfall) geschaffen, sondern auch eine neue Nachfrage bedient.

Eine große gesellschaftliche Chance, die dem Social Entrepreneurship nachgesagt wird, ergibt sich aus der Kritik am aktuellen Kapitalismus. Dieser legt den Fokus eher darauf, den Wohlstand einiger Weniger zu maximieren, statt den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu maximieren (vgl. zum Folgenden VanSandt, Sud und Marmé 2009). Social Entrepreneurs kombinieren mit ihren Geschäftsideen die Effizienz und Effektivität von kommerziellen Unternehmen mit den sozialen Aspekten von gemeinnützigen Organisationen. Auf Grundlage dieser Kombination wird dem Social Entrepreneurship ein großer gesellschaftlicher Einfluss zugesprochen. Es hat das Potential der Reduktion vieler weltweiter Probleme, die immer größer zu werden scheinen. Dazu zählen die globale Erderwärmung, die Armut, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die Hungersnöte und andere Probleme, die für die menschliche Existenz bedrohlich sind. Dabei liegt der Grundgedanke des idealtypischen Kapitalismus im effizienten und gerechten Verteilen von Gütern und Dienstleistungen (vgl. Korten 2015; Okun 1975). Jedoch hat sich der Schwerpunkt im modernen Kapitalismus eher hinsichtlich der Effizienz und weniger der ökonomischen Gleichverteilung verlagert. Dieses Marktversagen ist ein Grund für die Entstehung von Social Entrepreneurship (vgl. VanSandt, Sud und Marmé 2009).

Michael Porter geht in seinen Ausführungen sogar einen Schritt weiter und bezeichnet Social Entrepreneurship als ersten Schritt einer Transformation des Kapitalismus. Er setzt Social Entrepreneurship gleich mit dem Kreieren eines geteilten Wertes (shared value). Dieser wird mittel- bis langfristig als Kerngedanke einer jeden Geschäftsidee enthalten sein. Somit wird das Verfolgen von sozialen bzw. geteilten Werten in Zukunft zur Norm werden (vgl. zum obigen Abschnitt Driver 2012). Porters Auffassung steht im Gegensatz zu der Meinung, dass der moderne Kapitalismus der Grund für die Entstehung der sozialen Probleme ist und es bezweifelt werden kann, ob eine Ausbreitung des Kapitalismus (mit Hilfe von Social Entrepreneurship) den gewünschten sozialen Effekt bewirkt (vgl. Tracey und Phillips 2007). Des Weiteren kritisieren Beschorner und Hajduk (2015, S. 22), dass nach Porters Verständnis weiterhin die Profitmaximierung eines Unternehmens im Zentrum steht und diese mit Hilfe von gesellschaftlichen Bedürfnissen erzielt werden. Die gesellschaftlichen „Bedürfnisse dienen lediglich als Mittel zum Zweck.“ (Beschorner und Hajduk 2015; S. 222). Ziel ist die Lenkung der Gesellschaftslehre von Unternehmen (vgl. Beschorner 2004). Die Lehre von Michael Porter läuft damit Gefahr an gesellschaftlichen Erwartungen und Herausforderungen vorbeizulaufen (vgl. Beschorner und Hajduk 2015).

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Details

Seiten
424
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668463615
ISBN (Buch)
9783668463622
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367092
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Professur für BWL mit dem Schwerpunkt Technologie-, Innovations- und Gründungsmanagement
Note
1,0
Schlagworte
Unternehmensgründung BWL Social Entrepreneurship Entrepreneurship Gründungsmanagement Soziales Gründungsmanagement Startups Start-up Start-ups Chancen und Risiken Tiefeninterviews qualitative Analyse empirische Arbeit Sozialunternehmen Sozialunternehmertum Guideline Richtlinien How to

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Titel: Soziales Gründungsmanagement. Guideline zur optimalen Gründung eines Social Start-Ups